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Full text of "Zeitschrift fuer hygiene und infektionskrankheiten, Volume 39"

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UNIVERSITY OF CALIFORNIA 

SAN FRANCISCO MEDICAL CENTER 

LIBRARY 





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; ji 



ZEITSCHRIFT 

FÜR 

HYGIENE 

UND 

INEECTIONSKRANKHEITEN, 

HERAUSGEGEBEN 



De. R KOCH, UND Dr. C. FLÜGGE. 

OBH. ICBDICIITALRATH UND O. 0. PROnSSOR UND DIRBCTOR 

DIBaOTOB DBS mSTITUTBS FÖB IMFBCTIOlft- DBS HYOIKNISCHBH nfSTITUTBS DBB 

KBABEHBITBN ZU BBRLIM, UKIVBBSITÄT BBB8L4U. 



NEUNÜNDDREISSIÖSTER BAND. 

HIT ZAHLREICHEM ABBILDUNGEN IM TEXT UND SIEBEN TAKELN. 




LEIPZIG, 

VERLAG VON VEIT & COMP. 

1902. 



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Druck Ton Metzger d Wittig in Le^zlg. 



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Inhalt. 



Sttte 

Paul Claibmokt, Differentialdiagnostische üntersaohnngen über Eapselbakterien 1 

Markl, Ueber Hemmung der Hämolyse durch Salze 86 

Fritz Kibstein, Ueber die Dauer der Lebensfähigkeit von Krankheitserregern 

in der Form feinster Tröpfchen und Staubchen 98 

FusDBiOH Wbchsbbbo, Zur Lehre von der natürlichen Immunität und über 

baktericide Heilsera 171 

A. BoDBLLA, Ueber anaSrobe Bakterien im normalen Säuglingsstuhle. (Hierzu 

Taf. I u. n.) 201 

V. Babbs, Die Bekämpfung der Botzkrankheit des Pferdes. (Hierzu TatUI u. IV.) 217 
V. Dbiqalski und H. Conbadi, Ueber ein Verfahren zum Nachweis der Typhus- 

bacillen 288 

O. VoGBs» Die Bubonenpest am La Plata 801 

O. VooBs, Das Mal de Caderas. (Hierzu Taf. V.) 823 

NöTBL, Ueber ein Verfahren zum Nachweis von Pferdefleisch 878 

SghOdbb, Ueber das Hünermann'sche Verfahren der Wasserdesinfection nebst 
Bemerkungen über die bei der Prüfung derartiger Desinfectionsmittel anzu- 
wendenden Untersuchungsmethoden 879 

M. Wilde, Zur „Erwiderung" von H. Conradi 404 

HiLABiüs Mbnzi, Beitrag zur Züchtung und zur Biologie des Tuberkelbacillus 407 

Hans Bbichbnbach, Versuche über Formalindesinfection von Eisenbahnwagen 428 
Bbbnhabd Fischbb, Zur Aetiologie der sogenannten Fleischvergiftungen. (Hierzu 

Taf. VI u. Vn.) 447 

SoBUMBüBO, Das Wasserreinigungsverfahren mit Brom 511 

ScHüMBUBa, Nachtrag 516 

A. Pfühl, Zu den Schüder'schen Prüfungsversuchen des Brom Verfahrens nach 

Schumburg 518 

SchOdbb, Entgegnung auf die Schumburg'sche Arbeit: „Das Wasserreinigungs- 
verfahren mit Brom" und die Arbeit von A. Pfuhl: „Zu den Schüder'- 

schen Prüf ungs versuchen des Brom Verfahrens nach Schumburg" . . . 532 

Berichtigungen 540 



12UH[) 



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[Aus dem staatlichen serotherapeutischen Institute in Wien.] 
(Vorstand: Prof. R. Paltauf.) 



Diflferentialdiagnostische Untersuchungen über Kapsel- 
bakterien. 

Von 
Dr. Faul Clairmont, 

z. Z. Anittent der 1. Chirurg. Klinik des Prof. Frb. t. Eiseltberg. 



Die leicht nachweisbare Kapsel des Friediän der' sehen Pneumonie- 
bacillus war ein so wesentliches Merkmal desselben, dass andere Bakterien, 
welche die gleiche Eigenthümlichkeit erkennen liessen, im System an diesen 
Mikroorganismus angereiht wurden. Und dies umsomehr, als zahlreiche 
kapseltragende Bakterien, welche sowohl als Saprophyten wie als Krank- 
heitserreger in den verschiedensten Localisationen gefunden wurden, auch 
in cultureller und biologischer Beziehung dem Pneumobacillus nahe standen, 
ja sogar nur unbestimmt von demselben abgegrenzt werden konnten. So 
entstand jene Gruppe von Bakterien, welche schon Fasching, nach ihm 
Nicolaier und Andere als eine „durch eine Keihe übereinstimmender 
Merkmale und Eigenschaften wohl charakterisirte Gruppe" von den übrigen 
Bakterienarten systematisch trennten, und welche Fricke mit dem Gattungs- 
namen „Bacillus mucosus capsnlatus" bezeichnete. Später suchte Wilde 
die dem Typus des Friedländer 'sehen Bacillus pneumoniae nahe stehen- 
den Bakterien zu einer natürlichen Gruppe zusammenzufassen, welche er in 
fünfTypeneintheilte, und die Kruse als die „Gruppe des Bacillus aörogenes 
und Rhinosclerombacillus" bezeichnete. 

Was die Differenzirung innerhalb der Gruppe der Kapselbacillen an- 
langte, so wollten die Einen die einzelnen Arten, namentlich mit Rück- 
sicht auf die ihnen zukommende verschiedene ätiologische Rolle, scharf 
von einander trennen und auf Grund geringfügiger morphologischer und 
biologischer Unterschiede als verschiedene Species betrachtet wissen. 
(Löwenberg, Fasching, Abel u. s. w.). Andere aber (zuerst Paltauf 
und V. Eiseisberg, Thost, dann Hajek, Fricke u. s. w., neuerdings 

Zcitschr. f. Hygiene. XXXIX 1 



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2 Paul Claiemont: 

de Simoni) vermutheten in den einzelnen Arten (wie Bac. ozaenae, 
Sclerombacillus) verschiedene Varietäten einer Species (des Bact Fried- 
länder's). Diese Ansicht beruhte auf der Erfahrung, dass die morpho- 
logischen und biologischen Unterscheidungsmerkmale unsichere waren, 
andererseits aber die Annahme, dass „ein und derselbe Infectionsstoff durch 
die verschiedene Art seiner Ausbreitung und Ansiedelung verschiedene 
Krankheitsformen erzeugen könne" (Paltauf und v. Eiseisberg), mög- 
lich war. 

Immerhin wurden von beiden Seiten alle differential- diagnostisch 
verwerthbaren Momente wie culturelles Verhalten, Thierpathogenität, 
chemisch-biologische Eigenschaften der einzelnen Stamme zur Entscheidung 
herangezogen. Als mit Wild e's Arbeit diese Merkmale geradezu erschöpft 
waren, blieb nur die Hoffnung, dass es vielleicht mit Hülfe der Sero- 
diagnostik gelingen würde, die einzelnen Arten dieser Gruppe — wie 
dies für die Vibrionen gelungen war — von einander zu trennen bezw. mit 
einander zu identificiren. Wilde hatte bereits solche Versuche begonnen, 
war aber zu keinem abschliessenden Resultat gelangt; in dem Folgenden 
soll über diesbezügliche eigene ausgedehntere Versuche berichtet werden. 

Es wurden zunächst Bakterien, welche mit Sicherheit zur Gruppe 
der Eapselbakterien gezählt werden konnten, gesammelt und in Bezug 
auf morphologisches und culturelles Verhalten, biologische Eigenschaften 
und Thierpathogenität bestimmt. Dann wurden mit einer Anzahl dieser 
Stämme Kaninchen immunisirt und das Serum dieser Thiere auf An- 
wesenheit von Agglutininen und Antikörpern geprüft. 

Die einzelnen Stämme, deren genaue Beschreibung am Schluss in 
Tabellenform gegeben ist, wurden fast ausschliesslich im Institute rein 
gezüchtet. Ein Scleromstamm, der Bacillus capsulatus mucosus Fasching 
(im Protokoll als B. c. m. F. bezeichnet) und der Bac. capsulatus septicus 
(Proteus hominis capsulatus Bordoni-Uffreduzzi, B. es.) wurden aus 
Krärs Laboratorium in Prag bezogen. Dem liebenswürdigen Entgegen- 
kommen der Herren Doc. Dr. R. Abel in Hamburg verdanke ich 2 aus 
Ozaenasecret gezüchtete Stämme (0. II und III), Doc. Dr. H. Albrecht 
in Wien einen Sclerombacillus (Sei. III), Dr. Moro, Assistenten der pä- 
diatrischen Klinik in Graz einen Aörogenesstamm (A. I). Der B. capsulatus 
Pfeiffer (B. c. Pf.) und ein Pneumobacillus (F. X) stammen aus dem 
Wiener hygienischen Institute. Durch die Ueberlassung von Material 
Seitens der Herren Dr. Ebstein, Assistenten der laryngologischen Klinik 
und Dr. W. Knöpfelmacher war ich in Stand gesetzt, das Secret 
mehrerer Ozaenafalle, ein excochleirtes Gewebsstückchen eines Sclerom- 
falles und Säuglingsfaces bakteriologisch zu verwerthen. Es sei mir er- 
laubt, allen genannten Herren an dieser Stelle meinen Dank zu wiederholen. 



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DiFFEEENTIALDIAGNOST. ÜNTEESüCHÜNGEN ÜBEE KaPSELBAKTEBIEN. 3 

Der besseren Uebersicht wegen wurden die reingezüchteten Stamme 
— wenn auch nur vorläufig — als bestimmte Arten angesprochen und 
auch dementsprechend in den Protokollen bezeichnet. Maassgebend waren 
bei« dieser Einreihung ausser der Herkunft die bisher bekannt gewordenen 
Charakteristica der einzelnen Species, welche allerdings, wie schon ausgeführt 
wurde und noch gezeigt werden soll, keineswegs scharfe und allgemein an- 
erkannte sind. Doch schien dieses Verfahren erlaubt, da in zahlreichen 
Fällen mit dem Fundort die in den Protokollen benützte Bezeichnung 
gegeben war; so wurden die aus Ozaenasecret gezüchteten Stamme als 
O. I, II u. s. w., die von Scleromfallen herrührenden als Sei. I, II u. s. w. 
bezeichnet, ohne dass damit eine Bestimmung derselben als „Bacillus 
ozaenae" oder „Bacillus rhinoscleromatis" und Trennung von den als F. I, 
II u. s. w. bezeichneten Stammen gemeint war. Als solche wurden alle 
jene Eapselbakterien bezeichnet, welche keinen specifischen Fundort hatten, 
so weit sie nicht zur Gruppe des Bact. lactis aßrogenes zu gehören schienen. 
Ausserdem standen mir mehrere Laboratoriumsstamme zur Verfügung, 
welche zum Vergleich dienen konnten. 

Während es leicht war, die als „Friedländer 'sehe Pneumoniebacillen", 
„Ozaena- und Sclerombacillen" in der Litteratur beschriebenen Arten bei 
ihrem Vorkommen bei bestimmten pathologischen Zuständen zu verschaffen, 
war es schwieriger, die als „Aörogenes" bekannte Species zu erhalten. 
Auch hier war wieder deren häufiges Vorkommen in Säuglingsfaces und 
Cystitisharn ausschlaggebend für die Wahl der Protokollbezeichnung A. I, 
II, III u. s. w., ohne dass damit, was nochmals betont werden muss, eine 
Identität der einzelnen Stämme angenommen war. Gerade wegen der 
schwierigen Charakteristik dieser letztgenannten Gruppe war ein Paradigma 
für dieselbe erwünscht. Als solches sollte ein aus Eral's Laboratorium 
am 31. VII. 1899 bezogener Aßrogenesstamm dienen, der angeblich von 
der Escherich*schen Originalcultur herrührte. Es musste aber von diesem 
Vorhaben abgestanden werden, weil dieser Stamm in einer 24 stündigen 
Bouilloncultur langsame, aber deutliche Eigenbewegung zeigte. Diese That- 
sache ist von Wichtigkeit, weil derselbe Stamm in der Litteratur als „Bact. 
lact aerog. Escherich" verwendet worden zu sein scheint. So sagt 
K. B. Lehmann am Schlüsse seines Referates über die Arbeit Scheffer 's, 
der offenbar diesen Stamm benutzt hatte: „Bin von uns aus dem Eräl'- 
schen Institute bezogenes Bact. lactis aörogenes besass ausserdem 2 bis 3 
lange Geissein."* Es ist wohl auch mit Rücksicht auf die Angabe 
Kruse' s, wonach der bewegliche und coliähnliche B. chologenes (Stern) 
sozusagen unter den Augen des Beobachters unbeweglich und Aörogenes 



Münchener med, Wochenschrift. 1898. S. 24. 

1* 



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4 Paul Claibmont: 

gleich wurde, die Annahme auszuschliessen, dass das ursprünglich geissei- 
lose unbewegliche B. lact. aSr. Escherich nach längerer Fortzüchtang 
auf künstlichen Nährböden geisseltragend und beweglich geworden seL 

Im Ganzen standen der Untei*suchung 38 verschiedene Stämme zur 
Verfügung, welche zum grössten Theil während des Jahres 1899 und in 
den ersten Monaten 1900 isolirt worden waren. Die Laboratoriums- und 
die von Kral bezogenen Stämme waren durch längere Zeit fortgezüchtet 
worden, so der B. caps. sept. seit dem Jahre 1887, der B. caps. Fasching 
und B, c. Pfeiffer seit dem Winter 1889/90. 

' Alle Stämme bis auf den letztgenannten, den Pfeiffer aus dem 
Peritonealexsudat eines spontan eingegangenen Meerschweinchens gezüchtet 
hatte, stammen vom Menschen. Nach ihrem Fundort lassen sie sich 
folgeudermassen gruppiren. In dem Respirationstract wurden 25, im 
Intestinaltract 20, im Urogenitalsystem 2 Stämme gefunden; ein Stamm 
war aus Blut und Organen isolirt worden, 2 Stämme waren unbekannter 
Herkunft. 

In dem Folgenden sollen die Ergebnisse der Untersuchungen in einer 
Reihenfolge wiedergegeben werden, welche ihrer natürlichen und metho- 
dischen Anordnung entgegengesetzt erscheint. Es soll nämlich zuerst über 
die Versuche, die einzelnen Stämme mit Hülfe der Serodiagnostik zu dif- 
ferenziren, berichtet werden. Erst dann sollen das culturelle Verhalten, 
die biologisch-chemischen Eigenschaften und die Thierpathogenität im Zu- 
sammenhang besprochen werden. Diese Anordnung ergiebt sich aus dem 
Umstände, dass das Wesentliche dieser Untersuchungen in dem ersten 
Theile gelegen war. Als es sich jedoch zeigte, dass auch diese Methode 
keine Resultate ergab, war es naheliegend, auf ein möglichst genaues 
Studium der letzterwähnten Eigenschaften zurückzugreifen und namentlich 
mit Hülfe einer einheitlichen systematischen Untersuchung differential- 
diagnostisch verwerthbare Momente aufzufinden. 

I. Serodiagnostik. 

Fasching hatte gelegentlich der Reiuzüchtung eines Kapselbacillus 
aus dem Nasensecret eines klinischen Influenzafalles schon festgestellt, 
dass Mäuse, für welche der gefundene Mikroorganismus sehr stark pathogen 
war, nach dem Ueberstehen einer Infeotion mit alten Culturen der Infection 
mit vollvirulenten Culturen in derselben Zeit erlagen wie Controlthiere. 
Ebenso erwarben Mäuse, welche mit Culturen inficirt worden waren, die 
durch 48 oder 72 Stunden einer Temperatur von 56° Celsius ausgesetzt 
waren, obwohl dieselben anscheinend von der Impfung völlig unbeeinflusst 
blieben, keine Immunität gegenüber voll virulenten Culturen. 



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Defferentialdiagxost. Untebstjchungen über Kapselbaktebien. 5 

Auch Pfeiffer's Versuche, Meerschweinchen gegen den Ton ihm ge- 
fundenen Eapselbacillus durch vorherige subcutane Impfungen immun zu 
machen, blieben ohne Erfolg. Die Thiere erlagen prompt der intraperi- 
tonealen Infection. 

Löwenberg suchte die Eigenart seines „Bacillus ozaenae" gegenüber 
dem Pneumoniebacillus auf diese Weise zu stützen. Es gelang ihm, eine 
Maus durch Injection erhitzter Culturen, beginnend mit O^b^"^, allmäh- 
lich steigend, dann zu nicht erhitzten und immer frischeren Culturen über- 
gehend, insoweit zu schützen, als sich bei derselben nach Impfung mit 
grossen Mengen einer frischen Cultur, welche für eine Controlmaus tödt- 
lich waren, zwar am Rücken ein enormer Abscess entwickelte, der sich 
aber schliesslich nach 3 Wochen schloss, und die Maus am Schlüsse, nach- 
dem sie sehr krank gewesen war, wieder vollkommen hergestellt wurde. 
Das Gleiche gelang mit einem Kaninchen, welches vom 30. Mai bis 26. Juni 
mit mehrmaligen intraperitonealen Injectionen kleinster Mengen alter 
Culturen behandelt worden war. Am 26. Juni wurde es mit 1-0 ^'^"^ einer 
4 tagigen frischen Cultur inficirt. Das Kaninchen blieb gesund. Am 
13. December — ob das Kaninchen seit Juni weiter behandelt worden 
war, ist aus Löwenberg's Arbeit nicht ersichtlich — wurde bei dem- 
selben ein Aderlass gemacht und das Serum auf Schutzwirkung gegen den 
Ozaenabac. geprüft. Zu diesem Zwecke wurde zunächst die letale Dose 
einer frischen Cultur bestimmt: sowohl nach intraperitonealer wie nach 
intravenöser Injection der Hälfte einer Cultur gingen Kaninchen nach 
24 bezw. 48 Stunden ein. Am nächsten Tag (29. XII.) wurde einem 
Kaninchen ein Drittel dieser virulenten Agarcultur intravenös injicirt 
nnd gleich darauf in die Rand veno des anderen Ohres 2»0 ^^°* des Serums. 
Das Versuchsthier war zwar am nächsten Tag krank, erholte sich abei* 
bald wieder. Als 14 Tage später (13. I.) das angeblich immunisirte 
Kaninchen eine intravenöse Injection einer Cultur erhielt, ging es am 
folgenden Tage ein. Ebenso erwies sich das Serum dieses Thieres bei 
einer abermaligen Prüfung ohne Schutzwirkung. Weiter wurde eine Maus, 
welche als einzige nach Vorbehandlung mit alten Friedländerculturen eine 
Infection mit einer grossen Menge frischer Cultur überstanden hatte, mit 
einer letalen Dose von Ozaenabacillen inficirt. Dieselbe starb. Die Im- 
munität gegen den Pneumobac. bestand also nicht auch gegen den Ozaena- 
bacillus. Löwenberg schloss daraus, dass die beiden Bakterien nicht 
identisch seien, wollte aber die mögliche Annahme, dass der Ozaenabacillus 
ein „Pneumobacille exaltö*^ sei, durch folgenden Versuch ausschliessen: 
Eine Maus, welche eine Ozaenainfection überstanden hatte, wurde mit 
einer letalen Dose Friedländercultur geimpft; ebenso eine Controlmaus. 
Während diese überlebte (Exitus 2 Monate nach der Impfung), gin^ die 



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6 Paul Clairmont: 

Yersuchsmaus am 8. Tage nach der Impfung mit positivem Bakterien- 
befund im Herzen ein. — 

Die Versuche Löwenberg's wurden ausführlich wiedergegeben, weil 
sie positive Resultate bringen, die nicht unanfechtbar erscheinen. Nament- 
lich lässt jener Versuch, welcher mit dem Serum eines immunisirten 
Kaninchens an einem Thiere angestellt wurde, mit Hinblick auf das 
spätere Eingehen des „Immunthieres" selbst sowie die Unwirksamkeit des 
Serums bei einer abermaligen Prüfung einen Zweifel an der Schutz- 
wirkung dieses Serums berechtigt erscheinen. Ebenso ist der letzt ange- 
führte Versuch nicht einwandsfrei, er mahnt vielmehr zur Vorsicht bei 
Beurtheilung einzelner Befunde. 

V. Dungern und Lob erwähnen, dass Immunität der Versuchs- 
thiere durch einmalige oder auch wiederholte Erkrankung niemals hervor- 
gerufen wurde. 

Wilde wollte durch Immunisirung von Kaninchen ein Serum ge- 
winnen, das zur DiflFerentialdiagnose verwendet werden sollte. Er benutzte 
hierzu 20 ausgesuchte kräftige Kaninchen, welche mit den verschiedensten 
Stämmen immunisirt wurden. Zur Injection gebrauchte er ausschliesslich 
Emulsionen von frischen Agarculturen in Bouillon. Die Kaninchen wurden 
zuerst intravenös, später — bei grösserem Volumen der Flüssigkeit — 
subcutan und schliesslich intraperitoneal injicirt. Hierbei stellten sich 
bald Schwierigkeiten ein. Die unter die Haut eingebrachten Bacillen er- 
regten dort fast immer Eiterung und häufig sehr ausgedehnte Abscesse; 
das Körpergewicht der Thiere ging oft sehr beträchtlich herunter. So 
gelang es Wilde, nur ein Thier am Leben zu erhalten. Dieses Kaninchen 
hatte im Laufe von 2V3 Monaten im Ganzen 38«5*'^ eines Sclerombacillus 
(aus Kräl's Laboratorium) injicirt erhalten. Vierzehn Tage nach der 
letzten Injection wurde aus der Femoralis Blut entnommen. Mit dem 
Serum wurden 3 Versuche an Meerschweinchen angestellt, in denen das- 
selbe auf eine Schutz Wirkung gegen den homologen Stamm, einen Pneu- 
mobacillus und einen Ozaenastamm, geprüft wurde. Gegen die beiden 
ersteren erwies sich das Serum wirksam (die Versuchsthiere überlebten, 
während die Controlthiere nach 40 und 17 Stunden eingingen), gegenüber 
dem Ozaenabacillus zeigte sich ein günstiger Einfluss auf die Temperatur. 
Controlversuche mit normalem Kaninchenserum wurden nicht angestellt. 
Wilde begnügte sich, diesen Versuch anzuführen, ohne aus demselben 
irgend welche bestimmte Folgerungen für die Identität der untersuchten 
Culturen ziehen zu wollen. 

In Baumgarten's Jahresbericht 1897 theilte Paltauf, anschliessend 
an sein Referat über den Sclerombacillus, Befunde mit, welche sich auf 



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DiFFERENTIAIiDIAGNOST. UnTEBSUCHüNGEN ÜBER KaPSELBAKTEBTEN. 7 

Agglutination des Pneumo- und Sclerombacillus durch Normal- und 
Immunserum bezogen: Kraus beobachtete nach subcutaner Injection ab- 
getödteter Sclerombacillen unter 3 Fällen 2 Mal Fadenbildung, die im 
normalen Blute nicht vorhanden gewesen war, nach 16- bis 18 stündigem 
Verweilen im Brutkasten Haufenbildung; auf den Friedländer'schen 
Bacillus wirkte dieses Serum nie ein. Umgekehrt wirkte jedoch das Serum 
nach der subcutanen Einverleibung abgetöd teter Friedl an der 'scher 
Bacillen inmier auf Sclerombacillen in der Weise ein, „dass sich nach 
12 bis 18 Stunden Haufen und Fäden und Haufen aus langen Ketten, 
auch amorphe Massen oder Haufen bildeten, während dies nur theilweise 
häufig beim Friedländer'schen Bacillus beobachtet wurde" (von 4 Fällen 
3 Mal). Donath 's Immunisirungen von Meerschweinchen ergaben ein 
ganz analoges Resultat. Die vorläufigen Ergebnisse dieser Versuche würden 
nach Paltauf dafür sprechen, dass der Sclerombacillus als eine in allen 
Energieen (Resistenz der Culturen, Zersetzungen und chemische Processe, 
Pathogenität, Entwickelung von Agglutininen) dauernd herabgesetzte Form 
des „Friedländer'schen Bacillus" zu betrachten sei. — 

In demselben Jahre berichtete Landsteiner über die Resultate seiner 
Immunisirungsversuche von Meerschweinchen mit dem Bacillus pneumoniae. 
Es war ihm gelungen, einzelne Thiere längere Zeit am Leben zu erhalten 
und ihnen grosse Bakterienmengen (z. B. im Verlaufe von 4 Monaten 
24 Agarculturen) einzubringen, während andere zahlreiche Thiere während 
der Immunisirung erlagen. Im Serum von 5 Thieren konnte Land- 
steiner nach der Behandlung Agglutinine nachweisen; doch waren die- 
selben in einer Verdünnung 1 : 10 nicht mehr wirksam. Uebrigens scheint 
auch beim Verbältniss 1 : 1 von Serum zu Cultur die Agglutination sehr 
wenig intensiv, vielleicht sogar unsicher gewesen zu sein, da nicht selten 
in mehreren gleichzeitig und scheinbar gleichartig angefertigten Präparaten 
Unterschiede im Ausmaass des Vorganges vorhanden waren und, um sicher 
zu gehen, zahlreiche Präparate und namentlich viele Control- 
proben angelegt werden mussten. Leider scheint Landsteiner die 
Agglutinationsfähigkeit seiner Immunsera nur auf den homologen Stamm 
geprüft zu haben, obwohl ihm 20 verschiedene Kapselbacillenarten zur 
Verfügung standen. Versuche, eine Schutz Wirkung durch das Serum zu 
erzielen, gelangen nicht in überzeugender Weise. 

Sicard's Versuche, durch Immunisirung von Meerschweinchen und 
Kaninchen mit Ozaenabacillen (5 Stämme) ein wirksames Serum zu er- 
halten, misslangen. Das Serum dieser Thiere, welche Methode der Im- 
munisirung auch immer angewendet wurde, ob nun filtrirte Culturen oder 
lebende oder abgetödtete Bakterien injicirt wurden, zeigte niemals agglu- 
tinirende Fähigkeit oder schützende Wirkung. In gleicher Weise blieb 



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8 Pacl Claibmont: 

die Behandlung eines Esels durch 2 Monate mittels subcutaner Injection 
erfolglos. Zum Vergleich wurden 3 Friedländerstamme herangezogen^ 
von denen zwei nicht im Stande waren, bei geimpften Thieren Agglutinine 
zu erzeugen, während der dritte (aus dem Pasteur'schen Institute in 
Paris) schon nach kurzer Zeit bei Impfung eines Kaninchens und eines 
Meerschweinchens eine sehr intensive Agglutination erzeugte. Es ist aus 
Sicard's Mittheilung nicht ersichtlich, ob dieselbe auch auf die anderen 
Stämme geprüft wurde. 

Mit ähnlicher Methodik suchte Scheffel die Differenzirung des 
Bac. aörogenes und B. coli com. zu ermöglichen. Doch verlieren dessen 
Versuche mit Rücksicht auf unsere gegenwärtigen Kenntnisse über die 
Agglutination der Coli-Qruppe wesentlich an Bedeutung, da er nur mit 
je einem Stamm arbeitete. 

Wie die besprochene Litteratur zeigt, wurde schon zu wiederholten 
Malen, wenn auch in wenig ausgedehntem Maassstabe, der Versuch ge- 
macht, die Serodiagnostik zur Differenzirung innerhalb der Gruppe der 
Kapselbakterien und zur Abgrenzung dieser Gruppe von ähnlichen anderen 
Mikroorganismen zu verwerthen. In dem Serum verschiedener inmiuui- 
sirter Thiere wurden Agglutinine oder Antikörper gesucht Hierbei zeigte 
es sich, dass es in Folge der starken Pathogenität der Kapselbakterien 
für die üblichen Versuchsihiere nicht leicht war, dieselben an grosse 
Bakterienmengen zu gewöhnen. Der Erfolg der Immunisirung war un- 
sicher. Agglutinine wurden zwar von einem Theil der Autoren nach der 
Behandlung bisweilen in geringer Concentration gefunden, Antikörper 
konnten aber niemals mit Sicherheit nachgewiesen werden. — 

In den eigenen Versuchen wurden zur Immunisirung 20 Kaninchen 
verwendet, welche mit den verschiedenen Stämmen durch wechselnd lange 
Zeit behandelt wurden. Die zunächst folgenden Immunisirungspro- 
tocolle mögen dies zeigen: 

Kaninchen 147. Immunisirung mit Stamm F. I. 

23. IX. 1899. Anfangsgew. 1540»^. 0«5^^ einer 2 Mal 24 stdg 
abget. Bouilloncultur (58^^ C. durch 1 Stunde) subcutan. 25. IX. 1600«^ 
27. IX. 0-25'^*^"' einer 2 Mal 24 stdg. virul. Bouilloncultur. 4.X. 1380^™» 
6.x. 1320 P^"". 10. X. 1460 ff^"". 12. X. 0-5 ««^"^ einer 2 Mal 24 stdg. vir. 
Bouilloncultur. 17. X. 1500^^. 30 X. 1540?^. V* -^ga^cultur abget. 
5. XL V2 ahget. Agarcultur. 7 XL 1640?^. 14. XI. 1440^"°. 1 abget, 
Agarcultur. 20. XL 1720 *f"". 27.XI. 2 abget.Agarculturen. 4.XIL 1880^™, 
Erbsengrosses Infiltrat an der Injectionsstelle. 5. XII. 4 Agarculturen abget 
ll.XIL weiches Infiltrat. 1840?"". 17. XIL 1800?"". 20. XIL 1900 ?'°>. 
21. XIL 5-0^**™ einer vir. Bouilloncultur. 2H. XU. 1980?"". 30. XIL 10-0^«» 
einer vir. Bouilloncultur. 3. L 1900. 1800?™^. 8. L 1940?"". 12. L 20^«°» 



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DiFFEBENTIALDIAGNOST. UNTERSUCHUNGEN ÜBEK KAPSELBAKTERIEN. 9 

vir. Bouilloncultur. 16.1. AderlasB. 19.1. 1700»^. 22.1. 20-0'^*'°» vir. 

Bouilloncultur. 15.11. 1360^ starke Abmagerung. 6.0^"* einer ca. 

4 wöchentlichen vir. Bouilloncultur. 19.11. 1260^™». 20.11 Das Thier 
wird in Agone entblutet. 

Kaninchen 287. Immunisirung mit Stamm F. II. 

29. Vm. 1899. Anfangsgew. 1800»™». 0-2 ^^^^^ einer 24stdg. abget. 
Bouilloncultur (1 Stunde bei 65% 1. IX. 1820 8^. 5. IX. 0-5 *^*'"» einer 
abget. 2 Mal 24 stdg. BouiUoncultur. 11. IX. 1940»^. 14. IX. LO*^««» 
abget Bouilloncultur. 17. IX. 2000«^. 19. IX. 2-0^^ abget. Bouillon- 
cultur. 25. IX. 2000^. 27. IX. 0-5 «<^ vir. Bouilloncultur (3 Mal 24 stdg.). 
4.x, 2000 P^"". 10. X. 2220»^. 12. X. 1.0°«"» vir. Bouilloncultur. 17. X. 
2100»™. 30.x. 2000»™. Vj abget- Agarcultur. 5. XI. 1 abget Agarcultur. 
7. XI. 1820»™. 14. XL 1920»™. 2 abget Agarculturen. 20. XI. 2400»™. 
27. XI. 4 abget. Agarculturen. 29. XI. 2340»^°». 4. XII. 2400»™. Infiltrat 
an der Injectionsstelle. 11. XU. 2380»™. 17. XU. 2280»^". 20. XU. 
2440»™. 21. Xn. 1 vir. Agarcultur. 28. Xn. 2480»™. 30. XII. 2 vir. 
Agarculturen. 3.1.1900. 2220»™. 8.1. 2320»™. Infiltrat von der Brust 
auf das linke Vorderbein ziehend. 15. 1. Aderlass. 16. I. Exitus. 

Kaninchen 282. Immunisirung mit Stamm F. III. 

29. VIII. 1899. Anfangsgew. 1800»™. 0-2<^<^~ abget Bouilloncultur. 

I. IX. 1800»'«'. 5. IX. 0-5 *^«'" abget Bouilloncultur. 11. IX. 1840»™', 
14. IX. 1.0««°» abget Bouilloncultur. 17. IX. 1880»™. 19. IX. 1760»™, 
2-0««^ abget Bouilloncultur. 25. IX. 1780»™. 27. IX. 05 «°"" vir. Bouillon- 
cultur. 4.x. 1700»™. 10. X. 1920»™. 12. X. 1-0 ^«" vir. Bouilloncultur. 
17. X. 1820»™. Infiltrat 30. X. 1800»™. V2 »^g«*- Agarcultur. 5. XI 
1 abget Agarcultur. 7. XI. 1820»™. 14. XI. 1920»™. 2 abget Agar 
eulturen. 20. XL 1940»™. 27. XI. 4 abget Agarculturen. 4. XII. 2140 »'^ 
6. XU. 5.0««"» vir. Bouilloncultur. 11. XU. 2160»^«°; Aderlass. 19. XU. 
5.0««" vir. Bouilloncultur und 1 vir. Agarcultur. 20. XU. 1940»™. 28. XII 
2020»™. 8.1.1900. 2220»™. 12.1. 5-0««™ und 2 vir. Agarculturen 
19.1. 2060»™. 22.1. 15.0««^ vir. Bouilloncultur. 28.1. Aderlass. 15.11 
1820»™, Abmagerung; 7*0 ««" einer ca. 4 wöchentl. vir. Bouilloncultur. 
19. U. 1820»™. 25.11. 1580»™; Aderlass. 19. lU. 1360»™; 2.0«^»« 
einer ca. 8 wöchentl. u. 2.0««" einer ca. 4 wöchentl. Bouilloncultur u. 1 vir. 
Agarcultur. 26. lU. 1500»™; 4-0««°* einer 7 tag. vir. Bouilloncultur. 29. III. 
1300 »"°. 1. IV. Exitus. Blutentnahme post mortem mittels Pipette aus 
dem Herzen. 

Kaninchen 157. Immunisirung mit Stamm F. IV. 

12. X. 1899. Anfangsgew. 2500 »'"; 0-1««°» vir. Bouilloncultur. 30. X. 
2800»™; V4 abget Agarcultur. 5. XI. ^j^ Ahget Agarcultur. 14. XI. 
2600»™; 1 abget Agarcultur. 20. XI. 2700»™. 27. XI. 2 abget Agar- 
culturen. 29. XI. 2600 »'"». 4. XII. 2760 »™. 5. XII. 4 abget Agarculturen. 

II. XU. 2160»™; diffuses leichtes Infiltrat 17. XU. 2660»™. 20. XII. 
2800»™. 21. XII. 5.0««°» vir. Bouilloncultur. 28. XU. 2840»^°». 30. XU. 
6-0««™ vir. Bouilloncultur u. 1 vir. Agarcultur. 8.1.1900. 2800»™. 12.1. 



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10 Paitl Clairmont: 

3 vir. Agarculturen. 16.1. Aderlass. 19.1. 2600»^. 22.1. 20*0~» 
vir. Bouilloncultur. 15.U. 2380^^; 7»0<^*^" einer ca. 4wöchentl. vir. BouiUon- 
cultur. 19. n. 2240^™. 26. H. 2090^; Aderlass. 28. H. Exitus. 



Kaninchen 92. Immunisirung mit Stamm F. Y. 

29. Vm. 1899. Anfangsgew. 1240^™; 0-2 «^<^ abget. Bouilloncultur. 
1. IX. 1280 8^. 5. IX. 0-5"" abget. Bouilloncultur. 13. IX. 1320^™. 
14. IX. 1.0^«° abget. Bouilloncultur. 19. IX. 1380»™; 2-0^^" abget 
Bouilloncultur. 25. IX. 1400 s^. 27. IX. 0-5"™ vir. Bouilloncultur. 4. X 
1320 «^,; Infiltrat. 10. X. 1560 ^^'i das Infiltrat ist kleiner geworden. 12. X. 
1.0^^°* vir. Bouilloncultur. 17. X. 1460 8^"°. 30. X. 1400»™; Vg abget. Agar- 
cultur. 5. XL 1 abget. Agarcultur. 7. XL 1520 »'°'; grosses Infiltrat auf 
der Brust. 14. XI. 1540»™ Infiltrat unverändert. 20. XL 1540»™. 27. XL 

2 abget. Agarculturen. 4. XII. 1520»™; ausgebreitetes derbes Infiltrat 
20. XIL 1600»™. 21. Xn. 6.0*^^°» vir. Bouilloncultur. 28. XII. 1540»™. 
3.L1900. 1480»™. 8. L 1560»™. 12.L 1 vir. Agarcultur. 19. L 1520»™. 
22. L 10.0^^"^ vir. Bouilloncultur. 28. L Aderlass. 15. IL 1260»™; 
starke Abmagerung. 15.11. 7»0*^*^"* einer ca. 4 wöchentl. vir. Bouilloncultur. 
19. IL Exitus. 

Kaninchen 171. Immunisirung mit Stamm B. o. m. F. 

29. vm. 1899. Anfangsgew. 1460»™; 0-2«^™ abget Bouilloncultur. 
1. IX. 1700 »'". 5. IX. 0.5^*^*» abget Bouilloncultur. 13. IX. 1800»™. 
14. IX. 1-0*^™ abget Bouilloncultur. 17. IX. 1720»™. 19. IX. 1820»™; 
2-0 «^"^ abget Bouilloncultur. 25. IX. 1920»™. 27. IX. 0.5°«'° vir. BouiUon- 
cultur. 4.x. 1600»™. 6. X. 1540»™. 10. X. 1820»™. 12. X. 1.0«^ 
vir. Bouilloncultur. 17. X. 1760»™. 30. X. 1740»™ V2 abget Agarcultur. 
5. XL Exitus. 

Kaninchen 97. Immunisirung mit Stamm 0. 1. 

29. vm. 1899. Anfangsgew. 1540»™; 0-2 ^^^^^^ abget Bouüloncultur. 
1. IX. 1700»™. 5. IX. 0.5 <=*^™ abget Bouilloncultur, 14. IX. 1 • ^^«"^ abget 
Bouilloncultur. 19. IX. 1760»™; 2.0«™ abget Bouilloncultur. 25. IX. 
1780»^™. 27. IX. 0.5««°» vir. Bouilloncultur. 4. X. 1620»™. 6. X. 1540»™. 
10. X. 1740»™. 12.x. 1.0««°» vir. Bouilloncultur. 17. X. 1760»™; In- 
filtrat 30.x. 1780»™; V2 abget Agarcultur. 5. XL 1 abgot Agarcultur. 

7. XL 1940»™; sehr grosses Infiltrat über die ganze Brust ausgebreitet. 
14. XI. 1 abget Agarcultur. 20. XL 1900»™. 29. XI. 2000»™; das In- 
filtrat fast vollkommen geschwunden. 4. XIL 2060.»™. 5. XIL 2 abget 
Agarculturen. 11. XII. Die linke Axilla von einem derben lofiltrat einge- 
nommen. 17. Xn. 2000»™; das Infiltrat kleiner. 20. XIL 2060»™. 21. XIL 

3 abget Agarculturen. 28. XU. 1980»™. 3. L 1900. 1800»™. Aderlass. 

8. L 1920»™. 12. L V2 vir. Agarcultur. 19. L 1840»™. 22. L 5-0««™ 
vir. Bouilloncultur 15.11. 1540 »'"; starke Abmagerung; 7»0««™ einer ca. 

4 wöchentl. Bouilloncultur. 19.11. Exitus. 



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DiFFEKENTIAIiDIAGNOST. ÜNTEESUCHÜNGEN ÜBER KaPSELBAKTERIEN. 11 

Kaninchen 232. Immunisirung mit Stamm 0. IT. 

29. Vni. 1899. Anfangsgew. 1460^™. • 2 ''^^ abget. Bouilloncultur 
1. IX. 1620^™^. 5. IX. 0-5 '^«^"^ abget. Bouilloncultur. 13. IX. 1660 8^™. 
14. IX. 1-0 *'<^"* abget. Bouilloncultur. 19. IX. 1680^"». 2-0<^<^'" abget. 
Bouilloncultur. 25. IX. 1660»^. 27. IX. 0-5«^ vir. Bouilloncultur. 6. X, 
1460^™". 10. X. 1580 «f™. 12.x. 1-0^^"» vir.Bouilloncultur. 17.X. 1640^"», 
Infiltrat. 30. X. 1680*™*. V2 abget. Agarcultur. 7. XI. ein ungeheures 
Infiltrat, welches die ganze Brust einnimmt, sich auf beide Vorderbeine 
erstreckt und dieselben in derben turaorähnlichen Massen verbackt. In der 
Folgezeit magerte das Thier continuirlich ab. 29. XL 1300*™*. An den 
Vorderbeinen wurde die Haut nekrotisch. Es war nicht mehr möglich, das 
Thier zu injiciren. Dasselbe starb am 22. I. 1900, 1100*™* schwer. 

Kaninchen 226. Immunisirung mit Stamm 0. III. 

29. VIII. 1899. Anfangsgew. 1300*™*. 0-2°"** abget. Bouilloncultur. 
l.IX. 1360*™*. 5. IX. 0.5*^*^"* abget. Bouilloncultur. 13. IX. 1440*™*. 

14. IX. l.O*'^"* abget. Bouilloncultur. 17. IX. 1460 *'°*. 19. IX. 1540*™*. 
2-0^^"* abget. Bouilloncultur. 25. IX. 1480*^"*. 0-5^^"* vir. Bouilloncultur. 
6.X. 1320*™*. lO.X. 1400*™*. 12.X. l-O*^^*** vir. Bouilloncultur. 30.X. 
1400 *™*. V2 abgö*- Agarcultur. 5. XI. 1 abget. Agarcultur. 14. XI. 1G40 *™*. 
2 abget. Agarculturen. 20. XI. 1500*™*. 4. XII. 1760 *'***. 5.Xn. 4 abget. 
Agarculturen. 11. XII. 1700*™*. üeber der Brust ein derbes ausgebreitetes 
Infiltrat. 17. XII. 1700*™*. Nekrose der Haut über dem Infiltrat. 20. XII. 
1840*™*. 21. XII. 5.0^*'"* vir. Bouilloncultur. 28. XII. 1900**""*. 30. XU. 
5. 0<^^ vir. Bouilloncultur. .3.1.1900.1620*™*. 19.1. 1700 *'***. 22.1. Exitus. 

Kaninchen 21. Immunisirung mit Stamm O. IV. 

29. Vm. 1899. Anfangsgew. 1900*™*. 0-2 <^«*** abget. Bouilloncultur. 
l.IX. 2040*™*. 5. IX. 0-5^°"*, 14. IX. l-O*^^"*, 19. IX. 2.0^<^"* einer 
abget. Bouilloncultur. 27. IX. 0-5 *^*^™ vir. Bouilloncultur. 6. X. 1860*™*, 
10. X. 2120*™*. 12.x. 1-0""* vir. Bouilloncultur. 17. X. 2060**-'«. In 
filtrat. 30.x. 2100*™*. V2 abget. Agarcultur. 5. XI. 1 abget. Agarcultur. 

7. XI. 2200*™*. Grosses Infiltrat unter der Brusthaut. 14. XI. 2200*™* 
1 abget Agarcultur. 20. XI. 2120*™*. 4. XII. 2400**^***. 5. XU. 2 abget 
Agarculturen. 19. XII. 4 abget. Agarculturen. 20. XII. 2200 **•***. 28. XII 
2500**^. 3. I. 1900. 2380*^"*. 8. I. 2540**-™. 12. 1. 5-0^°* vir. Bouillon- 
cnltur. 15.1. Aderlass. 19.1. 2500*™*. 22.1. 10-0^°"* vir. Bouilloncultur. 

15. n. 2620 *™*. 7 • "^"* einer ca. 4 wöchentl. Bouilloncultur. 26. IL 2760 *™*, 

2. lU. Aderlass. 19. IH. 2520*™*. 2-0*^^"* einer ca. 8wöchentl. und 
2.0«™ einer ca. 4 wöchentl. Bouilloncultur und 1 vir. Agarcultur. 26. lU 
2740*™*. 40-0^*^"* einer 7tägigen vir. Bouilloncultur. 29. lü. 2440*™* 

3. IV. Aderlass. 6. IV. 60*0^^"* einer lOtägigen vir. Bouilloncultur. 

8. IV. Exitus. 

Kaninchen 168. Immunisirung mit Stamm Sei. I. 

29. vm. 1899. Anfangsgew. 1580*™*. 0-2 <='^"* abget. Bouilloncultur. 
l.IX. 1640*™*. 5. IX. 0.5«^^°*. 14. IX. l.O*"«"*. 19. IX. 2.0<'<^*** abget. 



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12 Pattl Claibmont: 

Bouilloncultur. 27. K. 0-5*'<^'" vir. Bouilloncultur. 12. X. 1-0«^" vir. 
Bouilloncultur. 30. X. 1820^™". V2 abget. Agarcultur. 5. XI. 1 abget. 
Agarcultur. 14. XL 2140 8^; 2 abget. Agarculturen. 27. XI. 4 abget. 
Agarculturen. 4. XII. 2320^™. 5. XII. 5 • ^" vir. Bouilloncultur. 19. XII. 
1 vir. Agarcultur und 5 • ^^"^ vir. Bouilloncultur. '26. XII. 2 vir. Agar- 
culturen. 28. Xn. 2420 fif™. 30. XII. 4 vir. Agarculturen. 3. 1. 1900. 
Aderlass. 12.1. 4 vir. Agarculturen. 19.1. 2360^™. 22.1. 20-0 <^ 
vir. Bouilloncultur. 15.11. 2440^™; 7'0<^»° einer ca. 4 wöchentl. Bouillon- 
cultur. 26. n. 2500 fi^. 2. m. Aderlass. 19. HI. 2300 »™. Kleines 
Infiltrat. 4-0®®°^ einer ca. 8 wöchentl. und 4*0 *^®" einer ca. 4 wöchentl. 
Bouilloncultur. 5. IV. 40*0 °°"* lOtägige vir. Bouilloncultur und 2 vir. 
Agarculturen. 8. IV. Exitus. 

Kaninchen 212. Immunisirung mit Stamm Sei. III. 

29.Vin. 1899. Anfangsgew. 1300^™. Die Immunisirung wurde bis 
5. XI. in ganz derselben Weise durchgeführt wie bei Kaninchen 168. 20. XI 
1760^^. 27. XI. 3 abget. Agarculturen. 4. XII. 2060«™. 5. XII. 4 ab 
get. Agarculturen. 17. XII. 1860«™. 26. XU. 5- 0<^°» vir. Bouilloncultur. 
28. XU. 2020«™. 30. XU. 1 vir. Agarcultur und 5-0««» vir. Bouillon 
cultur. 8.1.1900. 2060«™. 12.1. 2 vir. Agarculturen. 19.1. 1940«™ 
22.1. 15.0 <^ vir. Bouilloncultur. 28.1. Aderlass. 15. U. 1920«™. 
22. II. 7-0 ^"^ einer ca. 4 wöchentl. Bouilloncultur. 19. m. 1840 «™. 3 • 5 «^ 
einer ca. 8 wöchentl. und 3 • 5 ^^®™ einer ca. 4 wöchentl. Bouilloncultur. 

26. m. Exitus. 

Kaninchen 166. Immunisirung mit Stamm A. II. 

29. Vm. 1899. Anfangsgew. 1440 «'°*. 0-2 ^<^°» abget. Bouilloncultur. 
5. IX. 0-5°^, 14. IX. 1-0 °<'™ 19. IX. 2-0*'*'" abget. BouiUoncultur. 
27. IX. 0-5°*^™ 12.x. l-O*'««^ vir. Bouilloncultur. 30. X. 1680«™. V2 »b- 
get. Agarcultur. 5. XI. 1 abget. Agarcultur. 14. XI. 2 abget. Agarculturen. 

27. XI. 4 abget. Agarculturen. 5. XU. 5-0*'°*" vir. Bouilloncultur. 11. XU. 
2060«™. Aderlass. 

Kaninchen 278. Immunisirung mit Stamm A. III. 

14. IX. 1899. Anfangsgew. 1600«™. 0-2^°^ abget. BouiUoncultur. 
19. IX. 2*0 ^<^'" abget. Bouilloncultur. 27. IX. O'ö^««», 12. X. l-O«^" vir. 
Bouilloncultur. 17. X. 1920«™. Infiltrat. 30. X. V3 abget. . Agarcultur. 
5. XI. 1 abget. Agarcultur. 14. XL 2140 «™. Infiltrat. 2 abget. Agar- 
culturen. 20. XI. 2200«™. 27. XL 4 abget. Agarculturen. 4. XU. 2260«™. 
17. XU. 2320«™. 19. XU. 5 • <^°°» vir. Bouilloncultur. 20. XU. 2300»™. 
30. XU. 5.0 ~"» vir. Bouilloncultur und 1 vir. Agarcultur. 8. L 1900. 
2500«™. 12. L 5«0°*^ vir. Bouilloncultur und 2 vir. Agarculturen. 19. L 
2360«™. 22. L 20.0 <^*° vir. Bouilloncultur. 15. IL 2240«™. 7-0^™ 
einer ca. 4wöchentl. Bouilloncultur. 28. IL Aderlass. 

Kaninchen 169. Immunisirung mit Stamm A. IV. 

29. VUI. 1899. Anfangsgew. 1940 «™. Die Immunisirung wurde bis 
27. XL analog wie bei Kaninchen 166 durchgeffthrt. 4. XII. 2980 »™. 
üeber der Brust hat sich ein grosses Infiltrat entwickelt, welches in den 



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Deffebentialdiagnost. Untersuchungen über Kapselbakterien. 18 

nächsten Tagen zur Nekrose der Haut führt. 17. XII. 3020»™. 19. XU. 
5.0^°» vir. Bouilloncultur. 28. XU. 3040 p^". 30. XU. 1 vir. Agarcultur. 
3. L 1900. 2880»™. 8.1. 3060»™. 12.1. 2 vir. Agarculturen. 19.1. 
3020»™. 22.1. 15-0 «^°» vir. Bouilloncultur. 15.11. 2800»™. 7-0«<^ 
einer 4wöchentl. Bouilloncultur. 28. 11. Ad er las s. 

Kaninchen 64. Immunisirung mit Stamm A. Y. 

29. Vm. 1899. Anfangsgew. 1700»™. Immunisirung bis 27. XL wie 
bei Kaninchen 166. 4. XII. 2980»™; grosses Infiltrat an der Brust. 17. XU. 
2800»™. 20. Xn. 2980»™. 21. XII. 5-0^™ vir. Bouilloncultur. 3.1. 1900. 
2740 »™. 8. 1. 2940»™. 12. 1. 5-0"°» vir. BouiUoncultur und 1 vir. Agar- 
cultur. 19.1 2780»™. 22.1. 15-0"" vir. Bouilloncultur. 15.11.2940»™. 
7,Qccm ejner 4 wöchentlichen vir. Bouilloncultur. 26. U. 2780»™. 28.11. 
Aderlass. 

Kaninchen 158. Immunisirung mit Stamm A. VU. 

19. III. 1900. Anfangsgew. 1200»™. V4 abget. Agarcultur. 22. UI. 
1020 »™. Va abget. Agarcultur. 26. UI. 1220 »™. 1 abget. Agarcultur. 
27.111. 1140»™. 2 abget. Agarculturen. 3. IV. Aderlass. 

Kaninchen 165. Immunisirung mit Stamm A. YUI. 

22. U. 1900. Anfangsgew. 2500 »™. V* »'^get Agarcultur. 26. II. 
2320»™. 2.UI. 2240»™. 19. UI. V2 a^get. Agarcultur. 22.111. 2010»™. 
1 abget. Agarcultur. 26. UI. 2120 »™. Infiltrat um beide vordere Ex- 
tremitäten. 27. III. 2000 »™. 2 abget. Agarculturen. 29. UI. Exitus. 
Blutentnahme post mortem aus dem Herzen. 

Kaninchen 149. Immunisirung mit Stamm A. IX. 

17.11. 1900. Anfangsgew. 1820»™. V2 abget. Agarcultur. 19.11. 
1800»™. 26.11. 1600 »'". 2. III. 1440»™. 19. lU. 1540»™. 1 abget. 
Agarcultur. 22. III. 1440 P""». 1 abget. Agarcultur. 26. UI. 1640 »™. 
1 abget. Agarcultur. 27. lU. 1600 »™. 2 abget. Agarculturen. 3. IV. 
Aderlass. 

Kaninchen 144. Immunisirung mit Stamm A. XUI. 

19. III. 1900. Anfangsgew. 1940 »'"». 22. UI. V2 abget. Agarcultur. 
26. III. 2020»™. 27. UI. 1940»™. 1 abget. Agarcultur. 3.IV. Aderlass. 

Wie aus den Protokollen ersichtlich ist, wurde die Immunisirung 
mittels subcutaner Injection (unter die Brust und Bauchhaut) in wechseln- 
der Weise durchgeführt. Zumeist — in 16 Fällen — wurde mit der 
Injection kleinster Mengen (0-2 ^™) abgetodteter Bouillonculturen be- 
gonnen. Die Thiere zeigten danach ebenso wie nach Injection grösserer 
Mengen keine Reaction. Es wurde hierauf mit virulenten Bouillonculturen 
fortgesetzt. Als die Thiere schon nach Injection V« ^^^ 1 '^°° vielfach 
mit Gewichtsverlust und Infiltration reagirten, wurde wieder auf die In- 



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14 Paul Claibmont: 

jection abgetödteter Caltureu und zwar ausschliesslich Agarculturaof- 
schwemmungen zurückgegriffen. Auf die Einverleibung allmählich steigen- 
der steriler Bakterienemulsionen trat nur selten Kranksein und Abmagerung 
der Thiere auf; sehr oft aber entwickelten sich enorme Infiltrate und 
multiple Abscessbildungen, welche die weitere Injection zum mindesten 
erschwerten. Dies war namentlich bei Kaninchen 232 der Fall, bei welchem 
sich schon nach Injection einer halben Agarcultur, die in 2-5^^ Koch- 
salzlösung aufgeschwemmt und durch V/^ Stunden bei 58® gehalten worden 
war, über der Brust ein derbes Infiltrat bildete, das sich über beide 
Achselhöhlen auf die vorderen Extremitäten erstreckte, dieselben an ein- 
ander zog, verbackte und ihre Benutzung unmöglich machte. Später 
wurden an diesen Parthieen die Haut und das unterliegende Gewebe 
nekrotisch, so dass an den Vorderbeinen in weiter Ausdehnung die Knochen 
blosslagen. Wenn die Thiere die Injection mehrerer abgetödteter Agar- 
culturen vertrugen, wurde die Immunisirung in der Weise fortgesetzt, 
dass ein Theil mit nicht abgetödteten Bouillonculturen, ein anderer mit 
ebensolchen Aufschwemmungen von Agarröhrchen, ein dritter Theil mit 
Mischungen beider Culturen behandelt wurde. Die Dauer der Immuni- 
sirung dieser Thiere schwankte zwischen 140 und 218 Tagen. 

Vier Thiere, bei welchen die Immunisirung in kurzer Zeit durch- 
geführt werden sollte, erhielten nur abgetödtete Agarculturaufschwemmungen. 

Von den 20 vorbehandelten Thieren gingen 3 ein, ohne dass ihr 
Serum geprüft wurde. Ein anderes starb, doch wurde aus dem Herzen 
desselben post mortem mittels Pipette steril Blut entnommen. Den übrigen 
16 Kaninchen wurde durch Aderlass aus den Venae jugul. ext. Blut ent- 
nommen. Die geringste Gesammtmenge injicirter Culturflüssigkeit, nach 
welcher ein Aderlass gemacht wurde, betrug 5-2 ®<^™ Bouilloncultur und 
7^2 Agarculturen (Kaninchen 97, 282), die grösste 67-5 ««°^ Bouilloncultur 
und 9V2 Agarculturen. Der Aderlass wurde bei 2 Thieren 3 Mal, hei 
3 Thieren 2 Mal, bei den übrigen je 1 Mal gemacht. Das gewonnene 
Serum wurde einerseits auf Anwesenheit von Agglutininen, andererseits 
auf das Vorhandensein von Antikörpern geprüft. 

A. Agglutination. 

Um die Agglutinationsfahigkeit zu bestimmen, wurde die Methode 
der hohlen Objectträger angewendet. Am Deckglas wurde 1 Oese des zu 
untersuchenden Serums mit 1 Oese der 11 bis 24 stündigen Bouilloncultur 
gemengt {1 : 1), hierauf der Tropfen in Vaselin eingeschlossen, bei Brut- 
temperatur gehalten und nach 2 bis 24 Stunden beobachtet. In jenen 
Fällen, in denen eine Agglutination auch in Verdünnungen des Serums 



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DiFPERENTIALDIAGNOST. UNTERSUCHUNGEN ÜBEB KaPSELB ARTERIEN. 15 

auftrat, wurden dieselben mit der Pipette ausgeführt, wobei 1-0 *^°^ gleich 
20 Tropfen gerechnet wurde. 

Die Resultate waren folgende: 

Serum 147 (Stamm F. I).^ 

1. Untersuchung am 24. I. 1900. Aderlass am 16. 1. 148tünd. Cul- 

turen 1 : 1. 
Nach 4 Stunden: F. I — V: wie Controlpräparat. 

ß. c. m. F.: Agglutination und kömiger Zerfall. 
0. U, m, V: wie Contrpr. 

0. IV: beginnende Fadenbildung. 
Sei. I: ganz vereinzelte Fäden, sonst diffus isolirt. 
Sei. II: am Rande des Tropfens einzelne wenige Fäden, 

isolirt. 
Sei. III: wie Contrpr. 
A. I, II, IV, V: Yollkommene Agglutination. 

A. lU: grosse dichte Haufen, dazwischen diffus isolirte. 
Nach 24 Stunden: F. I — V: unverändert. 

B. c. m. F.: diffus isolirt; daneben einzelne Häufchen, von 
denen Fadenbildung ausgeht. 
0. 1, H, IV: wie Contrpr. 
Sei. I, n, III: ebenso. 

2. Untersuchung am 27.11. Aderlass am 20. IL 248tünd. Culturen 1:1; 

sowohl nach 4 wie nach 24 Stunden zeigen Stamm F. I, Hl, FV, 
Sei. I, II keine Veränderung. 

Serum 287 (Stamm F. U). 

Untersuchung am 16.1. 1900. Aderlass am 15.1. 12 stund. Culturen 1:1. 

Nach 6 Stunden: F. I, HI, IV, V: wie Contrpr. 

F. K: beginnende Fadenbildung. 

B. c. m. F.: zwischen Stäbchen lange Fäden. 

0. I, rV: wie Contrpr. 

0. II: Häufchenbildung neben isolirten Stäbchen. 

0. III: Fäden. 

Sei. I, II, ni: wie Contrpr. 

A. I — rV: desgleichen. 

A. V: Agglutination. 

Nach 24 Stunden: F.I,in,IV, V,0.1, n,rV, Sei. I,n, HI: wie Contrpr. 

B. c. m. F.: theilweise Fadenbildung. 

0. IH: Fadenbildung. 

Serum 282 (Stamm F. HI). 

1. Untersuchung am 12. XH. 1899. Aderlass am 12. XH. 248tünd. 
Culturen 1:1. 
Nach 2 Stunden: F. I— V: wie Contrpr. 



' Der bei jedem Serum in Klammer angegebene Stamm ist jener, mit welchem 
das Kaninchen immanisirt worden war. 



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16 Paul Claibmont: 

B. c. m. F., 0. U: isolirte; daneben einzelne kömig aussehende 
Häufchen. 
Sei. I, 11: wie Contrpr. 
Sei. IQ: isolirt; kleine Häufchen aus wenigen Stäbchen 
bestehend. 
A. I — V: wie Contrpr. 
Nach 24 Stunden: F. I— V, B. c. m. F., 0. I— IV, Sei. I, H: wie 
Contrpr. 
Sei. lU: diffus isolirt, dazwischen einzelne Häufchen. 

2. Untersuchung am 29. 1. 1900. Aderlass am 28. I. 12 stund. Col- 

turen 1:1. 
Nach 2 u. 24 Stunden: F. I— V, B. c. m. F., 0. 1— IV, Sei. I— IE: wie 
Contrpr. 
A. I: neben diffusen isolirte Haufenbildung und kömiger 
Zerfall der Häufchen. 

A. II — IV: wie Contrpr. 

A. V: vollkommene Agglutination. 

3. Untersuchung am 27. II. Aderlass am 25. H. 24 stund. Culturen 1:1. 
Nach 4 u. 24 Stunden: F. I, HI, IV, Sei. I, II: wie Contrpr. 

4. Untersuchung am 16. IV. Blutentnahme p. m. am 1. IV. 12 stund. 

Culturen 1:1. 
Nach 10 Stunden: F. I— HI, V, 0. U, IV, Sei. I— IV, B. c. Pf.: wie 
Contrpr. 
F. IV: diffus und dicht isolirt, dazwischen einzelne Fäden. 

B. c. m. F.: einzelne sehr dichte Häufchen, das ganze Gesichts- 

feld durchzogen von langen Fäden. 
0. I: einzelne Fäden neben diffus isolirten. 
0. III: das Centrum des Gesichtsfeldes von einem dichten 
Netzwerk von Fäden eingenommen; an der Peri- 
pherie des Tropfens begrenzte und nicht unter 
einander zusammenhängendeConvolute von Fäden; 
dazwischen wenige isolirte. 

Serum 157 (Stamm F. IV). 

1. Untersuchung am 24. I. 1900. Aderlass am 16. I. 14stünd. Cul- 
turen 1:1. 
Nach 4 Stunden: F. I, 11, IV, V: wie Contrpr. 

B. c. m. F.: neben wenigen isolirten spärliche körnige Haufen, 
beginnende Fadenbildung. 
0. I— IV, Sei. I, U: wie Contrpr. 

Sei. III: theilweise beginnende Fadenentwickelung. 
A. I: Fadenbildung. 
A. II— IV: wie Contrpr. 

A. V: Agglutination und Fadenbildung. 
Nach 24 Stunden: F. I, II, IV, V, B. c. m. F., 0. I-IV, Sei. I— IH: 
wie Contrpr. 



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Dtffekbntialdiagnüst. Untersuchungen übek Kapselba ktekien. 17 

2. Untersuchung am 27. IL Aderlass am 26. 11. . 24 stund. Cul- 
turen 1:1. 

nach 4 und 24 Stunden zeigen F. I, III, IV, Sei. I, II keine Ver- 
änderung. 

Serum 92 (Stamm F. V). 

Untersuchung am 29. 1. 1900. Aderlass am 28. I. 12 stund. Cul- 

turen 1:1. 
nach 24 Stunden: F. I — V, 0. II— IV, Sei. I-UI, A. I — IV: wie 

Contrpr. 

A. V: Haufen körniger Massen. 

Serum 97- (Stamm 0. II). 

Untersuchung am 9. I. 1900. Aderlass am 3. I. 12 stund. Culturen 1:1. 

nach 2 Stunden: Fadenbildung. 

„ 6 „ F. I— V, 0. I-IV, Sei. I— m, A. II— IV: wie 

Contrpr. 

B. c. m. F.: diffuse Fadenbildung. 

A. I: in diffus isolirten einige Häufchen. 

A. V: Agglutination, 

nach 24 Stunden: derselbe Befund. 

Serum 21 (Stamm 0. V). 

1. Untersuchung am 16. 1. 1900. Aderlass am 15. I. 12 stund. Cul- 
turen 1:1. 
nach- 6 Stunden: F. I, III — V, 0. I, III, IV, A. I — IV, Sei. ü: wie 
Contrpr. 

F. H: Häufchen kömiger Massen. 
B. c. m. F.: zwischen kleinen Häufchen isolirte. 
0. II: geringe Neigung zur Haufenbildung. 
' A. V: Agglutination. 
Sei. I: Häufchen kömiger Massen und Stäbchen; da- 
neben wenig isolirte. 
nach 24 Stunden: F. I, IH— V, 0. I, IV, Sei. I, II: wie Contrpr. 
F. H: lange Fäden. 
B. c. m. F.: Agglutination, dazw. isolirte. 

0. II: in der Peripherie des Tropfen» dichte Haufen, 

sonst diffus isol. Stäbchen. 
0. III: Fadenbildung. 
Sei. III: agglutinirte körnige Massen. 

Serum 168 (Stamm Sei. I). 

Untersuchung am 9. I. 1900. Aderlass am 3. I. 12 stund. Culturen 1 : 1. 
nach 2 Stunden: B. c. m. F: Auflösung in Kügelchen. 

„ 6 „ F. I — V: wie Contrpr. 

B. c. m. F: dichte Convolute von Fäden, zwischen denselben 
keine Stäbchen, sondern Häufchen bestehend aus 
Kügelchen, ebensolche Häufchen an der Peri- 
pherie der Fadenconvolute. 

Zeitecbr. f. Hygiene. XXZIX. 2 



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18 Paul Clairmont: 

. 0. 1— IV: wie Contrpr. 
A. I — IV: dasselbe. 

A. V: Agglutination. 
Sei. I, III: wie Contrpr. 

Sei. U: beginnende Fadenbildung. 
B. c. 8.: negativ, zur Fadenbildung neigend, 
nach 24 Stunden: keine Veränderung gegenüber dem Befund nach 

6 Stunden. 

B. c. m. F.: diffuse Fadenbildung. 

Serum 212 (Stamm Sei. III). 

Untersuchung am 29. 1. 1900. Aderlass am 28. I. 12 stund. Culturen 
nach 2, 6 und 24 Stunden: F. I, III— V, B. c. m. F., 0. l—IV, 
Sei. I— III, A. I— IV: wie Contrpr. 
A. V: Agglutination. 
B. c. s.: kleine Häufchen. 

Serum 166 (Stamm A. II). 

Untersuchung am 26. XII. Aderlass am 11. XII. 24 stund. Culturen. 
nach 2 Stunden: F. I— V, B. c. m. F., 0. 1— IV, Sei. I— III: wie 

Contrpr. 

A. I: 1:1 Agglutination. 

1:50 Agglutination; zwischen grossen, dichten 
Haufen und Gruppen isoL in Molecularbewegung. 

1:200 wie 1:60, die Häufchen aber kleiner, 
weniger dicht. 

1:400 Agglutination nahe ihrem Grenzwerth; 
sehr zahlreiche isol. zwischen den Häufchen. 

A. 11: 1:1, 1:50, 1:200, 1:400 vollkommene Agglu- 
tination. 
A. HI: 1:1 Agglutination. 

1 : 50 wie 1:1, doch zahlreiche isol. in Mole- 
cularbew. zwischen den Häufchen. 

1 : 200 wenige isol. an der Peripherie des 
Tropfens, sehr zahlreiche kleine Häufchen, im Centrum confluirende 
Häufchen, dazwischen sehr dicht isolirte. 
1 : 400 wie 1 : 200. 
A. IV: 1:1, 1 : 50, 1 : 200, 1 : 400 vollkommene Agglu- 
tination. 
A. V : 1:1 Agglutination. 

1 : 50 Agglutination, daneben einzelne isolirte. 
1 : 200 Häufchen, dazwischen isol. Bakterien zu 
zweit und mehreren ohne Molecularbewegung. 

1 : 400 wie 1 : 200 die isolirten zahlreicher. 
A. VI: 1:1, 1:50, 1:200 wie Contrpr. 
A. VU: 1:1, 1 : 50, 1 : 200 diffus isolirte in lebhafter 
Molecularbewegung, daneben mehr minder zahlreiche kleine sehr 
dichte Häufchen. 



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DiFFEEENTIALDIAGKOST. UnTEBSüCHüNGEN ÜBER KaPSELBAKTEEIEN. 19 

A. Vni: 1:1, 1 : 50, 1 : 200 wie Contrpr. 
A. IX: 1:1, 1:60, 1:200 dasselbe. 

Serum 278 (Stamm A. III). 

Untersuchung am 8. III. 1900. Aderlass am 28. II. 14 stund. Culturen. 
nach 3V2 Stunden: F. I— V, B. 0. m. F., 0. I— IV, Sei. I-HI: wie 
Contrpr. 

A. I: 1:1 Agglutination, daneben sehr zahlr. isolirt. 
1:100 sehr dicht isolirt, daneben kleine, nicht 
zahlr. Häufchen. 

1 : 300 wie Contrpr. 
A. II: 1:1, 1 : 100, 1 : 300 Agglutination. 
A. lU: 1:1 Häufchen, daneben isolirte. 

1:100 zwischen zahlr. Häufchen sehr dicht isol. 
1:300 wie 1:100, die Häufchen klein und 
zahlreich, dazwischen aber sehr viele isolirte. 

A. IV: 1:1, 1:100, 1:300 Agglutination. 
A. V: 1:1 Agglutination. 

1:100, 1:300 wie Contrpr. 
A. VI: 1:1, 1:100, 1:300 desgl. 
A. VII: 1:1, 1:100, 1:300 „ 
A. VIII— XII: 1:1, 1:100 wie Contrpr. 
B. c. Pf.: 1:1, 1:100 ebenso. 

Serum 169 (Stamm A. IV). 

Untersuchung am 7. lU. 1900. Aderlass am 28. II. 20 stund. Culturen. 
nach 3 Stunden: F. I—V, B. c. m. F., 0. I— IV, Sei. I— IV: wie 

Contrpr. 

A. I: 1:1 Haufen- und beg. Fadenbildung; daneben 
isol., die Häufchen sind locker, namentlich im Centrum des Tropfens 
wenig scharf begrenzt, confluirend. 

1 : 100 Häufchen zwischen sehr zahlr. isoL 
1 : 300 diffus isol., an der Peripherie des Tropfens 
Häufchen. 

A. II: 1:1, 1:100, 1:300 Agglutination. 
A. lU. 1 : 1 sehr dicht isol., dazwischen lockere, wenig 
abstechende Häufchen. 

1 : 100 wie 1 : 1 an der Peripherie die Häufchen 
am zahlreichsten. 

A. IV: 1:1, 1 : 100, 1 : 300 Agglutination. 
A. V: 1:1 Agglutination. 

1 : 100, 1 : 300 wie Contrpr. 
A. VI, Vm— XH: 1:1, 1 : 100 wie Contrpr. 
B. c. Pf.: 1:1, 1:100 ebenso. 

Serum 64 (Stamm A. V). 

Untersuchung am 10. III. 1900. Aderlass am 28.11. 11 stund. Culturen. 
nach 3 Stunden: F. I—V, B. c. m. F., 0. I— IV, Sei. I— III: wie 

Contrpr. 



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20 Paul Claikmunt: 

A. 1 : 1:1 Agglutination, heg. Fadenbildung. 
1 : 100 Agglutination. 

1 : 300 diffus isol, daneben lockere Häufchen 
und Züge. 

A. 11- 1:1, 1 : 100, 1 : 300 Agglutination. 
A. III: 1:1 Häufchen, daneben zahlr. isol. 

1:100 die isol. sehr dicht, sonst wie 1:1. 
1 : 300 diffus isolirte in lebhafter Molecular- 
bewegung, darin wohlbegrenzte grössere und kleinere Häufchen. 
A. IV: 1:1, 1:100, 1:300 Agglutination. 
A. V: 1:1, 1:100 Agglutination. 

1 : 300 zahlr. isol. vereinzelte lockere Gruppen. 
A. VI: 1:1 Agglutination. 

1:100 diffus isolirte zwischen dens. einzelne 
Häufchen. 

A. VII— X: 1:1, 1 : 100 wie Contrpr. 

A. XI: 1:1 diffus isol., dazwischen Haufen. 
1 : 100 einzelne Häufchen, sonst isol. 
A. XII: 1:1, 1 : 100 wie Contrpr. 
B. c. Pf.: 1:1, 1:100 „ ,^ 

Serum 158 (Stamm A. VU). 

Untersuchung: Anfang April 1900, Aderlass: 3. IV. 24 stund. Culturen. 
nach 2Va Stunden: A. VH: 1:1, 1:50, 1:200, 1 : 300 wie Contrpr. 
A. I-IV: 1:100 dasselbe. 

Serum 149 (Stamm A. IX). 

Untersuchung: Anfang April 1900, Aderlass 3. IV. 24 stund. Culturen. 
nach 2V2 Stunden: A. IX: 1:1, 1:50, 1:200, 1:300 wie Contrpr. 
A. I— IV: 1 : 100 dasselbe. 

Serum 144 (Stamm A. XII). 

Untersuchung: Anfang April 1900, Aderlass 3. IV. 24 stund. Culturen. 
nach 2V2 Stunden: A. XU: 1:1, 1 : 50, 1 : 200, 1 : 300 wie Contrpr. 
A. I— rV: 1 : 100 dasselbe. 

Um eine bessere Uebersicht der Resultate, die oft durch mehrmalige 
Untersuchungen gewonnen waren, zu ermöglichen, sind dieselben in den 
folgenden 2 Tabellen zusammengestellt; und zwar betrifft die erste der- 
selben die Agglutination der Stamme F. I bis V, B.' c. m. F. 0. 1 bis IV, 
Sei. I bis UI durch ein Immunserum eines dieser Stämme, bei einem 
Mischungsverhältniss 1:1; in der 2. Tabelle sind die Agglutinationswerthe 
für die Stamme A. I bis XII zusammengestellt, bei Mischung mit Immmi- 
serum dieser Stämme. Die Untersuchungen über die Beeinflussung der 
Stämme durch ein Immunserum der anderen Gruppe, welche in allen 
Fällen ein negatives Resultat ergeben hatten, wurden in die Tabellen nicht 
aufgenommen. 



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DlFFERENTIALDIAGNOST. UnTERSüCHUNGEX tJBEB KaPSELBAKTERIEN. 21 





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22 



Paul Clalbmokt: 



Tabelle IL 

Ueber die Agglutinationswerthe der Stamme A. I bis XII unter Einfluss 

verschiedener Immimsera. 



§1 

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Befund nach 2 bis 3Vt Standen 



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166 
278 
169 
64 
158 
149 
144 



'I 



A.U 

A.m 

A.IV 
A.V 
A. VII ! 
A.IX 
A.XII 



400> 



> 



> '3 ^ >< X X 



-<i<'^ < <\< 



>400 < 200>400 >400 ' 400> ' 
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100>300 >300 , t00>300 >300 ! 
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>300 100> 
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I 

I - 



100>300il>100 



ojo 
ojo 
o,oi 

ojo' 

— 



00 

o'o 
olo 



' : :,:i!::':; 



Bei dem Versuch mit Hülfe des Phänomens der Agglutination inner- 
halb der EapselbacilleDgnippe eine Differentialdiagnose zu ermöglichen, 
waren folgende Fragen zu beantworten: 

Wie verhält sich normales Kaninchenserum gegenüber den zur Im- 
munisirung verwendeten Stämmen? 

Wirkt das Serum immunisirter Kaninchen agglutinirend auf den 
homologen Stamm? 

Wie verhalten sich diese Agglutinine gegenüber heterologen Stammen? 

AVie verhalten sich dieselben gegen eine andere Species? 

Noch bevor die Immunisirung der Kaninchen begonnen worden war, 
wurde das Serum von 4 Thieren auf sämmtliche Stamme, welche zur 
Immunisirung benutzt wurden, geprüft Diese Untersuchungen ergaben 
in nahezu allen Fällen ein negatives Resultat. Nur die als A. n und HI 
bezeichneten Stämme zeigten unter Einwirkung von normalem Serum (1:1) 
die Neigung Häufchen zu bilden. Es kam jedoch nie zu vollkommener 
Agglutination. Der einzige Stamm, der dieselbe zeigte, war der Bacillus 
capsulatus septicus. Dieser zeichnete sich schon in der Bouilloncultor 
durch die Neigung aus, längere Stäbchen und Fäden zu bilden. Bei 
Zusatz von normalem Serum bildeten sich Häufchen und ausgesprochene 
Fadenbildung. Dieser Befund, das culturelle Verhalten des Bacillus cap- 
sularis septicus, sowie die damit ganz übereinstimmende Angabe Kruse's, 
dass eine Cultur des Bord oni' sehen Bacteriums, die im Bonner hygi- 
enischen Institute gezüchtet wurde, „eine entschiedene Neigung zur 
Bildung längerer Stabchen und Fäden zeigte, sich sogar kaum von der 



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DlFFEKEXTIALDIAGNOST. UNTERSUCHUNGEN ÜBER KaPSELBAKTERIEN. 23 

eines B. coli unterschied", waren der Grund, warum der B. caps. sept. 
ZQT Differentialdiagnose auf Orund der Serodiagnostik überhaupt nicht 
herangezogen wurde. Ferner war die Thatsache, dass Stamm A. II und UI 
von normalem* Serum beeinflusst wurden, insofeme von Wichtigkeit, als 
dadurch die Möglichkeit nahegelegt wurde, dass auch andere diesen nahe- 
stehende Stamme (so Tor allem A. I, IV und Y) durch normales Serum 
in gleicher Weise beeinflusst werden konnten, und dass für agglutinirende 
Immunsera höhere Werthe als 1 : 1, die sich im normalen Serum unwirk- 
sam erwiesen, gefordert werden mussten, wenn dieselben als specifisch 
angesehen werden sollten. 

Von den 16 untersuchten Immunsera zeigten nur 4 agglutinirende 
Wirkung auf den Immunstamm, eines war yon unbestimmter Wirkung, 
die übrigen 11 ohne jegUchen Einfluss, selbst bei einem Verhältniss von 1:1. 
Positive Resultate gaben die Sera der Kaninchen 166, 278, 169 und 64, 
welche mit den Stänmien A. 11 bis V immunisirt worden waren, einen un- 
bestinmiten Befund Serum 287, welches von einem mit Stamm F. II vor- 
behandelten Thiere stammte. Unter dem Einfluss dieses Serums zeigte 
nämlich der homologe Stamm nach 6 Stunden beginnende Fadenbildung. 
Es bestand somit in diesem Falle zwar keine Agglutination, wohl aber 
schien ein anderes Phänomen, dessen Zustandekommen auf Rechnung eines 
im Serum enthaltenen Immunkörpers gesetzt werden konnte, vorhanden 
zu sein. Nach 24 Stunden aber war diese Erscheinung nicht weiter aus- 
gebildet, wie zu erwarten gewesen wäre; vielmehr liess sich in dem Prä- 
parat mit Serumzusatz kein Unterschied gegenüber einem Controlpräparat 
feststellen. 

Alle mit den übrigen Stämmen angestellten Versuche ergaben, wie 
schon gesagt, negative Resultate. 

Die obere Verdünnungsgrenze der 4 agglutinirenden Sera wurde zwar 
nicht bestimmt, doch trat die Agglutination in fast allen Fällen bei einer 
Verdünnung 1 : 100 sicher ein. Mit Rücksicht darauf konnte die Agglu- 
tination mit Bestimmtheit als eine Wirkung der Immunsera angesprochen 
werden, nachdem normales Serum bei einer gleichen Verdünnung keine 
agglutinirende Wirkung mehr gezeigt hatte. Die Stämme A. II bis V 
waren alsBeispiele des Escherich'schen Bac. lactis aSrogenes reingezüchtet 
worden. Es scheint von Wichtigkeit, dass nur bei Immunisirung mit 
diesen Stämmen Agglutinine im Immunserum auftraten. Das Serum von 
Thieren, die mit verwandten Stämmen, jedoch anderer Herkunft wie aus 
cystitischem Harn, aus dem Respirationstract, behandelt worden waren, 
war wirkungslos: Besonders auffallend war dies für den Stamm A. IX, der 
aus dem Stuhl eines Erwachsenen stammte, in dessen Serum aber keine 
Agglutinine nachgewiesen werden konnten. 



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24 Paul Clairmont: 

Mit der negativen Beantwortung der 2. Frage war auch die in Betreff 
heterologer Stamme gegeben. Doch konnte mit Rücksicht auf die Unter- 
suchungen Ton Kraus und Donath die Möglichkeit, dass heterologe 
Stamme ohne möglichen Nachweis yon Agglutininto für 4en homologen 
Stamm durch ein Immunserum agglutinirt würden, nicht angeschlossen 
werden. Dies bezog sich nach Angabe der Autoren namentlich auf Sclerom- 
stamme. Die Unt^^uchungen zeigten aber, däss von einer typischen 
Constanten Erscheinung nicht die Bede sein kann. Es wurden zwar die 
Stamme Sei. I bis III durch verschiedene heterologe Immunsera so beein- 
flusst, dass sie einzelne Fäden oder beginnende Fadenbildung aufwiesen, 
doch trat diese Erscheinung nur bei einem Verdünnungsverhältniss 1:1 
und nie in Form einer kräftigen vollkommenen Agglutination aut Der 
B. Caps. muc. Fasching, über dessen Stellung zum Sclerombacillus später 
noch die Bede sein soll, zeigte andererseits bei Zusatz eines heterologen 
Immunserums 2 Mal Häufchen-, 4 Mal Fadenbildung. Leider war es nicht 
gelungen, Kaninchen mit diesem Stamm zu immunisiren, da derselbe zu 
ausserordentlich schweren necrotischen Processen führte. Und auch bei 
verschiedenen anderen Stänmien wie z. B. F. II, 0. II und III konnte 
unter Einfluss heterologer Immunsera Wachsthum in Fadenfonn nach- 
gewiesen werden. 

Nach diesen Untersuchungen scheinen die Befunde von Kraus und 
Donath keine specifische Bedeutung zu haben und wären nur mit Vor- 
sicht als Stütze der Pal tauf 'sehen Hypothese über das Verhalten des 
Sclerombacillus zum Friedländer'schen Kapselbacillus heranzuziehen. 
Immerhin ist es auffallend, dass der Bac. caps. muc. Fasching, welcher 
dem Sclerombacillus verwandt zu sein scheint, so häufig Veränderungen 
zeigte. Für diesen Stamm mag vielleicht dessen lange Fortzüchtung auf 
künstlichen Nährböden, seit dem Jahre 1889, die im Sinne einer Ent- 
diflferenzirung gewirkt haben kann, in Betracht gezogen werden. 

Wesentlich wichtiger waren die Befunde, welche sich auf die agglu- 
tinirenden Immunsera bezogen. Diese brachten nämlich nicht nur die 
homologen, sondern auch heterologe Stamme zur Häufchenbildung, unter 
den letzteren aber nur eine bestimmte Gruppe und zwar jene, welche 
denselben Fundort hatten, während alle übrigen unbeeinflusst blieben. Es 
wurden sämmtliche Stämme, die aus Säuglingsfaces reingezüchtet worden 
waren, durch jedes Immunserum dieser Stämme agglutinirt. In der Höhe 
der Agglutinationswerthe lagen deutiiche Unterschiede vor. So wurden 
die Stämme A. II und IV immer vollkommen, A. I, III und V nicht 
vollkommen und nur bei schwächerer Verdünnung agglutinirt, obwohl 
auch hier, wie mehrmalige Control versuche ergaben, ßeinculturen vor- 
lagen. Dieser Verdacht musste namentlich für Stamm A. I, der sich durch 



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DiFFEBENTIALDIAGNOST. UNTERSUCHUNGEN ÜBER KaPSELBAKTERIEN. 25 

Indolbildung von den Stammen A. II bis V unterschied, widerlegt 
werden. 

Wenn wir unsere Erfahrungen über die Agglutination des B. coli auf 
die hier gewonnenen Resultate anwenden, so kann aus denselben auf eine 
Niohtidentitat der Stamme A. VI bis XII mit den Stammen A. I bis V 
nicht geschlossen werden. Doch scheint es berechtigt, die letzteren von 
den ersteren als besondere Gruppe zu trennen, zumal mit Rücksicht darauf, 
dass die Stamme A. YI bis XII bei Immunisirung keine Agglutinine 
bildeten und sich hierin den Stammen F. I bis V u. s. w. anschlössen. 



B. Schutzwirkung. 

In zweiter Reihe wurden die Immunsera auf schützende Wirkung 
bei Infectionen von Thieren geprüft; auch hier wurde diese Wirkung 
sowohl auf den homologen als auf heterologe Stamme untersucht Die 
Versuche wurden mit den Stammen F. I bis V, 0. I, IV und IX, mit 
dem Serum der Thiere 147, 287, 157, 97, 21, 282, 92 angestellt und 
zwar an Mäusen und Meerschweinchen, für welche die genannten Stamme 
stark pathogen waren. 

Weissen Mäusen wurde an der Schwanzwurzel eine sicher todtliche 
Menge (1 Oese einer 24 oder 2 Mal 24 stündigen Agarcultur) unter die 
Haut eingerieben, danach sofort 1.0 ^°" eines Immunserums intraperitoneal 
injicirt. Bei den Versuchen an Meerschweinchen wurde die ebenfalls 
sicher letale Dose (1 Oese einer Agarcultur) in einem Stamperglas in 
1-0 bis 2*5 ^^•^ eines Immunserums aufgeschwemmt und die Emulsion 
intraperitoneal injicirt. 

Die folgenden Protokolle geben die Resultate wieder: 

Tabelle III. 
1. Versuch an weissen Mäusen am 17. 1. 1900 12 Uhr Mittags. 



« .1 

S»t stamm 



1 

2 

81 
4 
5 
6 
7 
8 
9 
10 



F.I 



F. II 



F. IV 



O.I 



O.IV 



Impfmaterial 



Resultat 



Cultur aus d. 
I Herzblut 



1 Oese I 

'l Oese + 1«0«^ Serum 147 
I In Oese 1 

1 Oese + 1-0 «*^" Serum 287 

l Oese 
l Oese + l-0<^"° Serum 157 

1 Oese 
1 Oese + l'O«"» Serum 97 

1 Oese 
1 Oese + i.0<««» Serum 21 



Exitus am 20. 1. 8»» M. (68 Std.) positiv 
,. 22. 1. 8»» M. (116 St)! 
„ 21.1. 8" M. (92 Std.) 

,. 19.L8»'M. (44Std.)| negativ 

überlebt — 

,. 18.1. 10»» M. (22 St.) negativ 

„ 19. 1. 8»» M. (44 Std.) positiv 
.. 20. 1. 8»» M. (68 Std.) 

„ 18. 1. 4»» N. (28 Std.) nicht secirt 

„ 18.1. 10»» M. (22 St.) negativ 



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26 



Paul Clairmont: 



Tabelle IV. 
2. Versuch an Meerschweinchen am 7. IL 1900 3 Uhr Nachmittags. 



S»^ Stamm I 



1 Oese Cultur auf- 
geschwemmt in 



Resultat 



I Cultur aas d. 
Herzblut 



l 
2 

3 

4, 
5| 
61 
7 

S' 
91 
10 



F. I 



P.II 



F. III 



F. IV 



F. V 



l.Qccm Kochsalzlösung |8. II. sehr krank, 9. II. Exitus 

1»0 „ Serum 147 Exitus am 8. IL 5*» Nachm. 

1*0 „ Kochsalzlösung J8.II. wenig krank, überl. (24. II.) 

1*0 M Serum 287 8. II. matt, Exitus am 21. IL 

1*0 „ Kochsalzlösung 8. II. gesund, Exitus am 14. IL 

1-0 .. Serum 282 Exitus am 8. IL lO"» Morg. 

2*5 ,, Kochsalzlösung 8. IL krank, Exitus am 9. II. 

2*5 „ Serum 157 8. IL gesund, überlebt (24.11.) 

2-5 „ Kochsalzlösung Exitus am 8. IL 10^ Morg. 

2-5 „ Serum 92 „ „ 8.11. b^ Nachm. 

Tabelle V. 
3. Versuch an Meerschweinchen am 23. II. 1900. 



positiv 



negativ 
positiv 



positiv 






Gew. 
in grm 

320 
340 
340 



I 



! 1 Ocse Cultur auf- 



Stamm ' ^^^f ^"^'"1 ?" 
! geschwemmt m 



Resultat 



Cultur aus 
d. Herzbht 



F. IV 



400 



2-5« 

2-5 

2-0 

1-0 



positiv 



Exitus am 24. IL 3" Nachm. 

.. „ 24. IL S^ .. ; 

24. IL krank, 28. IL ziemL frisch, 
Exitus am 11. IIL i 

24. IL frisch, überlebt (5. nL)| — 
(hat nach ca. 1 Monat einen j 
haselnussgrossen Knoten in 
den Bauchdecken) I 

Tabelle VI. 
4. Versuch an Meerschweinchen am 23. III. 1900 7 Uhr Abends. 



norm. Serum 
Serum 157 
157 

„ 157 





lewicnt 1 
grm 


l i 


380 


2 


880 


8 1 


240 


4 


250 


5 


360 


6 


280 


7 


400 


8 1 


300 


9 1 


240 


10 ! 


340 


U 1 


260 


12 1 


230 



1 Oese vom| 
Stamm 



Serum 



Resultat 



Cultur aus d. 
I Herzblut 



F. IV I 



F.I 



F. V 



O. IX 



normal 

157 

157 

21 

normal 

157 
normal 

157 

157 

normal 

157 

21 



Exitus am 24. III. 

desgl. 

desgl. 

desgl. 
Exitus am 25. IIL 
.. 24. IIL 

desgl. 

desgl. 

desgl. 

desgl. 



positiv 



desgl. 



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DlFFEKENTIALDIAGNOST. UnTEKSUCHÜNGEN ÜBER KaPSELBAKTERIEN. 27 

Bei den Meerschweinchenversuchen wurde zur Controle stets ein Thier 
Terwendet, dem die letale Dose in der gleichen Weise eingebracht wurde, 
wie dies im Versuch durch Aufschwemmen im Immunserum geschah. 
Hierzu wurde zuerst physiologische Kochsalzlösung, später, um auch die 
geringe baktericide Wirkung derselben auszuschalten, viel zweckentsprechen- 
der normales Serum verwendet, weil zugleich das vollkommene Fehlen 
einer Schutzwirkung durch Serum an und für sich erwiesen wurde. — 

Wie die Protokolle zeigen, gelang es nicht, im Serum verschiedener 
immunisirter Thiere Schutzkörper nachzuweisen. Die bezüglichen 
Versuche sind derart einwandsfrei negativ, dass eine besondere Besprechung 
derselben unnöthig erscheint. Nur Folgendes sei zu denselben erwähnt. 

Bei den Versuchen überlebten 2 Control thiere; es waren dies eine 
mit Stamm F. IV geimpfte Maus und ein mit F. II inficirtes Meer- 
schweinchen (2. Versuch). Der letztere Stamm hatte schon nach seiner 
Beinzüchtung eine geringe Pathogenität für Meerschweinchen gezeigte 
Ein im März vorigen Jahres (siehe Tabelle XII am Schluss der Arbeit) 
mit 1 Oese intraperitoneal geimpftes Meerschweinchen war erst nach 
8 Tagen mit positivem Bacillenbefund im Herzblut eingegangen. Eine 
Abschwächung der Pathogenität war leicht durch die lange Fortzüchtung 
ohne Thierpassage zu erklären. In derselben Weise ist vielleicht das 
Ueberleben der Maus bei Impfung mit Stamm F. IV zu erklären. Doch 
ist es auch möglich, dass es sich bei diesem Thier um eine individuelle 
Widerstandsfähigkeit handelte, da 2 andere mit der gleichen Menge des- 
selben Stammes — allerdings früher — geimpfte Mäuse nach 36 bezw. 
60 Stunden eingingen. 

Umso auffallender war es, dass die Versuchsthiere, welchen diese beiden 
Controlthiere entsprachen, eingingen. Und zwar kam die Maus (Nr. 6 
des 1. Versuches) schon nach 22 Stunden, das Meerschweinchen (Nr. 4 des 
2. Versuches) erst nach 13 Tagen ad exitum, beide mit negativem Befund 
des Herzblutes, ebenso wie dies bei den Versuchsthieren Nr. 4 und 10 
des 1. Versuches der Fall war, deren zugehörige Controlen erst später 
eingingen und positiven Befund zeigten. Danach scheint es, wie wenn 
die Immunsera nicht nur keine schützende, sondern eine geradezu schädi- 
gende Wirkung gehabt hätten. 

Nachdem eine direct schädigende Wirkung des Serums wohl auszu- 
schliessen ist, kann für diese Erscheinung vielleicht folgende Erklärung 
gegeben werden. Im Controlthier kommt es erst zu einer reichlichen Ver- 
mehrung der Bakterien bei einer anfangs geringen Auflösung derselben, 
die später zunimmt. Das Thier erliegt den freigewordenen giftigen Sub- 
stanzen der Bakterienleiber, nachdem die Mikroorganismen Zeit hatten, 



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28 Paul Clairmokt: 

sich in den Geweben zu vermehren.^ Im Versuchsthier kommt es unter 
Einfluss des Immunserums, dem ein ganz geringer, zur Schutzwirknng 
unzureichender und deshalb nicht nachweisbarer Gehalt von Antikörpern 
zukommt, zu einer raschen vollständigen Auflösung der eingebrachten 
Bakterien. Das Thier steht den schnell freigewordenen, überwältigenden 
Mengen von giftigen Proteinen gegenüber, nachdem sich die Antikörper 
an der Zerstörung der Bakterien erschöpft haben. Es erliegt denselben, 
ja es geht früher zu Grunde als das entsprechende Gontrolthier, das nur 
auf seine eigenen Schutzkräfte angewiesen war, trotz oder richtiger gerade 
wegen der Einverleibung des Immunserums. Die Bakterien wurden auf- 
gelöst, ehe sie sich vermehren und in die Gewebe eindringen konnten. 
So entfallt ihr Nachweis im Herzblut des todten Thieres. 

Dieselben Vorgänge werden bei Besprechung des verschiedenen Ver- 
haltens der Stamme in Bezug auf Thierpathogenität herangezogen werden 
müssen. Und es mag dieselbe Erklärung vielleicht auch zum Verstand- 
uiss der sogenannten üeberempfindlichkeit bei fortgesetzter Infecticm mit 
kleinsten Mengen eines Infectionserregers beitragen. 

Schliesslich sei noch ein Resultat des 8. Versuches besprochen. Das 
4. Meerschweinchen, dem 1.0*^^" Immunserum injicirt worden war, über- 
lebte die Infection, während 2 andere Thiere nach Injection von je 2*5 
und 2-0 ^^^^^^ desselben Immunserums eingingen. Nur um die Einheit- 
lichkeit dieses Versuches nicht stören zu lassen, sei betont, dass dieses 
Thier nach 1 Monat einen Hasselnuss grossen Knoten in den Bauchdecken 
zeigte, so dass wahrscheinlich ein Versuchsfehler in der Weise vorlag, 
dass die Injection nicht intraperitoneal, sondern subcutan oder wenigstens 
theilweise subcutan erfolgte. 

C. Der Pfeiffer'sche Versuch. 

Anschliessend an die Prüfung des Immunserums auf Schutzwirkung 
sei nur kurz über die Verwerthbarkeit des Pfeiffer* sehen Versuches zur 
Differentialdiagnose innerhalb der Gruppe der Kapselbakterien berichtet. 
Sein Princip deckt sich ja mit dem der eben besprochenen Versuche. 

Bezüglich der Litteratur lag eine Angabe von Duclaux* vor, nach 
welcher das Pfeiffer'sche Phänomen bei dem Friedländer'schen Pneu- 
moniebacillus auftritt. 

Es wurden in dieser Richtung nur einige wenige Versuche angestellt 
Vor allem deshalb, weil eine Grundbedingung des Pfeiffer' sehen Ver- 



* A. Radzievsky, Ueber Infection. CentralbL f. BakterioL Bd. XXVIII. S. 161. 

* TraiiS de Microbiologie. Bd. II. p. 730. 



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DiFFERENTIALDIAGNOST. UNTERSUCHUNGEN ÜBER KaPSELBAKTERIEN. 29 

saches, die Pathogenität des betreffenden Stammes für die verwendete 
Thiergattimg, bei den ein Immunserum liefernden Stammen A. I— V 
nicht vorhanden war. 

Die Bakterien der Gruppe zeigten übrigens Eügelchenbildung, wie es 
Radzievsky auch in ausführlicher Weise für die Coligruppe beschrieb: 
wurde von einem nicht pathogenen Stamme (z. B. 0. II, Sei. I) 1 Oese 
JQ 1 com normalen Serums aufgeschwemmt und einem gesunden Meer- 
schweinchen in die Peritonealhöhle injicirt, so fanden sich schon nach 
10 Minuten bei Entnahme einer Probe mit steriler Glascapillare zahl- 
reiche Kügelchen; nach 45 Minuten waren nahezu keine Stabchen mehr 
vorhanden, sondern ausschliesslich Kügelchen. In diesem Fall war also 
das Pfeiffer'sche Phänomen der Ausdruck der natürlichen Im- 
munität des Thieres gegen den benutzten Stamm. 

Hingegen zeigten pathogene Stämme wie F. I bei Emulsion 1 Oese 
in 1 «0 ^^™ normalen Serums nach intraperitonealer Injection (Meerschwein- 
chen) bei einstündiger Beobachtung nur vereinzelte Kügelchen. An den 
im Thierkörper sich rasch vermehrenden Bakterien konnte gut das Auf- 
treten von Kapseln beobachtet werden. 

UeberbUcken wir noch einmal kurz die Versuche, deren Zweck es 
war, die Serodiagnostik in der Gfruppe der Kapselbacillen zu verwenden, 
so finden wir, dass durch die Agglutination nur ein kleiner Bruchtheil 
der untersuchten Stamme als zusammengehörige Gruppe festgestellt werden 
konnte, dass alle übrigen Stämme überhaupt keine Agglutinine bildeten, 
und dass Schutzkörper in dem Serum immunisirter Tbiere nicht auftraten. 
Die Versuche zeigten, dass die Immunisirung mit den meisten Stämmen, 
und zwar F. I— V, B. m. c. F., 0. 1— IV, Sei. I, III, A. VH, X, XU, 
im Serum der betreffenden Thiere keine Entwickelung uns nachweisbarer 
Schutzstoffe zur Folge hatte. Diese Erscheinung bildet hiermit geradezu 
eine Eigenart der untersuchten Mikroorganismen. 

Die serodiagnostische Methode war damit als unbrauchbar erwieseii, 
and es musste auf jene schon oft benutzten Momente zurückgegriffen 
werden, um durch deren Erweiterung und genaue Feststellung unter 
m^lichst gleichen Bedingungen die misslungene Differenzirung nochmals 
zu versuchen. Wenn es sich früher als zweckmässiger erwiesen hatte, 
von bestimmten, aber nicht bindenden, vom Fundort genommenen Be- 
zeichnungen der Stämme auszugehen, so musste jetzt jeder einzelne Stamm 
als solcher beschrieben werden, da ja die Bakterien in verschiedener 
Localität doch identisch sein konnten. (Tabelle X am Schluss dieser 
Arbeit.) 



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30 Paul Claibmont: 

II. Caltnrelle8 Verhalten. 

Ohne zunächst auf die allgemeine Charakteristik der Eapselbacillen- 
gruppe einzugehen, sei unter den zahlreichen Autoren, welche den Um- 
fang dieser Gruppe begrenzen, Fricke citirt, der seine Arbeit über den 
Bacillus mucosus capsulatus folgendermaassen einleitet: 

„Die Bezeichnung „Bacillus mucosus capsulatus" gebührt nicht aus- 
schliesslich einer Bakterienart; sie kommt vielmehr einer Gruppe von 
Mikroorganismen zu, welche ihre Zusammengehörigkeit durch eine Reihe 
von Constanten Eigenthümlichkeiten kund geben. Ausser der ihnen mit 
verschiedenen anderen Bakterienarten gemeinsamen Eigenschaft der Eapsel- 
bildung sind sie dadurch gekennzeichnet, dass sie auffallend grosse pleo- 
morphe Stabchen darstellen, welche keine Sporen bilden, keine Eigenbe- 
wegungen zeigen und nach der Gram 'sehen Methode für gewöhnlich sich 
nicht färben lassen; femer haben sie die Eigenart, auf der Oberfläche der 
verschiedenen festen Nährböden in Gestalt von üppigen, schleimigen Auf- 
lagerungen zu wuchern, und im Gelatinestich, ohne dass jemals Ver- 
flüssigung eintritt, in mehr oder weniger ausgesprochener Weise die so- 
genannten Nagelculturen zu formen." 

Während die zuerst beschriebenen Eigenschaften wie Uubeweglichkeit, 
Kapselbildung, Pleomorphismus u. s. w. für den Nachweis im nativen 
oder gefärbten Deckglaspräparat Anhaltspunkte gaben, war durch die be- 
kannte Eigenart dieser Bakterien, auf festen Nährböden üppige schleimige 
Auflagerungen zu bilden, in Combination mit den allmäMich in der 
Litteratur bekannt gewordenen Fundstätten derselben, ein Fingerzeig far 
deren Reinzüchtung gegeben. Hierzu konnte die im Institut geübte Methode 
der Isolirung mittels Agarplatten benutzt werden und zwar mit Vorthäl 
insofern, als schon das Aussehen der Agarculturen in gewissem Sinne 
specifisch sein musste. 

A. Wachsthum auf Agar. 

Während von verschiedenen Seiten (Bandler, Chiari, Fricke, de 
Simoni u. s. w.) Glycerin- oder auch Serumagar (Hebert) benutzt worden 
war, wurde in den eigenen Beobachtungen ausschliesslich Agar-Agar ver- 
wendet. Es lag kein Grund vor, das Wachsthum befordende Zusätze zu 
gebrauchen, da schon auf Agar allein üppiges Wachstum der untersuchten 
Stämme auftrat. 

In der Litteratur finden sich äusserst zahlreiche Angaben, von denen 
die meisten Strich- und Stichculturen, nur wenige das makro- und mikro- 
skopische Aussehen isolirter Colonieen auf der Platte beschreiben. 



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DrFFEEENTIALDIAGNOST. UNTERSUCHUNGEN ÜBEB KaPSELBAKTEEIEN. 31 

Die in den eigenen Untersuchungen beobachteten Stämme glichen 
sich sowohl unter einander als auch den anderen schon bekannten Arten. 

Auf schief gelegtem Agar kam es zur Bildung eines mehr oder weniger 
erhabenen, durchscheinend grauweissen-graugelben oder auch grauen spie- 
gelnden Rasens mit scharfer, glatter oder flachwelliger Begrenzung und 
verschiedener Gonsistenz. In den Stichculturen entwickelte sich eine analoge 
Oberflächenauflagerung mit körnigem oder mehr gleichmässig bandförmigem, 
grauweissem, weissem oder grauem Wachsthum im Stich. Analoge, fast 
gleichlautende Angaben finden sich in den Arbeiten von Abel, Bandler, 
Chiari, Dittrich, v. Dungern, Paltauf -v. Eiseisberg, Fricke, 
Gessner, Hebert, Herla und vielen anderen mehr. Doch ziehen nur 
einige wenige von den genannten Autoren bestimmte Momente im Aus- 
sehen dieser Gulturen wie Durchsichtigkeit, Gonsistenz, Beschaffenheit der 
Oberfläche und Ränder, Ueppigkeit des Wachsthums (Abel, Bandler, 
Kockel, Löwenberg, Rydigier, de Simoni) als differential-diagnostisch 
verwerthbar heran. 

Entsprechend der Methode der Reinzüchtimg wurden die ersten Be- 
obachtungen an isolirten Golonieen auf Agargussplatten angestellt. Dies- 
bezügliche Beschreibungen hatten Bandler, Ghiari, Dmochowski, 
Fricke, Gerber und Podack, Herla, Ali Krogius, de Simoni 
u. s. w. gegeben, deren Mehrzahl sich auf das makroskopische Aussehen 
der Golonieen bezog. 

Es ist eine bekannte Thatsache, dass von den Symptomen, welche 
das Bild einer Golonie bedingen, zahlreiche nicht allein von der Eigenart 
der betreffenden Mikroorganismen, sondern auch von der Beschaffenheit 
der Nährböden bestiihmt werden. So hängt die Farbe der Golonieen theil- 
weise von der Farbe des Nährbodens, die Grösse der Golonieen von ihrer 
Anzahl auf der Platte ab. Nahezu alle untersuchten Stänmie zeigten je 
nach Betrachtung der 1. 2. oder 8. Platte ganz verschiedene Grössen. 

Yerlässlichere Momente sind Erhabenheit und Glanz einer Golonie, 
ihre Oberflächen- und Randbeschaffenheit, wenn auch hier Schwankungen 
vorkommen, sowie ihre mikroskopische Zeichnung. In Betreff der erst- 
genannten Eigenschaft konnten für die untersuchten Stämme 4 Elevations- 
grade unterschieden werden, welche ihren Ausdruck in den Bezeichnungen: 
kugelig erhabene oder halbkugelige Golonieen (F. I bis III, IX, X, 0. III. 
VI, IX, Sei. III), flachkugelig erhabene oder kurzweg erhabene (F. IV 
bis IX, 0. I, Sei. IV, A. m, A. VI), flach erhabene (B. c. m. F., 0. II, 
IV, VII, VIII, Sei. I, II, A. II, IV, V, VII, Vni) und flache Golonieen 
(0. IV, Sei. I, B. c. Pf., A. V, VIII, IX bis XII, B. c. s.) finden sollten. 

Eine allen Stämmen gemeinsame Eigenschaft war die scharf kreis- 
förmige Gestalt der Golonieen, von der nur ein Stamm eine Ausnahme 



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32 Paul Clairmont: 

machte. Doch wichen aach dessen Golonieen nur unwesentlich von den 
übrigen ab, indem die regelmässige Ereisform durch kleine Aus- und Ein- 
buchtungen verwischt wurde. Wie die früher allgemein beschriebenen 
Strichculturen zeigten auch die isolirten Golonieen verschiedene Farben- 
nuancen, die in allen Uebergängen von einer überhaupt geringen bis zu 
einer durchscheinend oder opakgrauweissen, graugelben oder grauen Eigen- 
farbe schwankten. Nach diesem Gesichtspunkt geordnet, zeigten die Stamaie 
F. II, V, B. c. m. F., 0. III bis V, Sei. I, 11 nur wenig Eigenfitrbe; 
mehr oder weniger durchscheinend grauweiss waren die Cdonieen von 
F. I, IV, VIII bis X, 0. I, II, VIII, Sei. lU, A. lU, VI, VH, grau- 
gelb 0. IX und Sei. IV, gelbweiss F. III und 0. VI, undurchscheinend 
graue Golonieen bildeten Stamm 0. VII, B. c. Pf., A. I, V, VIII bis 
XII, 6. c. s. und endlich A. II und IV mit opaker, schmutzig weisser 
oder gelbweisser Eigenfarbe. Einige Stamme und zwar die als A. I bis 
XII, B. c. Pf. bezeichneten zeigten bei längerem Verweilen der Platten in 
der Brutkammer (3 bis 4 Mal 24 Stunden) eine Veränderung der Farbe 
der Golonieen, indem dieselbe opaker und mehr weiss wurde. 
Andere Stämme zeigten diese Erscheinung nicht oder nur in ganz geringem 
Moasse, so dass sich hierin ein deutlicher Unterschied darbot Noch 
besser konnte dies an Strichculturen auf schief gelegtem Agar beobachtet 
werden, welche zugleich mit der Farben Veränderung einen Verlust des 
feuchten Glanzes zeigten. Es mag diese Erscheinung wohl mit der Aus- 
trocknung und zwar mit der rascheren Austrocknung in Folge einer ge- 
ringeren Menge schleimiger Zwischensubstanz zusammenhängen. 

Andere Eigenschaften wie Glanz, Gonsistenz, Wachsthumsüppigkeit, 
Rand- und Überflächenbeschaffenheit der Gultur Hessen* sich ebenfalls besser 
an Strichculturen beobachten. Der intensive Glanz, die glatte, spiegelnde 
Oberfläche der Gultur ist eine der ganzen Gruppe zukonunende Eigen- 
thümlichkeit. Bei den meisten Stämmen war dies auch der regelmässige 
Befund; nur bei einigen wie A. IV, V, IX, XI fand sich eine unebene, 
runzlige oder chagrinirte Oberfläche. Die Randzone der Strichculturen 
ist meist höher als der centrale Theil, in dem die Gultur abfliesst, oft 
festonartig und mit einer paUisadenförmigen Zeichnung versehen. Der 
scharfe Randeontour ist entweder geradlinig oder kleing;ewellt (A. III. 
V, VII), nur ganz ausnahmsweise sogar gelappt (A. 11, 12). 

Der verschiedenen Gonsistenz, welche ihren Ausdruck in dem lang- 
samen oder raschen Abfliessen des Rasens in die Kuppe des Beagens- 
röhrchens und in der Beschaffenheit des Gondenswassers findet, wurde 
von Abel, Fricke, Kockel, Löwenberg, neuerdings namentlich von 
de Simoni besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Abgesehen davon, dass 
die Gonsistenz auch von dem Wassergehalt des Nährbodens abhängt, lassen 



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DUTEBENTIAIiDIAGNOST. UnTEESUCHUNGEN ÜBEB KaPSELBAKTEBIEN. 33 

sich bei den nntersnohten Stämmen weder so constante, noch so hoch- 
gradige Gonsistenzunterschiede erheben, welche zur Differentialdiagnose 
branchbar wären. Vor allem zeigen die ans Ozaenasecret gezüchteten 
Stamme in dieser Hinsicht keine unbedingte Verschiedenheit gegenüber 
den anderen Stämmen. Auch aus Scleromfallen gezüchtete Stänune 
(Sei. 11, IV) oder der als Friedländer's Bac. pneumoniae geltende 
Laboratoriumsstamm F. X waren stark abfliessend, so dass auf der Agar- 
oberfiäche nur eine dünne durchscheinende Schleimschicht zurückbUeb. 
Andererseits zeigte der B. caps. m. Fasching eine so stark Menziehende, 
zähe Beschaffenheit, dass es nur schwer gelang, den an der Agarober- 
fläche festhaftenden Belag mit der Oese abzustreifen. 

Endlich wurde auch ein verschieden rasches Wachsthum der Arten 
auf Agar (Rydigier), namentlich aber in Gelatine (Wolkowitsch, 
Chiari) behauptet. Die differentialdiagnostische TJnverwerthbarkeit dieses 
Momentes wurde von Paltauf betont, dessen Angabe, dass auch Sclerom- 
culturen bei Züchtung aus dem Thierkörper recht üppige Wucherung 
zeigen, gelegentlich der Isolirung des Stammes Sd. FV aus eben excidir- 
tem Scleromgewebe bestätigt werden konnte. Bei längerem Fortzüchten 
auf künstlichen Nährböden zeigten die Scleromculturen allerdings die 
Neigung, sich langsamer und weniger üppig zu entwickeln. 

Während den besprochenen Eigenschaften der Agarculturen eine un- 
bedingte differentielle Bedeutung wegen ihrer grossen Variabilität und 
Abhängigkeit von äusseren Umständen nicht zukommt, scheint das mikro- 
skopische Bild der Colonieen auf der Agarplatte einen gewissen Werth in 
dieser Sichtung zu besitzen. Die eine Gruppe von Stämmen bildet 
Colonieen, welche im Centrum homogen graubraun oder dunkelbraun 
erscheinen, nach der Peripherie heller werden, entsprechend ihrem all- 
mählichen Abblassen eine immer deutlicher hervortretende Granulirung 
erkennen lassen, deren hellgraubrauner oder blassbrauner Band ausser- 
ordentlich deutlich und dicht gekörnt und deren Begrenzung voUkonmien 
scharf ist, wobei der Contour bisweilen von einer oder zwei Reihen hinter- 
einander gelagerter Stäbchen gebildet wird. Die Colonieen der anderen 
Gruppe sind central dunkelbraun, trüb, wie bestäubt aussehend, gegen die 
Peripherie nur wenig abblassend, die äusserste Bandzone nach plötzlichem 
Uebergang inmier hell und farblos, bald deutlich bald undeutlich granulirt, 
der Bandeontour feinst gezähnelt 

Das mikroskopische Bild der 2. Gruppe zeigten die Stämme B. c. Pf., 
A. I bis XII, das erstbeschriebene die Stämme F. I bis X, B. m. c F., 
0. I bis IX und Sei. I, IV, um von den Ausnahmen abzusehen, die einer* 
seits 0. I, Vn und Sei. I, andererseits A. III und VII bildeten. 

ZeltMhr. t HygleDa XXXIX, 3 



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34 Paul Clairmont: 

Schliesslich sei noch die radiäre Streifang der Golonieen auf der 
Agarplatte erwähnt, welche nicht nur die yersohiedensten Stämme zeigten, 
sondern auch auf ein und derselben Platte ein Theil der Colonieen auf- 
wies, ein anderer vermissen liess. 

B. Wachsthum in Gelatine. 

Durch die Bedeutung, welche Friedländer bei Beschreibung der 
„Mikrokokken der Pneumonie'' den Oelatineculturen geschenkt hatte, war 
der Grund gegeben, warum auch alle folgenden Autoren ihre besondere 
Aufinerksamkeit diesen Culturen widmeten und ausführliche Beschreibungen 
derselben gaben. Hierbei waren es vor allem 8 Momente, welche als 
charakteristischhervorgehoben wurden: die Nichtverflüssigungder Gelatine, das 
nagelformige Wachsthum im Stich und die Braunfarbung alter Culturen. 

Die Bedeutung der Nagelcultur scheint im Laufe der zahlreichen 
Beschreibungen von ihrer ursprünglichen Wesentlichkeit insofern etwas ein- 
gebüsst zu haben, als auch Gelatinestichculturen, welche die Aehnlichkeit 
mit einem „Tapezieremagel'' nicht besassen, als „Nagelculturen'' bezw. 
„Nagelculturen mit flachem Eopf ' bezeichnet wimlen. Mit Rücksicht 
darauf und die zahlreichen Beschreibungen von sonst typischen Eapsel- 
bacillen mit „weissgrauer flacher, feucht glänzender zähflüssiger Ober- 
flächenauflagerung*' (Nicolaier, Wright-Mallory, Wichlein, Pricke) 
kann dieser Eigenschaft keine wesentliche Bolle zugedacht werden. In 
den eigenen Beobachtungen bestätigte sich dies vollauf. Die Stämme 
B. c. Pf. und A. I bis Xn zeigten niemals nagelformiges Wachsthum; 
bei den übrigen Stämmen war dies die Regel, doch nicht ohne Ausnahme, 
indem bei wiederholtem Anlegen von Gelatinestichculturen der Stämme 
F. I bis V, B. m. c. F, 0. 1 bis IV einmal auch nicht aimähemd Nagel- 
culturen, sondern nur flache oder flach erhabene oberflächliche Auf- 
lagerungen auftraten. 

Analoge oder noch grössere Schwankungen konnten im Aussehen der 
Golonieen auf Gelatineplatten beobachtet werden. So zeigten dieselben 
Stämme einmal stecknadelkopfahnliche opak weisse, ein ander Mal flache, 
grauweise und leicht irisirende oberflächliche Colonieen. 

Dittrich gegenüber, der eine Unterscheidung der Pneumonie- von 
den Sderombacillen auf Grund von Farbenunterschieden seiner Gelatine* 
culturen versuchte, wurde von Pal tauf die Variabilität dieser Culturen 
mit folgenden Worten betont: „Die Entwickelung und Farbe des Köpf« 
chens bei den Pneumoniebakterien hängt bekanntermaassen, abgesehen 
von der Art des Einstiches auch von der Consistenz der (Gelatine und der 
Temperatur ab; wenn die entwickelten Bakterienmassen nicht so fest zu- 



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DrFTERENTIALDIAGNOST. UnTEBSUCHÜNÖBN ÜBER KaPSELBAKTEEIEN. 85 

sammenhalten, sondern sich etwas ausbreiten, schneller wachsen, so wird 
das Köpfchen flacher, nicht intensiv weiss, sondern mehr durchscheinend/' 

Wenn sich somit auch die (Jelatinecoltnren zur Differentialdiagnose 
innerhalb der Gmppe der Eapselbacillen als unbrauchbar erwiesen haben, 
so bleibt ihnen doch ein gewisser Werth zur Abgrenzung dieser Gruppe. 
Die Oberflächenauflagerung im Oelatinestioh schwankt zwar in Bezug auf 
Farbe und Erhabenheit in weiten Grenzen, doch bleibt ihr immer eine 
gewisse Ueppigkeit des Wachsthums und Dichte der Farbe, walche bei 
anderen differential-diagnostisch in Betracht konunenden Mikroorganismen 
wie Bac. coli com«, Bactyphosus (Denys-Martin) nicht beobachtet werden. 

Die Angaben über Bräunung der Gelatine in alten Gulturen sind yer- 
schiedene. Friedländer, Fricke, Ereibich, Passet beschrieben die- 
selbe, Abel, Fasching, Lob, Mandry, Müller, Nicolaier, Paltauf, 
Pfeiffer finden sie nicht Einen wechselnden Befund hatten Kockel 
und Wilde. Danach scheint die Braunfirbung der Gtelatineculturen nichts 
weniger als eine constante Erscheinung zu sein. 

Dasselbe Ergebniss hatten die eigenen Untersuchungen. In mehrere 
Wochen alten Stichculturen der Stämme F. II, 0. I bis IV, VII, IX, X, 
A, II, IV, V, XI, Xn und B. c. Pf. fand sich Bräunung der Gelatine, 
die bald nur geringgradig, bald mehr intensiv war und dann das obere 
erste bis zweite Drittel der Gelatinesäule einnahm. Alle übrigen Stämme 
bräunten die Gelatine nicht 

Die Bildung einer unter der Oberfläche goldenen ringförmigen trüben 
Zone, wie dies Herla und Wilde gleichzeitig und unabhängig von ein- 
ander, später Scheffer beschrieben, konnte nie beobachtet werden. 

Das oft geschilderte Wachsthum im G^latinestich selbst, wobei es zur 
Bildung kugeliger, mohnsamengrosser und grösserer weisser Körnchen 
kommt, welche später theilweise confluiren, bietet nichts Wesentliches. 

C. Wachsthum in Bouillon. 

Aus den zahlreichen Beschreibungen yon Bouillonculturen der yer- 
schiedenen hierher gehörigen Stämme wurden in der Litteratur niemals 
Schlussfolgerungen auf ihre Identität oder Nichtidentität gemacht Er- 
scheinen ja Bouillonculturen nur in den seltensten Fällen derart charak- 
teristisch, dass sie fOr die Diagnose eines Mikroorganismus wesentlich oder 
ausschlaggebend sind. 

Alle in den eigenen Versuchen benutzten Stämme trübten die Bouillon 
gleiohmässig dicht Das Verhalten der Oberfläche und des Bodensatzes 
war nach Stamm und Wachsthumsdauer yerschieden. Fast immer kam 
es zur Bildung eines Oberflächenhäutchens, welches sich nach 24 Stunden 

8* 



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S6 Pauii Claibhont: 

in Fonn eines zarten, milchweissen, 1 bis 2 »^»^ breiten ringförmigen 
Wandbesohlages zu entwickeln begann. Nach 2 bis 4 Mal 24 Standen 
hatte sich entweder ein schleimiges schwer bewegliches, granweisses, die 
Oberfläche der Bonillon fast ganz überziehendes Hantchen gebildet, welches 
sich erst bei stärkerem Schütteln in Form eines Bandes löste, während 
kein Bodensatz bestand, oder es fanden sich nnr mehr Reste dieses ober- 
flächlichen Häutchens in Form von schleimigen Flöckchen oder koizen 
Bändcheu, während sich in der Enppe der Epronvette ein Bodensatz an- 
gesammelt hatte, der beim Aufwirbeln vielfach noch die Gestalt des zu 
Boden gesunkenen Häutchens erkennen liess. Bei einigen der als A. I 
bis Xn beschriebenen Stämme kam es zur Bildung eines dünnen trockenen, 
wenig fest haftenden Häutchens, das bald zu Boden sank. Das Sediment 
dieser Stämme war, wenn auch wolkig, flockig oder fadenziehend, doch 
nie so zäh und schwer beweglich, wie das der übrigen Stänune. 

Die Consistenz der Bouillon wurde wesentlich nur von einem Stamm 
verändert, und zwar dem B. m. c. Fasching, dessen zähe Eigenart schon 
gelegentlich seines Wachsthums auf Agar hervorgehoben wurde. 

Es muss betont werden, dass auch das Verhalten der Bouilloncultoren 
von äusseren umständen abhängt So ist es nicht gleichgültig, ob die 
Bouillon schon nach 24 stündigem Wachsthum zur Beobachtung aus dem 
Thermostaten genommen und, was hierbei unvermeidlich ist, leicht ge- 
schüttelt wird. Der Wandbeschlag oder das theilweise gebildete Häutchen 
löst sich und sinkt zu Boden. Es kommt dann nicht mehr zu einem 
zusammenhängenden Wachsthum auf der Oberfläche, und eine derartige 
Bouilloncultur muss sich ganz wesentlich von einer anderen, deren Wachs- 
thum ungestört blieb, unterscheiden. Es erhellt daraus, dass ein ver- 
schiedenes Verhalten der Bouillonculturen nur vorsichtig und beschrankt 
zu verwerthen ist 

D. Wachsthum auf Kartoffeln. 

Die Zahl der Beschreibungen von Eartoffelculturen hierher gehöriger 
Stämme ist kaum zu übersehen. Und doch erbringt sie nur eine den 
verschiedenen Arten gemeinsame Eigenschaft: das üppige Gedeihen auf 
dem Eartofielnährboden. Als Ausnahmen in dieser Hinsicht scheinen 
vorläufig die von Herla und Wright-Mallory beschriebenen Kapsel- 
bacillen dazustehen. Der letztere bildete eine dünne, zähe, farblose Schicht, 
das Wachsthum des ersteren war nur an dem glänzenden, glasigen Aus- 
sehen der Eartofiel zu erkennen. — Die Farbe der Eartofielculturen wird 
in den zahlreichen Angaben als weiss, weisslich, weissgelblich, weissgran, 
hellgrau, gelblich, bräunlichgelb bezeichnet Diese geringen und subjectiv 
verschiedenen Farbennuancen waren difierential-diagnostisch unbrauchbar. 



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DiFPEBENTiAiiDiAaNOST. Unteesttchungbn übeb Eapselbaktebien. 37 

Heber einen in dieser Richtung vereinzelten Versuch sagt Ernse Fol- 
gendes: ,,Neaerdings will üry auf die Kartoffelcoltoren ein grösseres Ge- 
wicht für die Diagnose l^en: die Verwandten des ASrogenes sollen mit 
weiss- oder graugelber Farbe, die des B. coli mit bräunlicherem Ton auf 
diesem Nährboden wachsen. Einen gewissen Werth hat dieser Charakter 
auch nach Wilde's Untersuchungen, aber keine entscheidende Bedeutung.'^ 

In den eigenen Versuchen zeigten die Stänune fast durchweg ein 
üppiges Wachsthum auf der Kartoffel, indem es zur Bildung eines bald 
mehr, bald weniger erhabenen Rasens kauL Seine Oberflache war zumeist 
schon von Beginn an feucht glänzend, bisweilen Anfangs trocken, fein 
gestichelt oder uneben, erst im Verlauf des weiteren Wachsthums feucht 
und glatt werdend, nur ausnahmsweise trocken bleibend. Sein Rand ist 
meist erhöht, oft bucklig aufgeworfen, um später überzufliessen und sich 
abzuflachen. 

Die Farbe der Gnlturen wechselte: alle früher genannten mannig- 
faltigen Farbennuancen konnten, namentlich im Verlaufe eines mehrtägigen 
Wachsthums, beobachtet werden. Doch liess in jungen, d. h. 24 stün- 
digen Culturen, ein Theil der Stämme die Eigenart erkennen, keine oder 
nur wenig Eigenfarbe zu bilden, während die Culturen anderer Stämme 
nach derselben Zeit eine gelbe Farbe besassen. Zu den letzteren gehören 
die Stamme A. I bis XI, zur ersten Gruppe alle übrigen, wobei jedoch 
die Trennung keine scharfe war, sondern zahlreiche üebergänge bestanden. 

Das zweite Moment, welches stets bei Eartoffelculturen besonders 
beachtet wurde, ist die Oasbildung. Für Abel war es Anfangs (1. Mit- 
theilung) mit ein Unterscheidungsmerkmal gewesen, um den von ihm in 
Ozaenasecret regelmässig gefundenen Kapselbacillus von dem Fried- 
länder'schen zu trennen. Nach Angaben in der Litteratur kommt je- 
doch der Grasbildung nicht jene Regelmässigkeit zu, welche ihre Verwerthung 
im Sinne Abel's gestatten würde. Beispiele seien folgende Befunde von 

Scheffer: bisweilen Oasentwickelung. 

G-essner: einmal nach 4 Tagen kleine Glasbläschen. 

Bandler: hie und da spärliche Oasbildung. 

Kockel: öfters Grasbildung. 

Nicolaier: zuweilen Oasbildung. 
Jede dieser Angaben bezieht sich auf nur einen Stanun. 

Die Unregelmässigkeit und Unzuverlässigkeit der Oasbildung wird 
Tollends durch die Thatsache bestätigt, dass Abel in seiner zweiten Mit- 
theilung, gestützt auf weiteres Untersuchungsmaterial, feststellen musste, 
dass auch aus Ozaenasecret gezüchtete Stämme auf Kartoffeln Gas bilden. 
So zeigte auch von den beiden Stämmen, die Hr« Docent Abel mir zu 
senden die Güte hatte, der eine schon nach 8 x 24 Stunden (Gasbildung, 



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„ 2 X 24 , 


„ 3 X 24 , 


„ 4 X 24 , 


„ 6 X 24 , 


„ 8 X 24 , 



38 Paul Claibmont: 

der andere einen nnsioheren Befand, indem sich nach 9 Tagen auf der 
Oberfläche kleinste Dellen fanden, wie sie nach Gasblaschen zurückbleiben, 
ohne dass diese selbst zu beobachten gewesen wären. 

Von den untersuchten Stämmen zeigten: 
Qasbüdung: F. I, IV, VI bis IX, B. c. m. F., 0. 1, II, IV bis VI, Vm, 

IX, B. c Pf., A. II bis vm, X. 
Keine Gasbüdung: F. n, m, V, X, ScL I bis IV, A. I, IX, XI, B. c. s. 
Unsichere Befunde (bezw. keine Angabe): 0. m, VllI, A. XQ. 

Das erste Auftreten der Gasbläschen konnte bei den positiren 
Stämmen nach rerschieden langem Wachsthum beobachtet werden: 
nach 24 Stunden bei 0. V, 

„ B. c m. F-, 0. I, IV, A. IV, V, VH und X, 
„ F. IX, 0. n, B. c. Pf., A. in und VI, 

„ F. vn. 

„ F. IV, VI, 0. vm, IX, A. n und vm, 

F I 

Bei den Stammen F. Vm und 0. VI findet sich keine Zeitangabe. Die 
Intensität der Gasbildung war eine verschiedene; sie stand in keinem 
regelmässigen Verhältniss zum Zeiteintritt derselben. 

Zur Gonsistenz des Basens auf der Kartoffel muss bemerkt werden, 
dass dieselbe namentlich bei den im Ozaenasecret gezüchteten Stämmen 
(0. I bis IX) dünnflüssig war, so dass diese Stänmie rasch und reichlich 
abflössen, wenn auch diese Eigenschaft nicht ihnen aUein zukam (vgl. 
S. 33). Die zähe fest haftende Beschaffenheit des B. c. m. F. machte 
sich auch auf der Kartoffel geltend. 

Eine Verfärbung des Kartoffelfleisches konnte analog der Gelatine- 
bräunung bei den verschiedensten Stämmen beobachtet werden. — 

Ein Ueberblick über das ausfuhrlich besprochene culturelle Verhalten d^ 
untersuchten Stämme zeigt, dass absolute Characteristica einzelner 
Arten nicht gefunden wurden. Wohl konnten in jedem Nährboden 
verschiedene Merkmale festgestellt werden, deren Wechsel und Verschieden- 
heit mit Artunterschieden vielleicht in Zusammenhang gebracht werden 
kann. Doch ist ihre Verwerthbarkeit mit Bücksicht auf ihre Abhängigkeit 
von äusseren Umständen und auf das reichliche Vorhandensein von IJeber- 
gangsformen eine sehr bedingte. Besser können sie zur Abgrenzung 
der Gruppe und Unterscheidung nahe stehender Mikroorganismen dienen. 
Solche Merkmale sind vor Allem das Verhalten der Eigenfarbe in Agar 
und Kartoffelculturen, das mikroskopische Bild isolirter Colonieen auf der 
Agarplatte, die Bodensatz- und Oberflächenbeschaffenheit der Bouillon, 
schliesslich in gewissem Sinne das Auftreten der typischen Nagelcultor 
im Gelatinestich. 



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DiFFEBENTIAIiDIAGNOST. UNTERSUCHUNGEN ÜBER KaPSETiBAKTKRTEN. 89 

in. Blologlseh-eheiiilsehe Eigenschaften. 

Durch weitere Methoden sollten neue Untersnchnngsmerkmale fest- 
gestellt werden, nm die gefundenen zu erganzen und zu stützen» Gerade 
die biologisch-chemischen Eigenschaften liessen eine Constanz erhoffen. 
Wider Erwarten hatte allerdings schon die Beobachtung der Oasbildung 
auf Eartoffelcultoren Unregelmässigkeiten nnd Schwankungen ergeben. 
Auch bei diesen Versuchen kam die Abhängigkeit der Befunde von der 
Methodik zur Qeltung. 

A. Indolbildung. 

Die Indolreaction wurde nach den Angaben Salkowski's in folgen- 
der Weise ausgeführt (Lehrbuch von Heim): Röhrchen, welche 10®*»™ 
Bouillon (1 Procent Witte -Pepton) enthielten, wurden mit je 1 Oese 
einer frischen Agarcultur beschickt, 4 x 24 Stunden im Thermostaten 
belassen, dann denselben 1 ®^ einer '/^q promilligen EaliumnitriÜösung 
und 2 bis 8 Tropfen einer concentrirten Schwefelsaure zugesetzt. In 
jüngster Zeit haben Orimbert und Legres mit Berufung auf eine un- 
bekannt gebliebene Arbeit von P4r6 ^ darauf aufmerksam gemacht, dass zur 
Prüfung der Indolbildung nicht peptonisirte Bouillon, sondern wässerige 
Lösungen von Pepton zu verwenden seien, da die erstere die Indolpro- 
duction hemmen, ja sogar hindern könne. 

Die eigenen Versuche wurden jedoch ebenso wie alle in der Litteratur 
angestellten — Herla benutzte sowohl Bouillon wie Peptonwasser — mit 
Bouillon ausgefQhrt. 

Im Allgemeinen kann das Fehlen der Indolbildung als die Begel für 
die Gruppe der Kapselbacillen bezeichnet werden. Bis jetzt finden sich 
in der Litteratur nur folgende Ausnahmen beschrieben: Der von y. Dun- 
gern aus einem Fall von hämorrhagischer Sepsis beim Neugeborenen 
gezüchtete Eapselbacillus gab schwach positive Indolreaction; ebenso das 
▼on Scheffer aus einer diphtheriüschen Membran gezüchtete und als 
Aerogenes angesprochene Bacterium,. Wilde fand unter 25 Culturen 
nur den „Bacillus aus Erde'' indolbildend; ebenso verhielt sich der von 
W. Müller aus Sputum gezüchtete Eapselbacillus. 

In den eigenen Untersuchungen war die Indolreaction nur in 
drei Fällen positiv, in allen übrigen negativ. Die positiven Be- 
funde betrafen die Stamme A. I, IX und XII, deren Stellung durch diese 
Eigenschaft besonders pracisirt wurde, worauf später noch ausfuhrlich 
eingegangen werden soll. 



Annalei de l'InsiUut Pasteur. 1892. T. YII. p. 512. 



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40 Paul Claiemont: 

B. Milchcoagnlation. 

Neben den Angaben über Voriiandensein oder Fehlen der Milch- 
ooagnlation, wie sie sich bei Beschreibung zahlreicher Einzelstamme in 
den Mittheilongen von v. Düngern, Gessner, Halban, Herla, 
Kockel, Ereibioh, Müller, Scheffer, Wright und Mallory finden, 
wurde frühzeitig dieses Phänomen zur Differentialdiagnose herangezogen. 
So zuerst von Paltauf, der später selbst den von ihm aufgestellten 
Unterschied zwischen Pneumonie- und Ozaenabaoillen einerseits (coaga- 
lirend) und Sclerombacillen andererseits (nicht coagulirend) fallen Hess, 
da er auch Stämme der ersten Art die Milch nicht verändern sah. Später 
von Löwenberg, der Milchcoagulation wohl nach einer gewissen Zeit 
bei den Pneumobacillen, nie aber bei den von ihm gezüchteten Mikro* 
Organismen der Ozaena fand, eine Beobachtung, die Abel nicht bestätigen 
konnte. Fricke und Wilde studirten in ausführlicher Weise das Wachs- 
thum in Milch. Letzterer konnte nach seinen Befunden den von ihm 
aufgestellten Typen I bis in (B. lactis inocuus, Scleromb., B. pneumon. 
Friedl.) die Fähigkeit der Milchcoagulation ab-, dem vierten und fünften 
Typus aber (Bac. afirogenes, B. coli immobilis) zusprechen. Fricke fand 
bei Untersuchung seiner zahlreichen Mucosusstamme fast immer Milch- 
coagulation, deren Eintritt aber zeitlich so grossen Schwankungen unter- 
worfen war, dass ein und derselbe Stamm, der meistens die Milch nach 
2 bis 8 Tagen zur Gerinnung brachte, dieselbe zuweilen auch schon nach 
24 Stunden coagulirte, hier und da aber selbst nach 8 Tagen nicht 
veränderte. 

Diese Frage nach der Beständigkeit oder Veränderlichkeit der Eigen- 
schaft der Milchcoagulation war schon 3 Jahre früher von Denys und 
Martin gelegentlich ihrer Untersuchungen über die Beziehungen des 
Friedländer' sehen Pneumobacillus zum B. lactis aSrogenes aufgeworfen 
worden. Sie fanden, dass drei Friedländerstämme, welche bei der ersten 
Untersuchung die Milch nicht veränderten, nach Fortzüchtung in diesem 
Nährboden in der sechsten Generation schon nach 14 Stunden Milch zur 
Coagulation brachten, ebenso wie dies der untersuchte Aerogenes that 
Wilde gelang zwar einmal der folgende Versuch: Ein mit spontan, aber 
nicht sehr fest geronnener Milch erfülltes Röhrchen wurde sterilisirt und 
nach Prüfung auf Sterilität mit einer Friedländercultur geimpft; aus 
diesem Böhrchen wurde dann nach einigen Tagen ein anderes mit nicht 
geronnener steriler Milch gefülltes geimpft; in diesem trat schwache Ge- 
rinnung und saure Beaction nach einigen Tagen auf; bei einer Ueber- 
tragung aus diesem letzten Böhrchen auf ein drittes war diese Eigenschaft 
wieder verschwunden; es trat keine Coagulation ein. Weitere Versuche, 



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DrPPERENTIALDIAGNOST. UnTEBSüCHUNGEN ÜBEB KaPSELBAKTEMEN. 41 

die Beobachtangen von Denys und Martin zu bestätigen, blieben er- 
folglos. Auf die in Frage gestellte Yerwerthbarkeit der Milchcoagolation 
ist es wohl zurückzufahren, dass de Simoni in seiner jüngsten Arbeit 
bei Scheidung der Mucosusbacillen in drei Qruppen so wenig Grewicht auf 
dieses Moment legte. 

In den eigenen Versuchen wurde die Milchcultur mit je 1 Oese 
einer frischen Agarcultur beschickt, bei 87^ wachsen gelassen und von 24 
zu 24 Stunden der Befand notirt. Die Beobachtung erstreckte sich über 
mehrere Wochen. Zur Gontrole des Wachsthums und der Reinheit der 
Culturen wurden sohliesslioh Agar-Oussplatten oder Strichculturen angelegt 

Die untersuchten St&mme lassen sich in zwei Gruppen theilen: 

1. Ohne eine (rerinnung der Milch zu verursachen, wuchsen: F. I 
bis X, B. c. m. F., Sei. I bis IV, 0. II, V, VH und VIU; 

2. mit Müchcoagulation: A. I bis XII, B. c. Pf., 0. 1, m, IV, VI, IX. 
B. c. s. 

Die letzteren Stamme zeigten nach der Zeit der vollendeten Milchgerin- 
nung folgende Abstufungen: 

Basche Coagulation (vollkommen nach 24, längstens 2 x 24 Stunden): 
A. I bis Xn. 
Verlangsamte „ : B. c. Pf., 0. I, III, IV. 
Langsame „ : 0. VI, IX, B. c. s. 

Das Resultat dieser Untersuchung ist ein einheitliches und deshalb 
gut verwerthbares: die Stamme A. I bis XII unterscheiden sich von allen 
übrigen durch das prompte Auftreten der Milchgerinnung. Ihnen steht 
der von Fasching beschriebene Eapselbacillus, die aus Scleromfallen ge- 
züchteten und die bei der Isolirung aus den verschiedensten Localisationen 
gewonnenen, zunächst nach dem Hauptrepräsentanten der Gruppe als 
Friedländer'sche Pneumobacillen aufgefassten Bakterien gegenüber. Die 
im Ozaenasecret gefundenen Stämme verhalten sich verschieden; wenn sie 
die Milch coaguliren, so geschieht dies erst nach mehrtägigem Wachs- 
thum. Die von Pfeiffer und Bordoni-Üffreduzzi gefundenen Eapsel- 
bacillen erzeugen nach S bezw. 6 Tagen Milchgerinnung. 

Um auch die Versuche von Denys und Martin zu wiederholen, 
wurden die nicht coagulirenden Stämme F. I, VI, VQI, 0. II, V, VII in 
sieben folgenden Generationen in Milch gezüchtet. Die Uebertragung von 
Milch zu Milch erfolgte nach 24 Stunden. Trotz üppigen Wachsthums 
in allen Generationen, wie dies Controlstrichculturen aus der siebenten 
Passage zeigten, trat bei 5- bis 12tägiger Beobachtung niemals Miloh- 
gerinnung oder auch nur eine Andeutung derselben auf. 

Mögen die Beobachtungen von Denys und Martin richtig oder un- 
richtig sein, so scheint es doch nicht berechtigt, aus dem Auftreten der 



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42 Paul Clairmont: 

Milehcoagalation nach Fortzüchten mehrerer Generationen in diesem 
Nährboden, das eine Anpassnngserscheinnng sein mag, auf die Identität 
mit einem anderen cnltorell ähnlichen, ständig die Milch coagolirenden 
Mikroorganismns zn schliessen. 

G. Lackmusmolke. 

Obwohl dnrch Petrnschky, der bei Anwendung der Lackmusmolke 
zur Differenzirung des Typhusbacillus von ähnlichen Bakterien schon den 
B. pneumoniae Friedländer's zum Vergleich herangezogen hatte, die 
Aufmerksamkeit auf diese Methode hätte gelenkt werden können, waren 
in der zugänglichen Litteratur doch nur drei diesbezügliche Angaben auf- 
zufinden. 

Fasching, wahrscheinlich unter Einfluss der erwähnten Arbeit 
Petruschky's, fand, dass bei Züchtung seines Eapselbacillus in Lackmus- 
mölke diese schon nach 24, deutlicher aber nach 48 Stunden Rothfarbung 
zeigte, welche nach 72 Stunden wieder zurückging und nach 4 Tagen 
einer entschiedenen Bläuung wich; die Säurebildung erreichte 7-2 bis 
8 Procent Vio Normal-Natronlauge. 

Eine weitere Angabe findet sich in der Arbeit Nicolaier's: „Wird 
der Bacillus in der nach Petruschky's Angaben dargestellten Lackmus- 
molke gezüchtet, so zeigt sich, dass derselbe zunächst Säure bildet Die 
rothviolette Farbe der Nährlösung wandelt sich nämlich bei 37^ C. nach 
ca. 24 Stunden in eine rothe um, und diese Farbe bleibt in den mit 
Watte verschlossenen Gläschen 3 Tage, in den ausserdem mit einer 
Gummikappe bedeckten 6 Tage bestehen, blasst dann etwas ab und geht 
wieder in eine bläulichrothe und schliesslich in eine blaue über. In der 
Nährlösung bildet sich ausserdem eine Trübung, später ein Bodensatz. 
Eine Entfärbung des lackmushaltigen Nährsubstrates tritt nicht ein, so 
dass der Bacillus keine reducirenden Eigenschaften hat.^' 

Schliesslich berichtet Müller, dass der von ihm aus Sputum ge- 
züchtete Kapselbacillus in Lackmusmolke Säure bildete. 

Leider wurde die eben citirte Beobachtung Nicolaier's zu spät be- 
kannt, so dass sie zur Methodik der eigenen Versuche nicht verwerthet 
werden konnte. Bevor nämlich noch alle untersuchten Stamme rein- 
gezüchtet worden waren, wurde für einen Theil derselben die Veränderung 
der Lackmusmolke bestimmt. Hierbei wurden die mit Wattepfropfen ver- 
sehenen Böhrchen ohne Gummikappenbedeckung in die Brütkammer ge- 
stellt. Als später alle Stämme isolirt waren, wurde noch einmal der 
Versuch wiederholt, diesmal mit Benutzung von Gummikappen. 



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DlFFERENTIALDIAGNOST. UnTBESUCHTJNGEN ÜBEB KaPSELBAKTEKEBN. 43 

Tabelle VH. 
Beactionsbestimmung der Laokmxismolke bei and ohne Luftzotritt [in Pro- 
oeuten der zugesetzten Normal -Natronlauge (L) und -Schwefelsaure (S)]. 



Stamm 


P.I 


F. II 


F. in 


F. IV 


F.V 


B. c. m* F. 


O.I 


o.n 


o.m 


O.IV 


bei 
Luftzutritt 

ohne 
Luftzutritt 


■ ■ ■ 
4*5 L 

1-5 L 


7-0 L 
7»0L 


6-6L 
5*5 L 


5-0 L 
6-0 L 


4-0 L 
8-0 L 


8*0 8 

neutral 

(war sauer) 


11.5 L 2-5 L 

4-0 L 5-5 L 

( 


4-5 L 
6*6L 


11-6L 
7-6 L 



Stamm 


1 Sei. I 


Sei. II 


Scl.m 1 A.I 


A.II 


A.m 


A.IV 


A.V 


B.C.S. 


bei 
TiUftzutritt 

ohne 
Luftzutritt 


20 8 

neutral 

(war 
sauer) 


1-5 S 

1-5 L 

(war ttirker 

tauer) 


1-0 S 

1-2 L 

(war ttirker 

tauer) 


12-6 L 
lO'OL 


U-5L 
19-6 L 


16-0 L 
16»0L 


15-0 L 
16-0 L 


14»0L 
18-0 L 


7-2 L 
8-6 L 



Bei Vergleich der beiden for eine Anzahl von Stammen unter sonst 
gleichen Wachsthumsverhältnissen gewonnenen Beactionswerthe fand sich, 
dass die Veränderungen der Lackmusmolke bei ungehindertem Luftzutritt 
rascher auftraten, eine Bestätigung der Angabe Nicolaier's. Aeussere 
Umstände machten es aber unmöglich, den Versuch in dieser Weise für 
alle Stämme zu wiederholen. 

Die Technik gestaltete sich also foigendermaassen: Böhrchen, welche 
je 10®«°» der von Grübler bezogenen Petruschky' sehen Lackmusmolke 
enthielten, wurden mit je 1 Oese einer frischen Agarcultur beschickt, mit 
einer luftdicht schliessenden Oummikappe bedeckt, nebst einem Gontrol- 
röhrchen 10 Tage bei 87^ gehalten, dann die Beaction der durch das 
Bakterienwachsthum yeränderten Lackmusmolke unter Benutzung das 
Controlröhrchens als Farbenindex bestimmt und mit ^/^o Normal^Natron- 
lauge bezw. Vio Normal-Schwefelsäure austitrirt. Die verbrauchten Zehntel 
der Normallösungen gaben so ohne Weiteres die Beactionsgrösse in Pro- 
centen an (Petruschky). 

Für Hülfe und BaÜischläge, die mir gelegentlich dieser und der fol- 
genden Versuche Hr. Dr. E. P. Pick gab, bin ich zu bestem Dank ver- 
pflichtet — 

Die Beaction der Lackmusmolke wurde zweimal neutral, in den 
übrigen Fällen immer sauer gefunden; dreimal jedoch hatte zur Zeit der 
Untersuchung die sauere Beaction schon ihren Höhepunkt überschritten, 
wie dies aus der wieder abklingenden Bothfarbung erkannt werden konnte. 
Bei unbehinderter Luftzufuhr hatte in zwei dieser Fälle (Sei. I, II) sogar 
Alkales oenz bestanden. Die Werthe der Säurebildung schwankten in 



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44 Paul Clairmont: 

weiten Orenzen. Für die Stämme F. I bis X und 0. I bis IX liessen 
sich als einzige Begelmässigkeit niedere oder mittlere Säuregrade fest- 
stellen, während A. I bis XII mit Ausnahme von drei Stämmen starke 
Säurebildner waren. Diese Ausnahmen betrafen die Stämme A. I, IX 
und XII, welche im Gegensatz zu allen übrigen positive Indolreaction ge- 
zeigt hatten. Der B. c Pf. erwies sich als äusserst kräftiger, der B. c. s. 
als mittlerer Säurebildner. 

Somit ergiebt die Züchtung in Lackmusmolke mit folgender Reac- 
tionsbestimmung differential-diagnostisch verwerthbare Befunde, welche die 
Stellung der Stämme B. c. m. F., ScL I bis IV, A. I bis XII, B. c. R 
sehr wesentlich bestimmen. 

D. Vergährung von Zuckerarten. 

In der Litteratur liegen, wenn auch nicht systematische, so doch 
zahlreiche Untersuchungen vor, welche sich mit der Vergährung einer 
oder mehrerer Zuckerarten beschäftigen. Hierbei wurden die Gras- oder 
Säurebildung, nur in den seltensten Fällen die Grährungsproducte in quali- 
tativer oder quantitativer Weise studirt. 

Um eine kurze üebersicht über die diesbezüglichen Arbeiten zu geben, 
seien als die ersten die von Fasching, Smith und Paltauf genannt, 
denen später die Mittheilungen von Denys und Martin, Nioolaier, 
Abel, Fricke, Herla, Wilde. Qrimbert und Legros, sowie die ge- 
legentlichen Angaben über Traubenzuckervergährung von Ereibich, 
Halban, Scheffer, Müller folgten. 

Während Fasching bei Wachsthum seines Kapselbacillus nur Säure- 
bildung in 1 Procent Traubenzucker festgestellt hatte, bemühte sich 
Smith, einige dem Pneumoniebacillus nahestehende Eapselbakterien aus 
dem Darme des Schweines durch genaue Prüfang ihrer Qährthätigkeit 
von einer zur Gontrole dienenden Friedländercultur zu differenziren. 
Smith benutzte hierzu Qährungskölbchen, welche mit Bouillon gefüllt 
waren, die V4 Procent Pepton und 2 Procent Glukose bezw. Saccharose 
oder Lactose enthielten. Die Intensität der Gasbildung wurde durch die 
Böhrenlänge in Centimetem, welche durch Gase in Beschlag genommen 
wurde, ausgedrückt. Von Smith's Resultaten sei nur erwähnt, dass er 
für den untersuchten Friedländerstamm mittelstarke Vergährung von 
Trauben- und Bohrzucker, geringe von Milchzucker beobachtete. 

Pal tauf züchtete die Pneumonie- und Sclerombacillen in Iprocentiger 
Traubenzuckerbouillon, der kohlensaures Magnesia zugesetzt war. Nach 
24 Stunden war in allen Fällen Wachsthum und Gasbildung zu be- 
merken. Als nach 12 Tagen die Culturen auf ihren Zuckergehalt geprüft 



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DrPFEBENTIALDIAGNOST. UnTEESüCHUNGEN ÜBEB KaPSELB ARTERIEN. 45 

warden, war in den Golturen der Pneumobacillen der Zncker vollständig 
Tergährt worden, in denen der Sderombacillen aber noch theil weise 
(83 Procent) vorhanden. 

Denys und Martin wurden durch ihren Befand an drei Friedländer- 
stämmen, welche nach 1 jährigem künstlichen Fortzüchten das Vermögen 
der Gasbildung, nicht aber das der Zuckerzersetzung verloren hatten, zu 
einem Vergleich dieser Stämme mit dem Typhusbacillus verleitet. Auch 
sie bestimmten die Menge der gebildeten Säure und des restirenden 
Zuckers nach 24 und 48 Stunden. 

Die Befunde von Nioolaier, Abel und Herla beziehen sich auf 
die von ihnen reingezüchteten Kapselbacillen. 

Fricke untersuchte für seine Mucosusstämme die Gasentwickelung 
in Stichculturen und zwar sowohl in Gelatine wie in Agar. Dieselbe 
fehlte nur selten, war in den meisten Fällen lebhaft, bisweilen gering. 
Es zeigte sich eine XJebereinstimmung weder für die einzelnen Stämme, 
noch für die verschiedenen Zuckerarten. Fricke schenkte deshalb diesen 
Befunden wenig Werth. 

Wilde benutzte Traubenzuckeragar und Milchzuckerbouillon, beides 
2procentig. In dem ersteren konnte nur die Gas-, in dem letzteren auch 
die Säurebildung durch Austitriren mit Vio Normal-Natronlauge bestimmt 
werden. Die Verwerthbarkeit der Resultate war jedoch eine geringe. Es 
sei nur hervorgehoben, dass die drei untersuchten Sclerombacillen keine 
Gasbildung in Traubenzuckeragar, keine oder sehr geringe Säurebildung 
in Milchzuckerbouillon zeigten, und dass die beiden Aörogenesculturen, 
welche den Traubenzucker energisch zersetzten, in Milchzuckerbouillon nur 
geringe Mengen Säure bildeten. Die übrigen Stämme verhielten sich nicht 
einheitlich entsprechend ihrem Fundort. 

Schliesslich machten Grimbert und Legros genaue quantitative 
Angaben über die Vergährung verschiedener Kohlenhydrate durch zwei 
Aerogenesstämme, um im Anschluss an eine frühere Arbeit von Grim- 
bert die von Denys und Martin aufgeworfene Frage der Identität des 
Bac. lactis aerogenes und B. pneumoniae weiter zu verfolgen. Sie be- 
nutzten Sprocentige Lösungen, denen eine zur Neutralisirung der gebil- 
deten Säuren hinreichende Menge von kohlensaurem Ealk zugesetzt war. 
Die Untersuchungen wurden nach 15 Tagen angestellt. 

Von den genannten Autoren glaubten also nur Smith, Paltauf, 
Denys und Martin, Wilde und Grimbert-Legros ihre Resultate 
differential-diagnostisch verwerthen zu können. Die Abhängigkeit derselben 
von mannigfachen Umständen wurde besonders von den Letztgenannten 
hervorgehoben: „On sait, en effet, que Tequation d'une fermentation varie 
ä chaque instant sous Tinfluence de facteurs parmi les quels Tage et 



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46 Paul Clairmont: 

rMncation de la semence jonent le principale rtle; on ne saniait donc 
esp^rer aroir des ohiffi^s absolninent identiqnes en employant des semenoee 
d'origine diSi§rentey mais ce snr qnoi on est en dioit de oompter c'est 
snr des r^actions de mSme ordre.^' 

In den eigenen Untersachnngen wurde 2pTocentige Tranben-, Milch- 
nnd Bohrznckerbonillon rerwendet. Um den Mnskelzucker auszuschalten, 
wurde das zerkleinerte Fleisch 2 x 24 Stunden stehen gelassen und zu 
allen Versuchen die Bouillon einer Bereitung verwendet. Die Zucker- 
bouillon wurde in Smith 'sehe Oährungskölbchen verfOllt, welche bekannt- 
lich aus einem geschlossenen röhrenförmigen und einem offenen, mit dem 

Graplilsche Darstelhinq der Sfturel)fldunQ mlraubcn-» ».Milch-*- »undRiihrzuckcri ». 



ersteren communicirenden kugeligen Schenkel bestehen. Nach der üb- 
lichen Sterilisirung wurden dieselben mit je 1 Oese einer jungen Agar- 
cultur beschickt und nach S tagigem Wachsthum bei 87^ die Gas- und 
Saurebildung quantitativ bestimmt; die erstere, indem die im geschlossenen 
Schenkel angesammelte Gasmenge durch einen Bruchtheil der Länge 
dieses Schenkels ausgedrückt wurde, die Säurebildung durch Austitriren 
von 10«^ mit Vio Normal-Natronlauge auf Phenolphtaleln. 

Nach der Gasbildung lassen sich die untersuchten Stämme in drei 
Gruppen eintheilen: in solche, welche trotz guten Wachsthums in keiner 
der drei Zuckerarten Gras bildeten: hierher gehören die Stämme F. Y, 



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DöTERENTIALDIAGNOST. UNTERSUCHUNGEN ÜBE» KaPSELBAKTEBTEN. 47 

B. c. m. F., Sd. I bis IV. Sie waren trotzdem starke Saurebildner. 
Zweitens in solche, welche sich in den yerschiedenen Zuckerarten ver- 
schieden verhielten, d. h. bald (Gasbildung zeigten, bald diese vermissen 
Hessen: 0. in, YIII, IX. Diese Gruppe ging unscharf in die dritte über, 
welcher alle übrigen Stamme angehörten, die immer, bald sehr intensive, 
bald äusserst geringe Grasbildung zeigten. Die Befunde waren so wechselnd 
und mannigfach, dass sie nur das eine Resultat ergaben: die Stamme A. 
I bis Xn sind mit einigen wenigen Ausnahmen in allen drei Zuckerarten 
die stärksten Qasbildner. 

Aus der graphischen Darstellung der Säurebildung (S. 46) ist die 
Unregelmässigkeit ihrer Werthe leicht zu erkennen. Soweit Schlüsse 
überhaupt möglich sind, scheinen dieselben zu zeigen, dass sich die 
Stämme A. I bis Xn von allen übrigen durch stärkere Säurebildung in 
Milchzucker und geringere Säurebildung in Bohrzucker unterscheiden. 

Weitere Differenzirungsmomente zur Aufstellung verschiedener Species 
waren durch diese Methode nicht gegeben. 

Anschliessend an diesen Theil seien Versuche nur erwähnt, in denen 
nach Angabe Bothberger's gefärbte Nährböden (Neutralroth-, Indig- 
carmin-, Methylenblau-, Safraninagar) verwendet wurden, doch ohne Erfolg. 
Ebenso mussten die negativen Erfahrungen von Hebert und Sicard 
über die Anwendung der Methode von Wurtz — Wiederbesäung alter 
Culturen eines Stammes mit einem anderen Stamme — bestätigt werden. — 

Die Resultate, welche die Untersuchung der biologisch -chemischen 
Eigenschaften ergeben hatte, waren nur zum Theil differential- 
diagnostisch verwerthbar. 

IV. Thlerpathogenltät. 

Die enorme Zahl hierher gehöriger Versuche in der Litteratur kann 
nur auf Rechnung der leichten Ausführbarkeit dieser Methode gesetzt 
werden. Die verschiedensten Thierarten wurden mit beliebigen Mengen 
von Impfmaterial inficirt. Der Ort der Infection wurde weder systematisch 
noch kritisch gewählt. So kam es, dass Mäuse, Meerschweinchen, Kanin- 
chen, Hunde, Tauben, Ratten, Katzen, Hamster, Fledermäuse, Sperlinge 
subcutan, intra-peritoneal, -pleural, -pulmonal, -tracheal, -musculär und 
•venös geimpft wurden. Zur Differentialdiagnose haben alle diese Thier- 
versuche nur wenig beigetragen. 

Es ist deshalb unnöthig, über alle diese Beobachtungen einen Ueber- 
blick zu geben. In Kürze seien nur die wichtigsten Resultate derselben 
hervorgehoben: 



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48 Paul Claibmont: 

Nach der ersten Mittheilung Friedländer's galt der nach ihm ge- 
nannte Pneumoniebacillns als för M&nse stark, für Meerschweinchen 
wechselnd, f cur Kaninchen nicht pathogen. Abel nnd Löwenberg 1^^ 
besonderes Gewicht auf die Pathogenität der Ozaenabacillen fOr weisse 
Mause bei subcutaner Infection, die von Wilde nicht immer gefunden, 
von Hebert und Sicard bestätigt wurde. Auf die geringe bezw. fehlende 
Pathogenität des Sclerombacillus machten schon Paltauf und v. Eiseis- 
berg aufmerksam, eine Angabe, die später Tielfach bestätigt wurde. Im 
Gegensatz zu diesen Bakterien, deren letale Wirkung auf eine Septicamie 
zurückzuführen ist, steht, wie Kruse dies hervorhebt, der Bac. laetis 
aerogenesy der nur in grösseren Dosen für die gewöhnlichen Yersuchsthiere 
pathogen ist und hauptsächlich durch seine fertig gebildeten giftigen Pro- 
ducte wirkt. 

Nach dem Gesagten musste in den eigenen Versuchen vor Allem eine 
einheitliche Infectionsmethode zur Anwendung kommen. Gewisse Fehler- 
quellen waren auch bei stets gleicher Yersuchsanordnung nicht auszu- 
schalten, so die individuelle Dispositionsverschiedenheit der Thiere und 
Schwankungen in der Menge des Impfmaterials. 

Als Yersuchsthiere wurden weisse Mäuse, Meerschweinchen und Ka- 
ninchen verwendet. Die ersteren wurden subcutan, die beiden letzteren 
intraperitoneal inficirt. 

Die weissen Mäuse wurden entweder von einem Diener gehalten oder 
in dem kleinen Apparat nach Kitasato befestigt, die Schwanzwurzel- 
gegend geschoren, mit Lysol gewaschen, die Haut mit einem Scheeren- 
schlag durchtrennt und mittels steriler Oese am Bücken und in den Seiten 
von ihrer Unterlage gelöst. In die so gebildete Hauttasche wurde 1 Oese 
der Cultur eingebracht und verrieben, die kurze Hautschnittwunde durch 
ein oder zwei Knopfnähte verschlossen und mit JodoformcoUodium ver- 
klebt. — Meerschweinchen von 800 bis 400 8™ Gewicht wurden auf einem 
Lautenschläger 'sehen Operationsbrett aufgespannt, die Bauchdecken 
desinficirt und in einer Länge von 2 bis 3 ^ mit dem Messer bis auf das 
Peritoneum durchtrennt. In die mittels einer glühenden Platinöse er- 
öffnete Bauchhöhle wurde 1 Oese der Cultur eingebracht. Damach Ver- 
schluss des Peritonexuns durch eine Knopfnaht und fortlaufende Haut- 
muskelnaht. JodoformcoUodium. — Zur Infection der Kaninchen wurde 
auf je 400«™ Körpergewicht derselben 1 Oese Cultur gerechnet Das 
Impfmaterial wurde in 2 <^ physiologischer Kochsalzlösung aufgeschwemmt 
und mit Stroschein' scher Spritze intraperitoneal injicirt. 

Zu sämmtlichen Thierversuchen wurde ein und dieselbe 
Oese verwendet, welche in ihrer Grösse zwei Normalösen ent- 
sprach (4°^). Auf diese Weise und durch ausschliessliche Benützung 



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DiFFERENTIALDIAGNOST. UnTEBSUCHÜNGEN ÜBEB EaPSELBAKTERIEN. 49 

von Agarcnltaren sollten zwei Quellen für die Variabilität der Befände 
nach Möglichkeit vermieden werden: die wechselnde Keimzahl und die 
nicht ausschliessliche Einverleibung lebender Bakterien. Denn auch bei 
Injection gleicher Mengen Bouilloncultur ist die Zahl der eingebrachten 
Keime eine sehr verschiedene und die gleichzeitige Einverleibung von 
Toxinen und ausgelaugten Bakterienleibem sehr wahrscheinlich. 

Die inficirten Thiere wurden durchschnittlich 10—14 Tage beobachtet. 
Wenn dieselben eingingen, wurde möglichst bald post mortem die Section 
in der üblichen Weise vorgenonunen, indem von allen Thieren steril Herz- 
blut entnommen und auf schief gelegten Agar ausgestrichen wurde. Bei 
den intraperitoneal geimpften Thieren wurde ausserdem die Bauchhöhle 
auf ihren Eeimgehalt geprüft, einerseits , um das Eingehen der Thiere 
nach eventueller Darmverletzung, wie sie bei der Infection von Kaninchen 
möglich war, auszuschliessen, andererseits, um über den Mechanismus 
der Infection Aufklärung zu erhalten. 

Gerade das letztere Moment muss, um zu den Resultaten der Thier- 
versuche überzugehen, bei der Yerwerthung der Befunde zur Differential- 
diagnose der Stämme herangezogen werden. In dieser Hinsicht boten 
sich nämlich folgende Unterschiede dar: während die Stämme F. I bis X, 
0. I bis X, B. c m. F. und B. c. Pf. bei allen Thieren, für welche sie 
pathogen waren, eine Septicämie erzeugten und in dem Herzblut der 
emgegangenen Thiere in reicher Menge nachzuweisen waren, wirkten alle 
übrigen Stämme theils nicht, theils nicht regelmässig in dieser Weise letal. 

So die Stämme Sei. I bis lY: Von den Meerschweinchen, welche 
mit diesen Stämmen in der früher geschilderten. Weise inficirt wurden, 
überlebte eines, alle übrigen starben nach kürzerer oder längerer Zeit. Die 
Bauchhöhle der vier eingegangenen Thiere erwies sich einmal als steril, 
zweimal als nur mehr ausserordentlich wenig keimhaltig, einmal, und 
dies bei einem Thier, das am Abend eingegangen war und erst am 
nächsten Morgen secirt werden konnte, wurden in derselben Staphylo- 
kokken gefunden. Das Herzblut war in allen vier Fällen steril. Von 
den vier mit den genannten Stämmen geimpften Kaninchen starb eines, 
dessen Peritoneum und Herzblut ebenfalls keimfrei waren. 

Diese Befunde beweisen, dass es im Thierkörper zu keiner Vermeh- 
rung der eingeführten Bakterien kam. Dieselben gingen vielmehr in der 
Peritonealhöhle der gesunden Thiere zu Grunde, indem sie Kügelchen- 
form annahmen, wie dies auch gelegentlich der Versuche zur Benutzung 
des Pfeiffer 'sehen Phänomens beobachtet werden konnte. Trotzdem 
erlagen die Thiere der Infection. 

Diese Erscheinung kann nur in der Weise erklärt werden, dass die 
genannten Stämme für die Versuchsthiere wenig infectjiös waren. Die 

ZdiMhr. 1 Hygtena. XZnx. 4 



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60 



Fattl Claibmoi(T: 



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DlPFERENTIALDIAGNOST. ÜNTBB8UCHÜNGBN ÜBEE KaPSELBAKTEBTEN. 51 

natürliche Immniiität der Yersnchstbiere erschöpfte sich an den einge- 
führten Bakterien, die vollkommen oder nahezu vollkommen aufgelöst 
worden. Durch die Zerstörung der Mikroorganismen schützte sich der 
Organismus gegen ihre Vermehrung und Ihx)pagation. Doch hatte er 
nicht mehr die Kraft, gegenüber den giftigen Substanzen der Bakterien- 
leiber aufzukommen, welche durch die Auflösung der Bakterien firei 
wurden. 

Die Stamme A. I bis XII verhielten sich verschieden je nach Stamm 
und Thierart Kaninchen gegenüber . wirkten sie fast ausschliesslich 
septicamisch. Yen den geimpften Mäusen gingen nur zwei und diese 
mit negativem Bacillenbefund im Herzblut ein. Von den infidrten Meer- 
schweinchen starben fünf; dreimal war das Herzblut steril. In zwei dieser 
Fälle fanden sich in der Bauchhöhle noch sehr reichlich Keime, in dem 
dritten Falle fehlt die Angabe. Es kam hier also nicht zu einem Zerfall 
der Bakterien in der Bauchhöhle, sondern vielmehr zu einer Yermehrong 
derselben, ohne dass sie in die (Gewebe eingewandert wären. Soweit 
Schlüsse aus den wenigen Befunden möglich sind, handelte es sich viel- 
leicht hier um einen Oifktod der Versuchsthiere, welcher durch die beim 
intraperitonealen Wachsthum der Bakterien gebildeten Toxine herbeigeführt 
wurde. Durch den wechselnden Infectionsmechanismus Hessen sich die 
Stämme A. I bis XII von allen übrigen abtrennen. 

Die Pathi^enität als solche ist aus der in Tabelle IX (S. 60) ge- 
gebenen XJebersicht zu erkennen. 

Nach den an verschiedenen Thieren angestellten Versuchen Hessen 
sich die Stämme folgendermaassen gruppiren: 

Versuche an weissen Mäusen (0-004«™ subcutan): 

I. pathogen: 1. septicamisch: F. I bis X, B. & m. F., 0. I bis X, 
B. c. Pf.; 
2. nicht septicamisch (Toxine?): A. III, XII; 
n. nicht pathogen: Sei. I bis IV, A. I, II, IV bis X, B. c. s. 
Versuche an Meerschweinchen (0-004»™ intraperitoneal): 
I. pathogen: 1. septicamisch: F. I bis X, 0. V, VIII, IX, A. IV, 
X (die beiden letzteren vielleicht toxisch?); 
2. nicht septicamisch: a. (Toxine?) A. VI, VIII, IX, 
ß. (giftige Proteine?) Sd. I, U, IV; 
n. nicht pathogen: B. c. m. F., 0. I bis IV, VI, VII, ScL m, A. 

n, m, V, VII, XI, xn, b. c s. 

Versuche an Kaninchen (0*004«™ auf je 400«™ Körpergewicht 
intraperitoneal): 



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62 Paul Claikmont: 

L pathogen: 1. septicämisch: F. VII, 0. IV, V, Vin, A. II, in, 
VI, IX, X, XII; 
2. nicht septicämisch: Sei. II (giftige Proteine?) 
A. I(?); 
n. nicht pathogen: F. I bis VI, VIH bis X, B. c. m. F., 0. U. 

III, vni, IX, Sei. I, in, IV, a. iv, v, vii, vni, xi, b. c. s. 



Bevor eine Eintheilnng der Kapselbacillengmppe auf Grand der be- 
sprochenen Beobachtungen yersncht werden soll, seien die Chaiaktenstiea 
der ganzen Qmppe and der einzelnen Species, wie sie in der Litt^^itor 
beschrieben und in den eigenen Untersachangen gefanden worden, ver- 
glichen. — 

Die Eapselbildong im Thierkörper oder Menschen, die ünbeweglichkeit, 
die Nichtverflüssigung der Gelatine und das Wachsthum in üppigen 
schleimigen Auflagerungen auf Agar sind jene Merkmale, welche allen 
Vertretern dieser Gruppe zukommen. Unbestimmt ist das Verhalten znr 
Gram' sehen Färbung, das Wachsthum im Gelatinestich, die Indolbildong, 
die Thierpathogenität (namentlich Mäusen gegenüber), Momente, auf 
welche von verschiedenen Autoren bei Abgrenzung dieser Gruppe Gewicht 
gelegt wurde. Selbst der Befund der Kapsel, welcher der Gruppe den 
Namen gab, kann mit Rücksicht auf kapselähnliche Bildungen bei ent- 
fernt stehenden Mikroorganismen (Johne: Milzbrand, Kruse: B. coli, 
B. Bunge) und der bisweilen schweren Darstellbarkeit der Kapsel nicht 
mehr stichhaltig genannt werden. 

Bei der Trennung der „Gruppe des Bac. aSrogenes und Bhinosderom- 
bacillus" von der Gruppe des B. coli legt Kruse das Hauptgewicht auf 
die Ünbeweglichkeit der ersteren. Nach den eigenen Untersuchungen 
wird dieses Moment durch die Farbe der Agar- und Kartoflfelcultur (Ury) 
unterstützt. 

Es kamen ferner drei Stämme zur Beobachtung, welche bei der Rein- 
züchtung auf Agarplatten als A^rogenesstämme angesprochen wurden. Sie 
unterschieden sich aber durch positive Indolreaction, geringe Säurebildung 
in Lackmusmolke und mehr bräunliche Farbe der Kartoflfelcultur von den 
übrigen ASrogenesstämmen. Zweifellos handelte es sich hier um Beispiele 
jener Art, die Kruse^s Schüler, "Wilde, veranlasste, den Typus des 
B. coli immobilis aufzustellen. Einer dieser drei Stämme (A. I), der aus 
Säuglingsfaces isolirt worden war, wurde durch ein Immunserum eines 
anderen Stammes der gleichen Herkunft agglutinirt. Controlversuche 
über die Einwirkung desselben Serums auf Colistämme wurden nicht an- 
gestellt. Auch wurden die Grenzwerthe der Agglutination für die ein- 



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DlFFEBENTIALDIAONOST. ÜNTEBSUOHÜNOEN ÜBEB EaPSSLBAKTEBIEK. 53 

zelnen Stämme nicht bestimmt. Es kann deshalb das Verhalten dieses 
Stammes zur ASrc^enes- und Coligruppe nicht mit Sicherheit bestimmt 
werden. Doch spricht der positive Ausfall der Agglutination daför, dass 
es sich um eine zur Coligruppe überführende Art handelte, welche mit 
dem A6rogenes innig verwandt ist 

Die Identität des letzteren mit dem PneumobaciUus wurde von 
Staart de la Paille, Denys und Martin, Pricke, Grimbert und 
Legros u. A. behauptet. Die Charaktere, welche nach den letztgenannten 
die Vereinigung der beiden Mikroorganismen in eine Gruppe erlauben, sind 
die folgenden: 1. die XJnbeweglichkeit, 2. die Anwesenheit der Kapsel im 
Blute geimpfter Thiere, 8. die Kichtverflüssigung der Gelatine, 4. die feh- 
lende Indolproduction, 6. die energische Wirkung auf Kohlenhydrate unter 
Bildung von Aethylalkohol, Essigsäure und, je nach der Natur des Zuckers, 
von Milch- oder Bemsteinsänre oder auch einem Gemisch von beiden. 
Denys und Martin glaubten aus ihren Befunden schliessen zu können, 
dass der PneumobaciUus nur ein A^rogenes von geringerer Vitalität sei. Sie 
stützen sich hierbei auf das raschere Wachsthum des Aerogenes auf Gela- 
tine und Agar, auf das schon besprochene Verhalten der Milchcultur und 
die gleichartige Thierpathogenität (Kaninchen, Meerschweinchen, Hunde). 
Pricke untersuchte wohl einen ASrogenesstamm, acceptirte aber die An- 
nahme von Denys und Martin. 

Nach den eigenen Untersuchungen erscheint eine Abtrennung 
des B. lactis aSrogenes von dem B. pneumoniae berechtigt und 
zwar auf Grund der folgenden Momente: mikroskopisches Bild 
der Colonieen auf der Agarplatte, Parbe des Rasens auf 
schiefgelegtem Agar nach mehrtägigem Wachsthum, Gerin- 
nung der Milch, Säurebildung in Lackmusmolke, Intensität 
der Gasbildung bei Vergährung von Trauben, Milch und Rohr- 
zucker. Hierzu kommt unterstützend (nicht constant) die Farbe der 
Kartofielcultur, die Säurebildung in Milch- und Rohrzucker, bisweilen 
die Gelatinestichcultur. Wenn auch zugegeben werden muss, dass die 
eigenen Untersuchungen zu abschliessenden Schlüssen über Artunterschiede 
innerhalb der als AGrogenes au^efassten Stämme, namentlich was die 
Identität der aus Cystitisham gezüchteten mit solchen anderen Pundortes 
betrifft, nicht hinreichen, so scheint nach denselben eine weitere Differen- 
zirung nicht geboten zu sein. Wenn auch die in Säuglingsfaces ge- 
fundenen Stämme bei Immunisirung Agglutinine erzeugten, während dies 
bei den Stämmen anderer Herkunft nicht der Pall war, verhielten sich 
alle Stämme doch im Uebrigen identisch, um von den drei indolbildenden 
abzusehen. 



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54 Paul Claibmont: 

Von Löwenberg, Banrowicz, Marano wurde die Yerschiedenheit 
des Ozaena- vom Friedländer'schen Pnenmoniebacillos behauptet Ihnen 
stehen die Untersuchungen von Berliner, Fricke, Hajek, Hebert, 
Thost und Anderen gegenüber, welche die genannten Mikroorganismen 
identificirten. 

Für Löwenberg waren gewisse Unterschiede im Aussehen der Agar- 
culturen (Randbeschaffenheit, Farbe, Consistenz), die Milchculturen (keine 
Gerinnung beim Ozaenabacillus) und in der Entwickelung von Trimethyl- 
amingeruch maassgebend, Unterschiede, welche nicht ds stichhaltig an- 
gesehen werden können. 

Der vermittelnde Standpunkt Abel's, dem das Verdienst gebührt, 
zuerst die KapselbaciUen aus Ozaenasecret reingezüchtet zu haben, muss 
hervorgehoben werden. Obwohl Abel die scharf ausgesprochene Ansicht 
vertritt, dass die Ozaena durch die gleichnamigen Bacillen verursacht 
werde und in die Beihe der Infectionskrankheiten aufzunehmen sei, muss 
er doch zugeben, dass die von ihm gelegentlich seiner 1. Mittheilung 
constatirten Differenzen dieser Bacillen und des Friedländer'schen 
Pneumoniebacillus zum Theil nicht constante sind, ja dass es sogar schwer 
ist, diese Differenzirung aufrecht zu erhalten. 

Die aus neun Ozaenafallen gezüchteten Mikroorganismen waren zum 
kleineren Theil mit den an anderer Stelle gefundenen, als Friedländer'- 
sehe Pneumobacillen aufgefassten Eapselbakterien vollkommen identisch^ 
zum Theil nur durch die fehlende Pathogenität für Meerschweinchen unter- 
schieden. Alle anderen in der Litteratur angegebenen Unterscheidungs- 
merkmale erwiesen sich als inconstant. 

Darnach scheint es berechtigt, die „Ozaenabacillen^' mit dem 
Bac. pneumoniae Friedländer's zu identificiren und zwei Va- 
rietäten zu unterscheiden: eine für Meerschweinchen nicht 
pathogene, welche — wenigstens in den eigenen Beobach- 
tungen — ausschliesslich im Ozaenasecret, und eine patho- 
gene, die nur selten an dieser Stelle, häufig bei den verschie- 
densten Krankheitsprocessen gefunden wurde. 

Zur Stellung des Sclerom- zum Pneumobacillus hatten schon Pal tauf 
und V. Eiseisberg gelegentlich ihrer 1. Mittheilung über die Kein* 
Züchtung jenes Mikrooi^nismus gesagt, dass sie nicht im Stande gewesen 
waren, stricte morphologische oder biologische Unterscheidungsmerkmale 
aufzufinden. Das verschiedene Verhalten bezüglich der Virulenz konnte 
in Analogie eines solchen Verhaltens anderer Bakterien auch nur als Folge 
veränderter Wachsthums- und Ernährungsverhältnisse und beide Bakterien- 
formen als Varietäten betrachtet werden. Auf Grund weiterer Unter- 



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Dtpfeeentialdiagnost. Untersuchungen übee Kapselbakteeien. 66 

sachimgen konnte Paltauf später in entsohiedener Weise für die Diffe- 
renzimng des Sderom- vom Pneumobadllas und dessen ätiologische Be- 
dentang eintreten, wobei ausser der verminderten Yimlenz das verminderte 
G^ähmngsvermögen in Znckerlösungen, die grössere Empfindlichkeit gegen 
Sänre, endlich das Verhalten in der Milch und in alten Oelatinecnltnren 
maassgebend waren. Oleichzeitig und in der Folge hatte Paltanf zn 
wiederholten Malen Gelegenheit, die Unrichtigkeit anderer variabler Diffe- 
renzimngsmomente nachzuweisen und Angriffe auf die Specifität und 
ätiologische Bolle des Sclerombacillus abzuwehren. .Es seien an dieser 
Stelle zwei Arbeiten de Simonis erwähnt, welcher sich in jüngster Zeit 
mit der Eapselbacillengruppe beschäftigte. In der ersten Arbeit streitet 
de Simoni dem Sclerombacillus wegen seines Vorkommens in der ge- 
sunden Nasenhöhle jede ätiologische Bedeutung ab; in der zweiten kommt 
er zu folgenden Schlüssen: 

1. Unter dem Namen Mucosusbacillen der Ozaena sind Varietäten 
beschrieben worden, welche alle zu ein und derselben Art gehören. 

2. Alle diese Varietäten lassen sich in drei Hauptgruppen zusammen- 
fassen, zwischen denen Uebergangsformen vorkommen. 

8. Der Hauptstamm aller dieser ist der Friedländer'sche Pneumo- 
bacillus, der gewöhnliche Grast der Schleimhaut der Nasen- und Bachenhöhle. 

4. Durch die Einwirkung physikalischer Agentien, z. B. von Wärme, 
kann man eine Varietät in eine andere überführen, so dass Mikroorga- 
nismen, welche ganz verschieden von einander zu sein schienen, in Bezug 
auf die Entwickelungsweise in künstlichen Nährböden identisch werden. 

6. Der Polymorphismus der genannten Bacillen ist abhängig von 
vielerM Factoren, wobei die besonderen biochemischen Bedingungen der 
pathologischen Nasenschleimhaut, die Anpassung an diese und die Ver- 
gesellschaftung mit verschiedenen Bakterienarten nicht ausgeschlossen sind. 

Ohne auf die von de Simoni in der vierten und fünften Schluss- 
folgerung ausgesprochene Ansicht einzugehen, muss nach den eigenen 
Beobachtungen die Differenzirung eines Sclerombacillus vom 
„Pneumo- und Ozaenabacillus^' als möglich und berechtigt 
bezeichnet werden. Maassgebend sind hierbei die folgenden 
Momente: Beaction der Lackmusmolke, Gasbildung beiWachs- 
thum in Zuckerlösungen und die Thierpathogenität. 

Von den zahlreichen anderen in der Litteratur beschriebenen Eapsel- 
bacillen, über welche Fricke und W. Müller tabellarische Uebersichten 
geben, wurden nur der Bac. mucosus capsulatus Fasching, der Bac. capsu- 
latus Pfeiffer und der Bac capsulatus septicus Bordoni Uffreduzzi zum 
Vergleich herangezogen. 



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56 Paul Claibmont: 

Die SteUung des letzteren, von dessen Goltor Kruse mit Recht sagt, 
dass sie sich kaum von der eines K coli unterschied, kann nicht be- 
stimmt werden. Der Fasching'sche Bacillus nähert sich in seinem 
Verhalten in Laokmusmolke und Zuckerlösungen dem Sderombacillus, ist 
aber von ihm durch die Thierpathogenitat unterschieden. Ob die ausser- 
ordentlich zähe Beschaffenheit eine constante Eigenschaft ist, ist fraglich 
(de Simoni's B. mucosus tenai). Das Eapselbacterium von Pfeiffer, 
zur A6rogenesgruppe gehörig, vermittelt den XJebergang von dieser zur 
Priedländergruppe. 

Ohne einer Aufstellung und Einschaltung neuer Arten vorzugreifen, 
ergiebt sich für die untersuchten unbeweglichen, Gelatine nicht ver- 
flüssigenden pigmentfreien Eapselbakterien folgende Eintheilung: 

Typus I: Bac. mucosus capsulatus: 

Species 1: Friedländer, Abel-Löwenberg: Varietät u und /9. 

Species 2: Fasching. 

Species 3: v. Frisch, Paltauf-v. Eiseisberg (SclerombaciUus). 

Typus U: Bacillus aSrogenes. 

Species 1: Pfeiffer. 

Species 2: Varietäten: Escherich; Varietät/?: (Bac. coli immoL Wilde). 



Es sei mir erlaubt, diese Stelle zu benutzen, um Hm. Professor 
R. Paltauf, dessen Unterstützung mir nicht nur gelegentlich dieser 
Arbeit und der Zeit, die ich im staatlichen serotherapeutischen Institute 
zubringen durfte, sondern auch über diese Zeit hinaus, in so reichem 
Maasse zu Theil wurde, meinen ergebensten Dank zu sagen. 

Hr. Dr. Bud. Kraus, Assistent am Institute, stand mir bei den 
obigen Untersuchungen in steter, nie ermüdender, freundschaftlicher 
Liebenswürdigkeit mit Bath und That bei: auch ihm danke ich herzlichst 
und bestens. 



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Depfebentialdiagnost. Untersuchungen übeb Ka.pselbakterien. 67 




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)e i schillem- 
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ich: wie F. I, namentlich was die 
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80 Paul Claibmont: 



Litteratur-Verzeiehnißs.^ 

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^ Bei Zusammenstellung des folgenden Litteraturrerzeichnisses wurden die 
trefflichen Arbeiten von Abel, Frioke und Wilde, die Bearbeitung Ernse's io 
Flügge's Handbuch, femer die Jahresberichte, herausgegeben Ton Baum garten 
und Tan gl, benutzt. 



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[Aus dem staatlichen serotherapeutischen Institute in Wien.] 
(Vorstand: Prof. R. Paltauf.) 



lieber Hemmung der Hämolyse durch Salze. 

Von 
K. E. Bezirksarzt Dr. Markl. 



Nach den grundlegenden Arbeiten der Physiologen Hamburger, 
Gryns und Hedin hat sich Nolf^ mit dem Studium des Mechanismus 
bei der Hämolyse eingehender beschäftigt 

Nolf experimentirte mit chemischen Substanzen, mit nonnalen hämo- 
lytischen Serumarten und mit hämolytischem ImmunseruHL 

Die chemischen Substanzen theilt er in „non penetrantes" und 
„penetrantes"; die letzteren wieder in 2 Gruppen: 

Die erste Gruppe der „penetrantes" (Harnstoff z. B.) wirkt in jeder 
Concentration auf die Blutkörperchen wie gleiches Volumen destillirten 
Wassers; es gelingt, ihre Wirkung aufzuheben, indem man sie mit der 
isotonischen Dosis einer Substanz „non penetrante" versetzt Die hämo- 
lytische Wirkung der Körper der zweiten Gruppe (NH^Cl z. B.) lässt sich 
durch Zusatz von isotonischen Salzen nicht aufheben. 

Nach Hedin existirt noch eine Zwischengruppe von Substanzen, die 
sich in schwachen Lösungen wie die erste Gruppe, in concentrirten 
Lösungen wie die zweite Gruppe verhalten (Alkohol, Aether, Aceton). 

Die hämolytische Wirkung des NH^Cl kann man durch höhere Con- 
centration des NaCl oder durch andere nicht penetrirende Substanzen 
(KNO3, Zucker, Salze der alkalischen Erden) aufheben, während die hämo- 
lytische Wirkung der Gallensäure-Salze bei der Anwesenheit und mit 
zunehmender Concentration von NaCl, KNO3, BaClg, MgSO^ u. s. w. noch 
stärker wird. 



* Annales de l'lnstitut Fasteur. 1900. Nr. 10. 



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Makkl: "Cber Hoimuxg der Kymolyse durch Salze. 87 

Noif schliesst ans diesen Thatsachen, dass die hämolytisch wirkenden 
chemischen Substanzen eine Hydratation der Zellen und ihrer Membran 
bewirken und die Permeabilität derselben für Hämoglobin herbeiführen. 

Die hämolytische Wirkung der Normalsera erklärt Nolf auf dieselbe 
Art wie bei den. chemischen Substanzen: Hydratation der Zellenmembran 
und Erhöhung ihrer Permeabilität für Hämoglobin. Von einer fermen- 
tativen Wirkung der Alexine auf die Blutkörperchen könne keine Rede 
sein, weil keine Producte der Fermentation nachweisbar seien. Höhere 
Concentration von Salzen (NaCl, KJ, KNO3) hebt die hämolytische Wirkung 
der Alexine auf, indem sie die Permeabilität der Zellenmembran herabsetzt. 

Die hämolytischen Immunsera wirken schliesslich nach Nolf dadurch, 
dass sie die Fixation der Alexine an den Zellen begünstigen. 

Dieser Theorie ganz zuwiderlaufende Anschauungen vertritt Pohl.^ 

Pohl hat beobachtet, dass normales Serum die Blutkörperchen vor 
der doppelten bis vierfachen Giftdosis des Solanins schützt, und meint, 
dass diese Schutzwirkung nicht rein physikalischen Ursprunges sei, da 
Eiweiss oder 2procentige Gummilösung sich gleich physiologischer NaCl- 
Lösung als indifferent erwiesen. 

Durch Behandlung eines Kaninchens mit Solanin soll es Pohl ge- 
lungen sein, die hämolytische Wirkung des Serums um das Zehnfache zu 
steigern. Der schützende Körper fand sich auch in dem stark sauer 
reagirenden Harne vor, verschwand jedoch nach der Neutralisation, und 
Pohl behauptet, dass derselbe mit saurem phosphorsaurem Natron identisch 
sei, zumal es mit diesem Salze allein gelang, eine absolute Schutzwirkung 
gegenüber der SOfachen Giftdosis Solanins zu erreichen. Diese Schutz- 
wirkung soll mit der Steigerung der molekularen Concentration der Lösung 
nichts zu thun haben, denn sie wird bei Zusatz von NaCl in gleicher 
Menge nicht erreicht. Sie hat femer keine specifische Beziehung zum 
Phosphat, da auch saures Natriumsulfat eine homologe Schutzwirkung 
entfaltet. 

Gegenüber Saponin erwies sich das saure Phosphat als unwirksam, 
und Pohl schliesst daraus, dass die Hämolyse bei diesem Gifte auf ganz 
anderer Ursache beruhen müsse als bei Solanin. Hingegen bewährte sich 
das saure Phosphat gegenüber dem Ichthyotoxin. 

Pohl schliesst aus seinen Versuchen, dass die Gegenwart von saurem 
Phosphat das Eindringen des Giftes in die Erythrocyten verhindert, dass 
daher zwischen Toxin und Antitoxin keine chemische Beziehung zu bestehen 
braucht, sondern dass neben der Immunisirung durch chemische Neutra- 



^ Ärchivea internationales de Fharmacodynamie et de Th&apie, Vol. VII, 
Fase. I u. II. 



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88 Mabkl: 

lisation des Giftes noch ein physikalischer Vorgang, welcher das Eindringen 
des Giftes in sonst empfindliche Zellen hindert, eine Art des Immoni- 
sirongsvorganges bilde. 

Dieser Hypothese Pohrs widerspricht ßashford.^ Er yersuchte die 
Immunisirung von Kaninchen mit Solanin und Saponin, es gelang ihm 
aber nicht, ein Serum zu gewinnen, welches gegenüber diesen Giften eine 
höhere Schutzkraft hätte als das Normalserum. Die hämolytische Wirkung 
des Solanins kann man auch durch freie Säuren (Normal-HCl z. B.) auf- 
heben, während Saponin, Cyclamin und Digitalin durch dieselben nicht 
beeinflusst werden. 

Die toxische Kraft des Solaninhydrates wird durch Alkalien erhöht, 
durch Säuren und saure Salze verringert, bezw. aufgehoben, und Bashford 
schliesst daraus, dass auf die Erythrocyten nur freies Solanin, nicht 
aber die Solaninsalze schädlich wirken. Alkalien zersetzen die Solaninsalze 
und setzen die wirksame Basis in Freiheit, Säuren verhindern diese 
Zersetzung. 

Bezüglich des Aalserums sagt Bashford, dass die hemmende Wirkung 
des Phosphates erst in einer lOprocentigen Lösung statthat, also in einer 
Concentration, die sich von der Salzconcentration, welche im Blute vor- 
kommen kann, so weit entfernt, dass von einer Beziehung dieser Befunde 
auf vitale Vorgänge gar keine Rede sein könne. Es folge hieraus, dass 
bei dem Immunserum die Annahme Pohl's, dass hier das saure Phosphat 
eine Bolle spielt, ohne jeden Anhalt ist. 



Meine Versuche haben den Zweck verfolgt, festzustellen, ob saures 
phosphorsaures Natron die hämolytische Wirkung der normalen und 
Immunsera beeinflusst. Denn ist die Annahme Bashford's, dass die 
Anwesenheit von saurem Phosphat das Freiwerden der Solaninbase ver- 
hindert und dadurch die Erythrocyten vor Hämolyse schützt, richtig, dann 
dürfte das Phosphat auf Alexine und Immunkörper ohne jede Wirkung sem. 

Diese Annahme hat sich jedoch nicht bestätigt. Die Anwesenheit 
von saurem Phosphat schützte die Erythrocyten vor der hämolytischen 
Wirkung sowohl des normalen als des Immunserums. 

Zu den Versuchen wurde eine öprocentige Aufschwemmung von 
defibrinirtem Blut in isotonischer Kochsalzlösung und eine lOprocentige 
Phosphatlösung benutzt. 



^ ArcIUves internationales de Pharmacodynamie et de Jltirapie. Vol. VIIL 
Fase. I u. II. 



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Über Hembiung deb Hämolyse düech Salze. 89 

I. Versuch. Eaninchenblut, Katzenserum. 
«^ Blut +0-05 ^^'^ Serum totale Auflösung nach 48 St. 

»> »> "T ^ • 1 >» »I f» 11 11 ^^ 11 

11 11 i" ^ ' *^ 11 11 11 11 11 li 11 

„ „ + 1 • „ Phosphat -f • 5 Ser. keine „ 
11 11 4-0-6 ., „ -f 0»5 „ „ „ 

„ „ -fO'l „ „ -fO'Ö „ Auflösung nach 24 St. 

II. Versuch. Meerschweinchenblut, Katzenserum. 

1<^*™» Blut 4- 0-05 «^«^ Serum totaleAuflösungnach48St. 

1 „„ 4-0.1 „ „ „ „ „ 20Min. 

I » »» 4- O'Ö „ „ ..... 
1 „ „4-1 *'"' Phosphat 4- • 5 «^°» Ser. 
1 „ „ 4-0-5<^ „ 4-0.5 „ „ 
1 „ „ 4-0.1 „ „ 4-0.5 „ „ 

III. Versuch. Hammelblut, Immunserum (von mit Hammelblut 
behandelter Ziege). 

1 ccm Blut -f . 1 «^"» Serum keine Auflösung nach 24 St. 



II II 
keine „ 


,1 10 „ 

„ 24St. 


partielle „ 
totale „ 


II 24 „ 
1, 24 „ 



^ 11 




4-0.2 „ „ 


partielle 


»» 


11 


24 „ 


■* ?» 




4-0-5 „ „ 


totale 


5? 


11 


24 „ 


■■• 5» 




+ 1-0 „ „ 


11 




11 


1 ,. 


''■ 11 




4-0.1 „ Phosphat + 1 • ^*'°» Ser. 


partielle 


11 


11 


24 „ 


■*• >» 




+ 0.2 „ .. 4-1-0 „ „ 


keine 


,, 


11 


24 .. 


^ V 




4-0.5 „ „ 4-1-0 „ „ 


»» 


,f 


1* 


24 ,. 


1 11 




4-1-0 „ „ 4-1-0 „ „ 


11 


11 


>» 


24 .. 



IV. Versuch. Hammelblut, Immunserum. 

Br.T. 

<^ Blut 4- 0- 1 ^^"" Serum keine Auflösung nach 2 St. 

„ „ 4- 0.2 „ „ totale „ „ 2 „ 

11 11 * ^'^ 11 11 11 11 11 ^ 11 

11 11 i *-'^ 11 11 11 11 11 " 11 

„ „ 4-0-1 „ Phosphat 4- 1 ^*'°' Ser. partielle „ ., 2 ,. 

11 11 '1 ^'^ 11 11 4" 1 j» r 11 1 1" ^ »• 

„ „ 4- 0-5 ,. „ 4- 1 „ V keine „ ,. 2 ,. 

11 »> 4" 1 • V ., „ 4- 1 >j V 11 11 11 2 ,. 

Aus diesen Versuchen ist zu entnehmen, dass die Wirkung der 
bämolytiscben Sera nur bei einer bestimmten Proportion des Serums zum 
Blute eintritt und vice versa: dass die antihamolytische Wirkung des 
sauren Phosphates von einem bestimmten Verbältnisse zwischen diesem 
Salze zum Blut und Serum abhangig ist. 

Diese Proportion kann man unter Zugrundenahme des unyerdünnten 
Blutes und des krystallisirten Phosphates mit folgenden Zahlen ausdrücken: 



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90 



Markl: 



Blut 
1 ^ 


Serum 

1 


Phosphat 


I. Versuch J 1 


10 


: 0.2 . 


1 1 


10 


: 1 




1 




IL Versuch { 1 


10 


: 1 


1 1 


10 


: 2 


1 1 


10 




m. Versuch < 1 


20 


: 0-2 . 


1 1 


20 


: 0-4 . 


IV. Versuch | J 


4 
: 20 


: 1 



totale Auflösung 
partielle „ 
keine „ 

totale Auflösung 
partielle „ 
keine „ 

totale Auflösung 
partielle „ 
keine ,, 

totale Auflösung 
keine ,, 



Es war also, um die 10 fache Qiftdosis des hämolytischen Serums 
unschädlich zu machen, in dem ersten Versuche (Kaninchenblut) 1 Theil, 
in den übrigen Versuchen (Meerschweinchen- und Hammelblut) je 2 Theile 
des sauren Phosphates erforderlich. 

Geht man mit dem Zusätze von hämolytischem Serum über dieses 
Verhältniss hinaus, so tritt trotz der Gegenwart des sauren Phosphates 
die Hämolyse auf. 



V. Versuch. Hammelblut, Immunserum. 
<^«» Blut + 0.1««» Serum Auflösung 

71 ?> "r • ^ „ if „ 

J1 T» I ^'*^ »» »» 11 

„ „ +0-6 „ Phosphat -f 0-1*^^™ Serum . keine Auflösung 
„ „ -hO.5 „ „ -+-0.2 „ „ . Auflösung 

j» >» + 0*5 „ „ + 0*6 „ „ . „ 

Das Verhältniss zwischen Blut, Serum und Phosphat war in diesem 
Versuche das folgende: 



Blut Serum Phosphat 



2 
2 
4 



Auflösung 
keine Auflösung 
Auflösung 



Die proportioneile Beziehung zwischen hämolytischem Serum und 
saurem Phosphat könnte den Anschein erwecken, dass das Phosphat im 
Stande ist, auf das hämolytische Gift direct einzuwirken, dasselbe in 
gewissem Verhältnisse zu binden und unschädlich zu machen. Dem ist 
aber nicht so. 

Durch Ehrlich wissen wir, dass die hämolytische Wirkung des 
Immunserums durch 2 Compotenten bedingt ist: durch den Immunkörper 
und das Addiment. 



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Übeb Hemmu^'g deb Hämolyse dubch Salze. 91 

Wenn die antihämolytische Wirkung des Phosphates durch eine 
Bindung des hämolytischen Serums bedingt wäre, so müsste sich diese 
Bindung entweder auf den Immunkörper oder auf das Addiment beziehen. 
Eine Bindung des Immunkörpers findet jedoch, wie folgender Versuch 
lehrt, nicht statt: 

VI. Versuch. 

Hammelblut, Immunserum mit und ohne Phosphatzusatz; nach 2 Stunden 
bei Brüttemperatur centrifugirt, der Bodensatz in isotonischer NaCl-Lösung 
aufgeschwemmt, der klaren Flüssigkeit Hammelblut zugesetzt und beide mit 
(),5ccm normalem Ziegenserum versetzt und 2 Stunden bei Brütlemperatur 
stehen gelassen: 

. - Blu. + « . 5 - i.-.. ..^. - C»«(Ugi«< ^-J2L^: A^'^i"" 

1 «" Blut 4-0-5^°™ inact. I.-S keine Auflösung. 

Desgleichen muss man eine Bindung des Addiments, wie folgender 
Versuch zeigt, ausschliessen: 

VII. Ve r s u c h. (Hammelblut, inacti yirtes Immunser um, normales Ziegenserum.) 

^«Blut +0.2^«™inact.I..S. + 0-2^^°»Norm.-S. totale Aufl. 

„ +1-0 ,, „ „ nichts 

l +0-l^<^°»Pho8phat+0.2 „ „ „ +0.2 ", " 

„ +0-1 „ „ +1-0^, „ „ +0-2 „ „ partielle Aufl. 

„ +0-1 „ „ +0.2 „ „ „ +1.0 „ 

Es übt also das saure Phosphat weder auf den Immunkörper noch 
auf das Addiment eine specifische antihämolytische Wirkung aus. 

Andererseits kann man sich überzeugen, däss saures Phosphat in 
ungenügender Concentration selbst vor destillirtem Wasser die Erythrocyten 
nicht zu schützen vermag; für Hammelblut z. B. ist erst eine 2procentige 
Lösung isotonisch. 

Femer ist die Phosphatwirkung keine specifische; man kann sie 
nämlich durch andere Salze, selbst durch das Kochsalz ersetzen. 

Vin. Versuch. Hammelblut in hypertonischer (5 procentiger) NaCl- Lösung, 

Immunserum. 



2^*^»" Blut + O-l^*^'" Immunserura 
2 „ ,, +0.2 „ 
2 „ » + O'O „ „ 

2 „ „ +1-0 „ 



keine Auflösung. 



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92 Markl: Übeb Hemmtng deb Hämolyse dübch Salze. 

Controlproben. Hammelblut in isotonischer (1 procentiger) NaCl-Ldsung: 

2 ^^ Blut + • I *^<^" Immunserum . . nichts 

2 „ „ -f 0*2 ,, „ minimale Auflösung 

2 „ „ -f 0-5 „ ,. . . totale „ 

* » »» "i 1- * " '> »» • • II II 



IX. Versuch. Hammelblut in isotonischer NaCI-Lösung, Immunserum, 
Zusatz von 10 Procent NaCl. 

2<^<^ Blut 4- 1-0^ I.-S totale Auflösung 

2 „ „ + 0-1 „ NaCl (10 Procent) + 1 <^<^" I.-8. partielle „ 

2 „ ., 4-0'2 „ „ (10 „ )+l „ „ minimale „ 

2 ,, „ +0-5 „ „ (10 „ )4- 1 „ „ keine „ 



Durch einen zweiten Versuch, wo je 2 ««" Kochsalzlösungen steigender 
Concentration von 1, P/ai 2 bis 5 Procent mit je O-l«*" Hammelblut 
und 1 ^^^ Immunserum versetzt worden waren, hat sich gezeigt, dass in 
Lösungen von 3 Procent NaCl angefangen keine Hämolyse eingetreten war. 

Aber nicht nur die Salzconcentration, sondern nooh andere Umstände, 
wie die Temperatur und die Concentration des Blutes, sind, wie schon 
Molf zeigte, für das Zustandekommen der Hämolyse von Belang: höhere 
Temperatur und niedrigere Blutconcentration b^nstigt die Hämolyse, 
und vice versa: niedrigere Temperatur und höhere Concentration des Blutes 
unterstützt die antihämolytische Wirkung des sauren Phosphates. 

Alle diese Erscheinungen kann man aber nicht anders erklären, als 
dass das Phosphat die osmotischen Verhältnisse der Zellenmembranen der 
Erythrocyten derart beeinflusst, dass die Alexine nicht eingreifen können. 
Diese Erklärung deckt sich aber vollständig mit der physikalischen 
Theorie Nolf's. 



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[Aus dem hygienischen Institut der Universität Giessen.] 
(Director: Geh. Med.-Rath Prof. Dr. Gaffky.) 



Ueber die Dauer der Lebensfähigkeit von Krankheits- 
erregern in der Form feinster Tröpfchen und Stäubchen. 

Von 
Dr. med. Frits Kirstein, 

AMlttenten det Inttltots. 



Einleitniig. 

In meiner Arbeit „Ueber die Dauer der Lebensfähigkeit der mit 
feinsten Tröpfchen verspritzten Mikroorganismen''^ habe ich den Nachweis 
gefuhrt, dass Prodigiosus- und Typhusbacillen, welche, mit feinsten Tröpfchen 
verspritzt, dem diffusen Tageslicht und der freien Luft ausgesetzt werden, 
innerhalb sehr kurzer Zeit, fast ausnahmslos schon innerhalb 24 Stunden, 
absterben. 

In einer neuerdings erschienenen Arbeit von Hutchison' haben 
meine Untersuchungen über das Absterben der verspritzten Keime eine 
erfreuliche Bestätigung erfahren. 

Hutchison fand nämlich, dass die in einem Zimmer versprühten 
Prodigiosuskeime bereits zwischen 2 und 5 Stunden nach der Ausstreuung 
eine grosse Abnahme erfahren hatten. Nach 8 Stunden waren sie nur 
vereinzelt nachzuweisen, während sie von 24 Stunden ab aufwärts noch 
spärlicher wurden, um bald ganz zu verschwinden. 



^ Fritz Kirstein, Ueber die Dauer der Lebensfähigkeit der mit feinsten 
Tröpfchen verspritzten Mikroorganismen. Diese Zeitschrift. 1900. Bd. XXXV. 

• Hutchison, Die Verbreitung von Keimen durch gewöhnliche Luftströme. 
Ebenda, 1901. Bd. XXXVL 



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94 Feitz KmsTEiN: 

Ferner bestätigten seine Versuche, dass die Haltbarkeit der Yer- 
spritzten Prodigiosuskeime an den vor Licht geschützten Stellen eine 
grössere ist. Auf den vor Licht geschützten Platten liess sich Prodigiosus 
bis zum 7. Tage nach der Versprühung feststellen, dagegen waren die 
Keime bei freier Lichtwirkung zwischen dem ersten und zweiten Tage 
abgestorben. 

Die Resultate stimmen also mit den meinigen, soweit es sich um 
Versuche in einem geschlossenen Zimmer handelt, vollkommen übereiu. 

Betreffs der Lebensdauer der nur mit allerfeinsten Tröpfchen ver- 
spritzten Mikroorganismen hat Hutchison keine Versuche angestellte 

Die von mir des Weiteren mit Rosahefe angestellten Verspritzungs- 
versuche haben ergeben, dass diese Mikroorganismen den schädlichen Ein- 
wirkungen von Licht und Luft länger Trotz bieten können und zwar 
wenigstens 10 bis 14 Tage lang. 

Am Schlüsse meiner oben citirten Arbeit habe ich auf Orund der 
mit den beiden Bakterienarten gewonnenen Versuchsresultate der Annahme 
Ausdruck gegeben, dass die sporenfreien Bakterien im Zustande feinster 
Vertheilung, wie sie insbesondere durch Verspritzung keimhaltiger Tröpfchen 
zu Stande kommt, bei unmittelbarer Einwirkung von Licht und Luft ver- 
hältnissmässig kurze Zeit sich lebensfähig erhalten. 

Ich machte jedoch schon damals darauf aufmerksam, dass für die 
einzelnen Mikroorganismen wahrscheinlich gewisse graduelle Unterschiede 
sich finden würden. 

Die Versuche sind zunächst mit Diphtherie- und Tuberkelbacillen 
fortgesetzt worden. 

Der Tuberkelbacillus beansprucht naturgemäss ein erhöhtes Interesse, 
da ja gerade bei den zahlreichen an Lungentuberculose leidenden Kranken 
mehr als bei irgend einer anderen Infectionskrankheit die Gefahr einer 
Uebertragung durch die beim Husten und Sprechen verspritzten bacillen- 
haltigen Tröpfchen besonders nahe gerückt ist. 

Die mit tuberculösem Sputum angestellten Verspritzungsversuche 
galten der Beantwortung der Frage, wie lange nach der Ausstreuung 
bezw. dem Absitzen tuberkelbacillenhaltiger Tröpfchen eine Infectionsgefahr 
für die Umgebung besteht. Welche Bedeutung dieser Frage für die Er- 
. kenntniss von der Verbreitungsmöglichkeit der Tuberculose beizumessen 
ist, liegt auf der Hand. Deshalb möchte ich, wie ich dies schon in der 
ersten Veröffentlichung gethan, nochmals mit Nachdruck betonen, dass 
die Versuche mit den übrigen, theils saprophy tischen, theils pathogenen 
Mikroorganismen in erster Linie der klareren Beurtheilung des in Rede 
stehenden Verhaltens der Tuberkelbacillen dienen sollten. 



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Dauer dee Lebensfähigkeit von Krankheitseeeegebn. 95 

Die Experimente wurden aber nun ausser den genannten noch auf 
andere sporenfireie pathogene Mikroorganismen ausgedehnt, so auf Geflügel- 
cholerabakterien, auf Staphylokokken und Streptokokken. Endlich wurden 
auch Bacillensporen, und zwar Milzbrandsporen, die mit feinsten Tropfchen 
verspritzt waren, auf die Dauer ihrer Lebensfähigkeit hin geprüft. 

Die Ergebnisse dieser Versuche gaben noch des Weiteren Veranlassung 
zu Versuchen über die Lebensdauer der Keime in der Form feinster 
Stäubchen. 

Es sollte so die Grundlage gewonnen werden für die Beurtheilung 
der Dauer der Lebensfähigkeit der Tuberkelbacillen in der Form feinster, 
aas eingetrocknetem tuberculösen Lungenauswurf herrorgegangenen 
Stäubchen. 

Die Versuche wurden in verschiedenen Modificationen mit Prodigiosus 
vorgenommen, femer auch mit Staphylocoocus pyogenes aureus. Leider 
konnten aus äusseren Gründen Versuche mit tuberculösem Sputum selbst 
nicht vorgenommen werden. 



L Abschnitt. 

Heber die Dauer der Lebensfähigkeit 
von mit feinsten Tropfchen verspritzten Erankheitserregern, 

Die Verspritzungsversuche mit den oben angeführten pathogenen 
Bakterien wurden unter Zuhülfenahme des schon in der ersten Veröffent- 
lichung beschriebenen Apparates vorgenommen. Derselbe ermöglichte die 
Gewinnung von nur allerfeinsten keimhaltigen Tröpfchen bei absoluter 
Sicherheit vor einer die Umgebung gefährdenden Verstreuung von Keimen. 
Um eine Wiederholung zu vermeiden, möchte ich bezüglich des Apparates 
nur noch Folgendes bemerken: Wie aus der ersten Veröffentlichung er- 
sichtlich, gelangten bei den Verspritzungen nur in die hintere Abtheilung 
des Apparates die allerfeinsten keimhaltigen Tröpfchen. In dieser hin- 
teren Abtheilung wurde dem Keimregen elh pultartiges Gestell exponirt, 
auf dem sich 20 bis 24 kleine leere sterile Schälchen von einem Durch- 
messer von 5 bis 6®°* befanden. Nur das in der Mitte des Gestelles be- 
findliche Schälchen war mit Nährmaterial versehen, um die Zahl der 
niedergefallenen Keime feststellen zu können. 

Ausser den Schälchen wurden in einigen Versuchen noch Deckgläschen 
auf dem Gestell exponirt, um die Keimvertheilung im gefärbten Präparat 
beobachten zu können. 

Es gelangten wechselnde Mengen der Aufschwemmflüssigkeiten bezw. 
der Bouillonculturen zur Verspritzung. Die Aufschwemmungen bezw. die 



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96 



Fbitz Kibstbin: 



Bouillonculturen waren durch ein steriles Asbestfilter filtrirt, um grössere 
Bacillenhäufchen von der Yersprayung fem zu halten. Die Verspritzung 
selbst wurde in langsamem Tempo vorgenommen. Dabei wurde gläch- 
zeitig ein bestimmtes Luftquantum durch den Apparat hindurchgesaugt. 
Für die meisten Versuche betrug die Dauer der Verspritzung 15 MinuteD, 
während welcher Zeit 180 Liter Luft abgesaugt wurden. In der Minute 
wurden demnach 12 Liter Luft durch den Apparat hindurchgesaugt. 

Um von den wirksamen Luftgeschwindigkeiten eine Vorstellung zu 
bekommen, hat man sich zu vergegenwärtigen, dass bei continuirlicher 
Verspritzung die vorderste Abtheilung des Apparates mit Keimtröpfchen 
angefüllt wird und dass von hier aus die eigentliche Absaogung der 
feinsten Tröpfchen erfolgt. Es interessirt deshalb in erster Linie, welche 
Geschwindigkeiten die Schragaufwärtsbewegung der feinsten Tröpfchen in 
der mittleren Abtheilung des Kastens vermitteln. 

Die folgende Berechnung ist angestellt für den kleinsten hier in 
Betracht kommenden Querschnitt und wird an der Hand der Fig. 1 
leicht verständlich. 

30crrv 



nuttlertAhUüung - - 
d£S Kastens 




" "^mgsier Querschnitt 



- }^2cTn 



Da 



30 



k'so« 



+ 42« 



Fig. 1. 



folgt X (Projection) = ca. 5 * 



In 60 Secunden werden 12 Liter Luft abgesaugt, demnach werden 
in 70 Secunden die in 52«° x 52«" x 5°°» enthaltenen 13 Liter Luft 
abgesaugt. Nun legt ein in die mittlere Abtheilung des Apparates ein- 
tretendes Lufttheilchen bezw. Keimtröpfchen im günstigsten Fall in 
70 Secunden die Weglänge von 52^ zurück. Es wird demnach in 
1 Secunde um rund 7-5™°» vorwärts bewegt. Diese (Geschwindigkeit ist 
die grösste, mit welcher überhaupt die feinsten Tröpfchen in dem Appa- 
rate weitertransportirt werden können. 

Im Uebrigen konmien wegen der Zunahme des Querschnittes nur 
noch kleinere Luftgeschwindigkeiten, deren Werthe bis auf einen Bruch- 
theil eines Millimeters sinken, in Betracht. Durch die in der mittleren 
Abtheilung nothwendiger Weise auftretenden Wirbelbildungen wird die 
denkbar maximale Luftgeschwindigkeit überhaupt in Wirklichkeit nicht 



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Dauer deb Lebensfähigkeit von Kkankheitseeregern. 97 

Yorhanden sein, sondern es werden im Grossen und Gktnzen ähnliche 
Werthe für den Transport der feinsten keimhaltigen Tröpfchen vorliegen, 
wie sie gewöhnlich im Innern von Wohnräumen vorkommen, nämlich 
Geschwindigkeiten von 1 bis 4°»" pro Secunde. Dass feinste Tröpfchen 
und Stänbchen unter diesen Umständen fortbewegt werden können, hat 
Flügge^ schon eingehend dargelegt und wird durch die vorliegenden 
Versuche nur bestätigt 

Die dem Eeimregen exponirten Schälchen wurden meist 1 Stunde 
nach Beendigung der Yersprayung aus dem Kasten entfernt, unter Inne- 
haltung der schon früher erwähnten Yorsichtsmassregeln. Die naturgemäss 
ebenfalls mit Bakterien behafteten Aussenseiten der .leeren Schälchen und 
des mit Nährmaterial versehenen Controlschälchens wurden mit einem in 
Sublimatlösung getränkten Wattebausch vorsichtig abgewischt und bei 
Seite gestellt. I^ Controlschälchen kam in den Brütschrank bei 87^ C, 
die besprühten Schälchen, mit dem Boden nach oben, auf ein weit- 
maschiges, mit Stützen versehenes Drahtgeflecht, so dass die Luft un- 
gehindert von unten her einwirken konnte, aber eine Verunreinigung durch 
Luftkeime dabei fast völlig vermieden war. 

Das ausschliesslich für die Anstellung der Zerstäubungsversuche be- 
nutzte Laboratorium war durch einen das Fenster bedeckenden Vorhang 
aus Pausleinwand vor directer Sonnenbestrahlung geschützt. 

Die inficirten Oeräthschaften wurden theils mit Sublimatlösung, theils 
durch Auskochen desinficirt. Der ganze Kasten selbst konnte leicht einer 
Desinfection mit strömendem Wasserdampf unterworfen werden. 

Die ausserhalb des Apparates aufgestellten Schälchen wurden nun in 
angemessenen Zeitintervallen mit einer dünnen Schicht eines geeigneten 
Xäursubstrates versehen und darauf in den Brütschrank bei 37^ C. gestellt. 

Die Colonieen wurden entweder mit der Lupe oder dem Mikroskope 
gezählt Zweifelhafte Colonieen wurden abgestochen und in der üblichen 
Weise weiter untersucht. 

Da sich schon bei den Verspritzungsversuchen mit Typhusbacillen ein 
zuweilen zu Tage tretender Unterschied in dem Zeitpunkte des Absterbens 
bei den einzelnen Versuchen zum Theil auf Ungleichheiten in der Hellig- 
keit zurückführen Hess, wurde im Folgenden noch genauer auf diesen 
Punkt geachtet und soweit es sich um Mikroorganismen handelte, die 
innerhalb verhältnissmässig sehr kurzer Zeit nach ihrer Versprayung ab- 
sterben, jedes Mal ein kurzer Vermerk über die herrschenden Witterungs- 
verhältnisse gemacht. 



* Fl ftgge, üeber Lnftiiifection. Dieie Zeitsekriß. 1897. Bd. XXV. 
ZiltNhr. t HyrltM. XXXIX. 7 



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98 Feitz Kibstein: 

Da bezüglich der Dauer der Einwirkung der diffusen Tagesbelenchtnng 
der Zeitpunkt der Beendigung der Yerspritznng Ton Interesse ist, möchte 
ich generell bemerken, dass die Versuche der Art eingerichtet wurden, 
dass etwa um 10 Uhr Vormittags die Verspritzung beendet war. 

Versuche mit Diphtheriebacilleii. 

Die zu den folgenden Versuchen verwendete Gultur war. fnsch aus 
einer Diphtheriemembran eines verstorbenen einjährigen Kindes gezüchtet 
lieber die Virulenz dieses Diphtheriebacillenstammes ist zu sagen, dass 
^2^^ einer 24 standigen Bouilloncultur ein mittelschweres Meerschweinchen 
am 4. Tage tödtete. 

Was nun im Einzelnen die im September und Oktober 1900 vor- 
genommenen Verspritzungsversuche mit Diphtheriebacillen angeht, so 
wurden bei den 5 ersten Versuchen je fünfzehn 48 stündige Serumröhrchen 
mit 60 ^'^ sterilen Wassers bezw. steriler physiologischer Kochsalzlösung 
abgeschwemmt und ein besünmites aus der nachstehenden Tabelle er- 
sichtliches Quantum der filtrirten Flüssigkeit versprayt. 

Bei den 8 ersten Versuchen wurden die Untersuchungen der Schalchen 
auf das Vorhandensein noch lebender Keime mit Glycerinagar vorgenommen. 
Bei den Versuchen Nr. 3, 4 und 5 wurden die Schalchen ausser mit 
Olycerin-Agar nach Ablauf der ersten 20 Stunden auch noch mit flüssigem 
Löffl er 'sehen Blutserum daraufhin untersucht, ob überhaupt noch 
lebende Diphtheriekeime nachweisbar wären. 

Die Prüfung geschah so, dass jedes Mal ein Schälchen mit flüssigem 
Blutserum ausgespült wurde. Die Spülflüssigkeit wurde wieder zurück in 
das Beagensglas gegossen und dasselbe darauf in den Brütschrank bei 
37« C. gestellt. 

Ueber den Verlauf der 5 ersten Versuche mit Diphtheriebacillen giebt 
die folgende Tabelle (Tabelle I) Aufschluss. 

Für die Versuche Nr. 1 und 2 konnte die Colonieenzahl auf dem 
Controlschälchen nicht angegeben werden, da auf der Oberfläche der mit 
Glycerin-Agar versehenen Controlschälchen keine bezw. nur vereinzelte 
Diphtheriecolonieen zur Entwickelung kamen, obwohl doch reichlich Diph- 
theriebacillen, wie die späteren Untersuchungen zeigten, in die hintere 
Abtheilung des Apparates gelangt sein mussten. 

Bei dem 3. Versuche wurde daher neben einem mit Glycerin-A^r 
versehenen Schälchen noch ein mit Löffler'schem Serum beschicktes 
Schälchen zum Vergleich in den Apparat eingestellt. Dabei zeigte sich, 
dass auf dem Controlserumschälehen ca. 20000 Diphtheriecolonieen ent- 
standen, dass dagegen auf dem Control-Glycerin-Agarschälchen nur ganz 
wenige Colonieen (ca. 100 Colonieen) sichtbar wurden. 



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Dauer deb Lebensfähigkeit von Kbankheitsebbegebn. 



99 



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100 Feitz Kibstein: 

Vielleicht hinderte eine den Nährboden bedeckende Presswasserschicht 
die auffallenden Keime am Haften an der eigentlichen Nährflache. 

Aus der Tabelle geht hervor, dass für die Untersuchung der Schälchen 
mit Glycerin-Agar schon nach den ersten Stunden nur noch Terhältniss- 
mässig wenig Diphtheriebacillen nachweisbar waren und dass innerhalb 
der ersten 24 Stunden in 4 tou 5 Versuchen sämmtliche Diphtherie- 
bacillen für die Untersuchung mit Olycerin-Agar verschwunden waren. 

Dabei liess sich kein Unterschied hinsichtlich der Art der Auf- 
schwemmung, ob in sterilem Wasser oder in physiologischer Kochsalz- 
lösung feststellen. Anders verhielt es sich allerdings für die Prüfung mit 
flüssigem Löff 1er 'sehen Blutserum. Hierbei wurde noch nach 37 Stunden 
ein positives Resultat erzielt. 

Es zeigte sich also hier deutlich, dass bei Heranziehung eines besseren 
Nährbodens noch ein positiver Befund constatirt werden kann, wo bei 
Anwendung eines weniger günstigen Nährmediums ein negatives Resultat 
verzeichnet wird. 

Da es nun bei Anwendung von flüssigem Serum nicht möglich ist, 
die Keimabnahme zahlenmässig zu verfolgen, sah ich mich nach einem 
für das Wachsthum der Diphtheriebacillen wenigstens ebenso günstigen 
Nährboden um, der jedoch die nothwendige Erstarrungsfahigkeit besass. 
Ich fand denselben in dem Nutroseserum- Agar von A. Wassermann.^ 
Durch den Zusatz von Nutrose (Caseln-Natrium-Phosphat) zu verdünntem 
Serum wird es nämlich ermöglicht, dasselbe auf 100® C. zu erhitzen, 
ohne dass Oerinnung eintritt. Die sonst bei höheren Temperaturen statt- 
findende Coagulation des Serumalbumins wird verhindert Wassermann 
empfahl speciell für die Züchtung der Gronokokken die Anwendung von 
Schweineserum. Für die Prüfung auf Diphtheriebacillen erschien mir 
die Verwendung von Rinderserum geeigneter. Ausserdem setzte ich dem 
Serumgemisch noch eine geringe Menge Traubenzucker hinzu. 

Der Nährboden wurde demnach folgendermaassen bereitet: In einem 
Erlenmeyer-Kölbchen wurden 15^°"» möglichst hämoglobinfreies Rinder- 
serum, 35<»°" Wasser, 3*^" Glycerin, 0-9^™ Nutrose und O'l»™ Trauben- 
zucker unter stetem Schütteln über der freien Flamme zum Kochen er- 
hitzt Darauf wurde die Lösung in Reagensgläschen abgefüllt und im 
Dampfkochtopf endgültig sterilisirt Diese Lösung konnte nun jeder 2Seit 
zur Herstellung eines geeigneten erstarrungsfahigen Nährbodens ver- 
wendet werden. 



' A. Wassermann, Weitere Mittheilnngen über Gonokokkencaltur and 6ono~ 
kokkengift Diese Zeitechriß. 1898. Bd. XXVII. 



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Daueb der Lebensfähigkeit von Kbankheitsbebegeen. 101 

Zu dem Zwecke worden gleiche Mengen der Serumflüssigkeit mit 
2 Procent Pepton enthaltenden Agarröhrchen (2 Procent Agar-Agar) bei 
ca. 50^ C. gemischt und dann aasgegossen. 

Mit diesem Nutroseserom-Agar habe ich die Untersuchungen bei 
den folgenden Yerspritzungsversuchen mit Diphtheriebacillen vorgenommen 
and es zeigte sich, wie aas der folgenden Tabelle II ersichtlich, dass der 
Nährboden nicht hinter dem flüssigen Löffler'schen Serum zurückstand. 
Denn sobald unter dem Nutroseserum-Agar keine Diphtheriecolonie mehr 
ao&priesste, war auch der Nachweis von Diphtheriebacillen mit flüssigem 
Löffl er 'sehen Serum nicht mehr zu erbringen. 

Ich möchte beiläufig erwähnen, dass es wegen der raschen Verdunstung 
des Serum-Agars empfehlenswerth ist, den Boden des Schälchens nicht zu 
spärlich mit dem Serumgemisch zu bedecken. 

In dem Versuch Nr. 6 wurden die t^rüfungen der Schälchen ausser 
mit Nutroseserum-Agar gleichzeitig mit Olycerin-Agar vorgenommen. 

Um den Einfluss mangelnder Belichtung auf das Absterben der mit 
feinsten Tröpfchen verspritzten Diphtheriebacillen zu verfolgen, wurden 
im Versuch Nr. 7 nach der Verspritzung die Hälfte der exponirten 
Schälchen in einem Keller umgekehrt auf ein mit Stützen versehenes 
Drahtgeflecht gestellt, während die andere Hälfte im Laboratorium unter 
den gewöhnlichen Bedingungen verblieb. 

Was die Helligkeit an der Stelle des Kellers anlangt, an welcher die 
Schälchen aufgestellt waren, so ist zu bemerken, dass man hier an hellen, 
sonnigen Tagen, wenn auch mit Mühe, eine Zeitung lesen konnte. Bei 
Abwesenheit von Sonnenschein konnte jedoch nur grosser Druck gelesen 
werden. Während der Versuchsdauer waren im Allgemeinen heitere Tage 
vorherrschend. 

Die mittlere relative Feuchtigkeit betrug während der Versuchsdauer 
im Keller, mit dem August'schen Psychrometer bestimmt, 85' 77 Procent, 
das Sättigungsdeficit l-SS»™. Die Kellertemperatur betrug durchschnitt- 
lich 10.2« C. 

Im Oegensatz dazu fanden sich in dem der Tagesbelichtung zugäng- 
lichen Laboratorium, in welchem der andere Theil der Schälchen aufgestellt 
war, folgende Werthe. Die relative Feuchtigkeit betrug 59-2 Procent, 
das Sättigungsdeficit 6.36»^ und die Temperatur 18-3<> C. Die Unter- 
suchungen der Schälchen wurden bei dem Parallelversuche ausschliesslich 
mit Nutroseserum-Agar angestellt. 

Die Abhängigkeit in der Dauer der Lebensfähigkeit der versprühten 
Diphtheriebacillen von den angegebenen physikalischen Factoren zeigt 
evident die folgende Tabelle. In einem letzten Versuche mit Diphtherie- 
bacillen (Versuch Nr. 8) wurde die Aufschwenmiung mit sterilem mensch- 



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102 FsiTZ EntsTEiN: 

liehen Speichel bewerkstelligt. Derselbe warde in einem gut verschliess- 
baren Gefasse über Chloroform aofgefangen, mit letzterem des Oefteren 
geschüttelt und 8 Tage bei kühler Temperatur dem Chloroform ausgesetzt 
Nachdem derselbe sich bei einer Controlaussaat als steril erwiesen hatte, 
\mrden mit demselben die Diphtherieoultoren von einer Reihe von Serum- 
röhrchen abgeschwemmt Das Ganze wurde darauf tüchtig geschüttelt 
und durch sterile Glaswolle mit Hülfe einer Saugflasche filtrirt 

Ein Versuch mit einer Diphtheriebacillenaufschwemmung in Speichel 
wurde deshalb vorgenommen, um zu constatiren, ob die mitrerspritzten 
feinsten Speicheltröpfchen einen conservirenden Einfluss auf die Diphtherie- 
bacillen ausüben würden. Die Untersuchung der Schälchen wurde wieder 
ausschliesslich mit Nutroseserum-Agar vorgenommen. 

In den 8 letzten Versuchen wurden grössere Mengen von Diphtherie- 
bacillen verspritzt Es wurden nämlich jedes Mal dreissig 24 stündige 
Serumröhrchen mit 80®°°* sterilen Wassers bezw. sterilen Speichels auf- 
geschwemmt. Davon wurden 60 ®<^ innerhalb 25 Minuten unter gleich- 
zeitigem Absaugen von 300 Liter Luft versprayt. Ueber den Ausfall dieser 
3 Versuche giebt die folgende Tabelle II näheren Aufschluss. 

Bevor ich auf die Beurtheilung der Versucbsergebnisse näher ein- 
gehe, möchte ich zunächst die Resultate mittheilen, die sich auf die 
Dauer der Lebensfähigkeit der Diphtheriebacillen unter anderen Verhält- 
nissen beziehen. 

Schon bei den mit Prodigiosus- und Typhusbacillen angestellten Ver- 
suchen wurden in den zu den Verspritzungen verwendeten Aufschwemmungen 
bezw. Bouillonculturen gleichzeitig Seidenfaden und Leinwandstückchen 
getränkt Es konnte damals ein eclatanter, Wochen und Monate be- 
tragender Unterschied hinsichtlich der Haltbarkeit der Keime constatirt 
werden. 

Damals wurden auch Aufschwemmungen von Prodigiosus- und Typhus- 
bacillen selbst in mit Wattebausch und Gummikappen versehenen Reagens- 
gläsern im Laboratorium am zerstreuten Tageslicht aufbewahrt. Von Zeit 
zu Zeit wurden nun diese Aufschwemmungen auf das Vorhandensein noch 
lebender Keime hin untersucht. Zur Zeit der ersten VeröflFentlichung 
war von einem Absterben der Keime unter den angegebenen Bedingungen 
noch keine Rede, weshalb ich damals noch keine Notiz brachte. Das 
Ergebniss dieser Versuche soll deshalb an dieser Stelle nachgetragen werden. 

Was zunächst die Lebensdauer der Prodigiosuskeime in einer zu den 
Verspritzungsversuchen benutzten Prodigiosusaufschwemmung (die Pro- 
digiosusaufschwemmung war durch Suspension einer 3 Tage alten KartoSel- 
cultur in 100 ^^^ sterilen Wassers gewonnen und dann durch sterile Glas- 
wolle filtrirt worden) angeht, so betrug dieselbe rund 9 Monate. 



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Daueb deb Lebensfähigkeit von Kbankheitsebbegebn. 103 



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104 Fbitz Kiestein: 

Eine dichtere Aufschwemmung von Prodigiosus, die Ende Mai 1900 
durch Suspension einer 4 Tage alten KartoflFelcultur in 80««™ Wasser 
hergestellt wurde und seit dieser Zeit ebenfalls dem diffusen Tageslicht 
ausgesetzt blieb, giebt jetzt noch, Mitte Juni 1901, eine ziemlich reich- 
liche Aussaat von Frodigiosusoolonieen auf Kartoffeln. 

In analoger Weise wurde auch die Lebensdauer Ton Typhusbacillen 
in verschiedenen flüssigen Medien, nämlich in sterilem Leitungswasser, 
steriler physiologischer (0*85procent.) Kochsalzlösung und steril auf- 
gefangenem menschlichen Urin (vgl. die erste Veröffentlichung) verfolgt 
Auf je 90^" dieser Flüssigkeiten kamen jedes Mal zwölf 10 stündige 
Agarschrägculturen. Die Auföchwemmungen wurden zwecks Entfernung 
grösserer Partikel noch durch sterile OlaswoUe filtnrt Um ein Urtheil 
über die Zahl der in den Aufschwemmungen befindlichen Typhusbacillen 
zu gewinnen, wurden je 2"» der Suspensionen zu einer Gfelatineplatte 
verarbeitet. Aus den zur Entwickelung gelangten Typhuscolonieen be- 
rechnete sich die Keimzahl auf etwa 2000000 pro 1"» der Auf- 
schwemmung. Die mit den drei verschiedenen Aufschwemmungen ver- 
sehenen Beagensgläser blieben im Laboratorium von Mitte Mai 1900 
ab dem diffusen Tageslicht ausgesetzt. 

Von Zeit zu Zeit wurden 2 Oesen der Aufschwemmungen in je ein 
Bouillonröhrchen übertragen. Die trübe gewordenen Bouillonröhrchen 
wurden durch Ansetzen von Gelatineplatten weiterhin auf die Anwesen- 
heit von Typhusbacillen geprüft 

Es wurde auf diese Weise ermittelt, dass die in physiologischer Koch- 
salzlösung vorgenommenen Suspensionen ungefähr 9 Monate, die beiden 
anderen in sterilem Leitungswasser und sterilem Urin vorgenommenen 
Aufschwemmungen sogar jetzt noch, nach einem Jahre, lebensfähige 
Typhusbacillen enthielten. 

Ueber eine grosse Widerstandsfähigkeit der Typhusbacillen in flüssigen 
Medien und im Boden wird von verschiedenen Autoren berichtet 

Nach Petri,^ Loesener* und Karlinski' bewahren die Typhus- 
bacillen im Boden ihre Lebensfähigkeit über 8 Monate und noch länger. 



* Petri, Versache über das Verhalten der Bakterien des MUzbrandes, der 
Cholera, des Typhus und der Tuberculose in beerdigten Thierleichen. Arbeiten au* 
dem Kaiserl, Gesundheitsamte, 1891. Bd. VII. 

' Loesener, Ueber das Verhalten von pathogenen Bakterien in beerdigtes 
Cadavern und über die dem Erdreich und Grundwasser von solchen Grabern angeb- 
lich drohenden Gefahren. Ebenda, 1896. Bd. XII. 

' Karl in 8 ki, Untersuchungen über das Verhalten von Typhusbacillen im Boden. 
Archiv für Hygiene, Bd. XIII. 



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Datjee des Lebensfähigkeit von Krankheitserbegebn. 105 

Sidney Martin^ fand sogar, dass der Typhusbacillus in sterilisirten 
Bodenproben, welche von bebauten Ländereien stammten und vor Aus- 
trocknen geschützt wurden, 456 Tage lebensfähig blieb. 

Auf dem letzten internationalen Congress fQr Hygiene und Demo- 
graphie in Paris berichtete v, Fodor* über das Verhalten der Typhus- 
bacillen in äusseren Medien, wobei er hervorhob, dass er Typhusbacillen 
in Wasser länger als 118 Tage lebend und im Boden sogar bis zu 
300 Tagen lebensfähig angetroffen hätte. 

Die relativ lange Lebensfähigkeit der Typhusbacillen in sterilisirten 
Wasser- und Bodenproben macht es bis zu einem gewissen Grade ver- 
ständlich, weshalb das Auftreten von Typhusepidemieen über Jahre hinaus 
oft an ganz bestimmte Oertlichkeiten gebunden ist. 

Zum Zustandekommen dieser Verhältnisse müssen jedenfalls noch 
andere günstige Factoren mitwirken, wahrscheinlich solche, welche ein 
Ueberwuchern der Typhusbacillen durch saprophy tische Bakterien verhindern. 

Nach dieser die Lebensfähigkeit der Prodigiosus- und Typhusbacillen 
betreffenden Abschweifung komme ich auf das Verhalten der Diphtherie- 
bacillen unter denselben Bedingungen zu sprechen. 

Ein Theil je einer mit sterilem Wasser bezw. steriler physiologischer 
Kochsalzlösung hergestellten und filtrirten Aufschwemmung wurde in ein 
steriles Reagensglas gebracht und mit Watte und Gummikappe versehen 
im Laboratorium aufbewahrt. Da das die wässerige Aufschwemmung ent- 
haltende Röhrchen verunglückte, konnte die Frage nicht weiter verfolgt 
werden; in der mit phjsiologischer Kochsalzlösung bereiteten Auf- 
schwemmung waren noch nach 65 Tagen lebende Diphtheriebacillen 
vorhanden. 

Vergleicht man damit die Lebensdauer der Typhusbacillen in flüssigen 
Medien, speciell in physiologischer Kochsalzlösung, so erscheint dieselbe 
für die Diphtheriebacillen bedeutend geringer. 

Dagegen haben sich die Diphtheriebacillen gegen Austrocknung ziem- 
lich resistent erwiesen. 

Wie bei den Verspritzungsversuchen mit Prodigiosus- und Typhus- 
bacillen, so wurden nämlich auch in den zur Versprayung verwendeten 
AuCschwemmungen von Diphtheriebacillen Seidenfaden und Leinwand- 
stückchen getränkt und darauf der unmittelbaren Einwirkung des diffusen 
Tageslichtes und der Austrocknung ausgesetzt. Es zeigte sich nun bei 

^ Sidney Martin, Mittheilnngen über das Fortkommen des Typhnsbacillns 
im £oden. TvseiUy'Seventh annual report of the local government hoard 1897—98. 
London 1898. Ref. im CentraUhlatt für Bakteriologie. Bd. XXV. S.775. 

' X. internationaler Congress für Hygiene und Demographie zu Paris. Deutsche 
Vierteljahresschrift für bffenÜ. Gesundheitspflege. 1900. Bd. XXXIL 



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106 Feitz Kiestein: 

der Prüfang in Bouillon, dass die Keimfähigkeit der Seidenfaden und 
Leinwandstückchen, welche mit der dünnen zu den 5 ersten Yerspritznngs- 
Versuchungen verwendeten Aufischwemmungen von Diphtheriebacillen ge- 
tränkt wurden, 15 bezw. 8 Tage betrug. 

Dabei erschien es ohne Belang, ob die Aufschwemmungen mit sterilem 
Wasser oder mit physiologischer Kochsalzlösung hergestellt waren. 

Bei den Versuchen Nr. 6 und 7 kamen etwas dichtere Aufschwemmungen 
zur Verwendung. Dementsprechend wahrte die Keimfähigkeit etwas langer, 
für die Seidenfaden im Ganzen 18 Tage, für die Leinwandläppchen 10 Tage. 

Um des Weiteren noch den Eänfluss der Keimdichte auf die Erhaltung 
der Lebensfähigkeit zu studiren, wurde eine dichtere Diphtheriebacillen- 
aufschwemmung hergestellt. 

Zu dem Zwecke wurden die Beläge einer Reihe von 48 stündigen 
Serumröhrchen mit dem Condenswasser je eines Bohrchens abgeschwemmt. 
Mit der so erhaltenen Aufischwemmung wurden wieder Seidenfaden und 
Leinwandstückchen imprägnirt. 

Dabei zeigte sich, dass an den Seidenfaden noch nach 42 und an den 
Leinwandstückchen noch nach 26 Tagen lebende Diphtheriebacillen vor- 
handen waren. 

Schliesslich wurden auch noch dieselben Objecto in dem Belag von 
48 stündigen Diphtherieserumplatten selbst getränkt. Die Seidenfiden 
keimten, in Bouillon gebracht, noch nach 140, die Leinwandstückchen 
noch nach 115 Tagen aus. 

Von Anderen sind zum Theil ähnliche Angaben über die Lebens- 
dauer der an verschiedenen Gregenständen angetrockneten Diphtheriebacillen 
gemacht worden. 

Eine tabellarische Uebersicht über die betreffenden Versuchsergebnisse 
der verschiedenen Autoren giebt Ficker.^ Nur eines dort nicht des 
Näheren angeführten Falles möchte ich Erwähnung thun, der mit grosser 
Schärfe die aus der grossen Resistenz der in grösseren Massen angetrock- 
neten Diphtheriebacillen resultirende Gefahr hervortreten lässt 

Abel' hat nämlich auf den Holzklötzchen eines Spielzeuges, welche 
durch die Exkrete eines an Diphtherie erkrankten Kindes inficirt wurden, 
noch nach 6 Monaten vollvirulente Diphtheriebacillen nachweisen können. 
In diphtheritischen Pseudomembranen sind ja, wie aus der Tabelle 
F ick er 's ersichtlich, nach ähnlich langen Zeiträumen lebensfähige Diph- 
theriebacillen von verschiedenen Autoren gefunden worden. 



' Ficker, üeber Lebensdauer nnd Absterben von pathogenen Keimen. Diese 
Zeitschrift. 1898. Bd. XXIX. 

* Abel. Beitrag zur Frage der Lebensdauer der Diphtheriebacillen. Central- 
blaU für Bakteriologie. 1893. Bd. XIV. 



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Daueb deb Lebensfähigkeit von Kbankheitsebbegebn. 107 

Was lehren nun die im Vorstehenden beschriebenen mit Diphtherie- 
baciUen angestellten Versuche? 

Zunächst erhellt aus den Versuchen Nr. 1 und 2 der Tabelle I, dass 
die mit feinsten Tröpfchen verspritzten Diphtheriebacillen schon innerhalb 
der ersten 24 Stunden für die Untersuchung mit Glycerin-Agar, einem 
zwar geeigneten, aber nicht optimalen Nährboden, verschwunden sind. 
Die drei letzten Columneu der Tabelle I bestätigen dieses Ergebniss 
auch für die Verwendung von physiologischer Kochsalzlösung als Auf- 
schwemmungsmittel, zeigen aber, dass die mit feinsten Tröpfchen ver- 
spritzten Diphtheriebacillen auch noch innerhalb der nächsten 24 bis 
48 Stunden nach der Verspritzung lebend angetroffen werden können, nur 
ist zur Erbringung dieses Nachweises ein geeigneter Nährboden, so bei- 
spielsweise flüssiges Löffler'sches Blutserum erforderlich. 

Um nun den quantitativen Ablauf des Absterbens der fein vertheilten 
Diphtheriebacillen verfolgen zu können, wurden bei den drei letzten Ver- 
spritzungsversuchen zur Untersuchung der Schälchen das in der oben an- 
gegebenen Weise modificirte Wassermann'sche Serum verwendet (Tab. II). 

Damit wurden noch am 2., aber nicht mehr am 3. Tage nach der 
Versprayung lebende Diphtheriebacillen gefunden. 

Im Versuche Nr. 6 wurden vergleichsweise auch Schälchen mit Glycerin- 
Agar begossen. Doch kam hier schon 7 Stunden nach der Verspritzung 
keine Diphtheriecolonie mehr zur Entwickelung. 

In dem Versuche Nr. 7 sollte die Abhängigkeit der Lebensdauer der 
mit feinsten Tröpfchen verspritzten Diphtheriebacillen von der Belichtung 
festgestellt werden. In der That zeigte es sich, dass die in dem kümmer- 
lich belichteten Keller befindlichen Schälchen nach 130 Stunden noch 
lebende Diphtheriebacillen aufwiesen, während 55 Stunden nach der Ver- 
spritzung auf den im Laboratorium gehaltenen Schälchen kein Diphtherie- 
bacillus mehr nachgewiesen werden konnte. Durch den letzten Versuch 
(Nr. 8), in welchem als Aufschwemmungsmittel menschlicher Speichel 
verwendet wurde, sollten die in der Praxis vorkommenden Verhältnisse 
möglichst nachgeahmt werden. 

Das Resultat war jedoch fast übereinstimmend mit den Ergebnissen 
der vorangehenden Versuche. 

Jedenfalls konnte ein conservirender, von den mitverspritzten feinsten 
Speicheltröpfchen etwa herrührender Einfluss auf die Dauer der Lebens- 
fähigkeit der Diphtheriebacillen nicht nachgewiesen werden. 

Dass die Diphtheriebacillen der zu den geschilderten Versuchen be- 
nutzten Aufschwemmungen unter anderen Verhältnissen, z. B. angetrocknet 
an Seidenfaden und Leinwandstückchen, eine bedeutend längere Lebens- 
fähigkeit erwiesen, ist oben ausführlich geschildert. 



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108 Fbitz Kibstein: 

Es bestätigt sich hierbei auch die schon für Frodigiosus- und Typhüs- 
bacillen gemachte Beobachtung, dass die Dauer der Lebensfähigkeit der 
Diphtheriebacillen annähernd proportional ist der Dichte der angetrockneten 
Bakterienmassen. Dies zeigt besonders deutlich der Versuch, bei welchen 
Seidenfaden und Leinwandstückchen in dem Rasen einer Semmcultur von 
Diphtheriebacillen getränkt wurden. Die Dauer der Lebensßhigkeit be- 
trug unter diesen Umständen ca. 5 bezw. 4 Monate. Dagegen blieben 
die Ton demselben Stamme herrührenden Diphtheriebacillen, mit feinsten 
Tröpfchen verspritzt, höchstens 2 Tage lebensfähig. 

Versuche mit taberoulösem Lungenauswiirt^ 

Vor?ersuch. 

Da es unmöglich erschien, grössere Mengen des zähen tuberculösen 
Sputums ohne eine zweckmässige Vorbehandlung mit einem Sprayapparat 
zu zerstäuben, wurde zunächst ein tuberkelbacillenfreies bronchitisches 
Sputum zwecks eines Vorversuches in folgender Weise zur Verspritzung 
vorbereitet. Es wurden 100^^ des bronchitischen Sputums mit etwa der 
gleichen Menge sterilen destillirten Wassers verdünnt. Dieses Flüssigkeits- 
gemisch wurde nun zwecks gehöriger Homogenisirung und Zertheilung 
mit einer grösseren Menge groben Quarzsandes eine halbe Stunde lang 
kräftig geschüttelt. 

Alsdann wurde die homogen aussehende Flüssigkeit noch mit einer 
kleinen Menge einer dichten Frodigiosusaufschwemmung innig vermischt 
Mit Hülfe einer Wasserstrahlpumpe wurde nun das Ghinze durch ein eng- 
maschiges Drahtnetz (Maschengrösse Vie ^°*" ^^ Lichten) filtrirt Die Ver- 
sprayung der so gewonnenen Ma^ wurde mit dem sogenannten 
Schmidt'schen Oelzerstäuber vorgenommen, mit Hülfe dessen man einen 
grösseren Druck auf die zu versprayende Flüssigkeit ausüben konnte, als 
es bei Verwendung des gewöhnlichen Sprayapparates möglich war. Dem- 
entsprechend wurde auch ein grösseres, einen stärkeren Druck zulassendes 
Doppelgebläse verwendet. 



* Wahrend der Drucklegung dieser Arbeit wurden von Hey mann „Versuche 
über die Verbreitung der Phthise durch ausgehustete Tröpfchen und durch trocknen 
Sputumstaub" in dieser Zeitschrift, 1901. Bd. XXXVIII, veröffentlicht Der Autor 
stellte unter Anderem auch über die Resistenz der Tuberkelbacillen in verspritzten 
Tröpfchen Untersuchungen an, auf welche ich leider hier nicht mehr näher eingehen 
kann. Ich möchte nur darauf hinweisen» dass ich die Ergebnisse meiner in vor- 
liegender Arbeit niedergelegten Untersuchungen bereits vor dem Erscheinen der 
Arbeit Hey mann 's in einem Vortrage vor der medicinisohen Gesellschaft in Gicssen 
am 9. Juli 1901 mitgetheilt habe. Vgl. Deutsche med, Woehensekrift, 1901, Nr. So. 



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Daueb deb Lebensfähigkeit von Kbankheitsebbegebn. 109 

Es erschien Tortheilhaft, an das in der Sputammasse beflndliche Bohren- 
ende des Sprayapparates einen aus einem feinen Drahtnetz hergestellten 
Korb (ans einer doppelten Lage des Drahtsiebes bestehend) anzubringen, 
der die feinsten Flocken und Fäden der Sputumflüssigkeit zwecks Ver- 
meidung von Verstopfungen zurückhalten sollte. 

Die zur Verwendung gelangten 200«**°* des verdünnten, prodigiosus- 
bacillenhaltigen, bronchitischen Sputums wurden nach der beschriebenen 
Vorbehandlung innerhalb kurzer iZeit glatt verspritzt. 

Bezüglich der Lebensdauer der mit feinsten Sputumköpfchen ver- 
spritzten Prodigiosuskeimen wurde dasselbe Besultat wie in den früheren 
Versuchen gewonnen. 

Erster Versuch mit tuberculösem Lungenauswurf. 

Zu einem Verspritzungsversuche mit tuberculösem Sputum war ein 
möglichst frisch entleertes Sputum mit sehr zahlreichen Tuberkelbacillen 
und verhältnissmässig wenig anderen Mikroorganismen erwünscht. 

Das zum Versuche benutzte Sputum entsprach in der That diesen 
Anforderungen. Es enthielt sehr zahlreiche Tuberkelbacillen (Tabelle 
Gaffky Nr. IX) und relativ wenig andere Mikroorganismen. 

Ungefähr 200®^ des stark geballten Sputums wurden mit eben so 
viel physiologischer Kochsalzlösung verdünnt und in einem hohen Schüttel- 
glase unter Verwendung von viel grobem Quarzsand eine halbe Stunde lang 
kraftig geschüttelt. 

Die gelblich aussehende, anscheinend homogene Masse wurde unter 
Verwendung der Saugpumpe durch das engmaschige Drahtnetz filtnrt 

Von dem so vorbehandelten Sputum wurde ein mikroskopisches 
Präparat angefertigt. Dasselbe zeigte die Tub^kelbaoillen in grosser 
Menge, meist einzeln, indess befanden sich auch mehrere kleine Bacillen- 
häufchen in dem Präparat. 

Mit der Sputumflüssigkeit wurde zwecks Feststellung der Virulenz 
der in ihm enthaltenen Tuberkelbacillen 8 Meerschweinchen mit je V* **^"* 
der Flüssigkeit inficirt und zwar zwei intraperitoneal und eines subcutan. 

Die Verspritzung der Sputumflüssigkeit wurde in dem früher be- 
schriebenen Apparate vorgenommen. 

Auf das die exponirten Objecte tragende Gestell wurden zehn 8"^ 
im Durchmesser haltende Schalen gestellt; ausserdem wurden dem aller- 
feinsten Sprühregen zur Controle der Menge der aufgefallenen Keime 
mehrere gut gereinigte Deckgläschen und endlich eine mit Heydenagar 
armirte Schale ausgesetzt, auf welcher die Wachsthumsgeschwindigkeit der 
aufge&llenen Tuberkelbacillen verfolgt werden sollte. 



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110 Fritz Kibstein: 

An einem trüben Tage des Oetober 1900, nnd zwar nm 12 Uhr 
Mittags, wnrde mit der Yerspritztmg begonnen. Nach knrzer Zeit gelang 
die Versprühong der Spntumflüssigkeit schon schwer nnd gegen 1 Uhr 
war ein Flüssigkeitsstrahl trotz angewandten hohen Druckes kaum noch 
vorhanden. Es wnrde deshalb der Versuch unterbrochen und nach einer 
Stunde unter allen Cautelen die Sprayflasche herausgenommen. Von dem 
Drahtkorb, welcher ganz von einer Schleimschicht überzogen war, wurde 
die obere Lage ganz entfernt und die untere gut gereinigt Die Ver- 
sprayung wurde alsdann wieder aufgenommen. Nach einer weiteren 
Stunde waren nun ca. 200 ^"^ Spntumflüssigkeit unter intensiver Benutzung 
des Doppelgeblases verspritzt worden. 

Die Versprayung des tuberculösen Sputums war ungleich schwieriger 
als diejenige des bronchitischen Sputums. Dabei ist allerdings zu berück- 
sichtigen, dass das bronchitische Sputum schon in beginnender Zersetzung 
sich befand und dadurch eine Auflösung gröberer Fasern und Partikel 
eingetreten war. 

Im Gegensatz dazu war das tuberculöse Sputum firisch, stark geballt 
und reich an elastischen Fasern. 

Während der ganzen Dauer der Yerspritzung wurde ein Luftstrom 
mit Hülfe der Wasserstrahlpumpe durch den Apparat hindurchgesaugt 
Im Ganzen waren im Verlaufe der Verspritzung ca. 1600 Liter Luft ab- 
gesaugt worden, also durchschnittlich 12 Liter Luft in der Minute. 

Mit dem nicht in die Sprayflasche eingefüllten Theil der Sputum- 
flüssigkeit wurden Seidenfaden und Leinwandläppchen imprägnirt. Fem^ 
wurden noch ganze Sputumballen an Schalen angetrocknet Sowohl diese 
wie die getränkten Seidenföden und Leinwandläppchen wurden im Labora- 
torium an demselben Orte aufbewahrt, wo auch die Schälchen mit den 
feinsten Tröpfchen sich befanden, also unter denselben Bedingungen der 
Luft- und Lichtwirkung. 

iVa Stunden nach Beendigung der Verspritzung wurden sämmtliche 
Gegenstände aus dem Apparate herausgenommen. Die Schalen wurden 
äusserlich mit in Sublimat getränkter Watte abgewischt. Die leeren 
Schalen wurden alsdann umgekehrt auf das Drahtnetz im Laboratorium 
gestellt; die mit Heydenagar versehene Schale kam in den Brütschrank bei 
37« C. 

Die exponirt gewesenen Deckgläschen wurden alsdann auf Tuberkel- 
bacillen geerbt Letztere lagen fast alle einzeln; sehr selten sah man 
zwei, höchstens drei zusammenliegen. Die Vertheilung der Tuberkel- 
bacillen war somit vorzüglich gelungen. 

In einem Gesichtsfeld lagen durchschnittlich 4 bis 5 Bacillen. Unter 
Berücksichtigung der Grösse des Gesichtsfeldes (für Leitz's Oelimmersion 



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Daüeb deb Lebensfähigkeit von KRANKHEirsEBBEGEBK. 111 

Vi, mit Ocular 1 und Tubuslänge 146 = 0-24 <»"»") und des Flächen- 
inhaltes einer Schale (8<^ im Durohm.) ergab sich, dass mindestens 12000 
Tuberkelbacillen auf den Boden einer Schale aufgefallen sein mussten. 

Bei der Verfolgung der Dauer der Lebensfähigkeit der mit feinsten 
Sputumtropfchen verspritzten Tuberkelbacillen konnte von der Anwendung 
geeigneter künstlicher Nährböden kein Erfolg erwartet werden. Der Thier- 
versuch konnte hier allein entscheiden. 

Es war daher eine grössere Zahl von Meerschweincheui Msch an- 
gekauft und dieselben in einem gut gereinigten und vorher mit Formalin 
desinficirten Stall, der allein dem Versuche diente, untergebracht worden. 

Da der erste Versuch mit tuberculösem Sputum nur ein orientirender 
sein sollte, wurden die üntersuchungszeiten nach Beendigung der Ver- 
spritzung weit aus einander liegend gewählt. 

Es wurde also folgendermaassen verfahren: P/s Stunden nach Be- 
endigung der Versprajung wurden sämmtliche Objecto aus dem Apparate 
herausgenommen. Sofort wurde eine Prüfung auf Lebensfähigkeit der 
niedergefallenen Tuberkelbacillen in der unten beschriebenen Weise vor- 
genommen. Weitere Untersuchungen wurden 6, 24 und 48 Stunden, 
endlich 4 und 8 Tage nach Beendigung der Versprühung ausgeführt. 

Die Thierversuche wurden folgendermaassen angestellt: 

Die Schalen wurden mit 8 ^^ steriler physiologischer Kochsalzlösung 
ausgespült und von der Abschwemmflüssigkeit je 1^°^ einem Meer- 
schweinchen injicirt, und zwar bekamen zwei Meerschweinchen je l*'*^ 
intraperitoneal, und eines 1®®™ subcutan. 

In der Spülflüssigkeit tvurden durch ge&rbte Deckglaspräparate 
Tuberkelbacillen nachgewiesen. 

Die intraperitoneale Injection wurde so vorgenommen, dass nach 
DurchtrennuQg der straffen Bauchhaut mit dem Scalpell, eine stumpfe 
Canüle vorsichtig bohrend in die Bauchhöhle eingeführt wurde. Nach 
der Injection wurde die Wunde mit einem Stückchen steriler Watte be- 
deckt und dieselbe mit Collodium befestigt 

Die drei zu einer Prüfung erforderlichen Thiere wurden jedes Mal 
zusammen in einem Käfige untergebracht. 

5 Tage nach der Zerstäubung wurden von der mitexponirten Heyden- 
agarschale Klatschpräparate gemacht. 

Dieselben zeigten eine zweifellose, indess kümmerliche Vermehrung der 
niedergefallenen Tuberkelbacillen. Da diese nach Ausweis der besprühten 
Deckgläschen fast ausnahmslos isolirt aufgefallen waren, war die statt- 
gefundene Vermehrung auf der Hejdenagarplatte leicht wahrzunehmen. 

Das Versuchsergebniss des ersten mit tuberculösem Lungenauswurf 
angestellten Verspritzungsversuches ist in der folgenden Tab. lU niedergelegt. 



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112 



Fkitz Kibstein: 



Tabelle IH. 
Versuch mit einem auf die Hälfte mit physiolog. Kochsalz- 
lösung verdünnten tuberculösem Lungenauswurf. 
(Qaffky'8 Tabelle Nr. EL) 

Verspritzte Plüssigkeitsmenge: 200 ~". Abgesaugtes Luftquantum: 1600L. 

Verspritzungsdauer: 2 Stunden. 

Anzahl der Tuberkelbacillen auf einer Schale ca. 12000. 

Schalen in» zerstreutem Tageslicht bei Zimmertemperatur aufbewahrt 



Die von der j ^ ^ 
Beendignog d, 
Verspritznng 
bis z. Im^faiig 

der Thiere 

Yerilossene 
Zeit 






IVt Stundtn 1 



6 Stunden 



Art der 
Impfang 



Tod (t) 

bezw. 

Tödtung 

(X) 
wie lange 
nach d. Ein- 
spritzung 



intraperi- 
toneale 

Ein- 
spritzung 



I 



subcutane 

Ein- 
spritzung 



intraperit. 

Ein- 
spritzung 



t nach 
12 Tagen 



X nach 
55 Tagen 



+ nach 
81 Tagen 



t nach 
16 Tagen 



subcutane 

Ein- 
spritzung 



I 



Sectionsbefund 



Pneumonie der linken Lunge. Die übrigen 
Organe erschienen makroskopisch uoTer- 
ändert. In Ausstrichpräparaten der Milz 
wurden vereinzelte Tuberkelbac. gefunden. 

Tubf reo lose der ganzen Bauchhöhle. 
Zahlreiche Tuberkel in der Milz und im 
Netz. Letzteres war ganz zusammenge- 
ballt Ausserdem Tuberoulose der Leber, 
der Mesenterial- n. Retroperitonealdrnsen. 
Die Impfstelle war geschwfkrig zerfallen. 

Tuberculose in der Bauchhöhle. Zahl- 
reiche Tuberkel in der Milz und im Netz. 
Tuberculose käsige Herde in der Leber. 
Käsige Entartung der Lymphdrüsen. Hoch- 
gradige linksseitige Fneumonie. 



TuberkelblMung im Netz Im Ausstrich 
von Leber und Milz wurden ebenfalls 
Tuberkelbacillen nachgewiesen. 

Pneumonische Herde in beiden Lungen. 



I f nach Tuberculosf in der Bauchhöhle. Wenig 
I 20 Tagen | zahlreiche Tuberkel in Milz und Nets. 
i j Ausgeprägte Drüsentuberculose. In den 

I ! Drüsen Tuberkelbacillen färberisch 

I nachgewiesen. — Pneumonie beider 

. Lungen. 



X nach 
48 Tagen 



Toberculose der Bauchhöhle. Die ver- 

frösserte Milz ist von zahlr. Tuberkeln 
urchsetzt. Tuberculose Veränderungen 
in der Leber. Netz knotig -vnirstförmig 
zusammengerollt Hochgrad. Schwellung 
der Lymphdrüsen. In der Brusthöhle 
I reichlich pleuritisches Exsudat; in den 
liUngen miliare Knötchen. 



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Daüeb der Lebensfähigkeit von Kkankheitserbegern. HS 



Tabelle III. (FortsetzuDg.) 



Die von der 

Beendignng d. 

Verspritzung 

bis z. Impfang 

der Thiere 

verflossene 

Zeit 



S 



Tod(t) 

bezw. I 

Tödtung I 

(X) i 

wie lange ! 

nachd.Ein-| 

spritznng i 



Sectionsbefnnd 



24 Stundf n 



intraperit. 1 

Ein- 
spritzung 



t nach 
28 Tagen 



48 Stundtn 



10 



11 



12 



4 Tage 



13 



subcutane 1 

Ein- I 

spritzung | 



intraperit 
Einspritzg. 



subcutane 

Ein- 
spritzung 



intraperit. 

Ein- 
spritzung 



14 



X nach 
55 Tagen 



I 



t nach 
11 Tagen 



t nach 
5 Tagen 

t nach 
8 Tagen 



t nach 
45 Tagen 



t nach 
82 Tagen 



X nach 
50 Tagen 



ZcItMbr. t Hygim«. XXXIX. 



Tuberculosf in der Bauchhöhle. Zahl- 
reiche miliare Tuberkeln an der Bauch - 
wand, Yon Tuberkeln durchsetztes Netz. 
Milz vergrössert, enthält wenige Tuberkeln. 
Die Lymphdrüsen sind erheblich geschwol- 
len. Tuberkelbacillen in den Tu- 
berkeln färberisch nachgewiesen. 
In beid. Lungen lobuläre pneumon. Herde. 

Tuberculose der Bauchhöhle unter vor- 
wiegender Betheiligung der Milz u. des 
Netzes. Hochgradige Drüsentuberculose; 
die Sternaldrüsen sind ebenfalls miter- 
griffen. An der Impfstelle fand sich ein 
käsiger Abscess. 

Linksseitige Pneumonie (Todesursache), 
sonst wurde nichts Krankhaftes gefunden. 
In Ausstrichpräparaten wurden Tuberkel- 
bacillen nicht gefunden. 

Ausgedehnte Darmentzündung. — Die 
Pey er' scheu Plaques sind nekrotisch. 

Nekrotisirende Dickdarmentzündung. Im 
Oberlappen der rechten Lunge kleine fleck- 
weise pneumonische Herde. In Ausstrich- 
präparaten der Milz wurden Tuberkel- 
bacillen nicht gefunden. 

Tuberculose in der Bauchhöhle unter 
Torwiegender Betheiligung der Milz (ver- 
ffrössert und von Tuberkeln durchsetzt), 
der Leber (^elbe Herde) und des Netzes 
(ebenfalls mit Tuberkeln besetzt). Allge- 
meine Drüsentuberculose. 

Tubtrculose der Bauchhöhle. Milz von 
zahlreichen Tuberkeln durchsetzt. Die 
Leber zeigte gelbe Herde. Das mit Tu- 
berkeln besetzte Netz stark aufgerollt. 
Drüsen nur wenig geschwollen. In Aus- 
strichDräparaten von Tuberkeln wurden 
TuberKeloacillen nachgewiesen, ebenso in 
Schnitten der lieber. 

Ausgebreitete Tubtrculose der Bauch- 
höhle. Grosse, von zahlreichen Tuberkeln 
durchsetzte Milz; grosse verfettete Leber 
mit gelben Herden. Mesenterial- u. Betro- 
peritonealdrüsen stark vergrössert. Lymph- 
drüsen am Stemum infiltrirt. Lungen 
noch frei. 
8 



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114 



Fbitz Kerstein: 



Tabelle IIL (Fortsetzung.) 



Die von der ^ ^ 
Beendigang d.| a>^ ' 

Verspritzung i h J i Art der 
bis z. Impfungi *2 « 1 
der Thiere , J | ! Impftmg 



verflossene , "£ ►P 



Zeit 



(Todt) I 
I bezw. I 
i (Tödtung) I 
I (X) I 
wie lange { 
! nach d. Ein- 1 



Sectionsbefnnd 



8 Tage 



I spritzutig 



4 Tage 



15 



16 



17 



18 



subcutane < 

Ein- ' 

spritzung ' 



intraperit. I 
EinspritzgJ 



t nach 
38 Tagen 



t nach 
5 Tagen 

t nach 
15 Tagen 



subcutane , x nach 
Ein- I 50 Tagen 
spritz ung ! 



Tuberculose der Inguinaldrüsen. Einzehie 
Tuberkeln in der Milz. Schwellung 
der MesenterialdrfUen. In Ausstrich- 

Präparaten der Inguinaldrüsen u. 
er Milz wurden Tuberkelbacillen 
nachgewiesen. Pneumonie d. rechten 
Lunge. 

Pneumonie der linken Lunge. Sonst 
wurde nichts Krankhaftes aufgefunden. 

Linksseitige Pneumonie; in der rechten 
Lunge fleckweise pneumonische Herde. 
In Ausstrichpräparaten u. Schnit- 
ten von Milz und Leber wurden 
weder Tuberkelbacillen noch auf 
Tuberculose hindeutende Gewebs- 
veränderungen gefunden. 

Keine krankhaften Erscheinungen. Das 
Thier war insbesondere frei von Tu- 
berculose. 



Controlen mit dem zur Verspritzung benutzten Material. 
Drei Thiere wurden mit 0»26~°» desselben unmittelbar vor der Ver- 

spritzuDg inficirt. 



19 



21 



intra- f nach Im unteren Abschnitte der Bauchhöhle 

peritoneale 1 2 Tagen i circumsoripte eitrige Peritonitis, im öbri- 



Ein 
spritzung 



20 



t nach 
18 Tagen 



gen Theil der Bauchhöhle reichlich ha- 
I morrhagisch gefärbte Flüssigkeit Makro- 
, skopisch keine tuberoulös. YeränderuDgen 
erkennbar. In Ausstrichpräparaten 
von Milz und Leber werden Tu- 
I berkelbacillen nachgewiesen. 
> Pneumonische Herde in beiden Lungen. 

Chronische Peritonitis, durch die der linke 
Lcberlappen an die Bauchwand fixirt 
wurde. Tuberkeln in der Milz. Mesen- 
terialdrüsen geschwollen. In Tuberkeln 
der Milz Tuberkelbacillen färbe- 
risch nachgewiesen. 



I subcutane | f nach iTuberculose in der Bauchhöhle. Zahl- 

I Ein- I 34 Tagen i reiche Tuberkeln in der Milz. Gelbe Herde 

I spritzung | in der Leber. Drüsen stark geschwollen, 

I I zum Theil verkäst. Pneumonische Herde 

I , in den Lungen. 



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Dauer der Lebensfähigkeit von Krankheitserregekn. 115 



Zu dem voistehenden Versuche ist noch zu bemerken, dass während 
der über 8 Tage sich erstreckenden Versuchsdauer trübe Witterung vor- 
herrschend war. 

Wie die Tabelle zeigt, bewahren unter den angegebenen Verhältnissen 
die mit feinsten Sputumtröpfchen verspritzten Tuberkelbacillen mindestens 
4 Tage ihre Lebensfähigkeit. 

Die nach 8 Tagen von einem Schälchen gewonnene Abschwemm- 
flussigkeit machte die Versuphsthiere nicht mehr tuberculös. 

Die Zeit des Absterbens der Tuberkelbacillen muss also zwischen 
4 und 8 Tagen nach der Verspritzung gelegen sein. 

Vergleicht man hiermit die Lebensdauer der Tuberkelbacillen desselben 
Materials, angetrocknet an verschiedene unter denselben Bedingungen wie 
die besprühten Schälchen gehaltenen Objecte, so erhellt auch hier wieder 
ein beträchtlicher Unterschied bezüglich der Erhaltung der Lebensdauer, 
wie dies schon für andere Bakterien festgestellt wurde. Es ergab sich 
nämlich, dass an den getränkten Seidenfaden 45 Tage, und an den ge- 
tränkten Leinwandläppchen 80 Tage für Meerschweinchen virulente 
Tuberkelbacillen vorhanden waren. 

In dicken, auf Schalen angetrockneten und im Laboratorium auf- 
bewahrten Sputumballen blieben die Tuberkelbacillen sogar SVg Monate 
für Meerschweinchen pathogen. 

Im Folgenden sind die Versuchsergebnisse, die bisher in der Litteratur 
bezüglich der Lebensdauer ein- bezw. angetrockneter Tuberkelbacillen 
verzeichnet sind, zusammengestellt. 

Tabelle IV. 
Versuche der verschiedenen Autoren über die Lebensdauer 
von Tuberkelbacillen unter dem Einflüsse der Trocknung und 

Belichtung. 



Autor 
1 


Medium, in 

welchem sich die 

Taberkelbacillen 

befanden 


Object 

der 
Fixation 


Aufbewahrt 


Lebensdauer 
der Tuberkel- 
bacillen 
in maximo 


R. Koch» 


eingetrockneter 
Lungenauswurf 






1-2 Monate 


MalaBsez u ; 
Vignal» 1 


1* 


— . 


bei abwechselndem An- 
feuchten u. Trocknen 


12 Tage 


de Toma* 


>» 


— 


— 


10 Monate 


äormani* 


„ 


— 


— 


2 „ 


Oadäac und 
Malet» 


tuberoulöse 
Organ Stückchen 


— 


in Pulverform 


102 Tage 


j 


>t 




in faustgroBsen 
Stücken getrocknet 


150 



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116 


Fbitz KmsTBiN: 






Tabelle 


IV. (Fortsetzung.) 




Autor 


Mediam, in 

welchem sich die 

Tuberkelbacillen 

befanden 


Object 

der 
Fixation 


Aufbewahrt 


liCbensdauer 
der Tuberkel- 
bacillen 
in maximo 


Galtier« 


getrocknete tnbercu- 
löse Organstüokchen 


— 




38-48 Tage 


Schill und 
Fischer' 


eingetrockneter 
Lungenauswnrf 




" 


4—6 Monate 


R. Koch« 


Coltüren 




im direct. Sonnenlicht 


einigeStanden 


>» 


»» 


— 


im zerstreut Tageslicht 


TTa^e 


Maffucci» 


1» 




— 


6 Monate 


)i 


Aufschwemmung 
von Culturen 


Seiden- 
f&den 


im Exsiccator über 
gebranntem Kalk 


1-2 „ 


Sawitzky" 


in eingetrocknetem 
Lungenauswnrf 


— 


im Zimmer 


2V, „ 


Straus** 


angetrocknetes Sputum 
(dünne Schicht) 


" 


im Sonnenlicht 


V, stunde 


Migneco»« 


tuberculöses Sputum 


Leinwand 
und Wolle 


»> 


24-80 Std. 


Mitchell a. 
Crouch»» 


M •• 


Sand 


♦» 


30 Stunden 


Cornet" 


eingetrockneter 
Lungenauswurf 


— 




8 Monate 


Otto- 
lenghi *• 


tuberculöser Auswurf 


— 


im Sonnenlicht 


14V, Stunden 


if 


»» »> 


_ 


im Tageslicht 


120 Tage 



^ B. Koch, Die Aetiologie der Tuberoulose. Miäkeilmngen aus dem KaUmrL 
Gesundheitsamte. 1882. Bd. I. — Berliner hlin. Wochenschrift. 1882. S. 229. 
' Malassez u. Yignal, Compt. rend. de la SocUti de biolog, 1883. p. 181. 

* De Toma, Sulla vinüenza dello sputo tubercolare. Annal, univers. di tmedie, 
1886. 

* G. Sormani, La vitalita del bacillo tubercolare. Griam. d^igiene. 1886. p. 131. 
' Cad^ac et Malet, Recherches exp^rimentales sur la virulence des mati^res 

tuberculeuses des^h^s, putrefi^es ou cong^l^s. Bivue vSUrinaire de Toulouse, 1889. 

* Galtier, Dangers des mati^res tuberculeuses qui cnt subi la dessication, le 
cofc^t prolong^ de l'eau. Campte rendu de l'Academie des sciences. 1887. T. CV. 
p. 231. 

^ Schill und Fischer, Ueber die Desinfection des Auswurfs der Phthisiker. 
Mittheilungen aus dem KaiserL Gesundheitsamte, 1889. Bd. IL S. 133. 

* R. Koch, Ueber bakteriologische Forschung. Verhandlungen des X, intern, 
medicin. (Kongresses zu Berlin, 1890. Bd. I. 

* Maffucci, Die Hühnertuberculose. Diese Zeitschrift, 1892. Bd. XL S. 466 
und 467. 

>^ Sawitzky, Zur Frage über die Dauer der infectiösen Eigenschaften des ein- 
getrockneten tuberculösen Sputums. CentraUblatt f, Bakteriologie. 1892. Bd. XI. 8. 153. 



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Dauer der LBBENSFÄmGKEiT von Krankheitserregern. 117 

>> Strans, La TubereuloMe et Mon haciüe, Paris 1895. Baeff et Co. p. S80. 

'* Migneco, Azione della Inoe solare sulla yiralenza del baoillo taberoolare. ^ L 
Ann. (Tigiene sperim. p. 215. — Ref. bei Baumgarten. Jahrg. XI. 1895. S. 698. ^ 

1* Mitchell and Cr o ach, The influence of sanlight on tuberculoas spatum in 
Üenrer. Joum. of FcUh, and Bact Vol. VI. p. 14—81. — Ref. in Hygien, Rund- 
9eh€M, 1899. Bd. IX. 8.786. 

^^ Cor n et. Die Taberculose. Specielle Pathologie und Therapie von H. Noth- 
nagel. Wien 1899. Bd. XIV. Th. III. S. «7. 

^^ Ottolenghi, Ueber die Desinfection der tubercnlösen Sputa in Wohnräumen. 
Diese Zeitschrift. 1900. Bd. XXXIV. S. 279 u.' 280. 



Man ersieht aus der Zusammenstellung, dass die verschiedenen Autoren 
auch bei annähernd gleichen Yersuohsbedingungen doch zu sehr differenten 
Resultaten bezüglich der Lebensdauer der Tuberkelbaoillen gelangt sind. 
Dies mag einmal in der verschiedenen Virulenz des Ausgangsmateriales, 
vor Allem aber in der verschieden grnflaPTi Tlifil^tigkeit.Jerj^etrockneten 
tuberkelbacillenhaltige n Massen seinen Grund haben. 

Im Allgemeinen muss jedenfalls auf Grund der vorstehenden Versuohs- 
ergebnisse dem Tuberkelbacillus eine hohe Widerstandsfähigkeit gegen 
Austrocknung zugeschrieben werden. Auch im Wasser, Boden und Faul- 
fiüssigkeiten zeigt der Tuberkelbacillus eine grosse Resistenz (Petri, 
Loesener, Galtier, Schill und Fischer, Sormani u. A.). 

In neuerer Zeit hat P. Musehold ^ zahlreiche Versuche über die 
Widerstandsfähigkeit der mit dem Lungenauswurf herausbeförderten Tu- 
berkelbaoillen in Abwässern u. s. w. . angestellt. Der Autor ist dabei zu 
folgendem wichtigen Ergebniss gekommen: _ 

„Die Widerstandsßhigkeit der mit dem Lungeuauswurf heraus- 
beförderten Tuberkelbacillen stellt sich in natürlichen Abwässern von 
jaucheartiger Beschaffenheit und im Boden, in welchem sie mit solchen 
Abwässern überführt worden sind, trotz der Summe von Schädlichkeiten, 
die dabei auf sie einwirken können, — trotz Frost, Schnee, Regen, 
Sonnenschein, trotz Fäulniss und trotz der Goncurrenz einer mannig- 
fachen Bakterienflora, — im Grossen und Ganzen nicht anders, als in 
getrockneten Sputis; die Tuberkelbacillen bewahren trotz aller dieser 
Schädlichkeiten ihre Fähigkeit, Tuberculose zu verursachen, eine Anzahl 
von Monaten hindurch.*^ 

Es darf daher nicht Wunder nehmen, dass, wenn Tuberkelbacillen 
in grösseren Massen an Gegenständen angetrocknet oder in Flüssigkeiten 



^ Mn Behold, Ueber die Widerstandsfähigkeit der mit dem LungeDausworf 
beraoBbef^rderten Tuberkelbacillen in Abwässern, im Flnsswasser und im cnltivirten 
Hoden. Arbeiten aus dem Kaiserl. Oesundhei/samte. 1900. Bd. XVII. 



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118 Feitz Kiestein: 

suspendirt, mannigfaltigen Schädlichkeiten Monate lang Widerstand leisten 
können, der Tuberkelbacillns als Einzelindividuum den schädlichen Ein- 
flüssen der Austrocknung und der diffusen Tagesbelichtung wenigstens 
4 Tage lang ungeschwächt Trotz bieten kann. 

Um nun den Zeitpunkt der Lebensdauer der mit feinsten Sputom- 
tröpfchen verspritzten Tuberkelbacillen womöglich noch genauer abzu- 
grenzen, wurde noch ein weiterer Verspritzungsversuch mit tuberoulösem 
Lungenauswurf vorgenommen. . 

Zweiter Versuch mit tuberoulösem Auswurf. 

Dieser Versuch wurde erst Ende März 1901 angestellt, in der 
Hoffnung, zu Beginn der wärmeren Jahreszeit weniger Versuchsthiere 
intercurrent an Pneumonie zu verlieren, als dies im Winter der Fall war. 

Für die Unterbringung der wieder frisch angekauften ausgewachsenen 
Meerschweinchen wurde ein geräumiger Stall gründlich gereinigt und mit 
Formalin desinficirt. 

Zu dem Versuche wurde ein Sputum verwendet, welches ungefähr 
dieselbe Anzahl von Tuberkelbacillen aufwies wie das zum ersten Versuche 
benutzte, also ein Auswurf von der Tuberkelbacillenzahl Gaffky Nr. IX 
Das Sputum enthielt jedoch ziemlich viel andere Mikroorganismen. 

150 *^^^ des Auswurfs wurden mit der gleichen Menge sterilen Wassers 
versetzt und mit 50 '^«'"^ groben scharfkantigen Quarzsandes eine halbe 
Stunde lang kräftig geschüttelt. Das so gewonnene homogen erscheinende 
Material wurde alsdann noch durch das engmaschige Drahtnetz filtrirt 

In einem Theile dieser Flüssigkeit wurden wieder Seidenfäden und 
Leinwandläppchen getränkt und theils im Laboratorium, theils im Keller 
aufbewahrt. 

Ferner wurden als Controlen 2 Meerschweinchen mit je Vio*^*^ ^^ 
Materials subcutan inficirt. 

Mit Hülfe des Schmidt' sehen Zerstäubers wurden nahezu 200 ^'^ 
der Sputumflüssigkeit im Verlauf von 2 Stunden versprüht; während 
dessen wurden 1200 Liter Luft abgesaugt. 

Die Versuchsanordnung war im Uebrigen dieselbe wie im ereten 
Versuche. 

2 Stunden nach Beendigung der Zerstäubung wurden die Schalen 
und die Controldeckgläschen aus dem Apparate herausgenommen. 

Um auch den Einfluss mangelnder Belichtung auf die mit feinsten 
Tröpfchen verspritzten Tuberkelbacillen im Gegensatz zu den im zerstreuten 
Tageslicht befindlichen festzustellen, wurde die Hälfte der exponirt ge- 



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Dauer der Lebensfähigkeit von Kbankheitserregern. 119 

wesenen Schalen im Keller, die andere Hälfte dagegen im Laboratorinm 
unter den gewöhnlichen Bedingungen gehalten. 

Was die Helligkeitsverhältnisse während der Versuchszeit angeht, so 
waren dieselben an den ersten vorzugsweise in Betracht kommenden Tagen 
entsprechend dem dieser Jahreszeit eigenthümlichen Witterungswechsel 
sehr ungleich. 

Der durchschnittliche während der Versuchsdauer herrschende relative 
Feuchtigkeitsgehalt im Keller betrug ca. 84 Procent, die Kellertemperatur 
im Mittel 9^ C. 

Auf den besprühten Controldeckgläschen wurden nach ihrer Färbung 
fast immer nur isolirt liegende Tuberkelbacillen, selten Zusammenlagerungen 
von 2 bis 3 beobachtet. 

Die Zahl der auf eine Schale mit feinsten Tröpfchen niedergefallenen 
Tuberkelbacillen berechnete sich auf 6000 bis 7000. 

Da auf Grund des Ergebnisses des ersten Versuches mit Sicherheit 
anzunehmen ist, dass innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Ver- 
sprayung die mit feinsten Tröpfchen verspritzten Tuberkelbacillen noch 
nicht absterben, dass vielmehr das Zugrundegehen der Tuberkelbacillen 
unter den genannten Bedingungen etwa erst zwischen dem 4. und 8. Tage 
nach der Verspritzung erfolgen muss, schienen für einen zweiten Versuch 
Untersuchungszeiten, die 1, 2, 4, 6, 8 und 10 Tage nach der Zerstäubung 
gelegen waren, zweckmässig für die Prüfung der im Laboratorium ge- 
halteneu Schalen. 

Für die Untersuchungen der im Keller verwahrten Schalen wurden 
Termine von 6, 10, 22 und 40 Tagen vorgesehen. 

Da das verwendete Sputum ziemlich viel fremde Keime enthielt, 
wurden mit der Abschwemm flüssigkeit der Schalen nur ein Meerschweinchen 
intraperitoneal, dagegen zwei subcutan inficirt Je drei zu einer Unter- 
suchung gehörigen Thiere wurden wieder in einem vorher gründlich mit 
Sodalösung gereinigten Käfige untergebracht. 

Erwähnt sei noch, dass die exponirt gewesene Heydenagarschale nach 
Stägigem Verweilen im Brütschrank eine deutliche Vermehrung der auf- 
gefallenen Tuberkelbacillen in der Form von Schleifen im Klatschpräparat 
erkennen liess. 

Ueber das Resultat des zweiten Verspritzungsversuches mit tuber- 
culösem Lungenauswurf giebt die folgende Tabelle Aufschluss. 



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120 



Fkitz Kiestein: 



Tabelle V. 

Yersucli mit einem auf die Hälfte mit sterilem Wasser 

verdüunten tuberculösen Lungenauswurf (Gj^ffky's Tabelle IX). 

Verspritzte Flüssigkeitsmenge: 200*^*^. Abgesaugtes Luftquantum: 1200L. 

Verspritzungsdauer: 2 Stunden. 

Anzahl der Tuberkelbacillen auf einer Schale: ca. 6000 bis 7000. 

1. 8ehalen In oerstreatem Tageslicht bei Zimmertemperatar avf bewahrt. 



1 Tag 



2 Tage 



sabcutane 

Ein- 
I spritzniig 



f nach 
86 Tagen 



t nach 
VI Tagen 



intra- i 
peritoneale i 

Ein- 
spritzung ' 



t nach 
23 Tagen 



I 



4 subcutane f nach 
Einspritzg.! 6 Tagen 



5 



I X nach 
I 48 Tagen 



t nach 



I intra- 
peritoneale I 15 Tagen 
' Ein- 
I spritzung 



Tuberculose der Drüsen. Zahlreiche Tu- 
berkel in der Milz. Netz von Tuberkeln 
durchsetzt und wurstförmig zusammen- 

feroUt. Im Ansstrichpr&parat von 
uberkeln der Milz Tnberkelbac 
nachgewiesen. An der Impfstelle fand 
sich ein käsiger Abscess. 

Schwellung der Inguinaldrüsen. In der 
Bauchhöhle eine geringe Menge Ascites. 
Makroskopisch keine tuberculösen Ver> 
änderungen sichtbar. Starke Darmentzün- 
dung. Lungen normal. Tuberkelbacillen 
wurden in den geschwollenen 
Inguinaldrüsen vereinzelt nach- 
gewiesen. 

Beginnende Tubercolose des Netzes. Milz 
und lieber noch nicht tuberculös ver- 
ändert. Schwellung der Mesenterial- und 
Retroperitonealdrüsen. In Tuberkeln des 
Netzes Tuberkelbacillen filrberisch nach- 
gewiesen. Pneumonische Herde in den 
Lungen. 

Es wurde nichts Krankhaftes gefanden. 

Tubtrculose der Bauchhöhle. Netz von 
Tuberkeln durchsetzt u. zusammengerollt. 
Die vergrösserte Milz enthält zahlreiche 
Tuberkel. Die Leber zeigte gelbe Herde. 
Allgemeine Drüsentuberculose. 

Vereinzelte Tuberkeln im Netz. Milz noch 
nicht sichtbar verändert. Mesenterial- 
und Retroperitonealdrüsen geschwollen. 
In Tuberkeln des Netzes Tuberkel- 
bacillen färberisch nachgewiesen. 
Unterlappen der linken Lunge pneumo- 
nisch verändert. 



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Daueb deb Lebensfähigkeit von Kbankheitsebbegebn. 121 



T a b e 11 e V. (Fortsetzung.) 



Die Yon der »^ | • 
Beendi^ngd. 9IB ' 
Verepritejng | IJ Art der 
biß z. Impfang «§21, 
der Thiere § § ' Impfung 
TerfloBsene ? ^ 
Zeit I ^ TS ' 



Tod(t) ! 

bezw. 

Tödtung I 

(X) I 

wie lange 1 

nacbd.£in-i 

spritzang > 



Sectionsbef u nd 



4 Tage 



Bubontane 
Einspritzg. 



6 Tage 



10 Tage 



10 
11 
12 

18 
14 

15 



f nach 
5 Tagen 

+ nach 
29 Tagen 



intraperit ! 
Einspritzg. 

Bubcatane 
Einspritzg. 



intraperit. < 
Einspritzg. 



subcutane 
Einspritzg. 

n I 



intraperit 
Einspritzg. 



t nach 
2 Tagen 

t nach 
18 Tagen 

X nach 
60 Tagen 

t nach 
17 Tagen 



t nach 
7 Tagen 

t nach 
22 Tagen 

t nach 
34 Tagen 



Darmentzündung. Peyer'sche Plaques 
nekrotisch. Sonst nichts Abnormes. 

Umfangreiche Schwellung der Inguinal- 
drüsen, namentlich rechterseits. Verein- 
zelte Knötchen im Netz. In letzteren 
Tuberkelbacillen färberisch nachge- 
wiesen. Milz und Leber makroskopisch 
unverändert. Jedoch werden im Milzaus- 
strichpräparat ebenfalls Tuberkelbacillen 
gefunden, Pneumonische Herde in den 
Lungen. 

Peritonitis. 



Pneumonie der r. Lunge; im Uebrigen 
normaler Befund. 

Nichts Krankhaftes nachzuweisen. 

In der Bauchhöhle ist nichts Abnormes 
sichtbar. Drüsen sind nicht geschwollen. 
Mikroskopisch sind keine Tuber- 
kelbacillen zu finden. Pneumonie 
der linken Lunge. 

Enteritis. Sonst nichts Krankhaftes 
gefunden. 

Darmstenose. Tuberculose ist weder 

makroskopisch noch mikroskopisch 

zu finden. 

Banchorgane normal. Keine tuber- 

culösen Veränderungen. In den 

Lungen pneumonische Herde. 



2. Schalen Im Keller bei darehschnittlich 9^ C. aufbewahrt. 



6 Tage ' 16 subcutane! f nach 

I • ' Einspritzg. I 3 Tagen 
, 17 I „ t nach 

II I 37 Tagen 

I 



18 



I intraperit. 
Einspritzg. 



t nach 
48 Tagen 



Enteritis 

Tuberkelbildung im Netz, vereinzelt auch 
in der Milz. Inguinaldrüsen stark ge- 
schwollen, z. Tb. verkäst. In Tuberkeln 
des Netzes Tuberkelbacillen färberisch 
nachgewiesen. Pneumonische Herde in 
der linken Lunge. 

Tuberculose in der Bauchhöhle. Beich- 
liehe Tuberkelbildung im Netz und in 
der Milz. Tuberculose der Drüsen. Die 
Mesenterialdrüsen z. Th. verkäst. Doppel- 
seitige Pneumonie. 



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122 



Fbitz Kibstein: 



Tabelle V. (PortsetzuDg.) 



Die von der 

Beendigung d. 

Verßpritzung 

bis z. Impfung 

der Thiere 

verflossene 

Zeit 






Art der 
Impfung 



I Tod (+) , 
' bezw. I 
i Tödtung I 
; (X) 
I wie lange 
nach d.Ein- 
j spritzung 



See tion sbefund 



10 Tagt ! 19 I subcutane ' f nach 
, ' Einspritzg.i 4 Tagen 



20 
21 



22 Tage 



22 



23 



24 



, intraperit. i 
Einspritzg. 



subcutane , 
EinBpritz^^ 



intraperit. , 
Einspritzg. 



t nach 
41 Tagen 



Nichts Krankhaftes gefunden. 

Enteritis. 

Tuberculose in der Bauchhöhle. Zahl- 
reiche Tuberkel im Netz und der Milz, 
einzelne Tuberkel am Zwerchfell. Die 
Lymphdrüsen sind z. Th. erheblich ver- 
I grössert. In Ausstrich praparaten von Milz- 
Ituberkeln Tuberkelbacillen nachgewiesen. 
I Das Thier war stark abgemagert 



t nach 
e Tagen 

t nach 
9 Tagen 

t nach 
56 Tagen 



40 Tage 



25 



I 



' Darm Stenose. 

I 

Doppelseitige Pneumonie. 

Tnberculose in der Bauchhöhle. Zahl- 
I reiche Tuberkel im Netz, welches wurst- 
I förmig zusammengerollt ist. In der Milz 
I sind reichlich Tuberkel vorhanden. In 

letzteren wurden Tuberkelbacillen 
auch färberisch nachgewiesen. Die 
Mesenterialdrtisen hochgrad. geschwoUcB. 
z. Th. verkäst lieber verfettet Pneu- 
monische Herde in beiden Lungen, aber 
ohne tuberculose Veränderungen. 



26 



27 



( intraperit. 
Einspritzg. 



I Pneumonie der linken Lunge. 
I Pneumonie beider Lungen. 
Pibrinös-eitrige Peritonitis. 



, subcutane | f nach 
I Einspritzg.: 3 Tagen 
I „ I t nach 

5 Tagen 
t nach 

2 Tagen 

Controlen mit dem zur Verspritzung benutzten Material. 
2 Thiere wurden mit O-l^«'™ desselben unmittelbar vor der Verspritzung 

inficirt. 



28 I subcutane 
Ein- 
spritzung 



29 



t nach I Tuberculose i. d. Bauchhöhle. Tuberkel- 
24 Tagen bildung in Netz und Milz. Starke Schwel- 
lung der Inguinal- u. Mesenterialdrtisen. 
In letzteren Tuberkelbacillen iarberiscli 
I nachgewiesen. Pneumonische Herde in 
der linken Lunge. 

t nach An der Impfstelle 50-pfennigstückgro8ser 

31 Tagen käsiger Abscess. Inguinaldrüsen hochgrad. 

geschwollen. Tuberculose des Netzes 

u. der Milz, beginnende der Leber. Mesen- 

terialdrüsen theilweise Tcrkäst. Thier 

stark abgemagert. 



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Datjer deb Lebensfähigkeit von Kbankheitsereegebn. 123 

Der vorstehende Versuch bestätigt nicht nur das Ergebniss des ersten 
Verspritzungsversuches mit tuberculösera Lungenauswurf, sondern be- 
grenzt es auch noch näher dergestalt, dass bei mittleren Beleuchtungs- 
und Temperaturverhältnisseu das Absterben der mit feinsten Sputum- 
tröpfchen verspritzten Tuberkelbacillen innerhalb 4 bis 6 Tagen nach der 
Verspritzung, also ungefähr nach 5 Tagen erfolgt. Des Weiteren geht 
aber aus dem gleichzeitig angestellten Parallelversuch mit den im Keller 
verwahrten Schalen das wichtige Resultat hervor, dass die mit feinsten 
Tröpfchen verspritzten Tuberkelbacillen vor Licht geschützt bezw. in einem 
Kellerraum wenigstens 22 Tage lebensfähig bleiben können. Die that- 
sächliche Grenze für das Absterben im Kellerraum konnte leider nicht 
bestimmt werden, da die drei 40 Tage nach der Verspritzung mit der 
Abschwemmflüssigkeit einer „Kellerschale" ioficirten Thiere kurze Zeit 
nach der Injection eingingen. 

Wir haben demnach in dem Tuberkelbacillus einen Mikroorganismus 
gefunden, welcher an Dauer der Lebensfähigkeit die anderen bisher in 
Betracht gezogenen Bakterien um ein Bedeutendes übertrifft. 

Der Tuberkelbacillus scheint auch in dieser Beziehung unter den nicht 
sporenbildenden Bacillen eine ähnliche Ausnahmestellung eiazunehmen 
wie hinsichtlich seiner Färbbarkeit und Wachsthumsgeschwindigkeit. 

Die den Einzelindividuen des Tuberculoseerregers eigene Resistenz 
überrascht weniger, wenn man bedenkt, dass der Tuberkelbacillus nach 
Untersuchungen von Aronson ^ eine jm JtVesentlichen aus Fettsäurea.jjnd.. 
ein er wachsartigen M asse gestehende hajrte Schale besitzt, innerhalb dfiien 

er gegen schädigende Ei nflüsse besser geschützt ist als_di^ anderen nicht 

{ynrpnhiiHpTirjATT^ f!Jj.£!L.9t^1fih<^^ Hniift entbehreAdßn.Bacükn^-, 

Wiederum erwies sich auch für den Tuberkelbacillus eine bedeutend 
längere Lebensfähigkeit, wenn er in dichteren Massen angetrocknet wurde. 
Denn auch in dem zweiten Versuche beherbergten die in der Sputum- 
flüssigkeit getränkten und im Laboratorium aufbewahrten Seidenfö^en, 
wenigstens 4 Wochen, die im Keller gehaltenen wenigstens 6 Wochen 
virulente Tuberkelbacillen. Spätere Untersuchungen wurden nicht mehr 
vorgenommen, um nicht zuviel Thiere opfern zu müssen. 

Versnobe mit Gtoflügeloholerabakterien. 

Bei einer Erkrankung der Athmungsorgane nimmt die Gefahr der 
sogenannten Tröpfcheninfection einen besonders unheimlichen Charakter 
an, nämlich bei der Lungenpest 



' AroDsoD, Zur Biologie des Tuberkelbacillus. Berliner Min. Wochenschriff. 
1898. ^r. 22. 



u 



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124 JFritz KmsTEiN: 

Es ist ja bekannt, dass Lungenpestkranke oft geradezu Reinculturen 
von Pestbakterien mit dem Lungenauswurf entleeren. Von grosser 
Wichtigkeit wäre es deshalb, zu wissen, wie lange die von Lungen- 
pestkranken mit feinsten Tröpfchen verspritzten Pestbakterien nach ihrem 
Absitzen lebensfähig bleiben. 

Bei der Gefährlichkeit derartiger Versuche musste ich indessen von 
Verspritzungsversuchen gerade mit Pestbakterien Abstand nehmen. 

Dafür wählte ich einen dem Pestbacterium morphologisch und bio- 
logisch nahestehenden , ebenfalls der Gruppe der sog. hämorrhagischen 
Septicamieen angehörigen Mikroorganismus, nämlich das Bacterium der 
Geflügelcholera. 

Was die Virulenz des verwendeten Culturstammes betrifft, so tödtete 
die minimalste Spur eine Taube innerhalb 20 Stunden. 

Zunächst wurde ein orientirender Versuch Mitte März 1901 bei theil- 
weise bewölktem Himmel angestellt. Es wurden 20 ^^ einer 24 stündigen 
Bouilloncultur wieder unter Absaugung von 180 Liter Luft während 
15 Minuten verspritzt. 

In einem Theile der Bouilloncultur wurden wieder Seidenfaden und 
Leinwandläppchen getränkt und im Laboratorium aufbewahrt. 

Während der Verspritzung standen in der hinteren Abtheilung des 
Apparates als Controlschälchen ein mit Glycerin-Agar und ein mit Nutrose- 
serum-Agar versehenes Schälchen. 

Vorweg sei bemerkt, dass auf dem Serum- Agarschälchen 4400, auf dem 
Glycerin-Agarschälchen nur ca. 100 Colonieen zur Entwickelung kamen. 

2 Stunden nach der Versprayung wurden die Schälchen aus dem 
Apparat herausgenonmien und die eine Hälfte im Laboratorium, die andere 
im Keller der Luft zugänglich aufgestellt. Sofort wurden 2 Schälchen 
mit Serum- Agar bezw. Glycerin-Agar versehen; auf ersterem kamen 
ca. 1200, auf dem Glycerin-Agarschälchen jedoch keine Colonie mehr zur 
Entwickelung. 

Auf den 10 und 15 Stunden nach der Verspritzung im Laboratorium 
befindlichen Schälchen waren die Keime sowohl für die Untersuchung mit 
Serum-Agar als auch mit Glycerin-Agar verschwunden. 

Mit den im Keller aufbewahrten Schälchen wurde erst 42 Stunden 
nach der Verspritzung die erste Untersuchung mit Serum-Agar angestellt, 
doch kam bei dieser wie bei den folgenden Prüfungen keine Geflügel- 
choleracolonie mehr zum Vorschein. 

Der Versuch lehrte also, dass die mit feinsten Tröpfchen verspritzten 
Geflügelcholerabakterien dem zerstreuten Tageslicht frei ausgesetzt schon 
innerhalb der ersten 10 Stunden absterben mussten. 



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Dauer der LEBENSFÄmoKEiT von Krankheitserregern. 125 

An den in derselben Bouillononltur getränkten Seidenffiden wurden 
in Nährbonillon 8 Tage, an den Leinwandlappchen 7 Tage entwickelungs- 
fahige Geflügelcholerabakterien nachgewiesen. 

Es bestätigt sich also auch für diesen Mikroorganismus die seither 
gemachte Beobachtung der längeren Dauer der Lebensfähigkeit in dich- 
teren angetrockneten Massen. 

Im Allgemeinen ist nun bekannt, dass die Geflügelcholerabakterien 
das Austrocknen überhaupt schlecht vertragen. Es berichten nämlich eine 
Reihe von Autoren, wie Delafond, Renault, Marchiafava, Celli, 
Salmon, Rivolta, Kitt, dass der Erreger der Hühnercholera beim Aus- 
trocknen der bakterienhaltigen Blutproben, Organe und Gulturen seine 
Lebensfähigkeit in kurzer Zeit einbüsst. Nach Weichselbaum ^ bleiben 
die Geflügelcholerabacillen beim Austrocknen bis zu 14 Tagen lebensfähig. 

Einige Tage nach dem beschriebenen orientirenden Versuche wurde 
ein zweiter Versuch an einem regnerischen Tage angestellt. 

Es wurden diesmal unter sonst gleichen Bedingungen 50 <^ 24stündiger 
Bouilloucultur verspritzt. 

Nach der Herausnahme der Schalchen aus dem Apparate wurde die eine 
Hälfte derselben wieder im Laboratorium, die andere im Keller aufgestellt. 
Die in kurzen Zwischenräumen nach der Verspritzung vorgenommenen 
Untersuchungen der Schälchen geschahen ausschliesslich mit Serum- Agar. 

üeber den Verlauf des Versuches giebt die folgende Tabelle näheren 
Aufschluss. 

Tabelle VI. 
Versuch mit einer 24stündigen Bouilloncultur von Geflügel- 
cholerabakterien. 
Colonieenzahl auf dem Gontrolserum-Agarschälchen nach 24 Stunden 

ca. 25000. 



Zeiten 


1. Schälohen im Labora- 
torium aufbewahrt 


2. Schälchen im Keller 
aufbewahrt 


nach der Verspritzung 


Resultat 

: + 


Zahl der 

' Colonieen 

caraioo" 


Resultat 




Zahl der 
Colonieen 


iVi Stunden 


^^ 


3 


+ 


' ca. 300 


^ 


^ 


5 


+ 


ca. lüO 


^ 


^ 


8 


+ 


5 


^ 


n5^ 


10 


— 


-- 


1 s^ 


^ 


17 


- 


— 


+ 


1 


24 


— 


— 


— 


— 


Weitere Untersuchungen 


— 


- 


— 


— 


+ = positiyes, -— «s negat. J 


Resultat, ^ = 


eine Untersuchung hat nicht 


stattgefunden. 



^ Weichselbaum, Parasitologie in WeyPs Handbuch der Hygiene. 1898. 



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126 Fbitz Kirstein: 

In der Erkenn tniss, dass auf einem sehr günstigen Nährboden noch 
eine Entwiokelung von anspruchsvollen, vielleicht schon in ihrer Vitalität 
geschwächten Keimen zu Colonieen statthat, während dies auf einem 
weniger günstigen gewisse Zeit nach dem Antrocknen der Keime schon 
nicht mehr der Fall ist, wurde .der vorzüglichste Nährboden für die 
Geflügelcholerabakterien, nämlich der Vogelkörper zur sicheren Beurtheilung 
des Zeitpunktes des Absterbens der in Rede stehenden Keime herangezogen. 

Zu dem Zwecke wurden 17 Stunden nach Beendigung der Yerspritzung 
neben der Untersuchung mit Serum- Agar noch 2 Schälchen mit 1 **" 
physiologischer Kochsalzlösung abgespült und die Spülflüssigkeit in den 
Brustmuskel einer Taube injicirt. Dieses Thier blieb gesund, während 
die 3 Stunden nach Beendigung der Zerstäubung von 2 Schälchen 
gewonnene Spülflüssigkeit eine andere Taube schon innerhalb 20 Stunden 
todtete. 

Nach 17 Stunden waren also auch für den Thierversuch keine 
Geflügelcholerabakterien mehr nachweisbar. Die Keime waren demnach 
bis dahin sicher zu Grunde gegangen. 

Im Gegensatz zum Tuberkelbacillus haben wir also hier einen Mikro- 
organismus vor uns, der eine ausserordentlich kurze Lebensdauer als 
Einzelindividuum unter der unmittelbaren Einwirkung des diffusen Tages- 
lichtes und der Austrocknung besitzt. 

Auf das Verhältniss von Virulenzabnahme zur Wachsthumseinbusse 
auf künstlichen Nährböden im Verlaufe der nächsten Stunden nach der 
Verspritzung bin ich nicht weiter eingegangen, doch dürften gerade bei 
dem Geflügelcholerabacillus in dieser Hinsicht leicht interessante Auf- 
schlüsse gewonnen werden können. 

Bemerkt sei noch, dass die zu diesem Versuche gehörigen, in der 
Bouilloncultur getränkten Seidenfäden und Leinwandläppchen ziemlich 
ebenso lang wie im ersten Versuche ihre Keimfähigkeit in Bouillon 
bewahrten. 

Obgleich man wohl auf Grund der verhältnissmässig kurzen Lebens- 
dauer der mit feinsten Tröpfchen verspritzten Prodigiosus-, Typhus- und 
Diphtheriebacillen annehmen darf, dass auch die Pestbakterien mit feinsten 
Tröpfchen verspritzt nach ihrem Absitzen verhältnissmässig rasch zu 
Grunde gehen, halte ich doch eine Parallelisirung der Pestbakterien hin- 
sichtlich ihres Absterbens in fein vertheiltem Zustande mit den ihnen 
verwandten Geflügelcholerabakterien nicht für berechtigt. 

Denn es ist durch die in unserem Klima von Abel,^ de Giaxa e 

* Abel, Zur Kenntniss der Pestbacillen. CentralhlaU für Bakteriologie, 1897. 
Bd. XXL S.60Ö. 



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Daueb deb Lebensfähigkeit von Kbankheitsebbeöebn. 127 

Gosio^ und Germano* vorgenommeuen Versuche festgestellt, dass die 
i n grösseren Massen angetrockneten Pestbakterien bis zu 30 Tagen Ifthfns- 

Für tropisches Klima wurde allerdings eine kürzere Lebensdauer der 
angetrockneten Pestbakterien gefunden (Kitasato, Wilm, die deutsche 
Pestcommission). Zum Theil erklärt wohl die den Pestbakterien eigen- 
thümliche Schleimhülle, die den Geflügelcholerabacillen fehlt, den Unter- 
schied in der Dauer der Lebensfähigkeit. 

Es beanspruchen nun des Weiteren noch zwei häufig vorkommende 
Infectionskrankheiten eine Betrachtung, nämlich die genuine croupöse 
Pneumonie und die Influenza. Da bekanntlich die Erreger der beiden 
Krankheiten^ sowohl der Fraenkel-Weichselbaum'sche Diplococcus 
als auch der Pfeiffer'sche Influenzabacillus schon rasch in der künst- 
lichen Gultur und nach den vorliegenden Untersuchungen noch bedeutend 
schneller in angetrockneten Massen zu Grunde gehen, dürfte im Hinblick 
auf die mit Geflügelcholerabakterien angestellten Versuche auf ein ähn- 
lich rasches, vielleicht noch rapideres Absterben dieser beiden mit feinsten 
Tröpfchen verspritzten Infectionserreger zu rechnen sein. Diesbezügliche 
Versuche wurden mit diesen Keimen nicht vorgenommen. 



Da auf Grund der angestellten Versuche anzunehmen ist, dass 
stäbchenförmige Mikroorganismen, wenn sie mit feinsten Tröpfchen 
verspritzt der unmittelbaren Einwirkung des zerstreuten Tageslichtes und 
der Austrocknung ausgesetzt sind, im Allgemeinen innerhalb relativ kurzer 
Zeit absterben, lag die Frage der experimentellen Prüfung einer anderen 
Classe von Bakterien, nämlich der Kokken, in dieser Beziehung nahe. 

Es interessiren hier besonders die pathogenen Staphylokokken und 
Streptokokken. 

Da im Mund- und Nasensecret von Gesunden häufig Staphylokokken, 
seltener Streptokokken gefunden und bei relativ geringfügigen AflFectionen 
des Bachens und der Nase oft Massen von Streptokokken und Staphylo- 
kokken angetroffen werden, so erhellt die Bedeutung der Frage nament- 
lich im Hinblick auf die Femhaltung jeglicher Infectionsgefahr bei 
chirurgischen Operationen. 

Auch in Bezug auf die Verbreitung der sogenannten Streptokokken- 
Anginen dürften Versuche in der angegebenen Richtung von Werth sein. 



> De Giaxa e Gosio, Referat im CentralblaU für Bakteriologie. 1897. 
Bd. XXIL S.351. 

* Germano, Die Uebertragung von InfectionskrankheiteD durch die Luft. 
Diese Zeitschrift, 1897. Bd. XXVI. S.281. 



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128 Fbitz KntsTEiN: 

Versuche mit Staphylokokken. 

Zu den Versuchen wurde ein Culturstamm von Staphylococcus pyo- 
genes aureus verwendet, der ca. 4 Wochen vor Beginn der Versuchsreihe 
aus dem Blute eines an Sepsis zu Grunde gegangenen Menschen rein- 
gezüchtet wurde. Letztere hatte sich im Anschluss an eine Furunkel 
entwickelt. 

Es wurden zunächst Verspritzüngen von Aufschwemmungen von 
Schragagarculturen vorgenommen und zwar waren die benutzten Auf- 
schwemmungen so hergestellt, dass zehn 24 stündige Schrägagerculturen 
mit 80^*^ sterilen Wassers bezw. 80**^ physiologischer Kochsalzlösung 
abgeschwemmt wurden. 

Die zu beiden ersten Versuchen verwendeten Au&chwemmungen 
wurden durch eine hohe Lage von steriler Glaswolle filtrirt und von dem 
Filtrat jedes Mal 20 *«" in der gewöhnlichen Weise verspritzt 

Auf den exponirt gewesenen gefärbten Deckgläschen zeigten sich viele 
Häufchen von Staphylokokken und zwar sogar Gonglomerate von ca. 100 
bis 200 bis 300. Die Aufischwemmungen mussten demnach sehr reich- 
liche Staphylokokkenhäufchen enthalten haben. 

Deshalb wurde die für den 3. Versuch verwendete Aufschwenunung 
nach der Herstellung längere Zeit kräftig geschüttelt und dann durch eine 
dichte Lage von Asbest filtrirt. 

Aber auch hier zeigte es sich, dass mit den feinsten Tröpfchen nicht 
regelmässig nur einzelne oder einige wenige Kokken, sondern oft mehrere 
bis zu 20 bis 30 zu einem Häufchen gruppirte Kokken transportirt 
worden waren. 

Eine so ungleichmässige Vertheilung der Keime nach der Verspritzung 
war bei den früheren mit anderen Mikroorganismen angestellten Versuchen 
nicht beobachtet worden. 

Dieser dritte Verspritzungsversuch mit Staphylokokken war als 
Parallelversuch gedacht, durch welchen der Eänfluss mangelnder Belich- 
tung auf die mit feinsten Tröpfchen verspritzten Staphylokokken fest- 
gestellt werden sollte. Zu dem Zwecke wurde ein Theil der Schälchen 
im Keller verwahrt, in welchem eine relative Feuchtigkeit von 88 Procent 
bei einer Temperatur von 8® C. herrschte. 

Alle mit den Aufschwemmungen von Staphylokokken vorgenommenen 
Verspritzungsversuche fallen in die ersten Tage des December. Bezüglioh 
der Helligkeitsverhältnisse zu dieser Zeit ist zu sagen, dass während der 
Versuchszeit trübes und regnerisches Wetter vorherrschend war. 

Die Untersuchung der Schälchen selbst wurde mit gewöhnlichem 
Nähragar vorgenommen. 



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130 Fbitz Kibstein: 

Endlich sei noch erwähnt, dass in den zur Yersprajang verwendeten 
Aufschwemmungen auch wieder Seidenfaden und Leinwandläppchen ge- 
tränkt wurden, um die Lebensdauer der Staphylokokken zum Vergleiche 
unter diesen Umständen zu verfolgen. 

Auch ein Theil einer wässerigen Aufschwemmung selbst wurde in 
einem Reagensglase mit Gummikappe versehen zwecks Untersuchung der 
Lebensdauer im Laboratorium gehalten. 

In der vorstehenden Tabelle VII ist der Ablauf der Versuche mit 
Staphylokokken-Aufschwenmiungen niedergelegt. 

Zu den angeführten Versuchen sei noch bemerkt, dass auf denjenigen 
dem zerstreuten Tageslicht ausgesetzten Schälchen, auf welchen schliess- 
lich nur noch wenige Colonieen zum Vorschein kamen, letztere vorzugs- 
weise nahe dem Uebergangstheile der Bodenfläche in den Schalenrand 
lagen, eine Beobachtung, welche auch bei Versuchen mit anderen Mikro- 
organismen vielfach ge^naoht wurde. Erklärlich wird dieser Befund, wenn 
man bedenkt, dass die auf die umgekehrt stehenden Schalen von oben 
und von der Seite her auftreflFenden Lichtstrahlen an der gekrümmten 
Fläche des Uebergangstheiles der Bodenfläche in den Rand des Schälchens 
eine Brechung erfahren, wodurch ein erheblicher Theil von Lichtstrahlen 
von vielen nahe dem Rande gelegenen Keimen abgelenkt wird. 

Aus der Tabelle Nr. VII geht nun im Grossen und Ganzen 
hervor, dass die Lebensdauer der mit feinsten Tröpfchen verspritzten 
Staphylokokken unter Umständen, d. h. wenn das verspritzte Material 
von Aufschwemmungen von Staphylokokken herrührte, bis zu 16 Tagen 
beträgt. 

Da in den verspritzten feinsten Tröpfchen auch kleinere Staphylo- 
kokkenhäufchen sich befanden, ist die lange Lebensdauer weniger über- 
raschend. 

Auch für die Versuche mit Staphylokokken ergab sich kein Unter- 
schied bezüglich der Lebensdauer der verspritzten Keime, der etwa von 
der Beschaffenheit der Aufschwemmflüssigkeit abhängig wäre. 

Der günstige Einfluss der mangelnden Belichtung zeigt sich in der 
über 35 Tage hin verfolgten Lebensdauer der Staphylokokken auf den im 
Keller befindlichen Schälchen. 

An den im Laboratorium aufbewahrten, in den Aufschwemmungen 
getränkten Seidenfaden und Leinwandläppchen wurde eine durchschnitt- 
liche Haltbarkeit der Staphylokokken von annähernd 5 bezw. S^/2 Monaten 
beobachtet. Seidenfaden und Leinwandläppchen, welche in einem auf 
Agar gewachsenen Staphylokokkenrasen direct getränkt wurden, zeigen jetzt 
nach 6 Monaten noch Keimfähigkeit in Bouillon. Ebenso sind in der im 



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Daüeb dee Lebensfähigkeit von Kbankheitsebhegebn. 131 

Laboratorium aufbewahrten wässerigen Aufschw^nmflüssigkeit selbst jetzt 
nach 6 Monaten noch lebende Staphylokokken vorhanden. 

Demnach ist die schon bei anderen Mikroorganismen hervorgetretene 
Gesetzmassigkeit hinsichtlich der Lebensdauer der Mikroorganismen auch 
für die Staphylokokken zu Tage getreten. 

Um Staphylokokkenhäufchen bei den späteren Versuchen möglichst 
auszuschalten, wurden einige Versuche mit BouiUonculturen von Staphylo- 
kokken angestellt. 

Es wurden zu dem Zwecke drei mit ca. 80 ««» Nährbouillon versehene 
Erlenmeyer- Eölbchen mit dem seither verwendeten Staphylokokkenstamm 
geimpft. Die 24 stündigen Culturen wurden energisch geschüttelt und 
durch eine dichte Asbestlage filtrirt 

Die in den filtrirten Culturen angefertigten Deckglaspräparate zeigten, 
dass die Staphylokokken meist einzeln, höchstens jedoch bis zu 6 bis 8 
zusammenlagen. 

Von der so vorbereiteten Cultur wurden kleine Mengen in der ge- 
wöhnlichen Weise verspritzt. 

Um die Einwirkung einer Luft von sehr grosser und gleichmässiger 
Trockenheit auf das Absterben der Staphylokokken zu studiren, wurde ein 
Theil der Schälchen in einem Exsiccator über Schwefelsäure, bei einem 
anderen Versuche in einem Chlorcalcium-Exsiccator aufbewahrt. 

Ferner wurde in einem Versuche nochmals der Einfiuss mangelnder 
Belichtung auf die mit feinsten Tröpfchen verspritzten Staphylokokken 
verfolgt. 

Zum Vergleiche wurden bei jedem der Parallelversuche ein Theil 
der Schälchen im Laboratorium belassen. 

Unter denselben Bedingungen wie die Schälchen wurden auch jedes 
Mal die in den BouiUonculturen getränkten Seidenfaden und Leinwand- 
stückchen gehalten. 

Der Verlauf der Verspritzungsversuche mit BouiUonculturen von 
Staphylococcus pyogenes aureus ist aus der folgenden TabeUe VIII er- 
sichtUch. 

Aus den drei letzten Versuchen gehjt hervor, dass die mit feinsten 
Tröpfchen verspritzten pathogenen Staphylokokken im zerstreuten Tages- 
Ucht der Zimmerluft ausgesetzt ungefähr 10 Tage lebensfähig bleiben. 

In den mit Aufschwemmungen von Schrägagarculturen vorgenommenen 
Versprayungen wurde eine Lebensdauer von ca. 16 Tagen constatirt. Doch 
handelte es sich hier vielfach um mitverspritzte grössere Staphylokokken- 
häufchen. 

Es erheUt aus diesem Unterschied wieder die Abhängigkeit der Lebens- 
dauer der Mikroorganismen von der Zahl der angetrockneten Individuen. 



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Daüeb beb Lebensfähigkeit von KBANKHEirsEBBEaEBN. 133 

Was nnn die Dauer der Lebensfähigkeit der mit feinsten Tröpfehen 
verspritzten Staphylokokken auf den in den Exsiccatoren aufbewahrten 
Schälchen angeht, so ist zu vermerken, dass auf den im Schwefelsäure- 
Exsiccator gehaltenen Schälchen schon nach 48 Stunden keine Staphylo- 
kokken mehr nachweisbar waren. Anfangs lag es nahe, dies rasche Ab- 
sterben der Staphylokokken auf eine intensiv wirkende Austrocknung 
Seitens der Schwefelsäure zu beziehen. Da aber femer festgestellt wurde, 
dass die mit feinsten Tröpfchen verspritzten und im Ghlorcalcium- 
Exsiccator am zerstreuten Tageslicht aufbewahrten Staphylokokken 
mindestens 20 Tage lebensfähig bleiben, so konnte in einem hohen 
Grade von Trockenheit allein nicht die Ursache des raschen Absterbens 
über Schwefelsäure erblickt werden. Vielmehr erscheint es nach neueren 
Untersuchungen wahrscheinlich, dass die im Exsiccator über Schwefel- 
säure sich ansanmielnden SO,-Dämpfe, worauf Hr. Prof. Oeppert mich 
in liebenswürdiger Weise aufmerksam machte, direct schädigend auf die 
darüber befindlichen, als Einzelindividuen vorhandenen Staphylokokken 
einwirken. Auffallend bleibt immerhin die lange Lebensdauer der Sta- 
phylokokken im Chlorcalcium-Ezsiccator. Diese Erscheinung wurde noch 
weiterhin an Streptokokken und Diphtheriebacillen geprüft. 

Nicht überraschend erscheint die lange Dauer der Lebensfähigkeit der 
verspritzten Staphylokokken, welche vor Licht im Keller geschützt waren, 
nämlich die Dauer von etwa 36 bis 40 Tage. 

Was die Haltbarkeit der Staphylokokken an den in den Bouillon- 
culturen getränkten Objecten betrifft, so betrug dieselbe bei der Prüfong 
in Bouillon für die im Laboratorium aufbewahrten Seidenfaden und Lein- 
wandstückchen 5Vs bezw. 3Vs Monate. Die im Keller aufbewahrten 
Objecte beherbergten noch länger lebensfähige Staphylokokken. An den 
im Exsiccator über Chlorcalcium im Laboratorium gehaltenen Seidenfaden 
und Leinwandstückchen waren 6V2 bezw. 4 Monate vermehrungsfähige 
Staphylokokken anzutreffen. 

Dass die Staphylokokken eine grosse Widerstandsfähigkeit gegen die 
schädigenden Einwirkungen der Aussenwelt besitzen, wird schon seit langer 
Zeit allgemein angenommen. Indess vermisse ich in der Litteratur ein- 
gehendere Angaben über die Dauer der Lebensfähigkeit von Beincalturen 
von Staphylokokken, angetrocknet an verschiedenen Objecten, wie Seiden- 
faden, Leinwandläppchen u. dergl. 

Haegler^ giebt an, dass Staphylokokken in eingetrocknetem auf 
Mullstückchen ausgebreiteten Eiter 56 bis 100 Tage lebensßhig bleiben. 



' Haegler, Die chirurgische Bodeutang des Stanbes. Beitrag zur klinischen 
Ckirurgie, Bd. IX. 



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184 Peitz Kibstein: 

Ueber Befände von Staphylokokken im Hospitalstaub berichten 
Solowjew^ und Zieleniew.* Ferner gelang es Arens' öfters, durch 
Einimpfung von aufgefangenem Fabrikstaub Eiterungen bei Thieren her- 
Torzurufen, in denen der Staphylococcus pjogenes aureus nachzuweisen war. 
Auf Grund des häufigen Befundes von Staphylokokken im Staube wird 
mit Recht eine verhältnissmässig grosse Lebensfähigkeit dieser Mikro- 
organismen vorausgesetzt. 

Es kann daher nicht wundem, dass die mit feinsten Tröpfchen ver- 
spritzten Staphylokokken eine zwischen 10 und 16 Tagen schwankende 
Lebensdauer zeigen. 

Versnobe mit Streptokokken. 

Betreffs der Herkunft des zu den Versuchen verwendeten Cultur- 
stanmies ist zu vermerken, dass derselbe von einer sogenannten Strepto- 
kokkenangina herrührte. Von diesem Streptokokkenstamm wurden 
Bouillonculturen hergestellt Nach 48 stündigem Wachsthum wurden die- 
selben kräftig geschüttelt und durch eine dichte Asbestlage filtrirt, um 
längere oder conglomerirte Fäden von der Verspritzung möglichst fern- 
zuhalten. 

Mit dem auf diese Weise gewonnenen Material wurden Anfangs 
Februar 1901 zwei Versuche angestellt. 

Der zweite Versuch stellt einen Parallelversuch dar, in welchem die 
Untersuchung gleichzeitig auf das Verhalten der mit feinsten Tröpfchen 
verspritzten Streptokokken im Chlorcalcium-Exsiccator ausgedehnt wurde. 

Es gelangten verschiedene Mengen der Bouillonculturen in der ge- 
wöhnlichen Weise zur Versprayung. 

Die mit den Schälchen exponirten Deckgläschen zeigten nach ihrer 
Färbung, dass die Streptokokken mit den feinsten Tröpfchen meist zu 
zweien, manchmal als kurze Ketten von S bis 5, selten als solche von 
10 und mehr Gliedern verspritzt wurden. 

In einem Vorversuch wurde die Beobachtung gemacht, dass das fOr 
die Diphtherieversuche verwendete, mit einem Traubenzuckerzusatz ver- 
sehene Wassermann'sche Serum-Agar unter dem Einflüsse des Wachs- 



^ Solowjew, Bakterioskopische Untersuchungen des Staubes der Spitalzeug- 
hauser. Wr<Uich. 1895. Nr. 12. 

• Zieleniew, Ueber bakterielle Verunreinigung der Spitalgerathe (Möbel). 
JEbenda, 1895. Nr. 13. 

* Arens, QuantitatiTe Staubbestimmungen in der Luft u. s. w. Archiv für 
Hi^giene, 1894. Bd. XXI. 



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Daüeb der Lebensfähigeeit von Kbankheitsebbegebn. 1S5 

tbams der Streptokokken opak weiss und daher für die Zählang der 
Colonieen ungeeignet wird. Diese Erscheinung dürfte von der durch den 
Traubenzuckerzusatz vermittelten starken Saurebildung und der dadurch 
bedingten Ausfallung des Serum-Albumins herrühren. Es wurde daher 
bei den folgenden Versuchen der Traubenzuckerzusatz weggelassen mit 
dem Erfolge, dass jetzt das Wassermann'sche Serum-Agar, welches einen 
guten Nährboden auch für Streptokokken darstellt, durchsichtig blieb. 

Heber die zur Zeit der Versuche herrschenden Witterungsverhaltnisse 
ist nichts Besonderes zu vermerken. 

Wie seither wurden auch in den zu den Verspritzungen vorbereiteten 
Bouillonculturen der Streptokokken wieder Seidenfaden und Leinwand- 
stückchen getränkt. Ein Theil der Objecto wurde am zerstreuten Tages- 
licht frei im Laboratorium, der andere im Exsiccator über Chlorcalcium 
gehalten. 

Femer wurde eine kleine Menge der Bouilloncultur in einem Reagens- 
glase mit Watte und Gummikappe versehen im Laboratorium aufbewahrt 

Aus der folgenden Tabelle IX ist der Verlauf der Verspritzungsversuche 
mit Streptokokken ersichtlich. 

Aus den mit dem einen Streptokokkenstamm (Tabelle IX) vor- 
genommenen Versuchen geht also hervor, dass das Absterben dieser mit 
feinsten Tröpfchen verspritzten Streptokokken in annähernd denselben 
Zeiträumen erfolgt wie dies für Staphylokokken beobachtet worden ist 

Auf den im Keller gehaltenen Schälchen wurden natürlich noch länger 
lebende Streptokokken angetroffen. 

Die Haltbarkeit der Streptokokken im Ghlorcalcium-Exsiccator währte 
ähnlich wie bei den Staphylokokken etwa 5 Mal so lange als diejenige, 
welche sich auf die Dauer der Lebensfähigkeit der Streptokokken unter 
gewöhnlichen Bedingungen bezog. 

Die Dauer der Keimfähigkeit der mit Streptokokkenbouilloncultur ge- 
tränkten Seidenföden und Leinwandstückchen wurde in Nährbouillon geprüft. 

An den frei im Laboratorium aufbewahrten Seidenfaden und Lein- 
wandstückchen hafteten 3V2 bezw. 2 Monate, an den im Chlorcalcium 
gehaltenen Objeoten dagegen 5 bezw. S Monate lang lebensfähige 
Streptokokken. 

Die grössere Haltbarkeit der an Seidenfäden und Leinwandstückchen 
angetrockneten Streptokokken im Exsiccator ist nicht auffallend, da, ab- 
gesehen von der merkwürdig langen Lebensdauer der Einzelindividuen im 
Exsiccator, dieselbe Erscheinung auch für andere Mikroorganismen von 
verschiedenen Autoren schon beobachtet ist. 



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186 



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Daueb der LEBENSFÄHiaKEiT VON Ebankhettsebbegebn. 187 

Nach den Vorstellungen von Berckholtz* und Ficker* bildet sich 
bei dem relativ schnellen Eintrocknen im Exsiccator eine feste Hülle, 
welche die im Innern Uzenden Bacillen gegen das Eintrocknen besonders 
gut schützt. 

Was die Dauer der Lebensfähigkeit der Streptokokken in den zu den 
Yerspritzungsversuchen benutzten Bouillonculturen selbst angeht, so konnten 
ca. 4 Wochen lang vermehrungsfähige Streptokokken in Nährbouillon mit 
positivem Erfolge übertragen werden. 

lieber die Lebensfähigkeit der Streptokokken überhaupt sind in der 
Litteratur verschiedene Angaben zu finden. Dieselben sind wohl haupt- 
sächlich bedingt durch Abarten des Ausgangsmateriales. 

V. Lingelsheim' findet, dass der Streptococcus das Trocknen 
schlecht vertragt, da das an Seidenfäden reichlich angetrocknete Material 
schon nach 14 Tagen bis 3 Wochen abgestorben ist 

Pasquale^ kommt in seiner Arbeit zu dem Resultat, dass der 
Streptococcus auf Deckgläschen angetrocknet von wenigen Tagen bis zu 
vielen Wochen lebensfähig bleibe. 

Nach Haegler* bleiben die Streptokokken 14 bis 86 Tage ent- 
wickelungsfahig. 

Flügge^ berichtet in seinem Lehrbuche, dass die Streptokokken 
gegen Austrocknung ziemlich resistent sind, dass sie dagegen in flüssigen 
Nährmedien, z. B. in Bouillon, nur ca. 5 bis 10 Tage lebensfähig bleiben. 
Das verhältnissmässig raschere Absterben der Streptokokken in Bouillon- 
oultur ist auch in meinen Untersuchungen zu Tage getreten. Ob der 
Grund für diese Erscheinung nach Eurth' in dem Zutritt des Sauer- 
stofiFes der Luft oder in möglicher Weise auftretenden bakteriologischen 
Enzymen (Emmerich und Löw^ zu suchen ist, soll dahingestellt bleiben. 

^ Berckholtz, Untersachimgen über den Einfiuss des Eintrocknens aof die 
Lebensföhigkeit der Cholerabacillen. Arbeiten aus dem Kaiserl. Oesundheitsamte. 
1889. Bd. V. 

« A. a. 0. 

' T. Lingelsheim, Experimentelle Untersuchungen über morphologische, cnl- 
torelle und pathogene Eigenschaften yerschiedener Streptokokken. Diese Zeitschrift, 
1891. Bd. X. 

* Pasquale, Vergleichende Untersuchungen über Streptokokken. Ziegler' s 
Beiträge, Bd. XII. 

» A. a. O. 

* Flügge, Die Mikrwyrganismen, 8. Aufl. 1896. 

^ Rurth, Ueber die Unterscheidung der Streptokokken und über das Vor- 
kommen derselben, insbesondere des Streptococcus conglomeratus bei Scharlach. 
Arbeiten aus dem Kaiserl, Gesundheitsamte. 1891. Bd. VII. 

* Emmerich und Low, Die künstliche Darstellung der immunisirenden Sub- 
stanzen (Nucleasen-Immunproteidine) und ihre Verwendung zur Therapie der In- 



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138 Fbitz Kibstbin: 

Soviel ist jedenfalls sicher, dass es Bouillonoultoren von Streptokokken 
von ganz yerschieden langer Uebeiimpfbarkeit giebt, so dass dieser Um- 
stand sogar als Vergleichsmerkmal ge¥risser Streptokokkencultaren heran- 
gezogen worden ist. So fand Kurth^, dass, während eine Anzahl Ton 
Bouilloncnltoren mehrere Monate überlebend bleibt, andere schon nach 
10 bis 20 Ti^en nicht mehr überimpfbar sind. 

Für die hohe Lebenszähigkeit mancher Streptokokkenarten spridit 
auch die Auffindung von Streptokokken in der Luft bezw. im Staub. 

In dieser Richtung sind Versuche angestellt von Eiseisberg ^, 
Chatin', Haegler*, Kuini*, Solowjew*, Zieleniew^ und Ucke.' 

Bezüglich der Resistenz des zu meinen Untersuchungen verwendeten 
Streptokokkenstammes, möchte ich der Ansicht zuneigen, dass es sich um 
eine äusseren Einflüssen gegenüber besonders widerstandsfähige Art handelte. 
Nach der Bezeichnung von Eurth dürfte dieselbe als Streptococcus con- 
glomeratus anzusprechen sein. 

Ich zweifle daher nicht, dass andere Streptokokkenarten mit feinsten 
Tröpfchen verspritzt eine erheblich kürzere Lebensdauer aufweisen. Immer- 
hin geht aber aus den Verbuchen die Thatsache hervor, dass manche 
pathogene Streptokokkenarten auch mit feinsten Tröpfchen verspritzt noch 
ungefähr 8 bis 14 Tage lebenfähig bleiben und daher während dieser Zeit 
noch eine Infectionsquelle darstellen können. 

Ein an dieser Stelle eingeschalteter Versuch galt der Beantwortung 
der Frage, ob auch andere mit feinsten Tröpfchen verspritzten und im 
Exsiccator aufbewahrten Mikroorganismen, z. B. Diphtheriebacillen, ein 
ähnliches Verhalten bezüglich der Lebensdauer zeigen, wie das für Sta- 
phylokokken und Streptokokken festgestellt wurde. 



fectionskrankheiten und zur Schutzimpfang an Stelle des Heilsemins. Diege ZeU' 
Schrift. 1901. Bd. XXXVI. 
» A. a. 0. 

* Eiseisberg, Nachweis von Ery sipelkokken in der Luft chirurgischer Kranken- 
zimmer. Langenbeck's Archiv. Bd. XXXV. 

^ Chatin, Ck)ntribution exp^rimentale a la reoberche des streptocoques dans 
Tair atmosphörique. Th^se de Lyon, 1898. 

♦ A. a. 0. 

^ Buini, Contributo sperimentale alle studio deocntenuto batteriologioo dl un 
teatro cbirurgico. Riforma medica. 1895. 

• A. a. 0. 
' A. a. O. 

• ücke. Ein Beitrag zur Epidemiologie des Erysipels. CetUraMaU für Bdkteruh 
logie. Bd. XXL 



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Daueb deb Lebensfähigkeit von KBANKHEirsEBBEaEBN. 139 

Im Juni 1901 wurde ein Yerspritzungsversuch mit einer wässerigen 
Aofischwemmung von Diphtheriebacillen in der früher beschriebenen Weise 
vorgenommen. 

Von den dem Eeimstrom ausgesetzt gewesenen Schälchen wurde ein 
Theil frei im Laboratorium, ein anderer im Schwefelsaure-Exsiccator, ein 
dritter über Chlorcaleium und ein vierter Theil über Phosphorsäure- 
anhydrid im Ezsiccator aufbewahrt. 

Alle 3 Exsicoatoren waren selbstverständlich im Laboratorium neben 
den der freien Luft zugänglichen Schälchen aufgestellt. 

Vermerkt. sei noch, dass während der Versuchsdauer an den schon 
ohnehin langen Tagen noch heiteres Wetter herrschte. 

Auf dem mit Nutroseserum- Agar versehenen Controlschälohen wurden 
nach 24 Stunden ca. 100 000 Diphtheriecolonieen sichtbar. 

Das Resultat des Versuches ist aus der folgenden Tabelle X zu ersehen. 

Tabelle X. 

Versuch bezüglich der Lebensdauer der mit feinsten Tröpfchen 

verspritzten Diphtheriebacillen bei der Aufbewahrung über 

versQhiedenen Trocknungsmitteln im Exsiccator. 



1. Schälchen 
an der freien Luft 
aufbewahrt 


2. Schälchen im 
Schwefel- 

säureexsiccat. 
aufbewahrt 


3. Schälchen im 

Chlorcaleium- 

exsiccator 

aufbewahrt 


4. Schälchen im 

Phosphorsäure- 

anhydridexsicc. 

aufbewahrt 


Zeiten nach 
der Ver- 
spritzang 


1 

+ 


Zahl der 
Diphtherie- 
colonieen 


1 


Zahl der 
Diphtherie- 
colonieen 


;| 


Zahl der 
Diphtherie- 
colonieen 


1 

; + 


Zahl der 
Diphtherie- 
colonieen 


9 Stunden 


ca. 250 


+ 11 


: + 


ca. 2.0 


ca. 320 


21 „ 


— 


— 




+ 


ca. 170 


+ 


ca. 500 


86 ., 


— 


— 


l_l _ 


+ 


ca. 150 


1 + 


ca. 480 


60 ,. 


— 


— 




— 


1 


— 


+ 


ca. 50 


80 „ .- 


— 


— 


— 




— 


+ 


ca. 10 


96 „ 


— 


— 


' — 


— 


" 


— 


1 





-*- =s positives Resultat, — = negatives Resultat. 

Aus der vorstehenden Tabelle geht zunächst hervor, dass die in der 
freien Zimmerluft aufbewahrten Schälchen schon nach 21 Stunden keine 
Diphtheriebacillen mehr enthielten. 

Ueber Schwefelsaure waren die Diphtheriekeime schon nach einigen 
Stunden fast alle abgestorben. 

Im Gegensatz dazu wurden die Diphtheriebacillen im Chlorcalcium- 
Exsiccator ca. 2, im Fhosphorsäureanhydrid-Exsiccator sogar über 8 Tage 
conservirt. 



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140 Fbitz Kirstein: 



Versuche mit Mihsbrandsporen. 

Seither waren nur sogenannte vegetative Bakterienformen bezw. solche, 
welche Dauerformen überhaupt nicht bilden, in den Kreis der Unter- 
suchungen gezogen worden. 

Von grossem biologischen Interesse ist aber die Untersuchung der 
Frage, ob die für die sporenfreien Bakterien gefundene Gesetzmässigkeit 
hinsichtlich ihres Absterbens in fein vertheiltem Zustande bei unmittelbarer 
Einwirkung von Licht und Luft auch für die sporenbildenden Mikro- 
organismen bezw. die Bakteriensporen selbst besteht oder nicht. 

Für die Entscheidung der Frage wurden Müzbrandsporen gewählt 
Es ist dies wohl die einzige Art pathogener Bakteriensporen, die noch eine 
gewisse praktische Bedeutung für die in Rede stehenden Untersuchungen 
beanspruchen kann. 

Bei der immerhin nicht zu unterschätzenden Gefährlichkeit des Mani- 
pulirens gerade mit Milzbrandsporen beschränkte ich mich auf einen 
Versuch, welcher Anfangs April vorgenommen wurde. 

Die verwendete Cultur war einige Wochen vor Anstellung desselben 
aus einer an Milzbrand gefallenen Kuh erhalten worden. Die Umwand- 
lung der Kartoflfelcultur in freie Sporen war etwa nach 10 Tagen bei 
28® C. vollendet. Die Widerstandsfähigkeit dieses Sporenmaterials betrug 
5 Minuten gegen strömenden Dampf von 100® C. Es handelte sich 
demnach um Milzbrandsporen von mittlerer Resistenz, da nach den 
bisherigen Erfahrungen die Widerstandsfähigkeit der Milzbrandsporen 
ausserordentlich schwankend ist und zwar zwischen 1 bis 12 Minuten 
gegen strömenden Dampf von 100® C. 

Das zur Verspritzung benutzte Material wurde derart gewonnen, dass 
ein Milzbrandrasen einer Kartoffelscheibe auf der Höhe der Sporenent- 
wickelung mit 70 ^" sterilen Wassers zerrieben und diese Aufschwemmung 
durch eine Asbestschicht filtrirt wurde. 

In einem Theile dieses Materials wurden wiederum Seidenfaden 
und Leinwandstückchen getränkt, welche nun im Laboratorium stehen 
blieben. 

Zur Versprayung gelangten 30*^ in der gewöhnlichen Weise. 

3 Stunden nach der Verspritzung wurden die Schälchen heraus- 
genommen und ein jedes sorgfaltig mit einem in 5 pro mille Sublimat* 
lösung getränkten Wattebausch äusserlich abgewischt. Der grösste Theil 
der Schälchen verblieb am zerstreuten Tageslicht im Laboratorium, ein 
kleinerer wurde im Keller untergebracht. 

Auf den exponirt gewesenen und nachher gefärbten Deckgläschen sah 
man fast nur einzeln liegende Milzbrandsporen. 



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Daueb deb Lebensfähigkeit von Kbankheitsebbegebn. 141 

Das Control-Agarschälchen war nach 12 Standen mit einem Faden- 
gewirr von jungen Milzbrandcolonieen bedeckt, so dass eine Feststellung 
der Colonieenzahl auch nicht annähernd möglich war. 

Zu den von Zeit zu Zeit vorgenommenen Untersuchungen der 
Schälchen wurde Nähragar verwendet; die Schalchen blieben darauf 12 
bis 24 Stunden im Brütschrank. 

Der Verlauf des Versuches ist aus der Tabelle XI ersichtlich. 

Tabelle XI. 
Versuch mit einer Aufschwemmung von Milzbrandsporen in 

sterilem Wasser. 
Die Colonieenzahl des Control-Agarschälchens ist wegen allzu grosser 
Dichtigkeit der confluirenden Colonieen nicht anzugeben. 



1. Schälchen 


am 


zerstreuten Tageslicht 
aufbewahrt 




2. Schälchen im Keller 
aufbewahrt 


Zeiten nach 

der 
Verspritznng 


3 
1 


Vermerk über die Menge 

der Milzbrandentwickelung auf 

den Schälchen 


1 
1 


Vermerk über die Menge 

der Milzbrandentwickelung auf 

den Schälchen 


10 Tage 


+ 


Dicht mit Milzbrandschleifen 
bedeckt 


^ 


^ 


8 Wochen 


+ 


Zur Hälfte mit Milzbrandcolo- 
nieen bedeckt Genaue Zahl 
wegen inniger Gonfluenz nicht 
anzugeben, x 


+ 


In ganzer Ausdehnung von 
Milzbrandschleifen bedeckt 


4 „ 


+ 


ca. 20 meist am Rande des 
Schälchens liegenden Ck)lon. e 


+ 


Ein über den Boden aus- 
gebreitetes Schleifengewirr. 


6 „ 


+ 


6 Ck)lonieen in der Mitte des 
Schälchens. Ausserdem befinden 
sich am Bande, die halbe Cir- 
cumferenz desselben einneh- 
mende Milzbrandschleifen. 


+ 


Der ganze Boden d. Schälchens 

ist von Milzbrandcolonieen, 

schätzungsweise 2000—2500 

Colonieen bedeckt. 


8 „ 


+ 


ca. 6-8 nahe dem Bande des 
Schälchens gelagerte Colon. 


^ 


^ 


10 „ 


— 


— 


^ 


^ 


lOV. o 


— 


— 


^ 


>C^ 


12 „ 






+ 
* 


Das ganze Schälchen ist noch 
mit Milzbrandoolon. bedeckt. 

* 



4- = positives Besultat, — = negatives Besultat, *^ = keine Untersuchung vor- 
genommen. X =» Von einer Colonie dieses Schälchens wurde etwas abgenommen 
und damit eine Maus inflcirt Am folgenden Tage war dieselbe an Milzbrand ein- 
gegangen. ® » Gleichzeitig mit dieser Untersuchung wurde ein Schälchen mit V<"*^ 
physiol. Kochsalzlösung abgeschwemmt und die Spülflüssigkeit einer Maus subcutan 
einverleibt Dieselbe erlag nach 48 Stunden einer Milzbrandinfection. * = Versuch 
für die im Keller aufbewahrten Schälchen noch nicht beendet 



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142 Fritz Kirstein: 

Aus der Yorstehenden Tabelle geht hervor, dass anch Milzbrandsporen 
in Anbetracht ihrer sonstigen hohen Widerstandsfähigkeit in der relativ 
kurzen Zeit, bei unserem Material, von ca. 10 Wochen absterben, voraus- 
gesetzt, dass sie mit allerfeinsten Tröpfchen verspritzt dem zerstreuten 
Tageslicht und der freien Luft ausgesetzt sind. 

Im Keller waren sie nach V4 Jahr in grosser Menge lebensföhig und 
ein Ende ist zur Zeit des Abschlusses der Arbeit noch nicht abzusehen. 

Ebenso ging von den im Laboratorium aufbewahrten Seidenfaden 
und Leinwandläppchen zu derselben Zeit noch eine sehr üppige Ent- 
wickelung aus, so dass auf eine weitere Untersuchung verzichtet wurde. 
Die lange, über Jahre sich erstreckende Keimfähigkeit von mit Milzbrand- 
sporen getränkten Seidenfaden ist ja zur Genüge bekannt. 

Durch das Ergebniss des mit Milzbrandsporen vorgenommenen Ver- 
suches ist der Beweis erbracht, dass wie die sporenfreien Bakterien, so 
auch die Dauerformen der Bakterien in einer verhältnissmässig kurzen 
Zeit dem Untergange verfallen, wenn sie im Zustande feinster Vertheilung 
dem Lichte und der Luft unmittelbar ausgesetzt sind. 

Die Lebensdauer der mit feinsten Tröpfchen verspritzten 
Krankheitskeime im Hinblick auf die Wohnungsdesinfection. 

Bei der relativ kurzen Dauer der Lebensfähigkeit der mit feinsten 
Tröpfchen verspritzten Krankheitskeime erhebt sich die Frage, ob bei den 
hier in Betracht kommenden Infectionskrankheiten eine Wohnungs- 
desinfection in demselben Umfange wie seither nothwendig ist oder nicht. 

Es ist dabei nur die neuerdings namentlich in grösseren Städten vid 
in Aufnahme gekommene Wohnungsdesinfection mit Formaldehjd in's 
Auge gefasst. 

Fast scheint es nun, als hätten wir seither einen unnöthigen Luxus 
bei der Wohnungsdesinfection entfaltet. Davon dürfte jedoch wohl kaum 
die Rede sein. 

Fassen wir zunächst die Diphtherie in^s Auge, die das Hauptcontingeat 
bei den Wohnungsdesinfectionen darstellt, so könnte auf Grund der Yer- 
suchsergebnisse eine Desinfection des Bettes, der Wäsche und Gebrauchs- 
gegenstände des Kranken genügend, eine Desinfection des Krankenzimmers 
aber überflüssig erscheinen. 

Da jedoch beim Husten und Sprechen der Kranken nicht nur alier- 
feinste keimhaltige Tröpfchen, sondern gelegentlich auch grössere Keim- 
bröckel verspritzt werden, so dürft« bei der längeren Lebensdauer der 
Keime in der Form dichterer Massen nur eine Desinfection des ganzen 
Baumes die wünschenswerthe Sicherheit gegen Neuinfectionen bieten. 



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Dauer der Lebensfähiokeit von Ebankheitsebbegebn. 143 

Bei den übrigen Infectionskrankheiten dürfte aber eine Einschränkung 
der Desinfectionsmaassnahmen noch weniger am Platze sein. 

So bei Scharlach und Masern, Pocken und Flecktyphus schon des- 
halb nicht, weil wir die Erreger dieser Infectionskrankheiten überhaupt 
noch nicht kennen. 

Pestfalle werden bei der Grösse der Gefahr ein besonders gründ- 
liches Desinfectionsverfahren erheischen. Bei den übrigen noch in Betracht 
kommenden Infectionskrankheiten, der Lungenschwindsucht, der Wund- 
rose und dem Eindbettfieber dürfte eine allgemeine Wohnungsdesinfection, 
abgesehen von der Desinfection besonderer Gegenstande im Dampf, nicht 
umgangen werden können. 

Vor Allem nicht bei der Lungenschwindsucht, da es gerade bei dieser 
Krankheit zu einer reichlichen Ausstreuung der speoifischen Erreger 
kommt und da sogar die mit feinsten Tröpfchen verspritzten Tuberkel- 
bacillen eine Lebensföhigkeit von nicht zu unterschätzender Dauer, nament- 
lich an weniger belichteten Stellen, zeigen. 

Was die Wundrose und das Kindbettfieber betriflft, so zeichnen sich 
häufig die Erreger derselben nicht nur durch grosse Resistenz den natür- 
lichen Desinficientien, des Lichtes und der Austrocknung, sondern auch 
gegenüber chemischen Desinfectionsmitteln, sogar gerade dem Formalde- 
hydgas gegenüber, aus. Dies gilt besonders in soweit, als Staphylokokken 
in Frage kommen. 

Da bekanntlich die Desinfection von staphylokokkenhaltigem Material 
auch mit einer der gebräuchlichen . Formaldehyd-Desinfectionsmethoden 
häufig nicht gelingt, so lag die Frage nahe, ob dies auch für Staphylo- 
kokken in fein vertheiltem Zustande der Fall ist. 

Es wurde zu dem Zwecke ein Versuch mit dem zu den früheren 
Versuchen benutzten Staphylococcus pyogenes aureus-Stamme der Art 
angestellt, dass die dicht mit staphylokokkenhaltigen Tröpfchen besprühten 
Schälchen (es wurden auf dem Controlschälchen ca. 100 Colonieen im 
Gesichtsfeld bei schwacher Vergrösserung gezählt) an verschiedenen Stellen 
eines zu desinficirenden Thierstalles aufgestellt wurden. 

An diesen Stellen wurden gleichzeitig Seideniäden, welche theils in 
der zur Verspritzung benutzten Bouilloncultur, theils in einem 24 stündigen 
auf Agar gewachsenen Staphylokokkenrasen getränkt waren, der Form- 
aldehyddesinfection ausgesetzt. Ausserdem waren noch Milzbrandsporen- 
faden zum Vergleich mit aufgestellt. 

Die Desinfection des Raumes wurde nach der Breslauer Methode und 
zwar nach der neuerdings von Flügge^ angegebenen Vorschrift aus- 



^ KUniiehes Jahrbuch, 1900. Bd. YH. 



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144 



Pbitz Kiestein: 



geführt. Hiernach sind für die Desinfection von 1<*" Rauminhalt bei 
3 Va stündiger Einwirkungsdauer des Ponnaldehyds 5»™* Formaldehyd zu 
Grunde gelegt. 

Die folgende Tabelle XII giebt eine übersichtliche Zusammenstellung 
von dem Resultat des Versuches. 

Tabelle XII. 

Formaldehjd-Desinfectionsversuch mit Staphylokokken in 

Bezug auf die Abhängigkeit der desinfectorischen Wirkung 

von der Dichte des zu desinficirenden Materials. 



Art der Aufbewahrung 
des Materials 



Mit feinsten 
staphylo- 

kokkenhaltig. 
Tröpfchen 
besprühte 
Scbälchen 



In Staphylo- 

kokken- 

bouillon 

getränkte 

Seidenfaden 



In Stapbylo- 
kokkenrasen 
getränkte 
Seidenfaden 
(Mhr diehto Bt • 
•ohAffenbdt dM 
aoffetrookMtoQ 
Material!) 



Milzbrand- 
sporenfaden 



+ 
+ 



In einer halbaufgezogenen 
Schublade 

In einer Zimmereoke auf 
dem Fussboden 

In einer Höhe von 8™ 

Zwischen zwei dicht an- 
einanderstehenden Käfigen 

In der Tiefe eines niedrigen 
Käfigs 



•f « positives Resultat, — = negatives Resultat 

Dem Versuche zu Folge werden Staphylokokken, welche mit feinsten 
Tröpfchen verspritzt sind, mit Hülfe der Breslauer Methode auch an 
schwerer zugänglichen Stellen sicher abgetödtet. 

Unsicher vernichtet wurden durch die Desinfection die Staphylo- 
kokken, welche mit Bouilloncultur an Seidenfaden angetrocknet wurden. 

Alle in dem Staphylokokkenrasen selbst getränkten Seidenfaden be- 
wahrten ihre Keimfähigkeit bis auf diejenigen, welche sich auf dem Fuss- 
boden in der Zimmerecke befanden. Im Gegensatz dazu wurden die 
Milzbrandsporenfaden nur an einer Stelle nicht desinficirt. 

Die Aussaaten der Fäden wurden nach Abschwemmung derselben in 
Ammoniak auf Agar vorgenommen. 

Es ist ja bekannt, dass die Formalindesinfection dem Staphylococcos 
pyogenes aureus gegenüber mangelhaft und unsicher ist und dass die 
sonst so widerstandsfähigen Milzbrandsporen viel leichter abgetödtet werden 
als viele Staphylokokkenstämme. Diese beiden Mikroorganismen verhalten 



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Datteb DBB Lebensfähigeeit yon Ebankheitsbbbeobbn. 146 

doh gegenüber der Einwirkimg von Licht und Austrooknung einerseits 
und dem gasfonnigen Formaldehyd andererseits gerade umgekehrt 

Während nämlich die Staphylokokken mit feinsten Tröpfchen verspritzt 
innerhalb 10 bis 14 Tagen absterben, bewahren die Milzbrandsporen in 
diesem Znstande UQgefahr 2^/, Monate ihre Lebensfähigkeit Andererseits 
sind Milzbrandsporen viel empfindlicher gegen Formaldehydgas als die 
Staphylokokken. 

Da nun die goldgelben Staphylokokken, welche gegenüber der Form- 
aldehydeinwirkong von allen sporen&eien Bakterien als die widerstands- 
fähigsten gelten, im Zustande feinster Vertheilung der Formaldehyd- 
desinfection sicher erliegen, halte ich den Schluss for berechtigt, dass 
durch diese Desinfectionsmethode die vegetativen Formen der bekannten 
Infectionserreger, wenn sie mit feinsten Tröpfchen verspritzt sind, auch 
an schwerer zugänglichen Stellen sicher abgetödtet werden. 

Der Keimbelag der Wände und Decken unserer Wohnräume im 
Lichte vorstehender Versuche. 

Einen indirecten Beweis für das verhältnissmässig rasche Absterben 
der mit feinsten Tröpfchen verspritzten Mikroorganismen möchte ich bis 
zu einem gewissen Grade noch in dem Ergebniss der folgenden Versuche 
erblicken. 

Hinsichtlich des Absterbens der Keime in fein vertheiltem Zu- 
stande erschien die Frage wichtig, in welchem zahlenmässigen Verhältniss 
die an den oberen TheUen der Wände und der Decken der Wohnungen 
gefundenen sporenbildenden Bakterien zu den sporenfreien stehen. Die 
sporenfreien Bakterien mussten dabei wieder in Kokken und Bacillen ge- 
schieden werden, da jenen eine bedeutend längere Lebensfähigkeit als 
Einzelindividuen den früheren Versuchen zu Folge innewohnt 

Ich verfahr daher so, dass ich 100«^ grosse Flächen von Decken 
und oberen Theilen der Wände (über 2 ^ Höhe) mit sterilen Schwämmchen 
abwischte und diese auf Agarplatten ausstrich. Die Platten kamen dann 
auf 8 Tage in den Brütschrank von 28^ C. und zwar deshalb so lange, 
um eine etwa eingetretene Sporenentwickelung in den Colonieen fest- 
stellen zu können. Die Colonieen wurden dann abgestochen und im 
hangenden Tropfen untersucht 

Erleichtert wurde diese mühsame Arbeit oft dadurch, dass ein Theil 
der oberflächlich gelagerten Colonieen schon makroskopisch oder bei 
schwacher Vergrösserung als gleichartig erkannt werden konnte. 

Zu bemerken ist noch, dass die Zahl der Schimmel- und Hefe- 
eolonieen nicht notirt wurde. 

Zdtachr. f. Hygiene. ZXXIX. 10 



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146 Fbttz Kibstein: 

Die auf vier versohiedene Räumlichkeiten ausgedehnten Untersuchungen 
haben nun etwa 65 Procent Eokkencolonieen (darunter etwa die Hälfte 
Sarcinecolonieen), 29 Frocent sporenhaltige und etwa 6 Frocent sporen- 
freie Bakteriencolonieen auf den Platten ergeben. 

Dabei wurde festgestellt, dass die Zahl der von den Decken gewonnenen 
Bakteriencolonieen eine sehr spärliche war. 

Um zu erfahren, wie viel Procent der Bakterienarten in der Dauer- 
form der Sporen an den oberen Theilen der Wände und an den Decken 
haftete, wurde so vorgegangen, dass etwa 400 *i«^ grosse Flächen mit einem 
sterilen Schwämmchen abgerieben und dasselbe in 10 ^^ sterilen Wassers 
ausgewaschen wurde. Die eine Hälfte der Waschflüssigkeit wurde nun 
sofort zu Gelatineplatten verarbeitet, die andere Hälfte 5 Minuten lang 
im Wasserbade von 70^ C. gehalten und damit alsdann Gelatineplatten 
gegossen. Auf diese Weise wurde constatirt, dass ca. 23 Procent der 
Bakterienarten als Sporen an den Decken bezw. den oberen Theilen der 
Wände vorhanden waren. 

Da die Versuche in verhältnissmässig geringer Zahl vorgenonmien 
wurden, bin ich weit davon entfernt, denselben eine allgemeine Gültig- 
keit beimessen zu wollen. Immerhin stehen die Ergebnisse (verhältniss- 
mässig viele Kokken und wenig sporenfreie Bacillen) durchaus im Einklang 
mit den in dieser Arbeit gewonnenen Versuchsresultaten. 



n. Abschnitt. 

Ueber die Dauer der Lebensfähigkeit von Mikroorganismen 

in der Form feinster keimhaltiger Stäabelien. 

Unter den mit feinsten Tröpfchen verspritzten Mikroorganismen können 
nach dem Absitzen nur diejenigen zu einer sogenannten Luftinfection Ver- 
anlassung geben, welche auch im Zustande feinster Vertheilung, dem Licht 
und der Austrocknung ausgesetzt eine verhältnissmässig längere Lebens- 
dauer zeigen, so der Tuberkelbacillus, der Staphylococcus pyogenes aureus 
und manche pathogene Streptokokken. 

Von den übrigen untersuchten pathogenen Mikroorganismen dürfte 
auf diese Weise kaum eine Infection zu Stande kommen. 

Es erhebt sich nun die Frage, wie lange von Seiten der in feinste 
Stäubchen zerfallenen trockenen infectiösen Partikel und Massen eine 
Infectionsgefahr besteht. 

Diese feinsten Stäubchen werden, wie wir durch die Untersuchungen 
von Flügge wissen, nach dem Aufwirbeln schon durch Luftströme von 
1 bis 4°*™ pro Secunde transportirt. Allerdings sind zum Aufwirbeln 



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DaUEB DEB LeBENSFÄHI&KEIT von KBANKHErrSEBBEGEBN. 147 

eines feinen Stanbes Luftströme von mehreren Gentimetem Oesohwindigkeit 
erforderlich, wie sie aber beim Gehen, Fegen u. s. w. entstehen. 

Die Frage nach der Aosbreitong von Infectionskrankheiten durch 
den in der Luft befindlichen Staub ist schon öfter in den Kreis der 
Untersuchungen gezogen worden. 

So hat Germano ^ die Entscheidung darüber in der Weise herbei- 
zuführen gesucht, dass er Staub mit Bouillonculturen vermischte, auf 
Petri 'sehen Schalen trocknen liess und von Zeit zu Zeit das angetrocknete 
Material auf lebensfähige Keime untersuchte. Wie Neisser mit Recht 
sagt, hat Germano auf diese Weise nur die Bedeutung der Staub- 
Contactinfection aufgedeckt. Keineswegs ist durch diese Versuche klar- 
gestellt worden, ob und inwieweit feinste infectiöse Staubchen lebend 
transportirt werden können. 

Diese Lücke hat Neisser ^ durch seine Arbeit über Luftstaubinfection 
auszufüllen gesucht. Er ging dabei so vor, dass er feinsten sterilisirten 
Actenstaub mit einer Aufschwenunung der zu untersuchenden Bakterien- 
art inficirte und dann gründlich verrieb. Dieser Staub wurde aufgeschüttelt 
und ca. 80 «" bis 1 " weit entgegen seiner Schwere durch Luftströme 
von 1 bis 4"»" Geschwindigkeit fortgeführt. Was den Feuchtigkeitsgrad 
des Staubes angeht, so wurde er so gewählt dass eine Verstäubbarkeit 
des Materials noch möglich war. Der durch den Luftstrom trausportirte 
Staub wurde alsdann aufgefangen und auf die Lebensfähigkeit der be- 
treffenden Bakterien untersucht. Bakterienarten, welche unter diesen 
Versuchsbedingungen lebend aufgefangen wurden, sind im Neisser'schen 
Sinne verstaubbar, aber auch noch diejenigen, welche durch Luftströme 
von 1 °" pro Secunde über eine Strecke von etwa 80 ^ in grosser Menge 
transportirt werden können. 

Neisser beschäftigte sich demnach nur mit der Transportirbarkeit 
von Bakterien mit dem schwebenden Zimmerstaube im lebenden Zustande 
durch ganz minimale Luftströme, liess aber die Frage unberücksichtigt, 
wie lange feinste bakterienhaltige Staubchen nach ihrem Niedersitzen 
lebensfähig bleiben. 

Diese Frage erscheint aber vor Allem im Hinblick auf die Ausbreitung 
der Tuberculose von grosser Bedeutung. 

Bei meinen Versuchen ging ich zunächst so vor, dass grössere Massen 
von getrockneten Reinculturen zerstäubt wurden und zwar wurde zu einer 
Reihe orientirenderVersuche auch hier wieder der Bacillus prodigiosus gewählt. 



^ Germano, Die Uebertragnng von InfectionskraDkheiten durch die Luft. 
1. MiUheiliing. Die$e Zeittchrifi. 1897 Bd. XXIV. 

* NeiBser. Ueber Laftstanbinfection. Menda. 1898. Bd. XXYU. 

10* 



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/ 



148 Fettz Eibstein: 

ZerBtäubangsrersiiohe mit trockenem ProdlgiotosmateriaL 

Trockenzerstäubnng von Prodigiosns im Apparate. 

" f I Die 8 Tage alten Belage von zwölf Kartoflfelscheiben wurden ab- 

geschabt, auf Glasplatten in breiter Ausdehnung in nicht zu dünner 
Schicht aufgetragen und 24 Stunden an der Luft im Zimmer getrocknet. 

Nach dieser Zeit war die Trocknung so vollkommen, dass die auf- 
gebrachte Schicht zum Theil von selbst von der Olasplatte abgesprungen 
war. Der übrige Theil konnte leicht mit einem Scalpell von der Platte 
abgehoben werden. 

Dieses trockene Material wurde darauf in einer Reibschale intensiv 
zerrieben und das so erhaltene feine Pulver in den Oummiball eines ge- 
wöhnlichen Zerstäubers für Insectenpulver eingefüllt 

Der Zerstäuber wurde mit dem wiederholt erwähnten Apparate in 
Verbindung gebracht. 

In denselben wurden wieder eine Reihe leerer steriler Sohalchen (von 
der Grösse von 60"™ im Durchmesser) neben einem mit Nähragar ver- 
sehenen Controlschälchen eingestellt. Anstatt des seither benutzten noten- 
pultartigen Gestelles wurde zwecks Vermeidung des Herabrutschens der 
niedergefallenen Prodigiosusstaubpartikel ein Gestell mit horizontaler Lager- 
fläche für die Schälchen verwendet Auf das G^tell wurden noch einige 
mit einer dünnen Glyceringelatineschicht versehene DeckgUschen zwecks 
Festhaltung der aufgefallenen Eeimstäubchen neben die leeren Schälchen 
gelegt. 

Da es von Interesse war, zu erfahren, wie lange die gröberen, in 
der vorderen Abtheilung des Apparates sich schon niederlassenden Eeim- 
bröckel im Vergleich mit den in der hinteren Abtheilung des Kastens 
aufTallendeu feinsten Eeimstäubchen lebenden Prodigiosns beherbergten, 
wurden auch in der vorderen Abtheilung leere sterüe Schälchen neben 
einem mit Nähragar versehenen Controlschälchen aufgestellt. 

In dieser Weise wurden zwei Verstäubungen und zwar die eine 
Anfangs, die andere Ende Februar 1901 vorgenommen. 

Hervorgehoben sei, dass bei beiden Versuchen während der Zerstäubungs- 
dauer von 15 Minuten nur 100 Liter liUft abgesaugt wurden. In der 
mittleren Abtheilung des Eastens konnten daher die Eeimstäubchen 
mit einer Geschwindigkeit von höchstens nur 4 bis 6™°* fortbewegt 
worden sein. 

2 Stunden nach Beendigung der Zerstäubung wurden die Objecte 
wieder aus dem Apparate entfernt. Bei einem der beiden mit Prodigiosns 
vorgenommenen Versuche wurde ein Theil sowohl der in der vorderen 



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DaXTEB DEB LeBENSFIHIGKBIT von EBANKHErrSERBBGERN. 149 

wie in der hinteren Abtheilung des Apparates exponirt gewesenen 
Schälchen in dem Keller aufbewahrt. Die übrigen verblieben, wie ge- 
wöhnlich, im Laboratorium der diffusen Tagesbelichtung und der freien 
Luft ausgesetzt. Nur wurden diese Schalchen zwecks Femhaltung verun- 
reinigender Keime aus der Luft mit einer mit Stützen versehenen Glas- 
scheibe so überdeckt, dass ein zwischen oberem Schalenrand und Glas- 
scheibe bestehender kleiner Zwischenraum der Luft ungehinderten Zutritt 
gestattete. 

Auf den in der hinteren Abtheilung des Apparates exponirt gewesenen 
gljcerinirten Deckglaschen zeigten sich nach der Färbung zahlreiche 
verschieden grosse aus zusammengebackenen Prodigiosusbacillen bestehende 
Klümpchen. Der Durchmesser dieser runden oder polyedrisch gestalteten 
Klümpchen betrug meist etwa Vioo°*"> ^^ ungefähr eben so viel wie 
bei den feinsten Tröpfchen. Indess waren auch viele unter Vioo°™ ^ 
Durchmesser haltende, aber auch grössere bis etwa */ioo°^ ™ Durch- 
messer fassende Keimstäubchen in die hintere Abtheilung des Apparates 
gelangt 

Was die Zahl der hier niedergefallenen Keimstäubchen angeht, so 
sei bemerkt, dass bei einem der beiden Versuche auf einem gefärbten 
Deckgläschen bei starker Vergrösserung in einem G^chtsfelde (0-24 4°^ 
gross) ca. 80 Keimstäubchen von den beschriebenen Dimensionen gezählt 
wurden. Es waren demnach auf ein Schälchen von 5^ Durchmesser 
ca. 246000 Keimstäubchen niedergefallen. 

Auf dem Controlagarschälchen derselben Grösse kamen jedoch nur 
etwa 22000 (üolonieen zur Entwickelung. Demnach war nur etwa der 
elfte Theil der Keimstäubchen mit lebenden Frodigiosus im Moment des 
Auffallens auf die Schälchen behaftet. In Uebereinstimmung hiermit 
zeigten sich bei der mikroskopischen Zählung der Colonieen, welche auf 
den mit Nähragar versehenen Schälchen zur Entwickelung kamen, neben 
den Prodigiosuscolonieen oft noch zahlreiche röthlich gefärbte Partikel, 
offenbar kleinste ProdigiosusfarbstoSpartikel, an welchen keine lebenden 
Frodigiosuskeime mehr hafteten. 

Die Früfnng der niedergefallenen Stäubchen auf Keimfähigkeit geschah 
nämlich in der Weise, dass die trockenen Schälchen mit Nähragar aus- 
gegossen wurden. 

TJeber den Verlauf der beiden Versuche giebt die folgende Tabelle XTIT 
näheren Aufschluss. 



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150 



Fbitz Kibstein: 





S S S £S S :: S . M ». ^ » S S SS S . 

H CO 


Zeiten nach 

der 
Zerstäubung 


Vei 

1. Sohälohe 

hinteren Abtl 

des Appara 

Colonieen] 

auf dem Contri 

soh&lchen nach 4i 

bei 22« C 

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Resultat 




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1: 


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Daxteb deb Lebensfähigkeit yon KBANKHEiTSEBBEGEftN. 151 

Die Versuche Nr. 1 and 2 lehren jedenfalls, dass Prodigiosnsstaubchen 
mit Loftetrömen anter 1 ^ Geschwindigkeit transportirt, nach ihrem 
Niedersitzen theilweise eine Lebensfähigkeit von ca. 8 Tagen bewahren. 

Femer zeigen die Versache, dass die mit den genannten Geschwindig- 
keiten beforderten Staubchen etwa dasselbe absolate Gewicht haben müssen 
wie die feinsten mit denselben Geschwindigkeiten transportirten Tröpfchen. 

Wenn man nan bedenkt, dass das Gewicht eines oder nar einiger 
mit einem Wassertröpfchen verspritzten Keime im Vergleich za dem viel 
grosseren Gewichte des Tröpfchens selbst verschwindend gering ist, so wird 
verstandlich, dass bei gleichem Gewicht die trocken verstäubten Partikel 
mehr Einzelindividuen enthalten als die feucht verspritzten. 

Da nun nach den geschilderten Versuchen die Lebensdauer irgend 
einer Bakterienart ganz wesentlich abhängig ist von der 2^1 der zu 
einem Häufchen zusammengeballten Bakterien, so ist es leicht verständ- 
lich, dass die aus Hunderten von dicht an einander liegenden Bakterien 
bestehenden Staubchen länger lebensfähige Keime enthalten müssen als 
die feinsten keimhaltigen Tröpfchen. 

Der schädliche Einfluss der Belichtung auf die feinsten Keimstäubchen, 
im Vergleich mit dem conservirenden der mangelnden Belichtung, hat nichts 
Auffallendes. Es zeigen die vergleichenden Untersuchungen, dass im letz- 
teren Falle die Prodigiosuskeimstäubchen ungeßhr drei Mal so lange lebens- 
fähige Keime enthalten. 

Die gröberen in der vorderen Abtheilung des Apparates niederge- 
fallenen Prodigiosuspartikel enthielten ebenfalls etwa drei Mal so lange 
als die feinsten Keimstäubchen unter den gleichen Bedingungen der Be- 
lichtung und der Austrocknung lebenden Prodigiosus. 

Die mit gröberen Prodigiosuspartikeln behafteten, im Keller gehaltenen 
Schälchen, wiesen sogar noch nach 70 Tagen lebenden Prodigiosus auf, 
später allerdings nicht mehr. 

Unzerkleinerte, trockene Prodigiosusmassen, welche im Laboratorium 
unter den gewöhnlichen Bedingungen aufbewahrt wurden, enthielten 
vollends 4V2 Monate lang lebensfähigen Prodigiosus. 

Trockenzerstäubung von Prodigiosus unter Zuhülfenahme des 

Ventilators. 

Es wurde im März 1901 zunächst ein Parallelversuch zu den früheren 
ebenfalls unter Zuhülfenahme des Ventilators vorgenommenen Verspritzungs- 
versuchen mit Prodigiosusaufschwemmungen angestellt Die Versuchs- 
anordnung war ähnlich der damaligen bereits in der ersten Mittheilung 
beschriebenen, nur wurde der Versuch auf einen einzigen Raum beschränkt 



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152 Fbttz Eibstein: 

In demselben wurden offene Schalohen aufgestellt und zwar sowohl 
in der Mitte des Raumes auf einem Tisch, als auch in einer dunkleren 
Ecke. Neben den leeren Schälchen war auch ein mit Nähragar ver- 
sehenes Schälchen und mehrere mit einer dünnen Glycerin-Gtelatineschicht 
überzogene DeckglSschen zur Gontrole der Menge und der Beschaffenheit 
der niederfallenden Eeimstaubpartikel ezponirt. 

Zu bemerken ist noch, dass die auf dem Tisch befindlichen Schälchen 
vor directer Besonnung durch einen Schirm von Pausleinwand geschützt 
waren. Im übrigen war der Baum durch drei grosse Laboratoriumsfenster 
hell belichtet Die in der Ecke des Baumes aufgestellten Schälchen 
waren der directen Besonnung überhaupt nicht ausgesetzt 

Zur Beurtheilung der Yertheilung der Eeimstäubchen im Baume 
waren wiederum an den verschiedensten Stellen Eartoffelscheiben ausgesetzt, 
so z. B. auf den Lambrequins, in Zimmerecken, Regalen u. s. w. 

Zur Gewinnung einer genügenden Prodigiosusstaubmenge wurden die 
Beläge von 50 acht Tage alten Eartoffelculturen abgeschabt und in der 
beschriebenen Weise getrocknet und zerrieben. Die gewonnene feinpulverige 
Masse wurde nun von dem rotirenden Ventilator zerstaubt. Nach Be- 
endigung der Zerstäubung wurde der Yentilator noch eine halbe Stunde 
laufen gelassen. 

Alsdann wurde die Dauer der Schwebehaltung der Eeimstäubchen in 
derselben Weise, wie in der ersten Mittheilung geschildert, verfolgt: Es 
fielen weitaus die meisten Eeimstäubchen in der ersten halben Stunde 
nieder, von da ab nur noch wenige, und nach 3 Stunden war das Absitzen 
der Eeimstäubchen überhaupt beendet Das für das Absitzen der feinsten 
Eeimstäubchen gefundene, annähernd gleiche Resultat wie für die feinsten 
Tröpfchen lässt wiederum erkennen, dass sowohl die feinsten Stäubchen 
wie die feinsten Tröpfchen ungefähr dasselbe absolute Gewicht besassen. 

Was die Grösse der mittels der Deckgläschen aufgefangenen Eeim- 
stäubchen angeht, so schwankte dieselbe analog den Beobachtungen bei 
den im Apparate angestellten Versuchen zwischen Vioo'^^ Vioo""« Stäubdien 
von letzterer Grösse waren aber entschieden in der Minderzahl. 

Es wurde bei der Untersuchxmg der Deckgläschen die schon früher 
gemachte Beobachtung bestätigt, dass die Eeimstäubchen an ihrer Peripherie 
sich in einzelne von dem Hauptconglomerat getrennten Bacillen auflösten. 
Dieser Befund dürfte so zu deuten sein, dass die auf die Glycerin-Gelatine- 
schicht aufgefallenen Stäubchen etwas quellen und dadurch die an der 
Peripherie der Partikel befindlichen Bacillen abgelöst werden. 

Was nun die Zahl der mit lebendem Prodigiosus behafteten nieder- 
gefallenen Eeimstäubchen betrifft, so betrug dieselbe für die Fläche der 



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Daüeb deb Lbbbnsfähigkbit yon Kbankheitsebbegern. 153 

zu den Veisaohen benatzten Sohalchen Ton 6^ Durchmesser berechnet 
ca. 1600. 

Diese Golonieenzahl worde nicht nur für die auf den Tisch ange- 
stellten Controlschalchen, sondern auch in der gleichen Weise f&r die an den 
Tersohiedensten Stellen des Baumes exponirten Eartoffelscheibchen ermittelt 

Hier wurde ebenso wie bei den Yerspritzungsversuchen mit flüssigem 
Prodigiosusmaterial eine ausserordentlich gleichmässige Vertheilung der 
au^estreuten Keime constatirt 

Auf verschiedene Weise wurde nun die Lebensdauer der ausgestreuten 
feinsten Frodigiosus-Eeimstaubchen untersucht: 

Die auf dem Tisch und in der Ecke aufgestellten Schalchen wurden 
in erster Linie zur Untersuchung herangezogen. Dieselben wurden ca. 
6 Stunden nach Beendigung der Zerstäubung zwecks Femhaltung von 
Veronreinigungen mit einer Olasscheibe so bedeckt, dass die Luft ungehin- 
derten Zutritt hatte. Die Untersuchung der Schalchen selbst wurde wieder 
mit Nähragar Torgenommen. 

Der Verlauf der mit den Schalchen vorgenommenen Untersuchungen 
ist aus der folgenden Tabelle XIY ersichtlich. 

Tabelle XIV. 
Versuch mit trocken zerstäubtem Prodigiosusmaterial unter 
Zuhülfenahme des Ventilators. 

Colonieenzahl 
anf dem Control-Agarsch&lchen nach 48 Standen bei 22® C. ca. 1500. 



1. Soh&lchen anf dem Tisch am zerstreuten Tages- 
licht aufbewahrt. 



Zeiten ! 

nach der Zerstäubung i 



Resultat | Zahl der Ck>lonieen 



2. Schälchen in einer 

dunkleren Zimmereoke 

aufbewahrt 



3 Stunden 


+ 


1 Tag 


+ 


2 Tage 


+ 


3 „ 


+ 


4 „ 


+ 


7 „ 


+ 


9 « 


+ 


n „ 


+ 


14 „ 


+ 


16 „ 


— 


18 n 


— 


20 „ 




28 „ 




85 „ 




40 „ 





ca. 1875 
625 
300 
50 
45 
25 
10 
8 
1 



ca. 
ca. 
ca. 
ca. 



Resultat 



+ 
+ 

+ 

+ 
+ 
+ 



Zahl der 
Colonieen 



«^ 

ca. 800 
ca. 100 

80 
15 

8 
4 



4- "> positires, — = negatives Resultat, ^ s keine Untersuchung vorgenommen. 



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154 Fbitz EiBSTEm: 

Nach Ausweis der vorstehenden Tabelle wurden also mit Hülfe des 
Ventilationsstromes Prodigiosus-Keimstaubchen in den Baum des Instituts 
transportirt, welche ungeMr eben so lange ihre Keimfähigkeit bewahrten 
wie die bei den vorausgehenden Versuchen in die hintere Abtheilong 
des Apparates gelangten Staubchen. 

Die Untersuchung auf lebenden Prodigiosus wurde aber noch in der 
Weise vorgenommen, dass die durch Kehren des Fussbodens des betreffen- 
den Baumes und durch Abwischen der Gegenstande mittels eines Scheuer- 
tuches emporgewirbelten Staubpartikel auf gleichzeitig an den verschie- 
densten Stellen des Baumes exponirten Kartoffelscheiben auffallen muasten. 
Der Staub des Baumes wurde dabei gleichmässig an allen Stellen auf- 
gewirbelt, so auch an wenig belichteten Stellen desselben. Auf diese 
Weise wurde über 14 Tage hin lebender Prodigiosus in den Räumen 
nachgewiesen. 

Schliesslich wurde auch noch durch Abtupfen verschiedener Stellen 
des Baumes mittels Schwämmchen und Ausstreichen derselben auf Kar- 
toffeln der Lebensßhigkeit des Prodigiosus nachgegangen. Die beispids- 
weise 14 Tage nach der Zerstäubung der Art angestellten Untersuchungen 
ergaben folgendes: Von zwei 100**"" grossen wenig belichteten Stellen 
des Baumes wurde auf den zugehörigen Kartoffelscheiben eine dichte Aus- 
saat von Prodigiosus erzielt. Dagegen wurde zu derselben Zeit von 100 "i™ 
der Fussbodenmitte nur noch zwei Prodigiosuscolonieen, von zwei anderen 
ebenfalls gut belichteten Stellen (so auch vom Tisch) keine Prodigiosus- 
colonie mehr zur Entwickelung gebracht. Vor diesem Termin war auf 
diese Weise überall noch lebender Prodogiosus zu finden. Nach 18 Tagen 
wurde nach dieser Methode nur noch an wenig belichteten Stellen des 
Baumes und auch hier spärlich Prodigiosus nachgewiesen. Durch Auf- 
wirbeln des Staubes in dem Baume durch Kehren und Abwischen 
konnte zu dieser Zeit überhaupt kein lebender Prodigiosus mehr ge- 
funden werden. 

Es war nun von Interesse, zu erfahren, ob durch Luftbewegungen^ 
wie sie z. B. in verschiedenen Temperaturverhältnissen begründet sind, 
eine Verschleppung von feinsten in der Luft schwebenden Keimstäubchen 
vermittelt wird. Zweckentsprechende Versuchsbedingungen waren wieder 
in der Ventilationsanlage des hygienischen Instituts dadurch gegeben, 
dass in den in die Wände eingebauten Ventilationsschächten die Heizkörper 
der Niederdruckdampfheizung untergebracht waren. 

Zu dem Versuche selbst wurde die gleiche Menge feinen Prodigiosus- 
pulvers, wie bei dem letzten Versuche in der Frischluftkammer, vor dem 
Flügelradventilator zerstäubt, ohne dass derselbe in Bewegung gesetzt 
wurde. 



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Daueb beb Lebensfähigkeit von EBANKHEiTSEBBEaEBN. 156 

Während des Versuches betrug die Aussentemperatur 10** C, die 
Temperatur der Baume des Instituts 18^ C. Es sollte nun beobachtet 
werden, ob die durch diese Temperaturdiflferenz bedingte Luftbewegung 
zu einem Transport der feinsten Keimstaubchen von der Frischluftkammer 
bis in die höher gelegenen Bäume genügt 

In der That waren nach zwei Tagen die im Obergeschoss an ver-t 
schiedenen Stellen eines Baumes aufgestellten Kartoffelscheiben Ton zahl- 
reichen Prodigiosuscolonieen bedeckt. Die Yertheilung im Baume war 
auch diesmal annähernd gleichmässig. 

Die Colonieenzahl auf den Kartoffelscheiben betrug nämlich durch- 
gehends etwa 200. 

Die Dauer der Lebensfähigkeit der in den Bäumen Tertheilten Frodi- 
giosusstäubchen wurde bei diesem Versuche nicht verfolgt. 

Jedoch sollte eine 14 Tage nach der Zerstäubung vorgenommene 
Untersuchung feststellen, ob sich zu dieser Zeit noch lebender und leicht 
losreissbarer Prodigiosusstaub in den Schächten der Ventilationsanlage 
befände. Es wurden zu dem Zwecke in einem Baume Kartoffelscheiben in 
Schalen an verschiedenen Stellen exponirt. Darauf wurde der Ventilator 
eine halbe Stunde in Thätigkeit gesetzt und die Schalen noch ca. eine 
Stande offen stehen gelassen. 

Nach Verlauf von zwei Tagen war das interessante Besultat zu ver- 
zeichnen, dass durschschnittlich noch fünf Prodigiosuscolonieen auf einer 
Scheibe zur Entwickelung gekommen waren. 

An dieser Stelle sei daran erinnert, dass bei den Verspritzungs- 
versuchen mit Aufschwemmungen von Prodigiosus nicht nur 24 Stunden, 
sondern sogar schon sieben Stunden nach Beendigung der Verspritzung 
durch den Ventilator kein lebender Prodigiosuskeim mehr zu Tage ge- 
fordert werden konnte. 

Wenn nun auch sieben Stunden nach Beendigung der Verspritzung 
wohl noch nicht aller Prodigiosus in den vor Licht immerhin geschützten 
Schächten abgestorben war, so konnte er jedoch vermuthlich deswegen 
nicht nachgewiesen werden, weil die mit feinsten Tröpfchen verspritzten 
Mikroorganismen ziemlich fest an ihrer Unterlage haften. Im Gegensatz 
dazu liegen die Keimstaubchen nur locker ihrer Unterlage an und werden 
deshalb durch verhältnissmässig geringe Luftströme leicht losgerissen. 

Durch diesen Umstand erscheinen natürlich infectiöse Staubpartikel 
in noch bedenklicherem Lichte. 



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166 



Fbitz EiBSTEm: 



Die Zerstäubungsveisüche mit trockenem Prodigiosusmaterial sollten 
Gesichtspunkte geben för die Beortheilang der Daner der Infectionsgefiahr 
Seitens infectiöser Staubpartikel, insbesondere von tuberkelbadllenhaltigem 
Staub. 

Für die Versuche mit infectiösen Staubchen musste begreiflich» 
Weise eine besondere Yersuchsanordnung getroffen werden, welche die 
Gefahr für den Experimentirenden und seine Umgebung möglichst aus- 
schloss. 

Ein anschauliches Bild von der ganzen Yersuchsanordnung giebt die 
folgende Skizze (s. Fig. 2). 



! 







Fig. 2. Apparat zum Auffangen feinster keimhaltiger Mubchen. 

a Doppelgebl&se, h leere Flasche, c Schüttelflasohe, <2 Kasten mit beiden Zwischen- 
wänden e and dem Drahtnetz f, g leere Flasche, h mit Sublimat yersehene Wasch- 
flasche. 

Zwecks Gewinnung von feinstem Sputumstaub ist nun folgender- 
maassen zu verfahren: 

Das mit grobem Quarzsand vermischte Sputum wird nach völliger 
Trocknung in eine hohe mit doppelt durchbohrtem Gummipfropf versehene 
Flasche c gebracht. In letzterem stecken zwei rechtwinkelig gebogene 
Glasröhren, an denen sich kurze, mit Klemmschrauben verschlossene 
Gummischläuche befinden. 

Durch kraftiges Schütteln der Flasche wird nun eine Zerkleinerung 
des an den Quarzkömem anhaftenden Sputums in Staubpartikeln bewerk- 
stelligt. 

Nun gilt es, von diesen die allerfeinsten auf Schälchen au&ufangen. 
Zu dem Zwecke wird der in der Flasche befindliche Staub durch ein 
Doppelgebläse in einen kleinen Apparat d gedrückt, welcher ein Auffangen 
von allerfeinsten Staubchen ermöglicht. Dieser Apparat ist im Princip 
dem grossen zu den Yerspritzungsversuchen benutzten Apparate nach- 
geahmt. Der kleine Apparat ist 30*^ lang, 20"" hoch und 20«" breit 
Er zerfallt durch ein in einem Abstand von 12«" von der Yorderfläche 
senkrecht angebrachtes engmaschiges Drahtnetz f in zwei Haupttheile. 

Der vordere Theil ist ganz aus verzinntem Eisenblech (Weissblech) 
hergestellt und ist durch zwei in einem Abstände von 4«" eingelassenen 



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Daueb deb Lebensfähigkeit von EsANKHEiTSEBBEaEBN. 157 

Zwischenwände e in drei Abtheilungen getheilt. Die vordere Zwischenwand 
endigt 2Vs"" oberhalb des Bodens, die hintere ist 2Vj'^ von der Decke 
entfernt. 

Der in den Apparat eingepresste Eeimstrom wird dadurch gezwungen, 
einen Zickzackweg einzuschlagen. Bei dieser Einrichtung ist zu erwarten, 
dass die grösseren Staubchen schon in den beiden ersten Abtheilungen sich 
absetzen. 

Orobere Staubchen werden auf jeden Fall schliesslich von dem Draht- 
sieb f aufgehalten. Dasselbe besteht aus feinster Broncegaze von einer 
Maschengrösse von Vie**"*™ ™ Lichten. 

Erst hinter diesem feinen Drahtnetz waren die zur Aufnahme der 
feinsten Staubchen bestimmten Schälchen aufgestellt 

Der hinter dem Drahtnetz befindliche Theil des Apparates hat eine 
Grösse von 20^ im Cubus. Seine Wände bestehen ganz aus Glas, um 
dem Lichte ungehinderten Zutritt zu gestatten. 

Zu erwähnen ist noch, dass die Glaswand einer Seite nur die obere 
Hälfte einnimmt, die untere Hälfte dagegen offen ist, um von hier aus 
die Schälchen einsetzen und herausnehmen zu können. Die Oeffnung 
konnte aber leicht durch eine Glasplatte verschlossen werden, die in 
einen Bahmen von feuchten Wattestreifen zwecks sicherer Abdichtung 
eingesetzt wurde. 

In der hinteren Abtheilung des Apparates konnten bequem 9 Schälchen 
von der Grösse von 5«™ im Durchmesser aufgestellt werden. 

um etwaige von der Schüttelflasche her zurückströmende Keime auf- 
zufangen, wurde noch eine leere kleine Fulverflasche b zwischen Doppel- 
gebläse a und Schüttelflasche c eingeschaltet. 

Femer befianden sich noch zwei Pulverflaschen hinter dem Apparate. 
Die letzte h diente dazu, die den Apparat verlassenden Eeimstäubchen in 
Sublimatlösung unschädlich zu machen. Eine vor dieser eingeschaltete 
leere Flasche g sollte ein etwaiges Zurückströmen von Sublimatlösung 
direct in den Apparat verhindern. 

Es ist noch zu betonen, dass die Schälchen während der ganzen Yer- 
suchsdauer in dem Kasten verblieben, da ja das zerstreute Tageslicht und 
nach Entfernung der Glasplatte auch die Luft ungehindert einwirken 
konnte. Nur zum Zwecke der Untersuchung wurden die Schälchen 
herausgenommen. Selbstverständlich wurden sie alsdann äusserlich mit 
in Sublimatlösung getränkter Watte abgerieben. 

Was die Desinfection des ganzen Apparates angeht, so wurde der 
Kasten selbst in einem besonders dafür construirten Dampftopf, die 
Flaschen eben&lls im Dampf, das üebrige in Sublimatlösung desinficirt 



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158 Fbitz Kibstein: 

Versuch mit einem mit Prodigiosus vermischten und dann 
getrockneten bronchitischen Sputum. 

Um die Brauchbarkeit der vorstehend geschilderten Yersuchsanordnung 
zu prüfen, wurde zunächst ein Versuch mit trockenem tuberkelbaoillen- 
freiem Sputum, dem eine gewisse Menge Prodigiosuscultur zugesetzt war, 
angestellt. 

Im Einzelnen wurde so verfahren, dass 100°®" bronchitischen Sputums 
mit einem fünf Tage alten Prodigiosusbelag einer Eartoffelscheibe innig 
vermischt wurde. Das röthlich gefärbte Sputum wurde darauf mit 100°*" 
groben Quarzsandes vermischt und flach ausgebreitet. Das auf diese 
Weise vorbereitete Material wurde alsdann bei 22® C. vor Licht geschützt 
getrocknet. Nach fünf Tagen war die Trocknung so weit gediehen, dass 
mit dem Versuche begonnen werden konnte. 

Der mit dem Lungenauswurf behaftete grobe Quarzsand wurde in 
die Schüttelflasche eingefüllt. Während des darauffolgenden Schütteins 
waren natürlich die an den Glasröhren befindlichen Schläuche fest zu- 
geklemmt. 

Nachdem durch kräftiges minutenlanges Schütteln reichlicher Staub 
in der Flasche entstanden war, wurde die Verbindung mit dem Kasten 
rasch hergestellt und sofort durch das Doppelgebläse die stauberfüllte 
Luft der Flasche in den Kasten hinübergedrückt. 

In letzterem befanden sich acht leere Schälchen von einem Durch- 
messer von 5^ und zur Feststellung der Zahl der niedergefallenen, mit 
lebendem Prodigiosus behafteten Stäubchen ein mit einer Kartofielscheibe 
versehenes gleichgrosses Schälchen. 

Es soll an dieser Stelle gleich bemerkt werden, dass die auf den Zeit- 
punkt des Absterbens des in den Sputumstäubchen enthaltenen Prodigiosus 
gerichteten Untersuchungen diesmal nicht mit Nähragar, sondern durch 
Abdrücken der Schälchen mit Kartoffelscheibchen vorgenommen wurden. 
Auf diese Weise waren die Prodigiosuscolonieen leichter von anderen 
Colonieen zu unterscheiden. 

Neben den Schälchen waren noch zwei mit Glyceringelatine bestrichene 
Deckgläschen exponirt, um über die Art und Grösse der niedergefallenen 
Stäubchen ein Urtheil gewinnen zu können. 

Letztere hatten ungefähr dieselbe Grösse wie diejenigen, welche bei 
den früheren Zerstäubungsversuchen von trockenem Prodigiosusmaterial in 
der hinteren Abtheilung des grossen Apparates aufgefangen wurden. Ein 
Beweis dafür, dass in dem kleinen Apparate ungefähr dieselben Ge- 
schwindigkeiten zur Beförderung der feinsten Stäubchen wirksam gewesen 
sein mussten. 



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Daueb beb Lebensfähigkeit von Kbankheitsebbegebn. 159 

Ueber die Beschaffenheit der Spütnmstaubchen selbst ist nach Aus- 
weis der gefärbten Präparate zu sagen, dass in vielen ans den trockenen 
Mnoinmassen bestehenden Stanbchen zerstreut liegende Bacillen von der 
Form und Grösse der Prodigiosusbacillen beobachtet wurden. Das frisch 
ontersuchte Sputum enthielt überhaupt sehr wenig Mikroorganismen. 

Ueber die Dauer der Lebensfähigkeit der in den feinsten Sputumstaubchen 
enthaltenen Prodigiosusbacillen giebt die folgende Tabelle XY Aufschluss. 

Tabelle XV. 

ZerstäubungsYersuch eines mit Prodigiosus vermischten und 

dann getrockneten bronchitischen Sputums. 



Colonieenzahl 

auf dem Oontrol-Kartoffelsoheibohen tiaoH 80 Stunden bei 22* C. 

oa. 1100 (Lnpenzahlnng). 


Zeiten 
nach der Zerstänbong 




Besnltat 


Zahl der 
ProdigioBUfl-Colonieen 


1 Tag 


+ 


ca. 90 


2 Tage 


+ 


48 


8 „ 


' + 


28 


4 » 


1 + 


9 


5 „ 


1 


— 


6 „ 


~ 1 


— 


+ » positives Res 


ultat, - = ] 


Qegatives 


Resultat 



Aus all den vorstehenden, mit trockenem Prodigiosusmaterial vor- 
genommenen Zerstaubungsversuchen ergiebt sich das Resultat, dass Prodi- 
giosus in der Form feinster Stanbchen nicht nur lebend über grössere 
Strecken hin durch Luftströme, wie sie in Zimmern gewöhnlich vorkommen, 
verschleppt wird, sondern dass er sich nach dem Niedersitzen in Form 
feinster Stanbchen über einige Tage lebensfähig erhält. 

Neisser^ lässt die Frage offen, ob der Bacillus prodigiosus als im 
hygienischen Sinne verstäubbares Bacterium gelten kann, d. h. ob er, 
durch den schwebenden Luftstrom getragen, Pathogenität vorausgesetzt, 
neue Infectionen hervorrufen könnte. Dafür müsste nach seiner Ansicht 
sein Verhalten bei 4 bis 6"" erwiesen sein. 

Das Ergebniss meiner Versuche lässt ausser Zweifel, dass der Pro- 
digiosus wirklich unter die verstäubbaren Bakterien zu rechnen ist. 

Die Versuche haben dargethan, dass durch die unter gewöhnlichen 
Verhältnissen vorkonunenden Luftströme Stäubchen von solcher Grösse 

« A. a. O. 



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160 Fbitz Eibbtein: 

transportirt werden können, welche über mehrere Tage hin lebenden Pro- 
digiosns beherbergen. 

Sind die Prodigiosusbacillen in geringerer Dichte in den Stanbchen 
enthalten, wie z. B. in den prodigiosusbadllenhaltigen Sputumstaubchen, 
so sinkt auch die Lebenisdaaer der eingeschlossenen Keime. 

Immerhin mnss nothwendiger Weise auch in diesem Falle der Pro- 
digiosns eine grössere Lebensfähigkeit als mit feinsten Tröpfchen verspritzt 
zeigen, da um die Bakterien eine von dem Sputum herstammende 
schützende Hülle sich befindet. 

Indess scheinen, gleich grosse Stäubchen vorausgesetzt, die ganz aus 
Bakterien derselben Art zusammengesetzten Stäubchen den im Innern 
derselben gelegenen Keimen einen besseren Schutz zu bieten als Stäubchen, 
bei denen die Bakterien in einem anderen Material eingeschlossen sind. 

Die verhältnissmässjg längere Lebensdauer der Prodigiosusbacillen in 
den Sputumstäubchen im Vergleich mit der kurzen Dauer der Lebens- 
fähigkeit der mit feinsten Tröpfchen verspritzten Prodiogusbacillen dürfte 
wohl zu dem Schlüsse berechtigen, dass die aus eingetrocknetem tuber- 
kulösen Lungenauswurf hervorgegangenen feinsten Staubtheilchen die ein- 
geschlossenen Tuberkelbacillen länger lebensfähig erhalten, als dies durch 
die obigen Untersuchungen für die mit feinsten Tröpfchen verspritzten 
Tuberkelbacillen festgestellt ist. 

Leider konnten Versuche, die der Entscheidung dieser wichtigen Frage 
dienten, aus äusseren Gründen nicht mehr vorgenommen werden. 

Dagegen sind noch zwei Versuche mit einer anderen pathogenen 
Bakterienart, nämlich dem Staphylococcus pyogenes aureus in dieser 
Bichtung angestellt worden, welche ebenfalls geeignet sein dürften, die 
für die tuberkelbacillenhaltigen Stäubchen aufgestellte Behauptung zu 
stützen. 

Zerstäubungsvenaohe mit getrockneten Staphylokokkenoolturen. 

Zu diesen Versuchen wurde wieder der schon bei den Verspritzungs- 
versuchen verwendete Staphylococcus pyogenes aureus-Stamm herangezogen. 

Die vier Tage alten Beläge zwölf alkalisirter Kartoffelscheiben wurden 
abgeschabt auf einer Glasscheibe ausgebreitet und drei Tage bei Zimmer- 
temperatur vor Licht geschützt getrocknet. 

Zur Herstellung eines feinen Pulvers musste das Material mit Quarz- 
sand in einer Reibschale zerrieben werden. 

Die Hälfte der so gewonnenen Masse wurde in eine Pulverflasche 
gebracht und in den kleinen Apparat hinein zerstäubt. In demselben 
befanden sich acht leere Schälchen neben einem mit Nähragar ver- 



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Dausb der LebensfIhiokeit von Kbankheitsereegbbn. 161 

sehenen Gontrolschälchen und einem mit Glyoeringelatine überzogenen 
Deckgläschen. 

Auf letzterem wurden nach der Zerstäubung bei starker Vergrösserung 
etwa 40 Eokkenhäufchen im Gesichtsfeld gezählt. Dieselben waren von 
verschiedener Grösse, überschritten jedoch nicht den Durchmesser von 

6/ mm 

Das mit Nähragar versehene Gontrolschälchen war nach 12 Stunden 
so dicht mit confluirenden Staphylokokkencolonieen bedeckt, dass eine 
genaue Angabe der Colonioenzahl nicht möglich ist 

Es bedarf wohl kaum der Erwähnung, dass der die Schälchen ent- 
haltende Apparat dem zerstreuten Tageslicht und der freien Luft während 
der Yersuchsdauer ausgesetzt blieb. 

Innerhalb der ersten 10 Tage nach der Zerstäubung wurden bei den 
mit Nähragar vorgenommenen Untersuchungen zahlreiche Staphylokokken- 
colonieen gefunden. Unter stetiger Abnahme der Colonieenzahl wurden 
nach 22 Tagen noch 200 Colonieen auf einem Schälchen gezählt. Nach 
28 bezw. 30 Tagen kamen keine Staphylokokkencolonieen mehr auf den 
Schälchen zur Entwickelung. 

Darauf wurde ein zweiter Versuch mit Staphylokokken in der näm- 
lichen Weise angestellt. 

Bei demselben wurden 10 Tage nach der Zerstäubung etwa 8000, 
nach 20 Tagen etwa 500 und nach 25 Tagen etwa 180 Staphylokokken- 
colonieen auf den untersuchten Schälchen gezählt Nach 80 Tagen waren 
jedoch keine lebenden Staphylokokken mehr zu finden. 

Aus den beiden Ursachen geht demnach hervor, dass auch der 
Staphylococcus pyogenes aureus in der Form feinster Stäubchen länger 
lebensfähig bleibt, als wenn er mit feinsten Tröpfchen verspritzt wird. 



Yersachsergebnisse and Schlassbenierkangen. 

Der Ausgangspunkt der Untersuchungen war, festzustellen, wie lange 
die feinsten keimbeladenen Tröpfchen, wie solche nach Flügge 's Unter- 
suchungen beim Sprechen, Husten und Niessen entstehen, nach ihrer 
Aasstreuung bezw. nach ihrem Absitzen eine Infectionsquelle darstellen. 

Flügge ist dieser Frage nicht näher getreten. Gleichwohl erscheint 
dieselbe mit Rücksicht auf die Abgrenzung der Bedeutung der „Tröpfchen- 
infection'^ von grosser Wichtigkeit 

Die Versuche wurden, wie schon früher betont, in erster Linie im 
Hinblick auf die Lungentuberculose angestellt 

Zeitschr. f. Hygiene. XXJUA \\ 



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162 Fbitz Eibstein: 

Als eine Art von Vonrersnoheii sind die in der ersten Mittheilnng 
bereits beschriebenen Untersuchungen mit Prodigiosusbacillen zu betrachten. 

Für diese Mikroorganismen wurde festgestellt, dass sie mit feinsten 
TröpfcheÄ verspritzt, innerhalb 24 Stunden zu Grunde gehen, vorausgesetzt, 
dass sie dem diffusen Tageslicht und der freien Luft ausgesetzt sind. 

Durch die Construction eines besonderen Apparates wurde es er- 
möglicht, die Versuche mit pathogenen Mikroorganismen fortzusetzen. 

In dem Apparate wurden nur die allerfeinsten Tröpfchen bei gleich- 
zeitiger absoluter Sicherheit gegen eine die Umgebung gefährdende Aus- 
streuung von Keimen aufgefangen. Die nähere Untersuchung der so 
gewonnenen Tröpfchen zeigte, dass ihre Grösse um Vioo°" ün Durch- 
messer schwankte und dass sie meist nur einen einzelnen Mikroorganismus, 
nur selten deren mehrere enthielten. 

Die Versuche wurden mit einer Reihe von pathogenen sporenfreien 
Bakterien angestellt und zwar mit Typhus-, Diphtherie- und Tuberkel- 
bacillen, femer auch mit Geflügelcholerabakterien, Staphylokokken und 
Streptokokken. Endlich wurden die Versuche auch auf Bakteriensporen, 
nämlich Milzbrandsporen, ausgedehnt. 

Für die meisten Mikroorganismen wurden Parallelversuche in der 
Weise vorgenommen, dass die Lebensdauer der mit feinsten Tropfchen 
verspritzten Mikroorganismen nicht nur unter der Einwirkung der diffusen 
Tagesbelichtung und der Austrocknung, sondern auch für Verhältnisse, 
wie sie in einem wenig belichteten Kellerraume bestehen, verfolgt wurde. 

Dabei zeigte sich, dass das Eellerdunkel die mit feinsten Tröpfchen 
verspritzten Mikroorganismen bedeutend länger lebensfähig erhält. 

Was nun im Einzelnen die Dauer der Lebensfähigkeit der unter- 
suchten Bakterienarten unter den angegebenen Bedingungen angeht, so 
findet man darüber in der folgenden Tabelle XVI eine übersichtliche 
Zusammenstellung. 

Aus der Zusanmienstellung geht hervor, dass die Lebensdauer der 
mit feinsten Tröpfchen verspritzten Mikroorganismen je nach der Art 
derselben in ziemlich weiten Grenzen schwankt. 

Speciell zeigen die Verspritzungsversuche mit tuberculösem Sputum, 
dass meine in der ersten Mittheilung ausgesprochene Vermuthung, wo- 
nach die mit feinsten Tröpfchen verspritzten Tuberkelbacillen unter der 
Einwirkung von Licht und Luft in „kürzester" Zeit ihre Lebensfähigkeit 
verlieren würden, einer Berichtigung bedarf. 

Denn wie aus der Tabelle XVI ersichtlich, gehören die Tuberkel- 
bacillen in dieser Beziehung zu den widerstandsfähigsten Bakterienarten. 



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Dauer DEB LEBENSFAmaKEir YON KAAKKHEITSEBBEaERN. 163 

Tabelle XVL 

Die Daner der Lebensfähigkeit yerschiedener mit feinsten 

Tröpfchen verspritzten Mikroorganismen. 



1. Am zerstreuten 
! Tageslicht aufbewahrt. 



Bakterienart 



Dorchsohnittlicher 
Zeitpunkt des Absterbens 

der Mikroorganismen 
nach der Yerspritzung 



2. Im Keller aufbewahrt. 



Durohsohnittlicher 
Zeitpunkt des Absterbens 

der Mikroorganismen 
nach der Versprit^ung 



BaciUus prodigiosus. . . 


24 Stunden 


nicht untersucht 


TTphusbaoillus .... 


24 „ 


»» t» 


Diphtheriebacillus . . . 


24-48 „ 


5 Tage 


Tuberkelbacillus .... 


6 Tage 


wenigstens 22 Tage 


Gefltigelcholerabacillus . . 


10 Stunden 


24 Stunden 


Staphyloeoccus pyog. aureus 


8—10 Tage 


85 Tage 


Streptococcus longus . . 
(bes. widerstandsfähige Art) 


10 


88 .. 


Milzbrandsporen .... 


10 Wochen 


mindestens 3 Monate 



Es erscheint also nicht gerechtfertigt, einen bei einem Mikroorganis- 
mus erhobenen Befand ohne Weiteres anf andere zu übertragen. 

Unberührt bleibt jedoch die stets gefandene Gesetzmässigkeit hin- 
sichtlich der verhältnissmässig kurzen Lebensdauer der mit feinsten 
Tröpfchen verspritzten Mikroorganismen. 

Aus den in der Tabelle XYI niedergelegten Resultaten ergeben sich 
für die Yerbreitungsweise der Infectionskrankheiten, deren Erreger in den 
Kreis der Untersuchungen gezogen wurden, nachstehende Schlüsse. 

Bei Typhus abdominalis dürfte, wie ich dies schon in der ersten 
Mittheilung ausführte, die Infectionsgefahr, welche von allerfeinsten typhus- 
bacillenhaltigen Tröpfchen nach ihrem Absitzen herrührt, fast gleich 
Null sein. 

Erst recht dürfte dies von den Geflügelcholerabakterien gelten, 
welche die geringste Lebenszähigkeit bei diesen Versuchen zeigten. 

Was die übrigen in Betracht gezogenen Infectionserreger angeht, so 
ist allgemein zu sagen, dass die Gefahr, welche nach dem Absitzen der 
mit feinsten Tröpfchen verspritzten Mikroorganismen besteht, proportional 
ist der Dauer der Lebensfähigkeit der letzteren in diesem Zustande. 

Bei der Diphtherie ist eine Infectionsgefahr durch feinste Tröpfchen 
in diffus belichteten Räumen wohl innerhalb der ersten 2 Tage, in sehr 
schlecht belichteten innerHalb der ersten 5 Tage nach der Ausstreuung 
der Tröpfchen möglich. 

11» 



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164 Fbitz Eibstein: 

Für die Tuberculose ist die Gefahr betrachtlich grösser, da sich die 
Tuberkelbacillen in fein vertheiltem Zustande am zerstreuten Tageslicht 
wenigstens 4 Tage, an dunklen Stellen sogar 3 Wochen und wahrschein- 
lich sogar noch etwas länger lebensfähig erweisen. 

Von den sporenfreien Bakterien zeigen die Eugelbakterien, Staphylo- 
kokken und Streptokokken die grösste Lebenszähigkeit. Ich möchte 
aber nochmals betonen, dass, was die Versuche mit Streptokokken angeht, 
eine sehr widerstandsfähige Streptokokkenart (Streptococcus longus) Torlag. 

Dass die Milzbrandsporen weitaus die längste Lebensdauer in fein 
Tertheiltem Zustande aufweisen, steht mit ihren sonstigen biologischen 
Eigenschaften in vollem Einklang. Glücklicher Weise dürfte es zu einer 
Yerspritzung von Milzbrandsporen haltigem Material doch wohl nur in 
seltenen Fällen kommen. 

Die durchgehends gemachte Beobachtung eines im beträchtlichen 
Maasse conservirenden Einflusses mangelnder Belichtung auf die ver- 
schiedenen Bakterienarten, lässt so recht die hygienische Unzulänglichkeit 
dunkler Wohnungen, namentlich der Eellerwohnungen erkennen. 

Aber noch in anderer Hinsicht ist diese Beobachtung von Interesse, 
nämlich in Bezug auf das Ansteigen gewisser Infectionskrankheiten im 
Winter, also zu einer Zeit, wo die Tageshelligkeit am geringsten ist 

Auf diesen Punkt möchte ich an dieser Stelle noch etwas näher ein- 
gehen. Behrens^ kommt auf Grund statistischer Erhebungen zu dem 
Resultat, dass die höchsten Erkrankungsziffern an Diphtherie zusammen- 
fallen mit hohem Hygrometerstand, geringen Niederschlagsmengen, 
rauher und trüber Witterung. 

Auf den Zusammenhang gerade der Sonnenscheindauer mit dem Auf- 
treten von Infectionskrankheiten hat besonders Buhemann' hingewiesen« 
Er sagt: „Wir finden, dass im Grossen und Ganzen, natürlich unter 
gewissen, die verschiedenen Infectionskrankheiten betreffenden Differenzen, 
ein umgekehrt proportionales Verhältmss zwischen Morbidität bezw. Mor- 
talität und Sonnenscheindauer besteht.'^ 

Er illustrirt dies besonders an der Influenzaepidemie 1889/90. In 
gleicher Schärfe wie bei der Influenza und den acuten Affectionen der 
Athmungsorgane zeigt sich nach Buhemann das umgekehrt proportionale 
Verhältniss von Sonnenscheindauer und Erkrankungshäufigkeit bei der 
Phthise, jedoch weniger scharf bei den übrigen Infectionskrankheiten. 



^ Behrens, Einfloss der Witterung auf Diphtherie, Scharlach, Masern und 
Typhus. Archiio für Hf/giene. Bd. XL. 

* Rnhemann, Meteorologie und Infectionskrankheiten. Zeittckrift für diäieL 
und ph/nkal, Therapie. Bd. I. 



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Dauer seb Lebensfahtgeeit von Ebankheitbeebeoebn. 165 



Gerade der Umstand, dass die während des Winters bestehende 
kürzere Tagesdaner das Absterben der mit feinsten Tropfchen verspritzten 
Mikroorganismen häufig verzögert , dürfte an dem vermehrten Auftreten 
einiger Infectionskrankheiten im Winter in gewisser Beziehung stehen. 



Um den Einfluss einer Luft von sehr grosser und gleichmässiger 
Trockenheit auf das Absterben der mit feinsten Tröpfchen verspritzten 
Krankheitserreger zu studiren, wurde in einer Reihe von Versuchen nach 
den Besprühungen der grössere Theil der Schälchen in Exsiccatoren, der 
kleinere Theil zum Vergleich im Laboratorium der freien Luft zugänglich 
aufbewahrt. 

Es wurden in dieser Hinsicht Staphylokokken und Streptokokken, 
femer auch Diphtheriebacillen untersucht. Als Exsiccantien wurden 
Schwefelsäure und Chlorcalcium, bei einem Versuche auch Phosphorsäure- 
anhydrid verwendet. 

Eine übersichtliche Zusammenstellung der Versuchsresultate findet 
man in der folgenden Tabelle XVII. 

Tabelle XVU. 

Die Dauer der Lebensfähigkeit verschiedener mit feinsten 

Tröpfchen verspritzten Mikroorganismen bei der Aufbewahrung 

über verschiedenen Trocknungsmitteln im Exsiccator. 



Bakterienart 



Staphyl. pyogeoes aureus 

Streptococcus longus 
(bes. Widerstands! Art) 

Diphtheriebacillus 



Zeitpunkt des Ab- 
steroens nach der 

Yerspritzung 
bei Aufbewahrung 
über Schwefel- 
säure 



. 2 Tage 
nicht untersucht 



21 Stunden 



Zeitpunkt des Ab- 
Sterbens nach der 

Verspritzung 
bei Auf oewahrung 

über Chlor- 
calcium 



2ieitpunkt des Ab- 
steroens nach der 

Yerspritzung 
bei Aufbewahrung 
ftber Phosphor- 
säureanhydrid 



noch nicht nach 
20 Tagen ♦ 

noch nicht nach 
16 Tagen* 

60 Stunden 



nicht untersucht 



96 Stunden 



Nach dem angegebenen Zeitpunkte konnte eine Untersuchung nicht mehr vor- 
genommen werden, da keine Schälchen mehr vorhanden waren. 



Aus der Tabelle XVII geht hervor, dass die verschiedenen Exsiccantien 
einen ungleichen Einfluss auf die mit feinsten Tröpfchen verspritzten 
Mikroorganismen ausüben. 



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166 Pbitz KntSTBTN: 

Goncentrirte Schwefelsäure als Exsiceans dürfte direct schädigend auf 
die als Einzelindividuen auf den Schälchen vorhandenen Mikroorganismen 
einwirken, wahrscheinlich darch die im Exsiccator über der Schwefelsäure 
sich ansammelnden SOj-Dämpfe. 

Im Gegensatz dazu erscheint der conservirende Einfluss der starken 
Exsiccantien, wie des Chlorcalciums und des Phosphorsäureanhydrids in 
hohem Grade auffallend. Eine vollkommen befriedigende Erklärung dieser 
Erscheinung vermag ich zur Zeit nicht zu geben. 

Man kann sich wohl vorstellen, dass ein hoher, aber constanter Grad 
von Trockenheit der Vitalität der Bakterien weniger schädlich ist als 
Schwankungen im Feuchtigkeitsgehalt der Luft und in der Luftbewegung. 
Diese Anschauung lässt sich auch stützen durch die von Ficker^ an- 
gestellten Versuche. 

Andererseits könnte man annehmen, dass durch die im Exsiccator 
rasch vor sich* gehende Trocknung um jedes einzelne Bactenum eine 
trockene Hülle entstünde, die den lebenswichtigen Kern vor weiterer Aus- 
trocknung schützte, ähnlich der Annahme einer Erustenbildung um die 
im Exsiccator aufbewahrten, in einer Bakterienaufsohwemmung getränkten 
Seidenfaden. 

Liwieweit diese Anschauungen richtig sind, kann natürlich nur durch 
weitere vielfach modificirte Untersuchungen festgestellt werden. 

- Bei allen im Vorstehenden beschriebenen Versuchen ist eine Beob- 
achtung immer und immer wieder gemacht worden, auf welche ich be- 
sonderes Gewicht legen möchte. Es zeigte sich nämlich, dass die Lebens- 
dauer der Bakterien direct abhängig ist von der Dichtigkeit 
der den schädlichen Einflüssen des Lichts und der Austrock- 
nung ausgesetzten Bakterienmassen. 

So wurde an den Seidenfaden und Leinwandläppchen, welche in den 
zu den Verspritzungsversuchen verwendeten Aufschwemmungen von Schräg- 
agar- und Serumculturen, femer auch in den Bouillonculturen gleichzeitig 
getränkt und unter denselben Bedingungen wie die besprühten Schälchen 
gehalten wurden, oft über Monate hin lebensMige Keime nachgewiesen. 

Was die Dauer der Lebensfähigkeit der Mikroorganismen in der 
Form feinster Stäubchen betriflft, so sind die Versuchsresultate in der 
folgenden Tabelle XVIII übersichtlich zusammengestellt. Daneben sind 
zum Vergleich die Ergebnisse in Bezug auf die Dauer der Lebens- 



* A. a. O. 



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Dauer deb Lebensfähigkeit von Krankheitsebbegebn. 167 



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168 Feitz Kibstein: 

fahigkeit der mit feinsten Tröpfchen verspritzten Keime nochmals auf- 
geführt 

Aus der vorstehenden Tabelle XYIU ergiebt sich, dass die durch 
trockene Zerstäubung gewonnenen feinsten Prodigiosus- und Staphylo- 
kokken -Staubpartikel eine erheblich längere Lebensdauer aufweisen als 
die mit gleichschweren feinsten Tröpfchen verspritzten Mikroorganismen 
der gleichen Art. 

Wie erklärt sich nun dieser erhebliche von der Art der Ausstreuung 
der Keime abhängige Unterschied in der Dauer der Lebensfähigkeit 
derselben? 

Werden Bakterien mit feinsten Tröpfchen verspritzt, so kommen 
sie in so feiner Vertheilung in die Aussen weit, dass die Schädlichkeiten 
unmittelbar auf sie einwirken können. 

Bei den durch trockene Zerstäubung gewonnenen feinen keim- 
haltigen Staubpartikeln jedoch, bei denen es sich um kleinste Bakterien- 
conglomerate handelt, sind die Bedingungen für einen gewissen Schutz 
mancher Bakterienindividuen gegeben und in IJebereinstimmung damit 
sehen wir hier auch eine längere Entwickelungsfahigkeit. 

Ein weiterer Grund für das verschiedene Verhalten der Mikro- 
organismen in der Form feinster Tröpfchen und feinster Stäubchen dürfte 
vielleicht noch darin zu suchen sein, dass die in feuchtem Zustande auf- 
fallenden Bakterien durch die Belichtung intensiver geschädigt werden 
als die in vollkonmien trockenem Zustande niedergefallenen Stäubchen. 
Diese Ansicht lässt sich stützen durch die Thatsache, dass die Bleich- 
wirkung des Sonnenlichts beträchtlich erhöht wird durch Feuchthalten 
der zu bleichenden Gegenstände. 

Nachdem nun eine Vorstellung über das Verhalten der Mikro- 
organismen hinsichtlich ihrer Lebensdauer in der Form feinster Tröpfchen 
und feinster Stäubchen gewonnen ist^ erhebt sich die Frage, in welchem 
Umfange der eine oder andere Infectionsmodus bei den verschiedenen in 
Betracht kommenden Infectionskrankheiten betheiligt ist. 

Fassen wir in dieser Beziehung zunächst die Tuberculose in's Auge. 
Meiner Ansicht nach dürfte es überhaupt sehr schwer sdn, die strittige 
Frage zu entscheiden, ob bei der Verbreitung der Tuberculose den niit 
feinsten Sputumtröpfchen verspritzten Tuberkelbacillen oder den aus ein- 
getrocknetem tuberculösen Lungenauswurf entstandenen Stäubchen die 
Hauptbedeutung zuzuschreiben ist. 

Denn einerseits muss festgehalten werden, dass die mit feinsten 
Tröpfchen in die Luffc übergehenden Tuberkelbacillen auch schon vor ihrer 
Ablagerung Infectionen bewirken können; andererseits ist es durchaus 



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Dausb des Lbbbnsfähiokeit von Kbakkkeitsebbegbsn. 169 

wahrsoheinlieli geworden, dass in ans trockenen Sputommassen hervor- 
gehenden Eeimstaubchen die TnberkelbaciUen ihre Lebensfähigkeit länger 
bewahren als einzelne Bacillen , die mit feinsten Tröpfchen yerschleppt 
wurden. 

Noch aus einem anderen Orunde erscheint es nicht gerechtfertigt, 
dem einen oder anderen Infectionsmodus allgemein die ausschlaggebende 
Bedeutung bei der Verbreitung der Tuberoulose beizumessen. 

Denn beispielsweise wird es in der Umgebung eines Phthisikers, der 
mit seinem Auswurf sehr reinlich verfährt, überhaupt nicht zur Bildung 
von tuberkelbacillenhaltigen Stäubchen aus trocken zerkleinertem Sputum 
kommen, wohingegen ein Verspritzen feinster tuberkelbacillenhaltiger 
Tröpfchen die Umgebung des Kranken in hohem Grade gefährden kann. 

Handelt es sich aber um einen Schwindsüchtigen, der seinen Aus- 
wurf unbesorgt in Taschentücher und auf den Fussboden entleert, so 
wird unter geeigneten Verhältnissen der durch feinste aus eingetrocknetem 
Sputum hervorgegangenen tuberkelbacUlenhaltigen Stäubchen vermittelte 
Infectionsmodus eine ganz wesentUche GFefahr f&r die Umgebung des 
Kranken darstellen, namentlich dann, wenn der Kranke nur wenig unter 
Hustenstössen zu leiden hat. 

Zur Verhütung der „Tröpfcheninfection'* hat Bernhard PraenkeP 
vorgeschlagen, die Phthisiker eine Schutzmaske tragen zu lassen. 

Ich halte diese Forderung, abgesehen von der praktischen Undurch- 
führbarkeit derselben, schon deshalb für unzweckmässig, weil im Verlaufe 
neuer Hustenstösse von den bereits an der Maske angetrockneten Sputum- 
tröpfchen wieder Tuberkelbacillen losgerissen und so von dem Kranken 
wieder aufgenommen werden können. Einen Beweis dafür erblicke ich 
darin, dass von einer mit Mikroorganismen behafteten Fläche durch das 
Auftreffen eines feinen Sprays wieder solche losgerissen werden können, 
wie ich dies in meiner ersten Mittheilung bereits beschrieben habe. 

Die für die Tuberculose angestellte Betrachtung dürfte mutatis mu- 
tandis auch für die Diphtherie Oeltung haben. 

Die Untersuchungen bezüglich der Dauer der Lebensfähigkeit von 
Staphylokokken und Streptokokken in der Form feinster Tröpfchen 
und Stäubchen dürften auf die Verbreitung von WundinfectiopskranÜieiten 
und gewisser Anginen, namentlich auf das Vor)iandensein sogenannter 
Anginenwohnungen einiges Licht zu werfen, geeignet sein. 



^ Bernhard Fraenkel, Zur Prophylaxe der Taberonlose. Berliner Mim, 
Wockensckriß. 1899. Nr. 2. 



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170 Fbitz Kibstein: Daueb der Lsbensfahiokeit ü. s. w. 

üeber den Zeitraum, während dessen die feinsten Tröpfdien und 
Stäubchen bei der Verbreitung der Pneumonie, der Influenza und der 
Pest gefahrlioh bleiben, möchte ich mich eines ürtheüs enthalten, da ioh 
die Erreger der genannten Infectionskrankheiten überhaupt nicht in doi 
Kreis meiner Untersuchungen gezogen habe. 



Zum Schlüsse spreche ich meinem hochgeehrten Lehrer und Chrf, 
Hm. Geheimrath Prof. Dr. Gaffky, für die Anregung zu diesen Unter- 
suchungen und für die mir vielfach ertheilten Winke und Bathschläge 
im Verlaufe der Arbeit meinen ergebensten Dank aus. 



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[Aus dem Königl. Institut für experim. Therapie zu Frankfurt a/M.] 
(Director: Geh. Bath Prof. Ehrlich.) 

Zur Lehre von der natürlichen Immunität nnd über 
bakterieide Heilsera. 

Von 
Dr. Friedrloh Weohsberg. 



Die Bedeutung der Ergebnisse der bakteriologischen Forschung für 
die DiagnosCi Prognose und Therapie vieler Erkrankungen ist eine schon 
oft gewürdigte und heute allgemein anerkannte Thatsaohe. 

Die Erkenntniss des ätiologischen Momentes der Krankheiten liess 
aber in der Therapie auch denjenigen Punkt auf's Neue in Angriff nehmen, 
der als das vornehmste und höchste Ziel betrachtet werden muss, die Er- 
füllung der Indicatio causalis, nicht die Behandlung einzelner Symptome, 
sondern die Vernichtung des krankmachenden Agens als solchen. 

So entwickelte sich auf den Befunden der Bakteriologie fussend jenes 
Oebiet der medicinischen Wissenschaft, welches wir heute unter dem 
Namen der Serumtherapie zusammenfassen. 

In den serotherapeutischen Bestrebungen sind zwei grosse Richtungen 
scharf von einander trennen. Die eine umfasst die antitoxischen, 
die andere die baktericiden Sera. Wie der Name bereits sagt, 
äussern die Sera der ersten Art, die antitoxischen, ihre Wirksamkeit 
in der Art, dass sie befähigt sind, die von den Bakterien producirten 
Toxine zu neutralisiren und so den schädlichen Einfluss der Bakterien- 
gifte auf die thienschen Zellen zu verhindern. Nach der Injection nicht 
tödtlicher Dosen von Toxin treten nach einer bestimmten Zeit in dem 



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172 Fbiedbioh Weghsbebg: 

Serum der bebandelten Tbiere^Stoffe anf , die nen eingefübrtes Toxin zu 
binden und dadurob die ZeUen des Organismus vor der Einwirkung des 
Giftes zu schützen vermögen (active Immunitat). Diese antitoxisoben Sub- 
stanzen sind frei im Serum der betreffenden Tbiere vorbanden. Es wäre 
allerdings aucb die Möglichkeit gegeben, dass durch die einmalige Injection 
einer nicht tödtlicben Toxindose nur die Gewebe des Tbieres auf irgend 
eine nicht näher bekannte Art gegen weitere an sich tödtlich wirkende 
Giftdosen unempfindlich gemacht werden. Gegen diese Annahme spricht 
für die uns bekannten Fälle die Thatsache, dass das Serum eines mit Toxin 
vorbebandelten (immunisirten) Tbieres befähigt ist, auch ein normales, d. L 
nicht vorbebandeltes Thier gegen eine auch mehrfach tödtliche Giftdose 
zu schützen. Diese von v. Behring für das Diphtberiegift gefundene funda- 
mentale Thatsache gab unserer Therapie das Diphtherieserum, und die 
mit diesem Heilserum erzielten therapeutischen Erfolge stehen jetzt schon 
ziemlich allgemein anerkannt da, denn die Zahl der Gegner desselben wird 
von Tag zu Tag geringer. — Diese Substanz, die im Stande ist, die 
Wirksamkeit des Toxins aufzuheben und die wir Antitoxin nennen, stellt 
ein Reactionsproduct des Organismus auf die Einführung des Toxins dar. 

Ebrlicb's Hypothese, die auf dem Boden einer Fülle experimentell 
gefundener Thatsacben fusst und die sofort in dem bekannten Versuche 
Wassermann' s einen Beweis fand, ist bisher allein im Stande, uns diese 
Reaction des Organismus, die sich in der Antitoxinproduction äussert, in 
befriedigender Weise zu erklären. Es sei mir gestattet, die Grundzüge 
dieser Theorie, derEhrlich'schen Seitenkettentheorie, kurz zu skizziren. 
Ehrlich unterscheidet an jedem Toxinmolekül zwei Gruppen, von denen die 
eine, die toxophore, die Trägerin der giftigen Eigenschaften ist, wahrend 
die zweite die Bindung des Toxinmoleküls an die thierische Zelle vermittelt 
und von Ehrlich als baptophore bezeichnet wurde. — Damit jedoch diese 
Bindung des Toxins an die Zelle erfolgen könne, die die Grundbedingung 
einer Giftwirkung ist, ist es des Weiteren nötbig, dass die betreffende 
ZeUe aucb ihrerseits eine Gruppe besitzt, an die sich die baptophore 
Gruppe des Toxinmoleküls kuppeln kann. Diese Gruppen der Zelle be- 
zeichnet Ehrlich als Receptoren und fasst'sie als präformirte Bestand- 
theile auf, denen unter physiologischen Verhältnissen wichtige Aufgaben 
im Stoffwechsel zufallen. Wir können an dieser Stelle auf diese äusserst 
interessanten Fragen und die von Ehrlich gegebene Eintbeilung der 
Receptoren nicht des Genaueren eingehen und verweisen deshalb bezüglich 
dieser Punkte auf Ebrlicb's Scblussbetracbtungen in seinem Werke über 
Anämie in Nothnagel's spec. Pathologie und Therapie. 

Die beiden Gruppen des Toxins, die baptophore und die toxophore, 
sind in ihrem Bestehen von einander unabhängig. Denn es ist durch 



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Natühliohb Imhitnität ukb baktbbioide Heilseba. 173 

yerschiedene Eingriffe möglich, die toxophore Gruppe des Toxins isolirt zu 
zerstören und die haptophore zu erhalten. Damit erscheint auch gleich- 
zeitig die Annahme Ehrlich 's von dem Bestehen dieser beiden Gruppen 
experimentell fundirt. So gelingt es auch, die Bindung des Toxins an 
die Zelle zu ermöglichen, ohne jedoch die toxophore Gruppe zur Wirksam- 
keit zu bringen. Der isolirte Untergang der toxophoren Gruppe bei er- 
haltener haptophorer erfolgt auch spontan, und Ehrlich hat für diese 
Modification des Giftes den Namen Toxoid gewählt. 

Den Vorgang der Antitoxinbildung haben wir uns nun nach der 
Ehrlich'schen Seitenkettentheorie in der Art vorzustellen, dass das Toxin 
sich mit seiner haptophoren Gruppe an den entsprechenden, d. h. fOr 
diese haptophore Gruppe passenden Receptor der Zelle bindet, und zwar 
im Sinne einer Bindung nach streng chemischen Principien. — Durch 
diese Bindung des Toxins an die Zelle steht dieselbe unter dem Einflüsse 
des Giftes. Die Folge einer solchen Einwirkung kann nun der vollständige 
Zelltod sein, oder aber das, was Weigert als partielle Zellschädigung 
aoffasst. Auf eine solche partielle Schädigung antwortet die [Zelle mit 
dem Streben der Beparation des Defectes. Betroffen und für die Zelle 
verloren ist derjenige Receptor, welcher das Toxin verankerte; diesen bildet 
die Zelle neu; wie aber Weigert nachgewiesen hat, übersteigt die Sepa- 
ration oft den Defect, und übertragen wir dies auf den vorliegenden Fall, 
so wird die Zelle nicht nur den zu Grunde gegangenen Beceptor regene- 
riren, sondern sie wird viele gleiche Receptoren neubilden. — Für die 
Zelle bedeutet aber diese Ueberzahl von Beceptoren einen nicht verwend- 
baren Ballast, und so werden diese überproducirten Beceptoren (ursprüng- 
lich Seitenketten genannt) in das Blut abgestossen und circuliren nun 
in demselben. Sie haben die Eigenschaft, sich mit der haptophoren 
Gruppe des Toxinmoleküls zu verbinden, dieselbe zu besetzen, zu ver- 
stopfen, und berauben damit das Toxinmolekül der Fähigkeit, sich an die 
an der Zelle sitzenden Beceptoren zu ketten, welcher Vorgang die Grund- 
bedingung für das Zustandekonmien der Giftwirkung und damit der Zell- 
schädigung (der Erkrankung) darstellt. — Diese frei im Blute circu- 
lirenden, vom Organismus producirten Beceptoren stellen uns das 
Antitoxin dar. Aus dieser Darstellung folgt, dass auch die Bindung 
des Toxins und Antitoxins eine streng chemische sein müsste, wenn die 
ursprüngliche Annahme der Bindung des Toxins an den noch an der 
Zelle sitzenden Beceptor eine chemische war, denn das Antitoxin ist ja 
nichts anderes, als die überproducirten und abgestossenen Beceptoren, 
denen die Fähigkeit der Giftverankerung zukommt. Für die Thatsache 
der chemischen Bindung von Toxin und Antitoxin sind jedoch von 
Ehrlich und seinen Mitarbeitern eine solche Fülle von Thatsachen bei- 



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174 Fbiedrich Wechsbeeg: 

gebracht worden, dass wir sie füglich als bewiesen ansehen können. — 
Wir müssen uns es versagen, auf diese Befunde des (Genaueren einzugehen, 
da sie den Rahmen dieser Arbeit weit überschreiten würden; wir verweisen 
diesbezüglich auf Weigert's kritisches Referat der einschlägigen Arbeiten 
in den Ergebnissen der allgemeinen Pathologie und pathologischen Ana- 
tomie u. s. w. (Lubarsch und Ostertag) 1897. 

Aus diesen Auseinandersetzungen ergiebt sich, dass zur Darstellung 
antitoxischer Sera folgende Bedingungen erfüllt sein müssen: 

1. Dass die Bakterien in den gebräuchlichen Nährmedien ein für uns 
nachweisbares Toxin produciren. 

2. Dass dieses Toxin in den Zellen des betreffenden Thierkörpers, 
der zur Immunisirung verwendet wird, passende B^ceptoren findet. 

8. Dass die {Schädigung, die das Toxin an den Zellen hervorruft, 
nicht den vollständigen Zelltod zur Folge hat, sondern dass diese so weit 
intact bleiben, um regenerativ ein Uebermaass von Receptoren produciren 
zu können, die dann in's Blut abgestossen werden müssen. 

Die erste und wichtigste Bedingung ist die Darstellung des Toxins 
der betreffenden Bakterienart. 

Aus Ehrliches Seitenkettentheorie ergeben sich aber auch für die 
therapeutische Anwendung antitoxischer Sera und die Wahrscheinlichkeit 
eines Erfolges eine Reihe wichtiger Gesichtspunkte. Zunächst folgt aus 
derselben, dass die Wirkung eines antitoxischen Serums dann am mani- 
festesten sein wird, wenn die Injection möglichst zeitig, d. h. zu einem 
Zeitpunkte erfolgt, an dem die Bindung des Toxins an die Receptoren 
der Zellen noch nicht erfolgt isi Des Weiteren ergiebt sich aber, dass 
ein selbst rechtzeitig eingespritztes antitoxisches Serum nicht immer, 
namentlich nicht bei jeder Thierspecies von Erfolg begleitet zu sein 
braucht. 

Es wird nämlich in Consequenz der Theorie Ehrliches nöthig sein, 
Thiere zur Immunisirung zu wählen, die ein Antitoxin von hoher 
Avidität zum Toxin liefern. 

Vom Standpunkte der von Ehrlich angenommenen chemischen 
Bindung von Toxin und Antitoxin wird es aber auch verständlich, dass 
es durch grosse Mengen von Antitoxin gelingen kann, bereits an Zellen 
verankertes Toxin wieder loszulösen nach dem Principe der chemischen 
Massenwirkung. Dönitz'^ Versuche mit Diphtherieantitoxin geben dafür 
den Beweis. 



* Dönitz, Deutsche med, Wochenschrift, 1897. — Arch, iniemoL Pharma- 
codyn, 1899. 



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Natübliohe Immuiotät und baktesioide Heilsbba. 175 

Da wir mit Ehrlich die Antitoxinbildang als eine Steigerung der 
Production bereits normal vorhandener Zellstoffe anzusehen haben, so wird 
es verständlich, dass es eine Reihe von Seris giebt, die schon de norma 
kleinere oder grossere Mengen freies Antitoxin enthalten, das sich, was 
Specifitat und sonstige Eigenschaften anbelangt, von dem immunisatorisch 
hervorgerufenen nicht unterscheiden lasst, wie es M. Neisser^ neuerdings 
betont hat. 

So fand Wassermann zuerst im Serum mancher normaler Menschen 
nicht unbeträchtliche Mengen Diphtherie- Antitoxin, was Abel bald darauf be- 
stätigte; Meade Bolton und Cobbett fanden später ebenfalls Diphtherie- 
Antitoxin bei vielen normalen Pferden. Nach Ehrlich enthält Fferde- 
serum Tetanusantitoxin, und das Menschen- und Pferdeserum enthält 
ziemlich regelmässig nicht unbeträchtliche Mengen Antistaphylotoxin. 
(Van de Velde, M. Neisser und Fr. Wechsberg, Kraus und 
Clairmont) 

So haben wir uns also die Wirkung eines antitoxischen Serums auf 
ein Toxin im Sinne einer chemischen Bindung zweier Körper, des 
Toxins und des Antitoxins vorzustellen, die sich zu einer neuen ungiftigen 
Verbindung vereinigen, wobei wir es vorläufig nicht berücksichtigen, dass 
es sich nach den Untersuchungen Ehrlich's für das Diphtherietoxln, 
und von weiteren Untersuchungen .von Ehrlich und Madsen für das 
Tetanustoxin und denen von M. Neisser und Verf. für das Staphylotoxin 
nicht um ein einheitliches 6ift^ sondern um ein aus verschiedenen Giften 
zusammengesetztes Gemisch handelt 

Aus der chemischen Anschauungsweise ergiebt sich aber des Weiteren, 
dass für eine Heilwirkung mit einem antitoxischen Serum ein Ueberschuss 
desselben nicht nur nicht schaden, sondern für die voUständige Absätti- 
gung des Giftes und im Sinne der oben angedeuteten Sprengung einer 
bereits vorhandenen Verbindung von Zellreceptor und Toxin nur von 
Vortheil sein kann. 

So sehen wir denn, wie eine Fülle von theoretischer Arbeit den 
Boden für eine praktische Anwendung der antitoxischen Sera geschaffen 
hat xmd uns die Erklärung für Erfolg und Misserfolg giebt, damit aber 
auch die Richtung, nach der sich unsere weiteren Untersuchungen zu be- 
w^en haben. 

Während die von uns bisher besprochenen Sera ihre Wirksamkeit gegen 
die von den Bakterien producirten Toxine äussern, die Bakterien selbst 
jedoch vollkommen unbeeinflusst lassen, vernichten die Heilsera der zweiten 



* M. Neisser, Deutiehe med. WoeAemehrifL 1900. 



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176 Fbiedsich WEOHSBEsa: 

Art, wie bereits ihr Name besagt, die Bakterien selbst, indem sie sie 
abtödten. 

Während die Thatsache, dass es möglich ist, Bakterien durch normale 
Thiersera, die frei sind von allen cellularen Elementen, abzntödten, dorch 
die Untersuchungen von Buchner, Nutall, Nissen, v. Fodor u.8.w. 
schon langer bekannt ist, verdanken wir B. Pfeiffer und seinen Mit- 
arbeitern die Entdeckung der Einwirkung der specifisch auf ein be- 
stimmtes Bacterium wirkender Immunsera, erhsdten durch Ii^jection 
der Bakterien selbst. Während also die antitoxischen Sera die Bakterien 
als solche intact lassen, tödten die bakterioiden die Bakterien selbst 
ab. Ob sie nebenbei noch eine antitoxisohe Eigenschaft besitzen, müssen 
wir vorläufig dahin gestellt sein lassen, ihre Hauptwirkung liegt, soweit 
unsere heutigen Erfahrungen reichen, in der Baktericidie. B. Pfeiffer 
und seine Schüler glaubten Anfangs, dass die bakterioiden Sera ihre 
Wirksamkeit nur im Thierkörper entfalten können, da sie bei Unter- 
suchungen in vitro keine gegenüber dem normalen Serum erhöhte 
baktericide Kraft nachweisen konnten. R. Pfeiffer^ nahm deshalb an, 
dass die wirksame Substanz des bakterioiden Immunserums in demselben 
in einer inactiven Form vorhanden sei und erst im Thierkörper durch 
irgend ein Agens wirksam werde. Doch konnten schon Metschnikoff* 
und Bor de t' im Jahre 1895 nachweisen, dass die bakterioiden Sera 
auch in vitro wirksam gemacht werden können, wenn man geringe Mengen 
frischen Peritonealexsudates normaler Thiere zusetzt oder frisch gewonnenes 
Immunserum untersucht 

Einen genaueren Einblick in den Wirkungsmechanismus der bakte- 
ciden Sera konnte man aber erst erlangen, als man in den von Bordet^ 
im Anschluss an die Beobachtung von Belfanti und Carbone gefun- 
denen Hämolysinen ganz analog den bakterioiden wirksame Sera hatte, 
die sich für die Untersuchung der principiellen Fragen weit besser eigneten. 
Den Untersuchungen Bordet's, dann den grandlegenden Arbeiten von 
Ehrlich und Morgenroth^ verdanken wir heute schon einen ziemlich 
tiefgehenden Einblick in diese Verhältnisse. An diese Untersuchungen 
schlössen sich dann eine Reihe weiterer Befunde über cytotoxische Sera 
anderen Zellen gegenüber, so den Leukocyten, Spermatozoon, Flimmer- 
epithel, Nierenepithel u. s. w. 



» E. Pfeiffer. Deutsche med. Woehenschrift, 189$. 

* Metsohnikoff, Annale* de VItuHUU Fasieur. 1895. 
8 Bordet, Menda, 

* Bordet, Menda. T. XU. 

^ Ehrlich u. Morgenroth, Ueber üämolysiDe. 6 MittheilangeD. Berliner 
klin, Wochenschrift 1899, 1900, 1901. 



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Natürliche Immunität und baktbbicide Heilseba. 17T 

Von der Analogie der Verhältnisse bei den hämolytischen and bak- 
tericiden Seris haben wir uns dnrch nnifahgreiche dgene Yorversnche, 
die ich seiner Zeit in Gemeinschaft mit meinem verehrten Lehrer, Hm. 
Professor M. Neisser, ausfuhrtei überzeugt, und es sei mir gestattet, 
wenn auch wieder nur in den Grundzügen, die Theorie der Wirkung der 
cytotoxischen Sera klarzulegen, ohne jedoch des Genaueren auf die noch 
schwebenden Streitfragen einzugehen. 

Erhitzen wir ein cytotoxisches (also auch ein bakteriddes) Serum 
V2 Stunde auf 56 bis 60^, so verliert dasselbe gewöhnlich seine zeil- 
auflösenden Eigenschaften vollständig. Es vermag dann in beliebig 
grosser Menge den Zellen, auf die es specifisch reagirt, zugesetzt, keine 
Schädigung derselben mehr hervorzurufen. Schon in diesem Fundamental- 
versuch lag ein wichtiger Unterschied gegenüber den antitoxischen Seris, 
die bei Erwärmung bis zur genannten Temperatur ihre Eigenschaften 
gegenüber dem Toxin voll bewahren. — Fügen wir jetzt einem solchen 
unwirksam gemachten (inactivirten), z. B. hämolytischen Serum eine 
gewisse Menge eines bestimmten frischen normalen Serums hinzu, das 
an sich auch die betreffenden Blutkörperchen intact lässt, so tritt jetzt 
Lösung ein. Durch ein Gemisch zweier an sich unwirksamer Serum- 
arten wird aber, wie Bordet zuerst feststellte, Lösung hervorgerufen. 
Diese Thatsache, die in gleicher Weise für baktericide Sera gilt, be- 
wirkt, dass die Auflösung auf zwei Factor en beruht, von denen 
der eine hitzebeständig ist und sich in dem betreffenden Immun serum 
findet, während der zweite, der thermolabile, schon im normalen 
Serum vorhanden ist Nach den Ansichten von Ehrlich und Morgen- 
roth haben wir uns dieses Phänomen in der Weise vorzustellen, dass 
die thermostabile Componente, die durch die Lnmunisirung erzeugt wurde, 
zwei haptophore, d. h. bindende Gruppen besitzt, von denen die eine zu 
einem Receptor der betreffenden zu schädigenden Zelle, sei es Blut- 
körperchen, oder Bacterium u. s. w., passt, während die zweite bindende 
Gruppe den bereits im normalen Serum vorhandenen, eigentlich lösenden, 
thermolabilen Körper, das Complement Ehrlich-Morgenroth's, 
verankert. Das thermostabile Element wurde von Ehrlich -Morgen- 
roth Immunkörper, Zwischenkörper, Amboceptor genannt, von Bordet 
Substance sensibilisatrice, von Müller Copula, das thermolabile von 
Ehrlioh-Morgenroth Complement und Addiment von Bordet, 
Büchner Alexin. 

Wir haben uns nach Ehrlich-Morgenroth die Wirkung des Ambo- 
ceptors also in der Art eines Bindeglieder vorzustellen, das die auflösende 
Kraft des Gomplementes auf die betreffende Zelle vermittelt. Die Bin- 
dung zwischen Amboceptor und Zelle einerseits und zwischen Amboceptor 

Z«ltechr. f. HjgleiM. XXXIX. 12 



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178 Friedeich Wechsbekg: 

und Complement andererseits ist nach Ehrlich und Morgenroth im 
Sinne einer chemischen aufzufassen. 

Wie sich bereits aus dem Erörterten ergiebt, entsteht durch Behand- 
lung eines Thieres mit Bakterien, Blutkörperchen u. s. w. nur der die 
Bindung vermittelnde Amboceptor, während das Complement schon im 
normalen Serum vorhanden ist Die Entstehung des Amboceptors haben 
wir uns nach der Ehrlich'schen Seitenkettentheorie genau wie die des 
Antitoxins vorzustellen. Die zur Immunisirung verwendeten Zellen greifen 
mit einer ihrer haptophoren Gruppen an den Receptoren des zu immu- 
nisirenden Thieres an und veranlassen auf die oben beschriebene Art die 
Ueberproduction und Abstossung dieser Receptoren in's Blut. Diese Re- 
ceptoren unterscheiden sich aber von den das Antitoxin bildenden dadurch, 
dass sie nicht nur eine bindende Gruppe haben, die gegebenen Falles 
an die betreffende zur Immunisirung verwendete Zelle angreift, sondern 
noch eine zweite zur Bindung des Complementes. Ehrlich be- 
zeichnet diese Receptoren als Receptoren ni. Ordnung. Das Complement 
seinerseits muss wieder eine bindende, haptophore, Gruppe besitzen, die 
in die zweite haptophore, complementophile, Gruppe des Amboceptors 
hineinpasst, und eine zweite Gruppe, die die Trägerin der auflösenden 
Eigenschaften ist, die zymotoxe Gruppe. Diese Gruppe ist thermolabil, 
sie kann isolirt auch durch weniger eingreifende Proceduren, ja selbst 
bei Aufbewahrung im Eisschrank nach verhältnissmässig kurzer Zeit zu 
Grunde gehen, während die zweite, die haptophore, erhalten bleiben kann, 
wie es Ehrlich und Morgenroth nachgewiesen haben. — Solche Com- 
plemente, die ihrer auflösenden Kraft beraubt sind, die aber noch die 
Fähigkeit der Bindung haben, wurden von Ehrlich und Morgenroth 
als Complementoide bezeichnet. 

Es sei nur ganz kurz erwähnt, dass Bordet eine andere Vorstellung 
von diesem Mechanismus hatte. Bordet glaubt, dass durch den Amboceptor 
die betreffende Zelle empfindlich gemacht werde (daher Substance sensi- 
bilisatrice) für die Einwirkung des direct an sie angreifenden Complementes, 
eine Ansicht, die uns besonders nach einem von M. Neisser und Verf. 
beobachteten Phänomen, auf das wir noch zu sprechen kommen werden, 
unhaltbar erscheint. 

Aus der gegebenen Darstellung wird es klar, dass der Amboceptor 
nur für die Bakterien- bezw. Blutkörperchenart passen wird, mit der die 
Immunisirung vorgenommen wurde, denn diese Zellen besitzen diejenigen 
Receptoren, mit welchen die eine haptophore Gruppe des Amboceptors 
correspondirt. Allerdings kann es vorkommen, dass auch andere Zellen 
zufallig den gleichen Receptor besitzen, und dann werden auch diese den 



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Natübliche Immunität und baktericide Heilsee a. 179 

Amboceptor yerankem nnd bei vorhandenem Complement zur Auflösung 
gebracht werden können, ein Fall, wie er theoretisch denkbar und fOr 
Blutkörper jüngst von Ehrlich und Morgenroth nachgewiesen worden 
ist Wir werden daher den Amboceptor als etwas specifisch Wirksames 
aufzufassen haben, allerdings nicht so sehr specifisch für eine bestimmte 
Zellart, als vielmehr specifisch für Zellen mit bestimmten Re- 
<}eptoren. 

Entgegen der Annahme von Bordet, Buchner u. A. sind wir auf 
Grund unserer Ansicht nach beweisender Versuche von Ehrlich und 
Morgenroth, sowie eigener diesbezüglicher Versuche gezwungen anzu- 
nehmen, dass ein bestimmtes Serum nicht ein einziges Complement 
enthalt, sondern eine Mehrzahl derselben mit verschiedener haptophorer 
und vielleicht auch zymotoxischer Gruppe, eine Ansicht, die A. Wasser- 
mann durch interessante Versuche bestätigt hat. Wir müssen auf den 
Bericht über weitere Datails in den diesbezüglichen Untersuchungen hier 
verzichten, da sie bei der nothwendigen gedrängten Darstellung das Ver- 
ständniss erschweren würden, und sich bei den baktericiden Seris die 
Dinge ohnehin schon weit complicirter stellen, als bei den antitoxischen. 

Aus diesen Verhältnissen ergeben sich nun für die Wirksamkeit 
eines baktericiden Serums folgende aus den theoretischen Anschauungen 
gezogenen Schlüsse: 

Zunächst muss der Amboceptor, der die Bakterien auflösende 
Wirkung des Complementes vermittelt, in genügender Menge vor- 
handen sein. Dies ist durch Injection hochwerthiger Sera oder durch 
grössere Mengen schwächerer zu erreichen. Aus einer Reihe von Gründen 
ist jedoch die Injection kleinerer Mengen hochwerthiger Sera vorzuziehen. 

Ein weiteres Postulat zur Erreichung eines HeilefTectes mit bakteri- 
ciden Seris ist jedoch das Vorhandensein einer genügenden Menge 
Complements. 

Wie sich aus dem Vorstehenden ergiebt, ist das Complement äusserst 
labil, zum Mindesten in seiner zymotoxischen, also eigentlich wirksamen 
Gmppe und verschwindet schon unter normalen Verhältnissen bei. Auf- 
bewahrung im Eisschrank rasch oder geht in die unwirksame Modification, 
das Complementoid, über. Wir können daher unter gewöhnlichen Ver- 
hältnissen annehmen, dass ein baktericides Serum, wenn es nicht ganz 
frisch verwendet wird, kein Complement oder nur in solchen Mengen 
enthält, die nicht in Frage kommen. Die Gomplemente sind aber schon 
im normalen Serum vorhanden und deshalb wird auch durch ein solches 
complementloses Immunserum im Thierkörper Baktericidie erfolgen können, 
weil das betreffende Thier selbst das nöthige^Complement liefern und so 

12» 



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180 Friedrich Weghsberg: 

das inactiv gewordene Serum reaotiviren wird. Allerdings ist für eine 
derartige Reaotivirang nach unseren theoretischen Prämissen nicht jedes 
Complement geeignet, denn dasselbe moss in seiner haptophqren Gruppe 
so beschaffen sein, dass es in die complementophile des Amboceptors passt 
Es muss nach diesen Anschauungen ein baktericides Serum nicht 
jedes beliebige Thier gegen die Infeotion mit dem betreffenden Er- 
reger schützen. Praktische Erfahrungen bestätigen diese Deduction 
(Sobernheim'sche Milzbrandversuche). 

Die Wahrscheinlichkeit der Reactivirung eines baktericiden Serums 
wird jedoch grösser, wenn wir in Betracht ziehen, dass nach den Unter- 
suchungen von Ehrlich und Morgenroth jedes Serum eine grössere 
Zahl verschiedener Complemente enthält, ferner, dass jedes Immunserum, 
wie es sich gleichfalls aus den Ehrlich- Morgenroth'schen Unter- 
suchungen zur Evidenz ergiebt, nicht nur einen Amboceptor enthält, 
sondern Schaaren verschiedener Amboceptoreu, verschieden auch in ihrer 
complementophilen Gruppe. Durch diese Verhältnisse wird die Wahr- 
scheinlichkeit der Reactivirung wenigstens eines Theiles der Amboceptoreu 
des Immunserums grösser. 

Aus dem Vorstehenden folgt des Weiteren, dass im Vergleich zu der 
Bakterienmenge eine bestimmte absolute Menge von Complement zur 
Erzielung einer Baktericidie vorhanden sein muss. Untersuchungen von 
M. Neisser und Verfasser^ haben jedoch noch auf ein anderes nicht 
minder wichtiges Verhältniss aufmerksam gemacht 

Bereits Löffler und Abel, K. Pfeiffer, Leclainche und Morel 
hatten bei Thierversuchen die Erfahrung gemacht, dass bei Infection einer 
Reihe von Thieren mit der gleichen Menge Cultur, nach Injecüon eines 
baktericiden Serums nur die Thiere mit einer mittleren Dose des Immon- 
serums am Leben blieben, während die Thiere mit den grossen Dosen 
von Immunserum ebenso starben, wie die mit den kleinen. Der Tod 
der letzteren war durch den Mangel der nöthigen Menge von Immnn- 
serum leicht erklärt, während die oben genannten Autoren für den Um- 
stand, dass auch Thiere mit sehr grossen Dosen von Immunserum starben, 
keine ausreichende Erklärung zu geben vermochten. M. Neisser und 
Verfasser gelang es nun, nach Beobachtung des gleichen Phänomens 
bei baktericiden Reagensglasversuchen auf Grund der Ehrlich-Morgen- 
roth 'sehen Anschauungen eine Erklärung zu geben. Bringen wir die 
aufzulösende Zellart mit dem passenden Amboceptor und Complement 
zusammen, so erfolgt, wie wir es auseinandergesetzt haben, zunächst die 



M. Neisser u. Fr. Wechsberg, Münchener med Wocheneekrift 1901. 



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Natübliche Immunität und baktebicide Heilseba. 181 

Bmdimg des Ainbooepton an die Zelle und d8Bti die des Complementes 
an die zweite, die eompleaienfoplnle Gruppe. — Sind Amboceptor und 
Comptoment gerade in der zur Auflosung nöthigen Menge vorhanden, so 
wird die Wirkung, die Auflösung der Zelle, erfolgen. Oeben wir aber 
einen Uebersdrass Ton Immunserum, so können sich jetzt die YerhältDisse 
anders gestalten.^ Mit der Bindung des Ambooeptors an die aufzulösende 
Zelle kann, wexm wir uns auf den chemischen Standpunkt stellen, nach 
Analogie nut anderen chemischen Processen eine Aonderung der Avidität 
der zweiten, der comi^ementophilen Oruppe des Ambooeptors Hand in 
Hand gehen; d. h. die Avidität der complementophilen Gruppe kann durch 
die Bindung des Ambooeptors an die Zelle erhöht werden, gleich bleiben, 
oder auch geringer werden. Im ersten Falle bei erhöhter Avidität wird 
auch ein bedeutender Ueberschuss von Amboceptoren auf den End- 
effect der Lösung ohne jeden Einfluss sein, denn die an di^ ZeUen fixirten 
Amboceptoren sind avider als die überschüssigen, frei vorhandenen, das 
Complement wird sich also zunächst stets an die bereits verankerten 
Amboceptoren binden und dann erst, wenn diese in ihrer Gesammtheit 
bereits besetzt sind, an die noch frei vorhandenen gehen. — Solche Ver- 
hältnisse liegen nach allem, was wir bisher darüber wissen, offenbar bei 
dem Hämolysiren vor. 

Anders stellen sich aber die Verhältnisse, wenn wir annehmen, dass 
durch die Bindung des Ambooeptors an die Zellen die Avidität der 
complementophilen Gruppe herabgesetzt wird oder gleich bleibt gegenüber 
den nicht verankerten Amboceptoren. Führen wir in diesem Falle die 
gerade nothwendige Menge des baktericiden Immun wesens ein, so wird 
auch ein vollständiger Erfolg in Form der Abtödtung der betreffenden 
Zellen eintreten. Steigern wir aber die Menge des Immunserums bei 
gleichbleibender Menge des Complementes, so werden, gleiche Avidität von 
Verankerten und nicht verankerten Amboceptoren vorausgesetzt, die Com- 
plemente sich wahllos auf die beiden Amboceptorenformen vertheilen; 
wirksam können aber nur diejenigen Gomplemente sein, die sich an ver- 
ankerte Amboceptoren ketten, und so wird der Abtödtongserfolg geringer 
sein. Noch ungünstiger werden sich für eine Baktericidie die Dinge 
gestalten, wenn der Fall der Aviditatsverringerung eintritt; jetzt werden 
zunächst die nicht verankerten, für eine Baktericidie werthlosen Ambo- 
ceptoren besetzt werden, und erst der übrigbleibende Gomplementrest wird 
für die verankerten Amboceptoren zur Verfügung stehen. 



^ In der oitirten Arbeit von M. Neisser und F. Wechsberg ifit der Ueber- 
sichtlichkeit halber eine etwas andere Darstellung gewählt worden. 



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182 Friedrich Wechsbbrg: 

Aus diesen AviditatsverhältDisseii der complementophüen Grnppe ist 
die für eine Baktericidie ungünstige Wirkung grosser Immunserumdosen 
zu erklären, die von anderen am Thiere, von uns auch in vitro beob- 
achtet worden ist Daraus folgt aber für die Verwendung der bakteri- 
ciden Sera, dass nicht nur die absolute Menge Ton Immunserum imd 
Complement, sondern auch das relatire Yerhältniss zwischen Im» 
munserum und Complemeut von Wichtigkeit sein kann. Es muss 
natürlich Gegenstand weiterer Untersuchung sein, inwieweit dieses Gresetz 
für baktericide Sera und eventuell verschiedene Complemente allgemeine 
Gültigkeit hat. 

Da sich das Gomplement schon im normalen Serum frei findet, der 
Amboceptor aber gleichfalls eine bereits im Organismus praformirte Gruppe 
ist, die durch den Immunisirungsprocess nur in erhöhtem Maasse produ« 
cirt wird, so ist es nichts Wunderbares, dass es schon normaler Weise 
eine grosse Menge baktericid wirkender Sera gegen verschiedene Bakterien 
giebt. Jedenfalls müssen wir aber nach unseren Versuchen in gleicher 
Weise, wie für die Immunsera, an dem Grundsatze festhalten, dass auch 
für die baktericide Kraft der normalen Sera stets zwei Componenten 
in Frage kommen, der Amboceptor und das Complement Die von 
uns untersuchten normalen Sera sind alle für eine Reihe von Bakterien 
baktericid. Der Unterschied zwischen einem solchen normalen Serum und 
einem bestimmten Immunserum, das von demselben Thiere stammt, besteht 
zunächst darin, dass in dem Immunserum durch [den Immunisirungsprocess 
diejenigen Amboceptoren an Zahl vermehrt wurden, die zu demjenigen 
Bacterium passen, mit dem und gegen welches immunisirt wurde. 

Mit der baktericiden Kraft der normalen Sera wird aber auch^ 
wenigstens zum grossen Theile, die natürliche Immunität einzelner 
Thiere gegen gewisse Infectionen und gegen kleinere Dosen sonst pathogen 
wirkender Bakterien in Zusammenhang gebracht, indem man annimmt^ 
dass eben die baktericiden Substanzen des normalen Serums befähigt sind, 
kleine Mengen eingeführter Bakterien zu vernichten. 

A. Wassermann^ kam nun auf Grund der vorstehenden Xhatsachen 
zu folgender Ueberlegung: 

Wenn es richtig ist, dass die natürliche Immunität mit der bakteri- 
ciden Kraft des normalen Serums zusammenhängt, so muss es uns m^- 
lieh sein, ein Thier, das gegen eine bestimmte Dose irgend eines Bacteriums 
unempfindlich ist, für diese Dose empfanglich zu machen , wenn es uns 



* A. Wassermann, Deutsehe med, Wochetuchriß, 1901. — DieM Zeifsckriß, 
1901. Bd.XXXVIL 



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Natübliche Immunität und bakteeicide Heilseba. 188 

gelingt, im Thierkörper die Wirkung des Complementes auszuschalten. 
Die Möglichkeit zu einem solchen Versuche ist durch die Befunde von 
Ehrlich und Morgenroth, Bordet, Müller u. s. w. gegeben, dass 
es nämlich genau in analoger Weise, wie für die Toxine, auch für Ambo- 
ceptor und Complement gelingt, specifisch wirkende Antikörper zu er- 
zeugen. — Die Erzeugung von Anticomplement gelingt verhältniss- 
massig leicht und regelmässig, schwerer und nur in bestimmten Fällen 
die des Anti-Amboceptors. Injiciren wir z. B. einem Kaninchen 
frisches Meerschweinchenserum, so treten nach einer bestimmten Zeit im 
Serum des Kaninchens Körper auf, die das Complement des Meerschweinchen- 
serums chemisch binden und so unwirksam machen. 

Wassermann injicirte nun zwei Meerschweinchen intraperitoneal je 
1 Oese lebender Typhuscultur, von der bereits V40 ^ese ein Meerschwein- 
chen intraperitoneal injicirt tödtete. Ich folge hier zunächst der Dar- 
stellung Wassermann^ in seiner ersten Publication über diesen 
Gegenstand, auf dessen zweite Publication gedenke ich weiter unten 
zurückzukommen; — Einem dieser beiden Meerschweinchen injicirte nun 
Wassermann gleichzeitig mit der Cultur intraperitoneal 3 <^^ in- 
activen normalen Kaninchenserums, dem zweiten 8®«™ inactiven (d. i. 
V2 Stunde auf 60^ erhitzten) Serums eines Kaninchens, das vorher 
längere Zeit mit normalem activen Meerschweinchenserum injicirt worden 
war, das also in seinem Serum Anti-Meerschweinchencomplement 
enthielt, wie sich Wassermann durch Versuche überzeugt hatte. Von 
diesen beiden Thieren starb das zweite, das Anticomplementserum erhalten 
hatte, acut, während das erste, dem inactives normales Kaninchenserum 
injicirt worden war, am Leben blieb. Wassermann schloss nun aus 
diesem Versuche, dass es ihm gelungen sei, die natürliche Resistenz 
des Meerschweinchens gegen eine bestimmte Menge Typhus- 
cultur aufzuheben. 

Dieser Schlussfolgerung Wassermann's können wir uns nicht voll- 
inhaltlich anschliessen. Da das Controlthier (mit inactivem normalen 
Kaninchenserum injicirt) das 40 fache der tödtlichen Dose von Thyphus- 
bacillen erhalten hatte und am Leben blieb, kann es sich hier nicht 
mehr um eine natürliche Immunität gehandelt haben. Der Fall wird 
uns durch einen Reagensglasversuch leicht aufgeklärt. 

In eine Reihe steriler Röhrchen wird eine bestimmte Menge Typhus- 
cultur gegeben. Dazu kommen in die eine Hälfte der Röhrchen ab- 
fallende Mengen normalen activen Meerschweinchenserums, in die zweite 
Hälfte der Röhrchen aber ausser den gleichen Mengen activen Meer- 
schweinchenserums noch je 1 ^^"* normalen inactiven Kaninchenserums. 



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184 



Fbiedbioh Weohsbebg: 



Dann wurden sammtlicbe Röhichen mit 0«86 procent Eochsalzlösung 
auf gleiches Volumen aufgefüllt Um ein ungest&rtes Waohsthum der 
Cttitur auch in den Controlen 2U gewährleisten, kommen ausserdem noch 
in jedes Röhrchen drei Tropfen Bouillon. Diese B5hrohen blieben 
8Vt Stunden im Brütschrank, um nach dieser Zeit zu Agarplatten, (je 
zehn Tropfen aus jedem Röhroben) verarbeitet zu werden. — Das Besnltat 
des Yeruchee giebt die folgende Tabelle I und IL 

Tabelle I. 



CalturmeDge 



Actives normales 
Meerschweinchensemm 



Zahl 
der Keime auf der Platte 



BemerkaBgen 



einer 



Itigigen 

Typhus- Agar- 

ealtor 



1-0 «" 


mehrere Honderte 




0-5 „ 


1 viele Tansende 




0*26 „ 


1 00 




0-1 ., 


i 00 




— 


1 00 


Controle I 



Tabelle IL 



Caltormenge 



Actives normales 

Meerschweinchen- 

seram 



InaetiveB 

normales 

Kaninchen- 

semm 



Zahl der Keime 
auf der Platte 



I Bemecknngen 



Vioqoo öiner 
Itägigen 
Typhus- Agar- 
en! tar 



aoooo Agar- 
cultur 



1-0 •«« 
0'5 „ 
0*25 ,. 
0-1 „ 

1«0 "<^ 



1-0 

l'O 
1-0 
l'O 



1-0 ,. 







viele Tausende 

00 




00 



Controle II 
., III 
,. IV 



I 



i 



wirkt. 



Zu jedem Rdhrchen 8 Tropfen BouiUon. 

Mit 0*85 procent Kochsalzlösung alle Böhrchen auf gleiches Volumen aufgefüllt. 

Sodann 8Vt Stunden Thermostat hei 87 ^ 

Hierauf je 10 Tropfen zu Agarplatten verarbeitet. 

Controle I ergiebt die Aussaat 

n II beweist die Sterilität des Meersohweinchenserums. 

f, III „ „ Kaninchenserums. 

M ly M > dass inactives Kaninchenserum als solches nicht baktericid 



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NaTÜBLICHE ImHUNITÄT und BAKTEfilCIDE HeILSEBA. 185 

Aus diesem Yennohe etgiebt sioln, dass die 1)akteridide Kraft des 
MeersohweinchenBenimS) die an sieh nieht sehr gfoss ist, durch inaotives 
normales Eaninobenseram bedeutend gesteigert witd. — Tabelle I 
zeigt, dass actires Meeischweinohetiseram eine gewisse bakterioide Kraft 
for Typhnsbacillen besitzt; dieselbe kann naek den eben stehenden Er- 
örterungen nnr daTon sbbängig sein, dass in dem Semm ein passender 
Amboceptor verbanden ist, und femet, dass das Meersdiweinchen« 
serum ancb ein zu diesem Amboceptor passendes Complement besitzt 
Normales inactives KaniiKdienserttm steuert die baoteride Kraft Da es 
inactivirt. ist, kann es kein wirksames Complement, sondern nnr noch 
freie Amboeeptoren beeltzen, die eventuell zti den Typhusbadllen passen. 
--^ Ftbr diesen Amboceptor besitzt nun das Meerschweinebenserum 
das passende Complement, wobei wir es Torläufig unentschieden lassen 
müssen, ob der im Kaninebenserum vorhandene Amboceptor für den 
Tjrphttsbaeillufi identisch ist mit dem im Meersohweinchenserum vor- 
handenen. 

Mit dieser Thatsache ist aber auch der Versuch Wassermann's 
erklart, der als solcher, wie wir uns durch eigene Controlversuche über- 
zeugen konnten und wie nicht anders zu erwarten war, vdlkommen 
richtig ist Das Controlthier Wassermann's verträgt deshalb die 
40£ach tödÜi<dKe Dose von TjpbusbaciUaü, weil wir Ihm in dem inactiven 
Kaninchenserum einen Amboceptor injicirten, zu dem das Meersehwein« 
eben selbst das passende ComplesMit liefern kann. Unter diesen Um- 
standen dürfen wir aber nicht mehr von einer natürlichen Immuni- 
tät des Controlthieres sprechen, sondern dieses Tbier ist passiv 
immunislrt, denn es ist ja gleichgültig, ob der Amboceptor schon im 
n(tfmalen Serum vorband^ ist, oder erst durch einen speeifischen Im- 
munisirungsprocess in demselben erzeugt wird Natürlich hatte auch 
das zweite Yersuchstbier gl^chzeitig mit dem Anticomplement in dem 
Kaoinchenserum auch den eben besprochenen Amboceptor injicirt er- 
halten. So ist dieser Fall nur ein weiterer Beitrag zu der von Wasser- 
mann in seiner zweiten ^Arbeit besprochenen i^e des Bruches der 
künstlichen passiven Immunität Gleichwohl bat Waseermann 
du^h einen etwas anderen Versuch in dieser zweiten Arbeit zuerst auch 
die natürliche Besistenz von Versuchsthieren durch einverleibtes Anti- 
complement künstlich herabgesetzt Noch ein anderer Weg war aber mög- 
lich, nämlich der der Erzeugung von Auto- Anlicomplementen im Sinne 
von fihrlieh und Morgenrotlw Injicirt man z. B. einem Kaninchen 
normales inactives ZiegeuBerum intraperitoneal, so entstehen nach Ablauf 
der für die Bildung von Antikörpern nötbigen Zeit Anticomplemente im 
Blute des Kaninchens gegen seine eigenen Complemente. Zu der Zeit, 



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186 Friedrich Wechsberg: 

in welcher diese von Ehrlioh-Morgenroth als Aato-Anticomplemente 
bezeichneten Stoffe im Thiere vorhanden sind, dürfte jedoch ein eventodl 
gleichzeitig im Ziegensemm mit injicirter Amboceptor bereits Tersohwundoi 
sein, nnd wir könnten dann die Anticomplementwirkung in reiner Fonn 
studiren. In dieser Beziehung seiner Zeit gemeinschaftlich mit Hm. Prof. 
M. Neisser mit Staphylokokken angestellte Versuche am Kaninchen 
führten, wie ich hier knrz berichten möchte, im Allgemeinen zn einem 
befriedigenden Besultate. 

In seiner zweiten Pablication hat Wassermann durch die Injection 
von physiologischer Kochsalzlösung, Urin, Bouillon, Blutserum u. s. w« die 
natürliche Resistenz in nicht specifischer Weise gesteigert, und 
betrachtet diese Resistenzerhöhung „als nichts Anderes, als ein erhöhtes 
Zuströmen von Complementen zwecks Verdauung nach einer Stelle des 
Organismus", 

Wir glauben jedoch, dass die Resistenzerhöhung durch Serum aus- 
geschaltet werden muss, denn sie beruht sicher, zum Theile wenigstens, 
wie wir nachgewiesen zu haben glauben, auf dem Vorhandensein eines 
zu dem betreffenden Bacterium passenden Amboceptors, ist also dann 
specifischer Natur. Damit würde auch die Beobachtung Besredka's^ 
sich vereinigen lassen, der ebenso, wie bereits vorher Wassermann, 
nach Injection von Meerschweinchenserum, und zwar sogar von aotivem 
Meerschweinchenserum, nur einen geringen Effect zu erzielen vermochte. 
Das Meerschweinchenserum besitzt nämlich, soweit es sich aus unseren 
diesbezüglichen Versuchen ersehen lässt, eine nur geringe Menge eines 
Amboceptors, der zu dem Typhusbacillus passt, und für den es selbst 
das passende Complement besitzt. 

Wir haben die Klarlegung dieser Verhältnisse nach unseren Versuchen 
deshalb für geboten erachtet, weil von Seiten Besredka's die Wasser- 
mann' sehe Erklärung angegriffen wurde, und wir glauben, dass sich eine 
Reihe der Angriffispunkte gegen die in ihren Grundzügen u. E. voll- 
kommen richtige Wassermann'sche Annahme unter Berücksichtigung 
des miteingeführten Amboceptors widerlegen lasst. Auf eine eingehende 
Kritik der Einwände Besredka's müssen wir jedoch hier verzichten. 

Dagegen scheint es uns geboten, noch einen weiteren Punkt in den 
Versuchen Wassermannes zu besprechen. Wassermann fand, dass er 
in gleicher Weise, wie die natürliche auch die künstliche passive 
Immunität, durch Anticomplement aufheben könnte. Er injioirte einem 
Meerschweinchen 1 Oese Typhuscultur -J- 0-004 •*« eines Typhus*Immun- 
Serums -I- 3 •0««" Anticomplementserum; dieses Thier starb, während ein 

* Besredka, AnncUes de l* Institut Fasteur. 1901. 



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Natürliche Immunität und baktebicidb Heilsera. 187 

Controlthier, das nur 0*001 «*"» desselben Immunsemms + Cultur jedoch 
kein Anticomplement erhalten hatte, am Leben blieb. Soweit wäre der 
Versuch Wassermannes vollkommen verständlich und leicht zu deuten. 
Gab jedoch Wassermann statt 0-004«^ Immunserum 0-2«*»™ und eben- 
falls 3-0*^ Anticomplement, so blieb das Thier, trotz des Anticomple- 
mentes, am Leben. Wassermann suchte dieses Yersuchsergebniss in 
der Weise zu erklären, dass durch diese grossen Dosen von Immunserum 
die Verbindung Complement + Anticomplement gesprragt werde, bezw. 
dass „durch die Einführung grösserer concentrirter Mengen von spedfisch 
baktericidem Immunkörper die Affinität zwischen diesem und dem 
Complement vermehrt wird, so dass also das Complement dann trotz 
Anwesenheit des Anticomplementes an die complementophile Oruppe des 
Immunkörpers geht, und so das Thier am Leben bleibt.^' 

Wir konnten diese Beobachtung Wassermann's mangels eines ge* 
eigneten hochwerthigen Typhus-Inmiunserums nicht nachprüfen, müssen 
sie aber bei der Verlässlichkeit des Autors als richtig ansehen. So an^ 
nehmbar indessen die Wassermann'sche Erklärung scheinen könnte, so 
steht ^e doch in einem gewissen Gegensatze mit den Befunden von 
Löffler und Abel u. s. w. und unseren eigenen Beagensglasversuchen* 
Denn aus den Versuchen von Löffler und Abel, ß. Pfeiffer u. s. w* 
ergiebt sich ja gerade, dass grosse Dosen von Immunserum eine Abtödtung 
der Bakterien an sich verhindern. Es stünde also Beobachtung gegen Beob- 
achtung; und doch lassen sich diese Versuche mit einander vereinigen, 
wenn wir eine andere Deutung des Wassermann 'sehen Versuches an- 
nehmen. 

Injiciren wir einem Thiere das frische active Serum eines anderen, 
so wird ein grosser TheU der in diesem Serum vorhandenen Complemente 
passende Beceptoren finden, sich an diesen verankern und so die Bildung 
von Anticomplementen hervorrufen. Andererseits ist jedoch theoretisch 
auch die Möglichkeit gegeben, dass einzelne der in dem Serum vor- 
handenen verschiedenen Complemente keine passenden Keceptoren finden 
und für diese ist die Bildung von Anticomplementen nicht möglich. Ein 
solches Ausbleiben der Anticomplementbildung kann auch dann eintreten, 
wenn einzelne Partialcomplemente identisch sind mit Complementen des- 
jenigen Thieres, das zur Immunisirung verwendet wird. Dann kann aus 
naheliegenden Gründen die Anticomplementbildung gegen die in ihrem 
Wesen identischen Complemente unterbleiben. — Diese theoretische Vor- 
aussetzung ist gestützt durch Beobachtungen von Ehrlich und Morgen- 
roth, wie ich ermächtigt bin, hier kurz mitzutheilen. Jedes Immun- 
serum ist seinerseits, wie Ehrlich und Morgenroth nachgewiesen haben, 
zusammengesetzt aus Amboceptoren verschiedener Art, unter einander 



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188 Fbiedrich Wbohsbebg: 

Yersohiedfin in ihrer hapt(q)horen Gruppe für das Baeteriom und ihrer 
complementophilen Gruppe. — Nehmen wir nun an, dass sieh in dem 
Wassermann 'sehen Immanseram ausser der grossen Menge jener Ambö*- 
oeptoren, deren Complemente durch das Anticomplement unwirksam ge* 
macht worden waren, noch ein anderer Amboeeptor befunden hat, jedoch 
in sehr geringer Menge, der durch ein Gomplement reactivirt wuiie, 
gegen welches kein Anticomplement gebildet war, so wird uns der 
Wassermann'sche Versuch neben den von Löffler und Abel u« s. w. 
verständliche In den kleinen Dosen von Immnnserum waren nur jene 
Amboceptoren in genügend grosser Zahl vertreten, welche dadurch für 
eine eventuelle baktericide Wirkung werthlos waren, dass die zu ihneta 
passenden Complemente durch das Anticompl^nent besetzt waren; jener 
Partialamboceptor, gegen dessen GompleuMut kein Anticom|dement vor- 
handen war, welcher also reactivirt werden konnte, war an Menge zu 
gering, um durch seine baktericide Kraft einen nennräswerthen Ausschlag 
zu geben« — Erst b^ grossen Dosen von Im^inunserum wurd« die Menge 
dieses Amboceptors genügend gross, um allein das Thier durch Abtödtung 
einer genügenden Zahl von Bakterien vor dem Tode zu retten. — NwA 
UBserer Ansicht bleibt also die Verbindung Gomplement -f Anti- 
complement auch bei grosse Immunserumdosen bestehen, der Hai- 
effect im Wassermann'schen Falle ist nur darauf zurückzuführen, dass 
sich in diesen grossen Dosen ein zweiter Ambaeeptor in genügender 
Menge findet, der durch ein zweites Gomplement, gegen das kein 
Anticomplement gebildet war, reactivirt wird. — Dass bei unserer 
Annahme die grossen Dosen Immunserum das Phänomen von Loffier 
und Abel u. s. w. und Neisser xmd Wechsberg nicht hervorrufen 
konnten, ist ja selbstverständlich, denn derjenige Amboeeptor, der sich in 
diesen Dosen in so grosser Menge vorfand, um das genannte Pbinomen 
zu erzeugen, war ja ohnehin durdi die Verankerung seines Gomplementes 
duroh das Anticomjdement von jeder Wirksamkeit ausgeschlossen. 

Wir sehen, wie sich nach dem Gesagten, aus unseren bisherigen 
Kenntnissen über die Wirkung der baktericiden Sera eine Reihe theoretisch 
wichtiger Fragen, wie die der Immunitat, er^ben haben ^ und entweder 
beantwortet werden konnten, oder doch der Beantwoitung näher ge- 
rückt sind. 

Aber auch in der praktisch^ therapeutischen Anwendung der bakteri- 
ciden Sera. versuchte Wassermann weiterzugehen. 

Wassermann^ war es gdungen, mit Hülfe eines specifisohen lannun* 



* V^ftß setmann, Verhandlungen des Congresses für int^n, Medicin. 1900. — 
DöiOsehe med, Wochenschrift 1900. 



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Natübliche Immunität und baktbrictde Heilsera. 189 

semms gegen Typhus, Meerschw^nohen gegen eine tödtlicbe Dose dieses 
Erregers zu schützen. — Gab er aber ein bedeutendes Multiplum dieser 
tödtliohen Dose, so konnte er selbst durch sehr grosse Dosen von Immun- 
serum keinen Heileffect mehr erzielen. Wassermann nahm nun auf 
Qrund der Ehrlich-Morgenroth'scheu Anschauungen an, dass es sich, 
da Amboceptoren jedenfalls in genügender Menge vorhanden waren, um 
einen Mangel an Complement handeln müsse. Er injicirte nun ausser 
dem Immunserum noch ein actives normales Thierserum (Rinderserum) 
und konnte nach dieser Zufügung von Complement Meerschweinchen 
gegen Tjphusdosen schützen, bei welchen ihm ein Schutz durch Immun- 
serum allein nicht gelungen war. Damit war ;experimentell der Beweis 
für die Wichtigkeit des Gomplementes bei baktericiden Heilversuchen ge- 
liefert. Da unsere baktericiden Sera sich in der menschlichen Therapie 
im Gegensatz zu den Erfahrungen der Thierpathologie (z. B. Schweine- 
rothlaufserum) bisher noch keiner Erfolge zu erfreuen haben, so glaubte 
Wassermann diesen Misserfolg der baktericiden Sera auf den Mangel an 
Complement zurückführen zu können und empfahl daher für die bakteri- 
oide Serumtherapie ausser der Injection des Immunserums noch die 
gleichzeitige Injection frischen complementhaltigen Serums. 

Diese Frage ist von so ausserordentlicher Wichtigkeit, dass es sich 
zu verlohnen schien, dieselbe experimentell in Angriff zu nehmen. 
Namentlich ging unser Streben dahin, diese Versuche unter Bedingungen 
zu unternehmen, die den eventuellen Verhältnissen in der menschlichen 
Therapie ähnlicher waren, als im Wassermann'schen Falle. 

Wassermann hatte dadurch, dass er Cultur, Immunserum und 
Complement vorher gemischt, gleichzeitig in einen relativ so gut ab- 
geschlossenen Saum, wie die Peritonealhöhle injicirte, für einen eventuellen 
Erfolg besonders günstige Bedingungen vor sich, Bedingungen, die seinen 
Versuch einem Reagensglasversuch viel zu nahe stellen, und zu weit ent- 
fernt sind von den Bedingungen, die sich bei einer therapeutischen An- 
wendung des Immunserums ergeben. 

Wir wählten zu unseren Versuchen den Vibrio Metschnikoff, als Ver- 
suchsthier die Taube. Unsere Cultur tödtete Tauben in einer Dose von 
^/eo bis ^/leo Oese innerhalb 24 Stunden. Das Immunserum stammte von 
Kaninchen, die mit Vibrio Metschnikoff durch eine einmalige Injection 
von drei todten Culturen (entsprechend diesbezüglichen Angaben aus dem 
Pfeiffer 'sehen Institute) immunisirt worden waren. 

Wie sich aus den folgenden Tabellen III und IV ergiebt, die uns 
einen Reagensglasversuch wiedergeben, tödtet Eaninchenserum als solches 



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190 



Fhiedbich Wechsbebg: 



Vibrio MetscbnikofP nicht ab, vermag aber das inactive Immuuserum zu 
reacüviren* 

Tabelle HI. 



Cultormenge 



Menge des activen 
normalen EaninchenserumBl 



Zahl der Keime 
auf der Platte 



I Bemerkungen 



Vbco*" einer 
1 tägig. Bouillon- 
coltur von Vibrio 

Metschnikoff 



V. .. 

1» 

V. .. 

/l6 •» 

/SS »» 



00 
00 
00 
00 
00 
00 



Tabelle IV. 



Cul türmen ge 



Menge des inactiyen| 
Immanserams i 
von Kaninchen 



Normales actives 
Kaninchenserom 



Zahl der 
Keime auf 
der Platte 



I Bemerkungen 

I 



Itägigen 

Bouilloncultur 

von Vibrio 

MetsohnikofF 



/ftOO 
/»OO " 



0-1 
0-1 

0-1 
0-1 
O-l 

Q. I ccm 

1-0 „ 



V, .. 

/l6 »» 

/ai »» 



1-0' 



I 

! vereinzelt ; 
viele Tausende 

00 
00 
00 







Controle I 
„ II 
„ Ul 
» IV 



Zu jedem Böhrchen 8 Tropfen Bouillon. 

Alle Böhrchen mit 0*85 procent. Kochsalzlösung auf gleiches Volumen aufgefüllt, 
8 Std. Thermostat, dann je 5 Tropfen aus jedem Böhrchen zu Agarplatten verarbeitet. 
Das Immunserum war Vj Stunde bei 58 • inactivirt worden. 
Controle I ergiebt die Aussaat. 

„ II beweist, dass das inactive Immunserum an sich nicht baktericid wirkt. 

„ ni „ die Sterilität des Immunserums. 

„ rv ,, ,, „ Kaninchenserums. 

Aus diesem Versuche folgt, dass das Kaninchenserom an sich nicht 
baktericid für Vibrio Metschnikoff ist, dass es jedoch das vom Kaninchen 
stammende Immunserum zu reactiviren vermag; es enthält also normaler 
Weise keinen Amboceptor für den Vibrio Metechnikoff, jedoch ein für 
einen immunisatorisch erzeugten Amboceptor passendes Complement. Diese 



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Natübliche Immunität und baktericide Heilsera. 



191 



Verhältnisse, namentlich der Umstand, dass das normale Kaninchenserum 
an sich nicht baktericid wirkt, kommt der Beinheit der Versuche sehr 
za statten. 

Des Weiteren mussten wir uns fragen, wie sich das normale Tauben- 
serom an sich gegenüber dem Vibrio Metschnikoff verhält und wie 
bezüglich der Completirang des vom Kaninchen stammenden Immnn- 
serums. 

Tabelle V. 



€altiinDenge 



Menge des normalen 
activen Taubensemms 



Zahl der Keime 
auf der Platte 



Bemerkungen 



Vmo*" einer 

Itägigen 

Bouilloncoltar 

von Vibrio 

Metschnikoff 



l-ü 


ecm 


'/. 




V4 




V. 




V,. 




V.. 





OD 
00 
00 
00 
00 
00 



Tabelle VI. 



Coltnrmenge 



Menge des 

normalen activen 

Tanbenserams 



Menge des inaotiven 
Immansemms 
von Kaninchen 



Zahl der 
Keime auf 
der Platte 



Bemerkungen 



Itägigen 

Boailloncnltor< 

von Vibrio 

Metschnikoff 

1/ ccm 
/»oo »» 



V. .. 

•/4 .. 

y. .. 

/le »♦ 

1/ 



1-0« 



Q.J ccm 

0.1 ,. 
0-1 „ 
0-1 „ 
0-1 V 
OM „ 

O«! ccn 

1-0 M 



00 




00 




00 




00 




00 




00 




00 


Controle I 


00 


M II 





„ III 





,. IV 



Bezüglich der Versuchsanordnung und der Controlen vergleiche Versuch in 
TabeUe UI und IV. 

Aus diesen Versuchen ergiebt sich], dass das Taubenserum an sich 
auch keine baktericide Wirkung auf den Vibrio Metschnikoff ausübt, dass 
66 seinerseits aber auch nicht, . wenigstens soweit uns die ßeagensglas- 
versuche darüber Auskunft geben, im Stande ist, das vom Kaninchen 
stammende Immunserum zu completiren.^ 



^ Im Gegensatze dazu fand R. Kraus gelegentlich seiner Versuche über die 
Mctericiden Eigenschaften des Taubenserums, dass dasselbe baktericid für den Vibtio 
Metschnikoff sei. Inwieweit derartige Differenzen in den Befunden in Racenunter* 



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192 



Feiedbich Wechsbeeg: 



Die Verhältnisse würdeD sich also, so weit wir sie bis jetzt über- 
sehen können, folgendermaassen stellen: 1. Ein Yersuchsthier (Tanbe)^ 
dessen Serum an sich keine baktericide Kraft für den betreffenden 
Erreger hat, mit dem wir die Infection vornehmen, das aber auch ein 
bestimmtes Immnnserom nicht zu completiren vermag. 2. Ein 
Immunserom, für das wir ein completirendes Serum kennen, das an sich 
keine baktericide Kraft für das verwendete Bacterium besitzt 

Gehen wir nun zu den Versuchen am Thiere über: Eine Reihe von 
Tauben wird mit ^/j^ Oese von Vibrio Metschnikoff inficirt, also einem 
Multiplum der tödtlichen Dose. Gleichzeitig wird der einen Hälfte der 
Tauben Immunserum von Kaninchen, das bei 58^ inactivirt wurde, 
in verschiedenen Dosen injicirt, die andere Hälfte der injicirten Tauben 
erhält ausser den gleichen Dosen Immunserum noch eine bestimmte 
Menge normalen activen Kaninchenserums. 

Wir geben in folgender Tabelle VII einen unserer diesbezüglichen 
sehr zahlreichen Versuche wieder. Die Infection erfolgte in der Weise, 
dass die Cultur in den einen Brustmuskel injicirt wurde; die Injection 
des Inmiunserums bezw. des Immunserums und des Complement führenden 
normalen activen Kaninchenserums erfolgte in den anderen BrustmuskeL 
Dadurch waren Bedingungen gesetzt, die sich mehr denen der Praxis bei 
einer eventuellen therapeutischen Anwendung eines Immunserums nähern, 
als im Wassermann'schen Falle: die Infection an einem von der In- 
jectionsstelle des Immunserums vollkommen getrennten Orte. 

Tabelle Vn. 



Nr. des 

Verßuchs- 
thieres 



Taube Nr.l 

.. 2 

3 

4 

5 

.. 6 

„ 7 



Menge der 

Cultur von Vibrio 

Metschnikoff 

injicirt in den 
r. Brustmuskel 



Menge des 

Immunserumsi 

inactiv 



Menee des 

normiü. activ. 

' Kaninchen- 

serums 



injicirt in den linken 
Brustmuskel 



1-0 «« 


— 


't 


0-3 ., 


— 


it 


0-1 M 


— 


t 


0-03 „ 


— 


't 


O'Ol ,. 


_ 


It 


0-008 „ 


— 


|t 


O-OOl .. 


— 


It 



t am 



BemerbuigeD 



Tage 



I 



schieden des Versuchsthieres, Jahreszeit, Futter Verhältnissen u. s. w. begründet sein 
können, möchte ich hier nur andeuten. So konnte schon Kraus selbst ein ver- 
schiedenes Verhalten des Taubenserums gegen Bacterium coli zu versehiedeiMA Jahios- 
zeiten constatiren. 



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Natübliohe Immunität xtnd baktebioide Heilseba. 



198 



Tabelle TEL (Portsetzung.) 



Nr. des 

Versnohs- 

thieres 



Menge der 

Cnltur von Vibrio 

Metschnikoff 



injicirt in den 
r. Brnstmuskel 



Menge des 

Immnnserums 

inactiv 



Menge des 

nonnal. activ. 

Kaninchen 

senuns 



Taube Nr.si V«o Oese 
„ 10 

„ 11 

M 12 

^ IS ' 
^ 14 



15 
16 
17 



injicirt in den linken 
Brostmoskel 



1-0 « 

0-8 

0-1 

0»03 

0-01 

0-008 

0*001 



l-0< 

1-0 

1-0 

1-0 

1*0 

1-0 

1-0 

1-0 «= 
1-0, 



Bemerkungen 



t am l.Tagel 



!t 



., 3. 
« 1. 

lebt 



if am I.Tage 

T »» *•• »I 

it H 1. ., 
! lebt 



Controle I 

.. n 



Gehen wir zur Analyse dieses Yersnches über, so ergiebt sich zunächst 
ans den Controlversnchen, dass die Dose von Vao ^^^ ^i^i^ Taube prompt 
am ersten Tage tödtete (Controle I), femer dass 1*0<^^ normales actives 
Kaninchenserum allein den Tod nicht verhindern konnte (Controle U), 
drittens dass diese Menge Kaninchenserums an sich, ja wie wir aus weiteren 
Versuchen wissen, selbst die vierfache Dose für eine Taube irrelevant ist 
(Controle III). 

Des Weiteren ersehen wir aber aus diesem Versuche, dass Immun - 
serum allein (Tauben Nr. 1—7) den Tod der Versuchsthiere nicht 
zu verhindern vermochte. Dieses Resultat wird uns ohne Weiteres 
verständlich, wenn wir uns überlegen, dass nach unseren Beagens- 
glas versuchen das Taubenserum kein für den Amboceptor des Eaninchen- 
Immunserums passendes Complement besitzt. Ein nicht com- 
pletirter Amboceptor ist aber an sich wirkungslos, mag er auch in grossen 
Dosen injicirt worden sein. 

In anderen Versuchen fanden wir aber, dass bisweilen einzelne Tauben, 
die sehr grosse Dosen inactiven Immunserums allein erhalten hatten 
(1-0 bis 3*0^, auch ohne passive Complementzufuhr am Leben blieben. 
Diese Thatsache, so paradox sie auch scheinen mag, wird leicht erklärbar, 
wenn wir die Untersuchungsresultate von Ehrlich-Morgenroth be- 
rücksichtigen, die beweisen, dass ein Immunserum nicht nur einen, 
sondern verschiedene Amboceptoren enthält, davon einzelne in sehr 
grosser, andere nur in relativ kleiner Zahl. Für die überwiegende 
Zahl der im Kaninchen-Immunserum gegen Vibrio Metschnikoff vor- 

ZaUMhr. 1 UygliiM. XXXIX. 13 



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194 Fbqsbbigh Wechbbebg: 

handenen Amboceptoren besitzen Tauben kein Complement, dagegen 
giebt es Tauben, aber bei Weitem nicht alle, die scheinbar irgend eine 
kleine Fraction von Amboceptoren zu completiren vermögen. 
Injiciren wir solchen Tauben grosse Dosen inactiven Immonserums ohne 
Einfuhrung eines fremden Complementes, so werden dieselben am Leben 
bleiben können ; in kleinen Dosen des Immunserums ist dieser completir- 
bare Partialamboceptor in zu geringer Menge vorhanden, deshalb sterben 
Tauben mit kleinen Dosen inactiven Immunserums regelmässig. Dass 
dieses Completirungsvermögen nur einzelnen Tauben zukommt, darf uns 
nicht Wunder nehmen, denn es ist längst bekannt, dass die Gomplemente 
auch in derselben Thierspecies von Fall zu Fall stark wechseln. 

Gehen wir nun in der Deutung des in Tabelle VII wiedergegebenen 
Versuches weiter, so sehen wir, dass von den Tauben 8 bis 14, die ausser 
Immunserum noch actives normales Eaninchenserum und damit Com- 
plement erhatten hatten, drei Tauben am Leben blieben und vier starben. 
Es starb zunächst die Taube mit der kleinsten Dose Immunserum, dann 
aber auch die drei Tauben mit den grössten Dosen. Der Tod der Taube 
mit der kleinsten Dose des Immunserums ist durch absoluten 
mangel an Amboceptoren genügend erklärt D^ Tod der drei Tauben 
mit den grössten Dosen von Immunsi^nim bildet einen analogen Fall zu 
den Befanden von Löfflei und Abel u. s. w., die wir bereits des Oefteren 
citirt haben und für den es M. Neisser und Verfasser gelang, in dem 
relativen Complementmangel unter BerüdLsichtigung der AviditätgterhÜt- 
nisse von verankerten und nicht verankerten Amboceptoren eine f^klinmg 
zu geben. Dagegen blieben drei Tauben mit mittleren Serumdosen am 
Leben. Damit ist auch für diese V^rsuchsanordnung der Beweis er- 
bracht, dass es gelingt, durch Zuführung von Gomplement ausser 
dem Immunserum Thiere zu schützen, die bei einfacher Injection 
des Immunsemms der Infection erlegen wären. 

Aber selbst unter so klaren Verhältnissen, wie es die vorliegenden 
sind, ist der Erfolg einer Einführung von Gomplement in Form frischen 
normalen Serums ein sehr unsicherer. Denn in einer grossen Reihe 
von Versuchen gelang es mir nichts die inficirten Thiere auch bei 
gleichzeitiger Injection von complementhaltigem Senmi am Leben zu er- 
halten. — Diese Thiere starben ebenso, wie die anderen, die nur Immun- 
serum erhalten hatten, innerhalb der ersten 24 Stunden nach der In- 
fection. — Der Grund für den Misserfolg wird uns leicht klar: Bekannt- 
lich ist es verhältnissmässig sehr leicht, durch Injection eines activen 
normalen Serums Anticomplemente zu erzeugen, die gegen die Gom- 
plemente der zur Injection verwendeten Serumart gerichtet sind. Die 
Grundbedingung für die Anticomplementhildung ist nach unserer An- 



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Natübliohe Immunität ttkd BAETBBtciDE Heilseba. 195 

schauung die'Yerankerang des Gomplementes an irgend eine Zelle des 
betreffenden Thieres mit nachfolgender Ueberproduction des verankernden 
Receptors. Da aber die Anticomplementbildang sehr leicht und mit dein* 
selben Serom bei den verschiedensten Thieren gelingt, so muss auch die 
Möglichkeit einer Yerankerang des Gomplementes im Thierkörper sehr 
gross sein. — Damit ist aber anch die Erklärung fOr den Misserfolg bei 
den Completimngsversuchen im Thierkörper, die M. Neisser schon 
1899 experimentell beobachtet hatte, gegeben. Das eingeführte 
Complement wird sich eben nicht an den baktericiden Ambo- 
ceptor, sondern an irgend eine Körperzelle oder sonst irgendwo 
verankern, damit aber für die Baktericidie werthlos werden. 
Eine Zufuhr von C!omplement kann also nur dann Aussicht auf Erfolg 
haben, wenn das betreffende Thier selbst keine das Complement ver- 
ankernden Beceptoren besitzt, oder wenn die Avidität zu dem baktericiden 
Amboceptor zuftllig eine so grosse ist, dass trotz vorhandener Receptoren 
im Thierkörper doch die Kuppelung des Gomplementes an den Ambo- 
ceptor des Inununserums erfolgt Wir würden es daher als Grund- 
bedingung für den sicheren Erfolg bei derartigen Completirungsversuchen 
im Thiere fordern, dass wir durch Injection der completirenden Serumart 
bei dem betreffenden zu heilenden Thiere keine Anticomplemente er- 
zeugen können. 

Wir haben uns natürlich durch geeignete Reagensglas- und Thier- 
versuche (Meerschweinchen-Bauchhöhle) in den negativen Fällen davon 
überzeugt, dass das Immunserum thatsächlich ein solches war, ein Ein- 
wand, der ja inmierhin in Frage kommen konnte.^ 

Die günstigeren Resultate Wassermann's in dieser Beziehung können 
nur darauf zurückgeführt werden, dass er eben das abgeschlossene Cavum 
der Bauchhöhle des Meerschweinchens als Ort der Ii^ection wählte und 
Bakterien, Immunserum und Complement gemischt in dieselbe injicirte. 
Dadurch schloss er die Ablenkung des C!omplementes durch den Organis- 
mus des Thieres aus. 

Schon Ehrlich und Morgenroth haben in ihrer letzten Pnblication 
über Hämolysine (VI. Mittheilung) darauf hingewiesen, dass „der Comple- 
menlgehalt des Serums der grösseren, für therapeutische Zwecke in Be- 
tracht kommenden Yersuchsthiere gewöhnlich nicht bedeutend genug ist. 



^ Meerschweinchen werden bei intraperitonealer Infection and gleichzeitig inji- 
drtem Kaninchen-Immimsenim, ohne Zufuhr von Complement, sicher geschützt, be- 
sitzen also selbst ein zu dem Amboceptor des Kaninchen-Immxmsemms passendes 
Complement — Aas diesem Versuche ergiebt sich auch, dass ein Immunserum 
nicht alle Thiere gegen die Infection mit demselben Erreger zu schützen 
vermag. (Analogie zu den So bern heimischen Milzbrandy ersuchen.) 

18* 



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196 Friedrich Wechsberg: 

dass eine Verwendung beim Menschen angängig erscheint^S So bedurfte 
Wassermann bei seiner aosserordentlich günstigen Versnchsanordnong 
4.0 eom Ochsenserom, um einen Heilerfolg zu erzielen. Damit war die 
Frage, die schon von Dönitz aufgeworfen worden war, ausgiebige 
Complementquellen zu finden, wieder acut geworden, und man dachte 
daran, künstlich den Complementgehalt der Sera zu steigern. Aber die 
bisherigen Versuche Wassermann's als auch eigene in dieser Richtung 
gemeinschaftlich mit Hm. Prof. M. Neisser angestellte Versuche ver- 
liefen resultatlos. 

Doch gesetzt den Fall, es würde gelingen, einen Weg zu finden, der 
auch in dieser Richtung zum Ziele fuhrt, so erscheint uns die Hofifhung, 
die Wirkung der baktericiden Heilsera durch Gomplementzufuhr mittels 
fremder Sera unter Verhältnissen zu steigern, wie sie bei einer eventuellen 
therapeutischen Anwendung beim Menschen gegeben sind, nach dem Ausfall 
unserer Versuche mehr als fraglich. Denn aus unseren Versuchen ergiebt 
sich, dass bei einer Thierspecies, bei welcher theoretisch eine Gomplement- 
zufuhr Nutzen schaffen kann, und bei welcher auch der Versuch die 
Richtigkeit der theoretischen Ueberlegung bestätigt, so bedeutende indi- 
viduelle Schwankungen bestehen, dass der Procentsatz der Heilungen sehr 
herabgedrückt wird. 

Fassen wir nun noch einmal kurz die in unseren Versuchen vor- 
liegenden Verhältnisse zusammen, so haben wir es mit einem baktericiden . 
Immunserum zu thun, indem wir zum Mindesten zwei Fractionen von 
Amboceptoren annehmen müssen. Für die eine grossere Fraction besitzen 
Tauben kein Complement, die zweite, weit kleinere Fraction kann von 
einzelnen Tauben completirt werden. Dagegen besitzt das normale 
Eaninchenserum reichlich passendes Complement, ob nur für die grössere 
Fraction der Amboceptoren, oder für beide müssen wir unentschieden 
lassen, doch scheint uns der zweite Fall als der wahrscheinlichere. Mit 
diesem Serum gelingt auch die Completirung im Thierversuch, jedoch 
nur in einem gewissen Procentsatz der Fälle, und versagt in den anderen, 
weil das Complement augenscheinlich anderweitig im Thierkörper gebunden 
wird. Wir sehen also, wie complicirt die Verhältnisse in einem relativ 
so einfachen Falle, wie es der unserige ist, liegen, wobei wir noch lange 
nicht behaupten wollen, dass mit den hier angegebenen schon die Reihe 
der eventueU vorhandenen Möglichkeiten erschöpft ist. Wir möchten z. B. 
nur noch kurz das Vorkommen normaler Anticomplemente erwähnen, das 
von M. Neisser und Verf. bereits an anderer Stelle erwähnt worden ist 
und bald darauf unabhängig davon von T. R. Müller^ bewiesen wurde. 

^ CetUrcdblaä für Bakteriologie, 24. Juni 1901. 



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Natüsliohe Immunität und baktebicide Heilbeba. 



197 



Durch die ImmunisiraDg mit Bakterien erzeugen wir in dem be- 
treffenden Thiere eine Beihe von Amboceptoren, der Gomplementgehalt 
des Serums wird aber, soweit unsere bisherigen Erfahrungen wenigstens 
reichen, nicht verändert. 

Würden wir also Tauben mit todten Culturen von Vibrio Metschnikoff 
immunisiren, so wurden wir in diesen Thieren die Production von Ambo- 
ceptoren hervorrufen. Da aber Tauben kein Complement f&r den Ambo- 
ceptor gegen Vibrio Metschnikoff besitzen, so müssten so activ mit todten 
Culturen immunisirte Tauben trotz der reichlich in ihrem Serum vor- 
handenen Amboceptoren in Folge Mangels des Gomplementes einer spateren 
Infection mit lebender Cultur erliegen. Diese Deduction ist jedoch nur 
für den Fall gültig, dass der von Tauben producirte Amboceptor identisch 
ist mit dem im Serum activ immunisirter Kaninchen vorhandenen. Ist 
der Tauben-Amboceptor aber verschieden von dem Kaninchen- Amboceptor, 
so ist auch theoretisch die grosse Wahrscheinlichkeit gegeben, dass für 
diesen Tauben-Amboceptor im Taubenserum ein passendes Complement 
sich findet Diese Frage ist theoretisch und praktisch gleich wichtig. 

Zur Lösung derselben wurde eine Reihe von Tauben activ mit todter 
Cultur in der Weise immunisirt, dass die Versuchsthiere zwei Mal in einem 
Intervall von zehn Tagen je eine halbe Agarcultur von Vibrio Metschni- 
koff erhielten, die durch Erhitzen (1 Stunde 65^) abgetödtet worden war. 
— Zehn Tage nach der letzten Injection erhielten die Thiere eine mehr- 
fach tödtliche Dose (^/jo Oese) von lebendem Vibrio Metschnikoff injicirt 
Das Resultat des Versuches war, dass sammtliche Tauben am Leben und 
vollkommen gesund blieben. 

Dieses Resultat ist nur dann zu erklären, wenn man annimmt, dass 
der bei Immunisirung von Tauben mit Vibrio Metschnikoff ent- 
stehende Amboceptor im Taubenserum ein passendes Comple- 
ment findet 

Ein Reagensglasversuch brachte uns die gewünschte Aufklärung; der- 
selbe erscheint in Tabelle VIII und IX wiedergegeben. 

Tabelle VIH. 



C u 1 1 n r m*e nge 



Vsto **" «U3i«r 1 tägigen 

BonilloDonltar 
von Vibrio Metschnikoff 



Tanben-Im manserum 
activ 

J.Q o«m 

0-5 

0-25 .. 
O-l 



Zahl der Keime 

I Sehr starke und deutliche 
l WachBthtunshemmang, bez. 
I Zahl der Colonieen. 

Nachweisbare 
Wachsthamshemmiing. 



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198 



Friedbicu Wechsbeeg: 
Tabelle VIII. (Portsetzung.) 



Caltarmenge 



Vioo**" einer 1 tagigen j 

Bouilloneiütar 
von Vibrio Metschnikoff | 



Tauben -Immansernm 
activ 



I 



Zahl der Keime 



0-06 •« 
0-025 „ 
0-01 „ 
0«005 „ 
0-0025 „ 



00 
OC 



Tabelle IX. 



Cnltormenge 



Vsoo*"" einer 

1 tagigen 

Bouilloncnltor 

von Vibrio 

Metschnikoff 



Tauben- 

Immunserum 

inactiv 



^Änee'^ml^ahl der Keüoe j Bemerkungen 



1-0 «« 


0-5 ,. 


0-25 


*f 


0-1 


•> 


0-05 


J 


0-025 


>t 


0-01 




0-005 


» 


0-0025 


» 


1-0 


1-0 


■~- 





0.5 e«n 


etwa 100 


1 


0-5 .. 


einige Hunderte 




0-5 „ 


viele Hunderte 




0-5 .. 


viele Tausende 




0-5 .. 


ft t» 




0-5 ., 


n M 


1 


0-5 „ 


M ff 




0-5,. 


00 


1 


0-5 „ 


00 






00 


1 Controle I 


— 


00 


„ n 


0-5 


00 


„ ra 


— 





, „ IV 


1-0 





„ V 



1/ cm 

/500 

/so« »• 

fftOO ** 



Bezüglich Versuchsanordnnng und Controlen vergleiche Tabelle m und IV. 

Wir ersehen aus diesem Versuche, dass das active Serum in der oben 
angegebenen Weise immunisirter Tauben eine deutliche baktericide Wirkung 
ausübt. — Des Weiteren ergab sich aber aus diesem Versuche, dass das 
inactive Tauben-Immunserum im Gegensatze zum Kaninchen-Immunserum 
durch normales actives Taubenserum completirt wird, dass also der bei 
der Immunisirung von Tauben entstehende Amboceptor ein Complement 
im normalen Taubenserum findet. Aus diesem Verhalten können wir 
schliessen, dass der Amboceptor des Tauben-Immunserums zum Mindesten 
in seiner complementophilen Gruppe verschieden ist von dem Amboceptor 
des Eaninchen-Immunserums. Nach Analogie mit anderen Immunseiis 
dürfen wir übrigens annehmen, dass es sich auch hier nicht um einen 
einheitlichen Amboceptor, sondern um Schaaren verschiedener Ambocep- 
toren handelt. 



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Natürliche Immunität und baktsbioide Heilseba. 199 

Das Wesentliche und Wichtige dieses Versuches für eine eventuelle 
therapeutische Anwendung baktericider Sera liegt aber darin, dass in 
diesem Falle, in dem der Ambooeptor sein Complement in dem 
Versuchsthiere selbst fand, alle Thiere gegen eine tödtliche 
Infection geschützt wurden. 

Wenn es uns also gestattet sein sollte, aus unseren Yersuchen einen 
Rückschluss auf den Weg zu machen, den wir zur Erzielung wirksamer 
baktericider Sera für die menschliche Therapie einschlagen müssen, so 
wäre es der folgende: 

Die für die menschliche Therapie verwerthbaren bakteri- 
ciden Sera müssen so beschaffen sein, dass ihre Amboceptoren 
in möglichst ausgedehntem Maasse im menschlichen Serum 
selbst die passenden Complemente finden. Die gleichzeitige 
Einführiyig eines Immunserums und des eompletirenden 
Serums, wobei es bis zu einem gewissen Grade gleichgültig 
ist, inwieweit das betreffende Immunserum durch das mensch- 
liche Serum selbst completirt wird, erscheint uns nach unseren 
Versuchen unzuverlässig. 

Damit würden wir uns für den zweiten der beiden Wege entscheiden, 
die Ehrlich in der Croonian Lecture vom 22. März 1900 als diejenigen 
präcisirt hat, auf denen sich unsere Bestrebungen zur Erzielung wirk- 
samer baktericider Sera bewegen müssen. Es sei mir gestattet, den be- 
betreffenden Abschnitt verbauter wiederzugeben: 

„From this it appears, that in the therapeutic application of anti- 
bactenal sera to man, therapeutical success is only to be attained if we 
use either a bacteriolysine with a „complement^^, which is stable in man 
(„homostabile complement^'), or at least a bacteriolysine, the 
„immune body" (Amboceptor nach Ehrliches neuer Nomenclatur) of 
which finds in human serum an approj)riate „complement'^ 
The latter condition will be the more readily fulfiUed the nearer the 
species employed in the immunisation process is to man. Perhaps the 
non-success which as yet has attended the employment of typhoid and 
Cholera serum will be converted into the contrary if the serum be derived 
firom apes and not taken from species so distantly removed from man 
as the horse, goat or dog.'' 

Ob dies der Weg ist oder derjenige sich als der praktischere er- 
weist, den Ehrlich und Morgenroth in ihrer letzten Hämolysinarbeit 
angegeben haben, nämlich der der Mischung von Immunseris, die von 
verschiedenen Thieren stanunen, müssen weitere Untersuchungen ergeben. 
Ich war aus äusseren Gründen gezwungen, diese interessanten Unter- 



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200 Fbiedeioh Wbchsbbeg: Natüblichb Immunität u. 8. w. 

suchungen abzubrechen und konnte namentlich der Frage nicht mehr 
näher treten, wie sich in unserem Falle ein Immunserum bewahren würde, 
das von Thieren stammt, die der Taube näher stehen als das Kaninchen. 
Doch durfte die Bearbeitung dieser Frage von anderer Seite am hiesigen 
Institute fortgeführt werden. 

Nur mit dem stetigen Ausbau unserer theoretischen Kenntnisse können 
wir es hoffen, Grundsätze zu finden, nach denen es uns gelingt, thera- 
peutisch verwendbare baktericide Sera zu finden und damit den baktericiden 
Heilseris dieselbe Stellung in der Therapie zu verschafTen, den bis zu 
einem gewissen Grade die antitoxischen bereits einnehmen. 

Zum Schlüsse ^ sei es mir gestattet, Herrn Geh. Rath Prof. 
Dr. Ehrlich und Herrn Prof. Dr. M. Neisser, in dessen Abtheilung 
und unter dessen Leitung die vorstehende Arbeit ausgeführt wurde, 
meinen besten Dank zu sagen. 

Frankfurt a. M., im Juli 1901. 



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[Aus dem hygienischen Institut der Universität Zürich.] 
üeber anaerobe Bakterien im normalen Sanglingsstühle. 

Von 
Dr. A. Bodella, 

AwMmtCB MD Inftltiit 



(Ulem Taf. I ■• II.) 



Die Wichtigkeit der Frage, ob im Stahlgange der Säuglinge Anaeroben 
existiren oder nicht, wurde schon von Escherich erkannt, welcher sich 
folgender Weise in seinem Werke ausdrückt: „Von besonderem Interesse 
erschien mir anfanglich die Cultur etwaiger anaärober Arten, die vielleicht 
gegen Contact mit Sauerstoff sehr empfindlich und so den gewöhnlichen 
Untersuchungsmethoden entgangen sein könnten.^' 

Was die Technik anbelangt, welcher sich Escherich bediente, um 
diese Frage zu studiren, kann man schon sagen, dass er alle damals für 
die Züchtung der AnaSroben bekannten Metboden (wie die überschichteten 
Platten, Verwendung von Culturen im Innern von Eiern oder unter Queck- 
silberabschluss) prakticirte, aber es ergab sich ihm immer ein negatives 
Resultat, so dass er daraus schloss, „dass ihm überhaupt in Ueberein- 
stimmung mit Hüppe die Existenz solcher Wesen (der Anaeroben) sehr 
fraglich zu sein scheint^^ 

Escherich's Misserfolg, durch den Mangel und die Mittelmässigkeit 
der damals gebrauchten Methoden gerechtfertigt, scheint auch noch einen 
Einfloss auf die nachher erschienenen zahlreichen Arbeiten über dieses 
wichtige Kapitel gehabt zu haben, denn in diesen erschien nie mehr 
ein Wort über anaßrobe Bakterien in den Stuhlgängen der Säuglinge, 
wenigstens nicht in physiologischer Beziehung. 

Nur Klein gelang es, einen anaeroben Bacillus aus diarrhoischen 
Entleerungen von kleinen Kindern zu isoliren, welchen er als den Krank- 
heitserreger bezeichnet und Bacillus enteritidis sporogenes nennt. 



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202 A. KoDELliAt 

Uebrigens, obwohl wir in Flügge lesen ,,8tets finden sich im 
Darminhalt Anaäroben^', denkt doch, auch was die Erwachsenen anbetrifft, 
die Mehrheit der Autoren verschieden. So glaubt Miller, dass sich keine 
obligaten Ana^roben im Darm befinden, sondern nur Bakterien, welche 
sowohl aörob wie ana6rob wachsen können. 

Auch die neuerlichen Untersuchungen von Bienstook könnten einem 
glauben machen, die eingeführten Anaäroben seien bestimmt, während 
ihrem Aufenthalt im Darmtractus abzusterben. In der That nahm ge- 
nannter Autor während drei Wochen täglich Erde zu sich, die Anaßroben- 
Mikroorganismen enthielt, fand aber in seinem eigenen Stuhle keinerlei 
Zeichen von der Gegenwart solcher Wesen vor. 

Trotzdem ist bekannt, dass andere Forscher die Gegenwart anaßrober 
Bacillen, d. h. des Bacillus butyricus Botkin und des Bacillus butyricus 
Prazmowski in den Fäces des Menschen nachgewiesen haben (Manna- 
berg). Die vergleichenden Forschungen über die Fäces der Thiere führten 
zu einem wenig übereinstimmenden Resultat. 

So schreibt Flügge: „Besonders reich an solchen Anaßroben erwiesen 
sich die Därme der Pflanzenfresser." 

Hammerl konnte aber in den Entleerungen verschiedener Thiere 
niemals Anaeroben entdecken. 

Klein dagegen glaubt die fortwährende Gegenwart von Anaeroben 
in den Fäces der Meerschweinchen bewiesen zu haben. 

In einer vor kurzer Zeit erschienenen Arbeit von Kohlbrugge wird 
der Wunsch ausgesprochen, dass weitere Untersuchungen über die Darm- 
anaäroben vorgenommen werden. 

Verfasser genannter Arbeit zweifelt aber sehr daran, ob wohl solche 
Wesen fortwährend im Darm vorkommen. 

Diese wenigen Notizen auch über die neue Litteratur zeigen, dass 
wir sehr wenig wissen, was die Gegenwart der Anaßroben im Darmtractus 
sowohl des Menschen wie der Thiere betrifft.^ 



Wenn man nun bedenkt, dass gerade die Ana^roben diejenigen Lebe- 
wesen sind, weiche vornehmlich die Gährungs-, Fäulniss- und andere Zer- 
setzungen bewirken, so lässt sich leicht ermessen, wie sehr diese mangel- 
hafte Kenntniss besonders von der Physiologie empfunden werden moss. 

* Nach der Drucklegung dieser Arbeit habe ich das interessante Werk von 
H. Tissier, Recherches 9ur la flore intestinale normale et pathologique du nouris^on^ 
Paris 1900, gelesen, worin u. a. auch drei neue anaörobe Arten angeführt werden. 
Dieselben sind von der hier beschriebenen ganz verschieden. In einer weiteren aus- 
führlichen Abhandlung gedenke ich die Resultate von Tissier zu verwerthen. 



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Über anaIjrobe Baktekien im normalek Säüglingsstuhle. 203 

Der Zweck der vorliegenden Arbeit war, zu ermitteln: 1. ob in 
physiologischem Zustande in den Fäces der Säuglinge Ana6roben existiren; 

2. welchen Einfluss die Verschiedenheit der Milchernährung (natürliche 
oder künstliche) auf das Vorkommen solcher Mikroorganismen ausübt; 

3. ihre biologische Wichtigkeit in Bezug auf die Vorgänge im Verdauungs- 
canal kennen zu lernen. Nicht allein der Gedanke an grössere Finfach- 
heit und Einheitlichkeit , mit welcher die Verdauungsfunctionen sich 
während dem frühesten Eindesalter abwickeln, war in Betracht zu 
ziehen; noch mehr veranlasste mich zu dieser Arbeit das Bewusstsein, 
dass in keinem anderen Alter die Ernährung und Verdauung eine solche 
capitale Wichtigkeit besitzt und dass einzig die Eenntniss der physio- 
logischen Qährungsvorgänge und der Ursachen, welche sie erzeugen, der 
Ausgangspunkt des Studiums der in diesem Alter so häufigen pathologischen 
Processe, d. h. der Darmkrankheiten, sein muss. 

Beziehungen zwischen makroskopischem und mikroskopischem 
Aussehen der Fäces. — Culturmethoden. 

Zur Gewinnung des Materials verwandte ich ein beiderseits abgerun- 
detes, hinten mittels eines Wattepfropfens verschlossenes Glasröhrchen, 
welches in einem Reagensglase sterilisirt wurde. 

Von dem so gewonnenen Material beschrieb ich jedes Mal die makro- 
skopischen Eigenschaften und prüfte mit dem Lackmuspapier die Beaction 
und nahm dann die mikroskopische Untersuchung vor, worauf ich zur 
Anlegung der Kulturen schritt. Die mikroskopischen Eigenschaften der 
Fäces betreffend möge man mir hier gestatten, das in einer früheren 
Arbeit Gesagte zu bestätigen, wobei ich hier einige genauere Details zu 
geben gedenke. Moro sagt in seiner Arbeit, dass die Fäces der Brust- 
kinder wegen der Homogenität der Flora (welche nach der Gram'schen 
Methode sich nicht entfärbt) sich schon bei der mikroskopischen Unter- 
suchung erkennen lassen, so dass man durch blosse Anwendung des 
Mikroskopes herausbringen könnte, ob ein Kind, welches ausschliesslich 
an der Mutterbrust genährt werden sollte, auch nur ein einziges Mal 
Kuhmilch erhielt. Femer fügt er hinzu, dass bei Flaschenkindern die 
Flora sehr mannigfaltig ist und dass die Formen, welche sich nach der 
Methode Escherich-Weigert roth förben, vorherrschen oder sehr zahl- 
reich sind. 

Trotzdem nun Moro unbestreitbar das Verdienst zukommt, in 
eine Sache Einheit und System gebracht zu haben, welche man sich 
bis dahin vielformiger und mannigfaltiger vorstellte als sie thatsächlich 
ist, muss ich dennoch, gestützt auf mehr als einjährige Beobachtungen, 



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204 A. Rodella: 

sagen, dass die Angaben Moro's nicht völlig den Thatsachen entsprechen, 
wenigstens nicht mit der Sicherheit, womit er sich ausdrückt Erstens 
erhält man, wie ich früher schon bemerkte, dasselbe Resultat bei vielen 
directen Stuhlpräpaiaten von Flaschenkindern wie bei solchen von Brust- 
kindern, d. h. es finden sich auch in diesen die sogenannten säureliebenden 
Bacillen vorherrschend vor (Taf. I Fig. 2). Letztere kommen etwa wie 
Djphtheriebacillen lange Stäbchen vor, welche gerade oder gebogen sind 
und manchmal zugespitzte Enden aufweisen. 

Andererseits geschieht es nicht selten, dass auch in mikroskopischen 
Stuhlpräparaten von durchaus gesunden Brustkindern neben den so- 
genannten säureliebenden specielle Formen zum Vorschein kommen, wie 
z. B. jene, die Escherich „punktirte Bacillen" nannte, und noch ver- 
schiedene andere Mikroorganismen. Eine wesentlich beständigere Beziehung 
als in der Artder Milchemährung habe ich zwischen den makroskopischen 
und mikroskopischen Eigenschaften der Fäces gefunden. 

Die Fäces von eidottergelber Farbe, weicher Consistenz und leicht- 
saurer Reaction, solche also, welche als Normaltyp des Säuglingsstuhls 
beschrieben werden, seien sie nun von Brustkindern oder von Flaschen- 
kindern, weisen in den directen mikroskopischen Präparaten immer die 
als säureliebend bezeichneten Bacillen in grosser Anzahl oder fast allein 
auf. Die anderen Stühle, ebenfalls von gesunden Kindern, zeigen fast 
immer, ob von Brust- oder Flaschenkindern stammend, eine grössere oder 
geringere Mannigfaltigkeit. Die sogenannten säureliebenden Bacillen wurden 
bei Brustkindern häufiger als bei Flaschenkindern gefunden, aus dem ein- 
fachen Grunde, weil die Fäces von sogenanntem idealen Typus bei den 
ersteren in grösserer Häufigkeit beobachtet werden als bei der zweiten.. — 

Nachdem ich das Material mikroskopisch untersucht und mit Lackmus- 
papier die Reaction geprüft hatte, handelte es sich darum, die Technik 
für das Studium der AnaSroben zu bestimmen. Vor allem musste ich 
daran denken, den grösstmöglichsten Theil der ASrobien, welche im 
Darm enthalten sind, zu eliminiren, speciell den Bac. coli, welcher durch 
schnelle und kräftige Entwickelung die anderen Arten überwuchert. Zu 
diesem Zwecke bin ich anfänglich folgendermaassen verfahren: Lnpfung 
von vielem Material in Iprocentiger Essigsäure-Bouillon (Heymann'sche 
Methode) unter strenger Ana^robiose; nach 24 stündigem Aufenthalt im 
Brütschrank Ueberimpfung auf Gelatine anaßrob. 

Zu dieser Methode veranlasste mich der Umstand, dass Bac. coli und 
viele andere Mikroorganismen die Bouillon mit 1 Procent Essigsäure 
schlecht ertragen, und dass andererseits die sogenannten säureliebenden, 
welche sich sehr gut in solchem Substrat entwickeln, in Gelatine nicht 
wachsen, und so kam ich auf den Gedanken, zu probiren, ob anaCrobe 



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Übbb anaäbobe Baktbbien im normalen Säüglingsstuhle. 205 

Species, welche solcher Säure widerstehen, sich in dieser Weise isoliren 
Hessen. Diese Methode zeigt grosse Mängel, a. a., auf einen so wichtigen 
Nährboden wie der Agar verzichten zu müssen, weshalb ich sofort be- 
schloss, auch das folgende Verfahren anzuwenden: Verdünnung und Auf- 
schwemmung der Fäces in etwas Bouillon. Das so verdünnte Material 
wurde auf drei Theile flüssigen Agar (80^ C.) vertheilt (0-2 bis 0-5 »^ 
pro Dosis). Zwei Röhrchen wurden 8 Minuten, das andere 12 Minuten 
auf 80^ belassen. Dasselbe geschah mit drei Gelatineproben. Diese 
zweite Methode erwies sich als der ersten (nämlich derjenigen mit der 
Essigsäure) überlegen. Um dieses Verfahren noch sicherer zu gestalten, 
könnte man die Zeitdauer der Erwärmung auf 80^ beliebig variiren 
(z. B. 3—5—8—10 Minuten). 

Um die Anaerobiose herzustellen, habe ich mich immer des folgenden 
Verfahrens, als des einfachsten und schnellsten, bedient: Verflüssigung 
des Agars und der Gelatine, Impfung des Materials, wobei nicht ge- 
schüttelt, sondern mit Platindraht recht gut gerührt wird, und dann das 
Substrat erstarren gelassen. Diese Methode hat den Uebelstand, dass man 
oft, wenn man die Colonieen von oben nicht herausbekommen kann, das 
Reagensglas zerbrechen muss, um dieselben zu isoliren. In diesem Falle 
wusch ich das Röhrchen äusserlich erst mit Sublimat und dann mit 
Alkohol und zerschlug sie mit einem an der Flamme sterilisirten Eisen. 
Eine weitere Regel ist die, die Entwickelung der angelegten Culturen ge- 
nügend lange abzuwarten, da das Wachsthum der Ana6roben oft sehr 
langsam vor sich geht 

Reinculturen der isolirten anaeroben Bakterien. 

Um. der grösseren Klarheit willen und um unnütze Wiederholungen 
zu vermeiden, will ich schon an dieser Stelle die von mir beobachteten 
Species beschreiben. Die Fälle, welche das Material für die Untersuchungen 
lieferten, werden weiter unten besprochen. Die von mir isolirten Species 
mit schon bekannten zu identificiren, war mir nicht möglich. Dies mag 
vielleicht anderen Forschem gelingen, wenngleich es mir Angesichts der 
ünvoUständigkeit, welche jetzt noch im Kapitel der Anaßroben herrscht, 
keineswegs als eine leichte Aufgabe erscheint Ausser den Textbüchern 
hatte ich andere specielle Abhandlungen zur Hand, u. a. auch diejenigen 
von Gerstner, von Sanfelice, von Veillou et Zuber, ohne unter den 
schon bekannten Species welche zu finden, die meinen entsprochen hätten, 
weshalb ich diese, wenigstens vorläufig, als neue betrachten muss. Zwar 
hatte Escherich, sehr wahrscheinlich in den directen mikroskopischen 



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206 A. Rodella: 

Präparaten und ohne sie züchten zu können, die beiden Bacillen gesehen, 
welche ich als Bacillus Nr. 2 und Nr. 3 bezeichnen werde. 

Der Bacillus putrificus Bienstok, welchen Escherich mit seinen 
Köpfchenbakterien indentificirt hatte, hat mit meinem Bacillus Nr. 3 im 
mikroskopischen Aussehen eine gewisse Aehnlichkeit; andere Merkmale 
(Beweglichkeit, Verflüssigung der Gelatine u. s. w.) gestatten keine Identi- 
ficirung. An dieser Stelle möchte ich noch erwähnen, dass, während 
Esoherich die Eöpfchenbakterien der reinen Meconiumflora zugeschrieben 
hatte, ich dieselben auch in dem Milchkoth gefunden habe. Die drei von 
mir isolirten Anaöroben zeigen folgende gemeinsame Eigenschaften: Sporen- 
bildung — Gasbildung — kein Gelatine verflüssigendes Vermögen. 



Bacillus Nr. 1. 

Stäbchen von wechselnder Länge, gerade oder seltener gebogen, mit 
Neigung zu Fädenbildung. Sporen in den kürzeren Formen theils mittel-, 
theils endständig oval bis kugelig. Selten kann man auf beiden Enden 
eines Bacillus eine Spore beobachten. Eigenbewegung fehlt. (Taf. I, Fig. 4.) 

Die Färbung gelingt leicht mit den üblichen Anilinfarbstoffen und 
auch nach Gram. Die blaue Färbung mit Jodlösungen habe ich nie be- 
obachtet. Wachsthum sowohl bei 37^ wie bei Zimmertemperatur. 

Agarstich. Das Wachsthum beginnt erst 1 bis P/j *" nnter 
der Oberfläche und erfolgt längs dem ganzen Stiche in Form eines un- 
regelmässig contourirten mit drusigen Auswüchsen besetzten Bandes 
(Taf. n, Fig. 2). Bei Impfung in yerflüssigtem und nachher erstarrten 
Agar können die gut isolirten C!olonieen im Laufe dner bis zwei Wochen 
in den unteren ' Theilen des Beagensglases die Grosse einer Erbse er- 
reichen. 

Sie zeigen einen flockigen, unregelmässigen, rundlichen • Bau mit 
etwas compacterem, dunklerem Centrum. Es findet auch gewöhnlich im 
Zuckeragar Gasbildung statt. Ferner zeichnen sich die Culturen durch 
einen üblen Geruch aus, welcher an Skatol erinnert und sehr penetrant ist 

Gelatinestich. Trotz wiederholten Versuchen gelang es nicht, 
ein Wachsthum längs dem ganzen Stiche zu erhalten; es kamen höchstens 
zwei getrennte Colonieen zur Entwickelung. Auch bei Ueberimpfung Ton 
sehr viel Material mittels des Platindrahtes blieb sehr häufig jedes Wachs- 
thum aus. 

Bei Impfung in verflüssigte und nachher erstarrte Gelatine zeigten 
die Colonieen die Eigenschaft, lange, strahlenförmige, geschlängelte Aus- 
läufer zu bilden, was bei Agarculturen nicht der Fall war. Denn diese 
hatten, wie oben bemerkt, einen watteähulichen Bau, währenddem die 



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ÜbEB ANAfiROB^ BaKTBBIEN Df NOBBiALEN SÄUaLIKGBSTüHri^. "207 

Colonieen in Gelatine rund, scharf begrenzt und mit Tiden langen, ge> 
sohlangelten Anslaufem versehen waren. (Taf. U, Fig. 1.) 

Einige Male war ein Centrum nicht zu erkennen, sondern nnr ein 
(Geflecht Yon Zweigen. Auch in alten Cnlturen wurde die Gelatine niemals 
Terflüssigt. Der Gerach der Gelatineculturen ist etwas schwächer als der 
der Agaroulturen. 

Bouilloncultur (ana^rob). In den drei ersten Tagen findet 
eine starke Trübung der Flüssigkeit mit bedeutender Oasentwickelung 
statt Dann hellt sich die Bouillon auf und am Ghrunde des Beagens- 
glases befindet sich ein zusammenhängender Bodensatz, welcher beim 
Schütteln fetzenartig herumschwimmt Auch in der Bouillon ist der 
charakteristische Oeruch wahrnehmbar. 

Milchcultur. Die aerobe Kultur in der Milch zeigt in den ersten 
Tagen keine Veränderung; nach 6 bis 6 Tagen nimmt sie eine Bosafarbe 
an und wird peptonisirt. In der Flüssigkeit befinden sich viele feine 
(Gerinnsel; eine Gerinnung im wahren Sinne des Wortes findet aber nicht 
statt Die obere Bahmschicht bleibt unverändert und bildet auf der 
Oberfläche eine dicke Schicht, welche das Wachsthum dieses AnaSrobius 
ermöglicht Charakteristisch ist der Geruch nach Skatol, welcher in dieser 
Cultur noch ausgesprochener ist als in allen anderen. 

Die Milchpeptonisirung von Seite dieses nicht verflüssigenden Bacillus 
steht in directem Widerspruch mit der Annahme von Eyckmann, dass 
„caselnspaltendes und leimverflüssigendes Vermögen stets zu einander 
quellen und dass beide Ausbreitungsgebiete sich genau decken^^ 

Pathogenität 

Der soeben beschriebene Mikroorganismus erwies sich für alle Labo- 
ratoriumsthiere, d. h. für Mäuse, Meerschweinchen und Kaninchen in 
hohem Maasse pathogen. 

Es wäre zwecklos, die ausführlichen Protokolle der Thierobductionen 
hier wiederzugeben. Ich beschränke mich darauf, die Resultate derselben 
in Kürze anzuführen. 

Subcutane Injection. Kaninchen im Gewicht von etwa 1000«^ 
mit 2 **" einer 5 — Stägigen Bouilloncultur geimpft, gehen binnen einer 
Woche zu Grunde. 

Der interessante Befund ist, neben einer starken Abmagerung, das 
subcutane Oedem, welches schon einige (3 bis 6) Stunden nach der 
Impfung an der Injectionsstelle zum Vorschein kommt 

Von da aus verbreitet sich das sulzige, geruchlose Oedem gegen die 
benachbarten Körpertheile, so dass in manchen Fällen mehr als die Hälfte 



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208 A. RodbUiA: 

des Körpers ödematös erscheint. In der Oedemflüssigkeit sind die Bacillen 
in nicht sehr grosser Anzahl zu finden. Ferner findet man bei der 
Section: Yermehrung der Intraperitonealflüssigkeit; Hyperamie der Darm- 
gefasse; acute Nephritis. — Die Milz ist nicht vergrössert. 

Versuche mit Meerschweinchen und Mäusen führten zu ähnlichen 
Besultaten. 

Mit Injectionen von grossen Quantitäten (P/i bis 2««°») tritt bei 
Mäusen der Tod schon binnen 24 Stunden ein. 

Intraperitoneale Injectionen. 12 bis 24 Stunden nach der 
Impfung mit Bouillonculturen sind die Thiere krank. Nach 2 bis 8 Tagen 
zeigen sich Brechanfalle; die Thiere fressen wenig oder gar nichts und im 
Verlaufe von 2 bis 3 Tagen gehen sie unter einer sehr starken Abmagerung 
zu Grunde. 

Sectionsergebniss. Auch bei intraperitonealer Impfung beobachtet 
man an der Injectionsstelle ein geringgradiges subcutanes Oedem. 

Die Peritonealflüssigkeit ist vermehrt. Die Darmgefässe sind injicirt. 
Die Milz ist etwas verkleinert Femer acute Nephritis. In dem Pleural- 
raum findet sich in sehr grosser Quantität eine citronengelbe, zum Theil 
blutige Flüssigkeit, worin culturell und mikroskopisch die geimpften 
Bacillen nachgewiesen werden konnten. 

Ich wollte auch versuchen, ob der in Frage stehende Mikroorganismus, 
per OS und per anum im Thierkörper eingeführt, schädlich gewirkt hätte. 

Mittels einer sterilisirten Kly stierspritze wurden einem Hunde 150~" 
einer lOtägigen Bouilloncultur per anum eingespritzt. Ein anderer Hand 
bekam Futter, welches mit älteren Milchculturen vermengt wurde, zu fressen. 

Beide Hunde sind gesund geblieben. 

Bacillus Nr. 2. 

Die Form dieses Bacillus ändert sich nach den verschiedenen Phasen 
seiner Entwickelung. Im Stadium der Sporenbildung zeigt er sich in 
Form eines Weberschiffchens oder eines sehr kurzen plumpen Bacillus 
mit abgerundeten Enden, wo in der Mitte sich die Spore befindet. (Taf. I, 
Fig. 5). Der reife Bacillus ist ein Stäbchen welches, nämlich auf festen 
Nährböden, zu ziemlich langen Fäden anwachsen kann. (Taf. I, Fig. 6.) 

Manchmal begegnet man, aber doch seltener, hauptsächlich in flüssigen 
Nährböden, Formen, welche in Gestalt einer Birne oder einer langen 
Flasche sich zeigen. 

Die Bacillen sind meist vereinzelt, zuweilen parallel angeordnet, seltener 
reihen sie sich in Ketten an einander. 

Eigenbewegung habe ich nie beobachtet Die Färbung gelingt gut 
mit allen üblichen Farbstoffen und auch nach Gram. 



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ÜBEB ANAfiEOBE BaKTEBIEN IM NOBMALEN SäUGLINGSSTUHLE. 209 

Gelatinestich. Das Wachsthum der Colonieen erfolgt 1 bis 2 ^°^ unter 
der Oberfläche^ nicht längs des ganzen Stiches in dichter Reihenfolge, 
sondern nur in weiteren Abständen. (Taf. II, Fig. 2.) In den ersten Tagen 
sind die Colonieen klein, weiss, rundlich und homogen. Später treten bei 
jeder Colonie Wolken auf, die mit dem Alter der Gultur ihre Grossen- und 
Formverhältnisse ändern. Anfänglich sind diese Wolken klein, später jedoch 
wachsen einzelne theils in gerader Richtung, theils in Windungen aus, und 
man kann gleichzeitig die Beobachtung machen, dass einzelne Colonieen ihre 
ursprüngliche Lage yerändern und seitlich aus der Stichrichtung heraustreten. 

Da dieser Bacillus ein gasbildender ist, so wäre es möglich, dass auch 
in den Culturen, in welchen keine makroskopische Gasenentwickelung zu 
constatiren war, sich dem Auge unsichtbar Gas gebildet hätte, welches die 
Colonieen aus einander trieb. 

In flüssig geimpfter und nachher erstarrter Gelatine sind die Merk- 
male der einzelnen Colonieen, besonders die Wolken- und (Gasbildung, noch 
deutiicher. (Taf. II, Fig. 6.) 

Agarstich. Das Wachsthum erfolgt 1 bis 2 ^'^^ unter der Oberfläche 
in Form eines unregelmässig eingeschnürten Stranges, auf welchem stellen- 
weise kleine rundliche Golonien sichtbar sind. 

Schon nach 1 bis 2 Tagen tritt in dem Nährboden Gt^entwickelung auf. 

In flüssig geimpftem und nachher erstarrtem Agar sieht man schon 
nach einem Tage in der Tiefe des Röhrchens kleine runde, weisse, Colonieen. 
Bald darauf tritt eine so starke Gasentwickelung au^ dass der Nährboden 
zerrissen und gegen die Rohröff^nung getiieben wird. 

Agarstrich (anaSrob). Längs des ganzen Striches sieht man dicht 
an einander gereiht rundliche, ziemlich erhabene weissliche Colonieen von 
verschiedener Grösse, vergleichbar mit einer Perlenschnur. Das Wachs- 
thum breitet sich nicht über die ganze Fläche, sondern bleibt auf den 
Strich beschrankt. Das Condenswasser ist wenig getrübt mit spärlichem 
weisslichen Bodensatz. (Taf. II, Fig. 4.) 

Bouillon (anaerob). Schon binnen 24 Stunden findet das Wachs- 
thum statt. Die Bouillon ist wenig getrübt und am Boden des Röhrchens 
befindet sich ein weisslicher, mehliger Bodensatz. 

Milch. Dieselbe bleibt unverändert 

Pathogenität. Die an Mäusen und an Meerschweinchen vorge- 
genommenen Thierversuohe lieferten ein negatives Resultat. 

Bacillus Nr. 3. 

Was das Aussehen dieses Bacillus in directen Präparaten (Taf. I, Fig. 1) 
betrifft, findet sich eine so zutreffende Beschreibung in Escherich's 
Werke (a. a. 0.), dass ich derselben nichts hinzuzufügen habe. 

ZeitKhr. f. Hjgiene. XXXIX. 14 



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210 A. Rodella: 

Ich beschränke mich darauf, Escherich's Worte hier wiederzugeben. 

jfDiese Art gehört den sogenannten Köpfchenbakterien an, wobei ich 
dieselben mit diesem Namen lediglich ihrer Form wegen belege. Sie be- 
stehen aus einem 4 bis 7 ju langen sehr schlanken Stiele, auf dem eine 
glänzende Spore aufsitzt; dieselbe ist in der Richtung des Fadens längs 
oval, erreicht in diesem Durchmesser bis zu 1-6 u. Bei einzelnen sporen- 
tragenden Formen ist der Faden nicht mehr gerade, sondern schlängelt 
sich unter Verjüngung seines peripheren Endes. Dass das helle glänzende 
Köpfchen als Spore zu deuten ist, ergiebt sich aus dem Verhalten gegen 
Anilinfarben, indem es nach Behandlung mit concentnrter Schwefelsäure, 
sowie in heisser, concentrirter Farbstofflösung die Anilinfarben aufnimmt, 
während es bei der gewöhnlichen Färbemethode ungefärbt bleibt 

Ausser den eben beschriebenen Formen finden sich auch noch Fäden 
mit kleinerem, intensiv farbbaren Köpfchen (Stadium der Sporenbildung), 
und endlich solche, an denen das letztere fehlf 

Die Form des Bacillus lässt sich einigermaassen doch nicht viel von 
der Natur des Nährbodens beeinflussen. 

In Bouillon haben wir die längsten sporentragenden Formen der 
Köpfchenbakterien (Taf. I, Fig. 7), auf den festen Nährböden die kürzesten, 
so dass manchmal der sporentragende Stiel kaum sichtbar ist. (Taf. I, 
Fig. 8.) Sporenfreie Fäden von verschiedener Länge, sogar ziemlich kurze 
Stäbchen, kommen in jedem Nährboden vor. 

Die Färbbarkeit ist gut nach Oram. Eigenbewegung fehlt 

Gelatinestich. Das Wachsthum erfolgt IV2 bis 3«" unter der Ober- 
fläche längs des ganzen Stiches, jedoch nicht so dicht, dass die einzelnen 
Colonieen nicht deutlich sichtbar wären. Letztere ähneln meistens 
einem zerzupften Wattebäuschchen mit verdichtetem Centrum, welches 
aber keine bestimmte Form hat (Taf. II, Fig. 6.) Vergleicht man diese 
Colonieen mit solchen des Bacillus Nr. 1, so sieht man sofort, dass die 
langen und relativ dicken Fäden und der scharf begrenzte Kern der 
letzteren fehlen. Die Oasbildung in der Stichcultur tritt spärlich auf, 
deutlicher ist sie, wenn man die Gelatine in flüssigem Zustand impft und 
nachher erstarren lässt (Taf. II, Fig. 8.) 

Agarstich. Die Stichcultur entspricht dem umgekehrten Bilde eines 
jungen Tannenbaums mit wagerechten, jedoch unregelmässig angeordneten 
Aesten, dessen unverzweigter Stamm dem wachsthumlosen Stich (von der 
Oberfläche an gerechnet) entspricht (Taf. II, Fig. 7.) In flüssig ge- 
impftem und nachher erstarrtem Agar sieht man runde, kleine Cojonieen, 
welche eine ziemlich starke Gasbildung veranlassen. 

Agarstrich. Das Wachsthum erfolgt nur stellenweise längs des 
Striches; die Colonieen haben ein flaches bis halbkugeliges Relief und 



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Übeb anaerobe Bakterien im normalen Säüglingsstuhle. 211 

sind von grauweisser Farbe. Auch in dieser Cultar kommt eine ziem- 
lich bedeutende Gasentwickelung vor. 

Bouilloncultur (ana^rob). In den zwei ersten Tagen tritt eine 
Trübung ein, dann klärt sich die Bouillon und am Boden des Röhrchens 
bildet sich ein Satz, bestehend aus weisslichen Klumpen von schwach 
käsigem Geruch. Die Gasbildung, welche in dieser Kultur eine sehr deut- 
liche ist, dauert nur etwa zwei Tage an. 

Die Milch wird nicht zur Gerinnung gebracht und bleibt makro- 
skopisch ganz unverändert. Auch dieser Mikroorganismus erwies sich für 
sämmtliche Laboratoriumsthiere als nicht pathogen. 

Eine Uebersicht der untersuchten Fälle und ihrer Resultate wird in 
nachstehender Tabelle gegeben. 

Es sei hier nur bemerkt, dass alle untersuchten Kinder vollständig 
gesund waren und aus der Frauenklinik der Universität Zürich stammten. 
Hm. Prof. Dr. Wyder, Director der Frauenklinik spreche ich für die 
gütige Ueberlassung des klinischen Materiales an dieser Stelle meinen ver- 
bindlichsten Dank aus. 

Da, wie aus nachstehender Tabelle ersichtlich, nicht alle untersuchten 
Fälle ein positives Resultat lieferten, so bin ich nicht berechtigt, die 
Anaerobenflora im Säuglingsstuhl als eine constante zu betrachten. Es 
sei hier aber betont, wie ich im Anfang meiner Arbeit bereits bemerkt 
habe, dass die von mir angewandten Isolirungsmethoden keineswegs ideal 
waren und dass die gewöhnlichen Nährböden wahrscheinlich für viele Darm- 
anaCroben ein schlechtes Substrat lieferten. 

Es li^ auch nicht im Rahmen dieser Arbeit festzustellen, wie viele 
und welche anaerobe Arten im Säuglingsstuhle sich finden. Durch meine 
Untersuchungen ist doch der Nachweis geliefert, dass anaerobe Mikroorga- 
nismen in demselben vorkommen, weshalb ich mich berechtigt fühle^ die 
Angaben der Autoren, welche den Kinderdarm als anaerobenfrei betrach- 
teten, zu widerlegen, und der Ansicht bin, dass in fast allen, ja sogar in 
sämmtlichen physiologischen Fällen, Anaeroben existiren. Wenn sie sich 
unseren XJntersuchungsmethoden entzogen haben, so ist dies der mangel- 
haften Methode zuzuschreiben. Ich weise noch auf die Thatsache hin, 
dass auch in Fällen (wie z. B. in dem vorletzt angegebenen), wo mikro- 
skopisch fast mit Sicherheit anaerobe Bacillen zu sehen waren, eine Züch- 
tung derselben misslang. Weitere Schwierigkeiten für die Züchtung der 
Anaeroben finden wir bei Säuglingen in der Entnahme des Materiales, 
weil bloss .die unteren Theile des Stuhles zur Untersuchung gelangen. 

Es wäre sehr wünschenswerth, dass die verschiedenen Darmabschnitte 
auf ihren Gehalt an Anaeroben geprüft würden, entweder bei Operationen 
oder unmittelbar nach dem Exitus. 



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212 



A. Rodella: 




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ÜbBB ANAteOBE BaKTEBIEN IM NORMALEN SÄUGLINGSSTÜHLE. 213 



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214 A. Rodella: 

Berücksichtigt man alle diese Factoren, so wird man die Procentzahl 
der gefundenen Ana^roben nicht als eine geringe schätzen und meine 
Ansicht, dass in sämmtlichen Fällen Ana^roben vorkommen, als nicht 
grundlos betrachten. 

Dafür spricht auch der Umstand, dass Bacillus 1 in vier, Bacillus 2 
in drei und Bacillus 3 in zwei von verschiedenen Säuglingen stammenden 
Stühlen gefunden wurden. 

Ich möchte hier noch erwähnen, dass ich in letzter Zeit zwei Fälle 
von Kinderdiarrhöen auf Anaöroben untersucht habe und beide mit posi- 
tivem Resultat 

Es sei hier nur hervorgehoben, dass, währenddem ich in physio- 
logischen Fällen keine verflüssigende AnaSrobenart isolirte, in den zwei 
erwähnten pathologischen Fällen die Gelatineverflüssigung von Seite ein^ 
anaßroben, welcher auch ein gasbildender war, eine sehr starke ist 

Wir sind entfernt, aus diesen wenigen Versuchen weite Schlüsse 
ziehen zu wollen. Die Frage der Darmanaöroben muss sowohl bei Kindern 
wie bei Erwachsenen, sowohl bei Menschen wie bei Thieren gründlich 
studirt werden, bevor allgemein geltende Gesetze von der Physiologie und 
der Pathologie aufgestellt werden. Das kann aber nicht Sache eines Ein- 
zelnen, noch weniger einer einzigen Arbeit sein. 

Nach meinem Dafürhalten aber lässt sich der constante Befund von 
Bacterium lactis aerogenes und Bacterium coli commune in den Stühlen 
gesunder sowie kranker Individuen und insbesonders die grosse pathologische 
Bedeutung des Bacterium coli nach den bisherigen Untersuchungen da- 
durch erklären, dass diese Bacillen sehr leicht zu züchten sind und die 
übrigen überwuchern. 

Escherich hat dem Bacterium lactis aerogenes allein die Rolle 
der Gasbildung im Säuglingsdarme zugeschrieben und behauptet, dass 
eine durch diesen Mikroorganismus bedingte Gährung „nur in den oberen 
Partieen des Dünndarmes stattfindet^ ^ Heut zu Tage ist eher anzunehmen^ 
dass verschiedene, darunter auch AnaSroben- Darmbakterien diese Eigen- 
schaft haben. Bis jetzt ist, dank der steten Ueberwucherung des Bacteiiom 
coli bezw. des Bacterium lactis aerogenes in Culturen aus dem Stuhl, 
diesem Mikroorganismus für manche Fälle eine zu grosse Bedeutung zu- 
geschrieben worden. 

Escherich hat noch viele Versuche mit sterilisirtem Caseln und 
Fibrin gemacht, welche er mit Kinderkoth inficirte, und ist zu dem Resultat 
gekommen, dass sowohl das Caseln wie das Fibrin durch die Bakterien 
keine Veränderung erleiden. Hervorzuheben ist, dass er alle diese Ver- 
suche nur bei Luftzutritt gemacht hat; er kommt zu folgendem Schluss: 
„Da die gemachten Versuche deutlich zeigten, dass die beiden chemischen 



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Über a^aIihobb Bakterien im normalen Säuglingsstühle. 215 

Stoffe sich auf keinerlei Weise verändern, so wird im Darmcanal selbst 
bei dem Mangel an freiem Sauerstoff die Vermehrung der Bakterien und 
ihre Einwirkung auf das Caseln eine noch weit geringere sein." Ware 
es nicht möglich, ja sogar wahrscheinlich, wenn er die Versuche bei Luft- 
abschluss gemacht hatte, dass er dann Bakterien gefunden hätte, wie z. B. 
Bacillus Nr. 1, welche im Stande sind, das Caseln stark zu verändern? 

Ich möchte hier noch, was Bacillus Nr. 1 betrifft, auf die merk- 
würdige Thatsache hinweisen, dass, währenddem der Stuhl aller unter- 
suchten Fälle geruchlos war, alle die Culturen des vier Mal isolirten 
Bacillus Nr. 1 einen sehr starken üblen Geruch hatten. 

Ich fasse die Resultate meiner Untersuchungen folgendermaassen zu- 
sammen: 

1. Im Stuhle gesunder, nur einige Tage alter Säuglinge kommen 
ana^robe Mikroorganismen vor. 

2. Dieselben lassen sich nicht nur bei Flaschenkindern sondern auch 
bei Brustkindern nachweisen. 

8. In sechs von neun untersuchten Fällen ist es mir gelungen, Arten von 
ana^roben sporentragenden Bacillen zu isoliren, welche alle gasbildend waren. 

Zum Schlüsse möchte ich Hm. Docent Dr. Silberschmidt für die 
Ueberlassung des Themas und für seinen stets bereitwilligst ertheilten Rath 
herzlich danken. 

Litteratur-VerzeichnlBS. 

Bienstock, Annales de rinstitui Fasteur, 1900. T. XIV. p. 7Ö0. 

Eyckmann, lieber Enzyme bei Bakterien und Schimmelpilzen. CentralUaU 
für Bakteriologie. 1901. Bd. XXXIX. Nr. 22. 

Escherich, Die Darmbakterien des Säuglings. Stuttgart 1886. 

Flügge, Die Mikroorganismen. I^ipzig 1896. 

Gerstner, Arbeiten aus dem bakteriol. Institut der technischen Hochschule zu 
KarUruhe. Bd. I. S. 152. 

Hammerl, Zeitschrift für Biologie. 1897. Bd. XXXV. 

Klein. Centralblatt für Bakteriologie. Bd. XVIII. S. 737. — Bd. XXII. S. 114 
u. 576. — Bd. XXV. S. 278. 

Kohlbrugge, Der Darm u. seine Bakterien. Ebenda. 1901. Bd. XXX. Nrlu. 2. 

Mannaberg, Specielle Pathologie und Therapie von Nothnagel. Bd. XVII. 

Müller, Deutsche med. Wochenschrift. 1885. S. 848. 

Moro, Jahrbuch für Kinderheilkunde. 1900. Jaliheft. 

Rodella, Ueber die sogenannten säureliebenden Bacillen im Saugliogsstuhle. 
Ebenda. 1901. Bd. XXIX. Nr. 18. 

Sanfelice, Untersuchungen über anaörobc Mikroorganismen. Diese Zeitschrift. 
Bd. XIV. S.889. 

Veillou et Zuber, Recherches sur quelques microbes strictement anaörobies 
et leur röle en pathologie. Arch. de mid. ejptr. 1898. Nr. 4. Juillet. 



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216 A. Rodella: Übeb ANAftROBE Bakterien u. s. w. 



Erklärung der Abbildungen. 

(Taf. I u. II.) 

Tafel L 

Figr* !• (Fall Scha., 9 tag. Brustkind.) Directes Ausstrichpraparat Gram 'sehe 
Färbung. 

Fig. 2. (Fall Sehr. , 9 tägiges Flaschenkind.) Direotes AuB8trichpr^>aTtt 
Gram 'sehe Färbung. 

Flg. 3. (Fall Sehe., lltftgiges Brust- und Flaschenkind.) Directes Ausstrich- 
praparat Färbung nach Gram. 

Fig. 4. Ausstrichpräparat aus einer lötägigen Milchcultur des Bacillus Nr. l. 
Gram' sehe Färbung. 

Fig. 5. Ausstrichpräparat aus einer dtägigen BouiUoncultur des Bacillus Nr. 2. 
Gram* sehe Färbung. 

Fig. 0. Ausstrichpräparat aus einer 5tägigen schrägen Agarcultur des Bacillus 
Nr. 2. Färbung mit AnilinwassergentianaTiolett. 

Fig. 7. Ausstrichpräparat aus einer 5tägigen Bouillonoultur des Bacillus Nr. 3. 
Färbung nach Gram. 

Fig. S. Ausstrichpräparat aus einer 8tägigen schrägen Agarcultur. Färbung 
nach Gram. 

Vergrösserung sämmtlicher Figuren 450:1. — Koristka. Vit Imm., Oc. 2 mit 
Camera gez. Hr. L. Schröter in Zürich hat die Zeichnungen ausgefthrt 

Tafel U. 

Fig. 1. ntägige, flüssig geimpfte Gelätinereincultur des Bacillus Nr. 1. 
Fig. 2. 6tägige Agarstichcultur des Bacillus Nr. 1. 
Fig. 3. 4 tägige Gelatinestichcultur des Bacillus Nr. 2. 
Fig. 4. 3 tägige Agarstrichcultur des Bacillus Nr. 2. 
Fig. 5. 8 tägige, flüssig geimpfte Gelätinereincultur des Bacillus Nr. 2. 
Fig. 6. 7 tägige Gelatinestichcultur des Bacillus Nr. 3. 
Fig. 7. 5 tägige Agarstichcultur des Bacillus Nr. 8. 
Fig. S. 10 tägige, flüssig geimpfte Gelätinereincultur des Bacillus Nr. S. 
Die photographischen Aufnahmen Figg. 1, 2, 3, 4, 6, 8 wurden von Hrn. Prof. 
Barbieri gemacht. Figg. 5 und 7 verdanke ich Hm. Prof. Karl Egli. 



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Die Bekämpfung der Rotzkrankheit des Pferdes. 

Von 



Prof. V. Babes 

1d BokftTMt 



(HIerii TAf. III n. IT.) 



I. Das Mallein. 



Trotzdem seit mehr als 10 Jahren in versohiedenenen Ländern über 
TJntersachongen und Erfolgen berichtet wird, welche von specifischen 
Substanzen ausgehend die Diagnose, die Schutzimpfung und die Heilung 
des Rotzes bez¥recken, gehen heutzutage die Meinungen über den Werth 
der verschiedenen Angaben und Methoden in dieser Richtung mehr als je 
aus einander, so dass eine kritische und experimentelle Beleuchtung der 
Frage wohl am Platze ist. 

Als wir unter dem Eindrucke der Arbeiten von Hankin über giftige 
Produote beim Milzbrand, sowie jener von Roux und Chamberland über 
Immunitat durch gelöste Substanzen auch den RotzbaeiUus auf specifische 
chemische Substanzen hin untersuchten, indem namentlich der Chemiker 
unseres Institutes, Hr. Dr. A. Babes, über giftige Substanzen aus Rotz- 
cultur berichtete, mittels welchen wir ermuthigende Resultate in der Be- 
handlung des Rotzes erzielt hatten, und nachdem zu gleicher Zeit Helm an 
einen Extract aus den Bacillen dargestellt hatte, mittels welchen er be- 
hauptete, gegen Rotz immunisiren zu können, schien es, als ob auch für diese 
Krankheit specifische Heilmittel gefanden waren. Namentlich konnten wir 
durch Pracipitiren in Alkohol oder Sättigung mit Neutralsalzen (Ammonium- 
sulfiat) eine giftige Substanz gewinnen, wdche die Reaction der Albamosen 
gab, und mittels welcher inficirte Meerschweinchen mit Erfolg behandelt 
werden konnten. Im Juli 1890 veröffentlichte Hankin unsere Resultate 
in der „London Medical Society". 



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218 V, Babes: 

Im Jahre 1891 beschäftigten sich Helman, Kalniug, sowie 
A. Babes und Preusse mit Versuchen, eine dem Tuberculin analoge 
Substanz aus Rotzculturen darzustellen. Es wäre müssig, zu untersuchen, 
wem von diesen Forschem die Priorität in dieser Frage zukommt, indem 
allerdings die ersten Publicationen von russischen Forschern, namentlich 
von Helman herrühren, welcher behauptet, dass ein Auszug der Rotz- 
bacillen für die Diagnose des Rotzes verwerthet werden kann, indem 
dieser Auszug bei rotzigen Pferden Temperaturerhöhung und local eine 
Geschwulst an der Impfstelle hervorbringe. Unsere eigenen Untersuchungen 
datiren übrigens auch aus dem Anfange des Jahres 1891, indem wir in 
einer Thöse des Thierarztes Motoc, dann in der „Deutschen medicin. 
Wochenschrift^*, sowie in den „Archives de mMecine exp6rimentale" eben- 
falls die tuberculinähnliche Wirkung dieser Auszüge aus Rotzculturen be- 
schrieben hatten. Zugleich aber constatirten wir, dass dieselben Substanzen 
auch zur Heilung der Rotzkrankheit, namentlich bei langdauemdem und 
systematischem Gebrauche, beitragen können. Besonders bei einer Serie von 
Meerschweinchen konnten wir Heilung mittels der Impfung steigender Dosen 
erzielen, während die Controlthiere zu Grunde gingen. Ebenso behandelten 
Motoc und A. Babes mehrere rotzkranke Pferde mit steigenden Dosen 
ihres Präparates, welches sie „Morvin** nannten, indem nach 2 bis 
3 Monate langer Behandlung alle Rotzsymptome, sowie die Empfindlich- 
keit gegen Malleln dauernd verschwanden. 

Ein Uebelstand dieser Behandlung war die grosse Giftigkeit unseres 
Präparates, welche durch eine veränderte Bereitungsweise nun eine sehr 
geringe geworden ist, indem die Toxine derart präparirt werden, dass 
dieselben wohl die fieberhafte und locale Reaction erzeugen, doch den 
grössten Theil ihrer Giftigkeit eingebüsst haben, in gewissem Sinne haben 
sich vielleicht eine Art Toxoide an Stelle eines Theiles desselben entwickelt 
Allerdings tritt nunmehr die heilende Wirkung unseres Präparates mehr 
in den Hintergrund. 

Diese Untersuchungen, welche sowohl Kalning als dem Mitarbeiter 
Helman's, Bertusch, das Leben kosteten, führten nun zu ausgebreiteter 
Verwendung des Morvins oder MalleXns zur Rotzdiagnose. Dieselbe Wir- 
kung äussert auch das Präparat von Preusse, welches durch eine Infusion 
der sterilisirten Cultur in Glycerin erzeugt wird. 

In Bezug der Bereitung der verschiedenen Mallelnarten können wir 
auf die Mittheilung von Kresling verweisen. Derselbe meint zwar, dass 
gewisse Mallelne bloss Temperatursteigerung, andere auch locale Reaction 
bedingen, was wohl nicht sicher ist, nachdem jene Forscher, welche die 
Localreaction nicht erwähnen, dieselbe Anfangs wahrscheinlich übersehen 
hatten. Ursprünglich betonte man namentlich, dass nur sehr virulente 



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Die Bekämpfung der Rotzkbankheit des Pferdes. 219 

Culturen ein gutes Malleln liefern, während wir selbst später constatiren 
konnten, dass zwischen Virulenz, Giftigkeit und Reaction kein noth- 
wendiger Zusammenhang besteht. In der That erzielen wir heute dieselbe 
Keaction wie früher mit kaum giftigen Producten. Wir wollen noch er- 
wähnen, dass besonders Pearson in Berlin, Bromberg in Charkow, 
Rom in Paris, Foth in Berlin ähnliche Substanzen erzeugen, indem 
man fQglich zwischen flüssigen Präparaten (Helman, Ealning, Pear- 
son, Bromberg, Preusse, Roux-Nocard, Gutzeit, Preiss u. s. w.) 
und zwischen festen Präparaten (A. Babes, Foth, Eilborn und 
Schweinitz) unterscheiden kann. Alle diese Präparate gehen von einer 
möglichst virulenten Cultur aus, indem die Erhaltung dieser Virulenz 
mittels Durchleiten durch Eaninchen oder Eatzen erreicht wird. Roux- 
Nocard verimpfen das Blut eines nach 2 Tagen verstorbenen Eaninchens 
in Reagensgläschen mit Eartoffeln, nach 8 Tagen bei 87^ wird die 
Cultur mit etwas gekochten Wassers verdünnt, durch Leinewand filtrirt 
und in die Ohrvene des Eaninchens injicirt, um die Virulenz weiter zu 
erhalten. Das Malleln wird aus Culturen in Glycerinbouillon erhalten; 
die Eolben bleiben einen Monat lang im Brütofen, werden dann sterili- 
sirt und auf ein Zehntel eingeengt. Es wird also ebenso bereitet wie das 
Tuberculin. Dieses Präparat erhält sich gut, aber nach unseren Erfah- 
rungen weniger gut als das pulverformige Präparat. Auch fanden wir es 
für nöthig, die wirksame Dosis für jede Sendung von Neuem zu prüfen, 
indem dennoch gewisse Schwankungen der Wirkung der verschiedenen 
Sendungen nicht ausgeschlossen ist. Unser Malleln (Morvin) wird derart 
bereitet, dass wir reichliche Culturen aus virulentem Material in einer 
Kartoffelpasta herstellen; die Culturen bleiben 6 bis 6 Wochen im Brüt- 
ofen, kommen dann in ein Wasserbad von 68^ während 8V2 Stunden, 
werden dann mit Wasser emulsionirt und darauf durch ein Witt'sches 
Filter filtrirt, das Filtrat in Alkohol präcipitirt, dann wieder filtrirt, der 
Filtemiederschlag mit Alkohol und dann mit Aether gründlich gewaschen. 
Hierauf wird das Pulver unter der Luftpumpe rasch getrocknet. Dasselbe 
behält seine Wirkung mehr als 5 Jahre. 

Das Mallelnum siccum Foth wird aus virulenten Culturen bereitet, 
welche durch Meerschweinchen durchgeleitet wurden, die nach 8 Tagen 
zu Grunde gingen. Nach 20tägiger Cultur im Brütofen wird dasselbe bei 
80^ auf ein 25ehntel seines Volumens eingeengt, dann in 30 Volumen ab- 
soluten Alkohols präcipitirt, über Chlorcalcium im luftleeren Raum ge- 
trocknet, mit Wasser aufgenommen und von Neuem präcipitirt. 

Nachdem wir unser Morvin 2 Jahre früher auf ähnliche Weise wie 
Foth bereitet haben, indem wir aber ein reineres und wirksameres Prä- 
parat erhielten, nachdem Foth durch Präcipitiren in absolutem Alkohol 



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220 V. Babes: 

verschiedene nn wirksame Substanzen mitpräcipitirte, müssen wir von 
Neuem die Priorität und Ueberlegenheit des Morvins A. Babes betonen. 

In der Regel entspricht eine Dose von 0*25 bis 0*30 Malleln Roux- 
Nocard einer Dosis 0-02 bis 0*03 Morvin A. Babes und etwa 0«05 bis 
0.06 Malleln Foth. 

Wir haben zahlreiche Pferde vergleichend mittels Morvin A. Babes, 
Malleln Roux- Nocard und Mallelnum siooum Foth behandelt, und 
fanden, dass namentlich die angegebene Dosis des Roux-Nooard'schen 
Präparates genau dieselbe locale und allgemeine Wirkung hervorruft wie 
unser Präparat, während gewöhnlich die von Foth empfohlene Dosis 
seines Präparates eine bedeutend stärkere Temperatursteigerung hervor- 
bringt als das unsere. Wir werden im Folgenden zahlreiche derartige 
Controluntersuchungen anführen und können schon jetzt betonen, dass die 
von Foth Anfangs angegebene Dosis unseren Erfahrungen nach zu hoch 
bemessen ist, indem Thiere, welche nicht rotzig sind und mit Nooard's 
Präparat nicht reagiren, mittels Malleln Foth manchmal doch reagiren. 

Um gleichmässige und vergleichbare Resultate zu erzielen, muss zu- 
nächst immer das entsprechende Präparat an rotzigen, nicht fiebernden 
Pferden erprobt werden, indem weder zu kleine, noch zu grosse Dosen 
verwendet werden dürfen. Wenn die Dosen zu klein sind, entsteht zwar 
Temperaturerhöhung bei rotzigen Pferden, welche aber nicht graug aus- 
gesprochen ist, um sicher diagnostisch verwerthet werden zu können. 
Ferner bleiben dann öfter die Allgemein- und die . Local-Reaction aus, 
welche immerhin zur Stellung der Diagnose nöthig sind. Anfangs, als 
wir mit einem sehr concentrirten Präparate arbeiteten, erreichten wir mit 
0*01 eine charakteristische Temperatursteigerung von 2 bis 3^, während 
die Localreaction unbedeutend war. Eine Injection von etwa 0«02 bis 
0-08 erzeugt ausserdem noch bedeutende Puls- und Respirations-Beschleu- 
nigung, Muskelcontractionen, Zittern und oft ein mehrere Tage an- 
dauerndes, bedeutendes Oedem an der Injectionsstelle. Unser jetzt ver- 
wendetes Morvin ist viel weniger giftig, so dass Meerschweinchen oder 
Pferde die 10- bis 20-fache Dosis ertragen, und giebt unser Präparat die 
charakteristische allgemeine und locale Reaction nach Injection von 0-02 
bis 0*03. Ein 1- bis 2 jähriges Präparat unseres Morvins erzeugt dieselbe 
typische Reaction nach Injection von 0-04. Das bei uns in Anwendung 
gekommene Malleln Foth hat denselben Effect wie unser Morvin bei 
Injection von 0-05, während 0*06 bis 0-08, welches der Anweisung Foth's 
entspricht, bedeutend stärkere Reaction verursachen. 0-26 <=«° MallöLn 
Roux zeigt gewöhnlich eine etwas stärkere Reaction als unser Präparat 
so dass wir im Durchschnitt sagen können, dass 0-25<^^°* Malleln Roux 
etwa 0-03 Morvin und 0-05 Malleln Foth entspricht. 



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Die Bekä3ipfung der Rotzkbankheit des Pferdes. 221 

Es ist unseren Untersuchungen gemäss nicht zulässig, einen wesent- 
lichen Unterschied in der Wirkung dieser drei Präparate anzunehmen, so 
dass die verschiedene Meinung der Autoren über die Wirkung des Mallelns 
nicht darauf beruhen kann, dass die verschiedenen Präparate verschieden 
wirken, wie dies wohl häufig angenommen wird, indem in unseren zahl- 
reichen Controlversuchen nicht nur die Temperatursteigerung, sondern alle 
Nebenerscheinungen bei diesen drei Präparaten dieselben waren. Uebrigens 
q:(3hen die Meinungen über die diagnostische Wirisung des Mallelns auch 
dort aus einander, wo ein und dasselbe Präparat zur Verwendung kam. 
Während z. B. Nocard die Verwendung des Mallelns zur Botzdiagnose 
warm empfiehlt, wird dasselbe von Leblanc bekämpft, während andere 
französische Forscher eine exspectative Stellung einnehmen. In Deutsch- 
land sprechen sich Fröhner, Schütz, Siedamgrotzky, Engelen, 
Malkmus, 01t u. s. w. gegen die diagnostische Bedeutung des Mallelns 
aus. während Preusse, Johne, Kitt u. A. dasselbe warm befürworten. 
Auch in Bussland, wo Semmer und Wladimiroff dasselbe empfehlen, 
sprechen sich namentlich die Militär-Thierärzte gegen dasselbe aus. 

Neben sorgfaltigen Untersuchungen bestehen aber so viele ganz un- 
genügende Angaben, dass namentlich diese die Frage über die Wirkung 
des Mallelns verwirren. Wir wollen deshalb hauptsächlich über die Re- 
sultate bewährter Forscher, welche über ein grosses Material verfugten, 
im Kurzen kritisch berichten. 

Wenn wir in die Mittheilungen der Anhänger des Mallelns näher 
eingehen, können wir nicht umhin, die Kritiklosigkeit deren Mittheilungen 
zu betonen. Wenn dieselben ein Versagen der Methode beobachten, wird 
dasselbe ohne jede Gontrole auf die schlechte Qualität des Mallelns oder 
auf den Zustand der Pferde zurückgeführt. Die getödteten Pferde sind 
immer rotzig, indem das kleinste, selbst nicht entzündete, ganz unvirulente 
Knötchen in Lunge oder Leber selbstverständlich als Rotzknötchen pro- 
clamirt wird. 

Oder aber handelt es sich um bloss 2 bis 8 bis 10 Pferde, deren 
Mallelnisirung offenbar nichts zur positiven Entscheidung der Frage bei- 
tragen kann. 

Preusse, welcher als einer der Ersten Malleln dargestellt hatte, 
vertheidigt dieses Präparat und seine Bedeutung, indem derselbe wohl 
mit Becht behauptet, dass viele in den Lungen gefundene, wenn auch 
kleinere Herde bei Thieren, welche typisch reagirt haben, Botz bedeuten, 
doch ist es nicht richtig, dass solche Herde und Knoten deshalb als nicht 
rotzig angesehen werden, weil man versäumt hätte, dieselben daraufhin 
mit modernen Methoden zu untersuchen. Wir selbst haben uns in zahl- 



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222 V, Babes: 

reichen Fälleu durch Cultorversuche und Impfung davon überzeugt, dass 
die Knötchen, welche nach typischer Beaction gefunden werden, in der 
Mehrzahl der Fälle weder Bacillen noch lebendes Virus enthalten. 

Ebenso wenig entsprechen die Angaben Preusse's über die typische 
Reaction unseren Erfahrungen. Nach Freusse ist jede steile Ansteigong 
der Temperatur um IV2 ^^ typisch. Dies ist offenbar falsch, indem 
bei Tielen anderen Krankheiten, so bei Druse, dieser Anstieg die Begel 
bildet, unbedingt ist bei Rotz eine Temperaturerhöhung von wenigstens 
2 Grad, und über 40 Grad, und 2 Tage andauernd zu Terlangen. Auch die 
doppelte Culmination der Gurre an einem Tage zeugt zwar für eine etwas 
dauerhaftere Beaction, doch ist dieselbe weder die Begel noch für die 
Botzdiagnose genügend, während Andauern des Fiebers, welches nach 
Preusse nicht charakteristisch ist, nach unseren Erfahrungen eben für 
die typische Beaction unerlässlich ist Ebenso unbegründet ist die Ver- 
nachlässigung der localen und allgemeinen Beaction Ton Seiten Preusse's. 

Der bedeutendste Anhänger des Mallelns ist Nocard, der über zahl- 
reiche Beobachtungen verfügt. In den in Frankreich gültigen, von 
Nocard herrührenden Instructionen wird behauptet, dass in den Fällen, 
in welchen die Pferde an Botz erkrankt sind, stets in Folge der Ein- 
spritzung an der Injectionsstelle eine voluminöse und mehrere Tage an- 
dauernde Schwellung und Lymphstränge entstehen. Es sollen diese 
Symptome in keinem Falle fehlen. Allein an einer anderen Stelle wird 
betont, dass auch nicht rotzige Pferde an der Injectionsstelle eine geringe 
Schwellung, etwas Temperaturerhöhung und Empfindlichkeit zeigen, was 
aber rasch vorübergehen soll. Unsere zahlreichen Erfahrungen aber haben 
gezeigt, dass selbst bei rotzigen Pferden öfters nur eine ganz geringe 
kurz dauernde Schwellung an der Injectionsstelle vorhanden ist. Die von 
Nocard angegebenen Symptome sind also nicht constant, zumal dieser 
Forscher nicht angiebt, wie gross und wie lange dauernd die locale Beaction 
sein muss, damit diese Schwellung für Botz charakteristisch sei 

Ebenso ungenügend sind Nocard's Angaben über die in Folge der 
Mallelninjection sich einstellende Temperatursteigerung. Dieser Autor 
begnügt sich mit der Behauptung, dass eine Temperatursteigerung von 
über 1-5^, wenn dieselbe wenigstens zwei Tage lang andauert, für Botz 
charakteristisch ist. Unsere bei Tausenden von Pferden gesammelten 
Erfahrungen lehren, dass in den meisten Fällen, in welchen die Temperatur 
89^ nicht überstieg, nicht von Botz die Bede sein konnte. Wenn z. B. 
ein Pferd eine Temperatur von 37.3 bis 87-4® aufweist und nach der 
Injection dieselbe nicht einmal bis zu 89® aufsteigt, so kann nicht be- 
hauptet werden, dass das Thier rotzkrank sei. Auch Temperatursteigerungen 
über 39°, wenn dieselben 40® nicht erreichen und nicht 2® betragen, 



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Die Bekämpeung deb Rotzkbankheit des Pferdes. 223 

sind nach unseren Erfahrungen nicht für Rotz charakteristisch. Noch 
weniger charakteristisch sind die von einigen deutschen Verfassern an- 
gegebenen Temperatursteigerungen, indem dieselben bei einem Anstieg von 
1 ^ Rotz diagnosticiren, was aber durchaus unzureichend ist. Schon diese 
Thatsache lehrt, wie wenig gründlich bis heute verfahren wurde. 

Nooard behauptet ausserdem, dass, wie typisch auch die thermische 
Reaotion ausfallen möge, der Mangel der organischen Reaction dazu hin- 
reiche, um das Thier bloss als rotzverdächtig anzusehen — was aber mit 
seiner früheren Behauptung, dass in den Fällen von Rotz eine organische 
Reaction stets vorhanden sein müsse, in Widerspruch steht. Nocard 
müsste seiner Behauptung zu Folge, dass bei Rotz immer bedeutende 
Localreaction vorhanden sei, sagen, dass bei typischer thermischer Reaction 
und bei Mangel an localer Reaction Rotz ausgeschlossen sei. In dieser 
Ideenfolge gelangt Nocard zu dem heute von den meisten Forschem 
bekämpften Schluss: „Un animal qui ne r^agit pas ä une injection de 
mall^ine n'est pas morveux quelles que soit Papparence des symptömes 
observös." 

Die Unzulänglichkeit der Nocard'schen Methode verräth sich mehr 
durch das, was er nicht aussagt, als durch das, was von ihm behauptet 
wird, was mit der Thatsache zusammenßllt, dass er sich nicht durch 
zahlreiche Controlversuche von dem Werth des Mallelns zu überzeugen 
suchte. So haben wir z. B. in zahlreichen Fällen beobachtet, dass, wenn 
ein Pferd in einem Zeitraum von 1 bis 2 Wochen nach einander 2 Mal 
mit ein und demselben Malleln injicirt wird, es sich ereignen kann, dass 
das Thier das erste Mal reagirt und das zweite Mal nicht — eine That- 
sache, die, wie es scheint, Nocard ganz und gar unbekannt ist oder die 
von ihm nicht beachtet wird. Nocard behauptet, dass die rotzverdächtigen 
Pferde mit Malleln zu injiciren sind; reagiren sie nicht, so sind sie von 
dem Verdachte des Rotzes frei; jene Pferde, welche reagiren, sollen 
1 bis 2 Monate unter Observanz gehalten und nachher von Neuem mal- 
lelnisirt werden; tritt dann keine Reaction ein, so sind die Thiere als 
geheilt zu betrachten. Thatsächlioh veröffentlicht Nocard eine Reihe von 
Fällen, in welchen diejenigen Thiere, die nach 1 bis 2 Monaten nach der 
zweiten Mallelnisirung reactionslos waren, es auch später nach einer dritten 
und vierten Mallelninjection blieben. Dem gegenüber können wir, auf 
unsere vielfachen Versuche gestützt, die wir selbst mit dem Nocard 'sehen 
Präparat unternahmen, behaupten, dass sich dieser Forscher täuscht. 
Zunächst müssen wir bemerken, dass, wenn in einem Zeitraum von 8 bis 
14 Tagen zwei Mal injicirt wird, das eine Mal mit und das andere Mal 
ohne Reaction, es unzulässig ist, anzunehmen, dass gerade in dieser 
kurzen Zwischenzeit von 8 Tagen das Pferd an Rotz erkrankt oder von 



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224 V. Babes: 

demselben geheilt worden wäre. Nocard rath in manchen Fublioationen 
davon ab, kurze Zeit nach der Mallelnisirung ein zweites Mal za impf^i^ 
indem er behauptet, dass die erste Beaction die zweite beeinflussen würde, 
was wir aber in Tausenden von Fällen nicht beobachten konnten. Jeden- 
falls können die oontradictorischen Resultate der beiden Impfungen nicht 
darauf zurückgeführt werden, indem die erste Impfung das Thier wohl 
derart beeinflussen könnte, dass es zum zweiten Mal nicht reagirt, nachdem 
es zuerst reagirt hatte, oder auch umgekehrt, nicht aber ein Mal so und 
das andere Mal anders. In der That haben unsere Thiere in mehreren 
Hundert Fällen das erste Mal reagirt und das zweite Mal nicht und etwa 
ebenso viele gerade umgekehrt. Zweitens verfügen wir über ein zahl- 
reiches Material, aus welchem ersichtlich ist, dass viele Pferde, die zu 
reagiren aufgehört hatten, nach neuerlichen Ii^ectionen von Neuem typisch 
reagirten; es könnte dies in vielen Fällen als neue Infeotion angesehen 
werden, während andererseits dort, wo sich diese Erscheinung wiederholt, 
angenommen werden* muss, dass das Aufhören der Beaction nicht 
auch das Aufhören des Rotzes bedeute. Thatsächlich erdgnete es 
sich auch mehrere Male, dass, nachdem die Pferde nicht mehr reagirten, 
dieselben nach kurzer Zeit doch an Rotz zu Orunde gingen. Wir können 
dem zu Folge, auf unsere Untersuchungen gestützt, das Verfahren und die 
Schlussfolgerungen Nocard 's nicht gutheissen und müssen nach neuen 
Kriterien für die Reaction und nach einem anderen Anwendungsmodus 
forschen. 

Der wesentliche Fehler sowohl Preusse's als Johne's ist die 
Annahme, dass die Malleinreaction immer auf lebende Rotzbacillen im 
Organismus hinweisen sollen, was eben absolut nicht bewiesen ist Im 
Qegentheil sind bei der Mehrzahl der in Folge typischer Reaction 
getödteten Pferde lebende Bacillen durch keinerlei Verfahren, 
selbst von ausgezeichneten Bakteriologen, welche alles Inter- 
esse hatten, solche zu finden, nicht gefunden worden, und ist 
es nicht gestattet, diese höchst wichtige Thatsache einfach zu ignoriren 
oder mit der gänzlich unerwiesenen Behauptung abzufertigen, dass doch 
wohl irgend wo im Organismus dieser Pferde versteckte Baoillenherde 
vorhanden gewesen sein müssten. 

Für den Werth des MalleXns spricht sich Schindelka aus, indem 
derselbe verschiedene Lungenknötchen als rotzig deutet und indem derselbe 
aber allerdings zugiebt, manchmal bei anderen Krankheiten, namentlich 
bei Emphysem, seine als typisch bezeichnete Beaction gefunden zu haben. 

Die für die russische Armee gültigen Instructionen verlangen eine 
Temperatursteigerung von 2®, welche sich wenigstens 36 Stunden lang 
erhält, bei Fehlen verdächtiger Symptome eine zweite Injection nach 



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Die Bekämpfung der Rotzkeankheit des Pferdes. 225 

14 Tagen und bei positivem Ausfall Tödtung der Pferde. Der localen 
und allgemeinen ßeaction wird keine grössere Bedeutung beigelegt. Wir 
werden sehen, dass sich diese Instructionen unseren Anschauungen ziemlich 
nähern, obwohl dieselben uns ebenfalls zu sohematisch und schwer aus- 
führbar erscheinen, wie dies unsere späteren Ausführungen erweisen sollen. 
Foth, welcher, wohl ohne Kenntniss von unserem Präparate zu be- 
sitzen, ebenfalls ein trockenes Malleln herstellt und benutzt, von welchem 
etwa 0-06 bis 0*1^™ als Einzeldose empfohlen wird, ist überzeugter An- 
hänger des Mallelns. 

Derselbe behauptet: 

1. dass jedes rotzige Pferd reagirt, was allerdings nicht richtig 
ist, und 

2. dass nicht rotzige Pferde nicht reagiren. 

3. Femer hält derselbe eine Reaction von über 2^ als sicheres Zeichen 
von Rotz. Auch hier täuscht sich dieser Autor, indem dessen Malleln in 
den von uns verwendeten Proben in der angegebenen Dose stärker wirkt 
als unser Morvin oder Roux-Nocard's Malleln, so dass eine Steigerung 
der Temperatur auf über 2° einer solchen unter 2^ mittels unserer Prä- 
parate entspricht, welche Temperatur nach unserer Erfahrung nicht un- 
bedingt auf Rotz hinweist. 

4. In Bezug der unsicheren Reaction sind wir mit dem Autor ein- 
verstanden. 

5. Atypische Ansteigungen sind nach Foth nicht als Zeichen für 
^Rotz zu bezeichnen, was nicht mit unseren reichlichen und controlirten 

Erfahrungen übereinstimmt, indem oft, namentlich bei manifest rotzigen 
Pferden,, atypische Reaction auftritt und dieselbe oft mit typischer ab- 
wechselt. Allerdings besteht atypische Reaction oft bei anderen Krank- 
heiten, namentlich aber bei Druse. 

6. Foth zieht diese atypischen Reactionen nur dann in Betracht, 
wenn es sich um rotzkranke oder verdächtige Pferde handelt, was aller- 
dings als praktisch nützlich, doch wissenschaftlich unhaltbar bezeichnet 
werden darf. 

7. Bei geringeren Dosen des Mittels sind geringere Temperatur- 
steigerungen zu beobachten, welche aber weniger charakteristisch sind. 
Dies können wir auch bestätigen, indem die charakteristischen Reactionen 
durch ein Präparat erzielt werden, bei welchen die Temperatur rotziger 
Pferde sich über 2® über die Initialtemperatur erhebt, doch nicht excessive 
Temperatur erzeugt, indem mit einem zu starken Präparat etwa 0-08 
bis 0*1 manchmal auch bei nicht rotzigen Pferden eine Temperatur- 
steigerung auftritt, welche mit Rotz verwechselt werden kann. 

Zefttehr. t Hygleiie. ZXZTX. 15 



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^226 Y. Babes: 

8. Foth zieht bei der Reaction weder die localen noch die allgemeiiien 
Erscheinungen in Betracht. Wenn wir auch die Nocard'sche Charakte- 
ristik dieser Reaetionen for ungenau und in ihrer Bedeutung fkberschatzt 
betrachten, können wir nach unserer reichlichen Erfahrung auch das 
Uebersehen derselben nicht billigen, indem in der Tbat b^ rotzigen 
Pferden eine bedeutende Local- und Allgemeinreaetion die R^;el bildet 

Das von Foth empfohlene Verfahren ist offenbar nicht zweckmässig, 
indem derselbe die Tödtung aller über 2^ reagirenden Pferde verlangt, 
was durchaus nicht nöthig ist und ungeheure Opfer auflegt, welche sich 
für die rumänische Armee auf über 1000000 Frcs. beziffern würden. 
Unzweifelhaft ist Foth von dieser Forderung zurückgekommen. 

Diesen sogenannten positiven Resultaten gegenüber werden immer 
von Neuem negative Resultate publicirt. Es genügte namentlich, näher 
zuzusehen und die lujectionen zu wiederholen, um sich zu überzeugen, 
dass, je mehr die Reactionen controlirt werden, das Resultat 
um 80 unsicherer wird. Unsere eigenen Untersuchungen, sowie jene 
von Tommilin und Happich zeigten z.B., dass bei Wiederholung der 
Impfungen die Pferde ein Mal reagiren, das andere Mal nicht oder atypisch. 
Diese Autoren gingen offenbar nicht so vor wie viele Anhänger des Malleln, 
welche die in Folge der Reaction getödteten Thiere sehr sorgfältig unter- 
suchen, und wenn sie dann einige hirsekomgrosse, weissliche, verkalkte, 
derbe, nicht virulente Knötchen in den Lungen finden, die Pf^e als 
rotzig erklären. Der Referent bemerkte zu der Mittheilung Tommilin 's 
und Happich's, dass die Untersuchungen willkürlich und ungenügend 
seien, indem der Rotz heilen könne. Aber diese Erklärung ist doch nicht 
anwendbar, wenn in Zwischenräumen von 8 Tagen das eine Pferd einmal 
reagirt und das zweite Mal nicht oder umgekehrt! 

Sobald sich die Autoren vom Schema Nooard's oder Anderer, welche 
aber jede ernste Controle ausschliessen, entfernen, kommen sie zu negativen 
Schlüssen. Das System Nocard's ist nämlich folgendes: Erste Injection: 
die Pferde reagiren oder reagiren nicht. Die reagirenden ohne klinische 
Symptome bleiben 2 Monate in Beobachtung, hiemach wieder eine In- 
jection: einige reagiren, andere nichtj; die reagirenden bleiben weitere 
2 Monate, die nicht reagirenden sind geheilt, und so weiter, so ist jede 
Controle ausgeschlossen, man brauchte aber bloss ein solches reagirendes 
oder nicht reagirendes Pferd nach 8 Tagen wieder zu impfen, und das 
ganze schöne System wäre umgestürzt, wenn das Pferd, das früher reagirte, 
nicht mehr reagirte oder umgekehrt Aber Nocard hat auch Thiere, die 
reagirten, getödtet und fand hierbei immer in Lunge oder Leber wenigstens 
einige miliare Knötchen, ergo waren die Thiere rotzig, Dass diese Knöt- 
chen gewöhnlich gänzlich indolent und nicht infectiös waren, kümmert 



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Die Bekämpfung deb Rotzkeankheit des Pfeedes. 227 

Noeard nicht weiter, auch stört es diesen Forsoher keineswegs, dass 
Thiere derselben Gruppe, welche nicht reagirten, dieselben Knötchen 
aufweisen, dieselben sind aber geheilt und enthalten keine Bacillen mehr. 
Aber auch bei den reagirenden werden keine Bacillen gefanden! Da würde 
aber nicht genügend gezüchtet, behauptet Noeard. Anf diese Weise 
tauschen sich Noeard und seine Anhänger allerdings nie. 

Schütz spricht sich gegen den Werth der Mallelnimpfangen aus, 
indem er angiebt, oft bei nicht rotzigen Pferden in Folge der Injection 
Reactibn und bei rotzigen MangiBl der Reaction beobachtet zu haben, und 
indem Schütz die in Lunge und Leber der in Folge typischer Reaction 
getodteten Pferde gefundenen Knötchen nicht als Rotzknötchen anerkennt, 
sondern dieselben zum grössten Theil auf den Reiz von Parasiten, Würmern 
i)der deren Eiern zurückführt. Der Autor, sowie 01t gehen nämlich von 
der Voraussetzung aus, dass, wenn diese Knötchen rotziger Natur wären, 
apch rotzige Veränderungen der Respirationsschleimhaut vorhanden sein 
müssten. Allerdings waren diese Knötchen in unseren Versuchen in der 
Regel nicht infectiös. 

Die Meinung Schütz' ist aber dennoch noch weniger gestützt als jene 
Noeard 's. Die fraglichen Knötchen wurden gewöhnlich nicht auf ihre 
Virulenz hin untersucht, Parasiten werden in denselben wohl öfters ge- 
funden, öfters aber auch nicht und überhaupt existiren bloss histologische 
Untersuchungen, welche über das eigentliche Wesen dieser fQr die Mälleln- 
frage so wichtigen Knötchen durchaus nicht immer die richtigen Auf- 
schlüsse geben. In der That, wenn diese Knötchen in der Regel rotziger 
Natur sind, muss sich die Bekämpfung des Rotzes ganz anders gestalten 
als wenn dieselben in der Regel nicht Rotz bedeuten. 

Es ist besonders wichtig, zu untersuchen, ob diese Knötchen aus dem 
Kreislauf stammen oder ob dieselben von bronchialen Veränderungen her- 
rühren, indem im letzteren Falle angenommen werden darf, dass dieselben 
einer Infection der Luftwege entsprechen, während in ersterem Falle den- 
selben ein secundärer, metastatischer Charakter zukommen dürfte. 

Es ist fraglich, ob die Knötchen, welche nach Noeard Rotz bedeuten, 
von Noeard, Preusse und Johne mit Recht als primäre Rotzaffectionen 
betrachtet werden dürfen. In Analogie mit anderen lufectionskrankheiten 
müsste man doch annehmen, dass die ersten Manifestationen entweder an 
der Invasionsstelle bestehen oder sich in Allgemeinerscheinungen äussern, 
während die späteren Localisationen in einem fernen Organ doch als 
secundäre angesprochen werden sollen, ebenso wie die metastatischen Ab- 
scesse in den Lungen in Folge einer Wundinfection doch nicht primäre, 
sondern secundäre Manifestationen sind. 

15* 



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228 V. Babes: 

Allerdings scheint es sich hier um ein Missyerstandniss zu handeln, 
indem Johne auch von kleinen peribronchitisohen und bronchitischen 
Herden spricht, welche durch Eindringen des Bacillus durch die Luftwege 
zu Stande kommen sollen, während die Experimente Nocard's sich auf 
Knötchen beziehen, welche durch Invasion vom Darme aus zu Stande 
kommen sollen. 

Was unsere eigenen Untersuchungen betrifft, können wir uns auf ein 
sehr reiches Material stützen, indem die Regierung eine Commission be- 
hufs Anwendung und Erforschung des Mallelns unter meinem Präsidium 
einsetzte, und an welchem die Herren Thierärzte Prof. Locusteanu, 
Popescu, Prof. G. Persu, Furtuna, Prof. Gavrilescu, Prof. 
P. Riegler und der Chemiker Dr. A. Babes theilnahmen. 

Diese Commission leitete die Mallelnisirung bei etwa 7000 Pferden 
und studirte genau die Resultate derselben. Vor Allem wurde festgestellt, 
was das Malleln für die Diagnose des Rotzes zu leisten im Stande ist 
In einem Artikel, welchen wir im August 1894^ veröffentlichten, theilten 
wir die Resultate unserer Untersuchungen mit, aus welchen hervorgeht, 
dass die Rotzkrankheit in Rumänien sehr verbreitet ist, und dass nament- 
lich ausser den ausgesprochenen Rotzfallen in zahlreichen Fällen ein ver- 
steckter oder latenter Rotz angenommen werden muss, indem etwa 30 bis 
50 Procent der Pferdebestände, in welchen ausgesprochene Rotzfalle vor- 
kommen, an dieser versteckten Form erkrankt sind. Bevor wir aber näher 
in die Untersuchung dieser Formen eingehen, müssen wir der zahlreichen 
Versuche Erwähnung thun, welche zur genauen Feststellung der charak- 
teristischen Reaction führen. 

II. Die Malleinreaction. 

Nachdem wir zunächst die Identität der verschiedenen Präparate ge- 
prüft hatten, konnten wir feststellen, dass Pferde mit klinischen Rotz- 
symptomen, aber bei gutem Kräftezustand und ohne Fieber in Folge der 
Mallelninjection folgendermaassen reagiren: Nach wenigen Stunden ent- 
steht Appetitlosigkeit, Abgeschlagenheit, öfters Muskelzuckungen, ferner 
erscheint an der Impfstelle eine schmerzliche, ödematöse Schwellung, welche 
nächsten Tages zunimmt und mehrere Tage andauert. Zugleich entsteht 
etwa 6 Stunden nach der Injection schnell ansteigende Temperaturerhöhung 
von wenigstens 2^ und mindestens bis 40® C, welche Temperatur sich 
mehrere Stunden lang auf dieser Höhe erhält, nach 24 Stunden aber ab- 
sinkt, um sich aber nächsten Tages wieder von Neuem über die Initial- 



Semaine mMicale, Pari« 1894. 



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Die Bekämpfung deb Rotzkrankheit des Pfebdes. 229 

temperatar zu erheben. Zugleich mit dieser thermischen Reaction ent- 
wickelt sich, wie erwähnt, gewöhnlich eine handtellergrosse oder grössere 
ödematöse Schwellung, welche 2 Tage und auch länger andauert. Wir 
bezeichnen die grosse locale Beaction über handtellergross und über 
2 Tage andauernd mit 0, die mittlere mit O, und die kleinere als ein 
Handteller und weniger als 2 Tage dauernde mit einem Punkte. Während 
dieser Erscheinungen ist das Pferd niedergeschlagen und appetitlos und 
zeigt häufig Muskelzuckungen. Etwa 48 Stunden nach der Impfung ist 
das Pferd in den Normalzustand zurückgekehrt. Diese Erscheinungen be- 
zeichne ich als typische Reaction (*), wobei ich aber schon hierbei be- 
merken will, dass nicht selten manifest-rotzige Pferde nicht diese typische 
Reaction, sondern andere Reactionsformen zeigen können, was aber vom 
praktischen Standpunkte keine Wichtigkeit besitzt, nachdem es sich eben 
um klinisch charakteristischen Rotz handelt. Oft erscheint die typische 
Reaction erst nach einer zweiten Mallelninjection. Während eine Tuber- 
culininjection den Organismus gegenüber einer zweiten Injection beein- 
flusst, ist dies beim Malleln nicht der Fall, indem rotzige Thiere, welche 
das erste Mal typisch reagiren, bei einer zweiten Injection nach etwa 8 
bis 14 Tagen in den allermeisten Fällen dieselbe typische Reaction er- 
kennen lassen. Allerdings kommt es nicht gerade selten vor, dass ein 
rotziges Pferd das erste Mal typisch reagirt und das zweite Mal nicht oder 
umgekehrt, so dass wir in Folge dessen gezwungen waren, eine charakte- 
ristische Reaction nur dann anzunehmen, wenn zwei nach einander folgende 
Injectionen typisch verlaufen. Noch eine andere bedeutende Schwierigkeit 
in der Interpretation der Reaction ist die, dass viele rotzige Pferde über- 
haupt nicht reagiren, namentlich jene, welche Fieber aufweisen, sowie 
andere, welche sich in einem Stadium bedeutender Kachexie befinden. Da 
bei diesen Pferden die Mallelnisirung nicht nöthig ist, um den Rotz zu 
diagnosticiren, hat die Erscheinung wohl keine praktische Bedeutung, wohl 
aber musste dieselbe vom theoretischen Standpunkte näher untersucht 
werden. 

Zunächst konnten wir beobachten, dass viele rotzige Pferde atypisch 
reagiren, oder dass typische Reactionen mit atypischen abwechseln. 
Vorerst müssen wir zwischen grosser typischer Reaction und der so- 
genannten kleinen typischen Reaction (f) unterscheiden, welche von 
vielen ausländischen Forschem als für Rotz charakteristisch betrachtet 
wird, während wir diese Reaction öfters auch bei gesunden Pferden con- 
statiren konnten. Dieselbe unterscheidet sich von dertypischenReaction 
dadurch, d&ss die Temperatur um weniger als 2^ über die Initialtempe- 
ratur und mcht bis auf 40^ steigt, indem auch die locale Reaction und 
die allgemeinen Erscheinungen weniger ausgesprochen sind, unter grosser 



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280 V. Babes: 

atypischer Reaction = ? verstehen wir eine bedeutende Temperatar- 
erhöhung, welche wie bei typischem Rotz ansteigt, über 2^ und bis über 
40^, ohne sich aber auf der Höhe zu erhalten; dieselbe fallt nach einigen 
Stunden ab, um sich nicht wieder zu erheben. Diese Reaction wird häufig 
bei rotzigen Thieren gefunden, doch häufig auch bei nicht rotzigen, mit 
anderen Krankheiten behafteten (Druse, Emphysem, Pneumonie). Unter 
kleiner atypischer Reaction = (?) verstehen wir eine ähnliche Curve^ 
welche aber 40^ nicht erreicht. Beide diese Erscheinungen können mit 
bedeutender und andauernder oder mit geringer, vorübergehender Local- 
reaction einhergehen. In nicht seltenen Fällen entsteht bei rotzigen Thieren 
wenige Stunden nach der Injection eine bedeutende Hypothermie, von 
welcher aus die Temperatur nur massig über die Normaltemperatur an- 
steigt. Häufiger und für Rotz charakteristisch ist jene Reaction, bei welcher 
die Temperatur ebenso ansteigt wie bei der typischen, indem dieselbe aber 
nicht am selben Tage zur Norm oder in die Nähe der Norm zurückkehrt^ 
um nächsten Tages wieder anzusteigen, sondern sich auf der Höhe erhält 
und nächsten Tages sich selbst bis über die Maximaltemperatur des ersten 
Tages erhebt (ascendirender Typus). 

Das Verhalten manifest-rotsiger Thiere gegenüber dem Malleln. 

1. Rotzkranke Thiere mit bloss einer Injection oder mit wenigen 

Injectionen. 

Unter 31 rotzkranken Pferden hatten 12 normale Temperatur und 
von diesen reagirten 6 typisch, 3 atypisch, 2 reagirten nicht, zeigten aber 
geringe Hypothermie nach der Impfung, und 2 Pferde reagirten bei den 
mehrfachen Infectionen bald typisch, bald atypisch. Bei drei anderen 
rotzigen Pferden, welche jahrelang mallelnisirt wurden, ging die Anfangs 
tpyische Reaction nach Monaten in eine atypische über, indem man con- 
statiren konnte, dass bei jeder folgenden Impfung die Reaction geringer 
wurde, der Typus in grosse Atypie und dann in kleine Atypie und end- 
lich in Reactionslosigkeit überging. Der Mangel an Reaction erhielt sich 
aber nicht in beiden Fällen, indem in einem Falle das Pferd von Neuem 
zu reagiren begann. 

Rotzige Pferde mit ausgesprochenem Fieber reagiren gewöhnlich nicht 
typisch, während die Mehrzahl der manifest-rotzigen Pferde subfebrile Tem- 
peratur aufweisen und in der Regel auch gegen Mallelninjeotionen sehr 
empfindlich sind, indem z. B. Pferde mit einer Initialtemperatur zwischen 
38*2 bis 38-8, nach der Injection eine Temperatursteigerung über 40 <^ 
mit den übrigen Charakteren einer typischen Reaction aufweisen. Wir 
wollen hier nicht von jenen Pferden sprechen, bei welchen im Verlauf der 



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Die Bekämpfung dee Rotzkbankheit des Pferdes. 231 

Mallelnisirang der Rotz zum Yorschein kam und welche ganz eigenthümliohe 
Verhältnisse darbieten. Unter 66 rotzigen Pferden mit snbfebriler 
Temperatur hatten 41 eine mittlere Temperatur über 88-2^, gewöhnlich 
nicht über 88-5^, und Ton diesen zeigten 25 typische Reaction, während 11 
auf MalleTn nicht reagirten und 5 eine kleine typische Reaction zeigten. Die 
nicht fiebernden rotzigen Pferde zeigten in 9 Fällen typische 
Reaction, in 3 Fällen kleine typische Reaction. In diesen Fällen 
fand sich gewöhnlich zugleich eine bedeutende, über handtellergrosse, locale 
Schwellung, in 3 Fällen aber war dieselbe klein und schnell Torübergehend. 
In 7 Fällen keine Reaction. 

2. Rotzfälle ohne Malleinreaction. 

In einem dieser Fälle war bei den zwei ersten Mallelnisirungen Fieber, 
keine Reaction, bei der 3. kein Fieber und kleine typische Reaction und 
bei der 4., 6. und 6. wieder Fieber ohne Reaction vorhanden. Die Fälle 
ohne Fieber und ohne Reaction sind natürlich von höchstem Interesse. 
Bei der Section fanden sich Geschwüre an der Nasenscheidenwand und 
Drüsengeschwulst mit Hämorrhagien , in der Lunge miliare und grosse 
erweichte Knoten. Die Culturversuche waren positiv. In diesem Falle 
wurde eine kleinere Dosis Halleln eingespritzt als gewöhnlich, 0*02 statt 
0-08. Im zweiten Falle wurde dieselbe kleine Dosis eingespritzt; es be- 
stand zwar kein continuirliches Fieber vor der Injection, doch konnten 
öfters vorübergehende Fieberbewegungen constatirt werden. In einem 
dritten Falle wurden zwei Injectionen gemacht, nach der ersten atypische, 
nach der zweiten keine Reaction mit geringer localer Schwellung. Das 
Pferd ist sehr herabgekommen und nimmt keine Nahrung zu sich. Bei 
der Section charakteristische Geschwüre an der Nasenschleimhaut, Drüsen- 
geschwülste und verkäste Knoten und pneumonische Herde. Ein viertes 
Pferd in Marasmus ohne Fieber und ohne Thermoreaction, keine locale 
Schwellung; Sectionsbefund : Rotzgeschwüre an der Nasenschleimhaut, 
hämorrhagische Drüsenschwellung, zahllose miliare Lungenknötchen. 

Fünfter Fall: Subfebrile Temperatur, Marasmus, weder allgemeine, 
noch locale Reaction. Section: Nasengeschwüre. Zahlreiche verkäste 
Lungenknötchen, Hepatisation und hämorrhagischer Infarct der Lunge so- 
yne Drüsenschwellung. 

Sechster Fall: Das Pferd ist ziemlich geschwächt, fieberlos, wurde 
8 Mal während 4 Monate mallelnisirt, ohne auch nur einmal zu reagiren, 
wird als rotzig erschossen. Sectionbefund: Zahlreiche Geschwüre und Knöt- 
chen an der Nasenscheidewand, ebenso an den Muscheln. In der rechten 
Longe zahlreiche miliare käsige oder vereiterte Lungenknoten, Drüsen- 
schwellungen mit miliaren Leberknoten. 



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232 V. Babes: 

Siebenter Fall: Ein schwaches, fieberloses Pferd wurde während andert- 
halb Monate 3 Mal mallelnisirt, das erste ohne, das zweite Mal mit kleiner, 
das dritte Mal ohne allgemeiner oder localerReaction. Secüonsbefund: Ander 
Nasenschleimhaut zahlreiche Rotzgeschvrüre, zahlreiche kleine Rotzknoten. 

Ohne hier in die verschiedenen Discussionen über die Bedeutung der 
Reaction einzugehen, wollen wir schon hier, also bei der Feststellung der 
Thatsache, dass rotzige Thiere auf Maleln manchmal nicht reagiren, ver- 
suchen, den Mangel der Reaction in schlechten Fällen bei etwa 10 Proc. 
der Fälle zu erklären. Es wurden unter der Leitung des Hm. Prof. 
Paul Riegler, Abtheiiungschef des bakteriologischen Institutes, in der 
hiesigen thierärztlichen Hochschule Versuche angestellt, um den Grund 
der Reacüonslosigkeit mancher rotzigen Thiere zu eruiren. Zunächst 
konnte man annehmen, dass vielleicht eine Bakterienassociation die 
Auslösung der Reaction verhindert, doch gaben die eingeleiteten Ver- 
suche ein negatives Resultat. Zunächst konnten wir nachweisen, dass 
verschiedene Bakterienproducte, so das Tuberculin in grösseren Dosen, 
bei rotzigen Thieren öfters eine Reaction auslöst, welche der Malleln- 
reaction ähnlich oder selbst identisch sein kann. Aber auch verschiedene 
andere Bakterienproteine, sowie jene des Pyocyaneus oder verschiedene Bak- 
teriengemische erzeugen bei rotzigen Thieren eine ähnliche allgemeine oder 
locale Reaction, indem in manchen meiner Fälle der versteckte Rotz in 
Folge von Injection mittels grösserer Mengen derartiger Substanzen mani- 
fest wurde, was übrigens auch schon Bouley bekannt war, welcher durch 
Injection putrider Flüssigkeit den versteckten Rotz zum Vorschein brachte. 

Es wurden nun bei Pferden mit typischer Reaction abgetödtete oder 
auch lebende ältere Culturen von Pyocyaneus (etwa 10 *^<^) eingespritzt 
und nach einigen Stunden diesen Pferde von Neuem Malleln injicirt, worauf 
typische Reaction eintrat In einem zweiten Falle wurde das Pferd, welches 
fünf Mal reagirt hatte, mit einer bei 65^ sterilisirten Pyocyaneuscultur, 
die mit der gebräuchlichen Dosis Malleln vermischt war, injicirt, worauf 
typische Malleinreaction und bedeutendes locales Oedem eintrat. Im dritten 
Falle wurde das gleiche Experiment wiederholt, mit ähnlichem Resultat. 
Auch das vierte Experiment mit lebender Cultur lieferte dasselbe Resultat, 
ebenso die Experimente mit einem Gemisch von lebenden oder getödteten 
Culturen von Pyocyaneus, Staphylococcus und Coli communis. Im achten 
A'ersuch wurden bloss 25 ^^^ Pyocyaneuscultur einem Pferde injicirt, welches 
früher mehrere Male typisch reagirt hatte, worauf nächsten Tages die 
Temperatur über 40® stieg und sich 3 Tage lang über 89® erhielt — ein 
Verhalten, welches der Malleinreaction nicht entspricht. Nach dem Ab- 
sinken der Temperatur wurde wieder Malleln injicirt, worauf typische 
Reaction eintrat. Auch durch Eindringen von Eiterkokken in künstlich 



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Die Bekämpfung deb Botzkbankheit des Pferdes. 233 

erzeugter Wunde unter Hervorbringung eines chronischen septischen Zu- 
standes veraudert nichts an der Beactionsfahigkeit der rotzigen Pferde. 

Eine andere Versuchsreihe betraf die Frage, ob sich im Körper ge- 
wisser rotziger Thiere nicht Antikörper bilden, welche die Reaction Ter- 
hindern. Wir Tersuchten auf alle mögliche Weise, indem wir Pferde und 
Binder mit steigenden Dosen von Malleln^ sowie auch später mit Botz- 
culturen behandelten, ein gegen Botz wirksames Serum zu bereiten und 
haben wir in unseren Annalen diese Versuche genauer beschrieben und einen 
gewissen therapeutischen Werth desselben bei kleineren Thieren festgestellt. 
Unsere Versuche aber, durch dasselbe die Wirkung des Malleln abzu- 
schwächen, führten zu n^ativen Besultaten. Im Beagensglas gemischte 
gleiche Theile von Malleln und Serum, welche verschieden lange Zeit stehen 
gelassen wurden, verursachen bei rotzigen Thieren dieselbe Beaction, wie 
reines Malleln; namentlich wurde bei 21 Pferden, welche auf Malleln reagiit 
hatte, unter welchen zwei mit klinischen Botzsymptomen, mit derselben 
Dosis Malleln, gemischt mit Serum, injicirt, worauf alle diese Thiere ebenso 
typisch reagirten, wie nach der ersten Injection. Aehnliche Resultate er- 
zielte auch Oskoloff.^ 

Es blieb nun die Vermuthung übrig, dass vielleicht der besondere 
Schwächezustand jener rotzigen Pferde, welche auf Malleln nicht reagirten, 
der Grund dieses Mangels an Beactionsfahigkeit sein könnte, und unter- 
nahmen die Herren Prof. P. Biegler und Thierarzt Jon N. Jonescu 
Versuche, um dies festzustellen. In fünf Experimenten wurden Pferde, 
welche typisch reagirt hatten, während 3 Tage einer gänzlichen Nahrungs?- 
entziehung unterworfen. Hierauf wurden sie von Neuem mallelnisirt. 

Erstes Experiment: Bei der ersten Injection war die Initial- 
temperatur 37 «8®, erhob sich in Folge der Mallelnisirung in typischer 
Weise auf 40®; nach 8 Tagen Stägiges Fasten; Initial temperatur 37 -P, 
nach der Injection keinerlei Temperaturerhöhung, wohl aber diffuses schmerz- 
haftes Oedem an der Impfstelle. 

Zweites Experiment: Initialtemperatur 37 »8®; nach der Mallelni- 
sirung *. Nach 3tägigem Fasten, wobei bloss Wasser gereicht wurde. 
Initialtemperatur 37-4®, keinerlei Temperaturerhöhung, bloss grosse. 
schmerzliche Localreaction. 

Drittes Experiment: Das Pferd hat 4 Mal nacheinander typisch 
mit über 40^ reagirt Nach 3 Tage Fasten: Initialtemperatur 37-6®; in 
Folge der Injection Erhöhung der Temperatur bis 88 »6^; weder allgemeine 
noch bedeutende locale Beaction. Nun wird das Pferd wieder gut genährt, 
von Neuem mallelnisirt und zeigt nun ein Ansteigen der Temperatur 
von 37-5 auf 89 «4®, unter der Form einer kleinen typischen Beaction. 

* Oskoloff, Dissertation, Jurjew 1S99. 



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2S4 V. Babes: 

Ein viertes Pferd, welches von 31.7^ Initialtemperatur bis 39.6<> 
kleiner typischer Beaction reagirt hatte, zeigte nach Stägigem Fasten Ini- 
tialtemperatur 37-4^, nächsten Tages betragt die Temperatur 88 ^ ako 
keine thermische, wohl aber grosse locale Beaction. 

Diese i Versuchsreihe zeigt demnach entschieden, welche bedeutende 
Bolle die Abstinenz bei der Hervorbringung der Thermoreaction s|»elt, 
während die locale Beaction vom Ernährungszustände der Thiere weniger 
abhängig ist. Allerdings ist bei massig gutem Ernährungszustand die 
Thermoreaction charakteristischer als die locale Beaction, welche letztere, 
wie wir dies in mehreren Fällen experimentell oachweisen konnten, auch 
durch andere nicht specifische Injectionen, sowie durch nicht sorgfittig 
aseptische Manipulation auch bei nicht reagirenden und nicht rotzigen 
Thieren hervorgebracht werden kann, während dieselbe, wie wir gesehen 
haben, bei sicher rotzkranken Thieren manchmal fehlt 

Diese Erfahrungen weisen demnach darauf hin, dass bei rotzigen 
Pferden, trotzdem meistens subfebrile Temperatur besteht, dennoch in 
mehr als der Hälfte der Fälje typische Beaction ausgelöst wird, ebenso 
bei nicht fiebernden rotzigen Thieren. Allerdings kommen öfters auch 
kleine, nicht charakteristische Beactionen vor, während der gänzliche Mangel 
an Beaction bei nicht fiebernden rotzigen Pferden wohl zum Theil auf 
einen Versuchsfehler zurückgeführt werden darf, zum Theil aber haupt- 
sächlich im schlechten Ernährungszustand der betreffenden Thiere seine 
Erklärung findet. Die locale Beaction war in diesen Fällen weniger cla- 
rakteristisch und fehlte manchmal, namentlich in letzteren Fällen, sowohl 
bei Injection unseres Mallelns sowie jenes von Boux-Nocard. 

3. Fälle, wo der Botz nach 1 bis 2 Injectionen zum Vorschein 

kam. 
Eine zweite Gruppe von 23 Pferden dürfte ebenfalls hierher gehören, 
obwohl die Botzsymptome (Nasenausfluss, G^eschwüre, Drüsenschwellung) 
hier erst unmittelbar nach einer Mallelninjection deutlich hervortraten. 
In diesen Fällen fanden sich 13 Mal geringes Fieber vor der Injection 
(38*1 bis 38*5), bloss zwei dieser Fälle zeigten keine Beaction, während 
die übrigen charakteristische typische Beaction aufwiesen. Die übrigen 
nicht fiebernden Pferde zeigten 9 Mal grosse typische und 1 Mal atypische 
Beaction. Es ist unzweifelhaft, dass diese Thiere auch vor der Beaction 
rotzig waren, namenüich rotzige Veränderungen der Nasenschleimhaut 
besassen, indem die Impfungsreaction zum acuten Deutlich werden der 
Krankheit offenbar beigetragen hatte, ebenso wie das Tuberculin eine 
reizende Wirkung auf die tuberculösen Veränderungen ausübt In diesen 
Fällen war eine Localreaction immer vorhanden, allerdings aber in vier 



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Die Bekämpfung der Kotzkbankheit des Pferdes. 2b5 

Fällen mit Fieber so geringfögig und vorübergehend wie bei nicht 
rotzigen Pferden. 

Viel weniger deutlich sind die Beactionen bei jenen Pferden, welche 
in einem Zeiträume von 2 bis 8 Wochen zwei Mal mallelnisirt wurden 
und bei welchen dann früher oder später, gewöhnlich nach einer Wophe, 
Botz klinisch constatirt wurde. 

Unter 17 Pferden, welche eine Woche nach der 2. Injeotion als 
rotzig befunden und erschossen wurden, zeigten 6 kein Fieber vor der 
Injection und hierauf typische ßeaction; 2 Fieber vor der Injeotion 
und zwei Mal typische Reaction; 4 kein Fieber, dann typische Reaction 
und vor der 2.. Injection Fieber und nachher atypische Reaction; 1 kein 
Fieber vor der 1. Injection, dann typische Reaction, wohl aber Fieber 
vor der 2. Injection und typische Reaction; bei 2 waren beide Reactionen 
nicht typisch, indem hier abwechselnd Roux'sches und hiesiges Malleln 
verwendet wurde* 

Pferde, bei .welchen nach 2 maliger Injection Rotz nach 1 Monat bis 
1 Jahr auftrat, sind wohl von einem anderen Gesichtspunkte zu betrachten, 
indem dieselben wohl später inficirt sein konnten. Allerdings finden 
sich unter diesen einige Fälle von bedeutender thermischer und localer 
Reaction. 

Soviel geht aus dieser Gruppe von Untersuchungen hervor, dass 
kein einziges Mal Rotz bei Pferden bald nach der MalleXnisirung auf- 
getreten ist, wenn dieselben nicht reagirten oder Fieber hatten. In diesen 
Fällen war immer eine grössere oder massige Schwellung mit mehrere 
Tage andauernder Localreaction vorhanden. 

Indem wir nun die Versuche an rotzigen Pferden oder an solchen, 
die nach mehreren Injectionen an Rotz erkrankten, zusammenstellen, 
wollen wir bei der grossen Anzahl der Versuche folgende Abkürzungen 
anwenden: 

Fieber vor der Injection = J^; subfebrile Temperatur (38-2 bis 38*8) 
= f ; Hypothermie = |; typische Reaction = *; kleine typische Reaction 
= -f- ; atypische Reaction = ? ; kleine atypische Reaction = (?) ; keine 
Reaction « 0; Malleln-Roux = R; Malleln-Foth = F. Kleine locale 
Reaction •, massige O, grosse © (unterhalb des Reactionszeichens). 

4. Längere Zeit hindurch mit Malleln behandelte Pferde. 

Zunächst können wir über eine Reihe rotziger Pferde berichten, 
welche kürzere Zeit mit Malleln behandelt wurden und bei welchen das 
anfangliche Fieber und die Reaction allmählich geringer wurden, indem 
auch die klinischen Symptome abnahmen und zeitweise oder gänzlich 
verschwanden. 



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236 V. Babes: 

Ein rotziges Pferd mit Fieber bekam während 5 Monaten folgende 
Behandlung: f*, ff, f, f, f *, t *, f t, f t^ f t, I f. fO, 
f*, tt, t, fO, tt, 0, 0, fO, 0, |0, fO, 0, 0. Während An- 
fangs öfters bedeutende locale Schwellungen vorhanden waren, wurden 
solche zuletzt nicht mehr beobachtet und war das Pferd zuletzt toU- 
kommen gesund. Nach einem Monat ging das Pferd accidentell in Folge 
eines Falles, an Tetanus zu Grunde und konnten bei der Section nirgends 
Rotzknoten gefunden werden, mit Ausnahme einiger kleiner narbiger Ver- 
dickungen an der Nasenschleimhaut und in der Lunge, welche aber far 
Meerschweinchen nicht virulent waren. 

Ein zweites rotziges Pferd mit Wurmgeschwüren bekam während 
eines Monats 7 Mallelnisirungen: f 0, fO, f 0, |0, f -j-, f -f, *. Nach 
4 Tagen wird das Pferd todt gefunden. 

Während also im ersten Fall trotz der besonders allgemeinen ßeaction 
das Pferd allmählich zu reagiren aufhörte und das Fieber nachliess, 
konnte bei letzterem der Process nicht aufgehalten werden. 

In einem anderen Falle wurde bei einem rotzigen Pferde Folgendes 
beobachtet: f -f-, |*, -f, (?). Obwohl das Pferd sich während ein^ 
Monats auffallend gebessert hatte, wurde es doch als rotzig erschossen. 
Es fanden sich nur geringe Erosionen und eine kleine Geschwulst am 
Septum, massige Schwellung der Submaxillardrüsen mit einigen verkalkten 
Knoten sowie kalkige transparente und käsige kleine Knoten in der Lunge. 

Besonders interessant ist ein Fall, in welchem bei einem Pferde, 
welches reagirte, dann aufhörte zu reagiren, eine Rotzcultur injidrt 
wurde. Das Pferd bekam während 10 Monaten folgende 26 Injectionen: 

B R B 

(?), *, t, ?, 0, 0, (?) ? ? 0. Infi- 
cirt mit Rotz: f 0, f 0, f 0, 0, 0. Dieses Pferd, welches bloss einmal 
typisch und massig local reagirte, wurde demnach, als die Reacüon gänzlich 
aufgehört hatte, mit Rotz inficirt und zeigte hierauf einen Monat lang Fieber 
sowie morvo-farcinöse Symptome, Geschwüre, Lymphstränge, Abscesse in 
der Haut, am Nasenseptum und an der Trachea, hämorrhagische Drüsen- 
sohwellung, ohne aber zu reagiren, worauf das Fieber verschwand, und 
obwohl keine Reaction mehr zu erzielen war, bestanden die Rotzsymptome 
fort. Das Pferd wurde hierauf erschossen. Eigenthümlicher Weise ist 
hier wohl ein latenter Rotz zur Heilung gelangt, worauf nach Rotzinfection 
ausgebreitete Rotzsymptome entstanden, wobei weder durch unser Malleln 
noch durch jenes von Foth eine Reaction ausgelöst werden konnte und 
auch die locale Schwellung unbedeutend war. 



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Die BEKÄMPFUNa dee Rotzkeankheit des Pferdes. 237 

n« Mallelninjeotionen bei Pferden, welche nioht typisoh reagiren 
und keine klinisohen Rotssymptome aufweisen. 

1. Gesunde Pferde, welche nicht reagiren. 

Im ganzen wurden 7040 Pferde mallelnisirt; dieselben bekamen über 
18000 Injectionen. Von denselben, welche zum grössten Theil zwei 
successive Injectionen bekamen, reagirten 196 jedesmal typisch, 1378 
atypisch, in 122 Fällen war bei den zwei ersten Injectionen einmal eine 
typische Beaction vorhanden, das andere Mal keine Beaction, in 350 Fällen 
war einmal typische, ein anderes Mal atypische Reaotion, und in 683 
Fällen wechselten Atypie mit Beactionslosigkeit. 

Nachdem die MaÜelnisirung verseuchte Pferdebestände betrafen, be- 
trugen die Pferde mit Beaction etwa 30 Procent der gesammten mallelni- 
sirten Pferde. Anders verhielten sich nicht inficirte Bestände. So wurde 
bei den Bemonten bei etwa 500 Mallelnisirungen bloss 2 Procent Beactionen, 
und zwar atypische, beobachtet. 

Eine Serie von Pferden, welche nicht reagirten, wurde getödtet und 
sorgfältig secirt, namentlich ist eine Oruppe von 35 Pferden interessant. 
Es waren dies gesunde, gewöhnlich mit Fehlem behaftete ältere Pferde, 
welche zu Secirübungen verwendet wurden. Von denselben reagirte eines -f-, 
ein anderes -f, und zwei (?) (?). Bei 5 Pferden war massige Localreaction, 
welche 2 Tage anhielt, vorhanden. Sowohl mit unserem Malleln als mit 
jenem Nocards vnirden bei 4 dieser Pferde jene Charaktere der Beaction 
beobachtet, welche nach Nocard Botz bedeuten: Temperaturerhöhung 
über 1-5®, die 2 Tage anhielt, sowie länger dauernde Localreaction. 
Allerdings, wenn wir zwei auf einander folgende Injectionen machten, 
erwies sich die Beaction als nicht beständig, indem in drei Fällen das 
erste Mal und in einem Falle bloss das zweite Mal die Beaction auftrat. 
Wir werden auf dies Verhalten später zurückkommen. 

Das Sectionsresultat bei diesen 35 Pferden zeigte 9 Mal in der Lunge 
oder in der Leber miliare oder etwas grössere fibröse oder im Inneren 
mörtelartige oder selbst derb käsige Knötchen, manchmal ausschälbar, 
transparent, manchmal mit der Umgebung verwachsen; 1 Mal war Pneu- 
monie, 2 Mal Emphysem und 1 Mal ein Leberabscess vorhanden. In 
keinem Falle konnten durch das Mikroskop, durch Cultur oder Thier- 
y ersuch Botzbacillen nachgewiesen werden. Es ist zu betonen, dass die 
Knötchen nicht etwa bei jenen Fällen gefunden wurden, welche eine An- 
deutung einer Beaction zeigten, sondern gewöhnlich bei solchen, die über- 
haupt nicht reagirten. Es resultirt hiernach aus diesem Versuche, dass 
die Methode Nocard's, nach den französischen Instructionen zu urtheilen, 
nicht im Stande ist, uns über den Zustand der Thiere aufzuklären. 



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238 V. Babes: 

1. verkalkte Knötchen in Lunge und Leber. 

2. — 

3. verkalkte, z.Th. agglomerirte Knötchen in Lunge U.Leber. 

4. Emphysem. 

5. nichts. 
o • 

6. verkalkte oder fibröse Knötchen in Lunge und Leber. 

7. (?) (?) einige kleine verkalkte, nicht virulente Knötchen in L. undL, 
o o 

8. ein erbsengrosses verkalktes Knötchen in der Lunge. 

9. -|- Pneumonie. 

10. zwei erbsengrosse, fibröse, innen verkäste, nicht virulente 

Knötchen. 

11. Emphysem, keine Knötchen. 

12. -ff in der Leber drei agglomerirte, miliare, fibröse, nicht 

virulente Knötchen. 

13. -f- Emphysem, keine Knötchen. 

14. ein fibröses Knötchen in der Lunge. 

16. Leberabscess ohne Knötchen mit Kokken. 
• o 

16. U Emphysem. 
o 

17. nichts. 

18. -f- einige miliare, kreidige Lungenknötchen. 

o 

19. (?) (?) Gallensteine. 

20. nichts. 

21 bis 25. nichts. 

Eine zweite Reihe von 43 gesunden Pferden, welche nach der Mallein- 
behandlung getödtet wurden, zeigten folgende Verhältnisse: 32 Pferde 
wurden bloss einmal injicirt und zeigten in 21 Fällen keinerlei Beaction, 
in 11 Fällen atypische Reaction ohne Localerscheinungen. Die übrigen 
wurden mehrere Mal injicirt und zeigten keine Reaction, in der Regel 
aber mit atypischer Reaction abwechselnd. In 2 Fällen war zugleich 
eine nicht unbedeutende locale Reaction vorhanden. Eines der Pferde 

zeigte -f-, 0. Dieses Pferd wäre also nach Nocard als rotzig bezeichnet 

o 
worden, obwohl bei der Section nicht das geringste Knötchen oder Rotz- 
symptom beobachtet wurde. Ein anderes Pferd zeigte -f-, ? ohne bedeu- 
tendere Localreaction. Dasselbe wäre von Nocard als verdächtig auf- 
gefasst worden. Diese Versuchsreihe zeigt demnach ebenfalls die Superioritat 
unserer Methode, indem wir in keinem einzigen dieser Fälle Rotzverdacht 
oder Rotzdiagnose ausgesprochen hatten. 



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Die Bekämpfung deb Rotzkr/inkheit des Pferdes. 239 

2. Pferde ohne klinische Botzsymptome, welche 
öfter mallelnisirt wurden, worauf Botzsymptome auftraten. 

Wir wollen hier jene zahlreichen Fälle anführen, wobei nach 4- bis 
ISmaliger Injection von Malleln in etwa 14 bis SOta^gen Zwischenräumen 
zuletzt Botz klinisch zum Vorschein kam. Namentlich jene Fälle erscheinen 
uns wichtig, wo kurze Zeit nach der Injection die Botzsymptome erschienen, 
so dass nicht oder nur ausnahmsweise angenommen werden kann, dass 
diese Pferde nach der letzten Mallelnisirung inficirt wurden. Es handelt 
sich inuner um Pferde, welche deutlich reagirten, indem aber die succes- 
siven Beactionen ungemein wechselvoll verliefen. Wir wollen mit jenen 
Fällen beginnen, welche 3 Mal injicirt wurden und wo der Botz nicht 
später als einen Monat nach der Impfung manifest wurde: 



1. 


40 


, 40, 


2. 


*, 


*, ?, 


8. 


*, 


io, * 


4. 


*, 


iO, 1* 


5. 


?, 


ft, * 


6. 


*, 


*, * 


7. 


*. 


*, * 


8. 


*, 


*, * 



9. 


*, 


*, * 


10. 


*, 


*, * 


11. 


*, 


*, f* 


12. 


*, 


*, f*, 


13. 


*, 


*, ^* 


14. 


*, 


fO, ? 


15. 


*, 


tt, * 


16. 


?, 


0, 0. 



Wir sehen demnach, wie eigenthümlich sich Pferde mit verstecktem 
Botz dem Malleln gegenüber verhalten. In 15 Fällen wiesen die- 
selben entschieden auf Botz hin, indem die Pferde entweder typisch 
reagirten oder fieberten. Nur einmal war keine Beaction zu erzielen, 
indem auch die locale Beaction nicht genügend ausgesprochen war, trotz- 
dem hier wie bei allen übrigen Pferden, Nasen-, Drüsen- und Lungen- 
rotz constatirt werden konnte. 



Pferde mit 4 Injectionen, bei welchen zuletzt klinisch 

Botz auftrat. 



1. 


f*, i*, '^*, f* 


1 '• 


*, *, *, 


2. 


f*. t*. +*, f* 


1 8. 


+ *, \% +t. \ 


3. 


*, *, *, * 


! 9. 


*, ?, «, * 


4. 


0, 0, *, * 


i 10. 


*, 1?, 1*, 1? 


5. 


f*, -^0, *, * 


1 11. 


0, fO, tt, 


6. 


t, *, It, i 


1 12. 


|0, tt, *, !*• 



Namentlich die letztere Beihenfolge ist interessant, indem sich die 
Keactionen allmählich steigerten. In allen diesen Fällen war massige 



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240 V. Babes: 

oder grosse Localreaction vorhanden und entwickelte sich 8 bis 40 Tage 
nach der letzten Injection manifester Rotz, indem auch die Section Nasen-, 
Drüsen- und Lungenrotz nachwiesen. 

Auftreten des Rotzes nach der 5. Injection. 

1. ♦ 5i^ 5fc ♦ ♦, 3. ^, «, 0, ♦, i", 

2. t ♦, ♦, f 0, ?, ?, 4. 0, t, t, *. *, 

5. ?, 0, % ♦, *. 

Das Pferd Nr. 1 wurde 1 Monat nach der letzten Injection getödtet, 
zeigte aber nur fibröse oder kalkige Knötchen in der Lunge, welche nicht 
infectiös waren. Die übrigen Pferde hatten manifesten Rotz. 

Ein Pferd, welches 6 Injectionen bekam, verhielt sich folgender- 
maassen: ?, ?, ^, ?, 0, ^. Erst nach 3 Monaten manifestirte sich Rotz. 
Aus dieser Reihenfolge ist zu ersehen^ wie Pferde öfter typisch reagiren, 
dann wieder nicht reagiren und später wieder von Neuem empfindlich 
werden. Man müsste hier allenfalls annehmen, dass das Pferd in wenigen 
Monaten mindestens 2 Mal mit Rotz inficirt worden wäre. 

Pferde mit 7 Injectionen. 

L ?, ♦, ?, ?, ?, ?, ?. 2. ?, 0, 0, f ?, f 0, *, 0. 

3. ♦, ♦, *, :i^, f *, f ?, 0. 

Diese drei Reihenfolgen sind insofern interessant, als im ersten Falle 
das Pferd offenbar versteckten Rotz hatte, welcher sich fast nur durch 
eine atypische Reaction und geringer localer Schwellung manifestirte, dieses 
Pferd wäre von Nocard nicht als rotzig betrachtet worden, indem derselbe 
das Pferd nicht zum zweiten Mal mallelnisirt hätte. Der zweite Fall ist 
insofern interessant, als sich hier im Verlaufe von 1 1 Monaten wahrschein- 
lich eine latent gebliebene Rotzinfection abgespielt hatte, welche vielleicht 
zurückging; jedenfalls war die letzte Injection reactionslos und doch ging 
das Thier nach einem Monat an Rotz zu Grunde. Auch der letzte Fall ist 
nicht ohne Interesse, nachdem er zeigte, wie bei einem rotzigen Pferde 
die Reaction alimählich abnimmt und selbst verschwindet, ohne dass des- 
wegen der Rotz geheilt sei, nachdem 1 Monat später manifester Rotz 
auftritt und bei der Section acute und chronische Rotzveränderungen 
gefunden werden. 

Pferde mit über 10 Injectionen, worauf Rotz auftritt. 

Die zwei folgenden Pferde bekamen im Verlaufe von 2 Jahren je 
13 Injectionen mit folgendem Verlauf: 

1. ^, «, ♦, ^, 0, 0, 0, ?, ?,?,♦♦ ^^ 



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Die BsKÄMPFüNa beb Rotzkbankheit des Pfebdes. 24t 

Es muss hier wohl angenommen werden, dass in der That Pferde 
mehrere Jahre lang an latentem Rotz leiden können, bis er dann endlich 
znm Ausbruch kommt. 

Bisher haben wir die Beaction bei Pferden betrachtet: 1. welche 
klinisch manifesten Rotz aufwiesen, 2. Pferde, welche gesund waren 
und bei der Section keinerlei Rotzver&nderungen aufwiesen, und 3. solche, 
bei welchen nach einer Reihe von Impfungen Rotzsymptome auftraten. 

Aus unseren Erfahrungen geht demnach hervor, dass bei rotzigen 
Pferden fast immer eine typische Reaotion mit oder ohne subfebriler 
Initialtemperatur vorhanden ist. Bei Fieber hingegen ist oft keine 
Reaction zu constatiren und manchmal findet sich statt der typischen 
Reaetion eine atypische gewöhnlich mit initialer subfebriler Temperatur. 
Bei mehreren successiven Injectionen eines rotzigen Pferdes überwiegen 
jedenfalls die typischen Reactionen, doch finden sich neben denselben oft 
auch atypische und selbst Fehlen der Reaction. Letzteres wurde manch- 
mal auch bei nicht fiebernden Pferden von Anfang an beobachtet und 
können zum grossen Theil auf ungenügende Ernährung zurückgeführt 
werden. 

In den meisten Fällen war zwar bei den rotzigen Pferden eine 
locale Reaction zu verzeichnen, manchmal selbst bei solchen, die thermisch 
nicht reagirten, allerdings aber fehlte in etwa 10 Procent der typisch 
reagirenden Pferden die charakteristisch grosse Localreaction. In etwa 
10 Procent der Fälle wärep die rotzigen Pferde nach Nocard als nicht 
rotzig oder bloss ab rotzverdächtig angesehen worden, während nach 
unseren Kriterien in keinem einzigen Falle Rotz ausgeschlossen werden 
konnte. Besonders betonen wollen wir noch die grosse Häufigkeit der sub- 
febrilen Temperatur bei manifest rotzigen Pferden, welche die Reaotions- 
fahigkeit nicht beeinflusst. 

In der zweiten Gruppe haben wir ein sehr werthvoUes Material ge- 
sunder Pferde zusammengestellt, welche nach unserer Methode nicht 
reagirten, während mehrere derselben nach Nocard oder auch nach 
Preusse als rotzverdächtig oder als rotzig betrachtet worden wären, indem 
manche derselben 2 Tage andauernde Temperaturerhöhung von 1 bis 
1-5*^ sowie massig locale Reaction aufwiesen. Dennoch erwies die Section, 
dass dieselben keinerlei Rotzläsion aufwiesen, während in anderen Fällen, 
welche überhaupt nicht reagirten, manchmal eine grössere oder kleinere 
Anzahl von Knötchen in Lungen und Leber gefunden wurden, welche nach 
Nocard rotziger Natur wären. Allerdings konnte in denselben nichts 
Virulentes nachgewiesen werden. Wir werden auf diese Fälle noch zurück- 
kommen. 

ZeltKhr. f. Hygiene. XXZIX. 16 



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242 V. Babes: 

Die dritte Gruppe ist insofern interessant, wie wir dies schon ange- . 
deutet haben, dass sie das Verhalten des Organismus lange Zeit ror 
Ausbruch der Krankheit wiedergiebt und zeigt, dass Pferde eine Zeit lang 
reagiren können, dann aufhören zu reagiren, von Neuem reagiren, um 
manchmal ganzlich zu reagiren aufzuhören, worauf dann die Rotzkrankhät 
zum Ausbruch gelangen kann. Wir haben im Ganzen in 18 Fällen con- 
statirt, dass bei Pferden die Botzkraukheit ausbrach kurze Zeit nachdem 
die Thiere aufgehört hatten zu reagiren, während in 292 Fällen hä 
Thieren die Krankheit zum Ausbruch kam, welche bis zuletzt rei^[irt 
hatten. 

Die bisherigen Untersuchungen haben noch gezeigt, dass unser Maliern, 
das Nocard'sche und das Foth'sche, wenn genau titrirte Dosen ange- 
wendet werden, dieselben Resultate liefern. 



III. Die sogenannten Botzknotehen. 

a) Die Knötchen der Pferde ohne klinische Botzsymptome, 
welche auf Malierin reagirten. 
Der grösste Theil der* mallelnisirten Pferde zeigte, wie wir gesehen 
haben, keine Beaction; etwa 30 Procent derselben reagirten, am häufigsten 
jene Pferde, welche neben rotzigen Pferden gestanden hatten. Wenn 
die Pferde getödtet und secirt werden, finden sich dann am häufigsten 
in Lunge und Leber, aber auch in Lymphdrusen und Milz verschieden 
grosse Knoten in grösserer und geringerer Anzahl, welche in unseren 
Fällen etwa in 10 bis 20 Procent virulentes Botzmaterial beherbergt. In 
meiner Abhandlung: „Ueber versteckten und latenten Botz''\ konnte 
ich nachweisen, dass in solchen Fällen gewöhnlich nach längerer oder 
kürzerer Zeit die Thiere aufhören zu reagiren, indem dieselben, wenn sie 
dann getödtet werden, zwar Knoten in inneren Organen enthalten, welche 
aber nicht mehr virulent sind. Andererseits konnte die Malelnconmiission 
in zahlreichen Fällen nachweisen, dass auch ganz gesunde Pferde nicht 
infectiöse Knötchen in den inneren Organen beherbergen können. Aller- 
dings sind die Knötchen bei nichtreagirenden Pferden viel häufiger in 
inficirten Pferdebeständen, etwa 40 bis 60 Procent, als in nichtinfioirten 
Gegenden, wo sie nur bei 5 bis 10 Procent angetroffen werden. Dieselben 
haben wir nie virulent angetroffen und man kann sagen, dass der letztere 
Procentsatz darauf hinweise, dass die Knötchen in inficirten Bestanden 
in der Begel rotziger Natur seien. In der That weisen auch andere Ter- 



* Semaine mSdicale. 1895. 



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Die Bekämpfung der Rotzkbankheit des Pferdes. 243 

hältnisse daraaf hin, dass grössere Fferdebestande immer weniger gesunde 
und resistente Thiere beherbergen, als die mehr einzeln oder im Freien 
lebenden Pferde. So zeigen die Pferde in den Regimentern in etwa 
20 Procent Malleinreaction und auch die nichtreagirenden häufig Knötchen 
und verschiedene innere Krankheiten, während wir unter etwa 600 Re- 
monten kaum 1 bis 2 Procent reagirende Pferde fanden und indem auch 
die letzteren, welche zuerst reagirten, bei einer Zweiten Mallelnisirung 
nicht mehr reagirten; in den inneren Organen solcher Pferde fanden sich 
nur ganz ausnahmsweise Knötchen, während gesunde Pferde aus Bukarest 
in etwa 40 Procent nicht infectiöse Knötchen zeigten und gesunde Pferde 
aus inficirten Regimentern ebenfalls häufig Knötchen aufweisen. Dennoch 
kann diese Häufigkeit der Knötchen in inficirten Beständen und in grossen 
Städten nicht einfach auf geheilte Rotzknötchen 'zurückgeführt werden, 
ebenso wenig als in Städten oder in grösseren Menschengruppen alle 
Knötchen in inneren Organen auf Tuberculose zurückgeführt werden 
können, obwohl allerdings in grossen Städten die Tuberculose sehr ver- 
breitet ist und hier auch bei anscheinend gesunden Menschen tuberculose 
Veränderungen in inneren Organen häufig sind, während solche bei ge- 
sunden Landbewohnern ungemein selten gefunden werden. Man muss 
eben bedenken, dass bei dichter Bevölkerung, namentlich in grossen 
Städten, nicht nur Tuberculose häufiger ist, als auf dem Lande, sondern 
auch andere Krankheiten, welche zu Knotenbildung in inneren Organen 
führen können. 

Die bisherigen Untersuchungen zeigen demnach nur soviel, dass in 
der That die meisten Knötchen in Lunge und Leber rotzigen Ursprungs 
sind; wir können aber weder Nocard beistimmen, welcher behauptet, 
dass alle solche Knötchen rotzigen Ursprungs wären, noch Schütz, welcher 
meint, dass die meisten derartigen Knötchen nicht rotziger Natur seien. 

b) Pathologische Anatomie der Knötchen. 

Indem wir nun näher in die Natur dieser Knötchen eingehen, können 
wir folgende Formen derselben unterscheiden: 

L Wurmknoten. Dieselben wurden von Schütz und 01t gut be- 
schrieben. Wir fanden solche sowohl bei nicht rotzigen als bei verdäch- 
tigen und rotzigen Pferden, in letzteren Fällen zugleich mit Rotzknötchen. 
Allerdings fanden wir in denselben oft nicht die von Schütz beschriebenen 
eosinophjlen Elemente, und konnten wir durchaus nicht alle verkalkten 
Knötchen, sondern bloss einen kleinen Theil derselben auf Würmer zurück- 
führen, indem wir auch in Knötchen sicher rotzigen Ursprungs nicht 
selten auch Verkalkung fanden. Der rotzige Ursprung der Knötchen 

16- 



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244 V. Babes: 

konnte namentlich durch Uebergangsformen festgestellt werden, so ist in 
Taf. III, Fig. 2, I offenbar ein älterer Knoten rotzigen Ursprungs, in 
welchem Kalkkörner K angetroffen werden, während das subpleural ver- 
kalkte Knötchen II wohl desselben Ursprungs ist Allerdings sind die 
verkalkten Knötchen in Fig. 1 als Wurmknötchen aufzufassen. 

IL Miliare, runde, durchscheinende, gewöhnlich leicht aus- 
schälbare Knötchen; dieselben sind histologisch aus ooncentrischen 
Lagen von hyaliner Substanz zusammengesetzt, in der Mitte manchmal 
erweicht und granulirt, manchmal etwas Kern- und Zelldetritus enhaltend; 
zwischen den hyalinen Schalen finden sich stellenweise ganz platte kleine 
Zellen. Die ganze durchscheinende Masse ist von einer Art Kapsel um- 
geben, in welcher manchmal die Wand eines stellenweise ausgedehnten 
Gefasses zu erkennen ist. Diese Kapsel geht durch Yermittelung eines 
an fixen Elementen massig reichen Gewebes in das umgebende, gewönlich 
etwas verdickte Bind^ewebe üb^. Solche Knötchen fanden wir nicht 
selten bei verdächtigen und häufig bei rotzigen Pferden. Wir betrachten 
die Knötchen, zum grossen Theil wenigstens, als in stellenweise erweiterten 
Gefassen gebildete modificirte Thromben, welche offenbar mit Rotz nichts 
zu thun haben und auch nichts enthalten, was rotziger Natur wäre oder 
gewesen sein konnte. 

III. Aehnliche Knötchen, die aber aus lymphatischem oder Gra- 
nulationsgewebe oft mit auffallend grossen Zellen besteben. 
Diese Knötchen sind gewöhnlich subpleural mit einer blätterigen fibrösen 
Kai)sel mit gequollenen, gewöhnlich pigmentirten fixen Zellen, Plasma- 
zellen und wenigen Wanderzellen. Das Knötchen besteht aus Granulations- 
gewebe oder aus einem raticulirten Gewebe mit grossen Zellen, welche 
gegen die Mitte des Knötchens blass gefärbt granulirt, kernlos oder mit 
Kernfragmenten angetroffen werden. Es handelt sich hier wohl meistens 
um veränderte Lymphfollikel, in deren Umgebung das Bindegewebe ver- 
dickt und die Alveolen stellenweise mit granulirter Substanz und mit 
gequollenen Epithelien erfüllt sind. Manche dieser Knötchen enthalten 
Sternzellen, zwischen welchen homogene, zum Theil schleimige oder hyaline 
Substanz vorhanden ist. Endlich zeigen andere derartige miliare Knötchen 
bloss an der Peripherie Granulationsgewebe, welches gegen das Centrum 
2u nekrosirt, in diesem zugleich zahlreiche Wanderzellen mit eigenthümlich 
beeren-büschelformig oder sternförmig entarteten Kernen, wie ich die- 
selben bei Rotz beschrieben habe. Derartige Knötchen sind oft von er- 
weiterten Gefassen umgeben, welche ähnliche Zellen enthalten; auch finden 
sich manchmal in deren Umgebung geringe Blutergüsse in den Alveolen. 
Namentlich diese letzteren Knötchen, welche häufig bei Kotz oder rotz- 



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Die Bekämpfung deb Botzkbankheit des Pfekdes. 245 

verdächtigen Fällen gefunden werden, sind wohl rotziger Katar, indem 
in denselben zwar Rotzbacillen unter dem Mikroskop nicht gefunden 
wurden, Cultur und Experiment aber manchmal positive Resultate gaben. 
Allerdings fand ich viele als vergrösserte Lymphfollikel bezeichnete Knöt- 
chen in meinen Versuchen nicht virulent. 

IV. Miliare, scleröse oder verkalkte Knötchen. Dieselben 
sind als Beste von irgend welchen entzündlichen Veränderungen, als 
narbige Producte anzusehen. Es handelt sich gewöhnlich um eine Ver- 
dickung des interstitiellen Grewebes mit dem Auftreten von fibroplastischen 
Elementen sowie von Ausfüllung der Alveolen durch neugebildetes Gewebe. 
Sie enthalten oft einen homc^enen hyalinen oder verkalkten Kern, 
manchmal mit Oranulationsgewebe in der Umgebung von Gefassen. 
Ausserdem finden sich kalkige miliare Knötchen, welche leicht ausschälbar 
und von ähnlichen narbigem, weissem oder pigmentirtem Gewebe umgeben 
sind. Derartige Knötchen finden sich häufig bei ganz gesunden Pferden 
und natürlich trifft man sie oft auch bei rotzigen Pferden, nachdem die- 
selben durch den Botzprocess nicht verschwinden. Allerdings ist es un- 
zweifelhaft, dass auch kleine Botzknötchen unter Zurücklassung derartiger 
Knötchen heilen, indem wir auch in unzweifelhaft rotzigen Knötchen 
Kalkkömchen finden konnten und Kalkstaub in Botzculturen lange Zeit 
erhalten bleibt, so dass der von Schütz behauptete absolute Mangel an 
Kalksalzen in Botzknötchen nicht bestätigt werden konnte. 

Es ist auffallend, dass in vielen Fällen von Botz neben den Ver- 
änderungen der Nasenschleimhaut u. s. w. zahlreiche miliare, durch- 
scheinende Knötchen in den Lungen gefunden werden, während bei nicht- 
rotzigen Pferden solche Knötchen bloss in wenigen Exemplaren vorkommen. 
Die miliaren Knötchen bei Botz sind gewöhnlich zum grossen Theil acuter 
Natur, aus frischem Zellmaterial und nekrotischem Gewebe bestehend, 
während die Knötchen bei gesunden Pferden gewöhnlich thrombotischer 
Natur oder narbig oder verkalkt sind. Aber eben bei Thieren, welche 
reagiren und rotzverdächtig sind, ohne klinisch oder experimentell Butz 
aufzuweisen, findet man oft bloss miliare Knötchen in grösserer oder ge- 
ringerer Anzahl, weder so viel wie bei manifestem Botz, noch so wenig 
und so unbedeutend, wie bei gesunden Pferden. 

V, Miliare peribronchiale Botzknötchen. Gerade in frischen 
Botzfallen ist die Lunge oft von miliaren weisslichen und durchscheinenden, 
von einem rötblichen Hof umgebenen Knötchen durchsetzt. Dieselben 
zeigen in ihrer weiteren Entwickelung gewöhnlich bloss eine interstitielle 
Zell Wucherung und ein erweichtes Centrum. Es ist eine sorgfaltige Unter- 
suchung nöthig, um zu erkennen, dass es sich um peribronchiale Knöt- 
chen handelt. Man kann die Bildung dieser Knötchen von den kleinsten 



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246 V. Babes: 

Bronchien ans verfolgen (siehe Taf. IV, Fig. 3 -S), dieselben zeigen wnchern- 
des Epithel, zwischen welchem längliche basophile, grannlirte Elemente, 
wohl entartete Zellen, auftreten. Gegen das Lumen zu erleiden dieselben 
eine eigenthümliche vacuoläre oder glasige Quellung und im Inneren 
der erweiterten Bronchien finden sich ausser abgestossenen und nekrosirten 
Epithelien Fragmente von Leukocyten und Granulation, hier und da 
einzelne Bacillen und rothe Blutkörperchen. Ausserdem aber findet man 
in den kleinsten Bronchien sowie in den Alveolen durch H&matoxylin 
blass gefärbte Massen, in welche oft Kerne eingebettet sind, so dass hier- 
durch der Eindruck von Biesenzellen entsteht; übrigens erkennt man 
hier auch wahre Biesenzellen mit peripherer Lagerung der Kerne. In 
der Umgebung der Bronchien findet man kleine Schleimdrüsen mit 
glasig gequollenem Epithel; das peribronchiale Gewebe ist bedeutend 
verdickt und zu einem rundzelligen Granulationsgewebe entartet, welches 
sich zwischen die benachbarten Alveolen erstreckt, indem dieselben be- 
deutend verkleinert und mit gequollenem Epithel ausgekleidet sind. Die- 
selben enthalten ebenfalls homogene Massen. Hier findet man auch ver- 
dickte, in ihrer Wandlung zellig proliferirte Gefasse, öfters von kleineu 
Hämorrhagien umgeben. Es ist unzweifelhaft, dass auch hier die Ver- 
änderung der Gefässwand zu Hämorrhagien geführt hat. Diese Elemente 
bilden nun die frischen, kleinsten peribronchialen Knoten. Die mehr 
umschriebenen, etwas grösseren Knoten sind etwas älteren Datums. Der 
ceutrale Bronchiolus ist bedeutend ausgedehnt (Fig. 3 B*) , die Epithelien 
nekrotisch, der Bronchus ist ausgefüllt mit fragmentirten Leukocyten und 
einer granulirten Substanz, in welcher zerfallene Bacillen zu liegen scheinen. 
An einer Stelle ist nun der Bronchus gewöhnlich ulcerirt und erstreckt sich 
ein Pfropfen der Detritusmasse (c) in die Umgebung des Bronchus, das 
Centrum des Knötchens bildend. Hierauf folgt gegen die Peripherie zum 
Theil Granulationsgewebe, zum Theil homogene Masse, in welcher neu- 
gebildete Gefasse ein Netzwerk bilden. Von hier aus erstreckt sich dann 
neugebildetes zellreiches Gewebe zwischen die Alveolen, welche sehr klein 
rundlich, mit einer hohen Epithelschicht bekleidet, den Eindruck mehr 
eines Drüsengewebes hervorbringt, in denselben finden sich wahre Riesen- 
zellen (Ä). Andere Alveolen sind weniger comprimirt, enthalten desqua- 
mirte sowie namentlich grössere rundliche Elemente von basophilen Granu- 
lationen erfüllt. Endlich erfolgt eine Schicht von Granulationsgewebe 
mit proliferirten, verdickten Gefässen, mit homogener gequollener Wandung 
nnd Hämorrhagien {ha). 

Der peribronchiale jCharakter dieser miliaren Knötchen ist insofern 
interessant, als er darauf hinweist, dass die kleinsten Rotzknötchen nicht 
hämatogenen, sondern bronchialen Ursprungs sein dürften. 



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Die BEKÄMPFüNa der Eotzkrankheit des Pfebdes. 247 

Fig. 4 zeigt diese Verhältnisse bei stärkerer Vergrösserung. Nament- 
lich erkennt man die Entartung der Epithelzellen {E}, die Invasion der 
beerenbüschelähnlichen Kerne {e), die Zusammensetzung des Botzpfropfens {r), 
dessen Durchbruch in das peribronchiale Gewebe {wp). Die Alveolen der 
Umgebung sind von wucherndem Epithel {toa) mit Mytosen und Riesen- 
wellen (JZ) erfüllt. Die Riesenzellen sind hier ein regelmässiger Befund 
und sind der Ausdruck der Regenerationstendenz des Alveolenepithels, 
indem ich auch experimentell bei Rotz eine Knospenbildung der Alveolen 
unter der Form von Riesenzellen behufs Ausfüllung des zu Grunde ge- 
gangenen Gewebes constatiren konnte. 

Bekanntlich behauptet Nocard, dass der Lungenrotz die primitive 
Tiud initiale Form des Rotzes darstelle, welche namentlich durch Infection 
-des gastrointestinalen Tractus zu Stande kommt. Mehrere interessante 
Versuchsreihen sollen diese Ansicht stützen. Es wurden Pferden KartoflFel- 
stücke, in deren Inneres Rotzculturen eingeführt wurden, derart beige- 
bracht, dass dieselben die oberen Luftwege nicht inficiren konnten. 
Allerdings ist man nie sicher, ob nicht doch die Kartoffel von Aussen 
inficirt oder nicht infectiöses Material dennoch beim Schlingact oder 
später an der Schleimhaut des Schlundes haften geblieben sein konnte. 
In der That entwickelten sich bei solchen Pferden gewöhnlich miliare 
Knötchen in den Lungen. — Später ging Nocard weniger scrupulös 
vor, indem er dem Trinkwasser Culturen beimengte; natürlich inficirt^ 
-dieses Wasser nicht nur den Verdauungscanal, sondern auch die oberen 
Luftwege, so dass die nun entstandenen Lungenknötchen ganz gut 
durch Aspiration oder durch die oberen Lymphwege in die Lungen 
gelangen konnten. Ueberhaupt ist es ja precär, anzunehmen, dass der 
Botzbacillus zunächst in den Darm gelangen müsse, um von dort aus die 
Xiungen zu inficiren, ohne in dem Darm selbst irgend welche Verände- 
rungen hervorzubringen. Der Rotzbacillus ist eben kein derartiger Parasit, 
welcher den Organismus unbeschädigt zu durchwandern pflegt; wenn der- 
selbe die Darmschleimhaut nicht angreift, ist es sehr wahrscheinlich, dass 
er auch nicht in dieselbe eindringt, um in einem entfernten Organe und 
Bamentlich in den Lungen Knoten zu erzeugen. Jedenfalls würde der- 
selbe in einem solchen Falle zunächst andere Organe, welche im innigeren 
€onnex mit den Därmen sind, tiefer schädigen, als gerade die Lunge; er 
müsste denn zunächst in die Luugenarterie gelangen. Wir kennen zahlreiche 
Infectionen, welche vom Darme ausgehen; dieselben localisiren sich aber 
entweder in der Umgebung des Darmes oder in den Lymphdrüsen oder 
im Mesenterium, in der Milz, in der Leber oder in anderen benachbarten 
Oeweben. Allerdings finden sich bei Rotz auch Knötchen in der Leber 
und Milz, oft aber bloss in der Lunge und jedenfalls viel verbreiteter in 



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248 V. Babbs: 

der Lange als in anderen Organen. Im Gegentheil ist uns kein Fall 
bekannt, in welchem Botzknötchen bloss in Leber und Milz vorhanden 
gewesen wären« Aber selbst angenommen, dass die Botzbadllen vom 
Darme aus direct in die Lunge gelangen, müsste dann doch unbedingt 
vorau^esetzt werden, dass die Lungenveranderungen zunächst hämatogener, 
embolischer Natur seien, was eben in der Mehrzahl der Fälle nicht zutrifft, 
besonders nicht in vielen Fällen, wo die rotzige Natur der Knötchen gesichert 
ist. In diesen Fällen haben wir es eben grösstentheils mit bronchialen und 
peribronchialen Veränderungen zu thun, indem die Gefasse bloss in zweiter 
Linie verändert werden. Das älteste in solchen miliaren Botzknötchen 
ist eben oft der Eiterpfropf im Inneren eines erweiterten gewucherten 
Bronchus. Dieser Eiterpfropf kann wohl kaum anders erklärt werden, 
als durch Aspiration von Botzbacillen bis in die kleinsten Bronchialäste, 
wo dieselben dann eine Entzündung der Schleimhaut und deren Umgebung 
veranlasst. Da in solchen Knötchen auch die Lymphgefasse der Lunge 
keine Bolle spielen, ist es nicht wahrscheinlich, dass die Bacillen etwa 
durch die mediastinalen Lymphwege in die Lunge gelangt seL ' Wir wollen 
deswegen durchaus nicht die Möglichkeit ausschliessen, dass in gewissen 
Fällen, so in jenen mit miliaren Knötchen lymphatischer Natur, und wo 
zugleich Knötchen in den bronchialen Lymphdrüsen vorhanden sind, die 
Bacillen auch auf dem Lymphwege in die Lungen gelangen konnten. 
Ebenso haben wir Fälle gesehen, in welchen es sich um kleine Gefass- 
thromben handelt, welche Knötchen bilden, und auch in anderen Fällen 
muss eine hämatogene, embolische Infection angenommen werden. 

Die Untersuchungen von Schütz zeigen in der That, dass wenn man 
sehr vorsichtig vorgeht, indem man Botzbacillen in dicke, äusserlich des- 
inficirte Gelatinekapseln einschliesst und Pferden mit den nothwendigen 
Yorsichtsmaassregeln beibringt, zwar Botz erzeugt wird, zudem aber in 
diesen Fällen die wesentlichsten Veränderungen in den Lymphwegen des 
Darmes und der Mesenterialdrüsen und in den retroperitonealen Drüsen 
sowie in Leber und Milz vorhanden sind. Auch finden sich dann Ver- 
änderungen in der Darmwand selbst, während in der Lunge nur frischere 
Krusten zu finden sind. 

VI. Die embolischen Lungenknötchen finden sich nicht nur bei 
ausgesprochenem Botz, sondern auch bei latenten Formen als kleine peri- 
pherische Infarcte. Dieselben charakterisiren sich an der Peripherie durch 
eine bedeutende Hyperämie der centralen Gefässe, während gegen das 
Centrum verdickte, erweiterte, mit Blutpigment und gelben Granulationen 
oblitterirte Arterien angetroffen werden. Die comprimirten Alveolen sind 
von einer granulirten Substanz von fragmentirten Leukocyten sowie 
von grösseren rundlichen, vacuolären oder von basophilen granulirten 



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Die Bekämpfung beb Rotzkbankheit des Pfebdes. 249 

Elementen erfüllt. Eigenthümlich sind noch in diesen Inüarcten die 
Bronchien, welche eine angemeine epitheliale Proliferation zeigen, erweitert 
sind nnd Pfropfe von mucopomlenter Snbstanz mit fragmentirten Kernen 
nnd grossen vacnolären Massen aufweisen. Oft kann man die Organisation 
mit kalkiger Entartung im Centrum derartiger Infarcte verfolgen. In 
frischen Infarcten konnten wir keine Bacillen entdecken, doch waren die- 
selben in manchen Fällen virulent. Die kleinen fast miliaren Infarcte finden 
sich häufig bei Pferden, welche keinerlei klinische Botzsymptome zeigen. 
* Hier will ich noch darauf aufrnerksam machen, dass die so charak- 
teristischen Hämorrhagieen bei Kotz offenbar einer eigenthümlichen Schä- 
digung der Gefasswand und deren Umgebung zugeschrieben werden müssen, 
welche mit massiger Zellwucherung beginnend zur Bildung einer homogenen 
durch Hämotozylin bläulich gefärbten Substanz führt und die Oeftsswand 
und deren Umgebung einnimmt (Taf. IV, Fig. 3 A). 

TU. Grössere umschriebene Knoten. Dieselben wechseln mit 
den miliaren Knoten ab. Neben zahlreichen miliaren Knoten finden sich 
manchmal erbsen- bis haselnussgrosse, mehr oder minder scharf umgrenzte 
Knoten, die im Centrum entweder mörtelartig oder auch kalkig, nicht 
selten käsig oder käsig-eitrig verändert und häufig von einer hämorrhagi- 
schen Zone umgeben sind. In Fällen, wo klinische Botzsymptome nicht 
vorhanden sind, sind sie seltener, sehr zahlreich oft bei klinisch-mani- 
festem Botz. 

VIII. Kleinere parenchymatöse Herde. Dieselben, gewöhnlich 
acuter Natur, gehen meist von Alveolen oder Infundibeln aus, welche von 
Leukocyten mit chromatinreichen Kernfragmenten, zwischen welchen Ba- 
dllen liegen, erfüllt sind. Auch die Alveolarsepten sind geschwellt, die 
benachbarten Alveolen von Leukocyten erfüllt, doch bacillenfrei. Diese 
Herde sind von einer hyperämischen oder hämorrhagischen Zone umgeben, 
in welcher eigenthümliche hyaline Massen in inniger Beziehung zu Ge- 
fassen angetroffen werden. Durch die Confluenz dieser Herde entstehen 
ausgebreitete Pneumonieen. Andererseits nekrosiren und vereitern diese 
Knoten oft unter Mitwirkung derer Bakterien. 

Die Interpretirung der verschiedenen Knötchen wird noch dadurch 
erschwert, dass oft alte, jüngere und frische Knoten und Herde rotziger 
und nicht rotziger Natur zugleich angetroffen werden, wie dies einige 
Beispiele zeigen sollen: 

Pferd Stechmayer. Es sind klinisch acute Luugenläsionen zu beob- 
achten. Die Alveolen sind mit einer gleichförmigen granulösen Substanz 
ausgefüllt (Oedem). Die Alveolen enthalten rothe Blutkörperchen. Ausserdem 
sind voUkonunene hämorrhagische Herde zu beobachten. In der Nähe des 
interstitiellen Gewebes erkennt man eine bedeutende Schwellung der Alveolen- 



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250 V. Babes: 

epithelien, die granulös sind und kleine Kerne beherbergen; das Lumen 
der Alveolen wird manchmal von ihnen ausgefüllt. Aus dem interstitiellen 
Gewebe entwickelt sich die Proliferation eines fibro-plastischen Gewebes, das 
in die Alveolen dringt, sie verstopft , und ein compactes, sderoses Gewebe 
bildet, in welchem das Alveolametz noch zu erkennen ist. 

So entsteht ein fibröses Gewebe, welches miliare, mehr fibröse Knoten 
bildet, die von embryonären Zonen umgeben sind. 

Dieses Granulationsgewebe findet sich besonders in der Umgebung 
von Gefassen; es sind aber auch Herde vorhanden, die den Charakter von 
LymphfoUikeln aufweisen, von wo aus Stränge, wahrscheinlich lymphatischen 
Ursprungs, ausgehen, die ebenfalls aus kleinen Zellen gebildet sind. 

Ein grösserer Knoten mit erweichtem Centrum zeigt folgende Structur: 
derselbe ist von einer Kapsel umgeben, die aus verhärtetem fibrösen Ge- 
webe gebildet ist; dieses Gewebe ist zellarm, dient zur Insertion der alveo- 
lären Septen der Nachbarschaft. 

Indem aber der Knoten nicht ganz, sondern bloss zur Hälfte von der 
Kapsel umgeben ist, so ist derselbe zum Theil schlecht begrenzt. Die Alveolen 
aus der Umgebung sind theilweise mit neugebildetem Gewebe sowie mit 
geschwelltem Epithel erfüllt und von einem mono-nucleären Granulations- 
gewebe umgeben, das sich bis in die erweichten Massen fortsetzt. 

Es ist aber zu bemerken, dass gegen das Centrum des Knotens das 
interstitielle Gewebe immer dicker und zellreicher wird, die Alveolen werden 
immer kleiner und verschwinden schliesslich ganz, oder aber sie verharren 
bloss als Zellanhäufungen mit dem Aussehen von Riesenzellen mit kleinen 
Kernen, die theilweise zerstört und abgeblasst sind. 

Man erkennt, dass die Verdickung des Gewebes von den Wänden der 
erweiterten, mit Blut gefüllten Gefässe ausgeht. Ausserdem bemerkt man 
hier Gefasse, die mit Pfropfen von Leukocyten ausgefüllt sind und mehrere 
folliculäre Gruppen, die aus reticulärem Gewebe bestehen. An einer Stelle 
findet sich in einem kleinen Bronchus des Knotens, theilweise desquamirtes 
Epithel, während das Lumen granulöse albuminöse Massen enthält und 
der Bronchus von einer dichten Zone mono-nucleären Granulationsgewebes 
mit öfters fragmentirten Kernen umgeben ist. Dort, wo der Knoten von 
einer fibrösen Kapsel umgeben ist, folgen nach dieser Kapsel erweiterte, 
mit Thromben vollgestopfte Gefässe, dann eine Schicht von runden kleinen 
Zellen, die mit Bündeln fibro-plastischen Gewebes vermischt sind. Darauf 
folgt dem Centrum zu eine einförmige ungefärbte Schicht, woselbst noch 
die alveoläre Structur der Lunge zu erkennen ist; die Septa sind dünn und 
enthalten Kernfragmente, während die Alveolen von einem glänzenden fibro- 
nösen Netze mit Kemresten ausgefüllt sind. 

Das erweichte Centrum ist ebenfalls von Lungenalveolen gebildet, wo aber 
mit einem Male eine Menge kleiner, unregelmässiger Kernfragmente, sowie 
stark gefärbter Globi erscheinen, die wahrscheinlich nudeären Urprungs sind. 

Man sieht hier noch einzelne kleine Stäbchen, wahrscheinlich Rotzbacillen. 

Pferd Jcotka. Die Lunge ist hyperämisch, die kleinen Gefasse er^ 
weitert, die Alveolen comprimirt. In der Umgebung der Bronchien sind 
diflFuse Herde vorhanden, und ödematöse Stellen in der Umgebung der Ge- 
fässe. Die übrigens ziemlich kleinen Herde sind von verschiedenen Ele- 



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Die Bekämpfung der Rotzkrankheit des Pferdes. 251 

menten gebildet. Die Alveolen enthalten geschwelltes, vacuoläres und 
pigmentirtes Epithel. Dem Centrum zu ist oft ein sderöses, interstitielles 
Gewebe vorhanden, in welchem viele geschwellte, fixe Plasmazellen enthalten 
sind. Es finden sich ausserdem sderosirte und obliterirte Gefasse und 
schliesslich kleine Embryonalknoten mit fixen mononucleären Zellen. Die 
Bronchien zeigen epitheliale Desquamation. Zwischen den Epithelzellen 
finden sich viele Ehrl ich 'sehe (Mast-) Zellen, sowie auch in der Umgebung 
der Bronchien. Hier und da bemerkt man isolirte, kleine, miliare Knötchen, 
die aus fixen Zellen gebildet sind und im Centrum Pigmentmassen enthalten. 
Zu erwähnen sind noch eine Anzahl feiner, violetter Granulationen, beson- 
ders in den dichteren Zellherden. 

Die Lasionen finden sich also besonders in der Umgebung der Bronchien. 
Ausser Zellen, Schleim und desquamirtes Epithel enthalten die Bronchien 
auch noch runde, vacuoläre, bläuliche, tropfenförmige Gebilde, von der Grösse 
der Leukocyten. 

Pferd Brain. Kleine hämorrhagische Herde mit Fibrin in den 
Alveolen. Zwischen den Herden sind mehrere Knötchen vorhanden, beson- 
ders im interstitiellen Gewebe, ohne dass ein intimer Zusammenhang zwischen 
denselben und den Bronchien vorhanden wäre. 

Die Knötchen sind von einem fibrösen oder fibroplastischen Gewebe um- 
geben. Dieses Gewebe geht in das eigentliche Gewebe des Knötchens über. 

Das Knötchen besteht aus einem Zellnetz, vielen Plasmazellen mit stark 
gefärbtem (violettem) Protoplasma, das mit grösseren Zellen und cubischen 
oder runden Epithelien ausgefüllt ist. Hier erkennt man unregelmässige 
Hohlräume mit Zellen vollgestopft, die wahrscheinlich endothelialer Natur sind. 

In der Umgebung von Gefässen sitzen ähnliche Knötchen und in ihrer 
Mitte finden sich kleine Bronchien mit desquamirtem Epithel, die noch ziemlich 
viele Leukocyten mit hyperchromatischem Kemzerfall enthalten. Auch sind 
Oefässe mit verdickten Wänden vorhanden. Die Bronchien sind ganz von 
Zellpfropfen ausgefüllt. Man sieht auch Schleimdrüsen der Bronchien mit 
modificirtem Epithel, so dass sie zu grossen Blasen umgewandelt scheinen, 
wohl eine mucöse Umwandlung. In der Umgebung der Alveolen sind grosse 
pigmentirte Zellen vorhanden, während die Lymphgefässe mit proliferirten 
Endothelien vollgestopft sind. 

Aus diesen Untersuchungen geht nun hervor, dass bei rotzigen Pferden 
sowie bei solchen ohne klinische Rotzsymptome oft virulente Knoten in 
Lunge und Leber gefunden werden, viel häufiger aber solche Knoten, 
welche nicht virulent sind und von welchen durchaus nicht immer nach- 
zuweisen ist, dass sie rotzigen Ursprungs seien, Nocard will die Frage 
mittels Experimenten entscheiden. Es wurden sechs Pferde aus nicht 
infectiösen Regimenteni, und welche nicht reagirten, verwendet; vier der- 
selben bekamen in's Trinkwasser eine Rotzcultur. Schon nach 2 Tagen 
stieg die Temperatur um über 2^ und eine am 6. Tage ausgeführte 
Mallelninjection verursachte eine grosse locale Reaction ; am 8. Tage waren 
die Lymphdrüsen geschwellt und ein Pferd hatte Nasenausfluss und Ge- 
schwüre. Nach 14 Tagen wurde eines dieser Pferde sowie ein Controlpferd 



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252 V. Babes: 

getödtet und die Lungen toII miliarer, zum Theil transludder Knötchen 
gefunden. Zwei andere Pferde und ein Controlpferd wurden nach 2 Mo- 
naten getödtet und zeigten chronischen Rotz und zahllose Knötchen in 
den verschiedensten Stadien, grössere kalkige Knötchen, sowie kleine junge, 
welche alle infectiös waren. In einer zweiten Serie wurden 12 Pferde 
aus gesunden Bestanden, welche nicht reagirten, mit Gulturen im Trink- 
wasser inficirt; dieselben reagirten alle nach 14 Tagen, mehrere dieser 
Thiere bekamen klinische Botzsymptome und wurden getödtet Bei adit 
dieser Pferde kam der Botz nicht klinisch zum Ausbruch, doch als die- 
selben nach verschiedener Zeit, nach 7 — 8—9 — 10 Monaten getödtet wurden, 
nachdem sie in letzter Zeit nicht mehr auf Malleln reagirten, fand man 
in den Lungen zahlreiche fibröse, käsige oder durchscheinende Knötchen, 
welche aber nicht infectiös waren. 

Aus diesen Experimenten folgert Nocard nidit nur, dass in seinen 
Experimenten die nicht infectiösen Knötchen morvösen Ursprungs sind, 
und dass in seinen Versuchen der versteckte Botz geheilt wurde, sondern 
dass ähnliche Knötchen immer Botz bedeuten und dass das Aufhören der 
Beaction immer die Heilung des Botzes anzeigt. Während in seinen 
Experimenten dies ja angenommen werden kann, haben unsere zahllosen 
Versuche doch gezeigt, dass diese Experimente nicht ohne Weiteres ver- 
allgemeinert werden dürfen, indem Nocard nichts von jenen zahllosen 
Fällen berichtet, in welchen Pferde reagiren und doch absolut nichts 
Infectiöses in ihren Knötchen und in ihren inneren Organen aufweisen, 
indem es ganz ausgeschlossen ist, dass dieselben dennoch irgend einen 
versteckten Botzherd beherbergen. Ebenso gut könnten ja dann auch 
jene Pferde iJocard's, welche er als geheilt betrachtet, irgend einen 
versteckten Botzherd beherbergen. 

Zweitens ist es durchaus nicht bewiesen, dass Pferde, welche nicht 
mehr reagiren, nicht rotzig oder geheilt seien. Wir haben schon bisher 
zahlreiche Fälle angeführt, wo Pferde aufhören zu reagiren, worauf dann 
sich Botz klinisch manifestirt, oder wo die Pferde nicht nur einmal, 
sondern periodisch mehrere Male zu reagiren aufhörten, um dann von 
Neuem gegen Malleln empfindlich zu werden und typisch zu reagiien. 
Es geht eben nicht an, durch einige Experimente an 18 Thieren jenen 
Hunderten, ja Tausenden und Jahre lang dauernden Experimenten gegen- 
überzustellen, welche wir angestellt hatten, und welche zu Besultaten 
führen, die von jenen Nocard's gänzlich abwichen. Die übrigen Tausende 
von Besultaten Nocard's haben dem gegenüber keinen Werth, nachdem 
dieselben auf ungenügenden Kriterien beruhen und nicht genügend controlirt 
wurden. Es ist eben nicht genügend. Tausende von Pferden zu injiciren 
und dann zu sagen, jene, welche einmal reagirt haben, seien rotzig, und 



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Die Bekämpfung deb Rotzkeankheit des Pfebdes. 253 

jene, welche nicht reagirt haben, seien nicht rotzig; auch genügt es nicht, 
die sogenannten rotzigen Pferde 1 bis 2 Monate stehen zu lassen, sie 
dann noch einmal zu mallelnisiren, um dann sagen zu können, jene 
Pferde, welche nun nicht mehr reagiren, sind geheilt, und die anderen, 
welche reagiren, rotzig. Wenn Nooard diese Behauptungen controliren 
würde, würde er sogleich finden, dass im Gegentheil ein Pferd, welches 
er ab rotzig erklärt, nicht rotzig ist, indem oft dasselbe auf eine zweite 
successive Injection nicht mehr reagiren würde; oder aber wenn er dies 
einmal reagirende Pferd todten würde, würde er häufig im Körper dieses 
Pferdes absolut nichts Virulentes finden können. Wenn er aber Pferde, 
welche er als geheilt betrachtet, systematisch noch weiter mallelnisiren 
würde, würde er finden, dass häufig die Injection von Neuem eine Beaction 
auslöst, die Pferde also durchaus nicht alle geheilt seien. 



lY. Die nicht manifest rotzigen Pferde. 

1. Pferde mit verdächtigen Symptomen. 

Die Commission verfügt über 20 Pferde, welche typisch reagirten, 
ohne Botzsymptome zu zeigen oder bloss irgend ein verdächtiges Symptom, 
bei welchen aber nach dem Tode infectiöse Knötchen gefunden wurden. 

1. Geringe Schwellung des Vorderbeines bis zum Schenkel mit zwei 
kleinen oberflächlichen Geschwüren. Beaction: ^, f *. Nach dem Tode 
finden sich zahlreiche Geschwüre in der Lunge, durchscheinende Knötchen 
mit opakem Centrum sowie grössere verkäste Knoten mit hämorrhagischer 
Peripherie. Experiment positiv. 

2. Einige kleine Pusteln am Nasenseptum, geringer Ausfluss und 
schmerzlose Kehlkopfdrüsen. Während 8 Monate wurde das Pferd 12 Mal 

B 

mallelnisirt mit folgender Beaction: f *, -f, f *, f *, f *, f *, 10, 
f *j f *, ^ *, f ?, *. Immer entstand an der Impfstelle eine grössere 
Geschwulst. Schon nach der 1. Injection manifestiren sich Botzsymptome. 
Das Thier wurde getödtet und fand sich ein kleines Geschwür am Nasen- 
septum, viel käsiger Eiter in den Sinus, eine taubeneigrosse, käsige 
hämorrhagische Geschwulst an der Lungenfläche, zahllose durchscheinende 
virulente Lungenknoten. 

3. Taubeneigrosse submaxillare Lymphdrüse. Beaction: f *. Das 
Pferd wird erschossen und zeigt ausser der succulenten und hämor- 
rhagischen Drüse eine faustgrosse Hepatisation an der Lungenspitze mit 
kleinen Abscessen. Ausserdem zahlreiche, hanfsamengrosse Knötchen, zum 
Theil mit hämorrhagischer Zone. 



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254 V. Babes: 

4. Abscedirte Drüse. Beaction: f ^. Nach der Injection erschienea 
kleine Abscesse an den Mundwinkeln. Das Pferd wird getödtet und zeigt 
zwei tiefe Nasengeschwüre. In der Lunge neben zahlreichen, zum Theil 
verkästen hanfkom- bis haselnussgrosse Knoten sowie einige kleinere 
hepatisirte Stellen. Beincultur von Rotzbacillen. 

5. Sero-mucöser Ausfluss. Reaction: ^ ^. Das Pferd wird getödtet 
und finden sich am Septum sternförmige Narben und links ein grösseres 
Geschwür mit erhabener pulpös-eitriger Basis. Zahllose miliare Knötchen 
durchscheinend oder kalkig in Lunge und Leber. Aus einigen der Knötchen 
mit käsigem Centrum wurden Botzculturen gewonnen. 

B 

6. f *, f *. Abscesse am Rücken und Lymphstr&nge, im Eitpr 
Rotzbacillen. Nichts in der Nase, in der Lunge aber zahlreiche frische 
und verkreidete Knötchen. Erbsengrosse verkreidete Knoten in der Leber. 
Positive Culturversuche aus den Lungenknötchen. 

7. Das Pferd hustet und zeigt eine Schwellung des linken Hinter- 
schenkels. Reaction: f *, f 0, f -(-. Nach der Injection erscheinen 
Rotzsymptome, namentlich Wurmgeschwüre, Trachealdrüsen geschwellt, 
hämorrhagische Larynxgeschwüre. In Leber und Milz kreidige Knötchen. 
An der Milzoberfläche flache Verdickung der Kapsel, unter welcher ein 
gelbliches, granulirtes hämorrhagisches Gewebe. Culturversuch positiv. 

8. Pötider, grünlicher, beiderseitiger Nasenausfluss. Kleine Drüsen- 
schwellung links. -|-, f 0. Symptome nach der Injection mehr ausge- 
sprochen. Das Thier geht nach einigen Tagen ein. Kleine Geschwüre 
am Nasenseptum, zahlreiche miliare bis erbsengrosse, eingekapselte, von 
hämorrhagischer Zone umgebene Knötchen. In der Leber kreidige Knötchen. 
In der Milz einige hämorrhagische Infarcte. Culturversuch positiv. 

9. Geringer grauer Ausfluss. Kleine Drüsengeschwulst; rechts am 
Rücken eine bewegliche, thalergrose, derbe, subcutane Geschwulst. Das 
Pferd wurde getödtet, die Geschwulst besteht zum Theil aus derbem, zum 
Theil aus verkalktem Bindegewebe. Am Nasenseptum einige oberfläch- 
liche Erosionen. In der Lunge etwa 10 haselnussgrosse, fleischige, hämor- 
rhagische Knoten, einige mit gelblichem Centrum, andere im Innern ver- 
kalkt, an der Peripherie speckig und mit hämorrhagischer Zone, ausserdem 
zahllose miliare, zum Theil durchscheinende, zum Theil im Centrom 
erweichte Knötchen, welche Rotzculturen geben. 

10. Schwellung des linken Hinterschenkels mit furunkelähnlich er- 
weichtem Knoten mit Lymphstrang. * | *. Nach der Mallelnisirung ent- 
stehen Geschwülste, Abscesse, Lymphstränge mit Rotzbacillen. In der Lunge 
zahlreiche frische, etwa nussgrosse Knoten mit hämorrhagischer, plastischer 
Pleuritis. Zahlreiche miliare, zum Theil hämorrhagische und vereiternde 



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Die Bekämpfung der Rotzkrankheit des Pferdes. 255 

Knötchen, sowie zahlreiche miliare, knorpelähnliche Knötchen, ebenso in 
der Milz. 

11. Fötider, grünlicher, beiderseitiger Nasenausfluss. Kleine lappige 
Drüsengeschwulst. +*, ^*, (intravenöse Injection). Cnltur ans dem 
Ausflnss negativ. Am Nasenseptum oberflächliche Erosionen, im Sinns 
käsige Massen. Zahlreiche, hanfgrosse, kalkige Knötchen, andere käsig, 
manchmal mit hämorrhagischer Zone. An der Oberfläche drei haselnuss- 
grosse frische, fleischige, hämorrhagische, im Centram gelbliche Knoten, 
welche Botzcoltnren gaben. 

12. Seröser Ausfluss. Kleine indolente Drüse. Sternförmige Narben 
mit congestiver Zone am Septum. Husten und Niesen. * ? (intravenös). 
Culturversuch aus dem Nasenausfluss negativ. Das Pferd wird getödtet 
und fanden sich an den Muscheln kleine Oeschwüre, in den Lungen 
zahlreiche miliare, zum Theil kalkige, kreidige, zum Theil käsige, ein- 
gekapselte Knötchen mit hämorrhagischer Zone, einige grössere, fleischige 
Knötchen, welche Botzbacillen geben. 

13. An dem linken Hinterschenkel difTuse Geschwulst mit Excoriationen 
und Calloritäten. *, ^. Das Pferd wurde getödtet. Pleurale Verdickung, 
unter welcher verkreidete oder käsige Knötchen zu finden sind; einige 
erbsengrosse Knötchen mit käsigem Centrum und hämorrhagischer Peri- 
pherie, aus welchem Kotzculturen gewonnen wurden. 

14. Drüse, kleine Narben am Septum. f *. Lunge von zahlreichen 
grösseren und kleineren fleischigen, hämorrhagischen Knoten durchsetzt, 
andere sind kreidig, käsig oder durchscheinend. Positiver Culturversuch 
an den frischen Knötchen. In der Leber kalkige Knötchen. 

15. Pferd magert schnell ab, hustet, Epistaxis. * *. Sections- 
ergebniss: in der Trachea Geschwüre und Narben, zahlreiche miliare und 
grössere fleischige oder durchscheinende, im Centrum käsige Knötchen 
mit hämorrhagischer Zone. Scleröse Plaques an der Pleura, welche kleinen 
Abscessen oder Cavemen entsprechen, zum Theil mit grösseren Bronchien 
oommunicirt Ausserdem Hepatisation mit eitriger Infiltration in um- 
schriebenen Herden. In der Leber mehrere käsige, kreidige Knötcheü 
mit hämorrhagischer Peripherie, ßotzculturen. 

16. Schleimiger, bilateraler Ausfluss. Das Pferd hustet und magert 
ab. Aus dem Ausfluss konnten Kotzculturen nicht gewonnen werden. 
Im Verlaufe eines Monats wurden 4 Injectionen gemacht: *, *, f -|-, ?. 
In der Trachea kleine Geschwüre mit hämorrhagischer Basis. In der 
Longe zahlreiche miliare, kreidige Knötchen. Grössere fleischige Knötchen 
mit erweichtem pulpösen Centrum. Rotzculturen. 



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256 V. Babes: 

17. Reichlicher muco-pamlenter Aüsfluss, aus welchem keine Botz- 
culturen gewonnen werden. Am Septum Narbe. Das Pferd hinkt auf 
einem Fuss. f -f, f 0, f 0. Sectionsergebniss: in der Tiefe des Sep- 
tums ausgebreitete Geschwüre. In der Lunge zahlreiche hanfgrosse oder 
grössere translucide oder käsige Knoten mit hämorrhagischer Zone. Derbe 
Plaques an der Pleura und in derselben kreidige Knötchen. In der Milz 
lufarcte. Botzculturen. 

18. Das Pferd magert schnell ab. Fieber und Narben am Septum. 
Nach Abnahme des Fiebers ist die Beaction f ^. Nach einigen Tagen 
wird das Pferd todt gefunden. In der Lunge bloss wenige erbsengrosse 
fleischige, hämorrhagische, im Centrum graue, erweichte Knötchen. Wenige 
durchscheinende und kreidige miliare Knötchen. Die frischen Knoten 
geben Botzculturen. 

19. Oeringer, einseitiger, schleimiger Ausfluss mit kleiner indolenter 
Drüse. Aus dem Nasensecret keine Botzculturen. Beaction: 0, 0. Unbe- 
deutende locale Beaction. Sectionsergebniss: in der Trachea zahlreiche 
Geschwüre mit geschwellter Basis. In den Lungen zahllose durchschei- 
nende, miliare Knötchen mit erweichtem Centrum sowie andere grössere 
fleischige, dunkelrothe und im Centrum erweichte Knötchen. Auch kleine 
Cavemen mit Hepatisation und gelbe Pleuralverdickungen. Botzculturen. 

20. Schleimiger, beiderseitiger Ausfluss. Bechts eine kleine Drüse. 
Das Pferd hustet und magert schnell ab. Beaction: ^, ^^, 0, 0. 10 Tage 
nach der letzten Injection wird das Thier getödtet und fanden sich in 
der Tiefe des Septums Knötchen und ein kleines Geschwür. Kleine und 
grössere käsige und kreidige Lungenknötchen sowie einige carnificirte 
Herde. In der Leber kreidige Knötchen. Botzculturen aus den käsigen 
Knoten. 

In diesen Fällen waren zwar die Symptome nicht charakteristisch 
und der Ausfluss nicht virulent, so dass die positive Beaction, welche in 
der Begel mit bedeutender localer Schwellung einherging, ofiiBnbar zur 
Sicherung der Diagnose beitrug. Die Pferde haben sowohl nach unserer 
Methode als nach jener von Nocard reagirt, obgleich, wie es gleich 
bemerkt werden muss, dann in 2 Fällen die Pferde aufhörten zu reagiren, 
in einem Falle die Beaction überhaupt war, und doch auch in diesen 
Fällen virulenter Botz gefunden wurde. 

2. Pferde ohne klinische Symptome, welche reagirt haben und 
infectiöse rotzige Knötchen beherbergen. 

Wichtiger als diese Fälle sind jene, bei welchen keinerlei klinisch 
verdächtige Symptome vorhanden waren und die Thiere nach einer oder 



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Die Bekämpfung der Eotzkbankheit des Pferdes. 257 

mehreren positiven Reactionen getödtet wurden. In diesen Fällen waren 
in etwa 20 Procent infectiöse Lungenknötchen vorhanden. Wir wollen 
12 solche Fälle in Kurzem hier anführen. 

1. I *. Nach 14 Tagen wird das Thier getödtet. In der rechten 

o 
Lungenspitze findet sich eine kindskopfgrosse hepatisirte Stelle mit einer 
Caverne, welche röthliche eitrige Substanz enthält und mit erweiterten, 
mit Knötchen und Geschwüren bedeckten sehr hyperämischen Bronchien 
communiciren. In anderen Lungentheilen kleinere ähnliche hepatisirte 
Stellen und mehrere miliare, kreidige und käsige, eingekapselte Knötchen^ 
letztere gaben Rotzculturen. 

2. f ♦. Kleine Trachealgeschwüre mit hämorrhagischem Grund, 

o 
zahlreiche erbsen- bis haselnussgrosse hämorrhagische, zum Theil im 
Innern erweichte, schmutzig -weissliche Knoten. In der linken Lungen- 
spitze eine hepatisirte Stelle, die mit derben Knötchen und Strängen 
durchsetzt ist. Rotzculturen. 

S. f ^. Geschwüre in der Trachea, miliare und grössere, durch- 
o 
scheinende oder frische hämorrhagische, sowie käsige eingekapselte Knöt- 
chen. In der rechten Lungenspitze eine hepatisirte Stelle mit zahlreichen 
käsigen Knötchen. Rotzculturen. 

4. I 5j:, In der Tiefe der Nase verschmelzende Geschwüre. In der 

o 
Lunge zahlreiche grössere, erbsen- bis haselnussgrosse homogene, hämor- 
rhagische Knötchen, manchmal mit schmutzig- grauem, erweichtem oder 
käsigem Centrum. Ausserdem zahlreiche miliare, durchscheinende und 
kreidige Knötchen. Auch in der Bronchiadruse zahlreiche Knoten. Rotz- 
culturen aus den frischen Knoten. 

F R 

5. Das Pferd hustet. ^ ^. Bloss Veränderungen in der Lunge: 
15 grössere, bis haselnussgrosse hämorrhagische Knoten, ausserdem wenige 
miliare, durchscheinende, im Centrum käsige Knoten. Aehnlicher Knoten 
in der Milz. Frische Knoten geben Rotzculturen. 

R 

6. * *. In der Lunge bloss ein durchscheinender, erbsengrosser, 
o o 

in der Mitte käsiger Knoten; ausserdem ein miliares und ein verkalktes 
Knötchen. Die Mediastinaldrüsen sind aber vergrössert, hämorrhagisch, 
succulent, mit kleineren foUicularen Knötchen. Einige kalkige Knötchen 
in der Leber; in der Milz 10 haselnussgrosse, in der Mitte verkäste 
Knoten, welche Rotzculturen geben. Hier handelt es sich mehr um eine 
Localisation in der Milz. 

Z«UMhr. t Hyfflra«. XXXIX. 17 



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258 V. Babes: 

7. \ ^. Narben im Nasenseptuin; wenige miliare Knötchen mit 
hämorrhagischer Zone in der Lunge und ein haselnussgrosser hämorrha- 
gischer Knoten. Mehrere kreidige Knötchen in der Leber, Culturen 
negativ. Ein geimpftes Meerschweinchen zeigt charakteristischen Rotz. 

8. ^. In der Lunge zahlreiche miliare, durchscheinende Knötchen 
mit hyperämischer Zone. Ein erbsengrosses Knötchen mit käsigem Cen- 
trum. Zahlreiche ähnliche Knötchen in der Leber; aus denselben Rotz- 
culturen. 

P F p 

9- ^j ^y fj ^f Oj *• Eine Narbe in der Trachea. Wenige miliare, 

kreidige Knötchen in der Lunge, ausserdem einige erbsengrosse Knötchen 

mit käsigem Centrum. Rotzculturen positiy. 

p 

10. !♦, ^, f ?, 0, 0, 0, *, 0, *, f ?. Dieses Pferd wurde während 

eines Monats 10 Mal injicirt; dasselbe hatte aufgehört zu reagiren und 
reagirt zuletzt von Neuem. Im Nasenseptum einige Narben. Zuletzt 
entwickelte sich eine Schwellung der Submaxillardrüse. Zahlreiche kreidige 
und durchscheinende miliare Knötchen, einige mit hämorrhagischer Zone, 
sowie einige kleine frische Infarcte; in der Leber einige kreidige Knötchen. 
Aus den Infarcten Rotzculturen. 

11. *. Zahlreiche miliare, durchscheinende oder kreidige Knötchen 
in der Lunge, sowie einige erbsengrosse, ähnliche Knötchen. Ein ähn- 
licher Knoten in der Milz. Das injicirte Meerschweinchen zeigt ein Rotz- 
geschwür und geht an Rotz zu Grunde. 

12. 5jc. Durchscheinende kreidige Knötchen, einige mit käsigem 
Centrum von Hanf körn- bis Erbsengrosse. Auch in der Leber fanden sich 
4 Knoten. Culturen und Thierversuch positiv. 

3. Pferde mit Reaction ohne infectiöse Knötchen. 

Dem gegenüber stehen zahlreiche Fälle, in welchen Thiere, welche 
typisch reagirt hatten, in der Lunge zahlreiche miliare, kreidige, durch- 
scheinende, manchmal im Centrum käsige, eingekapselte Knötchen, häufig 
auch erbsengrosse und grössere, derb -fibröse, verkalkte oder zum Theil 
auch käsig- kalkige, mörtelartige Knötchen, und ebensolche in der Leber 
und auch in der Milz zeigten, ohne dass das Mikroskop, Cultur und 
Thierversuch Rotzbacillen nachgewiesen hätten. Wir wollen bloss einige 
derselben hier kurz erwähnen: 

1. ^. Zahlreiche miliare, kreidige oder durcheinende, im Centrum 
o 
käsige Knötchen. Zahllose ähnliche Knötchen in der Leber. Wenige 



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Die Bekämpfung der Rotzkbankheit des Pfebdes. 259 

erbsengrosse, unregelmässige, fibröse, im Centrum käsige oder mörtelartige 
Knötchen. Kein Bacillennachweis. 

2. f *. Wenige verkreidete, bis erbsengrosse Knötchen in Lunge 
und Leber, sowie stellenweise subpleurale Ecchjmosen. 

3. Hc. Zahlreiche kreidige und zum Theil mörtelartige, derb -fibröse 
oder kalkige, gewöhnlich leicht ausschälbare Knötchen in Lunge und 
Leber. 

4. ^ ^ ^. An der rechten Lungenspitze ein camificirter Herd, erbsen- 
o o o 

grosse, derbe, kreidige Lungenknötchen, sowie fibröse Knötchen mit mörtel- 
artigem Centrum. Umschriebene gelbe Verdickung der Leberkapsel, unter 
welcher ein derber, gewundener Strang, wahrscheinlich ein verkalkter 
Wurm, sitzt. 

5. ^ ^ ^. Einige atrophische Depressionen des Nasenseptums, sowie 
einige Knötchen, welche oberflächlichen Thromben entsprechen. Zahl- 
reiche miliare,- durchscheinende Lungenknötchen. In der Leber hanfkorn- 
bis erbsengrosse Knötchen mit kreidigem Centrum, stellenweise grössere 
Herde bildend, indem zwischen denselben das Lebergewebe fibrös ent- 
artet ist. 

6. Im Verlaufe von 2 Jahren wurde 1 Pferd 12 Mal mallelnisirt 
mit folgender Reaction: *,*,*, f*, t, +, It? ?, % % *, *• Zugleich 
war massige locale Reaction vorhanden. Nach einer Woche wurde das 
Thier getödtet und bei der Section wurden keinerlei rotzige Veränderungen, 
bloss in den Lungen einige verkalkte Knötchen und einige derartige 
erbsengrosse mit mörtelartig erweichtem Centrum gefunden, aus welchen 
aber Rotzculturen nicht gewonnen werden konnten. 

7. Ein anderes Pferd wurde ebenso lange mit einer gleichen Anzahl 
von Injectionen behandelt und zwar mit folgendem Resultat: 

Nach einer Woche wird das Pferd getödtet und fanden sich bloss miliare 
und etwas grössere derbe, verkalkte Knötchen in der Lunge. 

8. Dreizehn Injectionen während eines Jahres: 

In diesem Falle wurden zahlreiche verkalkte Knötchen gefunden, in 
welchen weder Bacillen noch lebendes Virus nachgewiesen werden konnten. 
Ebenso wenig konnten in den Knötchen thierische Parasiten constatirt 
werden. 

9. Dreizehn Injectionen während 2 Jahren: 

o o o o o o 
Ziemlich bedeutende Localreaction nach den meisten Injectionen. Hier 



17 



• 



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260 V. Babes: 

wurden ebenfalls kleinere oder grössere verkalkte oder auch käsig- ver- 
kalkte Knötchen gefunden^ in welchen Kotzbacillen nicht nachgewiesen 
werden konnten. 

10. Fünfzehn Injectionen wahrend 34 Monaten: 

ooo ••o o ••oo oooo 
Nach einer Woche wird das Thier getödtet und fanden sich bloss miliare 
bis linsengrosse, nicht bacillenhaltige, verkreidete Knötchen. 

11. Ein anderes Pferd mit vierzehn Injectionen während 34 Monaten: 
?0??0?0?000?5i^5i:. Nach einer Woche wird das Thier 

OO'OOOOO 

getödtet und fanden sich bloss miliare bis linsengrosse durchscheinende 
Knötchen; einige derselben hatten ein mörtelartiges Centrum. Miliare 
ähnliche Knötchen in der Leber. Bacillen konnten auf keinerlei Weise 
gefunden werden. 

Die Erfahrungen und Versuche zeigen jedenfalls, dass die Experi- 
mente No Card 's und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen die Frage 
nach der Bedeutung der Knötchen nicht genügend aufgeklärt haben. 
Nocard hat einfach gezeigt, dass nach künstlicher Infection Pferde nach 
kurzer Zeit Rotzknötchen in der Lunge aufweisen. Seine Versuche sind 
aber nicht dafür beweisend, dass die Kotzbacillen in der Regel vom 
Intestinaltractus aus in die Lunge dringen, nachdem auch das Eindringen 
durch die rasirte Haut des Meerschweinchens, sowie durch die normale 
Conjunctiva uud Nasenschleimhaut von mir bewiesen wurde und in No- 
card 's Versuchen auch jene durch die ol}eren [Luftwege schon a priori 
nicht ausgeschlossen ist und nachdem ich für einem grossen Theil dieser 
Knötchen den bronchialen Ursprung nachgewiesen habe. Allerdings ist 
es nicht ausgeschlossen, dass Knötchen auch auf dem Blut- und Lymph- 
wege in der Lunge zu Stande kommen, was für gewisse Formen, nament- 
lich für die infarctähnlichen Knoten sogar sicher ist. Die Experimente 
Nocard's haben allerdings nachgewiesen, dass diese Knötchen allenfalls 
virulent sind und später, wenn das Pferd zu reagiren aufhört, nicht mehr 
virulent sind. 

Zugleich aber will Nocard beweisen, dass alle Knötchen, welche bei 
Pferden in den Lungen vorkommen, rotziger Natur sind, was allerdings 
aus seinen Versuchen nicht hervorgeht, und auch die Angabe, dass einige 
seiner Pferde, welche gesund waren, keine Knötchen beherbergen, zeigt 
keineswegs, dass überhaupt gesunde Pferde nicht Knötchen verschiedenen 
Ursprungs aufweisen können. So konnte ich mittels eines aus entzünd- 
lichen Producten der Lunge gewonnenen Bacillus bei Pferden Lungen- 
knötchen erzeugen, welche den rotzigen ganz ähnlich waren, ebenso wie 



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Die Bekämpfung dee Rotzkbankheit des Pferdes. 261 

ja bekanntlich auch Wurmknoten sowie andere Fremdkörper jedenfalls 
vorkommen. Was aber in unseren Versuchen die Nocard'sche Auf- 
fassung am wirksamsten bekämpft, ist die Thatsache, dass eine Reihe 
gesunder Pferde, welche nicht auf Malleln reagiren, nicht nur fibröse, 
sondern im Centrum erweichte Knötchen nachweisen können, deren Structur 
sich von gewissen Rotzknötchen nicht wesentlich unterscheiden. Aller- 
dings würde Nocard diese Fälle zum Theil als geheilte* Rotzfalle be- 
trachten, was wir aus den oben angeführten Gründen nicht ohne Weiteres 
zugeben können. Am schlagendsten und am deutlichsten werden durch 
die Untersuchungen zwei Behauptungen Nocard's entkräftet: 1. dass 
Pferde mit Reaction immer virulentes Material beherbergen, und 2. dass 
Pferde, welche reagirt haben und aufgehört haben zu reagiren, ?on Rotz 
gänzlich geheilt sind. Eben unsere letzten Versuchsreihen haben sehr 
deutlich nachgewiesen, dass mehr als die Hälfte der typisch reagirenden 
Pferde wohl Knötchen, doch kein virulentes Material beherbergen. Da 
nun ein Theil unserer Versuche zugleich zeigt, dass wir im Stande sind, 
das geringfügigste virulente Material als solches nachzuweisen, ist es 
nicht gestattet, unsere zahlreichen negativen Resultate etwa auf Versuchs- 
fehler zurück zu führen, denn ebenso gut könnte man dann Nocard 
vorwerfen, nicht genau gesucht zu haben, wenn er behauptet, dass in 
seinen Experimenten die Pferde, die nicht mehr reagiren, von Rotz geheilt 
seien. Wir müssen eben in unserer Wissenschaft daran festhalten, mit 
gleichem Maasse zu messen und Thatsachen nicht durch Hypothesen zu 
bekämpfen. Wir müssen allerdings immer sehr vorsichtig und kritisch 
vorgehen und können sagen, dass vielleicht, wenn wir genauer untersuchen 
würden, dennoch Rotzbacillen gefunden werden würden und in unseren 
Conclusionen deswegen reservirt vorgehen., aber zu sagen, dass, wo wir 
trotz unserer sorgfaltigen Untersuchungen nichts gefunden, doch, unserer 
Hypothese zu Liebe, virulentes Material vorhanden sein muss, das ent- 
spricht nicht der naturwissenschaftlichen Methode. 

Ebenso sicher täuscht sich Nocard, wenn er behauptet, dass ein 
Pferd, welches reagirt hat und nicht mehr reagirt, sicher von Rotz geheilt 
seL Wir haben schon bisher zahlreiche Versuchsreihen gesehen, wo Pferde 
aufhörten zu reagiren, um ganz kurze Zeit danach von Neuem zu reagiren, 
oder wo sehr bald nach dem Aufhören der Reaction, und zwar mittels 
des Roux-Nocard's Mallelns, der Rotz manifest wurde. 

Es ist demnach sicher, dass Pferde aufhören können zu reagiren und 
dennoch lebende Rotzkeime beherbergen, während allerdings in der Regel 
Pferde, welche an latentem Rotz leiden und welche aufhören zu reagiren, 
gewöhnlich der Heilung entgegen gehen oder geheilt sind. 



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262 V. Babes: 



T. Die Bedeutong des Anfhorens der Malleinreaction. 

Von 6058 Pferden reagirten 2128, und von diesen trat manifester 
Rotz in 310 Fällen auf, während die übrigen, mit Ausnahme von etwa 50, 
welche geopfert wurden oder an anderen Krankheiten zu Grunde gingen, 
zu reagiren aufhörten und als geheilt betrachtet wurden. Im Verlaufe 
der längere 2Ieit — bis ca. 3 Jahre — andauernden Mallelnisirungen 
hörten die Pferde oft zu reagiren auf, um dann wieder von Neuem zu 
reagiren; so reagirten 114 Pferde das erste Mal und nach 8 bis 14 Tagen 
nicht mehr, was bei der grossen Zahl wohl nicht darauf zurückgeführt 
werden kann, dass diese Pferde so schnell vom Rotz geheilt wurden, nachdem 
die Natur der Knötchen derartig ist, dass zur Heilung längere Zeit noth- 
wendig ist Bei 147 Pferden, bei welchen mehrere, bis 20 Mallelnisirungen 
ausgeführt wurden, konnten wir constatiren, dass die typische Reaction in 
atypische und in Reactionslosigkeit überging, um dann von Neuem der 
typischen Reaction Platz zu machen. Wir konnten selbst periodisch diese Er- 
scheinungen beobachten, so dass es durchaus nicht angeht, anzunehmen, 
dass die Pferde so oft nach einander von Rotz geheilt seien, um wieder von 
Neuem zu erkranken, obwohl dieselben separirt und sorgfaltig vor Infection 
behütet wurden. Allerdings waren in anderen Fällen fortwährend typische 
und atypische Reactionen vorhanden, indem zuletzt, also nach Jahren, 
entweder manifester Rotz auftrat oder aber solche Pferde getodtet wurden, 
wonach aber in der Regel kein virulentes Material im Organismus ge- 
funden wurde. Während bei 292 Pferden, welche zuletzt noch reagirt 
hatten, der Rotz manifest wurde, konnte bei 18 Pferden Rotz beobachtet 
werden, nachdem dieselben zuletzt nicht mehr reagirt hatten. 

Wir lassen einige Beispiele über die Experimente folgen. 

Zunächst wollen wir auf die bisher beschriebenen Fälle verweisen, in 
welchen die Thiere, nachdem sie kurz nach einander mallelnisirt wurden, 
bald reagirten und bald nicht und doch endlich als rotzig befunden 
wurden. Wir wollen auf dieselben nicht von Neuem zurückkommen. 

A. Pferde, welche mit rotzigen Pferden in Contact waren, reagirten, 
nach einer gewissen Zeit aufgehört haben zu reagiren und seitdem ge- 
sund blieben. 

Drei lujeclionen. . o • 

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Die Bekämpfung beb Rotzkbankheit des Pferdes. 263 



Vier Injectionen 

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[njectionen. 


15. 


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1 24. 
Sechs Injectionen. 


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25. t t (?) CO H?) |0 während 6 Wochen 

26. t t? fO ? ., 6 „ ^ 

21, ^ ^ ^ ? ., 6 

Hier sowie auch früher konnte beobachtet werden, dass das Foth'sche 
Malleln , welches stärker wirkt, gewöhnlich von einer geringeren Reaction 
nach Injection unseres Mallelns gefolgt ist. 











Sieben l 


[njectionen. 






28. 


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V 


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während 3 Monaten 


29. 


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35. 


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1 Monats 










Acht Injectionen. 






36. 


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während 


IV2 Monaten 


87. 


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38. 


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264 









V. Babes: 


39. 


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40. 


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Neun Ii^ectionen. 


41. 


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:f: ^ :{::}: :{i -|. (?) während 2 Monaten 

o o o o o o o 


42. 


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o o o o o o o 



Zehn Injecüonen. 

43. t * + + * (?; (?) während 2 Monaten 

44. ^ ^ ^ ^ ^ ? ? ? (?) „ 1^2 

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45. ^ ^ ^ ^ ^ ^ 

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V 



IV, 



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Elf Injectionen. 
41. f ^ ^ ^ :i: ? ? (?) (?) während 6 Monaten 

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64. ^ ^ ^ ^ Jf^^ ^ (?) (?) (?) (?) 

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Dreizehn Injectionen. 

55. t t ? ^ * ? (?) während 2 V^ Monaten 

56. ♦ i ??????? ., 2V4 



6 

6 

6 

6 
4 

2 

2 



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Vierzehn Injectionen. 



57. >i^ ♦ ♦ ♦ t ^ ? t ♦ ? während 2V,Münaten 

0000000000-O-- * 



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Die Bekämpfung deb Rotzkeankheit des Pferdes. 265 

Fünfzehn Injeotionen. 

58. *5J^5f:^:{::{:??:}:???000 während 2^/^ Monaten 
ooooooooooooooo 

69. 5fi * « * * * (?) (?) 5f: (?) ü „ 2V4 
0000000000 

Sechszehn Injectionen. 

60. 5f: I« « * « * -f ? ? ? ? (?) ü während 3 Monaten. 
00000000000 

Siebzehn Injectionen. 

61. ? * 5}: :}: « :f: 1^ -^ -^ ? ? während SV. Monat. 
000000 o o 000 

Achtzehn Injectionen. 

62. ?5}::f::{c«^-^:i«5f::{c?0000000 während 3^2 Mon. 

000000 000000 

Neunzehn Injectionen. 

68. * 5J: * ? ♦ ? « ? f I? ? ? ? während 8 Mon. 

Einundzwanzig Injectionen. 

64. «5f:*:i::ic?:f:??0??00?0?0000 während 8 Mon. 

65. ♦ 5ic :f: :{c ? ? ? ? ? ? ? (?) ? „ 10 ,. 

Dreiundzwanzig Injectionen. 

66. -f ^ ^ ^ ^^ ^ ^ :i^ ^ ^ {?) {?) ^ ? ^ ? (?) ^ 

während 10 Monaten. 

Dieses Pferd wurde nach einigen Tagen getodtet, das Nasenseptum 
war etwas geschwellt mit einigen kleinen Erosionen; in den Lungen zahl- 
reiche, derbe, miliare bis hanfkorngrosse Knötchen mit mörtelartigem 
oder kreidigem Centrum; wenige ähnliche Knötchen in Leber und Milz. 
In der linken Lungenspitze drei grössere Knoten mit käsigem oder mörtel- 
artigem Centrum. Culturversuche und Injectionen an denselben waren 
negativ. 

Dreiundvierzig Injectionen. 
67. ^^^^^??0^?? 

(?) ? (?) (?) t (?) [ während 
? (?) I: t ^ ^2 Monaten. 

(?) (?) (?) ü (?) 



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266 V. Babes: 

Dieses Pferd wurde zuletzt mit ansteigenden Dosen von Malleln be- 
handelt; namentlich die letzten 11 Injectionen wurden mit der gewöhn- 
lichen von 0-03 begonnen und bis zu Dosen von über 0*8 gesteigert, 
ohne dass in Folge dessen eine typische Reaction aufgetreten wäre. Als 
hierauf zu einer normalen Dose zurückgegriffen wurde, reagirte das Pferd 
nicht mehr. XJebrigens ist es lehrreich zu sehen, wie in diesem Falle 
die Reaction vier Mal von Neuem einsetzte, um wieder allmählich zu Ter- 
schwinden. 

Ein anderes, zuletzt ebenfalls mit steigenden Dosen behandeltes Pfenl 
hatte irgend welche verdächtige Symptome, so leichten schleimigen Nasen- 
ausfluss und links eine haselnussgrosse, bewegliche, indolente Drüse; dasselbe 
wurde während 11 Monaten 37 Mal injicirt mit folgendem Resultat: 

68. ^ t (?) ♦ (?) 
o o • • o 

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Auch in diesem Falle setzt die Reaction mehrere Mal ein, um wieder 
zu verschmnden. Im Verlaufe der Injectionen verschwanden die ver- 
dächtigen Symptome, um bei der elften von Neuem aufzutreten und bei 
der zwanzigsten gänzlich zu verschwinden. Das Auftreten der verdäch- 
tigen Symptome war von keinerlei Reaction begleitet. In den letzten 
zehn Injectionen wurde die injicirte Dosis von der normalen Dose 035 
allmählich bis auf 1*2 gesteigert, ohne dass Reaction aufgetreten wäre, wohl 
aber war in Folge der gesteigerten Dosen die Localreaciion auffiallend gross. 



YI. lieber die Reaction von Pferden, 
welclie an anderen Krankheiten als an Rotz litten. 

Es ist bekannt, dass auch anderweitige kranke Pferde gegen Malleln- 
injection nicht ganz unempfindlich sind, und sind namentlich in der 
Litteratur zahlreiche Fälle angegeben, wo Pferde, welche an Druse oder an 
Emphysem litten, ähnlich Reactionen aufweisen können wie rotzige Pferde. 
Doch wurde von den Autoren zugleich betont, dass in solchen Fällen die 
Reaction verschieden ist, namentlich nicht typisch verläuft und auch die 
locale Schwellung weniger charakteristisch ist. Nur Schindelka er- 



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Die Bekämpfung der Rotzkrankheit des Pferdes. 



267 



wähnt, dass bei Emphysem Reactionen vorkommen, welche mit Rotz ver- 
wechselt werden können. Wir können einige aus den Erfahrungen der 
ilallelncommission von Tveatcoff zusammengestellte diesbezügliche Re- 
sultate mittheilen: 

1. Ein Pferd mit Hydrothorax und subfebriler Temperatur gab f ?. 
Nach dem Tode fand man chronische Pleuritis, aber an der Lungenober- 
fläche derbe miliare, zum Theil verkalkte Knötchen, 

2. Ein Pferd mit muco-purulentem, grünlichem, fötidem Nasenaus- 
fluss zeigt Rasselgeräusche und amphorisches Athmen sowie an verschiedenen 
Stellen Lungendämpfung. Reactionen: 0. Culturen und Thierversuch 
mit dem Nasenausfluss waren negativ. Die Nasenschleimhaut ist etwas 
injicirt und pigmentirt; in der Pleura über 20 Liter klare Flüssigkeit; 
links ein mannskopfgrosser isolirter Herd mit faustgrosser Caverne von 
fotidem Eiter erfüllt und mit hämorrhagischer Wand; ein ähnlicher 
kleiner Herd rechts. Culturversuch negativ. 

3. Ein Pferd mit Druse. Reaction: ^ \0 (?). Culturversuch negativ; 
es Hessen sich nur Streptokokken züchten. 

4. Ein Pferd mit Druse, f ? (?). Streptokokkennachweis. Heilung. 



5. 
6. 
7. 

8. 

9. 

10. 
11. 
12. 



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13. „ „ „ „ f 

(Schwere Angina mit Asphyxie.) 

14. Ein Pferd mit Druse, i 

16. „ „ „ „ (?) 

17. Muco-purulenter, geruchloser Nasenausfluss, links fluctuirende 
Drüse; kleine Narbe am Septum. Reaction: f ?. Das Pferd wird getödtet. 
Am Nasenseptum keine Geschwüre noch Knoten, in den vergrösserten 
Drüsen eitrige Herde, in den Sinus Eiter, in Lunge unrl Leber kleine 
kreidige, fibro-calcare, leicht ausschälbare Knötchen. Keine Rotzbacillen. 



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268 • V. Babes: 

18. Greringer, sero-mucoser Nasenausfluss und kleine indolente Drüse. 
Subfebrile Temperatur. Bedeutende Dämpfung in der Herzgegend. Re- 
action: \? \(?) fO f? ^? fO f (?). Bei der Section keine Knötchen, 
keine Veränderungen in den Luftwegen. Pericarditis mit Degeneration 
des Herzmuskels, ausgebreitete carnificirte Lungenherde. Culturen und 
Thierversuch negativ. 

19. Sero-mucoser, grünlicher, sehr fotider, bilateraler Nasenausfluss, 
indolente Drüse, ßeaction: \0 |0 fO fO fO. Zahlreiche Nasenpolypen, 
einige perlartige, kalkig-fibröse Knötchen in der Leber. 

20. Pferd mit Emphysem. Reaction: (?). 

21. „ „ „ „ t(?) 0. 

In keinem unserer Fälle von anderen Krankheiten als Rotz wurde 
demnach eine irgendwie charakteristische Reaction gefunden. Auch nach 
den Nocard 'sehen Kriterien würde keines dieser Pferde als rotzig an- 
gesehen werden können. Namentlich auch fortgeschrittenes Emphysem 
gab keinerlei charakteristische Reaction. Diese Fälle zeigen zugleich, dass 
wir bei der Beurtheilung der Reaction streng auf gewisse Kriterien halten 
müssen, nachdem weder eine bedeutende Steigerung der Temperatur noch 
eine geringe locale Reaction zur Rotzdiagnose genügen. Besonders einige 
dieser Fälle sind auch deshalb interessant, weil bei denselben verdächtiger 
Nasenausfluss und Drüsenschwellung vorhanden waren, während aber 
weder die Reaction noch die Section Rotz nachweisen konnte. Auch 
fanden sich hier und da verkalkte Knötchen in Leber und Lunge, welche 
jedenfalls für Rotz nicht charakteristisch sind. Diese Fälle bestätigen zu- 
gleich die Berechtigung der Aufstellung der grossen und kleinen atypischen 
Reaction, welche allerdings auch bei Rotz häufig vorkommen, doch für 
denselben keineswegs charakteristisch sind. Es ist auch zu bemerken, 
dass in keinem dieser Fälle eine kleine typische Reaction gefunden wurde, 
obwohl nach unseren ausgebreiteten Erfahrungen auch dieselbe nicht für 
Rotz charakteristisch ist, indem eine solche namentlich bei gesunden 
Pferden hier und da gefunden wurde. 



YIL Ceber den Einfloss des Mallelns auf den Botzproeess 
und auf den Organismus der Pferde. 

Bisher haben wir uns mit der Malleinreaction als Mittel zur Er- 
nennung der Rotzkrankheit befasst, doch zeigen unsere zahlreichen Ver- 
suche auch Erscheinungen, welche darauf hinweisen, dass das Malleln den 
Organismus sowohl des gesunden als auch des kranken Pferdes in gewissem 



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Die Bekämpfung deb Rotzkbankheit des Pferdes. 269 

Sinne beeinfiusst und interessirt uns namentlich die Frage, ob und inwie- 
fern diese specifische Substanz durch eine derartige Beeinflussung zur Be- 
kämpfung der Rotzkrankheit verwerthet werden kann. 

Zunächst haben wir behauptet, dass das Malleln zur Heilung der 
Krankheit beitragen kann, dann wurde auch behauptet, dass eine Festigung 
oder eine Immunisirung der Pferde durch das Malleln erzielt werden 
könne, und endlich behauptet Nocard, dass der Organismus des Pferdes 
durch wiederholte Mallelnimpfungen gegen die Wirkung dieses Productes 
abgestumpft werden könne. Was den ersten^Punkt betrifft, haben wir in 
früheren Mittheilungen gezeigt, dass es in der That gelingt, durch stei- 
gende Mallelndosen die Heilung rotziger Meerschweinchen zu beschleunigen, 
oder wenigstens die Wirkung der ßotzbacillen abzuschwächen. Auch ge- 
lingt es, Thiere durch allmähliches Steigen der injicirten Dosen an viel- 
fach tödtende Dosen der toxischen Substanz zu gewöhnen, ohne dass des- 
halb das Serum dieses Thieres eine bedeutendere antitoxische Wirkung 
erlange. Auch kann man Thiere gegen die Wirkung todter Bacillen 
festigen, ohne hierdurch ein baktericides Serum zu erlangen. Auch bei 
Pferden konnten wir beobachten, dass manifester Rotz nach Monaten 
eventuell nach Jahren abheilte, indem die Thiere während dieser Zeit mit 
gesteigerten Mallelndosen behandelt wurden. Allerdings ist es einiger- 
maassen fraglich, ob diese Thiere nicht auch ohne Anwendung des 
Mallelns geheilt worden wären, nachdem in zahlreichen anderen Fällen, 
wie wir gesehen haben, rotzige Thiere zwar periodisch oder auch definitiv 
aufhören zu reagiren, ohne dass deshalb der Rotzprocess erlischt. 

Allerdings wenn wir voraussetzen, dass jedes Pferd, welches reagirt, 
rotzig ist, und wenn wir dann sehen, wie fast alle diese Pferde nach 
mehreren Mallelninjectionen aufhören zu reagiren, könnten wir uns des 
Eindruckes nicht erwehren, dass das Malleln zur Heilung des latenten 
Rotzes beigetragen habe. Wenn wir aber im Gegentheil annehmen, dass 
viele Pferde, welche reagiren, nicht rotzig sind wohl aber früher rotzig 
waren, so müssen wir das Aufhören der Reaction in anderer Weise Inter- 
pret iren. Da wir nun in der That in zahlreichen Fällen nachgewiesen 
haben, dass die meisten reagirenden Pferde kein rotziges Material mehr 
beherbergen, so kann bei denselben von einer Heilung des Rotzes doch 
wohl nicht die Rede sein. 

Anders verhält sich die Sache bei manifest rotzigen Pferden, welche 
längere Zeit malleloisirt wurden. Wir müssen hier unterscheiden zwischen 
lojectionen mit der gewöhnlichen Dose und solchen mit steigenden Posen. 
In der That konnten wir den Einfluss steigender Dosen auf die Reactions- 
empfindlichkeit und auf die Heilung des Rotzes feststellen. Unsere zahl- 
reichen schon früher verzeichneten Fälle, ebenso jene von Semmer, 



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270 V. Babes: 

welcher bis zu Dosen von 100?^ aufstieg, zeigen, dass, wenn im Verlaufe 
der Impfungen ein Mal ein stärkeres Malleln verwendet wird, die nächste 
Reaction gewöhnlich viel geringer ausfallt oder überhaupt nicht mehr 
auftritt. Ebenso haben wir gesehen, dass Pferde, welche Monate lang* 
fortwährend reagirt haben, aufhören zu reagiren, wenn jenen steigende 
Dosen — bis zum SOfachen der gewesenen Dose — injicirt werden. 

Es ist demnach gar nicht zu bezweifeln, dass in Folge steigender 
Injectionen die Empfindlichkeit gegen das Toxin bald aufgehoben wird, 
und fragt es sich nur, welchem Umstände dies zuzuschreiben ist, und 
namentlich ob zugleich mit dem Aufhören der Reaction der Rotzprocess 
gunstig beeinflusst werde. Es ist dies allerdings a priori vorauszusetzen, 
nachdem das Malleln ein giftiges Product des Rotzbacillus ist und nach- 
dem der Organismus, welcher gegen dieses Product nicht mehr reagirt, 
auch gegen das identische, von den im Organismus sitzenden Rotzbacillen 
bereitete Product resistent geworden sein muss. Allerdings bleiben d^- 
wegen die Rotzbacillen im Organismus am Leben und können von Neuem 
zur Wirkung gelangen, nachdem diese erworbene Resistenz des Organis- 
mus wieder nachgelassen hat, was eben nicht lange Zeit beansprucht. 
Wir haben ja gesehen, dass es fast als Regel zu betrachten ist, da^ 
Pferde nach einer Reihe von Injectionen allmählich aufhören zu reagiren 
und nach mehreren Wochen oder Monaten gegen Mallelo wieder empfind- 
lich werden. Selbst bei entschieden manifest rotzigen Pferden findet sich 
diese Erscheinung. 

Unzweifelhaft kann diese Erfahrung zur Rotztherapie verwerthet 
werden, doch dürfen wir an dieselbe nicht zu grosse Hoffnungen knüpfen, 
nachdem, wie wir gesehen haben, öfter rotzige Pferde nicht reagiren oder 
aufhören zu reagiren, ohne dass der Rotz Neigung zur Heilung zeigte. 
In manchen Fällen trat selbst bei Pferden, welche keine Rotzsymptome 
zeigten, der manifeste Rotz auf, nachdem die Malleinreaction nicht mehr 
zu Stande kam. Es geht daraus hervor, dass im Rotzprocess wesentliche 
Schädigungen des Organismus vorkommen, auf welche die Mallelninjection 
keinen Einfluss auszuüben vermag, und ist es sicher, dass die Malleln- 
injection eben dann den Rotzprocess günstig beeinflussen kann, wenn 
derselbe langsam oder latent verläuft und wo der Rotzbacillus sich wahr- 
scheinlich nur durch die Bereitung und Aufspeicherung gelöster Substanzen 
bethätigt. 

Eine zweite wichtige Frage ist jene nach der Specifität der Reaction. 
Wenn in den meisten Fällen von Mallelnreaction sicher rotziges Material 
im Organismus der geimpften Thiere nicht nachgewiesen werden kann, so 
muss man sich doch frageu, was denn die Malleinreaction bedeutet. Ich 
glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich- voraussetze, dass auch in diesen 



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Die Bekämpfung deb Rotzkbankheit des Pferdes. 271 

Fällen Rotz vorhanden war und bloss noch Froducte des Botzbacillus 
bestehen, welche eben die Reaction auslösen. Allerdings wurde gezeigt, 
dass diese Substanzen nicht einfach Mallen sind, indem Pferde, welchen 
vorher Malleln eingespritzt wurde, dennoch auf eine weitere Mallelninjection 
nicht reagiren. Andererseits haben Semmer, Nocard und wir selbst 
gezeigt, dass schon mehrere Stunden oder Tage nach der Infection mit 
Kotzbacillen der Organismus auf Malleln kräftig reagirt. Wenn die Reaction 
nun nicht durch die Rotzbacillen selbst ausgelöst wird, so ist es doch 
unzweifelhaft, dass zur Erregung desselben die Beeinflussung des Organis- 
mus durch die Rotzbacillen nöthig ist Dass es sich hierbei um Stoff- 
wechselproducte des Organismus handelt und nicht um die Bacillen selbst, 
zeigen die Versuche, nach welchen bei Hunderten von rotzigen Thieren 
die Reaction nicht auftritt. 

Andererseits könnte man überhaupt an der Specificität der Malleln- 
reaction zweifeln, wie dies namentlich Schätz und mehrere andere deutsche 
Forscher thun. Dem gegenüber ist aber doch zu betonen, dass, wie wir 
gesehen haben, rotzige Pferde mit ganz geringen Ausnahmen — welch' 
letztere rationeU erklärt werden können — reagiren, während andererseits 
gesunde Pferde ohne verdächtige Knötchen wohl nie reagiren. Allerdings 
wenn man so vorgeht wie Schütz, dass man die Temperatur einen Tag 
oder bloss Vj^ Tag misst und sich mit einer Temperaturerhöhung von 1 
bis 1*5^ begnügt, wenn man ferner die Localreaction gänzlich vernach- 
lässigt, kommt man zu ganz unbrauchbaren Resultaten. Ebenso wenn 
man Pferde nicht vor der Injection vor Ermüdung, Witterungsunbilden 
und ungenügender Nahrungsaufnahme schützt. 

Die Specificität der Reaction besteht eben in der Gesammtheit der oben 
angeführten Charaktere, und wäre es z. B. gefehlt, bloss die locale Reaction 
als specifisch anzusehen, indem wir eben in einer Reihe von Fällen nach- 
gewiesen haben, dass grosse Dosen, etwa das 10 bis 20 fache der gewöhn- 
lichen Dosis, bei gesunden Pferden in der Regel keinerlei typische 
Temperaturerhöhung, wohl aber ganz bedeutende locale Schwellungen 
verursachen. Die locale Schwellung allein ist auch deswegen nicht 
charakteristisch, weil ja verschiedene reizende Stoflfe oder allfallige Ver- 
unreinigungen des Mallelns oder der Spritze zu einer localen Schwellung 
führen kann. 

Aus diesen Gründen sollten alle bisherigen Veröffentlichungen über 
Malleln noch einmal controlirt werden, und müsste die Controle streng 
wissenschaftlich durchgeführt werden. Auch darf man in der Interpre- 
tirung der Reaction nicht schematisch vorgehen, nachdem eben der Mangel 
der Controle und das Schematisiren der Resultate auch Nocard irre- 
geleitet haben, indem jede Mallelnreaction zunächst durch eine Wieder- 



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272 Y. Babes: 

holung derselben controlirt werden muss, bevor wir uns über die Diagnose 
aussprechen können. Wenn Nocard diese Controle picht versäumt hätte, 
hätte derselbe zunächst nicht behauptet, dass die eine Injection die andere 
beeinflusse, was nach unseren zahlreichen Versuchen durchaus nicht der 
Fall ist, wenn zwischen den beiden Injectionen ein Zeitraum von wenigstens 
8 Tagen gelassen wird. Auch hätte dann Nocard nicht behauptet, 
dass das Aufhören der ßeaction zugleich die Heilung des Rotzes bedeute. 
Es ist dies entschieden unrichtig, und müssen wir uns fragen, was eben 
das Aufhören der Reaction bedeutet. 

Unsere Erfahrungen haben bewiesen, dass- in der That, wie wir 
oben erwähnt haben, diese Erscheinung darauf hinweist, dass der Rotz- 
process in ein Stadium getreten ist, in welchem nicht mehr Substanzen 
gebildet werden, die durch das Malleln beeinflusst, die Reaction auslösen. 
In erster Linie werden solche Substanzen nicht gebildet, wenn der Rotz 
geheilt ist; dann aber auch in Fällen, in welchen der Rotzbacillus im 
Organismus zu einem gewissen Stillstand seiner Entwickelung gekommen 
ist, welcher wohl das baldige Absterben des Bacillus vermuthen lässi 
Wenn wir nun mittels steigernden Mallelndosen jenen Zeitpunkt rasch 
herbeiführen können, bei welchem die Reaction nicht mehr ausgelöst wird, 
so beweist dies allerdings, dass durch diese Behandlung die Pferde der 
Heilung entgegengefahrt werden, und ist nach meiner Ansicht deshalb 
die rationellste Behandlung rotzverdächtiger, typisch reagirender Thiere 
die Impfung mit steigenden Mallelndosen, bis auf die gewöhnliche Malletn- 
dose keine Reaction mehr erfolgt, was gewöhnlich nach 1 bis 2 Monaten 
erreicht wird. Der nunmehrige Mangel an Reaction bedeutet aber noch 
nicht die definitive Heilung, nachdem in einigen Fällen nach Aufhören 
der Reaction dieselbe nach kurzer Zeit wieder aufgetreten war. 

Wir müssen im Allgemeinen einen periodischen Verlauf der 
chronischen latenten Rotzkrankheit des Pferdes annehmen, indem 
in der Regel Pferde, welche Jahre lang mallelnisirt worden, periodisch 
aufhören zu reagiren, um öfter von Neuem gegen Malleln empfindlich zu 
werden. 

Die Frage, ob wiederholte Impfungen mit der gewöhnlichen Malleln- 
dose einen gewissen Grad von Immunität herbeiführen könne, muss 
auf Grund unserer zahlreichen Versuche entschieden verneint werden, und 
wollen wir noch einige Beispiele anführen, wo Pferde, welche keinerlei 
Symptome aufwiesen, kürze oder längere Zeit nach der wiederholten 
Mallelnisirung an Rotz zu Grunde gingen, nachdem sie vorher zu reagiren 
aufgehört hatten. 



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Die Bekäupktnq deb Botzebamkheit des Pfebdes. 



273- 





Es tritt manifester Rotz auf: 






1. 


Während 6 Monaten * 


* * nach 


1V2 


Monaten 


2. 


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Bei Pferden, welche nicht aufgehört haben zu reagiren, tritt eben- 
falls häufig nach Monaten manifester Rotz auf. 

Es tritt manifester Rotz auf: 

13. Während 3 Monaten t* f ? 

14. ,, ö ,, 



15. 
16. 
17. 



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Die schwierigste Frage in Betreff der Specificität der Malleinreaction 
ist jene der Natur der Knötchen, welche bei reagirenden Pferden gefunden 
werden. In dieser Beziehung sind eben die Versuche Schütz* nicht zu 
verwerthen, nachdem, wie wir gesehen haben, dieser hochgeschätzte Forscher 
nicht derart vorgeht, um eine typische Reaction zu erzielen, so dass der- 
selbe nicht behaupten kann, dass ein Pferd, welches reagirt, rotzige oder 
nicht rotzige Knoten beherbergt. Es ist nicht genug, dass manche Pferde 
über 40® C. zeigen, um von einer Reaction sprechen zu können. Wenn 
die Temperaturerhöhung nicht auch nächsten Tages auftritt, so handelt 
es sich eben um eine atypische Reaction, welche weder für noch gegen 

ZeltMhr. r. Uygltnt. XXXIX 18 



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274 V. Babes: 

Rotz beweist. Wir glauben eben durch die Feststellung der atypischen 
Beaction bei vielen Rotzfallen die Grenzen der Specificitat der Malleln- 
reaction scharf gezogen zu haben. Wenn also Schütz keine typische 
Reaction erzielt, so ist auch die Untersuchung der Knötchen nicht im 
Stande, den Werth der Malleinreaction zu prüfen. Erst in zweiter Linie 
ist auch jener Einwand gegen die Versuche Schütz' gültig, dass dieser 
Autor die gefundenen Knötchen in der Regel nicht auf ihre Virulenz ge- 
prüft hat. Wir müssen demnach in der Beurtheilung der Knötchen von 
Schütz' Untersuchungen absehen und uns an das halten, was wir selbst 
und Nocard in Erfahrung bringen konnten. 

Nooard sowie wir selbst konnten in den meisten Fällen constatiren, 
dass nach Rotzinfection die Lunge und die Leber gewöhnlich von zahl- 
reichen Knötchen durchsetzt sind, während bei gesunden Pferden in der 
Minderheit der Fälle wenige Knötchen gefunden werden, so dass es ganz 
unzweifelhaft ist, dass der allergrösste Theil dieser Knötchen rotzigen Ur- 
sprungs ist. Da wir nun ferner nachweisen konnten, dass bei rotzigen 
Thieren die Knötchen mit der Zeit verkalken, und dass man bei geheilten 
Thieren immer noch zahlreiche Knötchen in der Lunge findet, welche 
aber zum grossen Theil verkalkt sind, während bei gesunden Pferden nur 
wenige verkalkte Knötchen vorkommen, so geht es wohl nicht an zu sagen, 
dass die rotzigen Knötchen nicht verkalken, und dass demnach die ver- 
kalkten Knötchen nicht rotziger Natur sind. Wir besitzen aber auch 
ausserdem den positiven Nachweis des Gegentheils, indem wir ja alle 
Uebergänge zwischen käsigen, käsig-kalkigen undk reidigen Knötchen ver- 
folgen können und indem zum Theil verkalkte Knötchen virulentes Material 
beherbergen können. Allerdings sind viele verkalkte Knötchen nicht 
rotziger Natur, wie dies die schönen Untersuchungen von Schütz und 
01t nachgewiesen haben. 

Das Verhältniss der Knötchen zur Malleinreaction ist demnach unseren 
Untersuchungen gemäss das folgende: Wenn bei anscheinend gesunden 
Pferden typische Reaction auftritt, so entspricht dieselbe entweder einem 
versteckten Rotz der oberen Luftwege oder der Gegenwart von Lungen- 
knötchen rotzigen Ursprungs. Im ersteren Falle besteht gewöhnlich noch 
subfebrile Temperatur. In allen diesen Fällen kann auch die typische Beaction 
mit atypischer abwechseln, wobei aber eben nur die typische Reaction 
als für Rotz charakteristisch angesehen werden muss. Manchmal ist die 
locale Schwellung unbedeutend, was aber nicht gegen die Rotzdiagnose 
verwerthet werden darf, indem in der Regel bei der Controlinjection eine 
grössere locale Reaction auftritt und indem die Grösse der localen Reaction 
nach der Individualität verschieden ist. 

Bei allen Pferden, welche typisch reagiren, findet man nur entweder 



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Die Bekämpfung deb Eotzkbankheit des Pfebdes. 275 

yersteckte Rotzgeschwüre oder gar zahlreiche Enötchen in Lunge und 
Leber, welche wohl zum Theil nicht rotziger Natur, zum grossen Theil 
wohl auch verkalkt und gänzlich inactiv sein können; neben denselben 
finden sich aber immer Enötchen, welche lebendes actives Grewebe beher- 
bergen, welche Enötchen zwar nicht immer histologisch als Rotzknötchen 
gekennzeichnet sind, von welchen aber keineswegs behauptet werden kann, 
dass sie einer anderen Ursache als dem Rotz ihren Ursprung verdanken. 
In etwa 20 Frocent der Fälle kann selbst die rotzige Natur derartiger 
Knötchen durch Cultur und Experiment nachgewiesen werden. In jenen 
Fällen nun, wo dies trotz sorgföltigster Untersuchung nicht möglich ist, 
können wir einstweilen voraussetzen, dass die Knötchen kein virulentes 
Material, also keine lebenden Bacillen beherbergen, wohl aber Substanzen, 
welche, vom Rotzbacillus herrührend, die Reaction auslösen. 



YIIL Schlnssbemerknngen. 

Aus unseren zahlreichen Untersuchungen geht hervor, dass: 

1. Die aus Rotzculturen, nach Art der Tuberculinbereitung 
oder durch Filtriren oder Präcipitiren der Culturen extrahirten 
mehr oder minder toxischen Substanzen bei rotzkranken Thieren 
eine specifische Reaction auszulösen vermögen, indem bei 
unserem Material von über 7000 Pferden über 90 Procent der 
manifest rotzkranken Pferde, über 30 Procent der Pferde, 
welche mit rotzkranken Pferden in Berührung waren, aber 
bloss 1 bis 2 Proc. der nicht inficirten Pferdebestände reagiren. 

2. Diese specifische Wirkung manifestirt sich aber nur 
dann sicher, wenn bei nicht fiebernden, ausgeruhten, genügend 
genährten und gegen Witterungsunbilden geschützten Pferden 
bestimmte Mengen der Substanz unter bestimmten Bedingungen 
injicirt werden, indem nur eine bestimmte Temperaturcurve, 
steiler Temperaturaufstieg 6 bis 8 Stunden nach der Injection, 
wenigstens um 2 Grade und über 40^, Wiederholung der Tem- 
peratur am nächsten Tage, in Verbindung mit einer ausge- 
sprochenen localen Reaction als charakteristisch betrachtet 
werden kann. Der Umstand, dass bei öfteren Injectionen dieser 
Typus mit nicht charakteristischen Atypien, manchmal selbst 
mit Reactionslosigkeit abwechselt, darf uns bei der Beurthei- 
lung der Reaction nicht stören. 

3. Vorhergehende.subfebrile Temperaturen oder Reactionen 
stören nicht die Resultate der späteren Injectionen, unter der 

18* 



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276 V. Babes: 

Bedingung, dass eine Pause, etwa von 8 Tagen, zwischen den 
Injectionen eingehalten wurde. Das Aufhören der Reactionen 
nach öfteren Injectionen bedeutet nicht in allen Fällen die 
Heilung der Krankheit, indem die Reaction häufig von Neuem 
einsetzt, oder indem nach Aufhören der Reaction nicht selten 
manifester Rotz auftritt. Jedenfalls aber zeigt das Aufhören 
der Reaction eine Tendenz zur Heilung und kann letztere 
Erscheinung durch die systematische Injection mit steigern- 
den Dosen von Malleln bedeutend b^eschleunigt werden. 

4. Bei Pferden, welche typisch reagiren, findet man ent- 
weder manifesten Rotz oder versteckten Rotz der oberen 
Luftwege oder bloss Knötchen in der Lunge, oft auch in Leber 
und Milz. 

5. Diese Knötchen kommen nach unseren Erfahrungen 
zum grossen Theil durch Eindringen der Bacillen in die Luft- 
wege zu Stande, indem die kleinsten Bronchien durch rotziges 
Secret durchbrochen werden und zu einem miliaren oder 
grösseren Knötchen Veranlassung geben. Erst in zweiter Linie 
kommt die Infection durch den Intestinaltractus in Betracht, 
indem bei letzterem Infectionsmodus hauptsächlich die be- 
nachbarten Lymphdrüsen und die Bauchorgane ergriffen 
werden. Die miliaren Lungenknötchen sind demnach manch- 
mal auch embolischer Natur; diese kleinen Rotzknötchen 
können verkalken. Besonders jene Knötchen, welche man als 
parenchymatöse bezeichnen kann, erreichen oft eine bedeu- 
tendere Grösse, indem die Knötchen verschmelzen und immer 
neue Gruppen von Alveolen ergriffen werden. Oft handelt es sich 
um kleine, nicht umschriebene Herde oder uminfarcte. Histo- 
logisch erkennt man an den frischen Knoten eigenthümliche 
Zell- und Kernveränderungen, namentlich Hyperchromatose 
und beerenbüschelartige Kernfragmentation der angehäuften 
polynucleären Leukocyten, fadenförmige Entartung der Kerne, 
Vacuolisirung des Protoplasma, Bildung von eigenthümlichen 
glasigen Massen und Hämorrhagieen in der Umgebung des 
Knötchens. Namentlich an der Peripherie der Knötchen 
wuchern die fixen Elemente, besonders Gefässw^ndung, Al- 
veolarepithelien, es entstehen Riesenzellen als Ausdruck einer 
Tendenz zur Regeneration des Lungenparenchyms und neue 
Gefässe. Indem die Knötchen kalkig entarten können, ver- 
schwinden allmählich auch die zahlreichen Kernfragmente 



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• Die Bekämpfung dee Rotzkbankheit des Pfebdes. 277 

uad entsteht an der Peripherie derbes schwieliges Gewebe. 
Die sehr alten, gewöhnlich fibrösen oder kalkig entarteten 
Knötchen rotzigen Ursprungs lassen oft ihre Natnr nicht 
mehr erkennen und finden sich häufig auch bei Pferden, 
welche nicht mehr reagiren. Allerdings findet man häufig bei 
Pferden, welche reagiren, Knötchen, die bloss mörtelartiges 
Material im Centrum beherbergen, deren Wandung aber aus 
einem proliterirten und lebensfähigen Gewebe besteht, in 
welchem Rotzbacillen weder durch das Mikroskop, noch durch 
Cultur oder Experiment nachgewiesen werden können. Ebenso 
wenig finden sich aber hier andere Parasiten oder überhaupt 
Zeichen dafür, dass diese Knötchen nicht rotzigen Ursprungs 
seien. Dass die verkalkten Knötchen in der Kegel nicht viru- 
lent sind, ist selbstverständlich, da es sich um sehr alte Pro- 
cesse handelt; aber schon die Thatsache, dass rotzige Pferde 
gewöhnlich zahllose Knötchen beherbergen, während gesunde 
Pferde gewöhlich keine oder nur vereinzelte verkalkte Knöt- 
chen aufweisen, deren Natur als Wurmknötchen häufig erkannt 
wird, dann der Nachweis von Uebergängen zwischen verkalkten 
und nicht verkalkten Knötchen weisen auf die rotzige Natur 
eines grossen Theils derselben hin. Der Einwand von Schütz, 
dass die verkalkten Knötchen nicht rotziger Natur seien, da 
der Botzbacillus die Verkalkung verhindert, ist ebenso wenig 
gerechtfertigt und keinesfalls für diese Knötchen zu ver- 
werthen, in welchen eben keine Bacillen mehr vorhanden sind. 

6. Ausser den Knötchen rotzigen Ursprungs finden sich 
sowohl bei gesunden wie bei rotzigen Thieren nicht selten 
solche, welche durch thierische Parasiten oder durch Throm- 
bosen, Embolien u. s. w. erzeugt werden, welche gewöhnlich 
leicht von rotzigen oder rotzverdächtigen Knötchen unter- 
schieden werden können. Endlich konnten wir ähnliche em- 
bolische und parenchymatöse Knötchen durch Infection von 
Pferden mittels eines knötcheubildenden dem Rotzbacillus 
einigermaassen ähnlichen Bacillus hervorbringen. 

7. Als Basis unseres Verfahrens zur Bekämpfung des 
Botzes können folgende beiläufigen Daten dienen. In einem 
inficirten Stalle finden sich neben 1 bis 2 manifest rotzigen 
Pferden und etwa ebenso vielen mit bloss verdächtigen Sym- 
ptomen 20 bis 80 Procent anscheinend gesunde Pferde, welche 
typisch reagiren. Ebenso reagiren über 90 Procent der bloss 



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278 V. Babes: 

rotzverdächtigen Thiere. Von den reagirenden Pferden haben 
etwa 5 bis 10 Proc. versteckte aber offene infectiöse Verände- 
rungen in den oberen Luftwegen, während über 90 Procent 
latente nicht mit der Aussenwelt communicirende Verände- 
rungen aufweisen. 20 bis 30 Procent der anscheinend gesun- 
den Pferden haben ausserdem kleine typische oder atypische 
Reactionen, welche erst nach wiederholten Injectionen in 
typische Seaction oder in Reactionslosigkeit übergehen und 
dann klassirt werden können. Mit der Zeit tritt nun bei etwa 
5 Proc. dieser letzteren Pferde manifester Rotz auf, während 
über 90' Procent überhaupt nicht manifest rotzig wird. Bei 
über 80 Procent der reagirenden Pferde verschwindet die Re- 
actionsempfindlichkeit der Pferde nach 2 bis 3 Monaten und 
tritt bei den nicht mehr reagirenden Pferden der manifeste 
Rotz nur selten etwa in 0*2 Procent der Fälle auf, während 
jene Pferde, welche lange Zeit hindurch reagiren, in etwa 
10 Procent an manifestem Rotz erkranken. Wir verweisen hier 
noch auf die zahlreichen statistischen Angaben im Text, 
welche, wenn auch weniger unmittelbar verwerthbar, doch 
zur Orientirung über das erreichbare Resultat wichtig sind. 

8. Auf Grund unserer Untersuchungen empfehlen wir 
einstweilen folgendes Vorgehen zum Zwecke der Bekämpfung 
des Rotzes: Vernichtung der manifest rotzigen Pferde, zwei- 
malige Mallelnisirung in Zwischenräumen von 1 bis 2 Wochen 
behufs Sicherung der Reaction, Separiren der Pferde, welche 
wenigstens einmal typisch reagirt haben, in dem gründlich 
desinficirten Stall, sowie Entfernung und Freigeben der nicht 
reagirenden oder bloss atypisch reagirenden Pferde aus dem- 
selben, Vernichtung jener Pferde, welche irgend ein verdäch- 
tiges Symptom und typische Reaction gezeigt haben, indivi- 
duelle Trinkgefässe und Utensilien für die reagirenden Pferde, 
welche bloss unter bestimmten Vorsichtsmaassregeln zur Arbeit 
benutzt werden dürfen, systematische Mallelnisirung dieser 
Pferde mit steigenden Dosen während eines Monats; nach Ver- 
lauf des zweiten Monats zwei Mallelnisirungen mit der ge- 
wöhnlichen Dosis; jene Pferde, welche noch typisch reagiren, 
werden entweder getödtet oder, wenn zu zahlreich oder werth- 
voU, von Neuem behandelt und nach einem weiteren Monat auf 
ihre Reaction hin untersucht, worauf die Tödtung der den- 
noch reagirenden Pferde angezeigt ist. Werthvollere Pferde 



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Die Bekämpfung dee Rotzkrankheit des Pfebdes. 279 

kann man allerdings noch längere Zeit in Behandlung lassen, 
nachdem diese Pferde, wie wir gesehen haben, in den meisten 
Fällen keinerlei offene rotzige Veränderungen aufweisen. Die 
Pferde können ohne grosse Ansteckungsgefahr um so mehr in 
Beobachtung bleiben, als die reagirenden und, ohne klinische 
Symptome aufzuweisen, getödteten Pferde in etwa 80 Procent 
kein infectiöses Material mehr erkennen lassen. 



Litteratnr-Verzeichniss. 



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Die Bekämpfung deb Rotzkbankheit des Pfebdes. 281 



Erklärung der Abbildungen. 

(Taf. in u. IV.) 



Tafel HL 

Flg. 1. Pferd, welches auf Maliern nicht reagirt hatte. Dasselbe ging nach 
Einspritzung grosser Dosen von Antidiphtherieserum zu Grunde. Enartete Jjeber. 
Alkohol» Safihiinin. Vergr. 100. cn centrale Nekrose der Leberläppchen. X Knötchen 
von einer Zone von (gr) Granulationsgewebe umgeben. Im Innern der fibrösen Kapsel 
eine centrale (c) z. Th. verkalkte Masse mit den Anzeichen der Structur eines Nema- 
toden, welcher sich wahrscheinlich geschlängelt durch alle drei Elnötchen erstreckt. 

Fig« 2. Lunge von confluirenden Knötchen und Infiltraten durchsetzt. (Port- 
während auf Malleln reagirendes Pferd, welches endlich getödtet wurde. Lebendes 
Rotzvirus konnte nicht nachgewiesen werden, wohl aber ältere Nasengeschwüre, 
sowie zahlreiche durchscheinende und mörtelig-zerfallende Knötchen und Infiltrate 
der Lunge.) Hämatoxylin-Eosin. Vergr. 100. 

I. Durchscheinendes, im Centrum nekrotisches (n) u. verkalkendes (JT) Knötchen 
mit Andeutung von Alveolarrestem. sc sclerotische 2^ne. W zellreiche Wucherungs- 
zone, ha hämorrhagische und hyperämische Zone. 

IL X Subpleurales Knötchen im Centrum verkalkt n nekrotische Zone. 
sc sclerotische Zone, z zellreiche Zone, hy hyperämische Zone, gs Gefassscierose. 
f interstitielle zellreiche Infiltration, i" interstitielle Sclerose. 

a erweiterte Alveolen, a mit albumöser granulirter Masse erf&llte Alveolen. 
B Bronchus mit Sohleimpfröpfen in und zwischen den Epithelien. p peribronchiale 
Wucherung. 



Tafel rv. 

Fig. 3« Büliares Knötchen eines Pferdes mit Rotzsymptomen, typischer Re- 
action und zahlreichen miliaren Knötchen in der Lunge. Positive Culturen und 
Thierversuche. Hämatoxylin-Eosin. Schwache Yergrösserung. C Centrum des Knöt- 
chens aus einem Eiterpfropf bestehend, welcher den kleineu Bronchus B' erweitert 
und durchbrochen hat. a alveoläre Structur des Knötchens, z.Th. mit wuchernden 
Alveolarepithelien und ^iesenzellen E, f folliculäre Knötchen, g erweiterte Gefässe. 
Z äussere zellreiche Zone, ha hämorrhagische Zone, h glasig-enartetes Gewebe in 
der hämorrhagischen Zone, a Alveolen. B Bronchus von wucherndem Gewebe (p) 
umgeben. 



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282 V. Babes: Die Bekämpfung der Rotzkbankheit des Pfebdes. 

Fi;* 4. Aas demselben Falle, ein den Bronchus durchbrechender Eiterpfropf 
bei stärkerer Vergrösserung. (Die Bacillen nach einem Methylenblau-Tannin-Praparat 
eingezeichnet.) Der Eiterpfropf besteht aus ovalen blassen Kernen, aus beerenbüschel- 
artig entarteten Leukocytenkemen (e), aus granulirter Masse und wenigen Bacillen 
(b). Auch findet man hier öfter blasse, gebogene, homogene Massen (f), welche 
allenfalls als Bruchtheile von Würmern interpretirt werden könnten, während aber 
die Knötchenbildung offenbar vom rotzigen Eiterpfropfen ausgeht Das Bronchial- 
epithel (£) zeigt Anfangs noch Flimmerbelag, ist von Beeren büschelzellen durchsetzt, 
wird dann niedrig, desquamirt (E') und verschwindet endlich, indem der vergrösserte 
Eiterpfropf sich innig mit dem ge wucherten peribronchialen Gewebe (wp) vermengt» 
wobei hier Wucherung der Gefässwandung (g) und Hämorrhagieen auftreten (k a). 
Die Epithelien der benachbarten Alveolen wuchern (Karyokinese) (tra) und im Innern 
derselben treten Riesenzellen auf, welche oft fragmentirte oder fadig entartete Leuko- 
cytenkeme enthalten. 



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[Aus dem Institut für Infectionskrankheiten zu Berlin.] 
(Direotor: Geh. Med.-Bath Prof. Dr. R. Kooh.) 



lieber ein Verfahren zum Nachweis der Typhusbacillen. 

Von 
Stabsarzt Dr. v. Drigalski, and Dr. H. Ck)nradL 

AtsitteDton dM InstltaU. 



L Die theoretischen Grandlagen des Verfahrens. 

Der Nachweis der Typhusbacillen war bisher selbst bei klinisch 
sichergestellten Typhusföllen mit solchen Schwierigkeiten verknüpft, dass 
eine praktische Nutzanwendung der vorliegenden Metboden ausbleiben 
musste. Das wesentlichste Hinderniss bildete die Unterschei- 
dung des Bac. typhi von den Angehörigen der ihm nahe 
verwandten Coligruppe. Wohl verfügen wir über Methoden, 
welche die Erkennung ihrer Reinculturen ermöglichen; aber 
die weit verwickeitere Frage, auf ein und derselben Platte 
wenige Typhusbacillen unter zahlreichen Colicolonieen schnell 
und leicht herauszufinden, harrte noch ihrer Lösung. In dem 
Bestreben, die Colibacillen in ihrem Wachsthum ^u schädigen, die Typhus- 
bacillen dagegen zu fördern, haben eine Reihe von Autoren dem Nähr- 
substrat Antiseptica hinzugefügt und lediglich bewirkt, dass deren Zusatz 
gerade die Entwickelung des Bac. typhi aufhielt (Chantemesse und 
Widal, Thoinot, Parietti, Rawitsch-Stcherba, Thoinot und 
Brouardel u. A.) Ein ähnliches Ergebniss lieferten ferner die Versuche 
von Holz, Uffelmann, Eisner u. A., welche eine grobsinnliche, morpho- 
logische Unterscheidung der beiden Bakterienarten herbeiführen wollten. 
Die Nachprüfung dieser Methoden hat zur Genüge gezeigt, dass sie nicht 
nur den Bac. typhi im Wachsthum hemmen, sondern sogar eine ansehn- 
liche Zahl von Keimen von vornherein vernichten, dass sie mit anderen 
Worten das „Anwachsen" wie „Auswachsen" der Typhuscolonieen auf 



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284 V. Dbigalski und H. Coneadi: 

das Empfindlichste schädigen. Was schliesslich die Methode von Pior- 
kowski angeht, so sind über ihre Leistungsfthigkeit die Meinungen recht 
getheilt.^ Vor allem berücksichtigt sie nicht genügend die Forderung 
nach constanter Zusammensetzung des Nährbodens, und es fehlt daher 
jede Möglichkeit, vergleichbare Resultate zu erhalten. 

Wir versuchten nun, auf einem anderen Wege vorwärts zu kommen^ 
und zwar die Trennung der Typhus- von den Colibacillen auf Grund 
des verschiedenen Gährvermögens beider Bakterienarten durchzu- 
führen, immer darauf bedacht, keine Wachsthumshemmung des 
Bac. typhi zu bewirken, ihm vielmehr die günstigsten Lebensbedingungen 
vor allen anderen Bakterienarten zu schaffen. Chantemesse und 
Widal (2), J. Petruschky (3), Th. Smith (4), R. Wurtz (5), P6r6 (6), 
Germano und Maurea (7), Capaldi und Proskauer (8) u. A. haben 
bereits auf die Unterschiede aufmerksam gemacht, welche bezüglich des 
Abbaues der Kohlehydrate zwischen Bac. coli und Bac. typhi bestehen. 
Insbesondere wurde von Chantemesse und Widal, R. Wurtz und Th. 
Smith auf die Yergährung des Milchzuckers durch die Colibacillen hin- 
gewiesen, eine Eigenschaft, welche dem Bac. typhi nach ihren Unter- 
suchungen abgeht. Auf Grund dieses differenten Verhaltens der beiden 
Bakterienarten haben bereits R. Wurtz* und später Kashida (9) ein 
Verfahren zur Unterscheidung ihrer Reinculturen ausgearbeitet. Nach 
dem erstgenannten Autor wird ein mit Lackmustinctur und Milchzucker 
versetzter, schwach alkalischer Nähragar bei Ausstrich von Colibacillen ge- 
röthet, während die mit Typhusbacillen geimpfte Probe ihre blaue Farbe 
nicht verändert. Auch Kashida stellte ähnliche Versuche an, ohne je- 
doch über die seinen Beobachtungen zu Grunde liegenden Thatsachen in's 
Klare gekommen zu sein. Wenn er nämlich einem Eiweiss enthaltenden 
Nähragar 80 Procent Lackmuslösung, 2 Procent Milchzucker und 1 Procent 
Harnstoff hinzufügte, so wurde der Nährboden durch eine Reincultur von 
Colibacillen nach 18 Stunden roth, nach 24 Stunden blau gefärbt, während 
Typhusbacillen noch nach 4 bis 5 Tagen „farblos" wuchsen. Schliesslich 
hat noch Mathews (10) das eben erwähnte Verfahren von R. Wurtz, 
welches nur die Identificirung von Reinculturen bezweckte, auch zur prak- 
tischen Anwendung bei der Untersuchung von typhusverdächtigem Wasser 
empfohlen. Mathews fügt 1 '^^'^ des zu untersuchenden Wassers direct 
zu dem Lackmus-Milchzucker- Agar hinzu und giesst dann in der üblichen 
Weise Platten. Sämmtliche blauen Colonieen, die nach Hstünd^fem 



* Vgl. Hayaschikawa (1), dort findet sich eine Zusammenstellung der be- 
stlglichen Litteratur. 
» A. a. 0. 



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Über ein Vebfaheen zum JIachweis von Typhusbacillen. 285 

Aufenthalt im Brutschrank bei 87-5^ typhusahnlich aussahen, wurden 
abgeimpft und zur Feststellung der Diagnose auf verschiedene Nährmedien 
übertragen. Lösener (11) konnte sich bei Nachprüfung von den Vor- 
zügen dieser Methode nicht überzeugen, sie gerieth in Vergessenheit und 
wurde uns erst nach Abschluss unserer Versuche bekannt. Es wird sich 
später Gelegenheit finden, auf die Versuche von Mathews zurückzu- 
kommen und die Fehlerquellen darzulegen, welche die praktische Ver- 
werthung seines Verfahrens von vornherein vereitelten. 

Unsere nächste Aufgabe bestand darin, das Gährvermögen von Bac. 
typhi und coli einer vergleichenden Betrachtung zu unterziehen. Von 
Kohlehydraten wurden geprüft: 

1. Monosaccharide: Von Hexosen: Glucose, FructoseundGalactose; 
femer Mannit und Dulcit. Von Pentosen: Arabinose, Xylose und Rhamnose. 

2. Disaccharide: Rohrzucker, Maltose, Milchzucker. 

3. Polysaccharide: Amylum, Inulin und Dextrin. 

Diese Substanzen wurden in einem Verhältniss von 1 : 100 zu bereits 
sterilisirtem, mit Lackmustinctur versetztem Nähragar hinzugefügt und 
nur 5 bis 10 Minuten lang zur Vermeidung von Zersetzungen und hydro- 
lytischen Spaltungen im stromenden Dampf sterilisirt. Der Nähragar — 
der übliche Fleischwasser-Pepton-Agar von schwach alkalischer Reaction 
— war durch Zusatz von 15 Procent Lackmustinctur blau gefärbt. Der 
mit dem betreffenden Kohlehydrat versetzte, sterile Lackmusagar wurde 
nun in kleinen Schalen zu Platten ausgegossen und mit Impfstrichen von 
Bac. coli und typhi versehen. Die mehrmals wiederholten Versuchsergeb- 
nisse sind in nebenstehender Tabelle zusammengestellt (s. S. 286). 

Unter den gewählten Versuchsbedingungen trat besonders deutlich 
das constante Verhalten der verschiedenen geprüften Bakterienstämme 
gegenüber dem Milchzucker hervor: Während die sämmtlichen echten 
Coliarten bei Oberflächenwachsthum und ungehindertem Luftzutritt 
Rothfärbung bei Zusatz von Milchzucker gaben, war bei sämmt- 
lichen Typhusculturen Blaufärbung zu constatiren. (Es wurden 
sieben verschiedene Typhusstämme der Institutssammlung geprüft.) Nicht 
so übereinstimmend waren die übrigen Resultate: Gegen Mannit verhielten 
sich die Oberflächenculturen wechselnd, und es hat den Anschein, als ob 
die von Capaldi und Proskauer beobachtete Gtährßhigkeit des Typhus- 
bacillus gegenüber dem Mannit sich nur bei gehindertem Luftzutritt 
einstellt. 

Was die eben geschilderten Farbenreactionen auf den Lackmus-MUch- 
zucker-Agarplatten angeht, so ist ohne Weiteres ersichtlich, dass der durch 
Bac. coli bewirkte Farbenumschlag auf eine mit Säurebildung einhergehende 



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286 



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' Bezüglich des Chemismus der Milchsäuregährnng verweisen wir auf die ein- 
gehenden Untersuchungen von P6r^ (12), Kayser (13) und Potte vin (14). 

* Beyerinck (15) hat zuerst auf die Verschiedenheit der Diffusiousfelder auf- 
merksam gemacht. 

' Bei länger fortgesetztem Kochen zersetzt sich der Milchzucker theil weise. 
Daher tritt hier die Blaufärbung der Colicolonieen viel zu früh auf. Hieraus dürften 
sich zum Theil die widerspruchsvollen Angaben von Kashida (a. a. 0.) erklären. 



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Übeb ein Vebfahben zum Nachweis deb Typhijsbacillen. 287 

Zersetzung des Milchzuckers zu beziehen ist.^ Diese sauren Zersetzungs- 
producte entstehen in der üppig wachsenden Colonie, diffundiren* in die 
Nachbarschaft derselben und bewirken auch hier die entsprechende Fär- 
bung des Nährsubstrates. Die Intensität und Extensität der Farbenreaction 
ist abhängig von der Menge, sowie von der Diffusionsconstante der diffun- 
direnden Stoffwechselproducte. Giebt man z. B. der Lackmus- Agarplatte 
einen Gehalt you 2 Procent Milchzucker, so bleibt die Colonie von Bao. 
coli Tage lang roth, während bei Zusatz von nur 0- 1 Procent dieses Kohle- 
hydrats die Blauförbung der vorher deutlich rothen Colonie bei einer 
Temperatur von 37^ nach ca. 18 Stunden auftritt. Ebenso erfolgt die 
Blaußrbung sehr früh, wenn man die Colicultur auf der Oberfläche einer 
ganz dünnen ca. Va"" dicken Schicht eines 2 Procent Milchzucker ent- 
haltenden Agars ausstreicht. Je nach der Schnelligkeit also, mit welcher 
der Vorrath an Kohlehydraten im Umkreis der Colonie erschöpft wird', 
tritt nunmehr der durch die Colibacillen erfolgende Abbau der Eiweiss- 
stoffe in den Vordergrund, dessen Endproducte die sich schliesslich ein- 
stellende, alkalische Reaction bedingen. 

Die Typhuscolonie hat von vornherein ein zarteres Wachsthum, . 
daher geht ihr Stoffumsatz träger vor sich, wie bei den meisten Coliarten. \ 
Der charakteristische unterschied gegenüber den Colibacillen besteht nun 
darin, dass der Bac. typhi bei Gegenwart von Eiweissstoffen den Milch- 
zucker in nicht merklicher Weise angreift, vielmehr sich sofort den 
Proteinsubstanzen zuwendet. Bei deren Zersetzung werden von vorn- 
herein Producte gebildet, welche vermöge ihrer alkalischen Reaction eine 
Blauförbung der Typhuscolonie hervorrufen. Von dieser Eigenfarbung der 
Colonie kann man sich leicht überzeugen, indem man den Lackmus-Milch- 
zucker- Agar leichthin ansäuert: die Typhuscolonie erscheint dann blau. 

Wir ersehen somit, dass in selectiver Weise eine Oberflächen- 
colonie von Bac. coli constant vorzugsweise den Milchzucker 
zersetzt, eine solche von Bac. typhi die Eiweissstoffe. Diese 
Thatsachen haben wir für ein Verfahren verwerthet, welches durch intra- 
vitale Färbung eine Unterscheidung der Typhus- von den Colicolonieen 
herbeiführt und vielleicht auch ganz allgemein die Trennung körperfremder 



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288 V. Drigalski und H. Conbadi: 

Keime — Saprophyten — von den Körpereiweiss angreifenden Parasiten 
nach dem bisher nicht erprobten Selectionsprincip gestattet.^ 

Schon bei den ersten Versuchen, diese Methode för die Trennung 
und Erkennung der Typhusbacillen in den Dejectionen von Typhuskranken 
zu verwerthen, ergab sich sofort die Nothwendigkeit eines Oberflächen- 
ausstriches. Denn abgesehen von der Schwierigkeit, die in der Tiefe 
liegenden Golonieen zu erreichen, erwies sich auch deren Fermentimngs- 
vermögen nicht so constant, wie bei ungehindertem Luftzutritt. Wir 
möchten glauben, dass die Eingangs erwähnten Versuche von Mathews 
hauptsächlich deswegen zu keinem befriedigenden Ergebniss geführt haben, 
weil er die entscheidende Bedeutung des Oberflächenausstriches nicht 
beachtet hat. Die von Kruse (16), Drossbach (17) und Burri (18) u. A. 
geübten Verfahren zur Erzielung von Oberfiächencolonieen gestatten weder 
gleichmässige Vertheilung noch Isolirung der Golonieen. Es gelang uns, 
in einfacher Weise diesen Anforderungen zu genügen, indem wir mit 
einem rechtwinklig abgebogenen Olasstab, einer Art Olasspatel, das 
Material auf der Agarplatte verrieben, . dann letztere trocken werden liessen 
und so ein Ineinanderfliessen der Golonieen durch sonst entstehende 
Gondenswassertröpfchen vermieden. Ohne diesen Oberflächenausstrich w&re 
unser Verfahren nicht anwendbar, und es müssen daher die bezüglichen 
Vorschriften (s. u.) sehr genau eingehalten werden. 

Im Verlauf unserer Untersuchungen stellte sich femer die Nothwendig- 
keit heraus, die von den Golicolonieen gebildete, reichliche Säuremenge 
einzuschränken, bezw. ihre Difi'usion zu erschweren. Letztere Aufgabe 
erledigte sich dadurch, dass der Gehalt des Nährbodens an Agar auf 
3 Procent erhöht wurde. Noch höhere Goncentrationen anzuwenden, ist 
nicht rathsam, weil sich die Golonieen auf einer gar zu harten Oberfläche 
weniger gut ausbreiten. Zur Abstumpfung der von den üppig wachsen- 
den Golicolonieen gebildeten, allzu reichlichen Säuremengen empfiehlt es 
sich, dem bereits schwach alkalischen Nährboden eine geringe Menge 
Natriumcarbonat hinzuzufügen. 

Diese geringe Erhöhung der Salzconcentration des Nährbodens lässt 
eine Plasmolyse der übertragenen Typhusbacillen nicht befürchten, und 
in der That haben wir niemals derartige Erscheinungen auf unserem Nähr- 
boden wahrgenommen. 

In dem Bestreben, dem Typhusbacillus möglichst günstige Wachs- 
thumsbedingungen zu schaffen, haben wir eine grosse Zahl künstlich her- 



' Untersuchungen, welche mittels dieses Verfahrens bei der Ruhr angestellt 
worden and ein positives Ergebniss bereits gefördert haben, werden demnächst ver- 
öffentlicht. 



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Übeb ein Verfahren zum Nachweis der Typhusbacillen. 289" 

gestellter Eiweisspräparate in das Bereich unserer Untersuchung gezogen. 
Am meisten bewährte sich' neben Pept. sicc; Witte Tropon und Nutrose. 
Der Zusatz TOn Nutrose zum N&hrboden bewirkte zudem eine intensivere 
Blaufärbung der Typhuscolonieen, welche wohl auf die Mkalialbuminat* 
Natur des Natriumcaselns zu beziehen ist Ein üppigeres Wachsthum 
der Tjrphusbacillen trat auch dann ein, als wir bei Bereitung des Nähr- 
agars ein Fleischwasser verwandten, welches aus 3 Pfund Fleisch auf 
2 Liter Wasser hergestellt war: 

Eine Schwierigkeit war noch zu beseitigen. In Typhusstühlen finden 
sich' häufig, besonders bei sich lange hinziehenden Typhusfällen, grosse 
Mengen von den yerschiedensten Kokkenarten, welche durch excessive 
Saurebildung die Platten gänzlich rothfarben und jede Eigenfirbung der 
etwa sonst aufgekommenen Bakteriencolonieen aufheben. Obendrein traten 
sie meist in solchen Massen auf, dass sie sehr wohl eine kleine Zahl von 
Typhuskeimen zu überwuchern im Stande waren. Ebenso erschwerten 
auch eine Beihe nicht näher charakterisirter, säurebildender Stäbchenarten, 
femer gewisse Alkalibildner und Sarcinearten die Entwickelung der Typhus» 
colonieen. Nach zahlreichem vergeblichen Versuchen, die mit den üblichen 
Antisepticis angestellt wurden, gelang es uns, unter Benutzung der 
electiven Baktericidie bestimmter Anilinfarbstoffe einengrossen 
Theil jener störenden Kokken- und Bakterienarten auszuschalten, ohne auch 
nur im geringsten hierdurch die Typhusbacillen in dem An- und Aus- 
wachsen ihrer Colonieen zu schädigen. Bei der Auswahl des FarbstoflF- 
Antisepticums war noch darauf Rücksicht zu nehmen, dass die fl^rmen^ 
tativen Gährungsprocesse der Bakterienzellen durch dieses keine Einbusse 
erlitten. Von sämmtlichen geprüften Farbstoffen kamen schliesslich nur 
noch Malachitgrün Vioooooo» Brillantgrün Vioooooo» Methylenblau medic. 
Höchst Viooooo» Methylviolett Viooooo ^^^ Kryställviolett Viooooo ^^ 
Betracht. Und unter diesen wieder erwies sich Krystallvit)lett B 
Höchst in einer Verdünnung von 1:100000 Nähragar als der 
brauchbarste. Einmal wurde durch ausgedehnte, vergleichende Versudie 
festgestellt, dass bei gleicher Einsaat von Typhusbacillen in gewöhnliche 
und mit Krystallviolett Viooooo versetzte Agarplatten die Zahl der über- 
tragenen Typhusbacillen hier wie dort annähernd gleich gross war. Irgend 
eine wahrnehmbare Schädigung der Typhusbacillen durch den Krystall- 
violetteusatz fbnd demnach nicht statt. Femer führten entsprechende Versuche 
zu dem übereinstimmenden Ergebniss, dass dieser Farbstoff in der angegebenen 
Goncentration einen grossen Theil der erwähnten Kokken- und Bakterienasten 
aa ihrer Entwickelung verhindert Während- nämlick letztere auf ControU- 
platten ohne Fari)8to£busatz in retehliohen Mengen wuchsen und sc^ar 
die Typhusbacillen bisweilen vollkommen überwucherten und verdrängten, 

Z«ltMhr. f. HtvImi«. XXXIX. 19 



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290 V. Drigalski und H. Conradi: 

blieb ihre Zahl bei den mit Erystallviolett versetzten Platten zum mindesten 
sehr eingeschränkt. Diese Entwickelungshemmong saprophytischer Keime 
springt sofort in die Augen, wenn man Agarplatten mit und ohne Zusatz 
offen an der Luft stehen lässt: jene erscheinen noch unverändert, wenn 
diese längst durch Bakterien und Schimmelpilze verunreinigt sind. Schliess- 
lich wurde auch die Vergährung des Milchzuckers, wie der Abbau der 
Eiweissstoffe durch die Gegenwart von Erystallviolett in einer Verdünnung 
von 1 : JOOOOO in kaum wahrnehmbarer Weise verzögert. 

So wesentliche Dienste nun auch der Erystallviolettzusatz bei der 
Ausschaltung störender Begleitbakterien leistet, so sind doch auch seiner 
Leistungsfähigkeit gewisse Grenzen gezogen. In stark fotiden Typhus- 
stühlen kommen nämlich bisweilen Albüibildner vor, welche von ihm nicht 
beeinflusst werden. Deren Elimination ist uns bis jetzt nicht gelungen. 

Ebenso haben wir uns vergeblich bemüht, ein Anreicherungsverfahren 
bei den Typhusbacillen zu erzielen. Mit unserem Nährboden ist es ja 
nur erreichbar, eine möglichst grosse Zahl von Colonieen isoliert neben- 
einander auf die Platten zu bringen, je mehr fremdartige Keime auf- 
kommen, um so geringer wird auch die Zahl der Typhuscolonieen. In 
Fällen also, wo nur vereinzelte Typhusbacillen in den Entleerungen vor- 
banden sind, würde eine vorausgehende Anreicherung und Vermehrung 
der Typhusbacillen den Nachweis derselben auf unserem Nährboden sehr 
erleichtern. 

Eine gewisse Auslese der Typhusbacillen lässt sich auch dadurch 
herbeiführen, dass man die lebhafte, active Beweglichkeit der Typhus- 
bacillen zu ihrer Isolirung von den unbeweglichen Bakterienarten benutzt. 
G. Gabritschewski (19) hat zuerst eine auf diesem Prinzip beruhende 
Methode zum Nachweis beweglicher Bacillen und insbesondere der Typhus- 
und Cholerabacillen beschrieben. In einigen Fällen sahen wir von einem 
recht einfachen Verfahren einigen Nutzen, das Stabsarzt F. K. Kleine 
uns mittheilte und freundlichst überliess. Eine Aufschwemmung des. 
Typhusstuhls in physiologischer Kochsalzlösung^ und ebenso möglichst 
frisch entleerter Harn werden längere Zeit centrifugirt, und dann nach 
etwa V* Stunde in Pausen von 10 zu 10 Minuten mehrere Plattenreihen 
von der Oberfläche angelegt Von den zunächst am Boden befindlichen 



^ Bei der Anlage verschiedener Plattenserien aus ein and demselben Typhus- 
stahl machten wir häufig die Erfahrung, dass die eine Reihe mehrere, die andere 
gar keine Typhuskeime enthielt. Das war besonders der Fall, wenn von festen 
Stühlen verschiedene Theile verarbeitet wurden. Die Typhusbacillen sind also keines- 
wegs gleichmässig vertheilt, und es ist daher dringend anzuratfaen, vor Bearbeitang* 
des Materials für gehör! gre Mischung desselben (eventuell Schüttelmaschine) Sorge zkl 
tragen. 



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XTber ein Verfahren zum Nachweis der TYPHUSBACiLiiEN. 291 

Bakterien kommen lebhaft bewegliche Arten, wie die Typhusbacillen, 
schneller zur Peripherie, in diesem Fall zur Oberfläche, als die wenig 
oder nicht beweglichen. 

Zur weiteren und endgültigen Bestimmung der auf unseren Platten 
verdächtig aussehenden Colonieen wird eine solche abgeimpffc, eine Nadel- 
spitze Bakterienmaterial zur Anstellung der Agglutinationsprobe in einem 
Tropfen von Immunserum auf dem Deckglas verrieben und ausserdem 
der Rest der Colonie zur weiteren Prüfung auf Agar übertragen. Diese 
Agglutination auf dem Deckglas hat sich für unsere Zwecke sehr 
bewährt, Irrthümer sind nahezu ausgeschlossen, wenn man sich nur an 
die unten folgende Vorschrift hält. In seltenen, zweifelhaften Fällen 
entscheidet die spätere Agglutination im Beagensglas. 

Das auf diesen Grundlagen beruhende Verfahren umfasst: 

1. Die Bereitung des Nährbodens. 

2. Zurichtung der Untersuchungsproben. 

3. Anlage von Platten mit Oberflächenausstrich. 

4. Unterscheidung und 

5. Feststellung der Typhuskeime. 

Es wird im Folgenden ausführlich beschrieben. 



II. Teehnik des Verfahrens. 

1. Herstellung des Nährbodens: 

a) Agarbereitung: 3 Pfund zerkleinertes Bindfleisch, mit 2 Liter 
Wasser stehen lassen bis zum nächsten Tage. 

Das abgepresste Fleischwasser 1 Stunde kochen, filtriren, mit 20*0^'° 
Pepton sicc. Witte, 20.0 p™ Nutrose, 10-0^^ Kochsalz, kochen 1 Stunde, 
filtriren, dazu 60.0»™ feinster Stangenagar, kochen 3 Stunden, (bezw. 
1 Stunde im Autoclaven), schwach alkalisiren (Indicator: Lackmuspapier), 
filtriren, kochen ^/j, Stunde. 

b) Lackmuslösung: Lackmuslösung (nach Eubel und Tiemann) 
260,0 *^, kochen 10 Minuten, dazu Milchzucker (chemisch reiner) 30.0 8^, 
zusammen kochen 15 Minuten. 

c) Die heisse Lackmus-Milchzuckerlösung zusetzen zu dem flüssigen, 
heissen Nähragar (unter a), gut schütteln, die etwa verschwundene 
schwach alkalische Reaktion wiederherstellen. 

Darauf Zusatz von 4-0 ^'^ einer heissen, sterilen Lösung von 
10 Procent wasserfreier Soda, femer Zusatz von 20«*'™ einer jedes Mal 
frisch bereiteten Lösung von 0-\«^ Krystallviolett BHöchstin 100.0 ^^ 
warmem Aq. dest steril. 

19* 



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292 V. Dbigalski und H. Conbadi: 

Man hat nun einen Fleischwasserpepton-Nutrose-Agar mit 18 Procent 
Lackmuslösnng und 0*01 pro mille Krystallvlolett, welcher sehr hart er- 
starrt, ohne doch zu trocken zu sein. Von einem Theil giesst man sofort 
Platten, welche sehr wohl in Vorrath gehalten werden können (s. u,), 
die übrige Menge füllt man in Eölbchen von je etwa 200 «^. 

Eocht man den Milchzucker länger, wie angegeben, so zersetzt sich 
derselbe unter Säuerung des Nährbodens, der Milchzuckergehalt des 
Nährbodens sinkt unter das gewünschte Maass, und der Umschlag in der 
Färbung der Colicolonieen tritt dann zu früh ein. Aus diesem Grunde 
ist es auch nöthig, den fertigen Agar zum Zweck der Yerfiüsägung nicht 
langer als erforderlich zu erhitzen, ihn daher in Füllungen nicht zu 
grossen Inhaltes vorräthig zu halten. 

2. Zurichtung der TJntersuchungsproben: 

a) Es empfiehlt sich, von Stuhlproben stets mehrere Plattenserien 
anzulegen, um eine möglichst grosse Zahl von Keimen isoliert neben einander 
auf die Platte bringen zu können. Dünne Stühle von breiiger oder 
flüssiger Beschaffenheit werden auf einer Plattenfolge unverdünnt, 
auf einer zweiten mit der 10- bis 20fachen Menge steriler Kochsalzlösung 
(0-85 Procent) verdünnt verstrichen (s. unten). 

b) Von festen, geformten Stühlen sind nicht etwa kleine Mengen 
direct zu verarbeiten. Vielmehr müssen jene vorher mit wenig steriler 
physiologischer Kochsalzlösung gleichmässig verrieben, und von dieser 
Aufschwemmung eine Plattenreihe ohne weiteres, eine andere nach noch- 
maliger Verdünnung mit steriler Kochsalzlösung angelegt werden (s. unten). 

c) Von frischem trüben Harn nimmt man nur einen Tropfen, 
der sofort in einer Plattenserie verarbeitet wird. Ferner wird ein Theil 
des Harns centrifugirt und der Bodensatz auf den Platten ausgestrichen. 

Bei frischem klaren Harn wird dieser centrifugjrt; nach 15 Min. 
werden von der Oberfläche mehrere Tropfen (bis zu 1 *^^) entnommen 
und auf einer Plattenfolge verrieben, nach 10 Minuten, eventuell nach 
weiteren zehn Minuten desgleichen. Ausserdem sind von dem Boden- 
satz des centrifugirten Harns eine Beihe von Platten anzulegen. Ebenso 
verfahrt man zweckmäßig mit der Aufschwemmung von sehr festen Stühlen. 

d) Bei Wasseruntersuchung haben wir möglichst grosse Mengen 
centrifugirt \ und von dem Bodensatz eine Oese auf einer Reihe von 
4 bis 5 Platten verstrichen. Femer werden jedes Mal 1 bis 2 <*" Wasser 
direct -— je nach dem mehr oder minder klaren Aussehen desselben — 
auf der Oberfläche der Platten verstrichen (s. unten). 

* Yersuohe, welche eine yereinfachte Methodik der Wassernntersnehang an- 
streben, werden zur Zeit im Institut angestellt. 



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Übeb ein Verfahbkn zum Nachweis dee Typhusbacillen. 293 



8. Anlage Ton Platten mit Oberflächenausstrich. 

Der flüssige Nährboden wird in sterile Doppelschalen mit ebenem 
Boden, deren Höhe nnr 1 bis 2«", deren Durchmesser 15 bis 20"" 
betragt, in einer Menge Ton je etwa 20 bis 25 <^ ausgegossen. Die 
Agarschicht muss noch etwas durchscheinend sein, darf aber niemals 
unter 2"" Dicke betragen. Die Schalen bleiben offen mindestens noch 
eine Stunde stehen, bis der Wasserdampf sich verzogen hat und 
der Agar hart erstarrt ist. Für die erste Platte, welche wegen ihrer 
grossen Keimzahl meist nicht zu gebrauchen ist, verwendet man eine 
gewöhnliche Petrischale und giebt 10 bis 
12c«n Nährsubstrat hinein. Der Oberflächen- 
ausstrich wird mit Hülfe eines in drei 
Ebenen gebogenen Olasstabes, dessen Dicke 
5 "^ betragt, ausgeführt. Das eine Ende 
desselben wird über dem Bunsenbrenner in 
einer Länge von 5 bis 6 «™ rechtwinklig um- 
gebogen, und das Ende dieses Schenkels zu 
einem bei Drehung des Stabes nach links 
nach unten — beim Gebrauch des Glasspatels 
nach oben — sehenden Knopf umgeschmolzen 
(s. Fig.). Diesen „Glasspatel" taucht man 
mit dem horizontalen Theil a — b in das auszu- 
streichende Material, verreibt dasselbe mit ihm 
auf der harten Agaroberfläche der ersten Platte 
— einer gewöhnlichen Petrischale — sorgfaltig 
nach allen Richtungen kreuz und quer und 
streicht in derselben Weise — ohne den Glas- 
spatel abzubrennen — , auf einer zweiten, dritten 
und vierten Platte weiter aus. Man mass 
jede Platte unter wiederholtem Drehen der- 
selben in den verschiedensten Richtungen Glasspatel 
mit dem Schenkel a — * des Spatels form- 
lich auf ihrer ganzen Oberfläche poliren. Auf diese Weise gelingt es, 
ganz gleichmässig verteilte, isolirte Oberflächencolonieen zu erzielen, und 
man hat es in der Hand, genau wie bei dem Plattengiessen die Zahl der 
Colonieen durch weitere Plattenausstriche beliebig zu verringern. 

Nach beendetem Ausstrich bleiben die Platten mindestens V2 Stunde, 
jedenfalls so lange oflFen stehen, bis die Agaroberfläche, welche meist von 
Condenswassertröpfchen bedeckt war, vollständig trocken geworden ist. Ohne 
diese Vorsicht würden die wachsenden Colonieen in einander fliessen, und 



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294 V. Drigalski und H. Coneadi: 

man wäre dann ausser Stande, Keime zu isoliren. Eine Verunreinigung 
durch Luftkeime findet wegen des Krystallviolettzusatzes kaum statt [Im 
Sommer muss man allerdings die offenen Platten unter ein mit Gaze be- 
spanntes Grestell („Mosquitokasten") hinstellen, um die sehr lästigen Ver- 
unreinigungen durch Fliegen zu yermeiden.] Die trocken gewordenen 
Platten werden dann umgekehrt in den Brütschrank bei 37^ gestellt. 

4. Die Unterscheidung der Colonieen. 

Nach 14- bis 16stündigem Verweilen bei 37 ®, am schönsten nach 
20 bis 24 Stunden sind die Colonieen folgendermaassen von einander zu 
unterscheiden: 

a) Bac. coli: Alle untersuchten Arten echter Colibacillen — fünf 
Sammlungsstämme und 30 aus Stühlen frisch gezüchtete Culturen — 
bilden Colonieen von 2 bis 6 und mehr Millimeter Durchmesser; Farbe 
leuchtend roth, nicht durchsichtig. In ein und demselben Stuhl 
sind meist yerschiedene Colicolonieen vorhanden, welche sich durch ver- 
schiedene Grösse, gekörnte oder mehr homogene BeschaflFenheit, grössere 
oder geringere Durchsichtigkeit, sowie auch durch Intensität ihrer Färbung 
von einander unterscheiden. Manche Colonieen sind nur hellroth, wenig 
trübe, andere ganz undurchsichtig und dunkelweinroth und wieder andere 
bilden grössere, speckig wachsende Colonieen, die von einem roth gefärbten 
Hof umgeben werden. 

b) Bac. typhi: Die Colonieen haben einen Durchmesser von 1 bis 
3"^, selten sind sie grösser. Ihre Farbe ist blau (mit einem Stich 
in das Violette). Structur: glasig, nicht doppelt contourirt, 
thautropfenähnlich. Nur in seltenen Fällen, bei besonderer Wachs- 
thumsenergie (so bei einigen Fällen schwerer Recidive) besitzt die relativ 
grosse Colonie ein mehr trübes Aussehen. 

c) Eine Reihe anderer, gleichfalls blau gefärbter Colonieen ge- 
hören in die Bac. subtilis-Gruppe. Sie gleichen an Grösse und Structur ihrer 
Colonieen bisweilen dem Bac. coli, und man wird sie daher schon wegen 
ihrer Grösse mit Typhusbacillen nicht verwechseln. Manche Colonieen 
zeigen auch eine deutliche doppelte Contour und üppiges, speckiges 
Wachsthum. Endlich bilden einige auch blaue, glasige Colonieen, welche 
in ihrer Mitte einen sich dunkel abhebenden Knopf (.,Nabel") aufweisen, 
der jede Verwechslung mit Bac. typhi ausschliesst 

d) Endlich kommen in fotiden Typhusstühlen, in länger gestandenem 
Harn und auch im Wasser bisweilen Keime vor, die in Farbe und Structur 
ihrer Colonie den Typhusoolonieen sehr ähnlich aussehen, nur zumeist 
sich zu etwas grösseren Colonieen entwickeln. Hierher gehören Bacillen, 



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Übee ein Vebfaheen zum Nachweis der Typhüsbacillen. 295 

welche der Proteusgruppe zuzurechnen sind, ferner Bac. fluorescentes und 
Bac. faecalis alcaligenes. Abgesehen davon, dass diese Bakterienarten bei 
Verarbeitung von möglichst frischem Material nur seltener sich nachweisen 
lassen, können wir leicht und schnell ihre Unterscheidung von den Typhüs- 
bacillen durch die sofort vorzunehmende Agglutinationsprobe auf dem 
Deckglas herbeifuhren (s. unten), 

5. Identificirung der typhusverdächtigen Colonie (vgl. 4, b.) 
durch Agglutination. 

Die Colonie wird mit einer ganz feinen Platinnadel angestochen und 
<]ie nur der Spitze anhaftende Bakterienmasse auf ganz sauberem Deckglas 
in einem Tröpfchen verdünnten, hochwerthigen Immunserums rasch und 
gründlich verrieben, so dass eine vöUig gleichmässige, ganz leicht getrübte 
Emulsion entsteht. Handelt es sich um eine Typhuscolonie, so sieht 
man meist sofort, jedenfalls innerhalb weniger Minuten, makroskopisch 
oder unter Zuhülfenahme einer Lupe Plöckchen entstehen, die rasch zu- 
nehmen: „der Tropfen gerinnt'^ Das Deckgläschen wird nun auf den 
hohlen Objectträger gebracht und mit schwacher Vergrösserung, sowie mit 
der Oeliminersion auf die bekannten Erscheinungen der Agglutination 
hin untersucht. Konnte man nur wenig Material von einer kleinen Colonie 
verreiben, so zeigen sich bei Betrachtung mit der Oelimmersion überall 
zierliche, kleine, compacte Häufchen, die an den Rändern besonders 
lebhaft um sich schlagende Bacillen aufweisen. Zwischen den einzelnen 
Häufchen sind keine oder nur ganz wenige, freiliegende, vereinzelte Bacillen 
sichtbar. Wenn man mehr Bakterienmaterial verrieb, so ist dann das 
ganze Gesichtsfeld von grossen, dichten Haufen erfüllt, an deren Rande 
man gleichfalls in lebhafter Bewegung befindliche Bacillen gewahrt. 

Von dieser echten Agglutination ist die sogenannte Pseudoaggluti- 
nation leicht und mühelos zu unterscheiden. Manche Bakterienarten 
haben nämlich an und für sich die Neigung, sich auf dem Deckglas an 
einander zu legen, lose zu verkleben und ganz lockere Häufchen zu bilden. 
Statt der dichten, agglutinirten Haufen sind aber hier nur dünne, aus 
neben einander gelagerten Bakterien bestehende Bakterienhäufchen wahr- 
zunehmen, und ausserdem werden die Zwischenräume zwischen diesen 
Häufchen von freiliegenden, einzeln angeordneten Bacillen ausgefüllt. 
Derartige Erscheinungen werden den geübten Beobachter nicht täuschen. 
In ausserordentlich seltenen Fällen ist allerdings auch bei der Agglutination 
auf dem Deckglas ein Irrthum möglich. Es sind nämlich bereits einige 
der Coligruppe angehörige Bakterienarten beschrieben worden, welche, mit 
Typhusinununserum zusammengebracht, eine echte Agglutination auf- 



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296 V. Dkigalski und H. Conbadi: 

wiesen.^ Aach wix haben in einigen seltenen fällen in ü^phnsstählen 
Ciolihaoillen ao^funden, welche nait hochwerthigem TyphnwmMvuBsenup 
von Kaninchen, nicht aber von 2ii«g^, in einer Verdännang wn 1:260 
sogleich agglatinirten. Pemer trafen wir auch mehrmals gelatineverflässigende 
Kokkenarten in Tyjphusstohlen an, welche in der gleichen Yerdonnung so- 
fortige Agglutination mit Typhus-Immunserom von Kaninchen eeigten. 
Derartige Befunde sind, wie gesagt, ungemein selten und daher keinesweg 
geeignet, den hohen Werth der Agglutinationsprobe herabzusetzen. Selbst 
zugegeben, dass in Epid^niezeiten unter hundert Fallen vielleicht einer 
auf Grund des vorläufigen Agglutinationsbefundes zu viel gemeldet wird, 
— in ruhigen Zeiten klärt ja ohnehin die weitere Prüfung der Cultur 
den Irrthum auf — , auf jeden Fall schlöpft kein einziger Fall von Typhus 
durch. Die Agglutinationsprobe wird um so zuverlässiger, je hochwerüüger 
das Typhusimmunserum ist, und je höher demnach der Yerdüunongs- 
grad des Serums gewählt wird.' Wenn die zu prüfende Golonie genügend 
Material bietet, empfidtüt es sich, neben einem ioOüach auch ein lOOOfach 
verdünntes Immunserum anzuwenden. 

Der Best der Colonie wird einmal auf gewöhnlichen Agar, sowie auf den 
von Roth berger (21) angegebenen, empfehlenswerthen Neutralrothagar* 
übertragen. (TyphusbaciUen, aber auch einige Alkalibildner, verändern die 
xothe Farbe dieses Nährbodens nicht und bilden kein Gas.) Des weiteren 
wird dann am zweiten Tage nait der Agarcultur die übliche, makroskopische 
Agglutinationaprobe im Beagensglas angestellt und eventuell noch die 
Impfung in Lackmusmolke vorgenommen. 

In einer Reihe von Fällen beobachteten wir, dass eine Colonie von 
typhusverdächtigem Aussehen tjpische Agglutination gab und trotzdem 
nach Uebertragung auf Neutralrothagar diesen entfärbte und Gasblasen 
erzeugte. Madite man von dieser Cultur erneute Ausstriche, indem man 
mit einer Flaünnadel eine kleine Menge in BouiUonröhrchen übertrug, 
hieraus eine Oese auf drei Platjien unseres Nährbodens verrieb, so stellte 



' Jüngst hat Köhler (20) die hierher ^hörigen BefuDde übersichtlich zu- 
sammeDgestellt 

' Wir beDutzten zuletzt eine 200 fache und daneben eine 1000 fache Verdünnung 
eines Ziegenserums, dessen Grenzwerth über 10000 liegt Mit 0*5 Procent Carbol- 
aäure versetzt ist dieses schon Monate lang brauchbar, geht allerdings allmfihlich in 
seiner Wirksamkeit herab. Weitere Untersuchungen werden zu entscheiden haben* 
ob das Ziegenimm unserum sich durch absolute Specifität der agglutinirenden Wir- 
kung gegenüber TyphusbaciUen vor dem Kaninchenimmunserum auszeichnet. 

• Auf 100-0 Näh ragar 0*3 Procent Traubenzucker und l-O«®" einer gesättigten» 
wässerigen Lösung von Ehrllch's Neutralroth. Diese Vorschrift muss genau inne 
gehalten werden, weil eine höhere Concentration des Neutralroths die Vergährang 
^es Traubenzuokers hemmt. 



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Über ein Vehfahkkn zum Nachweis der Ttphusbacillen. 297 

sich heraus, dass die Ausgangscolonie ans zwei, öfters «ogar aus drei ver- 
schiedenen Eeimarten bestanden hatte, unter denen der Typhusbaoillus 
pravalirte. Oefters erforderte die Beinigung dieser ,,Mischoolonieen^' 
eine wiederholte Anwendung der beschriebenen Trennungsmethode. 



III. Ergebnisse« 

Das hier mitgetheilte Verfahren ist bei einiger Uebung leicht anwend- 
bar. Aussicht auf Erfolg bietei es nur bei peinlicher Beobachtung 
der gegebenen Vorschriften. Um sidi in die Methode einzuarbeiten, 
legt man sich zweckmässig Testplatten an, indem man je 1 Oese einer 
Aufschwemmung Ton Typhus- bezw. Colibaoillen auf je eine Plattenserie 
Ton 3 bis 4 Platten und ausserdem noch auf 3 bis 4 weitere Platten ein 
Gemisch beider Bakterienarten verreibt. Bei der Betrachtung der Platten 
hält man sie am besten gegen einen dunklen Unter^nmd; der Lackmus- 
farbstofif hat nämlich eine starire Neigung, zu irisiren, deswegen sehen auch 
bei Lampenlicht blaue Colonieen röthlich aus. Es ist daher eine gewisse 
Uebung erforderlich, um den — an sich ganz ausgeprägten — Farbenton 
besonders bei jungen Colonieen richtig zu erkennen. Weiterhin ist es 
rathsam, von einer mit Tjphusbacillen versetzten Stuhlprobe einige Platten 
mittels des Oberflächenausstrichs zu beschicken. Wenn die Vertheilung 
und Isolirung der Keime gut geglückt ist, sieht man neben viel grösseren 
rothen Colonieen die zarten, blauen Typhuscolonieen, sticht eine solche ab 
und stellt dann die Agglutination auf dem Deckglas an. Auf diese Weise 
gelingt es, bereits nach 16, spätestens nach 24 Stunden in 
jedem einzelnen Falle Typhusbacillen aufzufinden. In der 
Schnelligkeit, mit welcher unsere Methode die Trennung und 
Erkennung des Bac. typhi herbeiführt, liegt nicht zum Ge- 
ringsten ihre praktische Bedeutung. 

Wir haben bisher Gelegenheit gehabt, das Verfahren an 50 Typhus- 
fällen erproben zu können und zwar an Patienten, welche sich 
in den verschiedensten Stadien der Erkrankung befanden.^ In 
sämmtlichen Fällen wurde der Nachweis der Typhusbacillen in 
den Entleerungen geführt. In einer Reihe von Fällen musste die 
Untersuchung wiederholt werden, bis sie ein positives Ergebniss forderte. 



* Für die gütige üeberlasßung dieses Materials sind wir den Herren Geheimrath 
Fürbringer, PProf. Grawitz, Krönig, Goldsch eider, den Herren Oberarzt 
Bloeh und Assistenzarzt Eschenhagen, sowie Hm. Dr. H. Vogt zu lebhaftem 
Dank verpflichtet. 



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29S V. Dbigalski und H. Conbadi: 

Bisweilen fanden wir bei einem Patienten das erste Mal gar keine Typhus- 
bacillen in den Fäces, wenige Tage später wurden sie in reichlicher Menge 
auf unseren Platten nachgewi^en. Ebenso wenig wie jede Oese Terdäch- 
tigen Stuhles nun auch Typhusbacillen enthält, ebenso wenig ist es dem- 
nach richtig, bei jeder Defacation eine Ausscheidung von Typhusbacillen 
anzunehmen. Zudem gehen die Typhusbacillen ausserhalb des Körpers 
verhältnissmässig rasch in den Fäces zu Grunde. Wenn man nämlich 
einen reichlich Typhusbacillen enthaltenden Stuhl bei Zimmertemperatur 
stehen lässt, so fallt es bereits nach wenigen Tagen schwer, sie nachzuweisen. 

Es sind also die Stühle möglichst frisch und bei negatiTem 
Befund mehrmals zu untersuchen. 

Im Einzelnen stellte die bakteriologische Untersuchung bei mehr 
als der Hälfte aller Fälle Typhusbacillen zu einer Zeit fest, 
zu der die WidaFsche Serumreaction bei einer Verdünnung 
1:10 negativ ausgefallen war. Vor dem fieberhaften Stadium kam 
kein manifester Fall zur Bearbeitung. Dagegen wurde bei drei bereits 
fieberfreien Patienten mit geformten, völlig normal aussehenden Ent- 
leerungen die Anwesenheit von Typhusbacillen festgestellt. 

In fünf Fällen war die klinische Diagnose ganz unsicher, 
Fieber fehlte oder konnte auf bestehende Lungenaffectionen bezogen 
werden. Roseola und Milztumor waren nicht vorhanden, Diazoreaction und 
die WidaFsche Probe wurden vergebens angestellt. Die bakteriologische 
Untersuchung stellte hier durch den Befund von Typhus- 
bacillen in den Stühlen auch die klinische Diagnose sicher. 

Schliesslich haben wir noch auf Veranlassung von Herrn Geheimrath 
Koch unsere Untersuchungen auch auf solche Personen ausgedehnt^ 
welche sich fortgesetzt in der unmittelbaren Umgebung von 
Typhuskranken aufhielten und daher der Gefahr einer Typhus- 
in fection am meisten ausgesetzt waren. R. Eoch (22) verdanken wir 
den bedeutsamen Nachweis, dass in Cholerazeiten völlig gesunde Menschen 
sich mit Choleravibrionen inficiren, ohne irgend welche Krankheitssymptome 
zu zeigen. Diese klinisch unverdächtigen Fälle sind es, welche unbemerkt 
den InfectionsstoflF in alle Winde tragen und der Verschleppung der 
Choleraseuche weitgehendsten Vorschub leisten. Eine erfolgreiche Be- 
kämpfung der Choleraepidemieen ist nur unter Berücksichtigung dieser 
Thatsache durchführbar. „Wie der Chirurg, wenn er eine bösartige Neu- 
bildung sicher entfernen will, im Gesunden schneidet*^, so muss auch 
„die Exstirpation des Cholerakeimes gewissermaassen im Gesunden ge- 
schehen, wenn sie Aussicht auf Erfolg haben soll". (B. Koch, a. a. 0. 
S. 101.) Auch für den Typhus können wir auf Grund unserer 
Untersuchungen die Thatsache hinstellen, dass Menschen aus 



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Übeb ein Verfahren zum Nachweis der Typhüsbacillen. 299 

der typhusdurchseuchten Umgebung die Typhüsbacillen auf- 
nehmen, mit sich herumtragen und trotzdem keinerlei 
Krankheitsanzeichen darbieten. Bei vier Personen ist uns 
der Nachweis von vereinzelten Typhüsbacillen in ihren zum 
Theil völlig normal aussehenden Darmausleerungen geglückt, 
ohne dass die klinische Untersuchung auch nur den Ver- 
dacht einer bestehenden Typhus-Infection gerechtfertigt 
hätte. Bei dem einen Fall bestand nur ein Mal, bei dem anderen drei 
Tage hindurch Durchfall; Fieber und Krankheitsgefühl waren nicht vor- 
handen. Bei zwei anderen Fällen lagen überhaupt nicht die geringsten 
Abweichungen von der Norm vor. Die bakteriologische Untersuchung 
wurde nur aus dem Grunde vorgenommen, weil diese Menschen mit 
Typhuskranken dieselben Wohnräume inne gehabt hatten. Diese That- 
sachen gewinnen für die Epidemiologie des Typhus erhöhte Bedeutung. 

Eine fortlaufende Untersuchung von Typhusharn konnte bisher 
nicht stattfinden. Es sind bisher nur in drei Fällen Typhüsbacillen auf- 
gefunden worden. Wie neuerdings Schüder (23) zeigte, sind regel- 
mässige und lange Zeit fortgesetzte Untersuchungen noth wendig, um mit 
Hülfe der bisherigen Methoden im Urin in ca. 30 Procent Typhüsbacillen 
nachzuweisen. 

Die Auffindung von Typhuskeimen im Wasser gelang bei künst- 
lichen Gemischen. Je 1 Liter Wasser aus dem stark verunreinigten Ber- 
liner Nordhafen, das mehrere Tage bei Zimmertemperatur gestanden 
hatte, (Keimgehalt = 900000 in V^), wurde ein Mal mit Vioo O^se einer 
24 stündigen Typhus-Bouillonkultur, ein anderes Mal mit 10»™ eines 
Typhusstuhls, der bei der Tags zuvor angestellten Untersuchung reichliche 
Typhüsbacillen ergeben hatte, in der Schüttelmaschine geschüttelt, bis 
keine groben Theilchen mehr sichtbar waren: in beiden Fällen wurden 
vereinzelte Typhuscolonieen isolirt. In unversetzten Wasserproben konnten 
keine Typhuskeime ermittelt werden. 



Wir fassen die mit der beschriebenen Methode erzielten Resultate 
in folgenden Sätzen zusammen: 

1. Bei Vorliegen einer Typhuserkrankung gelingt es in 
jedem einzelnen Falle sofort oder nach wiederholter Unter- 
suchung fast stets innerhalb 18, spätestens nach 24 Stunden 
Typhüsbacillen aufzufinden. 

2. Auch in solchen Fällen, welche klinisch unsichere oder 
überhaupt keine Krankheitszeichen darboten, wurden Typhüs- 
bacillen festgestellt. 



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800 V. Dbigalsei xtkd H. Conbadi: Nachweis der Ttphusbaciluen. 

3. Die bakteriolog^iscbe Untersachuug ermöglichte bis- 
weilen in zweifelhaften Fällen die Typhasdiagnose zu einer Zeit, 
wo alle sonstigen, diagnostischen Hülfsmittel im Stich Hessen. 

Die Anregung zu der Ausarbeitung des beschriebenen Verfehrens ver- 
danken wir Herrn Geheimrath Koch. Ihm, wie Herrn Professor Frosch 
fühlen wir uns für die werthvoUen Rathschläge zu lebhaftem Dank Ter- 
pflichtet 



Litteratnr-Verzeicimiss. 



1. Hayaschikawa, Hygienische Rundechau. 1901. Nr. 19. 

2. Chantemesse und Widal, Arch, de physioL norm, et paih. 1S87. Nr. 2. 
8. Petruschky, CentralblaU für Bakteriologie. 1889. Bd. VL S. 625, 657. 
4. Th. Smith, jEftffn^^. 1890. Bd. VIII. S. 889. — 1891. Bd. IX. S. 867. 

6. R. Wurtz, Arch. de m4d. erph'. et d^anat. p(M. 1892. T. IV. p. 85, 888. 

6. P6rä, Annales de VInstitut Pasteur. 1892. T. VL p. 512. 

7. Germano und Maarea, Ziegler's Beiträge. Bd.XII. S. 494. 

8. Capaldi und Proskauer, Diese Zeitschrift. 1896. Bd. XXIII. S. 452. 

9. Kashida, Centralblait für Bakteriologie. 1898. Bd. XXI. S. 802. 

10. A. P.Mathe WS, Ref. Ebenda. 1894. Bd. XVI. S' 214. 

11. Lösener, Arbeiten a. d. Kaiserl. Gesundheitsamie. 1895. Bd. XL S. 285. 

12. F6t6, Annales de VlnstOut Fasteur. 1898. T. XIL p. 68. 
18. Kayser, Menda. 1894. T. VIII. p. 787. 

14. Pottevin, Ebenda. 1898. T. XII. p. 49. 

15. Beyerinck, Cen^ralblatt ßr Bakteriologie. 1891. Bd. IX. S. 781. 

16. Kruse. Ebenda. Bd. XV. S. 419. 

17. Drossbach, Menda. Bd. XIL S. 658. 

18. R. Burri, Inaug.-Dissert. Zürich 1898. 

19. G. Gabritschewsky, Diese Zeitschrift. 1900. Bd. XXXV. S. 104. 

20. Köhler, Klinisches Jahrbuch. 1901. S. 104. 

21. Rothberger, CentralblaU für Bakteriologie. 1898. Bd. XXIV. a 513. 

22. R. Koch, Diese Zeitschrift. 1893. Bd. XV. S. 89. 

23. ScM&er, Deutsche med. Wochenschrift. 1901. Nr. 44. 



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Die Babonenpest am La Flata. 

Vortrag, 
gehalten in der dentscben akademischen Yereinigang in Baenos Aires. 

Von 
O. VogeB. 



Im September 1899 gelangten an verschiedene Zeitungen von Buenos 
Aires, sowie an die B^emng Mittheilnngen, dass in Asnncion, der Haupt- 
Stadt von Paraguay, eine Eranhheit mit epidemischem Charakter ausge- 
brochen sei, welche bereits eine Anz^l Opfer gefordert hätte. Ich wurde 
von der Begierung mit dem Studium dieser Krankheit betraut, und reiste 
mit dem ersten Assistenten des mir unterstellten Laboratoriums, Dr. Juan 
Carlos Delfino, nach dort. 

Bald nach unserer Ankunft in Asnncion hatten wir Gelegenheit, mit 
mehreren der dortigen Aerzte zu sprechen, und so erfuhren wir, dass eine 
Anzahl Soldaten nebst einigen Personen, die mit denselben in Berührung 
gekommen waren, erkrankt bezw. gestorben seien. Die Diagnose der Aerzte 
schwankte aber gewidtig; denn nach der Meinung des Einen war es Ben- 
Beri, ein Zweiter diagnosticirte Typhus abdominalis, nach einem Anderen 
war es eine Erysipelepidemie, nach Anderen Typhus exanthematicus und 
andere Krankheiten mehr. Einige erklärten die Krankheit für eine völlig 
neue und unbekannte, wieder Andere hielten sie für identisch mit einer 
unter den Kühen aufgetretenen Krankheit. 

Aus diesem Wirrwarr von Angaben galt es zunächst, ein klares Bild 
des klinischen Verlaufes der Krankheit zu gewinnen. In einem entsetz- 
lichen Rancho, in dem sich Myriaden von Fliegen und Mosquitos auf- 
hielten und in dem auch einige Schweine freien Zu- und Ausgang hatten, 
fanden wir zwei schwerkranke Soldaten, sowie weitere vier, die sich bereits 
auf dem Wege der Besserung befanden. Im Militärspital lagen ebenfalls 



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802 0. VoGEs: 

eine grössere Anzahl Reconvalescenten, im Ganzen 28 Personen. Die 
Kranken hatten hohes Fieber, zum Theil Delirium; als auffallendes 
Erankheitssymptom fand sich eine Anschwellung der Lymphdrüsen der 
verschiedenen Eörpergegenden. Diese Bubonen waren theils im Stadium 
der entzündlichen Schwellung , theils in Eiterung übergegangen. Das 
ganze Erankheitsbild erweckte sofort den Verdacht, es könnte sich um 
Bubonenpest handeln. Aber schon das Aussprechen dieser Yermuthung 
musste als geradezu ungeheuerlich bezeichnet werden; denn war es auch 
bekannt, dass in Oporto die Bubonenpest ausgebrcfchen war, so war doch 
in ganz Amerika diese Krankheit völlig unbekannt. Wie sollte sie nun im 
innersten Centrum von Südamerika auftreten, welches geradezu weltabge- 
schlossen liegt und nur durch einen spärlichen SchiflFsverkehr mit deu 
La Plata-Staaten in Verbindung steht Eines aber stand fest: die Dia- 
gnosen, die man mir angegeben hatte, waren sammtlich falsch; es handelte 
sich nicht um Typhus abdominalis, nicht um exanthematicus, weder um 
Beri-Beri, noch um Erysipelas oder Anderes mehr. Schwanken konnte man 
nur, ob es sich um Pest oder um eine einheimische, bisher noch nicht wissen- 
schaftlich studirte Krankheit handelte. Von dem Professor der Botanik, 
Chemie und Mineralogie an der dortigen Universität, Herrn Anisits, 
wurden mir zwei Ausstrichpräparate, mit Methylenblau geerbt, von Bubonen- 
eiter eines kurz vorher Gestorbenen gezeigt; dieselben enthielten eine Rein- 
cultur zahlloser Bakterien, die in nichts von den bekannten Pestbacillen 
sich unterschieden. Dieser Thatbestand wurde der Regierung in Buenos 
Aires sofort mitgetheilt mit dem Bemerken, dass es sich um pestverdächtige 
Erkrankungen handle. 

Im weiteren Verlauf der Untersuchung wurde mittels Pravazspritze 
der flüssige Lihalt verschiedener Bubonen aspirirt und untersucht In 
directen Ausstrichpräparaten gelang die Auffindung von Bakterien nicht, 
dagegen fanden sich in Agar- und Bouillonculturen Bacillen, die im 
weiteren Verlauf als echte Pestbacillen von Kitasato und Tersin ge- 
kennzeichnet wurden. 

Gang der Untersuchung des pestverdSchtigen Materials. 

Bei Lebenden wird der Inhalt von Bubonen mit sterilisirter Pravaz- 
spritze herausgeholt; an den Leichen werden die Bubonen mit sterilisirten 
Instrumenten geöffnet; in wichtigen Fällen werden bei Lebenden die 
Bubonen exstirpirt und so zur Untersuchung verwandt Bei Leichen 
werden die inneren Organe, vor allem Blut, die inneren Drüsen und Milz 
untersucht Bei der Lungenpest wird der Auswurf in sterilisirte Petri^sche 
Schalen entleert, mit sterilisirtem Wasser tüchtig gewaschen, um alle Bei- 



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Die Bubonenpest am La Plata. 303 

mengongen abzuspülen , und dann untersucht, und zwar in der Weise, 
dass das betreffende Material in dünner ScMcht auf Deokgläschen verrieben, 
an der Luft getrooknet, hierauf in absolutem Alkohol fixirt und nochmals 
getrocknet wird. Die Färbung geschieht — ohne jegliche Anwendung 
von Hitze — durch Ueberschichten der Deckgläser mit ZiehTscher 
Lösung, die zur Hälfte mit Wasser verdünnt ist. Da aber die Durch- 
tränkung der Pestbacillen mit Farbstoff augenblicklich erfolgt, so ist es 
geboten, die Farbe sofort nach Berührung mit dem Deckglas wieder abzu- 
spülen^ um eine Ueberfarbung zu vermeiden. Auf diese Weise erzielt man 
jene schönen Präparate mit ausgesprochener Polfarbung. Die Präparate 
werden, getrocknet, in Cedemöl oder Canadabalsam untersucht. In der- 
selben Weise werden Reinculturen gefärbt. Bemerken muss ich jedoch 
an dieser Stelle, dass die erwähnte Polfärbung in länger fortgezüchteten 
Reinculturen mehr und mehr verschwindet, so dass in älteren Culturen 
eine gleichmässige Färbung der ganzen Zellen häufiger ist. 

Dieser Untersuchung folgt die Gram'sche Färbung, sowie die Unter- 
suchung im hängenden Tropfen. Gleichzeitig werden Culturen angelegt 
in Agar-Agar und Bouillon (Gelatine ist bei dem heissen Elima natürlich 
ausgeschlossen). — Zur weiteren Sicherung der Diagnose wurde auch noch 
der Thierversuch herangezogen, und zwar wurden Meerschweinchen, 
weisse und graue Ratten, Mäuse und Affen geimpft. 

Und erst als alle diese angeführten Methoden der Untersuchung, 
getreulich durchgeführt, eine Uebereinstimmung mit dem Yersin- 
Kitasato'schen Pestbacillen als Resultat ergeben hatten, erst dann 
wurde die definitive Diagnose auf Bubonenpest gestellt, die denn auch 
nachträglich von den Professoren Löffler-Greifswald und Fränckel-Jena 
auf Grund der diesen Herren von mir übersandten Pestcalturen bereitwilligst 
nach eingehender Prüfung bestätigt wurde, wofür meinen verbindlichsten 
Dank zu sagen, ich auch an dieser Stelle nicht versäume. Aus der grossen 
Zahl von Einwänden gegen obige Diagnose Seitens der einheimischen 
Paraguayer gebildeten Welt kämen nur zwei bei einer wissenschaftlichen 
Kritik in Betracht: 

1. Die in Asüncion aufgetauchte Krankheit ist eine noch nicht wissen- 
schaftlich studirte. 

Indes weisen die bakteriologischen Befunde und die klinischen Sym- 
ptome, sowie die Sectionsbefunde übereinstimmend auf Bubonenpest hin, 
so dass es völlig überfiüssig erscheint, nach einer anderen Krankheit zu 
suchen; ja selbst die Anfangs erbittertsten Gegner meiner Diagnose haben 
sich späterhin in deren eifrigste Verfechter umgewandelt, insbesondere als 
die in Rosario, Buenos Aires, Santos und Rio de Janeiro anlässlich der dort 



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304 0. VoGEs: 

herrschenden Pest gemachten Befände sich Tollständig mit denen in 
Asoncion erzielten deckten. 

2. Die Krankheit ist identisch mit einer seit Jahren im Lande ende^ 
mischen Krankheit der Kühe, Feste de vacas, in der Gnarani-Spracbe 
Paleta-Bnrü genannt. 

In der einschlägigen Litteratnr finden sich zwar einige Angaben, 
wonach bei Kühen Pisstbubonen anfbret^i können; dieselben sind jedoch 
so spärlich und so schwach bestätigt, dass sie noch nicht allgemeine An- 
erkennung gefunden haben. 

Thatsache ist, dass unsere Binderrassen nicht an der Ptet erkranken. 
Nun existirt aber in Paraguay eine einheimische, halbwilde Rinderrasee, die 
nur mit einer anderen, von Matte grosso — Bcasilien — eingeführten grosseren 
abwechselt Es war also immarhin die Möglichkeit gegeben, dass diese 
Thiere für Pest empfan^ch seien. Ich bemühte mich daher, derartig 
erkrankte Thiere zur Untersuchung zu bekommen. Gelegenheit hierzu 
fand ich anlässlich einer Expedition nach YutL Nach Berichten des 
dortigen Sanitatsbeamten waren nämlich in letzter Zeit eine grössere 
Anzahl Menschen and ausserdem auch viele Kühe und Pferde der Pest 
erlegen. In dem Doctor dieses Districtes lernte ich einen brasilianischen 
Corandero kennen, der über das leibliche Wohl von 4000 Menschen zu 
wachen hatte und der seine medidnisohe Gelehrsamkeit dem, wie er sagte, 
ganz ausgezeichneten Buche des „grande^^ Tschernowitz, seines grossen 
brasilianischen Landsmannes, zu verdanken hatte. Von der Existenz von 
Bacillen oder gar eines B. Koch hatte der glückliche Einsiedler nie ver- 
nommen. Seitdem er aber in den Zeitungen aus Asuncion gelesai, dass 
dort die Pest herrsche, nannte er jede Krankheit, die nicht in seinem 
„grande" Tschernowitz verzeichnet stand, einfach „Peste**. Als eclatante 
Fälle von Peste zeigte er mir eine Zahnfistel und einen Furunkel; in 
seiner Todenliste fungirten eine Anzahl Personen als Pestopfer, die offenbar 
an Typhus, Tuberculose, Apoplexie u. a. m. gestorben waren. Glücklicher 
Weise war dieser Gelehrte nicht so für seine Diagnose engagirt, dass er 
sich leicht bewegen Hess, seinen Toden eine andere Todesursache in den 
Todenregistern mitzugeben. 

Waren diese Erfahrungen nicht gerade sehr ermuthigend, so entschloss 
ich mich doch zu einer Expedition in den Camp, um die fira^lichen Vieh- 
pestarten zu studieren. 

Das Ergebniss dieser Expedition ist im Folgenden niedergelegt. 

1. Die Pferdeseuche. 

Auf einer Estancia, auf der seit Jahren kerne fremden Pferde zuge- 
führt waren, war plötzlich seit 2 Monaten unter den 70 Pferden des Be* 



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Die Bubonenpest am La Plata. 305 

Standes eine bisher unbekannte Krankheit ausgebrochen, von der 68 Thiere 
befallen wurden. Die Krankheit hatte unterschiedslos junge wie alte Pferde 
befallen, Hengste, Wallachen und Stuten. Die jungen Pferde und Fohlen 
waren meist eingegangen, ältere seltener; von den 70 Pferden erlagen 40. 

Im Beginn der Krankheit sind die Thiere sehr unruhig, laufen hin 
und her und suchen mit Vorliebe schattige Plätze auf; bald darauf wird 
ihr Gang schwerfallig, und sie gehen nur vorwärts, wenn sie direct 
angetrieben werden; der Oang wird immer schleppender, schwankender, 
die Beine werden nur mangelhaft bewegt und schleifen am Boden her; 
auch die Futteraufnahme lässt mehr und mehr nach, die Thiere uriniren 
sehr häufig; jedoch ist nie Blut im Harn beobachtet worden. Die Thiere 
magern rapide und stark ab; die meisten gehen bereits nach acht Tagen 
zu Grunde, einige etwas später. Vor dem Tode scheinen sie benommen 
und den Verstand Terloren zu haben; manche fallen plötzlich um und 
sind todt, andere wieder liegen noch 24 Stunden, ehe sie verenden. Ich 
habe bei verschiedenen Thieren Temperaturmessungen vorgenommen, und 
dabei Temperaturerhöhungen — bis auf 40® und darüber — wahrgenommen, 
wahrend die Athmung erhöht (60) oder auch untemormal (30) war. Bei 
manchen Thieren tritt zuweilen vorübergehend Husten auf, während 
andere wieder — ebenfalls vorübergehend — an Diarrhoeen leiden. Die 
Lymphdrüsen sind häufig angeschwollen, manchmal sogar beträchtlich. 
Ich hatte Gelegenheit, ein solches Pferd zu schlachten und die Seotion 
vorzunehmen. Vor dem Tode hatte das sehr heruntergekommene Thier 
eine Temperatur von 39-8®, Athmung 88. Der makroskopische Seotions- 
befund ergab ziemlich wenig Anhaltspunkte. Die inneren Organe waren 
sehr blutreich; es machte sich eine venöse Stauung bemerkbar; die Milz 
war weich und vergrössert. Auffallend war ausserdem, dass der Darm 
die verschiedensten Würmer beherbergte und zwar in nicht unbedeutenden 
Mengen; jedoch sollen diese Parasiten in jedem Pferdedarm vorkommen. 
Die mikroskopische Untersuchung von Blut, inneren Organen u. s. w. 
ergab nichts, das man als mikroskopisches Lebewesen hätte ansehen können; 
auch auf Agar-Agar ausgeführte Culturen gaben keinerlei Ergebniss. 

Aus all dem Angeführten ergiebt sich mit Sicherheit, dass es sich 
bei der in Frage kommenden Pferdeseuche nicht im Geringsten um eine 
Infection mit Bubonenpestbacillen handeln kann. Zwar liegt noch die 
Yermuthung nahe, die Krankheit sei eine andere Form des auch in Para- 
guay wohlbekannten Mal de caderas. Aber die Eingeborenen selbst, die 
die Mal de caderas-Krankheit sehr wohl kennen, erklären sie mit Be- 
stimmtheit für eine andere. 

Gegen obige Annahme spricht zudem das Fehlen des blutigen Urins, 
die ausserordentliche Kürze der Krankheit, sowie die geringe Sterblichkeit. 

tr. f. UjgtoDt. XXXIX. 20 



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306 0. VoGBs: 

Ich weise schon hier darauf hin, dass die Erankheitsdauer bei Mal de 
caderas mehrere Monate betragt, und dass jedes davon befallene Thier zu 
Grunde geht. 

Man könnte auch noch an die afrikanische Pferdesterbe denken; 
indes finden sich auch da genug Unterscheidungsmerkmale. An der 
Fortsetzung dieser Studien war ich zu meinem Bedauern durch die mir 
übertragenen Pestarbeiten, die meine ganze Kraft in Anspruch nahmen, 
gehindert. Aber vielleicht geben obige Aufzeichnungen anderswo Ver- 
anlassung, nach ähnlichen Erkrankungserscheinungen zu forschen. 

2. Die andere Thierseuche, die mir auf dieser Expedition aufstiess, 
war das lang gesuchte Paleta-Rurü, die Rinderpest, die nach den ver- 
schiedensten Erkundigungen, die ich machen konnte, in Paraguay identisch 
mit der Menschenpest sein sollte. Nach den von mir angestellten ein- 
gehenden Forschungen und Beobachtungen ergiebt sich aber, dass es sich 
um eine Erkrankung der jungen Rinder und Kälber handelt. 

In Paraguay Paleta-Burü genannt, ist diese Krankheit in Brasilien 
unter dem Namen Manquea bekannt, während sie die Entre-Rianer 
Carrhua heissen. Die jungen Thiere haben beulenartige Anschwellungen 
unter der Haut, in der Regel in der Gegend der Schulterblätter oder der 
Hüftgelenke. In manchen Fällen zeigen sich diese Tumoren am Knie- 
oder an den Sprunggelenken; ich habe sogar Fälle beobachtet, wo sie 
über den Klauen zum Vorschein kamen. Diese Geschwülste sind aber 
nicht etwa hart, sondern fast teigig; allmählich nehmen sie an Aus- 
dehnung zu und erweichen immer mehr. Nun ist aber ein Durchbruch 
der erweichten Massen durch die dicke, harte Haut ziemlich schwierig; 
daher dehnen sich die Abscesse im Unterhautzellgewebe aus, und schliess- 
lich kommt es zur Bildung von Senkungsabscessen, die derart grosse 
Dimensionen annehmen können, dass das ganze Bein wie bei Elephantiasis 
geschwollen erscheint. Die Thiere können natürlich nur äusserst müh- 
selig sich fortbewegen, haben hohes Fieber, magern stark ab und gehen 
etwa im Verlaufe einer Woche zu Grunde. Bei der Seotion findet man 
die Geschwülste angefüllt mit röthlich-grau-gelbem Eiter, der dünnflüssig 
und untermischt ist mit kleineren oder grösseren Fetzen necrotisirten 
Bindegewebes. Der Geruch dieses Eiters ist entsetzlich, aber geradezu 
specifisch für diese Krankheit, so dass man nach Feststellung seines Vor- 
handenseins sofort die sichere Diagnose stellen kann. Bereits in den erst 
entstehenden Tumoren hat der Eiter diesen eigenthümlichen Geruch, nur 
ist die Farbe mehr milchig-weiss. 

Man sieht also, dass es sich um einen im Unterhautbindegewebe 
abspielenden Vorgang handelt, an dem die Lymphdrüsen nicht betheiligt 



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Die Bubonbnpest am La Plata. 307 

sind; secnndär entzündet können allerdings auch diese sein, ich habe aber 
bis jetzt nur eine entzündliche Schwellung, aber nie eine Eiterung beob- 
achten können. Die inneren Organe sowie der übrige Organismus sind 
frei von pathologischen Veränderungen gröberer Art. Es kommt nun 
häufig vor, dass die dem Abscess benachbarten Gelenke betrofifen werden, 
ja dies ist sogar in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle die Regel. 
Die Folge ist Gelenkvereiterung; nun werden auch Periost und Knochen 
in Mitleidenschaft gezogen, ausgedehnte Knochenwucheruugen bilden sich, 
es entstehen die grössten Verunstaltungen der Gelenkflächen, und schliess- 
lich kommt es zu vollständigen Ankylosen unter Verkürzung des Beines 
und dessen gleichzeitiger mehr oder weniger grossen Verdrehung. Die 
Ausgestaltung dieser Vorgänge erfordert naturgemäss längere Zeiträume, 
es ist das die Entwickelung der chronischen Form der Krankheit, die in 
der Kegel dann eintritt, wenn der ursprüngliche Abscess — was jedoch 
nicht häufig eintritt — eine Oeflfnung nach aussen gefunden hat, die zur 
Fistelbildung Anlass giebt. In solchen Fällen hat dann oft diese Fistel 
directe Verbindung mit dem Gelenke, so dass ihr fortwährend kleinere 
Mengen des übelriechenden Eiters entsickem, der naturgemäss seinen Weg 
den Beinen entlang nach unten nimmt und die Haare verklebt. Um 
diese Fistel nun bildet sich ein Tummelplatz der verschiedensten Fliegen- 
arten, die da ihre Eier ablegen, weshalb man in den Fisteln nicht selten 
eine Unmenge von Fliegenmaden vorfindet 

Befällt nun diese Seuche kleinere Kälber, deren Nahrung noch 
grossentheils in der Muttermilch besteht, so gehen diese meistens ein, da 
sie der Mutter nicht mehr zu folgen vermögen. Grössere Thiere, die 
Gras fressen, haben deswegen auch mehr Aussicht auf Erhaltung ihres 
Lebens. 

Bei dem geringen Werth der Kälber und der beschränkten Aus- 
dehnung der Krankheit begnügt man sich, die Seuche einfach als „Lahm- 
heit" zu diagnosticiren, ohne sich weiter zu bemühen; die todten Kälber 
werden kaum gezählt, die lahmen und abgemagerten kommen gleichfalls 
nicht weiter in Betracht, man kümmert sich nicht darum, wo sie bleiben. 
Auffallend könnte nur sein, dass bei den ausgeheilten Thieren ein TheU 
ausserordentlich rasch fett wird; dies erklärt sich aber damit, dass diese 
Thiere nicht mehr so schnell laufen können wie die Heerde und daher 
die aufgenommene Futtermenge zum Fettansatz in höherem Grade wie 
die übrigen verwenden. — Die Krankheit wurde also kaum in einem 
Pest- Vortrag Erwähnung finden können, wenn man sie nicht mit der 
Bubonenpest identificirt hätte. 

Zugegeben aber, dass es möglicher Weise eine Bubonenpest gewisser 
Knhrassen geben könnte, so ist doch sofort auf die Thatsache hinzuweisen, 

20* 



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308 0. VoGBS: 

dass die englischen feinen Kuhrassen nicht daran erkranken; wohl aber 
fand ich das Paleta-Burü auch bei Durham und Heresforth genau wie 
bei den einheimischen Kühen. Nun wäre es ja immerhin denkbar, dass 
die Pesterreger in den Thieren andere Erscheinungen hervorriefen als im 
Menschen; aber einmal sehen wir bei allen anderen für Pest empfanglichen 
Thieren, wie Hatten, Meerschweinchen, Affen u. s. w., die so sehr charak- 
teristischen Bubonen auftreten und auch sonst noch mancherlei andere 
übereinstimmende Merkmale, so dass es also auffallend ist, dass di^ 
gerade bei den Kühen fehlt. Andererseits ist die bei den Kühen sich 
abspielende Erkrankung eine locale Hauterkrankung, die erst secundär und 
noch nicht einmal in jedem Falle auf weitere EörpertheUe und Organe 
übergreift. Endlich fehlt auch bei der Pest der Oestank, den der Eiter 
des Paleta-Rurü verbreitet, der ja so ausserordentlich charakteristisch ist 
Ausschlaggebend ist natürlich nur die bakteriologische Untersuchung der 
Eitermassen und der Organe, die wirklich interessante Ergebnisse an den 
Tag brachte: Macht man vom Eiter ein Ausstrichpräparat und färbt das- 
selbe nach Ziehl, so sieht man, wie die ganze Masse aus zertrümmerten 
Zellmassen, Detritus, zu bestehen scheint, und die Körperelemente scheinen 
wie zu feinstem Pulver zermalen. Diese Beobachtung haben schon andere 
XJntersucher vor mir gemacht, und erklärte man die Masse für zerÜGkUene 
Eiterkörperchen. Auffallend ist jedenfalls, dass diese Eitermassen eine 
Anzahl wohlerhaltener Eiterkörperchen enthalten, die durchaus nichts von 
Zerstörung zeigen; femer finden sich diese kleinsten Kömchen schon in 
ganz jungen Abscessen, ohne dass die zum Zellzerfall nöthige Zeit ver- 
strichen wäre. Es erscheint somit ausgeschlossen, dass es sich hier um 
Detritusmassen handelt, und wenn wir erst diese Körperchen genauer be- 
trachten, d. h. mit den stärksten Vergrösserangen, so sehen wir, me sie 
alle gleichmässig gross und ebenso gleichmässig geformt sind; und wir 
finden femer, dass diese Knötchen weiter nichts sind als der kleinste 
Coccobacillus, der bisher bekannt geworden ist. Der Paleta-Burü-Bacillas 
ist etwa 7« bis Vs Mal so klein als der Influenza-Bacillus, etwas länger 
als dick, mit leicht abgestumpften Enden; er ist unbeweglich und ffirbt 
sich nicht nach Gram. Die Aufnahme des Farbstofies erfolgt ziemlich 
langsam, jedenfalls bedeutend langsamer wie bei den Pestbacillen; die 
centralen Theile erscheinen weniger gefärbt wie die Bandtheile, ohne dass 
es indessen zu einer ausgesprochenen Polfärbung käme wie bei den Pest- 
bacillen. Der beschriebene Bacillus findet sich im Eiter in geradezu zahl- 
loser Menge. In den acuten tödtlichen Fällen finden wir auch im Blut, 
und mithin auch in den übrigen Organen dieselben Bakterien; doch 
dürfte deren Aufenthalt im Blut nur ein vorübergehender sein; das eigent- 
lich Typische ist nur die locale Infection. 



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Die Bubonbnpest am La Plata. 809 

Mittels Spuren dieses Eiters liess sich die Krankheit auch auf ge- 
sunde Rinder übertragen, die nachher dieselben Erankheitssjmptome zeigten, 
wie die anderen an Paleta-Burü erkrankten Thiere. Die so befallenen Thiere 
erliegen in f&nf bis acht Tagen; und kommt es zur Fistelbildung, so bleiben 
sie Monate lang krank, ehe die Töllige Heilung eintritt Auch in diesem 
Falle finden sich im Eiter dieselben Bakterien. 

Eine Merkwürdigkeit verdient hier erwähnt zu werden. Von den 
von mir inoculirten Rindern gingen nur diejenigen zu Grunde, die ich 
während der tropischen Hitze Ton 35 bis 40^ C. inficirte; Ton den bei 
bald darauf eingetretener kühleren Temperatur inoculirten Thieren ging 
keines mehr ein. Ofienbar spielt also das Klima hier eine ausschlag- 
gebende Rolle. Hat sich doch auch ergeben, dass die Krankheit im 
Süden der La Plata-Staaten nicht mehr vorkommt, und im Norden vor- 
wiegend nur in der heissen Jahreszeit; und so nimmt auch, je weiter wir 
nach Süden konmien, die Sterblichkeit zu. 

Den Beweis, dass jene erwähnten kleinsten Körperchen, die in 
solchen Massen im Eiter sich finden, wirklich Bakterien sind, konnte ich 
durch Cultur erbringen; und zwar gelang mir dies nach verschiedenen 
Versuchen durch Anlegung von anaCroben Culturen. Der Paleta-Rurü- 
Bacillus ist ein angesprochener Ana^rob. Seine Cultur gelang mir in 
Bouillon wie auf Agar-Agar. Auf ana^roben Platten habe ich aber trotz 
vieler Bemühungen keine positiven Wachsthumsergebnisse erzielen können, 
was auch von der ana^roben Strichcultur zu sagen ist; wohl wachsen da- 
gegen die Bacillen anaSrob im flüssigen Rinderserum. Die Culturen in 
flüssigen Medien sind gleichmässig stark trübe und zeigen beim Oeffiien 
den gleichen typischen Oestank wie der Eiter. In den Agarculturen 
kommt es zu kleinsten , grauen, punktförmigen Colonieen. Irgend welche 
auffallende Gktsbildung habe ich nicht wahrgenonmien. Auch bei den 
Agarculturen gilt bezüglich des Geruches das Gleiche wie bei den Culturen 
in flüssigen Medien. 

Aus Vorstehendem ergiebt sich ohne Zweifel, dass die Gebilde Bak- 
terien sind, und zwar di^ kleinsten bis jetzt bekannten, von einer fi^ein- 
heit, dass es mir und dem Photographen der hiesigen Universität, Herrn 
Prof. Levy, einem Schüler Lumi^re's, nicht gelang, sie auf photo- 
graphischem Wege zur Ansicht zu bringen. 

Die Weiterzüchtung der Bakterien bereitet zur Zeit noch ausser- 
ordentliche Schwierigkeiten, lieber die 4. bis 5. Generation bin ich noch 
nie hinausgekommen, da sie im Laufe der Zeit regelmässig eingehen. In 
dem dem Rinde entnonmienen Eiter finden sich häufig die Bacillen des 
Paleta-Rurd im Gemenge mit anderen Bacillen, doch kann man unschwer eine 
Beincultur erzielen, indem man etwas Eiter intraperitoneal auf ein Meer- 



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310 0. VoGEs: 

schweinchen überimpft Nach dem Tode des Thieres, der in 12 bis 
20 Stunden erfolgt, findet man im Herzblut in der Begel eine Beincnltur 
des in Rede stehenden Bacillus. — Ich hatte femer versucht, durch Ver- 
impfung des Bauchhöhleninhalts des verendeten Meerschweinchens die 
filrankheit auf ein weiteres Thier zu übertragen; aber auch diese Weise 
der Fortpflanzung der Cultur versagt bei der 3. bis 4. Passage; denn die 
Thiere gehen dann nicht mehr ein. 

Das Wachsthum der Gulturen geht am besten vor sich im Brütofen 
bei 30 bis 37^, während es bei 20 bis 30^ nur langsam und gleichsam 
zögernd vorwärts geht. Zu ihrer Entwickelung brauchen die Culturen 
nicht länger als 24 Stunden, in grösseren Kölbchen 2 bis 3 Tage. — 
Ratten, Mäuse und Kaninchen sind nicht empfänglich für den Bacillus; 
nur Rind und Meerschweinchen sind bis jetzt nach meinen Beobachtungen 
die einzigen empfänglichen Thiere. 

Auch ein Wort über die Therapie dürfte hier nicht überflüssig er- 
scheinen. Sehr naheliegend erscheint vor allem die Frage nach einem 
Heilserum oder einem Yaccin. Beide Dinge halte ich für unnöthig und 
ihre Anwendung für ziemlich erfolglos. Ein Serum wird bei den Eiter- 
abscessen wenig ausrichten, falls es ein bacillentödtendes ist, da es in die 
abgestorbenen Massen kaum in genügender Menge eindringt Ein anti- 
toxisches Serum bedürfen wir nicht, da die Culturen keine specifischen 
Toxine im Sinne Behring's bilden. Bouillonculturen verschiedenen 
Alters waren völlig ungiftig. — Ein Vaccin femer erscheint mir schon 
aus rein äusserlichen Gründen überflüssig, da die Krankheit ja keine 
solchen Dimensionen annimmt, dass die Unkosten einer allgemeinen 
Schutzimpfung gedeckt wären. — Wohl aber giebt es ein Mittel, das 
rasch und sicher die Heilung der erkrankten Thiere herbeiführt, nämlich 
die breite Incission und Oefi'nung der Abscesse, um dem Eiter den Ab- 
fluss zu gestatten. Dieser Schnitt kann mit jedem beliebigen Messer 
ohne Innehaltung der antiseptischen Sicherheitsmaassregeln ausgeführt 
werden. Hat der Eiter hinreichend (Gelegenheit zum Abfluss, so heilt 
die Wunde in überraschend kurzer Zeit, und das Thier ist gerettet, 
höchstens dass eine kleine Narbe zurückbleibt. Dies Verfahren ist, ge- 
gebenen Falls, um so mehr jedem Estanciero anzuraten, da es keine 
Kosten verursacht. 

Aus all' dem bis jetzt Dargelegten geht zur Evidenz hervor, dass 
zwischen Paleta-Rurü und Bubonenpest keinerlei Beziehung besteht. Nur 
die alleroberflächlichste und flüchtigste Beobachtung kann da eine Ver- 
bindung sehen. Dass zufälliger Weise bei beiden Krankheiten An- 
schwellungen gewisser Körpertheile beobachtet werden, berechtigt noch 
lange nicht, sie für identisch zu halten. 



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Die Bubonenpest am La Plata. 311 

Ein anderer Punkt, der allerdings auch den Bakteriologen etwas 
stutzig machen könnte, ist die Mischinfection. Untersucht man den aus 
einer Fistel von Paleta-Rurü heraussickernden Eiter, so findet man neben 
den Mikrobien des Paleta-Burü mit Begelmässigkeit eine andere Mikroben- 
art, die wir entschieden in die Gruppe der Bakterien der hämorrhagischen 
Septicämie rechnen müssen. Im mikroskopischen Präparat unterscheiden 
sie sich in Nichts von den Bakterien der Pest; sie sind unbeweglich, ent- 
färben sich nach Gram, auf den üblichen Nährböden finden sich keine 
Wachsthumsunterschiede u. s. w., so dass man leicht in die Versuchung 
gerathen könnte, sie für Pestbacillen zu erklären. Von diesem Stand- 
punkte aus könnte die Ansicht der verschiedenen Beobachter in Paraguay, 
dass es sich bei Paleta-Burü wirklich um Bubonenpest handelt, einige 
Wahrscheinlichkeit für sich beanspruchen. 

Dass nun Paleta-Burü als eine selbstständige Krankheit aufzufassen ist, 
geht leicht aus der Thatsache hervor, dass sich mit dem von mir ent- 
deckten Bacillus des Paleta-Burü stets diese Krankheit in anderen ge- 
sunden Thieren erzeugen lässt. Die hier in Frage kommende Ungewiss- 
heit ist nur die, ob die Thiere nicht etwa gleichzeitig an Bubonenpest 
erkrankt sein können. Dazu kann ich bemerken, dass nach meinen hier 
im Lande gemachten, immerhin doch schon recht zahlreichen Studien, 
die herrschende Stellung in der Bakterienwelt einer anderen Klasse von 
Bakterien eingeräumt werden muss als wie in Europa. Dort sind wir 
gewohnt, das Bacterium coli commune als allgegenwärtig anzutrefien, in 
Milch, im Wasser, in Zersetzungsmassen, bei den verschiedenartigsten 
Krankheiten, Abscessen, Blasenkatarrhen, sogenannten kryptogenetischen 
Septicämieen, Knochenerkrankungen u. s. w. Bei genauerem Studium hat 
man dann entdeckt, dass diese Bakterien nicht ganz einheitlich sind, 
sondern dass wir es mit einer Gruppe nächster Verwandter zu thun 
haben. Die Mehrzahl der Forscher hat diese für Europa gültigen Sätze 
einfach auch auf Amerika übertragen. Es ist jedoch durchaus nicht an- 
zunehmen, dass die Bakterienflora Europas und Amerikas identisch sei, 
und wenn auch mit der Einwanderung von Europa die europäischen 
Bakterien gleichfalls mit eingewandert sind, so haben diese doch durch 
ihre blosse Anwesenheit noch nicht die einheimischen Bakterien verdrängt. 
Die einheimische Bevölkerung ist zwar der Einwanderung erlegen, nicht 
das Gleiche gilt von den einheimischen Bakterien. Man braucht nur den 
Darminhalt eines Europäers und eines Menschen zu untersuchen, der 
lange im Lande gelebt hat, so wird man auf die bemerkenswerthesten 
Unterschiede in den Bakterienbefunden stossen. Gtenau so liegen die 
Verhältnisse bei den Gährungs- und Denitrificationsvorgängen; die Milch 
beherbergt andere Keime, in den Flüssen und Seeen tummelt sich eine 



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812 0. VoGEs: 

uns zum grossen Theil noch anbekannte Bakterienwelt. Wann werden wohl 
diese wissenschaftlichen Schätze gehoben werden? Leider fehlt es noch 
an Geld and geschulten Arbeitskräften, und es werden noch Jahre Ter- 
gehen, bis die grossen Länderstrecken so durchforscht sind wie die Bäche 
und Ströme in Deutschland, Frankreich oder Italien. Aber auch schon 
die flüchtigste Beobachtung lehrt uns, dass das Bacterium coli nicht die 
BoUe spielt wie in Europa. Es ist da und hat seine Bedeutung, kommt 
auch im Darm des Menschen vor, wird aber immer noch zu sehr über- 
schätzt. 

Weit wichtiger ist das ovolde Bacterium mit der ausgesprochenen 
Polfärbung. In jedem Wasser, in jeder Milchprobe, in der Erde, im 
Dünger, im Urin, in den Secreten, im Speichel, Eiter von Menschen und 
Vieh, in der Luft, an den Oebrauchsgegenständen, in jeder Leiche schon 
bald nach dem Tode, kurz überall ist das ovolde Bacterium. Jeder, der 
nur eine Bakterienfarbung gemacht, hat es schon unter seinen Händen 
gehabt, aber nicht ein Jeder hat den Befand richtig gedeutet. Die 
Färbung wird zu intensiv gemacht und so das Bacterium coli vorgetäuscht, 
die Entfärbung nach Gram ist beiden gemeinsam, die Prüfung der Be- 
weglichkeit wird häufig, weil umständlich, unterlassen, und ausserdem 
lernt man ja in den Lehrbüchern, dass es fast unbewegliche Coliarten 
giebt. Der Nachweis der Säurebildung ist ebenfalls zu umständlich und 
fehlt es zudem oft an den nöthigen Hülfsmitteln; den Thierversuch kann 
man erst recht nicht bei jedem Fall sofort anwenden. Es ist daher leicht 
begreiflich, dass diese beiden Bakterienspecies mit einander verwechselt 
werden konnten. 

In Bezug auf die Diagnose der Pestbacillen sind wir relativ am 
besten daran. Wir kennen die specifische Wirkung, die das Pestserum 
auf die Pestbacillen ausübt, und somit haben wir das ausschlaggebende 
Mittel in der Hand, jeden pestähnlichen Bacillus auf seine Pesteigenschaft 
hin zu prüfen. Diese Prüfung muss unter genauer Beobachtung gewisser 
Vorbedingungen vorgenommen werden, da die aus vielen Krankheitsfallen, 
einschliesslich der Pest, isolirten Bacillen oft nicht genügend virulent 
sind und so zu Scheinresultaten fuhren. Die erste Vorbedingung ist nun, 
die Virulenz durch Meerschweinchenpassagen bis zum Maximum zu steigern. 
Nebenher gehen muss zweitens die Controle mit Normalserum. Erst wenn 
eine Oese (Pfeiffer) der in Frage stehenden Cultur trotz Beigabe von 
2ccm gewöhnlichem Pferdeserum Meerschweinchen tödtet, haben wir 
genügend virulentes Material. Unter Einhaltung dieser Regeln habe ich 
dann alle bei Paleta-Rurü vorkommenden ovolden Bacillen geprüft, ohne 
dttös auch nur ein einziger derselben auf das Pestserum reagiert hätte. 
Folglich ist dadurch klar und unzweideutig bewiesen, dass die bei Paleta- 



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Die Bubonbnpest am La Plata. 813 

Burü gefandenen ovolden Bakterien nur Secandarinfectionen hervorrufen^ 
mit der menschliohen Bubonenpest durchaus nichts zu thun haben, ja 
selbst fär Paleta-Burü ohne besondere Bedeutung sind. Als Schluss- 
folgerung aus diesen Darlegungen aber ergiebt sich mit zwingender Noth- 
wendigkeit, dass hei den Rindern Sudamerikas die Bubonenpest nicht 
Yorkommt — Gleichzeitig will ich auch hier die Thatsache festlegen, dass 
der Bacillus der asiatischen Bubonenpest in Südamerika nirgends endemisch 
ist und dass die Bakterien der Krankheit vom Auslande eingeschleppt 
sind. Den Weg, den diese Finschleppung zurücklegte, habe ich ebenfalls 
feststellen können; sie erfolgt^ nämlich durch drei portugisische Heizer, die 
mit dem Dampfer Centauro von Montevideo nach Asuncion kamen. 

Auf die epidemiologischen Studien näher einzugehen, muss ich hier 
unterlassen, da dies zu weit führen würde. 

Ich gehe nun über zur Darstellung des Sitzes der Festbacillen im 
Körper der Erkrankten und Verstorbenen. 

Im Allgemeinen kann ich die Angaben früherer Beobachter über Sitz 
und Verbreitung der Pestbacillen im menschlichen Organismus nur be- 
stätigen. Bei der Bubonenform fanden wir sie im Bubo, bei der Septicämie 
im Blut und in den inneren Organen, insbesondere in der Milz und in 
den Lymphdrüsen; bei der Lungenform traten sie in der Lunge auf, sowie 
im Auswurf. Desgleichen wurden sie in den Pestpusteln der Haut ge- 
funden. Ein Fall, der von meinem Assistenten gelegentlich einer Section 
beobachtet wurde, ist besonders bemerkenswerth, insofern, als es in der 
Leber zur Bildung von zahlreichen hirsekorngrossen Eiterknötehen ge- 
kommen war, die ebenfalls eine Beincultur von Pestbacillen enthielten. 

Wenn sich somit die Angaben früherer Forscher bestätigt finden, so 
muss ich doch einer Reihe von Besonderheiten Erwähnung thun, die manche 
Abweichung und zwar recht interessanter Natur darbieten. 

Zunächst findet man in den Publicationen von Kitasato und Yersin 
den Satz, dass der Pestbacillus auffallend leicht und in allergrössten Mengen 
in dem Buboneninhalt sich nachweisen liesse. Diese Angabe kann ich 
wenigstens nicht bekräftigen, da ich bei meinen Forschungen eher zur 
gegentheiligen Ansicht kam. Ich habe den Buboneninhalt in den ver- 
schiedensten Stadien untersucht, vom ersten Stadium der entzündlichen 
Schwellung bis zur vollständigen Vereiterung und dem Stadium der Ver- 
narbung. Nur in seltenen Fällen fand ich geradezu Unmengen von Pestbacillen. 
Sehr häufig jedoch gelang es nicht, aus der durch Function gewonnenen 
Flüssigkeit der Bubonen Pestbacillen nachzuweisen, weder im directen 
mikroskopischen Präparat noch in der Cultur. Als Culturmedium hat sich 
noch als am geeignetsten Bouillon erwiesen, mit der sich bessere Resultate 
erzielen lassen, als wie mit Agar oder Oelatine. Auch in Ausstrichpräparaten 



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314 0. VoGES: 

der Ton Leicheu entnommenen Bubonen fanden sich nur selten Pestbacillen. 
In der Regel gelang der Culturnachweis nur durch Verimpfung von grösseren 
Bubonenpartikeln in Bouillon. Es ist dies, da dieser Befund sich als Kegel 
erwies, ein sehr bemerkenswerthes Resultat, wenn man die Berichte über 
die Pest bei Afrikanern und Asiaten dagegen hält Dieser Beobachtung 
ist daher entschieden einige Bedeutung beizumessen. 

Was ich soeben bei der Bubonenform der Pest bezüglich des schwierigen 
Nachweises des Vorhandenseins von Pestbacillen sagte, gilt so ziemlich auch 
bei den inneren Organen, denn auch hier ist die Bakterienvertheilung eine 
spärliche. Im Blut z. B. fanden sich die Bacillen durchaus nicht so häufig, 
wie man hätte erwarten sollen; und selbst in der Milz, wo der Nachweis 
der Pestbacillen relativ noch am leichtesten erlangt wird, war deren Anzahl 
häufig sehr gering. Es soll damit aber nicht geleugnet werden, dass es 
auch Ausnahmen giebt, wie die acutesten Fälle gezeigt haben, wo der 
ganze Körper von Pestbacillen überschwemmt war. 

Die geringe Entwickelung der Bakterien im Körper des Südamerikaners, 
die am ausgesprochensten beim Paraguayer, dem Nachkommen der Indianer, 
war, aber auch bei den Descendenten der Europäer ganz auffallend ist, 
lässt darauf schliessen, dass der Organismus des Südamerikaners nur 
wenig für die Pest disponirt ist, und dem Vordringen der Pestbakterien 
durch diesen Umstand ein energischer Wiederstand entgegentritt. Dieser 
Thatsache wird sich Niemand, der so viele einschlägige Untersuchungen 
wie ich, gemacht hat, verschliessen können. 

Es bleibt nunmehr noch übrig, nach der Ursache dieser auffallenden 
Erscheinung zu suchen. Dass diese in den hygienischen Wohnungs- 
verhältnissen zu suchen sei, ist wohl nicht anzunehmen. Die Einheimischen 
hier leben durchschnittlich in demselben Schmutz wie die Indier und 
Chinesen in Asien und die Neger in Afrika. Auch Ratten giebt es hier 
zu Lande entsetzlich viele, und ihr zahlreiches Sterben hätte die Seuche 
eher begünstigen sollen. — Wir müssen also den Grund in anderer 
Richtung suchen; ich glaube diesen auf die verschiedene Lebensweise der 
Menschen zurückfuhren zu müssen. Asiaten wie Neger sind vorzugsweise 
Pflanzenesser, Fleisch ist vielfach unbekannt oder ein nur seltener Genuss. 
Ganz im Gegentheil hierzu nährt sich der Südamerikaner fast ausschliess- 
lich von Fleisch. Seine Ernährung ist die ungleich rationellere und kräf- 
tigere; schon aus dem Grunde erscheint es durchaus nicht wunderbar» 
dass der Südamerikaner der Pest solch energischen Widerstand zu leisten 
vermag, und dass es dem Bakteriologen etwas schwer gemacht wird, beim 
Kranken den Nachweis des Vorhandenseins der Pestbacillen zu führen, oder, 
um es mit anderen Worten zu sagen, dass es dem Pestbacillus sehr schwer 
gemacht wird, im Körper des Südamerikaners festen Fuss zu fassen. 



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DiB BUBONENPEST AM La PlATA. 315 

Man könnte noch eine andere Erklärungsursache anführen, nämlich: 
die mangehide Virulenz der südamerikanischen Pestbacillen; man könnte 
etwa geltend machen, diese habe durch den weiten Weg von Asien nach 
Asuncion mit der Zwischenstation Oporto gelitten; ferner: das Klima sei 
ihrer Entwickelung im Wege; endlich: Boden- und Grundwasserverhältniss 
seien ihnen ungunstig. 

Ich glaube, dass keine dieser aufgeworfenen Einwände in Frage 
kommt. Dass die Virulenz der Pestbacillen nicht gelitten hat, beweist 
die ungeheuere Sterblichkeit der Batten in Folge der Pest. Damit ist 
zwar an sich noch nichts für die Virulenz dem Menschen gegenüber be- 
wiesen wie ich das vielfach bei den Verwandten des Pestbacillus, den 
Bakterien der hämorrhogischen Septicamie, nachweisen konnte; indess 
sprechen auch die acuten Fälle dafür, dass die Virulenz der Pestbacillen 
für den Menschen sich an sich nicht vermindert hat; doch könnte es sich 
ja in derartigen Fällen immer noch um einzelne, für die Pest dank irgend 
welcher Sonderumstände besonders empfangliche Menschen handeln. 

Aber ausser dem Argument, das die Batten liefern, kann ich noch 
einen anderen Umstand anführen dafür, dass die Virulenz des Pestbacillus 
gut erhalten ist und in Nichts von dem des indischen Verwandten variirt, 
und dieser Umstand dürfte ausschlaggebend sein. 

Schon vor dem Bekanntwerden der Gottschlich'schen Arbeit^ hatte 
mir die Erkrankung eines Mitgliedes der argentinischen Pestcommission 
Veranlassung zu eingehenderen bakteriologischen Untersuchungen gegeben. 
Der Thatbestand ist kurz gefasst folgender gewesen. Der Patient kommt 
gesund in Asuncion an, ist mit der Besichtigung der Pestfälle beschäftigt 
und klagt bereits nach drei Tagen über etwas Halsschmerzen. Eine Be- 
sichtigung der Mundhöhle ergiebt leichte Böthe der hinteren Pharynxwand. 
In dem^ davon mit sterilisirter Nadel abgekratzten Schleinoi finden sich 
P estbac illen in beträchtlichen Mengen mit allen für diese charakteristischen 
MerkmalenT Tags darauf der gleiche Befund. Erst am dritten Tage 
Stent sich lieber ein. Der Fall entwickelt sich zu einem typischen Pest- 
fall mit Bubonen, Pneumonie, Septicamie. Während der Erkranku ng 
i st täglich der Auswurf untersucht ; es finden sich in demselben massen- 
haft Pestbacillen, die sich selbst nach vier Wochen noch vorfinden, nach- 
deni der Elranke schon lange Beconvalescent war. Der Fall ist in drei- 
facher Hinsicht sehr lehrreich. Einmal ist es von Bedeutung, dass bereits 
vor dem Ausbru ch der Krankheit die Pestbacillen nachgewiesen sind. 
Dieser Befund FeThTsich analogen Befunden bei Cholera an, wömän bei 
scheinbar noch ganz Oesunden im Darminhalt Cholerabacillen gefunden 



Diese Zeitschrift. 



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81^ 0. VoGBS: 

hat, die die Ursache za dem späteren Ausbruch des Choleraanfalls bildeten. — 
Zweitens ist es von höchster Bedeutung zu wissen, dass die PestbaciUen 
sich in Einzelfallen so ausserordentlich lang in der Beconyalescenz lebendig 
erhalten können, ein Verhalten, ebenfalls ganz analog der Cholera. — 
Endlich muss uns auffallen die enorme Menge der PestbaciUen im Mund- 
schleim und im Bronchialsecret. Wenn wir bei der Cholera Ton der 
fischzugahnlichen Anordnung der CholerabaciUen in den Darmäöckchen 
sprechen, so habe ich häu% genug Oelegenheit gehabt, ähnliche Büder 
im Auswurfausstrich zu sehen. Ganz im Gegensatz zu den sonstigen 
spärlichen Befunden Ton PestbaciUen imponirt uns das geradezu massen- 
hafte Auftreten im Auswurf selbst noch beim Beconyalescenten, den die 
Menge der gebUdeten baktericiden SchutzstofTe vor einer Weiterentwickelung 
der Krankheit bewahrt haben. Die Erklärung hierfür ist aber einfach. 
Der Auswurf stellt [eine todte Materie dar, die BaciUen sind in todte 
Räume, Schleim und ZeUen, eingebettet, die dem Einfluss der Eörpersäfte 
entzogen sind. Daher wird es verständUch, dass die Gegengifte des 
Körpers hier ohnmächtig sind. Nunmehr können sich die PestbaciUen 
üppig entwickeln. Es geht daraus klar hervor, dass diese Bakterienart 
an sich nichts an ihrer Activität eingebüsst hat. Dass sie aber in Süd- 
amerika nicht die GefahrUchkeit wie in Asien und Afrika erlangen können, 
ist, wie schon angedeutet, in der grösseren Widerstandsfähigkeit seiner Be- 
wohner gegen diese BacUlen wahrscheinlich in Folge ihrer besonderen 
Lebensweise zu suchen. 

Das Ergebniss dieser Peststudien hat für den Bakteriologen vieles 
Neue zu Tage gefordert, und können die vorliegenden Versuchsresultate 
für die Art der Bekämpfung der Seuche von grosser Wichtigkeit sein. 

Viel von meinen hierbei erzielten Erfolgen verdanke ich meinem 
Lehrer, R. Koch. Dessen Choleramobilisirungsplan hat mir auch bei der 
Pest ausgezeichnete Dienste geleistet. Was bei der Uebertragung der 
Cholera die Fäces und die damit verunreinigten Gegenstände 
bewirken, verrichtet, nach meiner Ansicht wenigstens, bei der Pest 
der Auswurf. Was bedeuten die wenigen BubonenfaUe, was die Ratten 
bezügUch der Ansteckungsgefahr bei der Pest gegenüber den MiUionen 
und MiUiarden von PestbacUlen, die ein Kranker im Auswurf entleert! 
Genau so gut wie es bei der Cholera eine Infection ohne profuse Cholera- 
diarrhoe und Enteritis giebt, genau so gut finden sich in den inficirten 
Athmungsorganen des Menschen die PestbaciUen, ohne dass der Kliniker 
uns eine pneumonische Dämpfung vorzupercutiren braucht. Habe ich 
doch bei einer weiteren Anzahl von Fällen im Munde die PestbaciUen 
finden können ohne Pneumonie mit Dämpfungen. 



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Die Bubonbnpest am La Plata. 817 

Die wenig positiven Resultate, die die Bekämpfung der Pest in vielen 
Fällen aufwies, sind meines Eraohtens in erster Linie zurückzufahren auf 
die Nichtbeachtung oder ungenügende Berücksichtigung dieser Verhältnisse. 
Ging es uns im Anfang der Cholerabekämpfung doch gerade so; ihre 
Unterdrückung gelang erst dann, als die Untersuchung aller Verdächtigen 
und der Gesunden, die mit den Kranken zusammen gelebt hatten, streng 
durchgeführt wurde. Der Erfolg in Stettin und Danzig gab dafür ein 
geradezu schlagendes Beispiel. Flügge hat uns erst unlängst auf die 
Gefahr der Bakterien Verbreitung vermittelst des beim Sprechen entstehenden 
Sprühspeichels aufmerksam gemacht. Um wie viel mehr haben wir Ver- 
anlassung zu der Forderung, dass bei allen Pestquarantänepflich- 
tigen systematische Untersuchungen der Mundhöhle auf Pest- 
bacillen durchgeführt werden. Es mag immerhin sein, dass wir weniger 
Procente leicht Inficirter finden als bei Cholera; darum ist aber die Unter- 
lassung dieser Untersuchung noch keineswegs gerechtfertigt. 

Neben der systematischen Untersuchung der Quarantänepflichtigen 
muss auf der anderen Seite streng darauf gehalten werden, Niemand aus 
dem Hospital zu entiassen, der noch Pestbacillen in sich beherbergt. Eine 
genaue Durchführung dieser Vorschriften dürfte entschieden grössere Er- 
folge aufweisen als der immer noch als äusserst wichtig betrachtete 
Vemichtungskampf gegen die Hatten, die für die Hauptübelthäter bei 
der Weiterverbreitung der Pest fölschlicher Weise immer noch gehalten 
werden. Gewiss beherbergen auch diese Pestbacillen; wie wenige von 
diesen gelangen aber aus dem Körper der Batten heraus! Und wären 
die Batten wirklich so gefährliche Verbreiter der Pest, so würde bei ihrer 
ungeheueren Zahl in Asuncion von den 35000 Einwohnern keiner mehr 
am Leben sein. 

Auf einen anderen Punct möchte ich noch aufinerksam machen. Ich 
habe schon oben betont, wie schwierig die Differentialdiagnose mit anderen 
Bakterien ist. Es gehört grosse Uebung und Erfahrung dazu, den Nach- 
weis zu erbringen, dass man es mit wirklichen Pestbacillen zu thun habe. 
Ein eingehendes Studium dieser Bakterien auch in Zeiten, wo sie nicht 
auftreten, kann deshalb nicht dringend genug empfohlen werden. Ohne 
ein gut ausgebildetes bakteriologisches Personal sind derartige Unter- 
suchungsstudien eben werth- unh aussichtslos. 

Es ist selbstverständlich, dass zu den obigen, subtilen Untersuchungen 
alles heranzuziehen ist, um die Diagnose auf Pestbacillen nach jeder Bich- 
tong hin sicher stellen zu können. In zweifelhaften Fällen ist die 
Pfeiffer'sche Diagnostik inuner unerlässlich. Glaubt dann Jemand die 
Diagnose auf Bubonenpest gegebenen Falls stellen zu können, so möge 
er sich ja bewusst sein, welch ungeheure Verantwortung er damit über- 



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318 0. VoGES: 

nimint, noch weniger aber sich zu einer derartigen Erklärung verleiten 
lassen, so lange er seiner Sache nicht absolut und unumstösslich sicher 
ist. Mir wenigstens hat es grossen Kampf gekostet, ehe der Entschluss 
in mir gereift war, die in Südamerika bis dahin unbekannte Pest in 
seinem innersten Centrum als vorhanden zu erklären. 

Wenn ich nun zwar im gestsputum den gefahrlichsten und über- 
wiegendsten Verbreiter der Pest sehen möchte, so will ich damit jedoch 
nicht die Bedeutung der Ratten als Pestbacillentrager etwa als neben- 
sächlich erklären und zwar aus dem einfachen Orunde, weil auch die 
Satten sich durch das nämliche menschliche Sputum mit Pestbacillen 
inficiren, wie die Menschen selbst; die Unschädlichmachung der Ratten 
erscheint daher sehr wohl geboten. Eine andere Frage aber ist die ihrer 
Durchführbarkeit im grossem Maassstabe. Ich halte es überhaupt für 
unmöglich, die Ratten einer ganzen Stadt auszurotten. Die zahlreichen 
Mittel, die von den verschiedensten Seiten empfohlen sind, leisten gewiss 
zum grossen Theil Ausgezeichnetes, wenn es sich um die Vernichtung von 
Ratten eines einzelnen Hauses handelt. Aber nie dauert es lange, so ist 
wieder Zuzug vom Nachbarhause da, oder von benachbarten Cloaken, 
Sümpfen, Morästen u. s. w. — Einen Vemichtungskampf im Grossen 
gegen diese lästigen Nager hatte man in Kopenhag en unter Ertheilung 
von Prämien ins Werk gesetzt, dem auch wirklich 100000 Ratten erlagen; 
trotzdem glaube ich, dass bereits jetzt andere 100000 an ihre Stelle ge- 
treten sind. In Buenos Aires griff man ebenfalls zu diesem Mittel unter 
Aussetzung einer Prämie von 20 Cts. für jede Ratte, jedoch mit n^ativem 
Erfolge, da nur wenige Tausend Ratten eingeliefert wurden, eine lächerlich 
geringe Zahl in Anbetracht der gewaltigen Verbreitung der Ratten in 
dieser Stadt. 

Pictolin, Schwefel u. s. w. mögen zwar gute Erfolge bei Schiffssäuberung 
ergeben, aber darüber helfen sie wenig, in der freien Natur lassen sie uns 
im Stich. Und gerade von aussen recrutiren immer die neuen Schaaren, 
und die Vernichtung dieser beispielsweise in der Umgebung der Häfen am 
Wasser ist eine Hauptforderung. 

Die Erfolge der Löffler'schen Mäuse Vertilgung haben den Gredanken 
aufkommen lassen, auch mit Rattenseuchen zu arbeiten. Schon der Pest- 
bacillus hat dort, wo die Pest war, furchtbar unter den Ratten aufgeräumt; 
und trotzdem hat man nicht gehört, dass nun die Ratten ausgestorben 
wären. 

Die argentinische Regierung hat nun den Bacillus von Danys kommen 
lassen; von der Municipalität in Buenos Aires wurden viele Versuche damit 
angestellt, doch war der Erfolg nicht befriedigend. Wir hatten dann zu- 
fallig eine Rattensterbe im hiesigen alten Schlachthof beobachten können. 



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Die Bubonenpest am La Plata. 319 

und es gelang aus Leichen von Batten einen Bacillus zu isoliren, der wohl 
als identisch mit dem von Danys anzusehen ist. Die Versuche damit 
hatten anfanglich auch nur zweifelhafte Erfolge, was in der mangelnden 
Virulenz begründet war. Dieser Fehler ist aber leicht zu beseitigen durch 
Rattenpassagen. Zunächst intraperitonal und nachher subcutan geimpft 
erlangen die Bakterien bald eine Virulenz, durch die es gelingt, von Thier 
zu Thier ohne Zwischencultur das Virus zu übertragen. Hierauf kann man 
zu Fütterungsversuchen übergehen. Agarculturen fressen die Ratten gerne, 
die Organe der verstorbenen Ratten dagegen nur in äusserster Noth. Ist 
eine Ratte an der gefressenen Cultur zu Grunde gegangen, dann werden 
aus ihr neue Culturen angelegt, eine mit Organen gefüttert, und eine 
andere mit der neuen Cultur. So wird der Virus fortgezüchtet, wobei 
immer das Bestreben obwalten muss, die Cultur möglichst auszuschalten. 
Nach einer Anzahl von Fütterungspassagen sterben die weissen Ratten 
jedes Mal bereits nach einigen Tagen; hier ist die Virulenz maximal und 
lässt sich auch unbegrenzte Zeit auf derselben Höhe erhalten. Nach dem 
Unterlassen der Passagen aber nimmt sie schnell wieder ab. Das auf 
diesem Wege gewonnene Virus ist im Stande, auch weisse Mäuse zu tödten 
(durch die Unvorsichtigkeit eines Angestellten ist uns damit die ganze 
Zucht an weisen Mäusen, die wir im Laboratorium hatten, eingegangen). 
Auch die gewöhnlichen Mäuse und Ratten verenden daran, jedoch nicht 
in jedem Fall. Nun habe ich späterbin Passagen auch durch graue Ratten 
gemacht und dadurch in der That einen Virus von maximalster Virulenz 
erzielt, mit dem man sicher die Ratten ausrotten kann. Von diesem 
Virus wurden einige Tausend von Litern durch das mir unterstehende 
Laboratorium hergestellt und vertheilt', und hat der gewünschte Erfolg 
sich überall eingestellt, was sich, abgesehen von persönlichen Nach- 
forschungen und Mittheilungen auch schon daraus ersehen lässt, dass 
eine so beträchtliche Nachfrage sich zeigte und noch besteht. 

Mit einem derartig präparirten Impfstoff wird es sicher gelingen, der 
Ratten Herr zu werden, und darf ich wohl auf Grund unserer zahlreichen 
Versuche mit Bestimmtheit behaupten, dass dies die bis zur Stunde nach- 
gewiesen beste Methode der Rattenvertilgung ist. Aber wie ich schon 
oben betonte, lässt sich das Mittel immer nur auf einem eng begrenzten 
Raum, einzelne Häusercomplexe u. s. w. anwenden, und ich glaube, es 
gehört zu den Unmöglichkeiten, eine Stadt von der Ausdehnung wie Buenos 
Aires rattenfrei zu machen. — Meiner Ansicht nach ist es ungleich aus- 
sichtsreicher, zu verhindern, dass die Ratten zum Pestbacillus gelangen; 
dann werden sie auch weniger gefährlich sein. 

Allerdings hat auch dieses Vertilgungsmittel der Ratten seine Schatten- 
seite und zwar bei einer Epidemie. Der Laie weiss nämlich nie, ob die 



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320 0. VoGBS: 

Thiere am Batten-Yirus oder bereits an der Pest zu Oronde gehen. Nicht 
einmal bakteriologisch lässt sich das sofort feststellen. Denn beide Bakterien 
sehen sich äusserst ähnlich, nur durch das Bewegungsvermögen unter- 
scheidet sich der Battenbacillus unzweideutig vom Pestbacillus. Dr. Eolle 
hat in der Zeitschrift für Hygiene über Versuche mit dem Virus Danysz 
berichtet, er ist dabei zu wenig befriedigenden Resultaten gekommen. Ich 
möchte, um meine entgegengesetzten guten B,esultate erklärlich zu machen, 
hier ganz besonders betonen, dass Eolle nur im Laboratorium gearbeitet 
hat, meine Versuche aber lOOOfach in der Praxis gemacht sind. Es hat 
sich dabei mit Sicherheit ergeben, dass die Ratten verschwinden und mochte 
ich betonen, dass in den Laboratoriumsversuchen ein Factor ganz ausser 
Acht gelassen ist. „Die Ratten verlassen das sinkende Schiff*^ ist ein 
Sprüchwort, was ganz gewiss seine Berechtigung hat. Die Ratte ist ein 
äusserst intelligentes Thier und steht es bestimmt fest, dass die Thiere 
sich verziehen, wenn ihnen Gefahren drohen und so auch beim Vernichten 
derselben mit Rattenbacillen. Wenn erst einige Thiere todt sind, ist es 
ganz sicher, dass sie sich verziehen und es vergehen Wochen, bis sie 
wiederkommen. Diese Thatsachen spielen in der Praxis eine äusserst 
wichtige Rolle und soll man stets im Auge behalten. Auch hier ist die 
Praxis anders, als das Experiment ini Laboratorium. 

Zum Schluss muss ich noch einige Daten über die Massnahmen mit- 
theilen, die für den persönlichen Schutz ergriffen wurden. 

Bei den engen Beziehungen, die zwischen Argentinien und Paris 
herrschen, war die Benutzung des Pariser Pestserums etwas Selbstverständ- 
liches. Leider bereitete es uns grosse Enttäuschungen. In Asuncion stand 
uns ein kleineres Quantum von diesem Serum zu Gebote, seine Anwendung 
bei den Kranken liess aber keinerlei Erfolg wahrnehmen; als prophylactioum 
war es vollends von nachtheiliger Wirkung. In einem Falle vermochte 
es nicht einmal einen Impfschutz von 3 Tagen zu erzielen, in welchem 
Falle zudem ganzlich die Möglichkeit ausgeschlossen war, dass der be- 
treffende Patient zur Zeit der Schutzimpfung bereits infioirt war. In 
einem anderen Falle erzeugte diese Impfung Fieber von 40^, verbunden 
mit entsetzlichen Schmerzen, Anschwellung aller Glieder und Exanthem 
über dem ganzen Körper, ein Zustand, der längere Zeit anhielt In einem 
weiteren Fall kam es sogar in Folge der Serumimpfung zu einem ausge- 
sprochenen Bubo in der Seitenbeuge. Eine Erklärung dieser schrecklichen 
Wirkungen finde ich nur in der Annahme,' dass das verwendete Blut von 
den Pferden zu frühzeitig abgenommen wurde, d. h. zu einem Zeitpunkte, 
in dem die Toxine noch nicht vollkommen ausgeschieden waren und sich 
die Immunkörper noch nicht hinreichend gebildet hatten. Eine andere 
Erklärung ist wohl kaum möglich. Doch wird dieser Fall leicht begreiflich, 



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Die Bübonbnpbst am La Plata. 82 t 

w^nn man berücksichtigt, dass damals die ganze Welt Pestserum yer^ 
langte, und die Productionsstatte hinwiederum gerne allen Forderungen 
entsprechen wollte. Bei der in Deutschland angenommenen Controle 
Seitens des Staates hatte dies allerdings kaum vorkommen können. 

Ich will an dieser Stelle bemerken, dass, wohl in Folge meiner Be- 
schwerden, späterhin ein Serum geliefert wurde, das entschieden bessere 
Erfolge aufwies. Immerhin muss aber noch daraufhingearbeitet werden, 
die Immunstoffe des Serums mehr zu concentriren; denn erst Dosen von 
100 bis 160^ und noch dazu intravenös eingeimpft, Hessen deutlich 
sichtbare Erfolge erkennen. 



Nachtrag. 

Wie vorauszusetzen war, kam die Pest auch nach Argentinien, wo 
die Regierung alles dagegen that, was in ihren Kräften stand; und es 
gelang ihr so, das Land wieder seuchenfrei zu machen, allerdings unter 
Aufwand von V2 Million Pesos. 

Im Jahre 1899 sind laut Jahresbericht der Gesundheitsbehörden in 
Argentinien folgende Fälle von Pest beobachtet worden: 
Asuncion (Paraguay) . . . .145 
Kosario de la Santa F^ . . . 109 

Buenos Aires 118 

372 

Es mögen zwar immerhin einzelne Fälle verheimlicht worden sein, 
im Allgemeinen dürften diese Daten aber doch stimmen. 

Im folgenden Jahre sind noch Fälle in Buenos Aires, Bosario, San 
Nicolas, Belle YUle und Cordoba u. s. w. beobachtet; eine genaue Statistik 
darüber liegt noch nicht vor, keinen Falls aber ist eine hohe Ziffer er- 
reicht worden. 

Erwähnt mag femer noch werden, dass die Krankheit mit Vorliebe 
Oetreidespeicher und Mühlen befiel, was sich aus der Bolle, die die Batten 
bei Verbreitung dieser Seuche inne haben, leicht erklären lässt. 

In der Desinfectionstechnik wurde auf meine Veranlassung hin an 
Stelle der vordem angewandten Schwefelräucherung die Desinfection mit 
Formaldehyddampf in Anwendung gebracht, die befriedigende Besultate 
ergab. 

Sobald die ersten Pestfalle in Bosario und Buenos Aires auftraten, 
fing ich an, das Haffkine'sche Vaccin nach der von Pfeiffer und 
EoUe angegebenen Modification darzustellen. Ihre praktische Anwendung 
scheiterte Anfangs an dem Misstrauen der Aerzte und Laien gegen die 
Ungeföhrlichkeit derselben. Nachdem aber dieser Bann gebrochen war, 

ZeitMhr. f. Hygiene. XXXIX 21 



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322 0. VoGBs: Die Bubonenpbst am La Plata. 

wurde dasselbe immer wieder zur Anwendung gebracht bei allen Personen, 
ilie sich freiwillig impfen Hessen, und zwangsweise bei solchen, die mit 
Pestkranken in Berührung gekommen waren. Bei all diesen Geimpften 
wurde, soviel mir bekannt, nachher kein Pest&ll beobachtet, während bei 
anderen Quarantänepflichtigen, die, sei es durch Zufall oder in Folge 
«nderer Umstände nicht geimpft worden waren, immer noch das Auftreten 
einzelner Neuerkrankungen constatirt werden konnte. 

Ich kann daher, zumal da die Impfung durchaus ohne Beschwerden 
ertragen wird, wirklich nichts Nachtheiliges gegen diese Methode vorbringen; 
soweit man einen Erfolg erwarten konnte, trat er offenkundig ein, so dass 
also kein Grund vorliegt, die Impfungen zu unterlassen. Hierorts wird 
man nach diesen Erfahrungen unverzüglich an die Ausführung derselben 
herantreten, sobald die ernste Nothwendigkeit dies erheischen sollte. 

Ein definitives Urtheil jedoch dürfte in Anbetracht des immerhin 
noch zu geringen Materials als verfrüht erscheinen. 

Officiell zwar ist die Pest in Südamerika verschwunden; aber erst 
kürzlich wurde durch die Tagespresse das Auftreten vereinzelter Fälle von 
Bubonenpest sowohl in Bio de Janeiro wie in Asuncion gemeldet Ob 
sie noch weiterhin sich ausbreiten wird, vermag Niemand zu sagen; aus- 
geschlossen leider ist dies keineswegs. 



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Das Mal de Caderas. 

Von 
O. Voges, 

BotoM Airtfl. 



(Hlersi Taf. T.) 



Unter dem Namen Mal des Caderas yersteht der Südamerikaner eine 
bei Pferden beobachtete Krankheit, welohe der Laie nach dem Haupt- 
symptom der Paraplegie der Hüften Mal de Caderas, Erkrankung der 
Hüften, benannt hat Es ist das eine ziemlich willkürliche Bezeichnung, 
da sie nur das Auftreten eines einzigen gesonderten Erankheitssjmptoms 
betont, welches noch dazu nicht einmal constant ist, und hat diese Be- 
nennung sogar Veranlassung zu einem bedenklichen thierärztlichen 
Irrthum geführt, wobei von dieser Seite alle nicht mit Hüftlähmung yer- 
bundenen Krankheitsfälle als Anämie der Pferde aufgeführt wurden. 
Trotzdem nun aber der Name nicht eigentlich das Wesen der Krankheit 
ausdrückt, halte ich es doch für nicht richtig, ihn zu wechseln, da jeder 
Laie weiss, was man mit dieser Bezeichnung sagen will, jede neue auf 
wissenschaftliche Beurtheilung sich stützende Benennung aber höchstens 
erst nach Jahren sich Bahn brechen würde. Ich ziehe es aus diesem 
Grunde vor, bei der alten Benennung Mal de Caderas zu bleiben. 

Sehen wir nun einmal zu, was es für eine Krankheit ist. 

In den folgenden Zeilen werde ich zunächst auf die geographische 
Verbreitung, dann auf die historische Entwickelung eingehen, weiterhin 
interessiren uns die klinischen und pathologisch-anatomischen Beob- 
achtungen. Daran muss ich Bemerkungen über die Epidemiologie knüpfen, 
über Morbilität, Mortalität, sowie zeitliche und örtliche Einflüsse, die bei 
der Krankheit beobachtet werden müssen. Dann werde ich die Aetiologie 

21* 



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324 ' 0. VoGBs: 

der Krankheit besprechen, den Nachweis des Erregers derselben , seine 
Stellung in der Reihe der Krankheitserreger, seine Infectiosität für Pferde 
und andere Thiere. Endlich muss ich über Versuche berichten, die ich 
angestellt habe, um die Krankheit epidemiologisch zu bekämpfen oder 
therapeutisch zu beeinflussen. 

Ich beginne diese Studien nicht, ohne die Arbeiten meiner Vorgänger 
zu nennen. In der neuesten Auflage vonFriedberger-Fröhner findet 
sich auf S. 737 eine ganz kurze Mittheilung über Cadeiras-Krankheit. 
„Unter diesem Namen hat Rebourgeon^ eine Pferdekrankheit in den 
äquatorialen Provinzen Brasiliens beschrieben, welche mit Steifigkeit im 
Hintertheil, Petechien in den Conjunctiven, Trismus, gesteigerter Reflex- 
erregbarkeit u. s. w. verlaufen soll. Bei der Section findet man die 
Psoasmuskeln wie gekocht, die Pia mater serös infiltrirt Das Wesen der 
Krankheit ist bisher nicht genauer erforscht.^^ 

Unter dem Titel „El Mal de Caderas, contribuciön al estudio de 
esta enfermedad", veröffentlichte im Jahre 1899 der argentinische Thier- 
arzt M. Lecler seine im Auftrage des Landwirthschaftsministeriums an- 
gestellten Studien und Experimente. 

Er bespricht in der Arbeit die allgemeinen Charakteristica der Krank- 
heit, das klinische Bild der natürlichen Krankheit beim Pferd, die haupt- 
sächlichsten Läsionen, die Resultate seiner experimentellen bakteriologischen 
Forschungen. Man kann diese Arbeit als eine bedeutungsvolle bezeichnen, 
insofern £ds sie nur über die mannigfachsten klinischen pathologisch-ana- 
tomischen und epidemiologischen Fragen Aufschluss giebt. In ätio- 
logischer Beziehung ist dem Verfasser leider ein Irrthum untergelaufen, 
da er ein in die Gruppe der Coli-Bakterien fallendes Mikrobium als 
Ursache des Mal de Caderas annimmt, während wir noch kennen lernen 
werden, dass dieser Bacillus nichts mit dem Wesen der Krankheit zu 
thun hat. Im Laufe der Arbeit werde ich noch auf die Studien Lecler's 
wiederholt zurückkommen müssen. 

Bei meinem Eintritt in meine jetzige Stellung als Chef des bakterio- 
logischen Instituts der National-Regierung Buenos Aires fand ich die von 
meinem Vorgänger Dr. Malbran im Verein mit dessen Assistenten, dem 
Thierarzt Zabala, begonnenen Studien über Mal de Caderas vor. Die 
Resultate dieser Studien sind bis heute nicht veröffentlicht. Als wesent- 
lichsten Fortschritt konnte ich aber anerkennen, dass man die Krankheit 
mittels Blut eines kranken Thieres auf gesunde Pferde u. s. w. über- 
tragen konnte. Das Wichtigste, der Erreger der Krankheit, war nicht 
gefunden. Ich habe diese Studien seither weiter fortgeführt und unter- 



* Reeueü v6t, 1889. (Original war mir nicht zugänglich.) 



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Das Mal de Cadebas. 325 

lasse nicht zu betonen, dass mein Assistent Zabala mich dabei fleissig 
unterstützt hat 

Von dem Besaltat meiner Stadien wurde meine vorgesetzte Behörde 
immer doroh Spezialbericbte in Kenntnis gesetzt 

Unabhängig von diesen Studien, die ich hier f&r den deutschen Leser 
im Zusammenhang mittheile, ist in jüngster Zeit in den Anales de la 
sociedad rural argentina 30 de Junio de 1901 eine kurze Mittheilung von 
Dr. M. Elmassian, dem vom Institut Pasteur nach Paraguay berufenen 
Bakteriologen, erschienen, die in kurzen Zügen einige klinische Daten 
giebt, aber dadurch bedeutungsvoll ist, dass Elmassian den Erreger 
der Krankheit gesehen hat und ihn mikroskopisch beschreibt. Die 
Eesultate desselben decken sich absolut mit den meinigen. Er ist unab- 
hängig von mir zu dem gleichen Resultat gekommen, wodurch die Richtig- 
keit meiner Auffassung nur eine Kräftigung erfahren muss. 

So weit die einschlägige Litterator, ob noch anderweitige Arbeiten 
vorliegen, ist mir nicht bekannt geworden. 

Unter Zugrundelegung der Studien der oben erwähnten Forscher, 
sowie auf Orund meiner eigenen vielfachen Nachforschungen komme ich 
zunächst nunmehr auf die geographische Ausbreitung der Seuche zu 
sprechen. Die Krankheit umgreift die centralen Theile Südamerikas. In 
der Republik Argentinien begegnen wir ihr im nördlichen Theil der 
Provinz St. F6, in der Provinz Corrientes in den Territorien Pormosa und 
Misiones. Sie- dehnt sich dann in dem ganzen unter dem Namen Gran 
chaco bekannten Gebiet aus, soweit dort Pferde vorkommen. Ebenso 
begegnen wir ihr im Norden der Republik Uruguay. Sie ist zu Hause 
in den verschiedensten Theilen von Paraguay. Nach Lecler kommt sie 
auch in den argentinischen Provinzen Yujuy, Santiago del Estero und 
Tncuman vor. Ueber die ersten beiden Provinzen liegen mir keinerlei 
persönlichenErfahrungen vor, allein in Tucuman habe ich an Ort und 
Stelle selbst viele Nachforschungen angestellt, die ergeben haben, dass 
die Seuche dort unbekannt ist Ich weiss daher nicht, worauf Lecler 
seine g^ntheiligen Angaben stützt — Nach anderen Nachforschungen 
soll das Mal de Caderas auch im Norden von Chile vorkommen, auch 
darüber sind die Nachrichten nicht sicher genug verbürgt. Nach Norden 
zu begegnen wir der Krankheit in ganz Bolivien, und greift sie über auf 
das Gebiet von Brasilien nach dem Matto-Grosso. 

In all den genannten Ländern giebt es weite Länderstrecken, in 
denen die Seuche nicht auftritt, daneben giebt es aber grosse Distrikte, 
in denen die Seuche so 'heftig grassirt, dass das Halten von Pferden 
geschweige denn die Aufzucht derselben zur Unmöglichkeit geworden ist. 
So berichtet der Naturforscher Anisits in Asuncion, dass er bei seinen 



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826 0. YooBfi: 

Durchquerungen der innersten Theile des centralen Södamerikas häufig 
in Gegenden kam, in denen die Leute auf Oobsen reiten, weil die Pferde 
allesammt dahinsterben, ein Nothbehelf, zu dem der pferdeliebende Oauoho 
gewiss nur in äusserster Verlegenheit greifen konnte. So wird es ver- 
st&ndliohi dass in diesen Gegenden die Bindviehzucht aufjs^feben werden 
konnte, weil es an Pferden mangelte, um die grossen halbwilden Heerden 
zusammenzuhalten. 

Wie weit diese Seuche nach dem Norden hinaufreicht, konnte ich bei 
jedem Mangel an Verbindungen nicht feststellen. 

Wenn ich nun auf die historische Entwickelung der Krankheit über- 
gehe, so können wir wohl annehmen, dass diese Krankheit von jeher in 
Amerika heimisch war. 

Eine genauere Angabe finde ich in der Schrift von Dr. J. B. de 
Lacerda: 0. Microbio do Ben beri Bio de Janeiro 1887. Der Autor 
widmet dem Mal de Caderas mehrere Capitel, in dem er die Frage ven- 
ülirt, ob diese Krankheit mit dem Beriberi identisch sei. Er erhielt 
Organe aus bem Matto-Grosso, züchtete daraus einen Bacillus, der gewiss 
nicht die Ursache der Krankheit ist, ein Irrthum, der entsdiuldbar ist^ 
wenn man die weite Beise berücksichtigt, die diese Organe machen 
mussten, in welcher Zeitdauer der Erreger der Krankheit längst abgestorben 
war. Die Mittheilungen Lacerda' s bieten aber ein statistisches Interesse 
insofern, als er erwähnt» dass der Züchter Luiz Calandrini aus Marajö 
im Matto-Grosso bereits am 16. Juli 1863 im Diario do Gram Parä eine 
sorgsame Beschreibung der Krankheit giebt, nachdem er bereits 1842 an die 
Veterinärschule zu Lissabon und Alfort, und 1862 auch nach Wien und 
Berlin Mittheilungen geschickt hatte. Damit ist bewiesen, dass die 
Krankheit schon sehr lange bekannt war, aber man hat ihr in Europa 
nicht die nöthige Beachtung geschenkt. 

Klinische Beobachtungen. 

Ueber eigene Beobachtungen von Spontanausbrüchen der Kranklieit 
in den verseuchten Ländern verfüge ich nidit Das Material, mit dem 
meine Studien angestellt sind, stammt von einem Pferde, welches vor 
einigen Jahren von einem argentinischen Arzte von dem argentinischen 
Departement Formosa nach dem hiesigen Laboratorium gebracht war. 
Uۀ>er die Fortpflanzung dieses Virus w^e ich noch unten berichten. 
Dadurch, dass ich aber Gelegenheit gehabt habe, mit vielen Leuten, die 
die Seuche genau kennen, wie z. B. Dr. Kammerich, Anisits u. a. nu 
zu sprechen und ihre Ansichten zu sammeln, und dadimsh, dass ich damit 



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Das Mal de Gaderas. 827 

das vergldehen konnte , was in den oben erwähnten Abhandlangeo sowie 
in Berichten der Tagespresse erschienen ist, ist es aber nicht möglich, 
sich ein genaueres Bild der Krankheit su machen. Aus all den Beob- 
achtungen geht übereinstimmend hervor, dass das Vorhandensein der 
Krankheit und die Diagnose derselben erst im spätesten Verlauf gestellt 
wird, wenn erst der ganze Sjmptomencomplex das klinische Bild fertig dar- 
bietet. Nach Ansicht der Laien dauert die Krankheit wenige Tage oder 
wenige Wochen, geht man den Sachen aber auf den Grund, so kcnnmen 
wir zu ganz anderem Ergebniss. Da das Bild der künstlich reprodudrten 
Krankheit in seinen letzten Stadien vollkommen dem Bild der spontanen 
Krankheit entspricht, erscheint es weit zweckmässiger, die allmähliche 
Entwickelung von ihren Anfängen an zu verfolgen. 

Nachdem die Infecüon erfolgt ist, beobachtet man in den ersten 
Tagen nach derselben nichts. War das Infecüousmaterial (Blut eines 
kranken Pferdes) steril, d. h. bakterienfrei, so trat nicht einmal nach in- 
travenösen Injectionen von 5 bis 20 <^ Blut eine fieberhafte Reaction auf. 
In d^ Begel trat aber nach derartig hohen Dosen am 4. bis 5. Tage 
nach der Infection ein Fieber ein, welches am Abend des 4. bis 5. Tages 
allmählich von Stunde zu Stunde ansteigt, um entweder am folgenden 
Morgen etwas zu remittieren oder aber ohne Unterbrechung bis auf 
40 bis 41 ® C. sich zu erheben. Im Laufe des folgenden Tages fällt die 
Temperatur allmählich bis zur Norm oder fast zur Norm und erreicht in 
der Begel am 2. Tage ihren tiefsten Stand. Nun sehen wir die Tem- 
peratur abermals Tag für Tag emporklettern, um nach 5 Tagen wiederum 
über 40® C. emp(»:zu8chndlen. Dieses Spiel der Temperaturen wiederholt 
sich 2, 4 ja 6 bis 8 und mehr Male. Zwischen den Gipfelpunkten zweier 
Temperaturzacken liegt immer ein Zeitraum, der zwischen 8 bis 6 Tagen 
(als Norm) schwanken kann. Ich will dieses somit schon gut chaiak- 
terisierte Stadium als erstes Stadium der Krankheit bezeichnen. Sehen 
wir uns, bevor ich die Temperaturbewegungen des zweiten Actes des 
langen Dramas, denn dass ist es in der That, bespreche, nach weiteren 
Erscheinungen um. Das ganze Krankheitsstadium entgeht in der Begel 
dem Laien vollkommen. Das Körpergewicht der Thiere nimmt nicht oder 
höchstens ganz unwesentlich ab. Ja, wir verfügen über Fälle, wo dasselbe, 
wenn die Thiere nicht mehr arbeiteten und gutes Eutter bekamen, sogar 
nicht unbedeutend anstieg. Puls und Athmung sind normal, höchstens 
in der Acme des Fiebers ^n wenig firequenter. 

Der Appetit ist ebenfalls kdneswegs gestört, nur der aufmerksamste 
Beobachter bemerkt eine Verminderung am Abend wo das hohe Fieber 
besteht. Ein Symptom welches allmählich auffällt, ist das gesteigerte 
Durstgefühl. Ausgeprägt ist dieses aber keineswegs bereits in den An- 



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328 0. VoGES: 

fangsstadien, es entwickelt sich erst ganz allmählich und ist haupteächlich 
von Wichtigkeit im zweiten Stadium. 

Der Eoth, ist in der Begel normal, dagegen findet man in einzelnen 
aber immerhin seltenen Fällen eine Beimischung yon Blutcoagula, das 
aber schon nach einmaligem Erscheinen verschwinden kann. Der Urin 
bietet vielfache Abweichungen von der Norm dar. Wir sehen ihn nach 
Auftreten einer Fieberattaque plötzlich dnnkelroth blutfarbig, das rührt 
her vom Blutfarbstoff, dem oft; massenhaft aufgelösten Hämoglobin der 
rothen Blutkörperchen. Diese Hämoglobinurie ist aber vorübergehend, 
häufig nach einem Tage schon verschwunden; sie kann später wieder- 
kehren. Im Ganzen ist ihr Auftreten aber nur sehr selten. Es giebt 
Fälle, in denen überhaupt nie während des ganzen Erankheitsverlaufes 
Hämoglobinurie auftritt Bei Pferden, die im Camp laufen, ent^geht 
diese Erscheinung in der Regel der Beobachtung gänzlich. Man beobachtet 
aber bald nach Einsetzen des ersten Fiebers das Auftreten von rothen 
Blutkörperchen im Harn, die fast constant, manchmal sehr reichlich, an 
anderen Tagen weniger zahlreich vorkommen. Das Bewegungsvermögen 
der kranken Thiere hat Anfangs keineswegs gelitten. Erst gegen Ende 
der ersten Periode macht sich eine gewisse Schwäche geltend. Man kann 
die Thiere fahren und auch beim Reiten gewahrt man nicht, dass sie 
krank werden, höchstens dass man das Gefühl hat, dass die Thiere etwas 
weniger lebhaft unter dem Sattel sind und manchmal träger erscheinen. 

Die geistigen Functionen des Thieres haben in keiner Weise gelitten. 
Gehör und Gesicht sind normal. 

Dar Haar bleibt glatt und glänzend, und trifft die Erkrankung in die 
Zeit des Haarwechsels, geht dieser ebenfalls ganz normal vor sich, ohne 
dass das Gleichgewicht des Lebens dadurch irgendwie erheblich beeinflusst 
würde. 

Alle Reflexe sind wohl erhalten und erfolgen der Norm entsprechend. 

So weit über die klinischen Thatsachen, die sich während der ersten 
Periode der Krankheit abspielen. Beherrschend ist der intermittirende 
Fieberverlauf, dem gegenüber alle übrigen Symptome in den Hintergrund 
treten. Es wird darum verständlich, warum dem Laien meist die Er- 
kennung der Krankheit entgeht, die aber für den aufmerksamen Beobachter 
keineswegs schwierig zu erkennen ist. 

Der Uebergang in das zweite Stadium der Krankheit ist ein ganz 
allmählicher. Auch hier ist das Fieber bestimmend. Der intermittirende 
Charakter desselben verwischt sich, je näher wir uns dem Ende der Krank- 
heit nähern, immer mehr. Die Exacerbationen erreichen nicht mehr 
solche Höhe, ein Anstieg auf 40 ^ und 41 ^ C. gehört zu den Ausnahmen, 
ja Seltenheiten. Noch bemerkenswerter sind die Remissionen, diese sind 



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Das Mal de Cadebaö. 329 

ebenfalls weniger ausgesprochen, wie im Beginn. Nur äusserst selten 
bleibt die Morgentemperatur, wie es doch die Norm anzeigt, unter 88^. 
Erst kurz vor dem Tode ändert sich dieses. Im Grossen und Ganzen 
schwankt die Temperatur zwischen 38 '5^ bis 89.8^ C. Unter Berück- 
sichtigung der Ursache dieser Krankheit, auf die wir noch zu sprechen 
konunen, hätte man erwarten sollen, dass in der zweiten Hälfte der Krank- 
heit die Temperatur gleich hohe oder womöglich noch höhere Anstiege 
aufwiese, da das den natürlichen Heilungsmodus darwiese. Das gerade 
Gegentheil muss auffallen und bedarf der Erklärung, die meines Er- 
achtens nach nur darin gefunden werden kann, dass die Wiederstandskräfte 
des kranken Thieres so weit herabgesetzt sind und täglich mehr herab- 
gesetzt werden, dass es sich nicht mehr zu einer energischen Gegenreaction 
aufzuraffen vermag. Bei sorgsamer Beobachtung sieht man das auch dem 
Thiere äusserlich an. Die Thiere werden energielos, gleichgültig gegen 
das, was in ihrer Umgebung vorgeht. Sie lassen den Kopf nachlässig 
herunterhängen, die ganze Haltung des Körpers hat die Spannung ver- 
loren und wird zunehmend schlaffer. Auf Anrufen reagiren die kranken Thiere 
nur langsam und selbst die bösartigsten und wildesten Pferde schlagen 
und beissen nicht mehr. Zu diesem Zustande trägt auch wohl die pro- 
gressive Abmagerung bei, die bis zum Tode 100 Kilo und mehr betragen 
kann, obwohl das Thier immer normal frisst, wenigstens bis auf die letzten 
Tage. Diese Abmagerung lässt sich selbst durch reichliches und bestes 
Kraftfutter nicht aufhalten. Das stark vermehrte Durstgefühl, welches 
wir schon im ersten Stadium beobachteten, hält auch jetzt noch an und 
ist häufig noch bedeutend vermehrt. 

Proportional der zunehmenden allgemeinen Körperschwäche sehen 
wir eine langsam auftretende, aber bis zum Ende des Lebens zunehmende 
Herzschwäche. Der Herzmuskel vermag die ihm obliegende Blutbewegung 
nicht mehr zu bewältigen, und kommt es zu Stauungen und damit zu 
Oedemen. Diese nehmen an den Beinen, besonders den Hinterbeinen, 
manchmal ganz gewaltige Dimensionen an, wie bei Elephantiasis. Aber 
auch unter dem Bauch treten bedeutende Oedeme auf, bei Wallachen und 
Hengsten auch in der Harnröhre und dem Hamröhrenschlauch sowie dem 
Scrotum. Man kann in der Regel das Auftreten von Oedemen als den 
Anfang vom Ende bezeichnen. 

Das Haar verliert allmählich seinen Glanz und legt sich weniger 
glatt an. 

Die Sensibilität ist in vielen Fällen derart herabgesetzt, dass sich 
ganze Fliegenscharen ungestraft auf dem Thier aufhalten können, ohne 
dass das Thier auch nur einen Versuch macht, siQ abzuschütteln oder 



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830 0. VoGBs: 

mit den Beinen nach denselben zn schlagen. Auch die Reaction auf 
Nadelstiche ist bedeutend herabgesetzt. 

Es giebt jedoch, wenn man viele Thiere beobachtet^ eine ganze Bdhe 
von Thieren, bei denen bis zuletzt die Beflexerregbarkeit nur unbedeutend 
oder fast gar nicht gelitten hat, so dass dieses Symptom kein oonstantes 
genannt werden kann. 

Die Respirationsorgane nehmen keinen wesenüichen Antheil an der 
Erkrankung, ebenso wenig scheint die Verdauung gestört, denn die Roth* 
bildung geht normal vor sich, so dass selbst Maiskörner gut verdaut 
werden. 

'Wenn wir im ersten Stadium der Krankheit die Hämoglobinurie 
auftreten sahen, so ist diese im zweiten Stadium nicht vorhanden oder 
doch höchst selten. Dagegen fehlen die rothen Blutkörperchen im Harne 
selten oder nie. In Folge der reichlichen Wasseraufnahme ist die Urin- 
menge vermehrt und uriniren die Thiere häufiger. 

DafQr, dass die kranken Thiere besondere Schmerzen litten, haben 
wir keinerlei Anhaltspunkte gewinnen können. 

In einer Reihe von Fällen bietet der Ghtng ganz bemerkenswerthe 
Abweichungen von der Norm. In Folge der Schwäche schleppen sich die 
Thiere nur langsam vorwärts. In einzelnen Fällen, es bildet das aber 
durchaus nicht die Regel, gleicht der Oang vollständig dem eines gänzlich 
betrunkenen Menschen, die Thiere taumeln und verlieren das Oleichgewicht, 
schwanken derartig hin und her, dass sie jeden Augenblick umzuMen 
drohen und auch thatsächlich umfallen. Es fallt den Pferden dann oft 
schwer, sich wieder zu erheben, und bei den vergeblichen Anstrengungen 
dazu ermatten sie derart, dass sie in 24 Stunden sterben. Zieht man 
dagegen die Vorderbeine nach vom und hilft durch Ziehen am Schwanz 
nach, so erheben sie sich und können oft noch 8 bis 14 Tage und länger 
leben. Beim liegenden Thier tritt natürlich bald Decubitus ein, wodurch 
die Situation derartig complicirt wird, dass das Ende beschleunigt wird. 
Diese Phänomene sind aber keineswegs charakteristisch für alle Thiere. 
Es giebt genug Thiere, die bis zum letzten Moment ruhig gehen und 
stehen, erst zuletzt umfollen und dann gleich sterben. Die Missachtung 
dieser Verhältnisse hat thierärztlicherseits zu dem verhängnissvollen Irrthom 
geführt, dass diese Fälle nicht für Mal de Caderas gehalten sind, sondern 
als Anaemia gravis angesprochen wurden. Der ganze Symptomencomplex, 
den wir bei längerer Beobachtung bemerken, sowie vor Allem der bei 
diesen Thieren zu findende Erreger schliessen jeden Zweifel aus, dass auch 
diese Krankheitsfälle als Mal de Caderas zu diagnosticiren »nd. 

Vor dem Eintritt des Todes zeigt die Temperatur ganz ausserordent- 
liche Schwankungen. In einzelnen Fällen können die Temperatar- 



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Das Mal de Caderas. 331 

bewegungen Tom Morgen bis zum Abend zwischen 84 bis 39^ betragen. 
Die Cnrve wird so zackig wie die aasgesprochenste Sepsiscnrre. In an- 
deren Fällen sehen wir wieder die Temperatnr lytiseh abfallen von 39 
aof 36 bis 84®, wo dann der Tod eintritt, selten ist, dass der Tod auf 
der Höhe eines Fiebers eintritt. 

Die ganze Ejrankheitsdauer nmfasst verschieden lange Zeiträume, 
welche bedingt sind durch die verschiedene Widerstandsfähigkeit der Thiere. 
Unser Material bestand zumeist aus ausrangirten Polizeipferden, die meist 
ein zweifelhaft hohes Alter hatten, ausgesprochene Arteriosclerose zeigten, 
lahm und entsetzlich abgemagert waren. Da haben wir Fälle gehabt, wo 
nach 14 Tagen schon der Tod eintrat In anderen Fällen, wo die Pferde 
jünger und fett waren, dauerte die Krankheit bei Weitem länger. Wir 
haben Pferde gehabt, die erst nach vier Monaten eingingen. 

Ich könnte hier noch einige Daten über Morbidität und Mortalität 
geben, ziehe es aber vor, zunächst die pathologische Anatomie mitzutheilen 
wie wir sie an der Leiche beobachtet. Seciren wir ein in dem letzten 
Stadium der Krankheit getödtetes Thier oder ein spontan eingegangenes 
direct nach erfolgtem Eintritt des Todes, so bemerken wir äusserlich an der 
Leiche die schon beschriebenen Oedeme und in der Begel auch ein struppiges 
Haar. Die Haut lässt sich nur schwer abziehen, da das darunterliegende 
Fleisch in der Begel sehr trocken ist und manchmal die höchsten Orade 
der Austrocknung annehmen kann, ähnlich denen, die man bei Cholera- 
leichen beobachtet. Nach Eröffnung der Brusthöhle findet man in der- 
selben ein oft mehrere Liter betragendes seröses, gelbes, meist klares oder 
höchstens massig getrübtes Exsudat, welches mikroskopisch eine Anzahl 
rother und weisser Blutkörperchen enthält. Auf den Pleuren bemerkt 
man fibrinöse Auflagerungen, die manchmal reichlicher, in anderen Fällen 
dagegen nur spärlich sind. Die Lungen selbst bieten keine pathologischen 
Veränderungen dar, sie hängen freibeweglich im Brustraum. Der Herz- 
beutel ist prall gefüllt mit einer reichlichen Menge Exsudates, welches 
dieselbe B^haffenbeit hat, wie das der Pleura. Die Flüssigkeitsmenge 
kann ganz beträchtliche Grade annehmen. Der Herzmuskel selbst ist 
normal oder etwas dilatirt, der Herzmuskel ist, wie auch viele andere 
Muskeln, häufig mehr oder weniger blass. Auf demselben kann man 
ebenfalls Fibrinablagerungeu constatiren. Die Lymphdrüsen der Pleura 
sind oft leicht vergrössert. 

In der Bauchhöhle fallt ebenfalls das oft reichliche Exsudat auf 
welches ähnlich zusammengesetzt ist, wie das der Brusthöhle. Auf dem 
Peritoneum, besonders aber auf der Oberfläche der grossen Organe Leber, 
Milz XL s. w. findet man manchmal sehr reichliche Mengen Fibrin- 
ablagerungen, in anderen Fällen sind sie spärlich. Der Magendarmcaual 



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832 0. VoGES: 

erscheint normal. Die Milz ist enorm yergrössert und in der Regel am 
so mehr, je langer das Thier lebte. Sie kann hart und consistent sein, 
in anderen Fällen ist sie aber weich nnd brüchig. Manchmal findet man 
die Trabekeln ausserordentlich yergrössert, so dass die Milz wie mit 
Sagokömern besät erscheint. 

Die Leber zeigt ebenfalls einen besonderen Yolumum&ng, der manch- 
mal grosste Dimensionen annehmen kann. 

Die Nieren sind auf dem Durchschnitt meist sehr blass, sowohl die 
Rinden wie die centralen Partieen; auch sie können yergrössert sein. Die 
Nebennieren sind häufig normal oder leicht yergrössert Die Lymphdrüsen 
sind oft leicht yergrössert. In den grösseren Oelenkhöhlen finden wir 
häufiger Ergüsse, die recht bedeutenden Umfang annehmen können. Sie 
sind meist klar, bernsteingelb und gerinnen bald an der Luft. 

Wenn wir alle diese geschilderten Veränderungen zusammenfiässen, 
so erinnert uns yieles unwillkürlich an ähnliche Beobachtungen, die wir 
bei Sectionen septischer Leichen machen können. 

Wenn wir dazu übergehen, yerschiedene epidemiologische Beob- 
achtungen zu besprechen, so haben meine Forschungen über die Herkunft 
der Krankheit ergeben, dass ihr ursprünglicher Sitz in Boliyien ist, yon 
wo sie sich erst allmählich ausbreitete. Ich folge hierin den Aufzeichnungen 
Lacerda's (s. oben), welcher Seite 184 sagt: „A molestia yeio da RepubUca 
da Boliyia^^ (Die Seuche kam yon der Republik Boliyien). 

Die Krankheit tritt aber durchaus nicht gleichmässig in diesen Landern 
auf, sondern nur dort, wo es Sümpfe giebt. Ein Zusammenhang mit 
Sün pfen besteht auch insofern, dass, wenn diese austrocknen, die Krank- 
heit zurückgeht. Dieses bestätigt Lacerda, wenn er in seinem eben 
citirten Satz fortfahrt: „e a razfto da sua permanenda aqui supponho 
que ^ — ser a maior parte do territorio da proyincia ciroumdado de 
grandes pantanos^' (sie ist permanent im grössten Theil des Territoriums, 
wo grosse Sümpfe sind). 

Ich erwähne hier noch eine andere Angabe, ein Gutachten, welches 
die Regierung des argentinischen Territoriums in Formosa mir hat zu- 
kommen lassen und welches in der Uebersetzung etwa so lautet: „In 
höflicher Beantwortung ihrer Note muss ich bekennen, dass das Mal de 
Gaderas in bestimmten Epochen erscheint, indem es immer häufiger auf- 
tritt, wenn grosse Regengüsse eintreten und wenn die Campe stehende 
Wässer enthalten. Im Jahre 1897 erschien so das Mal de Cadeims im 
Monat April und yerschwand im September. 1898 zeigte es sich im 
Herbst und dauerte bis zum Frühjahr. 1899 begann es im Frülyahr 
und hörte auf am Ende des Sommers, im Jahre 1900 beobachtete man 
den ersten Fall im Monat December.^' 



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Das Mal de Cadebas. 333 

Ein aasgezeichneter Beobachter ist Dr. Eemmerich. Er bestätigte 
mir voll and ganz alle Beobachtangen anderer and hatte aach erkannt, 
dass ein inniger Zasammenhang mit den Sümpfen besteht. Aaf seiner 
Estanda am oberen Paragaajflass hat er dadarch die Seache mit aus- 
gezeichnetem Erfolge bekämpft, dass er die Sümpfe von allem Morast, 
Sumpfpflanzen u. s. w. befreite und in offene freie Teiche umwandelte. 
Er behauptet mit absoluter Bestimmtheit, die Krankheit dadurch bekämpfen 
zu können, dass er für dauernden freien Wellenschlag sorgte. Bewegtes 
Wasser hält er für völlig unschädlich. 

Einen weiteren Beweis für die Beziehungen des Mal de Caderas zum 
Sampfwasser erblickt Eemmerich auch in Folgendem. Eine Industrie- 
gesellschaft brauchte für ihre Betriebe viele Pferde, jahraus jahrein wurden 
Heerden von mehreren Hundert Pferden von Argentinien hergebracht, sie 
erlagen regelmässig sämmtlich und im nächsten Jahre wiederholte sich der 
Vorgang. Die Thiere wurden, wie das ja hier allgemein üblich, im Camp 
gehalten. Ein neuer Director lässt auf Eemmerich's Vorschlag Ställe 
bauen, bringt nur 40 bis 60 Thiere herauf von Argentinien und bei der 
Stallfütterung und Stallhaltung hört die Seuche plötzlich auf. 

In Heerden, in denen die Seuche ausgebrochen ist, kann man die 
Erankheit sofort zum Stillstand bringen, wenn man die Thiere auf hoch- 
gelegenen trockenen Camp umquartirt. Es sterben dann wohl noch einige 
wenige Thiere, die bereits inficirt waren, dann hört aber die Erankheit auf. 

Diese Angaben sind ganz ausserordentlich werthvoU und lassen ganz 
wichtige Bückschlüsse zu. Wir befinden uns dabei in einer ähnlichen 
Lage, wie bei der Malaria, wo auch der Sumpf beim Sumpffieber eine 
grosse Bolle spielte und in gewissem Sinne noch spielt. Ueber die Be- 
deutung dieser epidemiologischen Thatsachen will ich später noch ausführ- 
licher berichten. 

Wenn somit die örtlichen und Bodeneinfiüsse (allerdings nicht im 
Sinne Pettenkofer's) von hervorragendem Einfluss sind, so ist die Zeit 
an sich gleichgültig, es bleibt sich gleich, ob es Sommer oder Winter ist, 
nur der Regen ist der bestinmiende Factor. 

In Bezug auf diese klimatischen und tellurischen Verhältnisse machen 
sich ähnliche Einflüsse geltend, wie man sie bei der südafrikanischen 
Pferdesterbe beobachtet hat. So schreibt Thierarzt Theiler in Pretoria^: 
„Die regenfreie Zeit (Winter) dauert von Mai bis October, worauf massig 
Regen fallt, bis die eigentlichen Begenmonate Januar, Februar, März 
(Sommer) folgen. In letzteren drei Monaten findet man in Transvaal die 
Pferdesterbe am häufigsten und regelmässigsten. — Piese Bedingungen 



» Deu/sehe thierärteÜ, Wochenschrift, 1901. Nr. 20. 



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334 0. VoGEs: 

machen uns auch verständlich, wamm in gewissen Jahren die Sterbe mit 
mehr seuohenartigem Charakter vorkommt als in anderen. Diese Jahre 
zeichnen sich durch ausserordentliche Niederschlage aus und es kann al8 
Begel gelten, je früher und je heftiger eine Regensaison einsetzt, um so 
früher und um so heftiger wird auch die Pferdesterbe auftreten.'' 

Welch' aufGallende Uebereinstimmungl muss man da unwillkürM 
ausrufen. Setzen wir statt Fferdeeterbe Mal de Caderas, so brauchen wir 
nichts weiter an Theiler's Worten zu ändern. 

Ein Einfluss der „Nachtluft'' und desWeidens in „thaunassem Orase'S 
wie man ihn auf die Pferdesterbe bezieht, ist jedoch für das Mal de 
Caderas nicht festgestellt worden, wahrscheinlich weil dem Laien der 
Anfang der Krankheit entgeht oder vielleicht weil er thatsächlich nicht 
existirt Auch Theiler erwähnt die Beobachtung, dass die im Stall ge- 
haltenen Thiere selten oder nie erkranken. 

Fragen wir uns nun, in welcher Intensität die Krankheit auftritt, 
d. h. also nach dem Procentsatz der Morbidität wie auch der Mortalität, 
so ergeben sich da die interessantesten Aufschlüsse. Zunächst steht fest, 
dass jedes von uns künstlich inficirte Thier der Krankheit erlegen ist 
Da diese Zahl sich schon auf mehrere Hundert Thiere bezieht, so darf 
man füglich wohl behaupten, dass die Infectionsmoglichkeit maximal ist 
Kein Thier bleibt einer Infection gegenüber seuchenfest Damit ist die 
überaus grosse Gefährlichkeit der Seuche unbedingt gegeben. Wie ver- 
halten sich dieser gesteigerten Disposition zur Erkrankung gegenüber die 
wirklichen Krankheitszahlen. Sehr wertvolle Beiträge liefern uns da die 
Statistiken der Cavallerieregimenter, die in Formosa im Chaoo g^^n die 
Indianer kämpfen. Im Jahre 1898 hatte nach Lecler (s. oben) das 
Regiment, welches am Bermejofluss stationirt war, im Juni 600 Pferde 
erhalten, im November existirten nur noch 100 Thiere. In den sechs 
letzten Monaten starben laut Bericht des argentinischen Kriegsministeriums 
von den im Chacogebiet operirenden Cavallerieregimentem: 

Pferde Maulthiere 



Regiment 1 


344 


172 


6 


91 


28 


8 


340 


119 


„ 11 


210 


60 


„ 12 


54 


110 


Total 


1039 


489 



Dass bei solchen Verlustlisten jede Pferdezucht unmöglich ist und 
Kriege geradezu unausfQhrbar werden können, wird Jedem ohne Weiteres 
einleuchten. Nicht inmier sind die Erkrankungsziffem so grosse. Manch- 



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Das Mal de Cad£bas. 835 

mal, besonders wenn Dürre eintritt, kommen die Pferdebesitzer mit ge- 
ringeren Verlusten davon. Man rechnet 25 bis 100 Proc. Morbidität. Diese 
grossen Schwankungen sind aber nur dadurch bedingt, dass ein Mal viele 
Thiere inficirt werden, ein anderes Mal lediglich durch einen glücklichen 
Zufidl weniger Thiere inficirt werden. Worin das beruht, werden wir 
noch sehen. 

Die Sterblichkeit erreicht in derBegel 100 Proc. der Erkrankungsziffem. 
Bei unseren vielen Impfungen ist uns kein einziges Thier mit dem Leben 
dav<m gekommen, ein einmal inficirtes Thier war rettungslos verloren. 

Es giebt Estancieros, welche gesehen haben wollen, dass einzelne Thiere 
gesund wurden. Ich muss aber in diese Angaben meine berechtigten 
Zweifel setzen und glauben, dass es sich dabei um andere Krankheiten 
handele, wie z. B. Abmagerung in Folge Futtermangels, Hitzeeffecte u. s. w. 
In diesen Angaben werde ich dadurch bestärkt, dass im Camp die ver- 
schiedensten Heilmittel als erfolgreich angepriesen werden, aber keines 
derselben hat mir je irgend einen Erfolg gezeigt. Man thut also gut, so 
lange an der absoluten Mortalität festzuhalten, bis das Oegentheil ganz 
einwandsfirei nachgewiesen ist. 

Aetiologie des Mal de Caderas. 

Die bisher mitgetheilten klinischen wie epidemiologischen Bjrankheiten 
lassen vermuthen, dass wir es mit einer Infectionskrankheit zu thun haben. 
Indessen mus ich hier bemerken, dass diese Auffassung doch nicht allge- 
meine Anerkennung findet, es giebt genug Leute, die der Annahme 
huldigen, dass es sich um Vergiftungen handelt, hervorgerufen durch den 
Oenuss von Giftpflanzen. Diese Möglichkeit ist a priori jedenfalls zuzu- 
geben, kann aber leicht widerlegt werden, wenn ich erwähne, dass wir 
im Laboriatorium mit winzigsten Mengen von Blut von einem kiranken 
Thier inmier wieder erfolgreiche Impfungen machen konnten und dass 
die Passage mehrere Hundert Thiere umfasst, so dass das ursprünglich 
eingeführte Erankheitsmaterial eine derartig beispiellose Verdünnung er- 
fahren hat, die man kaum noch zahlenmässig darstellen kann, dass diese 
Annahme einer Wirkung eines nicht vermehrungsfähigen Giftes damit für 
immer von der Hand zu weisen ist. Es bleibt also effectiv nichts weiter 
übrig als die Annahme eines lebenden Agens, welches inmier wieder die 
Krankheit hervorbringt. Ist das Mal de Caderas somit eine impfbare 
Krankheit, so fragt es sich, ob es auch eine contagiöse ist Diese Frage 
muss verneint werden. In unserem Laboratorium stehen die kranken Thiere 
permanent mit anderen Pferden ca. 10 bis 80 Stück zusammen, fressen 
aus derselben Krippe, von derselben Raufe und trinken alle gemeinsam 



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336 0. VoGES: 

aus derselben Wassertonne. Urin und Koth mischen sich taglich. Die 
kranken Thiere belecken sich mit den gesunden, das Wartepersonat ist 
dasselbe, kurz, es geschieht nichts zur Isolirung und dennoch findet keine 
üebertragung statt. Das allein beweist schon, dass die Krankheit nicht 
ansteckend sein kann. Auch bei der Spontankrankheit beobachtet man, 
dass, wenn man kranke Thiere umquartirt in einen gesunden Camp, nie 
eine Neuinfection auftritt, wenn auch noch so viel Pferde da sind. 

Diese Beobachtungen können wir uns in dem Sinne auslegen, dass 
die Krankheit nicht contagiös ist Wir müssen uns daher nach einem 
anderen Infectionsmodus umsehen, bevor wir das aber thun, scheint es 
angebracht, sich nach dem Sitz des Virus umzusehen. Die ersten Forscher 
haben ihr Augenmerk auf die MeduUa oblongata gerichtet, weil das klinisch 
so scharf hervortretende Moment der Lähmungserscheinungen der Hinter- 
beine der Thiere darauf hindeutete. Lacerda (s. oben) züchtete einen 
Bacillus aus dem Rückenmark, den er ausführlich beschreibt Lecler 
(s. oben) hat ebenfalls einen coliartigen Bacillus im Rückenmark gefunden. 
Lacerda vermochte indess mit seinem Bacillus die Krankheit nicht zu 
reproduciren, erzeugte nur Fieber und glaubt, seine Cultur sei abgeschwicht 
und empfiehlt sie als Vaccin. Lecler tödtete 3 Pferde in 6, 7 u. 22 Tagen, 
wie er sagt, unter Reproduction des Krankheitsbildes des spontanen Mal 
de Caderas. 

Er sucht den Erreger auch dann im Blute und findet dort einen 
Bacillus. 

In der That drangt auch alles daraufhin, den Erreger im Rückenmark 
und Blut anzunehmen, und es bleibt unaufgeklärt, warum die erwähnten 
Autoren nicht diese Substanzen direct zu TTebertragungen benutzten, an- 
statt nur auf „Bacillen^' in denselben zu fahnden. Malbran und ZabaU 
haben dann erfolgreiche Impfungen mit Blut und MeduUa oblongata ge- 
macht Diese Versuche habe ich dann fortgesetzt und konnten wir einmal 
feststellen, dass schon ein Stich mit einer in infeotionstüchtiges Blut ein- 
getauchten Nadel in die Haut eines gesunden Pferdes genügte, um die 
Krankheit hervorzurufen, so dass das zur Infection nothwendige Krankheits- 
product nur minimal zu sein braucht Nachdem somit in dem infidrten 
Blut eine Art Reincultur gegeben war, war es möglich, eine ganze Reihe 
weiterer Experimente zur Klärung der Frage nach der Ursache der Infection 
anzustellen. Zunächst ist Blut literweise in Kleie gemischt gesunden 
Pferden wiederholt gegeben worden. Die Thiere sind nie erkrankt« Dieses 
steht in einem sehr beachtenswerthen Gegensatz zu der leichten subcutanen 
Infectionsmöglichkeit. 

Lässt man das Blut in der Kälte gerinnen, so kann man nicht nur 
das Serum von dem Blut brechen, sondern auch rothe und weisse Blat- 



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Das Mal de Gadebas. 337 

körperehen trennen. Nur eine Auflösung der rothen Blutkörperchen ergab 
immer positive Resultate, wahrend die Serum- oder Leukocytenüberimpfangen 
in der Regel negativ waren. Filtrirt man Blut oder die Exsudate der Pleura 
der Herzbeutel oder der Bauchhöhle, die ebenfalls an sich infectionstüchtig 
sind, durch irgend ein Bakterienfilter, so ist das Filtrat sterU und vermag 
die Krankheit nicht mehr zu erzeugen. Diese letztere Thatsache ist äusserst 
wichtig und unterscheidet sich der Erreger damit sicher von der Gruppe 
der Krankheitserreger, die so klein sind, dass sie Filter passiren wie der 
der Maul- und Klauenseuche (Löffler) und der der Pferdesterbe (Theiler). 

Wir haben es also beim Mal de Caderas mit einem Blutparasiten zu 
thun, dessen Eigenschaften, d. h. Lebensthatigkeit, Lebensbedingungen 
u. s. w. nun studirt werden können. 

Die während der Krankheit auftretende Hämoglobinurie, sowie femer 
das nahezu constante Vorkommen von Erytrooyten im Harn lassen darauf 
schliessen, dass der Parasit in Beziehung zu den zelligen Elementen des 
Blutes stehen muss. Zunächst müssen wir feststellen, dass das Bluthamen 
Hämoglobinhamen ist, das ja nur durch Zerstörung der rothen Blut- 
körperchen und Auflösung des Blutfarbstoffes bedingt sein kann. Darüber 
geben Blutzählungen im Thoma-Zeiss leicht Aufschluss. Da machen 
wir denn die überraschende Entdeckung, dass die Zahl der rothen Blut- 
körperchen ganz enorm herabgesetzt ist. Während z. B. bei einem Pferde 
vor der Impfung 10 Millionen Erytrocjrten im Cbmm. gefunden werden 
nimmt die Anzahl derselben constant von Tag zu Tag ab, so dass in 
späteren Stadien die Zahlen 4 bis 3 Millionen nichts Auffallendes sind, 
ja wir haben die Zahl derselben bis auf 800000 herabgehen sehen, so 
dass es räthselhaft ist, wie dabei überhaupt noch Leben möglich ist. Dies 
ist aber kaum die wahre niedere Grösse, weil das Blut nicht unwesentlich 
eingedickt ist. Dieser Umstand kann sogar eine scheinbare Vermehrung 
vortäuschen. Die Leukocyten scheinen meist wesentlich beeinflusst zu 
werden. Lassen wir Blut in hohen Cylindem sich langsam absetzen, so 
ist der Kuchen der weissen Blutkörperchen oft gleich gross, ja noch 
grösser als der der rothen Blutzellen. 

Entsprechend dem enorm grossen Untergang der rothen Blutscheiben 
nimmt auch der Hämoglobingehalt ab. Wir haben ihn von 13*1 Procent, 
welches nach Landois den Normal werth darstellt, auf 3 bis 4 Procent 
herabsinken sehen und doch athmen und leben die Thiere noch. Es ist 
demnach die Krankheit eine exquisite Bluterkrankung, wodurch es ver- 
ständlich wird, dass die Blut bildenden Organe, vor allem die Milz, so 
enorme Dimensionen annehmen, um den Ausfall zu decken, was ihnen 
aber nie gelinert. 

Zdteofar. f. HTglene. XXXDC. 22 



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338 0. VoGBs: 

Diese Befände zwingen uns, die Krankheit als Hamoglobinamie za 
bezeichnen. Nnn ist die Hamoglobinamie bei Pferden aber keine unbe- 
kannte Krankheit Ueber das Wesen dieser seit dem ersten Drittel des 
19. Jahrhunderts in Deutschland beschriebenen Krankheit herrscht nach 
Friedberger und Fröhner^ noch keine völlige Auf klarung. Es werden 
aber im Allgemeinen die nachfolgenden pathologischen Ptocesse fär das 
Wesentliche der Krankheit gehalten: Nierenentzündnng; RückenmaAs- 
entzündung und -congestion; Blutversetzung bezw. Einwirkung eines infec- 
tiösen oder toxischen Stoffes mit Auflösung der rothen Blutkörperchen, 
rheumatische Affection der Kruppen- und Lendenmuskeln u. s. w. 

Wie man sieht, ist die Mehrzahl der Symptome ausserordentlich 
ähnlich, wenn nicht identisch mit den oben beschriebenen Erscheinungen 
bei Mal de Caderas. Dennoch aber müssen wir sie för verschieden halten, 
denn die Hamoglobinamie ist acut und endet binnen Kurzem meist mit 
(Genesung; Mal de Caderas ist chronisch und endet immer mit dem Tode. 
Immerhin sind die gemeinsamen Berührungspunkte so auffallig, dass ich 
glaubte, dies hier betonen zu müssen, um die Forschung auf diesen 
Gegenstand zu lenken. Vielleicht bieten neue Versuche, ähnlich den 
unsrigen angestellt, wie Blutübertragungen u. s. w., neue Anhaltspunkte 
und Aufschlüsse über die Aetiologie dieser wenig aufgeklärten Krankheit 

Weitaus glücklicher war die Forschung in der Erkenntniss einer bei 
Hunden vorkommenden Hamoglobinamie. Nach Friedberger -Fröhner' 
kommt die Krankheit fast ausschliesslich bei vom Ausland (China, Japan, 
Amerika) importirten Hunden vor. Sie unterscheiden im Monate und Jahre 
dauerndes latentes Stadium und ein „offenbares^' (acut oder peracutes) 
Stadium. Die Symptome sind chronische Abmagerung, Anämie, Schwäche, 
Lahmheit der Hinterbeine, Blutungen, Nephritis u. s. w. Also ganz ähn- 
lich wie beim Mal de Caderas. Diese Krankheit ist nun aber durch Blut- 
impfung von Pferden auf Hunde übertragbar und macht ganz die gleichen 
Symptome, so dass ihre Erwähnung hier gerechtfertigt ist. Hier kennt 
man nun auch die Ursache des Leidens in Gestalt von Würmern, die 
im Blut auftreten. Seltener sind es Hämatozoon subulatum von Leisering^ 
Strongylus subulatus von Cobbald oder Str. vasorum von Baillet Die 
wichtigste Art ist aber Filaria immitis. Die Embryonen derselben be- 
wohnen zu Hunderttausenden das Blut des Hundes. 

Höchst interessant und hier durchaus nothwendig zu erwähnen sind 
die Entwickelung und die Uebertragung dieser Gebilde. Nach Mausen 



* Friedberger u. Fröhner, Lehrbuch der »peciellen Pathologie u. Thert^ 
der Hauiihiere, 1900. Bd. I. S. 425 ff. 

• A. a. 0. 



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Das Mal ia Gaderas. 

nimmt der Mosqnito in den Tropen der neuen Welt filarienhaltiges 
Menschenblut mit seinem Stich an£ Von der Leibediöhle ans dringen 
sie in den Thorax ein, steUen hier ihre Bewegungen ein und wachsen, 
indem sie dabei sechs Entwickelungsstadien durchmachen. Nachdem der 
weibliche Mosqnito seine Eier abgelegt und im Wasser seinen Tod gefunden 
hat, brechen die Filarien durch das Hautskelet aus der Mosquitoleiche 
hervor, tummeln sich im Wasser und werden so indirect oder auch direct 
durch den Mosqnito übertragen. Ich glaube, in diesen Studien sind uns 
die besten Fingerzeige gegeben, in welcher Richtung wir vorgehen sollen, 
wenngleich weder beim Mal de Gaderas der Pferde, noch bei der ent- 
sprechenden Hundeinfection Filarien beobachtet werden, um dies Factum 
hier gleich vorweg zu nehmen. Ehe wir uns jedoch auf die Suche be- 
geben nach dem Blutparasiten des Mal de Gaderas, müssen wir uns mit 
den von anderen Seiten als Ursache der Erkrankung ausgesprochenen 
Bakterien abfinden. Nun, ich glaube, über die Befunde Lacerdas kann 
man einfach zur Tagesordnung übergehen. Die Arbeit ist in einer Zeit 
entstanden, als die Bakteriologie noch in ihren Einderschuhen steckte und 
hält einer modernen Kritik nicht Stand. Dem Autor daraus einen Vorwurf 
zu machen, wäre extrem, die Ursache zu seinem Fehlgriff lag in dem 
Material, das in durchaus uneinwands&eiem Zustande war. Lecler, dessen 
Bacillenbefunde lange Zeit sehr ernst beurtheilt sind, hat laut Zeitungs- 
mittheilung seine Behauptungen zurückgezogen und hält nicht mehr an 
der ursächlichen Bedeutung seines coliartigen Bacteriums fest. Da es in- 
dess wenig wissenschaftlich ist, mit Worten etwas weg zu disputiren, so will 
ich doch noch das Experiment zu Worte kommen lassen. 

Der Erreger des Mal de Gaderas tödtet die Pferde ausnahmslos in 
2 bis 5 Monaten. Lacerda's Bacillus wirkt kaum krankmachend, Lecler's 
Bacillus todtet in wenigen Tagen, d. h. in so kurzem Zeitraum, in dem 
kein Pferd an Mal de Gaderas eingeht. Endlich aber bleibt der folgende 
Versuch entscheidend. Entnehme ich unter allen Gautelen Blut eines 
Mal de Gaderas-Pferdes, so bleibt dasselbe Tage und Wochen lang unver- 
ändert. Alle damit beschickten Nährböden bleiben steril (BouiUon, Agar, 
Gelatine, Milch, Kartoffeln, Sera, Blut u. s. w.). Die kleinste Menge des 
sterilen Blutes genügt, um ein Pferd zu tödten unter sämmtlichen 
für Mal de Gaderas typischen Erscheinungen. Damit sind sämmtliche 
Bakterienbefande wohl von selbst wiederlegt. Wir müssen uns also nach 
anderen Dingen umschauen und da bleibt nichts übrig als die directe 
Blutuntersuchung, untersucht man das Blut von Mal de Gaderas kranken 
Pferden im geeigneten Moment im hängenden Tropfen, so findet man neben 
den Formelementen des Blutes, den rothen und weissen Blutkörperchen 
noch ein fremdes Zellgebilde, ein Trypanosoma. 

22* 



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340 0. VoGBs: 



Das Trypanosoma equina. 

Das Trypanosoma equina, wie ich das Gebilde zum Unterschied von 
anderen Trypanosomei| nennen möchte, kommt immer nur im freien Zu- 
stande im Blute vor, niemals eingeschlossen von Blutzellen. Es ähnelt 
dem von anderen Autoren beschriebenen Trypanosomen in manchen Be- 
ziehungen, in anderen weicht es ab. 

Der Körper des Trypanosomas ist lang gestreckt, erinnert an die 
Form eines Aals. Er ist etwa zwei bis drei Mal so lang, als der Durch- 
messer eines rothen Blutkörperchens und an seiner breitesten Stelle etwa 
Vs bis V2 80 breit wie letzteres. Nach den Enden zu spitzt sich das 
Protoplasma ganz allmählich zu, an dem einen Ende endet dasselbe in 
einer feinen Gteissel, die etwa dieselbe Länge hat, wie der Protoplasma- 
körper, auch das andere Ende endet schnabelförmig, dieser spitze Aus- 
läufer aber ist um etwa Vs ^^ ^^^S ^^ ^^ Geissei und contractu, d. h. 
das Trypanosoma vermag es einzuziehen und auszustrecken. Ausserdem 
zieht sich noch auf einer Seite des Protoplasmakörpers eine Membran 
hin, welche etwa die zwei Drittel des Körpers umfasst, die nach der 
Geissei zu liegen. Diese Membran hat die Gestalt einer Flosse wie bei 
Fischen. Man muss sie als eine zusammenhängende Masse bezeichnen, 
welche durch einen etwas dickeren Band begrenzt wird. Dieser Band 
nimmt die Farbstoffe besonders schön auf und lässt sich dadurch besonders 
kenntlich machen. Das Trypanosoma ist beweglich, diese Bewegungen haben 
die meiste Aehnlichkeit mit denen eines Aals, der sich im Schlamm bew^ 
sie sind ausserordentlich lebhaft und um sie in ihren Einzelheiten zu 
studieren bleibt nichts Anderes übrig, als die Thierchen so zu sagen halb 
aufs Trockene zu setzen, wie es am Bande eines hängenden Tropfens, 
wenn er gut angelegt ist, sehr schön gelingt, oder dadurch, dass man 
durch Gelatinezusatz den Tropfen weniger flüssig macht, wie es Kant- 
hack, Durham und Blaudford^ angegeben haben. Alsdann bemerkt 
man, wie die Bewegung eine ziemlich complicirte ist. Der ganze Körper 
ist permanent in Bewegung, ohne dass man, so lange wenigstens das 
Individuum lebt, einen Stillstand oder eine Verminderung beobachtet 
Diese Bewegung ist aber keine eigentliche Locomotionsbewegung, sondern 
nur eine nach rechts und links schnellende Bewegung, wie sie die Würmer, 
wenn man sie aus dem Boden ausgräbt, vollführen. Dabei ist der ganze Körper 
betheiligt, wobei Geissei und Schnabelende immer nach entgegengesetzten 



^ Kanthack, Durham und Blandford, On Nagana or Tsetse Fly Disease. 
Hygienische JRundsehau. 1898. 



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Da8 Mal de Cadebas. 341 

Seiten ausschlagen, so dass etwa in der Mitte des Körpers der ruhende 
Pol zu denken ist. Die Geissei macht dabei ihrerseits noch besonders 
ausgiebige Schläge, indem ihr Ende manchmal bis zum Schnabelfortsatz 
reicht. Durch diese ausgiebigen Bewegungen werden indess nur unbedeutende 
Ortsveranderungen bewirkt, aber um sich den Auiwand von Kraft vor- 
zustellen, der dabei verbraucht wird, muss man gesehen haben, wie durch 
einen Schlag 10 bis 15 zusammenhängende Blutkörperchen bei Seite ge- 
worfen werden, wenn sie gerade in der Nähe des Trjpanosomas liegen. 
Um die Ortsveranderung zu bewirken, scheint hauptsächlich die Un- 
dulationsmembran thätig zu sein, sie wirkt hauptsächlich wie eine Flosse. 
Durch ihre Bewegungen erhalten wir Bilder, wie sie ein wogendes Korn- 
feld zeigt, fassen wir einen Punkt derselben ins Auge, so beobachtet man, 
wie sie bald hoch ansteigt, bald niedrig abfällt, und geht die Wellen- 
bewegung von einem Ende des Membran zum andern, bald von vorn 
nach hinten, bald von hinten nach vorn. Manchmal erscheint die Membran 
schraubenförmig am Körper angesetzt, dieses ist aber nur scheinbar, indem 
der ganze Körper sich korkzieherartig um seine Längsaxe zu drehen vermag. 
Wir müssen uns demnach die Membranbewegung nicht als ein Ein- und 
Anziehen derselben vorstellen, sondern es sind die Form Veränderungen 
mehr durch Seitwärtsbewegungen und Seitwärtsneigungen hervorgerufen. 
Diese Bewegungen, welche offenbar den Zweck haben, den Ort zu ver- 
ändern, sind indess nicht immer von gleicher Stärke, sie allein vermöchten 
auch wohl kaum selbst die in der That relativ unbedeutende Ortsver- 
änderung zu bewirken, wenn nicht die Geissei mit hülfe. Diese macht 
sich selbstthätig und offenbar unabhängig von der ündulationsbewegung 
einen Weg des Vordringens und dahin geht der Körper nach. Damit 
sind wir bei der Frage, wo vom und wo hinten ist, angelangt. Man hat 
unwillkürlich die Vorstellung, dass die Geissei das treibende Steuerruder 
sei, aber das ist offenbar nicht der Fall. Es gilt als Regel, dass die 
Geissei voran marschiert und der Schnabel nachfolgt. Wenn man indess 
die Geduld nicht verliert und sorgsam . nachforscht, so findet man, dass 
auch dann und wann das Schnabelende vorangeht, es bildet das aber 
immer die Ausnahme. Es fallt unwillkürlich auf, und man fragt sich, 
warum diese rasende blitzartigschnelle Ündulationsbewegung, und warum 
die langsame Looomotionsbewegung? Man möchte gern annehmen, dass 
die Ündulationsbewegung mit der Ernährung zusammenhängt, aber das 
will mir nicht scheinen, wo das fliessende Blut selbst in jedem Moment 
verändert ist, und dann ist im hängenden Tropfen, wo das Blut ruht und 
und nicht erneuert wird, auch selbst bei der Anwesenheit der fabelhaftesten 
Mengen der Trypanosoma immer genug Nahrung.sstoflF vorhanden, um für 
Stunden die kleinen Protozoen am Leben zu erhalten. 



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342 0. VoGEs: 

Die von uns beobachteten Bewegangsvorgänge schliessen sich dem- 
gemäss eng an die Yon Butschli^, Danilewsky*, Babinowitsch- 
Kempner^ beobachteten Thatsachen an. 

Der Körper, die ßeissel, der Schnabel and die Undnlationsmembraii 
stellen eine stark lichtbrechende Protoplasmamasse dar, die ausserdem 
sehr contractu ist. Wir wissen aber aus dein Studium anderer Trypa- 
nosomen, dass das Innere des Protoplasmakörpers keineswegs homogene 
Masse ist, schon an ungefärbtem Präparat sieht man einige feine dunkle 
Punkte, welche von einem hellen, äusserst stark lichtbrechenden Hofe 
umgeben sind. Diese Eörperchen treten besonders nach Essigsäurezusatz 
hervor. Diese Eugelchen können zweifach bis vielfach sein, und wir 
müssen sie nach Analogie anderer Trypanosomen als Eemkörperchen auf- 
fassen. Wir werden sehen, wie diese Kemkörperchen in engster Beziehung 
zu der Vermehrung des Trypanosoma stehen. Um das aber anschaulicher 
zu gestalten, bedürfen wir der Zuhülfenahme der verschiedenen Farbstoffe, 
um die Gebilde besser hervortreten zu lassen. 

Man kann die Trypanosomen mit nahezu allen der in den Labora- 
torien gebrauchten Farbstoffen färben. Sie nehmen die Farbe ziemlich gut 
und leicht an. Ausgezeichnete Bilder erhielt ich mit Eosinfarbung, die 
ein leuchtendes Roth geben, wobei auch besonders die Undulationsmembran 
gut sichtbar gemacht werden kann. Aber jede andere Anilin&rbe leistet 
schliesslich dasselbe, und würde es Zeitverschwendung sein, eine Be- 
schreibung aller Färbungen anzugeben. Alle diese Farben färben aber 
den ganzen Körper nur homogen und lassen keine Differenzirungen hervor- 
treten. Um aber die Eemgebilde zu studiren, bedarf es anderer MitteL 
Wir wissen, dass es sich bei den seither bekannten Trypanosomen um 
'Chromatin handelt, welches nach Rabinowitsch-Eempner bestimmte 
Reactionen giebt. Diese konnten auch wir mit dem gleichen Erfolg aus- 
führen, wodurch ihre chemische Constitution bestimmter wird, es giebt 
aber noch einen anderen Weg, der eher zum Ziele führt, und das ist die 
Doppelfarbung nach Romanowsky. Ich muss gestehen, dass es mir 
eine unendliche Mühe gemacht hat, bis ich ein brauchbares Färbematerial 
gefunden habe, endlich habe ich indess Erfolg gehabt und dann die 
prachtvollsten Präparate erhalten, welche auch den ganzen Entwickelungs- 
cydus klarlegten. Bei der Romanowsky'schen Färbung handelt es sich 
um eine Doppelfärbung, wobei die Eeme ein tief dunkles Carmoisinroth 



* Bütßchli, Brown's Classenu, Ordnungen des Thierreiches, Protozoa. 1889. 
'Danilewsky, La parasUologie comparie du sang, Charkoff 1889. 
' Rabinowitsch-Eempner, Beitrag zur Kenntniss der Blntparasiten speciell 
des RattentrypanoBomen. Diese Zeitschrift, Bd. XXX. 



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Das Mal de Cads&as. 343 

zeigen, während das Protoplasma blau erscheint Die Färbung ist nun 
trotz guter Farbe ziemlich umständlich, da man sich einmal vor Nieder- 
schlägen hüten, dann aber auch die Farbe intensiv sein soll. Letzterer 
Umstand ist aber recht schwierig, da bei zu langer Einwirkungsdauer 
der Flüssigkeit sich die Trypanosomen leicht vdm Deckglas lösen. Es 
gehört also eine gewisse Hebung, Technik und Geduld dazu, brauchbare 
Bilder zu erhalten. Es gelingt, wenn anders die Farbe gut ist, leicht, 
die Kerne carmoisinroth zu färben, aber schwieriger ist's, dass das Proto- 
plasma das Blau annimmt Die Zellmembran färbt sich relativ leicht, 
aber das Innere bleibt immer blasser, als der Band, was für die Be- 
urtheilung und Beobachtungen der Kerne indess nur von Yortheil ist. 

Wenn ich nun zu der Beschreibung der Kemfiguren übergehe, so 
ist mir das nur möglich, wenn ich gleichzeitig die Entwickelung der 
Trypanosomenformen bespreche, die eng mit der Kembildung in Zusammen- 
hang ist Betrachten wir ein junges, eben ausgewachsenes Trypanosoma 
(Taf. y, Fig. 1), ein Gebilde, welches man immerhin selten sieht, da die 
Trypanosomen in fortwährender Vermehrung begriffen sind, so sehen wir 
zwei dunkelrothe Fleckchen im Zellinnem, den einen kleineren mehr nach 
dem Schnabelende hin gelagerten, den anderen grösseren mehr nach der 
(Mssel zu gerichteten. Im ungefärbten Präparat kann man sehen, wie 
beide Körper nicht absolut fest fixirt sind, sondern sich einer gewissen 
Bewegungsfreiheit, wenn auch nur in beschränktem Maasse erfreuen. 
Dadurch ist die Lage nicht genau fbdrt, aber immer sind sie endständig. 
So weit stimmen meine Beobachtungen mit Rabinowitsch-Kempner 
. überein. Ich nenne daher mit diesen Autoren den Schnabelkörper 
Nudeolus, den Geisseikörper Chromatinhaufen. Um den Chromatinhaufen 
herum sieht man aber zuweilen, nicht immer einen hellen Hof (Taf. V, 
Fig. 1), der von einer Randzone begrenzt erscheint, der keinerlei Farb- 
stoff angenommen hat. Diese Randzone macht den Eindruck einer Kapsel, 
sie scheint indess kein integrirender Bestandtheil des Chromatinhaufens zu 
sein, da man sie in der R^el vermisst, vielleicht dass sie überhaupt ein 
Kunstproduct ist. Diese Form ist aber nicht bloss dem Chromatinhaufen 
eigenthümlich, sondern man kann gelegentlich genau dasselbe beim Nucleolus 
beobachten, in diesen Fällen erschien der Nucleolus besonders gross. 

Diese eben beschriebene Form des Trypanosoma müssen wir in 
Analogie der bei anderen Autoren beobachteten Trypanosomen als die 
Normalform betrachten, aber ich betone nochmals, dass man bei der 
ausserordentlich raschen Yermehruugsfahigkeit der Trypanosomen dieses 
Stadium nur selten zu sehen bekommt Um nun die Entwickelung zu 
verfolgen, haben Danilewsky, Ogata u. A. die Trypanosomen in 
Capillaren, die mit Blut oder Serum gefüllt waren, wachsen lassen. Meine 



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344 0. VoGBS: 

diesbezüglichen Versuche sind absolut fehlgeschlagen. Auch im hängenden 
Tropfen beobachtet man nie Entwickelungsformen, ausnahmslos gehen die 
Trypanosomen zu Grunde. Bereits nach 10 bis 16 Minuten sind der 
grösste Theil derselben, je nach der herrschenden Temperatur, unbeweglich 
geworden oder führen höchstens noch wackelnde Bewegungen aus. AU- 
mählich zieht sich das Protoplasma mehr und mehr zusammen in der 
Längsrichtung, dabei dehnt es sich in der Quere aus und quillt sieht- 
barlich auf (Taf. V, Kg. 2 a — c). Die spitzen Fortsätze werden ein- 
gezogen, es bilden sich Klumpen, die die wunderbarsten Formen an- 
nehmen, schliesslich wird der ganze Körper heller und heller, bis sich 
alles in Kügelchen auflöst, die allmählich verschwinden. Man kann sagen, 
dass dieser Vorgang in der Regel in 24 bis 48 Stunden abgelaufen ist 
Nach 3 bis 4 Tagen ist das Blut dadurch infectionsuntüchtig geworden. 
Indess kann es vorkommen, dass in Einzelfallen einzelne Individuen noch 
länger restiren und ist es in einem Fall gelungen, mit 14 Tage altem 
Blut ein Pferd noch mit Erfolg zu impfen. Es bleibt das aber eine 
merkwürdige Ausnahme. Um den Entwickelungsgang zu studiren, bleibt 
uns nichts Anderes übrig, als uns an das kranke Thier zu halten, wie es 
Rabinowitsch-Kempner (s. o.) und auch H. G. Flimmer und 
J. Rose Bradford^ thun. 

Färben wir trypanosomahaltiges Blut nach Romanowsky, so treffen 
wir im Präparat die mannigfachsten Formen an und es ist keineswegs 
eine einfache Sache, sich aus den verschiedenen Beobachtungen ein ein- 
heitliches Bild zu machen. Meine Beobachtungen mögen in Bezug auf 
diesen Punkt gewiss noch eines weiteren Ausbaues fähig sein. Eins ist 
klar, die Vermehrung, die durch Theilung erfolgt, ist eng an die Kem- 
theilung gebunden. 

Die ganz jungen, aber schon vollständig gewordenen Individuen haben 
noch nicht die Form des ausgewachsenen Trjpanosoma, das Individuum 
macht seine Reifung erst allmählich durch. Wir begegnen zuerst Formen, 
die die Gestalt einer Kaulquabbe haben. Ein länglich eiförmiger Körper, 
an dessen einem spitzen Ende die Geissei ausstrahlt Diese Gebilde sind 
aber selbstständig beweglich und lassen, nach Romanowskj gefärbt, 
Nucleolus - Chromatinhaufen erkennen. Allmählich erfolgt dann die 
Streckung und die Schnabelbildung. Die fertige Form mit nur zwei Kem- 
körperchen ist aber selten (Taf. V, Fig. 3 a). Man kann schon Kugel- 
formen beobachten, in denen der Kern sich theilt (Taf. V, Fig. 3^). 
Diese Kemtheilung finden wir aber fast regelmässig in den ausgewachseneu 



* H. G. Flimmer u. J. Rose Bradford, Fi/y Disease on NagaiM, Vorgelesen 
in dem Tsetsefliegen-Comitee der Royal Society London, 15. Juni 1899. 



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Da8 Mal be Cabebas. 346 

Formen. In der Hegel ist der Chromatinhanfen getheilt, und zwar löst 
der sich nicht etwa in zwei neue Kerne auf, sondern gleich in eine ganze 
Reihe, z. B. 3 bis 10 Stück. Diese Kerne liegen zerstreut und in un- 
regelmässiger Form im Protoplasma am Geisselende (Taf. Y, Fig. 4). Ja 
man kann dann und wann beobachten, dass ein oder gar ein paar Tochterkeme 
bis weit nach vom in den Geisseikörper gelagert sein können, es bleibt das 
naturwissenschaftlich eine höchst merkwürdige Thatsache, dass sich so 
lebenswichtige Körpertheile wie Kemkörperohen in ein so gebrechliches 
und gefährdetes Gebilde, wie es doch die Geisselfaden sind, verlieren 
können. Während sich diese Kemtheilungsvorgänge am Geisselende ab- 
spielen, sehen wir den Nucleolus intact bleiben, in anderen Fällen jedoch 
sieht man wie auch der Nucleolus sich theilt, doch scheint die Zertheilung 
nicht so vielfältig zu sein. Nunmehr nimmt das Plasma die unregel- 
mässigsten Formen an, quillt nicht unbeträchtlich auf, die Geissei und 
Schnabel verschwinden allmählich, die Kernkörperchen vertheilen sich in 
der unregelmässigsten Weise im Protoplasma und ordnen sich endlich in 
gewissen Gruppen an. Nun bemerkt man an der äusseren Membran 
gewisse Einschnürungen, welche, immer weiter zunehmend, die Bildung 
der Tochterindividuen ausmachen. Es kommt nun zur vollständigen Ab- 
schnürung der Protoplasmamassen. Diese erfolgt in seltenen Fällen in 
der Längstheilung (Taf. V, Fig. 5 a), und ist das Resultat dann zwei neue 
Individuen. Weitaus häufiger, und man kann sagen die B^gel ist die Quer- 
theilung (Taf. V, Fig. 5 b). Hier beobachtet man in der Regel 2, 3, auch 
42 Einschnürungen des Protoplasma, welche sich allmählich zu Kugel- 
formen abschnüren, aus einzelnen ragt schon die Geissei heraus (Taf. Y, 
Fig. 5 c). Diese Kugeln trennen sich ab, werden selbstständig, strecken sich 
und bilden neue Individuen, worauf die Theilung mit Kernvermehrung 
und Protoplasmaabschnürung aufs Neue beginnen kann (Taf. Y, Fig. 6). 

Wenn wir diesen Theilungsmodus als den gewöhnlichsten bezeichnen 
müssen, so will ich nicht unterlassen zu bemerken, dass man gelegentlich, 
wenn auch selten. Formen beobachtet, in denen der ganze Protoplasma- 
leib kugeUormig aufgetrieben ist, man findet dann 12 bis 20 Kerne, 
welche sich an der Peripherie in verschiedenen Theilen gesondert gruppiren, 
worauf eine Abschnürung des Protoplasma erfolgt. Allmählich wird auch 
eine oder mehrere Geissein sichtbar und entwickeln sich nun eine grössere 
Reihe neuer Individuen, entsprechend der Kemzahl. Diese Theilungsform 
ist aber offenbar ebenso selten wie die einfache Längstheilung. Man darf 
diese Art Yermehrung am zweckmässigsten als Segmentirung bezeichnen. 

Wenn wir diese drei Theilungsmodi festhalten: 1) Längstheilung, 
2) Quertheilung, 3) Segmentirung, so folgen wir darin den Angaben von 
Danilewsky, Bütschli und Rabinowitsch-Kempner. 



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346 0. VoGBs: 

Das eigentlich Wesentliche ist aber die Quertheilang. Im AUgemeineii 
muss man mit Rabinowitsch-Eempner daran festhalten, dass die Ter- 
schiedenen Theilungsmodi nicht so streng getrennt sind, sondern dass es 
die mannigfachsten Übergangsformen giebt, so dass man nur gezwungen 
eine Schematisimng durchführen kann. Flimmer und Bradford, die 
sich sehr ausführlich mit dem Theilungsmodus der Trype^nosomen der 
Surra beschäftigen, wollen noch andere Theilungsformen gesehen haben, 
die auf der Basis der Conjugation der beiden Individuen beruhen; zwei 
zusammenhängende Exemplare beschreibt auch Elmassian, der sich 
sonst nicht weiter mit dieser Frage beschäftigt, und glaubt sie als Gon- 
jugationsformen ansprechen zu dürfen (Taf. Y, Fig. 7). Letztere Formen 
kann man ebensowohl als junge noch nicht getrennte Individuen auffassen, 
mit um so mehr Berechtigung, da Elmassian die Kemtheilungsfrage 
überhaupt nicht studirt'hat. Die Angaben der ersteren Autoren sind 
sehr unklar gehalten und scheinen auch sehr zweifelhaft, da man etwas 
Derartiges sonst nicht bei Trypanosomen beobachtet hat. Die Frage wird 
ja bald bei weiteren vergleichend anatomischen Studien dieser Öebilde zu 
entscheiden sein, sobald man die verschiedenen Trypanosomaarten bei 
einander hat, und muss man, wenn derartige Gonjugationen thatsädüich 
vorkommen, den Trypanosomen eine ganz andere Stellung einräumen. 

Wenn wir somit den inneren Bau und den Entwiokelungsgang der 
Trj'panosomen kennen gelernt haben, müssen wir nunmehr zu unseren 
klinischen Beobachtungen zurückkehren und den Entwickelungscyclus im 
Körper des Pferdes verfolgen. Wir haben auf Grund verschiedener 
klinischer Beobachtungen zwei Krankheitsstadien angenommen und diese 
sind noch mehr differenzirt, wenn wir die Trypanosombefunde berück- 
sichtigen. 

Die Trypanosomen treten etwa am 5. bis 6. Tage nach der Infection 
mit dem Einsetzen der Fieberbewegung auf und wenn wir Anfangs in 
einem hängenden Tropfen nur ein oder wenige Keime beobachten, so 
wächst ihre Zahl konstant, derart, dass sie gleichen Schritt hält mit der 
Fieberbewegung. In den ersten 5 Tagen finden wir dagegen auch bei 
sorgsamster Untersuchung des Blutes nichts, offenbar, weU die Menge 
der Trypanosomen noch nicht gross genug ist, um in den relativ geringen 
Mengen, die zur Untersuchung kommen, mit Gonstanz angetroffen weiden 
zu können. Sobald nun die Temperatur über 40^ und mehr ansteigt, 
verschwinden die Trypanosomen auf eine bislang noch ziemlich rätbsel- 
hafte Weise. Auf der Acme der Fiebercurve findet man selten noch 
Keime, aber wenn man solche sieht, zeigen sie keinerlei Degeneration. Sie 
sind wohl ausgebildet und im hängenden Tropfen gut beweglich, im 
Gegensatz zu den postmortalen und extravasculären Vorgängen. Trotzdem 



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Das Mal de Cadbbas. 847 

wie sie gekommen sind, so verschwinden sie, ohne dass man einstweilen fär 
die Erscheinnng eine andere Erklärung heranziehen könnte, als die hohe 
Temperatur, bei der sie nicht mehr lebensMig wären. Diese Theorie 
hat allerdings viel Bestechendes, aber gegen ihre Richtigkeit spricht noch 
der Umstand, dass man im Reagensglas die Trypanosoma bei 40 bis 4P 
halten kann, ohne dass ihre Vitalität irgendwie beeinflusst wäre, und dann 
finden wir, dass in dem zweiten Stadium der Krankheit die Thiere wieder- 
holt über 40^ haben können, ohne dass die Trypanosomen verschwänden, 
oder wesentlich vermindert wären. Wenn wir uns nun vergegenwärtigen, 
dass jeder Organismus über Abwehrvorrichtungen in Gestalt gewisser 
chemisch und physiologisch greifbarer Schutzstoffe verfügt, und dass diese 
gewiss auch beim Pferd gegen Trypanosoma da sein müssen, so kann 
man sich wohl vorstellen, dass diese Stoffe besser einwirken bei einer er- 
höhten Temperatur, als bei niederer, wissen wir doch, dass das jedes 
Desinficiens ebenfalls thut. Damit bleibt es denn auch verständlich, 
warum ein Thier in späteren Stadien der Krankheit nicht mehr im 
Stande ist, die Trypanosoma zu bewältigen, einfach weil d^ spärliche 
Yorrath natürlicher Schutzstoffe längst verbraucht ist und das kranke Thier 
nichts Neues dafür an die Stelle zu setzen vermag. Diese Vorstellung 
kann wenigstens befriedigen, so lange bis wir etwas Besseres an ihre 
Stelle zu setzen haben. 

So massenhaft auch der Untergang der Trypanosomen sein mag. 
stets bleiben aber immer noch genug Lebewesen übrig, um die Art zu 
retten. Man kann auch in der fieberfreien scheinbar trypanosomenfreien 
Zeit, wenn man nur etwas grössere Blutmengen nimmt, immer die 
Krankheit mit Erfolg übertragen und haben wir Fehlimpfungen eigentlich 
nur 3 bis 4 Mal gehabt bei den Hunderten von Impfungen, die angestellt 
sind. Hat mit dem Schwinden des Fiebers die Einwirkung der proto- 
zooniciden Substanzen aufgehört, so hebt sogleich wieder die Vermehrung 
und Neubildung der Trypanosomen an. Nach 3 bis 5 Tagen erscheinen 
sie wieder im hängenden Tropfen und vermehren sich bis zur Acme des 
wieder einsetzenden Fiebers. Nun wiederholt sich die Zerstörung derselben 
und so geht das Spiel fort 3, 4, 6 und mehrfach, je nach der Resistenz 
des Thieres. Was nun die Anzahl der Trypanosomen betrifft, so findet 
man auf der Höhe ihrer Ansammlung etwa 10 bis 25 Proc. im Verhältniss 
zu den rothen Blutkörperchen. Gleich bei der ersten Attaque sind sie 
genau so zahlreich wie in allen späteren Stadien und niemals beobachtet 
man solche Ansammlungen im Blut wie bei anderen Thieren, worauf ich 
gleich zu sprechen komme. 

Anders ist der Verlauf in der zweiten Hälfte der Krankheit. 



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348 0. VoGES: 

Das kranke Pferd verliert allmählich an Widerstandskraft and so 
sehen wir, wie die Bestrebungen, die Trypanosomen los zu werden nur 
schwache Versuche bleiben, die höchstens zu einer unwesentlichen Yer- 
minderung der Erankheitskeime f&hren, ohne dass es indess wie in der 
ersten Periode der Krankheit nochmals zu einem mehrere Tage dauernden 
Verschwinden derselben käme. So tritt dann der Tod ein. Nach dem 
Tode findet man die Tiypanosomen immer nur kurze Zeit intact Es 
machen sich nach ein paar Stunden bereits Degenerationserscheinungen 
geltend. Die Trypanosomen ziehen ihre Ausläufer ein, der Körper quillt 
auf und nimmt unregelmässige Gestalten an, er wird durchsichtiger und 
löst sich schliesslich in eine Anzahl von Kügelchen auf, die rasch zer- 
fallen. 24 Stunden nach Eintritt des Todes ist es meist unmöglich, dass 
man noch lebende Trypanosomen findet. Es ist das von ausserordentlicher 
praktischer Bedeutung. Wir stellen damit fest, dass durch Leichen der 
an Mal de Caderas gefallenen Thiere kaum noch die Ejrankheit übertragen 
werden kann, und wenn man nur die Weiterverbreitung f&r 24 Standen 
hindert durch Zudecken der Cadaver, so kann man sie ruhig im Camp 
liegen lassen, ganz im Gegensatz zu allen Krankheiten, deren Err^;er, 
wie z. B. Milzbrand, Dauerformen bilden, die noch nach Jahren infectiös 
wirken. Man kann also auch nach 24 bis 48 Stunden ruhig das FeU der 
gefallenen Thiere abziehen und verwerthen. Viel Werth haben allerdings 
die FeUe derartig heruntergekommener Thiere nicht. 

Im Gegensatz zu diesen typisch verlaufenden Fällen kommen aber 
atypische vor, die man kennen muss, wenn man nicht diagnostische Lt- 
thümer begehen will. Es kann nämlich vorkommen, und ist das durch- 
aus nicht selten, dass die kranken Thiere kurz vor dem Tode noch einmal 
alle Kräfte aufraffen und kommt es, trotzdem Wochen laug vorher täglich 
die Trypanosomen im Blut nachgewiesen wurden, vor, dass dieselben ein 
paar Tage vor dem Tode verschwinden. Das hindert den Tod des 
herunter gekommenen Thieres keineswegs. Bei der Section gelingt es 
dann naturgemäss nicht, die Trypanosomen aufzufinden, nichts desto- 
weniger sind spärliche B-este vorhanden, und gelingt mit mehr oder 
weniger grossen Blutmengen die Infection sicher, so dass man durch den 
Thierversuch solche Fälle diagnostisch sicher stellen kann. 

Es bleibt nun noch übrig, festzustellen, in welcher Weise die Ver- 
theilung der Trypanosomen im Körper erfolgt. Tödtet man das Thier in 
einem Moment, in welchem zahlreiche Trypanosomen im Blut sind, so 
ist es leicht, dieselben in allen Organen nachzuweisen, natürlich am 
meisten in den an Blut reicheren Organen. Ich habe dabei nicht konsta- 
tiren können, dass in irgend einem Organ eine besondere Localisirong 
stattfände^ auch konnte ich ebenso wenig besondere Entwickelungsformen 



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Das Mal de Cadebas. 849 

oder auch besonders zahlreiche Entwickeluiigsformen beobachten , die 
irgend einen bestimmten Gegensatz zu dem im Blut betroffenen Verhält- 
nisse im Sinne von Pradilectionssitzen darböten. Naturgemäss fanden sie 
sich zahlreich in Milz, Lymphdrüsen, Leber u.s. w. Auffallender Weise waren 
sie im Knochenmark weniger zahlreich, als man hätte erwarten dürfen, 
ebenso fanden wir sie selten im MeduUarrohr. Wie in den Organen kann 
man die Trypanosomen aber auch in den Körperhöhlenflüssigkeiten wie 
den Exsudaten von Pleura, Pericard, Peritoneum und der Gelenke finden. 
Auch im Urin lassen sie sich nachweisen. Es ist das weiter nicht auf- 
fallend, wenn man berücksichtigt, dass auch die Blutzellen hier überall 
angetroffen werden. 

Untersucht man nun Leichen, in denen im Blut keine oder wenige 
Keime gefunden wurden, so macht man dieselben negativen Befunde in 
den Organen. Ich glaube also annehmen zu dürfen, dass die Entwicke- 
lung und das ganze Leben der Trypanosomen sich wesentlich im Blut 
abspielen. 

Wenn ich hiermit die biologischen Daten über die Trypanosomen 
schliesse, so bleibt uns nun noch die Frage zu beantworten, wie die 
Trypanosomen sich bei der TTeberimpfung auf andere Thiere verhalten. 
Wir werden da nach einander eine ganze Beihe von Thieren besprechen 
müssen. Zunächst die nahen Verwandten des Pferdes, den Esel und das 
Kreuzungsprodukt Beider, das Maulthier. Auch diese beiden Thierarten 
erliegen ausnahmslos der Infection genau wie die Pferde, aber es besteht 
doch ein wesentlicher Unterschied bezüglich der Dauer der Krankheit. 
Beide Thierarten leben ganz bedeutend länger, die Krankheit kann viele 
Monate, ja sogar ein Jahr und länger dauern, wenn man den Thieren 
eine einigermaassen gute Behandlung zu Theil werden lässt Monate 
vergehen überhaupt, ehe das Körpergewicht der Thiere wesentlich ab- 
nimmt, und mau merkt beim besten Willen nicht, dass die Thiere krank 
sind. Diese Thatsache hat dazu geführt, dass man in den Mal de Caderas- 
gegenden vielfach Maulthiere und Esel eingeführt hat, da die Pferde zu 
schnell eingingen und diese letzteren Thierarten immerhin für Monate 
arbeitsföhig sind. Eine Erklärung für dieses wichtige Factum finden wir 
sofort, wenn wir Blut Untersuchungen vornehmen. Man findet nämlich 
Tage und Wochen lang das Blut frei von Trypanosomen, und in der Kegel 
erlebt man auch bei eifrigster täglicher Blutuntersuchung in einem 
Zeitraum von 2 Monaten nur eine einzige Attaque, wo die Trypanosomen 
etwas reichlicher im Blute vorhanden sind. Aber die Anzahl derselben 
ist auch dann noch geringer als beim Pferd in einer Attaque, und die 
Zeitdauer des Nachweises derselben ist manchmal nur auf einige Stunden, 
im günstigsten Fall auf ein bis zwei Tage beschränkt. Das kann nur dadurch 



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350 0. VoGBs: 

erklärt werden, dass Esel und Maulthier über ganz bedeutende Wider- 
standskräfte verfügen, welche dem Trypanosoma das Aufkommen sehr er- 
schweren. Es würde mich auch nicht Wunder nehmen, wenn man Thiere 
anträfe, die die Krankheit überstanden hätten. Wenn das irgendwie 
möglich ist, muss das hier geschehen. 

Offenbar kommt diese Widerstandsfähigkeit in erster Linie dem Esel 
zu, und es ist sehr interessant, dass der männliche Esel bei der Kreuzung 
mit Stuten, wie es hier allgemein geschieht, die relative Immunität über- 
trägt, ein Beweis, dass die natürliche Immunität keineswegs immer durch 
das mütterliche Blut hervorgerufen wird. Zum Beweis dafür, da^ das 
Blut auch der Esel- und Maulthiere stets die Trypanosomen enthält, 
vermag ich anzuföhren, dass es in jedem Stadium der Krankheit möglich 
ist, mit genügend grossen Mengen Blutes die Krankheit zu reproduciren. 

Aus diesen Befunden erhellt jedoch zur Genüge, warum diese Thier- 
arten so viel länger leben als die Pferde. 

Gegen Ende der Krankheit treten allerdings auch ähnliche klinische 
Symptome auf, wie bei den Pferden, starke Abmagerung, taumelnder 
Gang u. 8. w., und erliegen auch diese Thiere schliesslich am Marasmus. 

Da das Experimentiren mit Pferden, Maulthieren und Eseln etwas 
kostspielig und umständlich ist, so lag es nahe, Infectionen an den ge- 
bräuchlichen Laboratoriumsthieren auszuführen. Meine eigenen Beob- 
achtungen haben nun das Folgende ergeben. 

Am allerempfanglichsten für die l^panosomen sind die Mäuse, so- 
wohl weisse wie graue Hausmäuse. Inficirt man die weissen Mäuse mit 
nur einem Tropfen Trypanosomablut subcutan oder intraperitoneal, so 
kann man schon nach 20 Stunden in dem dem Schwanz entnommenen 
Blutstropfen die Trypanosomen nachweisen. Graue Hausmäuse sind etwas 
widerstandsfähiger, bei ihnen finden sich die Trypanosomen erst am 
3. Tage nach der Infection. Es kommt nun zur allmählichen Yermehrong 
der Trypanosomen, die von Tag zu Tag zahlreicher auftreten. Bei weissen 
Mäusen sind am 4. und 5. Tage ganz ungeheuere Mengen im Blute, der- 
artig, dass ihre Anzahl grösser ist, als die der rothen Blutkörpeichen, 
Unmengen, die man bei den oben erwähnten Thieren niemals beobachtet. 
Die Thiere sind dabei völlig munter; erst kurz vor dem Tode treten coma- 
tose Zustände ein, die Stunden lang dauern können, der Tod kann aber 
auch ohne Vorboten eintreten. Entsprechend dem späteren Auftreten der 
Trypanosomen im Blute der grauen Hausmäuse dauert auch die Er- 
krankung derselben länger, sie sterben etwa am 12. bis 14. Tage nach 
der Impfung. Einige Tage vor dem Tode finden wir ebenfalls diese 
fabelhaften Mengen von Trypanosomen im Blute, auch sonst ist ihr Yer- 
lialten ganz analog denen bei weissen Mäusen. 



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Das Mal de Cadebas. 351 

Wir müssen also constatiren, dass Mäuse ganz ausserordentlich em- 
pfanglich sind, die Trypanosomen treten enorm früh im Blute auf und 
ausnahmslos erliegt jede Maus der ersten Attaque. Ihre Empfänglichkeit 
ist also ganz bedeutend höher als die der Pferde, ja die Maus ist über- 
haupt das empfänglichste Thier, welches wir kennen gelernt haben. Es 
eignet sich die Maus daher ganz besonders zu den verschiedensten Ex- 
perimentalstudien. Bei der Autopsie finden wir auch seröse Ergüsse in 
die Eörperhöhlen, Milzschwellung u. s. w., viele Aehnlichkeiten mit den 
bei Pferden beobachteten pathologischen Daten. 

Ratten. 

Auch Ratten sind für die Infection empfänglich. Weisse Ratten 
haben nach 2 bis 3 Tagen Trypanosomen im Schwanzblut, etwas wider- 
standsföhiger sind die bunten gefleckten Ratten, welche aus Kreuzungen 
von weissen Ratten mit Wanderratten hervorgegangen waren. Hier treten 
die Trypanosomen erst nach 4 bis 5 Tagen auf. Noch resistenter sind 
die grauen Ratten, hier finden wir die Trypanosomen erst am 5. bis 7. 
Tage im Blute. Aehnlich wie bei den Mäusen nimmt die Zahl der 
Trypanosomen täglich zu, auch hier werden enorme Mengen beobachtet, 
derart, dass sie die Anzahl der rothen Blutkörperchen überragen. Bei 
grauen Ratten tritt aber noch der bemerkenswerthe Unterschied auf, dass 
die Thiere die Trypanosomen bewältigen können und es so ähnlich wie 
beim Pferd zum nahezu vollständigen Verschwinden derselben kommen 
kann, so dass man sie nicht mehr nachweist im hängenden Tropfen. 
Aber nach 5 Tagen treten sie dann wieder auf, nun aber kommt es kaum 
noch zu solch enormen Vermehrungen, dem erneuten Ansturm pflegt die 
Ratte leicht zu erliegen. Ich betone noch, dass es immer nur ein Bruch- 
theil der Ratten ist, der derart widerstandsfähig ist, die meisten erliegen* 
der ersten Attaque. 

Man sieht ^o, dass die Ratten ein klein wenig widerstandsföhiger sind, 
wie die Mäuse. Bei der Section findet man übrigens ähnliche pathologische 
Veränderungen, wie bei Mäusen. 

Kaninchen. 

Auch Kaninchen sind für die Infection empfänglich, sie erliegen auch 
ausnahmslos, aber doch machen sich Mäusen und Ratten gegenüber einige 
recht bemerkenswerthe Abweichungen geltend. Einmal ist die Krankheit 
bedeutend länger dauernd, etwa 1 bis 3 Monate. Dann aber beobachtet man 
bei den Blutuntersuchungen, dass die Trypanosomen äusserst spät im 
Blute auftreten. Ich habe bei täglichen Untersuchungen sogar in 4 Wochen 
keine Trypanosomen nachweisen können. Die Thiere sind Wochen lang 



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362 0. VoGBs: 

munter, magern aber schliesslich auch ab. Das Fieber ist ganz nnregel- 
mässig. Ich habe Fiebersteigangen auf 42^ beobachtet, ohne dass Torher 
oder während desselben die Trypanosomen aufgetreten wären. Im Ver- 
laufe der Erkrankung haben wir an den Augen und Nasen der Thiere 
eigentümliche Veränderungen beobachten können. Die Thiere bekommen 
Catarrhe der Conjunctiven, die Augen thränen, werden trübe, sondern 
ein eitriges Secret ab, durch das die Augenlider verklebt werden, allmah- 
lich gehen so die umgebenden Haare aus und das Sehvermögen wird 
schliesslich beträchtUch vermindert. Es müsste der Totalverlust des Auges 
eintreten, wenn die Thiere nicht vorher stürben. Diese Vorgänge spielen 
sich auf beiden Augen gleichzeitig ab. Auch an der Nase kommt es za 
entzündlichen Erscheinungen, die zu Verklebungen der Haare und Haar- 
ausfall führen. Bei männlichen Kaninchen beobachtet man Anschwellung 
der Hoden, ohne dass der Penis betheiligt wäre. Die Hoden können auf- 
brechen und an secundärer Infection vereitern. Im entzündeten Koim 
finden sich ebenfalls Trypanosomen. Auch an der Vulva der weiblichen 
Thiere beobachtet man ähnliche entzündliche Erscheinungen mit Borken- 
bildung u. s. w., so dass sogar Eothstauung hervorgerufen werden kann. 

Beim Tode der Kaninchen finden wir die Trypanosomen in allea 
Organen in ähnlicher Weise vertheilt, wie bei den bereits erwähnten 
Thieren. Auch Milzschwellung und seröse Exsudate fehlen nie. Es kann 
aber vorkommen, dass die Thiere ähnlich wie die Pferde in einem Moment 
sterben, wo keine Trypanosomen nachweisbar sind. 

Das Kaninchen ist somit bereits bedeutend resistenter, als Mäuse und 
Ratten, zu Studien über Trypanosomen ist es aus diesem Grunde auch 
wenig geeignet. 

Hunde. 

Auch der Hund ist empfanglich für Trypanosomen. Wir haben einen 
Hund verloren, der immer das Fleisch von den getödteten Pferden frass. 
Man soll sich aber nicht vorstellen, dass die Infection nun per os erfolgt 
sei. Wir müssen annehmen, dass die Trypanosomen durch irgend eine 
Wunde Eingang in die Blutbahn gefunden haben, was um so sicherer 
war, als besagter Hund oft Wunden hatte, da er sich inotmer mit anderen 
Hunden biss. Hunde leben etwa 2 bis 3 Monate. Allmählich werden 
sie stumpfer, magern ab, hören nicht mehr auf Anruf, schlafen, ver- 
kriegen sich in dunkle Ecken und bekommen einen dicken Kopf (Bulldoggen- 
gesicht) in Folge von Oedemen, die besonders die Augenlider betreffen. 
Die Conjimctiva wird dann in Mitleidenschaft gezogen und beobachtet 
man auch Secretabsonderungen , ähnlich, wie bei den Kaninchen. Die 



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Das Mal de Cadekas. 353 

Wimpern Tereitem wie anch die umstehenden Haare. Das Sehvermögen 
leidet ebenfalls durch diese chronische Conjunctiyitis. 

Sehr auffallend sind auch Oedeme des Scrotums, die durch die An- 
schwellung der Testikel bedingt sind. Diese Schwellung kann auch 
gänzlich fehlen, oder auch nur temporar auftreten. Der Penis ist dabei 
nicht betheiligt. 

Bei der Section findet man Milzschwellung und seröse Exsudate der 
Körperhöhlen. Auch die Trypanosomen Termisst man nicht. Der Hund 
kann aber auch verschiedene Attaquen aushalten, da es Tage giebt, an 
denen keine Trypanosomen im Blute gefunden werden. Im Uebrigen unter- 
scheiden sich die Hundetrypanosomen in nichts von denen, die man bei 
Pferden findet. Man kann die Empfänglichkeit des Hundes etwa gleich- 
stellen mit der des Kaninchens, vielleicht, dass sie etwas geringer ist. 

Schafe und Ziegen 

erliegen ebenfalls der Infection, sie leben einige Monate ohne besondere 
Krankheitsmerkmale zu zeigen, schliesslich magern sie ab und sterben 
plötzlich ohne Vorboten. Die Trypanosomen findet man wie beim Pferd 
nur periodisch beim Schaf, für die Ziege sind diese Versuche noch nach- 
zuholen. 

In der Empfanglichkeitsscala folgen diese Thiere etwa dem Hunde. 

Hier möge noch erwähnt werden, dass wir auch einen Affen Nicti- 
pithecus Felinus tödten konnten; aus Mangel an Thieren konnten die 
Versuche indess nicht weiter ausgedehnt werden. Ebenso sterben Katzen 
nach etwa 4 Wochen, ohne während des Krankseins besondere Symptome 
gezeigt zu haben. Endlich haben wir 2 Nutria, welche Dr. Zabala ge- 
schenkt bekommen hatte, tödten können. Diese Thiere sind ausser- 
ordentlich empfanglich, wie die Ratten imd Mäuse, der Tod tritt unver- 
muthet und plötzlich ein, etwa nach 10 Tagen. 

Eine besondere Besprechung verdienen noch die Studien, die wir am 

Meerschweinchen 

gemacht haben. Meerschweinchen sind bedeutend weniger empfänglich 
als die anderen Thiere, die wir oben erwähnt haben. Es sterben un- 
geföhr die Hälfte oder zwei Drittel der geimpften Thiere. Man kann^ 
aber am Meerschweinchen ganz besonders das Schicksal der Trypano- 
somen verftdgen, wenn man die Thiere intraperitoneal impft, indem man 
jeder 2^it mittels feiner Capillarröhrchen aus der Bauchhöhle eine 
Exsudatprobe herausholen kann, untersucht man nach 24 Stunden das 
Exsudat im Mikroskop, so findet man noch zahlreiche, wohlbewegliche 
Trypanosomen neben einer grossen Menge von rothen und einigen weissen 

Zeit0cbr. f. H^ene. XXXTX. 23 



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354 0. VoaBs: 

Blutkörperchen. Macht man nach Romanowskj Färbungen, so bemerkt 
man einige Besonderheiten, eine Reihe der Trypanosomen hat eine unregel- 
mäBsige Gestalt angenommen, das Plasma färbt sich weniger intensiv. 
Diese Bilder könnten den Anschein erwecken, als ob es sich um destruc- 
tive Vorgänge handelte, ein ürtheil, zu dem man unfehlbar kommen muss^ 
wenn man nicht die Eemtheilung berücksichtigt. Diese zeigt aber sofort, 
dass es sich um Bestrebungen von Seiten der Trypanosomen handelt, sich 
zu vervielfältigen, der Vorgang ist indess kein degenerativer, sondern ein 
regenerativer. Untersuchen wir so täglich diese Thiere weiter, so zeigt 
sich, dass allmählich die Zahl der rothen Blutkörperchen abnimmt, bis 
sie nach ca. 5 bis 8 Tagen (je nach Menge derselben) einigermaassen 
verschwunden sind. Dagegen finden wir an deren Stelle nun allmählich 
eine grosse Menge Leukocyten, die so zahlreich sind, dass das Exsudat 
nur zähflüssig ist Die Trypanosomen nehmen allmählich im Exsudat ab. 
Aber man findet noch nach 7 Tagen eine genügend grosse Menge, die 
nur dadurch, trotz Abgabe einer Anzahl derselben aus Blut, erklärlich er- 
scheint, dass im Peritoneum selbst Neubildungen erfolgen. Wenn abe(r auch 
die Neubildung, wie man sie mit Hülfe von Bomanowsky'sFärbung jeder Zeit 
erkennen, kann, vorbanden ist, so machen sich auf der anderen Seite Abwehr- 
bestrebungen — als welche wir ja auch das Einwandern von Leukocyten 
auffassen müssen, bemerkbar, dem viele Tiypanosomen erliegen, so dass 
nach einem verschieden langen Zeitraum die Trypanosomen aus dem Bauch 
verschwinden, theils weil sie in das Blut übergegangen sind, theils weil 
sie zerstört sind. Die Möglichkeit, Trypanosomen zerstören zu können, 
ist überhaupt beim Meerschweinchen eine ganz bedeutend hohe, wie die 
Heilungsprocesse zeigen. Die Meerschweinchen, welche sterben, sterben 
in der Regel im 2. bis 5. Monat nach der Infection, später ist das nur 
ausnahmsweise der Fall. Wir haben Meerschweinchen, die über ein Jahr 
gelebt haben, dick und gross geworden sind und verschiedentlich Junge 
gehabt haben; männliche Meerschweinchen verlieren meist die Zeugungs- 
föhigkeit. Ein eigenthümliches Resultat ergab ein Versuch, in dem ein 
Meerschweinchen (gesund geworden?) nach 2 Monaten mit 2 <^^ Trypanosom- 
blut geeimpft wurde. 20 Minuten nach der Impfung war das Thier sehr 
elend, sass da mit gestreubtem Haar, eingezogenen Flanken, hatte Husten 
und Erbrechen, die Athmung war vermehrt und krampfartig. Die Temperatur 
fiel in IV2 Stunden bis auf 27^ C. Am Abend des Tages erholte sich 
das Thier allmählich, am andern Morgen war es wieder vollkommen ge- 
sund. Das zur Infection verwandte Blut war völlig bakterienfrei, wie 
Culturen ergaben, auch war es ganz frisch vom Pferd entnommen. Die 
Dosis von 2^^^ Blut schadet an sich den Meerschweinchen nichts. Die 
Trypanosomen konnten noch am 3. Tage nach der Infection, wenn auch 



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Das Mal de Cadebas. 355 

spärlich, im Banchhöhlenezsudat nachgewiesen werden. Es zeigte sich 
jedoch, dass die zn verschiedenen Zeiträumen aus der Bauchhöhle ent- 
nommenen Trypanosomen schon nach 1 bis 2 Stunden im hangenden 
Tropfen abgetödtet und zerstört waren, woraus geschlossen werden muss, 
dass dieses Thier über Kräfte verfügt, — welche dem normalen Meer- 
schweinchen fehlen — die eine Zerstörung der Trypanosomen in gewissem 
Umfange bedingten, wodurch dann wohl die rapide Intoxication, um die 
es sich handelte, erklärt werden mag. Es scheint sich hier entschieden 
um beginnende Immunitätsäusserungen zu handeln, wofür bereits noch 
anderweitige Beobachtungen vorliegen, auf die ich später eingehen will. 

Das Rind 

ist das einzige Thier, welches unempfönglich für das Mal de Caderas zu 
sein scheint. Wir haben ein Thier über 1 V2 Jahr im Versuch und trotz 
Impfungen mit grössten Dosen trypanosomahaltigen Blutes ist es voll- 
kommen gesund und nimmt an Gewicht ständig zu. 

Auch auf Nichtsäugethiere ist die Krankheit übertragbar. Von den 

Vögeln • ' 

haben wir Hühner, Enten und Puter nach subcutaner, wie intraperitonealer 
Infection tödten können. Hühner erliegen in der 2. bis 3. Woche, sie 
magern stark ab, zeigen während des Lebens sonst keine besonderen 
Krankheitserscheinungen, einige Stunden vor dem Tode fallen sie um und 
liegen dann in Agone bis zum Tode. Bei der Section ist die Haut wie 
die Musculatur auffallend trocken. Der Nachweis der Trypanosomen ge- 
lingt nur äusserst schwer. 

Ich will hiermit die Besprechung der Impfversuche zu Uebertragungs- 
z wecken schliessen. Wir sehen, dass das Trypanosoma im Allgemeinen 
ein äusserst gefährlicher Krankheitserreger ist, gegen den die meisten 
Thiere völlig hülflos sind, sobald die Infection einmal geschehen ist. 

Der Modus der Ausbreitung der Trypanosomen ist, nachdem die 
Infection stattgefunden, immer der gleiche. Bei subcutaner Impfung 
kommt es local kaum zu nennenswerthen Veränderungen, eine diagnostisch 
sehr wichtige Thatsache. Die Trypanosomen gelangen durch die nächst- 
gelegenen Lymphspalten in die Lymphbahn, frühzeitig constatirt man 
dann auch die Schwellung der Lymphdrüsen, die manchmal (bei Mäusen 
und Hatten besonders) ausserordentliche Dimensionen annehmen können. 
Hier wird aber nicht Halt gemacht, sondern die Blutbahn inficirt, womit 
die allgemeine Körperinfection gegeben ist. Bei intraperitonealer Infection 
findet directe Vermehrung im Eeritoneum (Meerschweinchen) statt, von 

23* 



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356 0. VoGEs: 

hier auä geht das Virus ebenfalls durch Vermittelung der Ljmphwege in 
das Blut. Diese Umwege vermeidet die directe Impfong in die Blutbahn. 

Zum Studium der Entwickelung der Trypanosomen eignet sich ganz 
besonders Maus und Ratte, sowie das Meerschweinchen (Bauchhöhle), 
während die in anderen Thieren sich abspielenden mehr unregelmässigen 
Vorgänge weniger günstig für derartige Untersuchungen sind. 

Die Ernährung dieser Trypanosomen scheint hauptsächlich auf Kosten 
der rothen Blutkörperchen zu erfolgen. In jedem hängenden Tropfen kann 
man eine Anzahl derselben finden, die sich mit dem Schnabelende fast 
bis zur Hälfte des Frotoplasmaleibes ganz eng an ein rothes Blutkörperchen 
angeschmiegt haben, ja es hat manchmal den Anschein, als seien sie 
direct in die Zellen eingedrungen, sie allmählich aussaugend und zer- 
störend. Damit erklärt sich ungezwungen der enorme Zerfall der Eiytro- 
cyten und die Hämoglobinausscheidung. Wenn wir uns nun fragen, sind 
die Trypanosomen wirklich die Erreger der Krankheit, so müssen wir die 
drei Koch 'sehen Postulate beweisen. 

Beweise: 

h Der Erreger findet sich in jedem unter den Symptomen des Mal 
de Caderas erkrankten Thier. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Tiele 
Pferde die Lähmungen nicht zeigen, aber doch die Krankheit haben mit 
Fehlen dieses Symptoms. Auch in diesen Fällen ist das Trypanosoma 
Yorhanden, und erzeugen. Blutimpfungen von diesen Pferden wieder ganz 
typisches Mal de Caderas. 

2. Alle klinischen und pathologisch-anatomischen Erscheinungen finden 
ihre einfachste Erklärung in der Annahme des Trypanosoma equina als 
Erreger der Krankheit. 

3. Die Krankheit lässt sich mittels der Trypanosomen reproduciren. 
Der Beweis somit, dass das Trypanosoma equina der Erreger der 

Krankheit ist, dürfte als erbracht erscheinen. 

Nun taucht aber noch eine andere Schwierigkeit auf, dadurch, dass 
man mir entgegengehalten hat, dass die durch Trypanosoma erzeugte 
Krankheit keine bestimmte abgegrenzte sei, sondern eine der bekannten 
Trypanosomenkrankheit, mithin Trypanosoma equina identisch sei mit 
schon bekannten Trypanosomen. 

In der (Jattung Trypanosoma begegnen wir einer Reihe alter Be- 
kannter. Man findet Trypanosomen als harmlose Schmarotzer in dem 
Blute einer Reihe tou Fischen, andere in Fröschen. Auch in Südamerika 
sind nach persönlichen Mittheilungen des mir befreundeten Professor 
Dr. Robert Wernicke Trypanosomen im Froschblut eine alltä^che 
Beobachtung, 



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Das Mal de Cadbbas. 357 

Diese bei niederen Thieren vorkommenden Trypanosomen kommen 
für uns nicht in Betracht^ da sie nicht pathogen sind. 

In einer hiesigen Tageszeitung hat mir ein sachverständiger Anonymus 
vorgeworfen, mein Trypanosoma sei identisch mit dem bei Ratten ge- 
fundenen. Diese sind im Jahre 1877 von Lewis ^ zuerst entdeckt, später von 
Eent, Evans, Crookshank, Carter, Danilewsky, Schalaschnikoff- 
Lingard studirt und für identisch gehalten mit dem bei Surra beobach- 
teten Trypanosomen. Erst E. Koch stellt sie als besondere Species auf 
und machte auf ihre unterschiede gegenüber anderen Trypanosomen auf- 
merksam. Ihre Entwickelung zu kennen, verdanken wir der interressanten 
Arbeit von Eabinowitsch-Kempner, welche den Vorzug hat, unter 
R. Koch 's Auspicien entstanden zu sein. 

Vergleichen wir das Trypanosoma equina mit dem Rattentrypanosoma^ 
so ergiebt sich allerdings eine weitgehende Uebereinstimmung. Die Form 
beider ist zum Verwechseln ähnlich, ihre Entwickelung, soweit das bis jetzt 
festgestellt ist, ganz die Nämliche. Trotzdem sind beide grundverschieden. 

Wir haben zahlreiche wilde wie zahme Ratten auf Trypanosoma unter- 
sucht, aber bislang nie ein solches Lebewesen entdecken können. Auch 
Robert Wem icke hat früher zahlreiche Untersuchungen in dieser 
Richtung angestellt, ebenfalls mit negativem Resultat. Dieses ist in der 
That schon recht auffallend und lässt es mindestens zweifelhaft erscheinen, 
dass die beiden Trypanosomaarten identisch sind. 

Entscheidend aber für die Difforenzirung beider Arten sind aber die 
Uebertragungsversuche auf andere Thiere. 

Vandyhe Carter (bei Bütschli s. oben) verimpfte Ratten- 
trypanosoma auf Hunde, Katzen, Pferde und Affen. Die Versuche fielen 
negativ aus, die Blutparasiteu konnten im Blute zu keiner Zeit nachge- 
wiesen werden. 

R. Koch sagt in seinem Reisebericht, „die Uebertragung von Ratten- 
trypanosomen auf andere Thiere' als Ratten, ist mir bisher nicht gelungen. 
Im Blute von Ratten, welche bereits Rattentrypanosomen hatten und über- 
dies mit Surrablut geimpft waren, konnte ich beide Parasiten neben einander 
beobachten. Wurde solches Rattenblut, welches also beide Parasiten ent- 
hielt, auf einen Hund verimpft, dann erkrankte derselbe an Surra, er hatte iu 
seinem Blute nur die Surraparasiten. Die Rattentrypanosomen, für welche 
der Hund unempfänglich ist, waren verschwunden; ein Beweis dafür, 
dass sie verschiedenen Arten angehören.^' 



^ Lewis. Die nicht angegeboDe Litteratnr findet sich in der Arbeit von 
Lydia Rabinowitsch und Walther Kempner besprochen und angegeben. Diese 
Zeitschrift. Bd. XXX. S. 251 ff. 



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358 0. VoaEs: 

Weiter sagen Rabinowitsch-Kempner^.: „Es ist uns bisher nicht 
gelungen, die Battentrypanosomen auf eine andere Thierspecies zu über- 
tragen, so mannigfaltige Untersuchungen wir auch in dieser Richtung 
angestellt haben. Wir fanden wohl hier und da bei intraTenöser 
Injection in den ersten Tagen einige Parasiten im Blute wieder, zu einer 
eigentlichen Vermehrung ist es jedoch nie gekommen. Wir experimentirten 
vergeblich an weissen und grauen Mäusen, Feldmäusen, Meer- 
schweinchen, Kaninchen, Hund, Ziege und Pferd." 

Eine kurze Recapitulation unserer oben erwähnten Thierversuche 
genügt, glaube ich, um unter Berücksichtigung der eben mitgetheilten 
Versuche Koch 's und seiner Schüler jeden Gedanken an eine auch nnr 
mögliche Identificirung der beiden Trypanosomaarten von der Hand zu weisen. 
Selbst die vage Annahme von Virulenzschwankungen wird da Niemand 
auch nur aufstellen können, da etwas Derartiges weder bei dem emen 
noch bei dem anderen Trypanosoma je beobachtet ist. 

1881 beschrieben R. Koch und v. Wittich Trypanosomen bei 
Hamstern. 

Hamster kommen in Amerika überhaupt nicht vor, ob hei seinem 
Verwandten, dem Viscacha, Trypanosomen vorkommen, ist mir nicht 
bekannt geworden. Rabinowitsch-Kempner sagen: „Hamster, deren 
Blutparasiten von den Rattentrypanosomen morphologisch kaum zu 
diflferenziren sind, waren für letztere nicht empfanglich. Umgekehrt 
gelang es uns ebenfalls nicht, die Hamstertrypanosomen auf Ratten zu 
übertragen." 

Trypanosoma equina ist ausserordentlich infectiös für Ratten, mitbin 
sind auch diese zwei Arten gewiss ganz verschieden von einander. 

Weit eher wäre eine Verwechselung des Mal de Caderas mit der 
Beschälseuche der Pferde möglich. Diese im Jahre 1796 zuerst in 
Deutschland beobachtete Krankheit hat sich allmählich in ganz Europa, 
Algier und Syrien ausgebreitet. Diese Krankheit beginnt mit ödematöser 
oder phlegmonöser Schwellung des Genitalapparates, dem folgt eine All- 
gemeinerkrankung, wobei vorwiegend das Rückenmark in Form einer 
spinalen Lähmung, sowie die Haut in Form einer Vasoneurose (Urticaria), 
betroflfen wird (Friedberger und Fröhner s. oben). Daneben magern 
die Thiere bis zum Skelett ab, namentlich in der Hinterhand, so dass die 
Contouren der Beckenknochen und der Rippen stark hervortreten. Die 
Haut ist trocken, die Haare gesträubt und glanzlos. Das Sensorium ist 
getrübt, die Thiere gehen an Kachexie, Decubitus, hypostatischer Pneu- 
monie zu Grunde. Die Krankheit dauert V2 ^^ ^ Johi, zuweilen 2 bis 



» A. a. o. 



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Da8 Maij de Caderas. 359 

4 Jahre (diese Beobachtasgen sind gewonnen an bestem Zachtmaterial, 
Thieren, die natürlich weit widerstandsfähiger sind als nnsere Thiere). 
Die Mortalität betragt 70 Froceni 

Klinisch, das mnss man ohne Weiteres eingestehen, besteht eine 
ansserordentliohe Aehnliohkeit zwischen beiden Krankheiten. 

Diese Aehnliohkeit wird noch weiter geführt dadurch, dass es jüngst 
gelangen ist, ein Trypanosoma als Ursache der Erkrankung nachzuweisen. 
Chauvrat^ sah es zuerst 1892, später studirte es Bouget genauer und 
jetzt liegt eine ausführlichere Arbeit von Schneider und Bussard vor. 
Das Trypanosoma zeigt sich im Blute als aalformig, lebhaft sich 
schlängelnder Parasit, der bei 36 ^ bis zu 48 Stimden solche Bewegungen 
ausführt; das eine Ende des Parasiten ist schnabelförmig, das andere lang 
geisselformig ausgezogen. Letzteres ist nach Ansicht der Autoren das 
Kopfende. 

Der Parasit wird periodisch im Blute in grösserer oder geringerer 
Menge gefunden. Die Oedeme werden durch Gapillarverstopfong erklärt. 
Es werden die rothen Blutkörperchen zerstört. Durch Impfung lässt sich 
die Krankheit auf Pferde, Hunde, Kaninchen, Ratten, Mäuse und Esel 
übertragen. 

Die bei diesen Thieren, namentlich bei Hunden, heryorgerufenen 
Symptome gleichen ganz den bei Mal de Caderas beobachteten. Immer- 
hin findet sich ein Merkmal, welches auf die Verschiedenheit der beiden 
Krankheiten hinzudeuten scheint, das ist der Quaddelausschlag bei der 
Beschälseuche. Es treten dort besonders auf der Ejruppe, am Halse, Schulter, 
Brust und Bauch Flecken auf, markstück- bis thalergross und grösser, flach 
erhaben, rundlich bis fingerdick. Sie entstehen oft sehr rasch und können 
auch plötzlich wieder verschwinden und an anderen Körpertheilen auf- 
treten. Meist bestehen sie jedoch mehrere Wochen, wobei sie allmählich 
etwas härtere Consistenz erlangen und verschwinden langsam. 

Diese Flecken sind in den zahlreichen Experimenten, die wir an 
Pferden anstellen konnten, nie beobachtet. Es scheint das eine sehr zu 
beachtende Thatsache zu sein, denn auch die anderen Autoren, die Mal 
de Caderas gesehen und studirt haben, erwähnen nichts von den Quaddeln. 

Auch die an den Geschlechtsorganen vorkommenden Veränderungen 
haben wir bei Pferden nie beobachten kännen. Es will das aber nichts 
weiter bedeuten, wenn wir bedenken, dass die Eintrittspforte des Virus 
nicht die Geschlechtsorgane waren. Bei Hunden und Kaninchen gewahren 
wir ausserdem die gleichen Veränderungen wie sie das Trypanosoma der 
Beschälseuche verursacht. Bei der Spontanerkrankung im Camp hat man 



Siehe Referat: Deutsche ihierärztl, Woehensehrift. 1900. S. 284—235. 



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360 0. VoGEs: 

auch keine Geschlechtserkrankungen beobachtet, aber es will das nichts 
besagen, wenn wir berücksichtigen, dass die Infection nicht durch den 
Begattungsakt erfolgt. Bei der völligen XJebereinstimmung der bei beiden 
Krankheiten beobachteten Trypanosomen, bei der Identität der Thier- 
versuche, die mit beiden Erregem angestellt werden konnte, wage ich es 
vorläufig nicht, zu entscheiden, ob sie identisch sind oder nicht Ich 
muss auf den Gegenstand noch einmal zurückkommen bei der Besprechung 
der natürlichen Infection, und will vor der Hand die noch übrig bleibende 
Trypanosomakrankheit besprechen, die ebenfalls zu Verwechselungen mit 
dem Mal de Caderas geführt haben, der Surra. Diese Krankheit ist von 
Lingard^ zuerst in Indien studirt, von Bruce ^ ist dann das Trypano- 
soma entdeckt, aber noch von Beiden mit dem Rattentrypanosoma ver- 
wechselt, erst Koch' führte die Diflferenzirung beider Arten durch, von 
Flimmer und Bradford ist der Entwickelungsgang des Trypanosomas 
studirt. Die Krankheit kommt hauptsächlich beim Rindvieh vor, dann 
aber auch bei Pferden, Eseln, Kameelen, Elephanten (s. ob. Autoren). 
Künstlich übertragbar ist sie auf Ratten, Hunde (Koch), Kaninchen, 
Katze, Maus (Flimmer, Bradford). 

Bei Fferden verläuft die Krankheit gewöhnlich wie beim Mal de 
Caderas, mit Auftreten von pemiciöser Anämie, Abmagerung und Kachexie. 
Man hat nun behauptet, dass diese Krankheit mit der Beschälseuche 
identisch sei und nennt die letztere eine milde abgeschwächte Form der- 
selben. Ich glaube, das ist aus verschiedenen Gründen ebenso wenig der 
Fall, als dass sie identisch wäre mit dem Mal de Caderas. Diese Gründe 
sind folgende: 

1. Beschälseuche und Mal de Caderas sind nicht auf Rindvieh über- 
tragbar, während gerade das Rindvieh von Surra befallen ist. 

2. In den Mal de Caderas -Gegenden stirbt das Rindvieh nicht in 
Folge einer Surrakrankheit. 

3. Wir haben keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass die Trypanpsomen 
ähnliche Virulenzschwankungen zeigen wie die Bakterien, dass man die 
verschiedenen Krankheitsformen als durch verschieden virulente Trypano- 
somen hervorgebracht ansehen könnte. Im Gegentheil, in unseren vier- 
jährigen Experimenten hat sich die Virulenz immer als constant erwiesen. 
Alle die Einflüsse, von denen wir wissen, dass sie die Virulenz der 

* A. Lingard, Summary of further report on Surra. Government Central- 
press [Bombay] 1894 u. 1897. 

• D. Bruce, Preliminary report on ike UeUe-fly dUease or Sagana in Zulu^ 
land, Durban, Naial, 

^ A. a. (). Reisebericht 



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Das Mal de Cabebas. 361 

Bakterien beeinflussen, haben keinen Effect auf das Trypanosoma, wie z. B. 
Wärme oder Verimpfung auf verschiedene andere Thierrassen u. s. w. 
Es scheint etwas Derartiges nicht bei den Trypanosomen zu geben, ent- 
weder sie bleiben bei den verschiedenen Manipulationen am Leben und 
sind immer von der gleichen Infectionstüchtigkeit oder sie sterben eben 
ab. Eine Berechtigung, die Trypanosomen der Beschälseuche und des 
Mal de Gaderas etwa als abgeschwächte Surraparasiten aufzufassen, die 
Kühe nicht mehr attaquiren, wohl aber noch Pferde, ist durch Nichts 
begründet. 

Ausschlaggebend dürfte aber der vierte Ghrund sein. 

4. Koch sagt in seinem Reisebericht, S. 70: „Es wurden Ratten, 
sämmtlich in Daressalam, aber in verschiedenen Häusern gefangen, unter- 
sucht und in der That im Blute Parasiten gefunden, welche den Surra- 
Parasiten auf den ersten Blick gleich zu sein schienen, sich aber doch 
bei weiterer Untersuchung als eine von diesem verschiedene Tryponosoma- 
Art herausstellten. Sie sind etwas länger und schlanker als Surra-Try- 
panosoma und unterscheiden sich von demselben besonders dadurch, dass 
das Kopfende in einen langen, schnabelartigen Fortsatz aus- 
läuft, während der Surra-Parasit am Kopfe fast stumpf endigt." 
(S. auch die Figuren.) 

Plimmer-Bradford^ drücken sich in Bezug auf das Kopfende 
etwas unbestimmter aus, wenn sie von „dicker, steifer Spitze" reden. 

Wo Koch ausdrücklich von diesem Formunterschied des Kopfendes 
redet, unterliegt es für mich keinem weiteren Zweifel mehr, dass die 
Form beider Trypanosomen verschieden ist und damit die Krankheiten 
durch verschiedene Erreger bedingt sind. Nun hat aber das Trypanosoma 
equina ähnliche Form des Schnabels wie das Rattentrypanosoma, mithin 
ist es ausgeschlossen, dass es sich um Surra-Trypanosoma handelt 

Ich denke, diese vier Beweise genügen vollkommen, um sowohl die 
Verschiedenheit zwischen Surra und Beschälseuche, als auch zwischen 
Surra und Mal de Caderas für immer sicher zu stellen. 

Wenn wir nun das Trypanosoma equina nur bei Mal de Caderas- 
kranken Pferden aber nie bei gesunden finden, wenn wir seine streng 
specifische Bedeutung und Wirkung gegenüber allen ähnlichen Krankheiten 
festhalten müssen, wenn wir ferner gesehen haben, wie sowohl verschiedene 
Trypanosomen wie auch andere- im Blute kreisende kleinste Lebewesen 
(Filaria bei Hunden s. oben) immer wiederkehrend ähnliche und gleiche 
Krankheitsformen hervorrufen, so dürfte damit die Stellung des Trypano- 
soma equina wohl zur Genüge gesichert sein. 

> A. a. O. 



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362 0. VoaEs: 

Es entsteht nan die grosse Frage, wie findet die Spontaninfection 
mit dem Trypanosoma statt. Die Frage ist nicht einfach zu beantworten 
und noch nicht definitiv gelöst. 

Aus den oben mitgetheilten Experimenten geht hervor, dass das 
Trypanosoma immer nur durch Wunden, Stiche u. s. w. in den Körper 
gelangt, nie mit dem Futter u. s. w. Wie findet nun diese Einimpfung 
statt? Durch Rabinowitsch-Eempner wissen wir, dass bei der Batten- 
trypanosomakrankheit die Flöhe die Uebertragung Termitteln, das Blut 
der kranken Thiere saugend und auf gesunde überimpfend beim Stich. 

Durch die schöne Arbeit von Bruce wissen wir, dass die Tsetsefliege 
in ähnlicher Weise die Blutübertragung bewirkt und diese Thatsache ist 
durch Koch selbst in OstaMka bestätigt. Durch Boss und Koch 
wissen wir, dass die Malaria durch Mosquito allein übertragen wird, welche 
das Blut von kranken Vögeln bezw. Menschen saugen, während das Plas- 
modium sogar im Mosquito noch einen ganz besonderen Entwickelungs* 
cyclus durchmacht. 

Durch Smith und Eilborne ^ wissen wir, dass das Texasfieber durch 
blutsaugende Zecken (Boeophilus bovis) verbreitet wird. 

Nach Manson übernehmen Mosquito in Japan und China die 
Filariainfection. 

Air diesen Seuchen, die gewisse Beziehungen zum Mal de Caderas 
haben, steht die Beschälseuche gegenüber, die allein durch den Beschälakt 
übertragen wird. 

Es ist das eigentlich geradezu wunderbar, dass nicht auch diese Tij- 
panosomenkrankheit durch Zwischenwirthe (Blutsauger) übermittelt wird 
und in der That, wenn wir sehen, wie wir durch den kleinsten Impfetich 
mit Trypanosomablut die Erankheit übertragen können, so kann man sich 
diese sonderbare Thatsache nur dadurch erklären, dass man annimmt, es 
fehlt an einem geeigneten Blutsauger, und wäre der da, so würde man 
sicher die Beschälseuche nicht mehr als solche bezeichnen, sondern als 
eine mörderische Pferdesterbe. Für den Norden Europas braucht man 
das kaum zu fürchten. Die Trypanosomen sind relativ gebrechliche Ge* 
bilde und ausserhalb der Blutbahn sterben sie bei niederen Temperaturen 
rasch ab. Anders aber mögen sich die Dinge gestalten, wenn die Seuche, 
wie das jetzt in der That bereits der Fall ist, sich nach Afrika (Algier) 
ausgebreitet hat. Da scheint mir, dass. die grösste Besorgniss vorhanden 
ist, dass wir eine allgemeine Pferdesterbe züchten, die womöglich als neue 



^ l*h. Smith and Kilborne, Iiivestigations into the nature, cansation and 
preveütion of texas or wathern cattle fever. (Bullet of I, V, S, Deport, of Ägri- 
eulture, Borean of animal Indnstry. Washington 1898.) 



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Das Mal de Cadbeas. 363 

Krankheit studirt werden könnte. Erfolgt dann die Masseninfection nicht 
mehr vom Genitalapparat ans, sondern von der Haut ans, so werden anch 
die Primäxerscheinnngen nicht mehr „syphilisartig" sein nnd die DiflFerential- 
diagnose zwischen Beschälsenche und Mal de Caderas wird äusserst schwer, 
ja unmöglich sein. 

Wer will nun behaupten, dass dies nicht längst im subtropischen 
und tropischen Südamerika geschehen sei? Mir fehlt dazu nur noch der 
Nachweis, dass auch Qenitalerkrankungen beim Mal de Caderas vorkommen, 
ich lasse in dieser Sichtung noch Nachforschungen anstellen, auf deren 
Resultat ich äusserst gespannt bin. 

Jedenfalls geht aus all' dem gesammelten Material, aus all' den Ex- 
perimenten hervor, dass das Mal de Caderas ebenfalls durch einen Blut 
saugenden Zwischenwirth verbreitet wird. 

Welcher Art ist nun derselbe? 

Dieser Zwischenwirth kann nur in warmen Zonen fortkommen, da 
sonst kein Grund vorläge, warum das Mal de Caderas sich nicht weiter 
nach dem Süden ausbreitet und warum wir im Laboratoriumsstall keine 
Infectionen erlebt haben, wo nur ein einziges Mal eine Spontaninfection 
erfolgte, über deren Zustandekommen nur Yermutbungen angestellt 
werden könnten. 

Auf meine Anfrage erhielt ich vom Gouvernement von Formosa ein 
sehr interessantes Schreiben. 

Es giebt eine ganze Reihe blutsaugender Insecten, die die Pferde 
stechen. Es sind das Tabanus, von denen es nach einer Mittheilung 
der besten argentinischen Autorität in diesem Fach, des Directors des 
zoologischen Museums hier, Dr. Berg, eine ganze Anzahl verschiedener 
Varietäten giebt; die Mosca brava, eine Fliegenart, die der Tsetsefliege 
ganz ausserordentlich ähnlich ist, die verschiedensten Mosquitoarten, femer 
die unter dem Namen Folvorin und Jejene bekannten Insecten. Endlich 
kommen noch die Blutegel in Betracht 

Es ist nothwendig, mit allen diesen blutsaugenden Thieren Versuche 
anzustellen. 

Wir haben dabei zu berücksichtigen, dass man beobachtet hat, dass 
bestimmte Beziehungen der Krankheit zu den Regengüssen und Vor- 
kommen von Sümpfen vorhanden sind. Von dieser Vorstellung ausgehend 
haben wir Versuche mit Blutegeln angestellt, dieselben sind aber wieder- 
holt negativ ausgefallen, da der Blutegel wohl saugt, aber nicht sticht. 
Versuche mit stechenden Insecten, unter denen vor allem die Mosca brava 
wichtig zu sein scheint, sollen noch gemacht werden. 

Es kann sich dabei vor allem nur um Zwischenwirthe handeln, welche 
nur in der wärmeren Zone vorkommen, da sonst nicht verständlich wäre, 



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364 0. Vo&Es: 

warum die Seuche nicht in die kälteren Zonen übergreift und andererseits 
die Krankheit bei Pferden u. s. w. ganz gleich in Buenos Aires wie in 
Paraguay verläuft. 

Die Lücke, die hier noch auszufüllen bleibt, braucht uns aber keines- 
wegs zu hindern, uns nach Maassnahmen umzusehen, um die Krankheit 
zu bekämpfen, was schliesslich doch der Endzweck unserer ganzen 
Studien ist. 

Wir können die Mittel, die wir haben um Krankheiten zu bekämpfen, 
in zwei Gruppen theilen, erstens allgemeine Maassnahmen, zweitens die 
Anwendung speciell wirkender Mittel. 

Seitdem man überhaupt angefangen hat, sich mit dem Studium der 
Krankheit zu beschäftigen, hat man nicht aufgehört, die yerschiedensteD 
Mittel zur Bekämpfung zu erproben und, wie das meist immer bei Laien- 
experimenten zu gehen pflegt, als erfolgreich anzupreisen. 

Der wirklich positive Erfolg ist aber immer gleich Null geblieben 
und musste es auch bleiben, da das Wesen der Krankheit völlig unbekannt 
war. Nun aber kennen wir das Letztere genügend, um daraufhin doch 
schon eine Reihe äusserst pi*aktischer Vorschläge machen zu können. 

unter den allgemeinen Maassnahmen stand früher obenan das Ver- 
brennen der Cadaver. Diese Maassnahme kann man ruhig fallen lassen, 
nachdem wir wissen, dass schon nach 24 Stunden die Trypanosomen ver- 
schwunden sind. Es würde völlig genügen, die gefallenen Thiere zuzu- 
decken, dass die Fliegen u. s. w. nicht daran können, nach 24 Stunden 
kann man ruhig das Fell abziehen und verwerthen. Ist auf einem Camp 
die Seuche ausgebrochen, so soll man die Thiere sofort fortbringen in ein 
anderes, hoch und trocken gelegenes Terrain, damit bringt man die Seuche 
am einfachsten zum Erlöschen. Als sehr zweckmässig würde es sich er- 
weisen, die bereits erkrankten Thiere sofort zu tödten, da dieselben doch 
absolut keinen Werth mehr haben, weil sie dem sicheren Tode verfallen 
sind. Es hat sich ferner als genügend sichere Maassnahme erwiesen, 
wenn man die Thiere nicht, wie das bisher geschah, im freien Camp 
umherlaufen lässt, sondern sie im Stall hält, damit allein kann die 
Krankheit mit Bestimmtheit ferngehalten werden. Will man ein übriges 
thun, so kann man die Ställe ja mittels Drahtgazefenster und Drahtgaze- 
doppelthüren so gut verschliessen, dass keine blutsaugenden Insecten Zu- 
tritt erlangen. Diese Maassnahme, welche auf den ersten Anblick hin 
etwas kostspielig und umständlich erscheinen mag, würde ich sofort dort 
vorschlagen, wo es sich um werthvolle Deckhengste handelt, welche man 
nie frei im Camp laufen lassen sollte. Es genügt diese Maassnahme 
gewiss, um die Infection fern zu halten. 



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Das Mal de Cadebas. 365 

Wenn man mit diesen Mitteln bereits recht gute Resultate gezeitigt 
hat; so steht zu erwarten, dass sich auch bei den in den Mal de Caderas- 
Distrikten stationirten Cavallerie-Regimentem die Sterblichkeit an Mal de 
Caderas bedeutend einschränken Hesse, wenn man dafür Sorge tragen 
möchte, dass die Thiere in Stallungen gehalten würden. 

Unter Anwendung all' dieser Maassnahmen wird sich gewiss schon 
sehr viel erreichen lassen. 

Die aufgezählten Bekämpfungsmittel richten sich aber gemeinhin 
gegen die Ansteckung, aber es drängt sich doch auch der Wunsch auf, 
schon bereits erkrankte Thiere zu behandeln und zu heilen, handelt es 
sich doch oft um ZuchttMere, die einen Werth von Tausenden repräsen- 
tiren. Wir haben deshalb grosse Versuchsreihen angestellt, um ein Heil- 
mittel gegen diese Krankheit zu finden. 

Es ist unleugbar, dass gewisse Analogieen zu der menschlichen 
Malaria bestehen und haben wir daher versucht, die von Koch erprobten 
Malariamittel auch beim Mal de Caderas anzuwenden. Wir haben er- 
krankten Pferden wochenlang Chinin und Methylenblau in grössten 
Dosen gegeben, aber ohne irgend welchen Erfolg darnach zu sehen. 

Wir wissen, dass Enterol eine ausgezeichnete Desinfectionswirkung 
auf Bakterien im Körper ausübt und dabei gleichzeitig relativ ungiftig ist. 
Durch dieses Mittel schien der Tod nur beschleunigt zu werden, denn 
ein damit behandeltes Thier bekam nach jeder Dosis eine ganz profuse 
Diarrhoe, die immer mit dem Aussetzen desselben schwand. 

Femer gaben wir salicylsaures Natron auch ohne jeden Erfolg, 
nicht einmal das Fieber wurde durch dasselbe herabgedrückt. 

Nach Mittheilungen von Dr. Kemmerich wollte man in Paraguay 
von einer Mischung von Terpentinöl und Kalium permanganatum 
gute Erfolge beobachtet haben, in unseren Versuchen haben wir davon 
gar nichts wahrgenommen. 

Gegen das Pirosoma des Texasfiebers ist von verschiedensten Seiten 
Jodkalium empfohlen, wir haben von der Darreichung derselben beim 
Mal de Caderas keinen Effect gesehen. 

Durch Baccelli ist festgestellt, dass man bei Lues ziemlich be- 
deutende Dosen von Sublimat in die Blutbahn einspritzen kann, ohne 
dass das geimpfte Individuum dadurch geschädigt wird. Der Erfolg bei 
Syphilis ist immerhin beachtenswerth. Intravenöse Sublimatinjectionen 
beim Mal de Caderas-Pferde sind nutzlos. 

Der einzige spärliche Erfolg, den wir beobachten konnten, war bei 
der Anwendung von Acid. arsenicos. Das damit behandelte Pferd er- 
holte sich sichtlich unter dem Einfluss des Mittels. Der Erfolg war aber 
nur ein vorübergehender, immerhin lebte das Thier bedeutend länger als 



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366 0. VooBs: 

das Controlthier. Damit war die Wirkung des Mittels aber auch erschöpft 
Diese Beobachtung stimmt mit der analogen bei der Beschälseuche ge- 
machten überein, und auch Lingard schreibt dem Arsen einen gewissen 
Einfluss auf die Surratrypanosomen zu. 

Ich möchte daher Veranlassung nehmen, an Stelle von etwas 
Besserem die Darreichung von Arsen zu versuchen in solchen Fällen, wo 
es sich um Expeditionen in Mal de Caderas-Gtebieten handelt um so mehr, 
da das Arsen an sich schon einen guten Einfluss auf Pferde ausübt. 

Die Reihe der von uns geprüften Chemikalien ist damit erschöpft, 
die Prüfung weiterer ist in Arbeit und ist es a priori nicht angeschlossen, 
* doch noch zu einem positiyen Resultat zu kommen. Neben diesen Ex- 
perimenten hat es nicht an serumtherapeutischen Versuchen gefehlt. Diese 
sind in doppelter Richtung angestellt 

1. Man immunisirt wenig oder gar nicht empfängliche Thiere mit 
steigenden Dosen trypanosomahaltigen Blutes. 

2. Man immunisirt empfangliche Thiere mit abgeschwächten Try- 
panosomen. 

Ad 1. Das einzige bis jetzt gefundene Thier, welches man mit 
virulentem Materiale ungestraft impfen kann, ist das Rind. 

Wir haben einen jungen Stier etwa IVa Jahre lang mit steigenden 
Dosen Blutes, welches Mal de Caderas-Pferden entnommen war, behandelt. 
Das Serum wurde am Pferd geprüft, welches 24 Stunden vorher mit 
Trypanosomen inflcirt war. Der Ausbruch des Fiebers am fünften Tage 
wurde nicht verhindert, es sind dann dem betreflfenden Pferde noch 
Hunderte von Cubikcentimetern desselben Serums eingeimpft, der Erfolg 
war ein völlig negativer. 

Ad 2. Wir haben die Virulenz der Trypanosomen abzuschTOchen 
versucht durch Pormalin und durch Wärme. Beides gelingt insofern, 
als man die Trypanosomen leicht abtödten kann. Länger einwirkende 
Wärmegrade von 50 bis 60** tödten die Trypanosomen ab. Wir haben 
dann das die abgetödteten Protozoon enthaltende Blut in steigenden Dosen 
Pferden subcutan eingespritzt. Es erfolgt darnach eine vorübergehende 
Fieberreaction und locale Anschwellung. Die so behandelten Thiere er- 
lagen indess, als ein einziges Mal die Abtödtung nicht vollständig gelungen 
war, obwohl sie schon vielfach geimpft waren. Eine irgendwie sichtbare 
Immunität wurde nicht erzielt. Ebensowenig constatirten wir eine Ab- 
schwächung der Trypanosomen. Es gab nur ein Zweierlei. Die Trypano- 
somen bleiben am Leben und verlieren ihre Virulenz nicht, oder sie ver- 
lieren ihre Virulenz, sind dann aber selbst todt. 

Zu praktischen Ergebnissen haben diese Studien bisher nicht geföhrt 



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Das Mal de Cadebas. 867 

• 

Wenn somit alle Bemühnngen, die Krankheit zu heilen, bisher nooh 
zu keinen ausgesprochenen Erfolgen gefährt haben, so müssen wir um so 
mehr unser Augenmerk daraufrichten, der Krankheit wirksam vorzubeugen. 
So weit es sich dabei um ein Einzelthier handelt, habe ich die ein- 
zuschlagenden Maassnahmen bereits angegeben, aber unsere Aufgabe 
müssen wir weiter fassen und uns nach Mitteln und W^en umsehen, 
um die Krankheit ßls solche auszurotten, dies werden wir selbst dann 
nicht umgehen können, wenn es gelingen könnte, ein Heilmittel gegen 
die Eürankheit zu finden. 

Die Aussichten, die Seuche als solche zu unterdrücken, sind aber um 
so aussichtsreicher, als dieselbe nicht allgemein verbreitet, sondern auf 
bestimmte Länderzonen beschränkt geblieben ist 

Das Mal de Caderas hat, wie ich das schon betonte, in mehr als 
einer Hinsicht grosse Aehnlichkeit mit der Malaria des Menschen. Das 
Beschränktsein auf gewisse Zonen, das Auftreten in gewissen Jahreszeiten, 
die Beziehungen zum Wasser und Sümpfen, die Blutinfection und der 
Zwischenwirth sind bei einer wie bei der anderen Krankheit. 

Was hindert uns nun, das System der Krankheitsbekämpfung, welches 
wir bei der Malaria des Menschen erprobt haben, auch auf das Mal de 
Caderas zu übertragen? 

Es haben sich bei der Malariabekämpfung zwei verschiedene Systeme 
ausgebildet, das der Italiener und das von Koch. Beide fussen auf den 
grundlegenden Arbeiten Koch's. 

In Italien hat man versucht, den Zwischenwirth, den Träger der 
Infection, vom Menschen fem zu halten durch Erbauung mosquitosicherer 
Häuser, durch Tragen von Mosquitonetzen u. s. w. u. s. w. Es wird über 
die verschiedensten Erfolge berichtet. Mit K. Koch wird aber jeder an- 
nehmen, dass diese Erfolge immer nur Einzelerfolge bleiben müssen, die 
sich nicht auf die Allgemeinheit übertragen lassen. In Argentinien ist 
man aus dem Stadium der Berathungen in dieser Angelegenheit noch 
immer nicht hinausgekommen, obwohl dieselbe für den Norden der Re- 
publik von der allergrössten Bedeutung ist Man neigt aber hier zu dem 
System der Italiener, obwohl dieses nirgends weniger zweckmässig ist, wie 
in den wenig controlirbaren Länderstrecken hier. 

Es erscheint mir durchaus nicht ausgeschlossen, wenn diese An- 
schauungen eines Tages auf Grund meiner Vorschläge in die Praxis über- 
setzt werden sollten, dass man auch die Pferde vor Insectenstichen be- 
hüten will. Aber wer will die Pferde dagegen schützen, etwa durch 
Mosquitonetze u. s. w. Wie die Schutzmaassnahmen, die die Italiener 
gegen Malaria empfehlen, gegen diese Krankheit als Tolkskrankheit un- 
durchführbar sind, so wird dasselbe auch beim Mal de Caderas stattfinden. 



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368 0. VoGEs: 

Ganz anders das System von Koch, welches dem üebel von Grund 
aus zu Leibe geht Koch bekämpft die Ursache der Krankheit, das Plas- 
modium, und sucht es zu beseitigen und thut damit im Grunde nichts 
Anderes, als was ihm bei allen anderen Infectionskrankheiten die be- 
deutenden Erfolge gesichert hat. 

Wenn ich im Laboratorium mit Keinculturen arbeite und dieselben 
weiter züchten will, so benutze ich dazu die Platinöse. Nimmt man mir 
dieselbe fort, so kann ich momentan keine Uebertragungsversuche machen, 
ich muss mir erst eine neue Oese machen. Nimmt man mir aber meine 
Reinculturen fort und durchstöbert alle Ecken und Winkel, in denen 
solche sein könnten und nimmt mir jede nur denkbare Gelegenheit, eine 
neue Reincultur zu erlangen, so bin ich meine Culturen losgeworden und 
kann sie nicht mehr weiterzüchten, trotz der besten Oesen. 

Dies Beispiel pflege ich immer anzuführen, wenn ich die Koch'sche 
Malariatheorie auseinandersetzen soll. Die Oese ist bei der Malaria der 
Mosquito, ich vernichte Tausende und sofort kommen neue Hundert- 
tausende. 

Das Reagensglas, der Träger der Reincultur, ist der Mensch, der 
Nährboden (Agar, Bouillon u. s. w.) das Blut. R. Koch thut in das 
Reagensglas — den Menschen — , ein Desinfectionsmittel, das Chinin — 
und die Cultur ist abgetödtet. Desinficire ich nun alle Menschen, welche 
mit dem Virus der Malaria geimpft sind, so sind alle Reinculturen ver- 
nichtet und soviel Material (Blut) die Oese (der Mosquito) aus den 
Reagensgläsem (den Menschen) auch entnehmen mag, nirgends gelingt 
die üebertragung mehr. Ist denn noch etwas Einfacheres und dabei 
zugleich Wirkungsvolleres denkbar? Und ist es nicht geradezu eine 
Schmach und Schande, wenn heute noch civilisirte Staaten ihre Hände 
in den Schooss legen, höchstens sich zu einigen Projecten aufschwingen 
und ihre Unterthanen nach wie vor sterben lassen? 

Wenn man auch mit verschrankten Armen zusehen muss, wie die 
grossen Forschungen unseres Altmeisters unberücksichtigt gelassen werden, 
so hat uns Koch doch selbst gezeigt, wie man etwas leisten kann, wenn 
man diese Sache mit Energie und Consequenz durchführt, aber dazu ge- 
hören Initiative und Geduld, Dinge, die leider gar zu oft fehlen. 

Sollen nun die Erfolge Koch 's beim Mal de Caderas nicht an- 
wendbar sein? 

Gewiss sind dieselben so grossartig, dass eine Prüfung dieser Frage 
mehr als geboten ist. 

Wir wissen, dass das Blut der Mal de Caderas-Pferde den Infections- 
stofF beherbergt. Wir wissen ferner, dass die Infection nur durch Stiche 
blutsaugender Thiere übermittelt wird. Wir wissen femer, dass die In- 



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Das Mal de Cadebas. 369 

fectionen nur dann stattfinden, wenn wir Zeiten des Regens und der 
Ueberschwemmungen haben. Wir wissen endlich, dass der Infectionsstoff 
sich 2 bis 5 Monate in Pferden und bis zu einem Jahre in Eseln und 
Mauleseln infectionstüchtig hält und nahezu in jedem Moment nach- 
weisbar ist. 

Bei der Malaria liegen nun die Verhältnisse so, dass wir im Menschen 
den eigentlichen Wirth, im Mosquito aber den Zwischenwirth zu suchen 
haben. Im Menschen hält sich der Infectionsstoff Jahre lang, im Mosquito 
immer nur kürzere Zeit Offenbar liegen beim Mal de Caderas die Ver- 
hältnisse ganz ähnlich. Wir kennen zwar den Zwischenwirth noch nicht, 
aber doch müssen wir annehmen, dass es sich nur um diesen handelt 
bei dem blutsaugenden Insect, und dass das Pferd der eigentliche Wirth 
ist. Ich schliesse das aus dem Umstände, dass man beim Pferd, besonders 
aber bei dem Esel und Maulesel, das ganze Jahr hindurch kranke Thiere 
findet. Es fehlt also zu keiner Jahreszeit an infectionstüchtigem Material, 
wenn die Seuche trotzdem periodisch auftritt, so hat das nur seinen 
Grund in dem periodischen Auftreten des Zwischenwirthes. Mit der 
Eenntniss dieses Zwischenwirthes wird das noch evidenter werden, aber 
für diesen Zweck bedürfen wir derselben eigentlich gar nicht. Dieses 
periodische Wirken des Zwischenwirthes ist aber die allergünstigste Vor- 
bedingung für ein Gelingen der epidemiologischen Bekämpfung. 

Wir stellen also zunächst fest: Es giebt bestimmte von den Regen- 
perioden abhängige Zeiträume, in denen eine Uebertragung der Krankheit 
durch Zwischenwirthe nicht stattfindet. Das Virus existirt dann nur im 
eigentlichen Wirth 

Es gelangen nun aber Trypanosomen mit dem bluthaltigen Urin in 
die Aussenwelt, in's Gras, Wasser u. s. w. Diese sind aber bedeutungslos, 
da sie schnell zu Grunde gehen, wenn überhaupt solche da waren, was 
sehr selten der Fall ist. 

Die r^enfreie Zeit hat also dieselbe Bedeutung für das Mal de 
Caderas, wie die Winterzeit für die Malaria, in beiden Zeiträumen halten 
sich die Erreger nur im Menschen bezw. im Pferde und Verwandten auf. 

Welche Rolle die Carpirichos (s. oben) spielen, muss noch erst auf- 
geklärt werden, aber es ist zu betonen, dass dieselben nicht überall sind 
und dann könnte man sie ja auch leicht durch Vergiftung u. s. w. aus 
dem Wege räumen. 

Die regenlose Zeit müssen wir also benutzen, um die Trypanosomen 
zu vernichten, da sie dann ihre geringste Ausbreitung haben. 

Wir brauchen nur zweierlei, einmal ein Merkzeichen, um die An- 
wesenheit der Trypanosomen zu kennen, und dann ein Desinfectionsmittel, 
um sie zu vernichten. Das Letztere besitzen wir einstweilen aber nicht, 

ZaftMhr. t Hygieiie. ZXXIX. 24 



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370 0. VooBst 

wenigstens nicht ein solches, das im Sinne des Chinins wirkte. Es bleibt 
uns nur eine einzige Möglichkeit, die Trypanosomen-Reincultur zu zer- 
stören — d. i. die Tödtung des erkrankten Pferdes. 

Das Mittel ist radical und sehr wohl durchfuhrbar, denn einmal 
haben die Pferde — es handelt sich fast durchgehend um eingeborene 
Pferde — kaum einen Werth, dann aber ist jedes ein Mal erkrankte 
Pferd so wie so verloren, also wozu es noch unnütz füttern. 

Haben wir sämmtliche kranken Pferde, Esel und Maulesel in der 
seuchenfreien Zeit getödtet, so giebt es, wenn mit Beginn der Regenzeit 
die blutsaugenden Zwischenwirthe kommen, keine Trypanosomen mehr 
und die Krankheit muss gerade so erlöschen, wie die Malaria auf Koch 's 
Chininvergiftungen der Plasmodien erloschen ist. Das ist nicht nur 
möglich, sondern sogar absolut sicher. Es handelt sich nur darum, alle 
Thiere ausfindig zu machen, die Trypanosomen haben. Nach längerer 
Dauer der. regenlosen Zeit werden die meisten — Pferde wenigstens — 
todt sein. Esel und Maulthiere werden allerdings noch leben, aber sie 
sind, schon so heruntergekommen, dass es leicht ist, sie aufzufinden und 
unschädlich zu machen. 

Wir wissen indess aus der Analogie mit anderen Krankheiten, dass 
es mit der Ausmerzung der grobsinnlich wahrnehmbaren Krankheitsfälle 
noch nicht gethan ist, und dass gerade die schleichenden, beginnenden, 
wenig prägnanten Fälle häufig genug zur Weiterverbreitung der Seuche 
beitragen. 

Auch für die Malaria betont K. Koch genau dasselbe und verlangt 
systematische Blutuntersuchungen. Wir haben oben schon darauf hin- 
gewiesen, welche Schwierigkeiten die Frühdiagnose des Mal de Gaderas 
macht. Der Laie beobachtet absolut nichts, für den Sachverständigen 
bieten sich besonders zwei wichtige Anhaltspunkte, die Temperatur und 
der Befund an Trypanosomen. 

Die Temperatursteigerungen sind schon oben beschrieben, wenn sie 
auch ein Frühsymptom sind, so sind sie doch schwankend. Nichtsdesto- 
weniger sind sie wichtig, nur muss man berücksichtigen, dass bei wilden 
und halbwilden Thieren durch das Einfangen an sich schon Temperatar- 
steigerungen hervorgerufen werden. Jedenfalls muss die Temperatur zur 
Diagnostik herangezogen werden. Erfordert die richtige Beurtheilung 
dieser Verhältnisse schon fachmännische Kenntnisse, die man nur beim 
Thierarzt voraussetzen darf, so ist das um so nothwendiger beim Nachweis 
der Trypanosomen. Die Trypanosomen im Mikroskop analog den Malaria- 
plasmodien nachweisen zu wollen, mag dann und wann gelingen, aber 
praktisch ist das undurchführbar. Mir erscheint es leichter und bedeutend 
sicherer, den Nachweis der Trypanosomen durch den Thierversuch zu 



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Das Mal db Cadbbas. 371 

führen. Impfe ich eine Maus mit 1 bis 2 <^^ Pferdeblut subcutan, so 
gelingt die Infection eigentlich stets, in nur sehr, sehr wenig Fällen haben 
wir bei unseren Versuchspferden negativen Erfolg gehabt. Nimmt man 
weisse Mäuse, so ist deren Schicksal in 10 Tagen entschieden, bei grauen 
dauert es etwas länger. So kann man ohne Mikroskop, nur mit einer 
Anzahl Mäuse und einer Spritze bewaffnet, überall arbeiten. Ein Bischen 
Blut aus der Vena jugularis zu entnehmen, gelingt schliesslich auch bei 
dem wildesten zu Boden geworfenen Pferde. 

Die Resultate der Diagnostik lassen keinen Zweifel an dem eventuellen 
Vorhandensein der Krankheit aufkommen. 

Greht man dann so radikal vor, wie eben ausgeführt ist, so wird man 
auch alle Trypanosomenherde ausrotten können und zwar bevor noch die 
neue Epidemie ausbricht. Wenn dann beim Einsetzen der Regenzeit die 
Zwischenwirthe auftreten, so haben sie keine Oelegenheit mehr, Trypano- 
somen zu finden und muss die Seuche erlöschen. 

Leider fehlt es in den Ländern, wo das Mal de Caderas heri:scht, 
noch sehr an Personal, welches genügend wäre, um diese Maassnahmen 
mit Erfolg durchzuführen, vor der Hand erscheint daher wenig Aussicht, 
dass die Seuche erfolgreich bekämpft werden könnte. 



24» 



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372 0. VoGBs: Das Mal de Cadbeas. 



Erkl&nmg der Abbildungeii. 

(Taf. V.) 

Ftg*. 1« Junges aasgereiftes Trypanosoma eqnina. 

Fig. 2« Degenerationsformen, a) EngelfÖrmiges Protoplasma, aber noch mit 
Schna*bel und Geissei. b) Kugelform mit Terschwundenem Schnabel, aber noch Tor- 
handener Qeissel. c) ünregelmässig gestalteter Protoplasmahaufen nach Verlust Ton 
Schnabel und Qeissel. 

Fig. 3« Jugendform der Trypanosomen, a) Einfacher Kern, b) Qetheilter Kern. 

Fig. 4. Ausgewachsenes Trypanosoma mit mehrfachem Kern. 

Fig. 5. a) Trypanosoma mit Längstheilung, b) Trypanosoma mit Quertheilung. 
e) Theilung des Trypanosoma in mehrfache Theile, Urform noch angedeutet 

Fig. 6. Urform nicht mehr erkennbar. 

Fig. 7. Zwei junge noch nicht Tollig getrennte Trypanosomen, bei x mit 
den Schnabelfortsätzen noch zusammenhängend. 



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[Aus dem hygienischen Institut der Uniyersitat Breslau.] 
üeber ein Verfahren zum Nachweis von Pferdefleisch. 

Von 

Oberarzt Dr. Nötel, 
«ommaiidln als Anlatont an das hjgliniMh« Inftitat m Bretku. 



Die Entdeckung der Pracipitine durch Bordet und Tsistowitsch 
haben zuerst Wassermann und Schütze^ in ihrer praktischen Tragweite 
richtig erkannt, bedeutend erweitert und unabhängig von Uhlenhuth 
u. A. zu einer exacten Methode des Nachweises von Menschenblut auch 
in geringen Spuren verwerthet. Die strenge Specifitat dieser Reaction 
legte den Gedanken nahe, die gleiche Methode auch auf die Erkennung 
der verschiedenen Fleischsorten auszudehnen, besonders minderwerthiger, 
die namentlich als Beimengungen zu Hackfleisch oder Würsten keine 
charakteristischen Unterscheidungsmerkmale bieten und somit willkom- 
menes Fälschungsmaterial abgeben. 

Für unsere Oegenden kommt bekanntermaassen hauptsächlich das 
Pferdefleisch in Betracht, welches seiner Minderwerthigkeit wegen in aus- 
gedehntester Weise zu Fälschungen verwendet wird. Die Unterschiebung 
ist bis jetzt nur ausnahmsweise zu erkennen; die anatomischen Unter- 
scheidungsmerkmale gegenüber anderen Fleischsorten sind nicht durch- 
weg stichhaltig und können nur bei der Beurtheilung grösserer, womöglich 
mit Knochen versehener Stücke verwerthet werden; ebenso unzulänglich 
sind aber auch die complicirten chemischen Methoden, die den Nachweis 
bestimmter, für das Pferdefleisch specifischer bezw. gegenüber anderen 
Fleischsorten in abweichender Menge vorhandener Bestandtheile, wie 
Glycogen, freie Fettsäuren u. s. w. bezwecken. 

Eine einfache, auf dem Eingangs erwähnten Princip beruhende 
Methode zur Erkennung von Pferdefleisch ist daher zweifellos für die 
praktische Fleischcontrole von nicht zu unterschätzender Bedeutung. 

Vorweg möchte ich bemerken, dass ich mit meinen hierauf bezüglichen 
Versuchen bereits systematisch begonnen hatte, ehe mir der vom Kreis- 

^ DetUsohe med. Wochenschrift, 1901. Nr. 7. 



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374 Nötbl: 

thierarzt Jess auf der diesjährigen Naturforscherversammlung gemachte 
Vorschlag, die Eingangs erwähnte Blutreaction auch auf die Erkennung 
von Pferdefleisch auszudehnen, bekannt war. Vor Abschluss meiner Ver- 
suche erschien ferner eine Mittheilung von ühlenhuth ^ über die praktische 
Anwendung seiner Blutreaction für die Fleischbeschau. Dieselbe beschränkt 
sich im wesentlichen auf die Feststellung der Thatsache, dass es mit Hülfe 
der specifischen Sera gelingt, auch in Fleischauszügen der entsprechenden 
Thierart eine Trübung hervorzurufen; die von ühlenhuth kurz an- 
gedeutete Methode wird sich aber für die Praxis wenig eignen, da sie 
eines umständlichen Filtrationsapparates bedarf und manche für die Praxis 
durchaus erforderliche Cautelen unberücksichtigt lässt. Ich habe daher 
meine Versuche trotz beider Publicationen zu Ende geführt, weil durch 
diese ein practisch anwendbares, einwandfreies Verfahren zur Erkennung 
von Pferdefleisch entschieden noch nicht bekannt geworden war. 

Was zunächst die Vorbehandlung meiner Thiere angeht, so habe ich 
drei Gruppen Kaninchen in folgender Weise vorbehandelt: die ersten er- 
hielten Injectionen von Pferdeserum, die zweiten von Presssaft, gewonnen 
durch sofortiges Auspressen von Fleischstücken durch nasse Colirtücher in 
einer Pressmaschine. Zur Behandlung der dritten Gruppe übergoss ich 
zerkleinertes Pferdefleisch mit 0*1 procentiger Sodalösung, Hess den Aufguss 
längere Zeit in der Wärme stehen und presste dann ebenfalls durch 
Colirtücher. Das Pferdeserum wurde steril gewonnen, die Presssäfte habe 
ich gleich nach der Gewinnung unfiltrirt injicirt, ohne dass sich dadurch 
irgend welche erheblichere örtliche oder gar Allgemeininfection ent- 
wickelt hätten. Die Methode der Herstellung eines keimfreien Filtrats 
durch Berkefeldfilter habe ich, abgesehen von ihrer Umständlichkeit, haupt- 
sächlich deshalb nicht in Anwendung gezogen, weil es von vornherein 
unsicher war, ob nicht wirksame Eiweissstoffe dabei im Filter zurück- 
gehalten würden. 

Von den hergestellten Flüssigkeiten erhielten grosse Kaninchen mit 
einem Anfangsgewicht Dicht unter 2000»™» in 2 bis Stägigen Intervallen 
10 ***" unter die Rückenhaut eingespritzt. Dies ist die bequemste Art der 
Einverleibung und wird von den Thieren viel besser vertragen als die 
intraperitoneale Injection, die völlige Keimfreiheit des Injectionsmaterials 
voraussetzt. Erforderlich ist, dass man mehrere Thiere gleichzeitig in 
Behandlung nimmt, da die Injectionen nicht gleichmässig gut vertragen 
werden; bisweilen magern ganz kräftige Thiere nach einigen Injectionen 
rapide ab. Den besten Maassstab für das Wohlbefinden der Thiere giebt 
selbstverständlich die Grewichtscontrole. 

* Deutsche med, Wochenschrift. 7. Novbr. 1901. 



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Übee ein Vehfaheen zum Nachweis von Pfebdefleisch. 375 

Da durchaus ein bochwerthiges Serum hergestellt werden muss, 
empfiehlt es sich, mindestens 10 bis 12 Injectionen zu machen. Nach 
der letzten Injection wartet man 6 Tage und entblutet dann die Thiere, 
meines Erachtens am zweckmässigsten durch Eröffnung der Carotis, zumal 
man bei diesem Verfahren sicher ein steriles Serum erhalten kann. 
Weniger als 6 bis 6 Tage nach der letzten Injection verstreichen zu 
lassen, ist nach meinen Er&hrungen sehr zu widerrathen, da das vorzeitig 
gewonnene Serum trotz langdauemder Vorbehandlung des Thieres oft nur 
geringe Wirkungen zeigt. Das Serum setzt sich in Reagensröhrchen nach 
etwa 48 Stunden so gut ab, dass man es bei Filtration durch extrastarkes 
Filtrirpapier meistentheils ganz klar erhält; zuweilen ist jedoch die Filtration 
durch ein Berkefeldfilter nicht zu umgehen. 

Als mit den gewonnenen Serumarten die ausschlaggebenden Versuche 
in der unten beschriebenen Weise angestellt wurden, zeigte sich, wie ich 
von vornherein angenommen hatte, dass das Serum der mit Presssaft und 
der mit Sodaextract vorbehandelten Thiere eine nicht unbeträchtlich 
stärkere und eindeutigere Beaction ergab, als das Serum der mit Pferde- 
serum vorbehandelten Kaninchen, selbst wenn letztere mehr Injectionen 
erhalten hatten. 

Diese Erscheinung hat zweifellos darin ihren Grund, dass auch die 
loslichen Eiweisskörper des Muskels ähnlich wie die des Blutes, eine 
specifische Beaction hervorrufen, so dass man nicht lediglich auf die 
im ausgeschlachteten Fleisch unter Umständen spärlich vorhandenen 
Eiweisskörper des Blutes angewiesen ist 

Bei der Anstellung der Versuche lag die Hauptschwierigkeit darin, 
eine klare, dabei aber stark concentrirte. möglichst viel reactionsfahige 
Eiweisskörper enthaltende Lösung des (Jntersuchungsmaterials zu gewinnen 
und zwar womöglich in so einfacher Weise, dass das Verfahren auch ohne 
Laboratoriumsapparate in der Praxis anwendbar war. 

Ich nahm aus letzterem Gründe von vornherein von der von Uhlen- 
huth angegebenen Methode, den trüben Saft des üntersuchungsmaterials 
durch Filtration mittels Berkenfeldfilter zu klären, Abstand und versuchte, 
den Saft durch ein Papierfilter, auf das eine Schicht Caolin-Pulver auf- 
getragen war, klar zu erhalten. Dies gelang zwar, doch zeigte sich bei 
Controlversuchen, dass die Beaction einer so behandelten Portion erheblich 
schwächer ausfallt, als die einer nicht filtnrten, dass also das Caolin viele 
wirksame Eiweisskörper durch Flächenattraction zurückhält. Mit einer 
vermuthlich noch stärkeren Schädigung muss man bei der Filtration durch 
Berkefeldfilter rechnen. Erheblich geringer wird dagegen die Einbusse, 
wenn man gereinigten Qlasstaub von 1/4°^ Komgrösse ziemlich reich- 
lich auf ein feuchtes Filter auüschüttet, dann mit der Untersuchungs- 



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376 Nötel: 

flüssigkeit anfeuchtet und diese dann durchfiltrirt. Man ist aber öfters 
genöthigt, das Filtrat mit Sodalösung noch zu verdünnen, um dasselbe 
so klar zu erhalten, dass bei der Anstellung der Beaction Zweideutig- 
keiten ausgeschlossen sind. 

Alle diese Schwierigkeiten lassen sich nach meinen bisherigen Er- 
fahrungen umgehen, wenn man das Untersuchungsmaterial, mag es sich 
um zerkleinerte Fleischstücke, Hackfleisch oder Wurstwaaren handeln, mit 
0*1 procentiger Sodalösung oder auch Leitungswasser nur übergiesst und 
einige Stunden in der Wärme stehen lässt, ohne das Fleisch zu röhren 
oder zu pressen. Man erhält alsdann eine Flüssigkeit, die genügende 
Mengen reactionsfahiger Eiweisskörper enthält und höchstens durch ein 
doppeltes Filter von starkem Filtrirpapier filtrirt werden muss, um eine 
vollständig klare Lösung zu liefern. 

In den so gewonnenen Filtraten aus gehacktem Fleisch tritt nach 
unsem Erfahrungen eine manifeste Trübung nach Serumzusatz des mit 
Presssaft oder Sodaextract vorbehandelten Kaninchens noch ein, wenn die 
Beimengung von Pferdefleisch nur Vio ^^^ Oesanmitgewichts beträgt, ein 
Yerhältniss, das praktisch kaum mehr in Frage kommt, da so geringe 
oder geringere Beimengungen die Fälschung nicht lohnen. 

Beim halbgar gebratenen Fleisch, sogenanntem englischen Beefsteak, 
lässt sich die Verwendung von Pferdefleisch noch unzweifelhaft nach- 
weisen, wenn man aus etwa 50 s™ in der unten beschriebenen Weise 
sich einen Auszug herstellt und denselben mit Serum versetzt. 

Besondere Einschränkungen, sowie Yorsichtsmaassregeln erfordert die 
Anstellung der Beaction mit Bäucherwaaren, besonders Wurst Von 
vornherein ist der Nachweis von Pferdefleisch selbstverständlich ausge- 
schlossen bei Producten, die gekocht oder heiss geräuchert sind und bei 
denen die Beactionsfahigkeit der Eiweisskörper dadurch erloschen ist 
Vielfach werden aber die Waaren nur durch kalte Bäucherung conserrirt 
und da bei dieser die Eiweisskörper keine tiefergehenden Aendeirungen er- 
leiden, sollte man a priori annehmen, dass sie den Nachweis von Pferde- 
fleisch durch specifisches Serum ebenso gestatten, wie frisches Hackfleisch. 

Es gelingt auch ganz gut, aus Wurst Auszüge herzustellen und zu 
filtriren und auf diese Weise reactionsfahiges Material zu gewinnen. Wenn 
man aber mit solchen Wurstauszügen die Beaction anstellt und zurCon- 
trole auch Böhrchen in den Brütschrank bringt, die nur den klaren 
Wurstextract ohne Serumzusatz enthalten, so zeigt sich überrasdiender 
Weise, dass nach etwa 10 Minuten bis einer Viertelstunde Aufenthalt im 
Brütschrank auch in einigen der Gontrolröhrchen eine bis zur 
Trübung sich steigernde Opalescenz auftritt. Die gleiche 
Trübung zeigt sich in den mit Serum versetzten Böhrchen 



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Übes bin Yebfahbek zum NAOffWBis VON Pfbedbfleisoh. 377 

und täuscht hier eine positive Keaction auf Pferdefleisch Tor. 
Zusätze von Antiseptiois, Alkalisirung der stets sauren Untersuchungs- 
flüssigkeit durch Sodalösung brachten die Trübung nicht zum Schwinden^ 
dieselbe- trat auch wieder ein, wenn man den Niederschlag, der sich 
schliesslich bildete, abfiltrirte und das klare Filtrat wiederum längerer 
Erwärmung aussetzte. — Vermuthlich handelt es sich hier um eine durch 
langsame und begrenzte Fäulnissprocesse hergestellte Modification der 
Ei Weisskörper, welche bei Gegenwart von Kochsalz schon bei so relativ 
niederer Temperatur — 87^ — nicht mehr in Lösung gehalten wird. 

um diese wichtige Fehlerquelle bei der praktischen Anwendung des 
Verfahrens ausschalten zu können, habe ich versucht, auf eine grosse 
Reihe Proben gleichmässig hergestellter Wurstauszüge eine bestimmte 
Temperatur während verschiedener Zeitdauer einwirken zu lassen, und 
dabei festszutellen, bei welcher Temperatur und Zeitdauer der Eintritt der 
spontanen Eiweisstrübung sicher unterbleibt, während die Trübung durch 
spedfisches Serum bei der Anwesenheit von Pferdefleisch schon vollkommen 
deutlich ist. 

Als beste Yersuchsbedingungen fand ich den Aufenthalt der Proben 
während höchstens 5 Minuten in Wasser von 40^. Das Einstellen in 
Wasser ist durchaus erforderlich; beim Aufenthalt im Brütofen tritt die 
Erwärmung viel zu langsam und ungleichmässig ein. Höhere Temperatur 
des Wassers, sowie längeres Verweilen können schon Opalescenz mit 
nachfolgenden Trübungen hervorrufen, welche die Sicherheit der Ent- 
scheidung beeinträchtigen. 

Schliesslich möchte ich noch darauf hinweisen, dass Eselfleisch ähn- 
liche Trübungen bewirkt, aber praktisch in unseren Gegenden nicht in 
Betracht kommt. 

Die Vorschriften für die Ausführung der beschriebenen Proben 
auf Pferdefleisch lassen sich in folgender Weise zusammenfassen: 

1. Vorbehandlung der Kaninchen: 
Entweder: 

Grob zerkleinerte Fleischstücke werden in einer grossen Doppelschale 
oder auch einem Suppenteller ausgebreitet mit soviel 0- 1 procentiger Soda- 
lösung Übergossen, dass sie gerade bedeckt sind. Man lässt das Gemisch 
8 Stunden bei 37^ stehen, giesst die dunkelrothe Flüssigkeit ab, presst 
die Fleischstücke kräftig durch ein starkes, vorher mit Sodalösung durch- 
feuchtetes Colirtuch und mischt den Presssaft mit der vorher abgegossenen 
Flüssigkeit. Oder: 

Man zerkleinert das Fleisch, bringt dasselbe auf ein gut durch- 
leuchtetes Colirtuch und presst sofort Von den gewonnenen Flüssigkeits- 



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378 Nötbl: Übeb ein Vebfahben zum Nachweis v. Pferdefleisch. 

mengen werden Kaninchen von mindestens 2000 ^^ Anfangsgewicht in 
2- bis 8 tagigen Intervallen je nach dem Gewichtszustande im Ganzen 
10 bis 12 Injectionen zu 8 bis 10*»®™ gemacht und die Kaninchen 6 Tage, 
nicht früher, nach der letzten Injection entblutet Das Serum wird durch 
Absitzen, eventuell durch Filtration geklart. 

2. Nachweis von Pferdefleisch in ungeräucherten Waaren. 

Wenn es sich um ganze Fleischstücke handelt, so werden dieselben 
nach Möglichkeit zerkleinert, mit soviel O*lprocentiger Sodalösung oder auch 
Leitungswasser Übergossen, dass die aufgegossene Flnssigkeitsmenge etwa 
Va des Gewichts der Fleischmenge beträgt. Soll die Beaktion mit Hack- 
fleisch angestellt werden, so breitet man dasselbe in möglichst dünner 
Schicht auf dem Boden eines Tellers aus und übergiesst mit Sodalösung 
oder Wasser wie eben beschrieben. Man lässt die G^fasse bedeckt etwa 
2 Stunden im warmen Zimmer stehen. Die Flüssigkeit wird alsdann 
vorsichtig abgegossen und nöthigenfalls durch starkes Filtrirpapier filtrirt 

Von dem Filtrat bringt man etwa 8 Tropfen in kleine Beagens- 
glaschen von 8 ™" Durchmesser und fügt 8 bis 4 Tropfen Serum von 
vorbehandelten Kaninchen hinzu. Zur Gontrole darf man nie versäumen, 
eine zweite Serie Proben ohne Serumzusatz beizufügen; ausserdem ist die 
specifische Wirksamkeit des Serums gegenüber Pferde- und Bindfleisoh- 
extract zu controliren. Dann stellt mau die B^hrchen in einen Brüt- 
schrank oder in ein Wasserbad und hält sie bei 87®. Je nach der Wirk- 
samkeit des Serums zeigt sich im Brütschrank nach 10 bis 40 Min. 
(bei hochwerthigem Serum stets nach 10 Min.), im Wasserbad nach 5 Min. 
Trübung in den von Pferdefleisch stammenden Proben. 

3. Nachweis von Pferdefleisch in kalt geräucherten Wurst- 

waaren. 

Man stellt den Auszug in derselben Weise wie beim frischen Fleisch 
her, filtrirt nöthigenfalls mehrfach durch mehrere Lagen starkes Filtrir- 
papier, bis Jreine Spur von Opalescenz mehr besteht Von den mit diesem 
Extract gefüllten Böhrchen lässt man einige ohne jeden Zusatz, während 
man eins oder zwei mit dem Serum versetzt. Sämmtliche Böhrchen 
stellt man gleichzeitig in ein Wasserbad, welches auf 40® C. 
temperirt ist und belässt dieselben 5 Minuten — nicht länger — 
in demselben. Tritt innerhalb dieser Zeit in den mit Serum ver- 
setzten Böhrchen eine Trübung ein, während die unversetzten Control- 
röhrchen klar bleiben, so ist der Nachweis von Pferdefleisch erbracht. 



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[Aus dem Institut für Infectionskrankheiten in Berlin.] 
(Director: Geh. Med.-Rath Prof. Dr. K Koch.) 



Ueber das Hünerinann'sche Verfahren der Wasser- 

desinfectioD nebst Bemerkungen über die bei der 

Prüfung derartiger Desinfectionsmittel anzuwendenden 

Untersuchungsmethoden. 

Von 
Stabsarzt Dr. Sohüder. 



Das Bestreben, ein als möglicher Weise gesundheitsschädlich anzu- 
sehendes Wasser durch Zusatz chemischer Mittel für den Genuss brauchbar 
zumachen, ist schon sehr alt. So erwähnt Kaufmann*, dass die ägyp- 
tischen Fellachen das Wasser des Nils schon seit Jahrhunderten trinkbar 
machen durch Filtration und Sedimentirung, die, abgesehen von der in 
neuerer Zeit gebrauchten Alaunlösung durch zerstossene Pfirsichkeme be- 
wirkt wurde. — Der Zusatz chemischer Mittel soll entweder in dem zu 
reinigenden Wasser einen Niederschlag hervorrufen, welcher die organischen 
Fremdkörper und Bakterien mit niederreisst, oder die im Wasser enthaltenen 
Keime direct vernichten. 

Die Zahl der im Laufe der Zeit zu diesen Zwecken angegebenen Mittel 
ist eine ausserordentlich grosse. Schumburg' hat von einer Reihe von Jahren 
im Auftrage der Medicinalabtheilung des König]. Preuss. Kriegsministeriums 
allein über 20 derartiger, für die Wasserdesinfection angegebener Mittel ge- 
prüft mit fast ausschliesslich ungünstigem £rgebniss. Einzelne Mittel liessen 
gar keine, einzelne nur geringe Wirkung erkennen, andere brauchten sehr 

1 68. Versammlong deutscher Naturforscher und Aerzte in Frankfurt a/M. , 21. 
bis 26. September 1896. (Citirt nach Sohumburg.) 

' VeröffeiUUchuf^gen aufd^m Gebiete de* Müitär-Saniiätstoesens, Hft. 15. S. 84 ff. 



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880 Schüdbe: 

lange Zeit zur Entfaltung ihrer Wirksamkeit, so z. B. das von Eröhnke^ 
angegebene Eupferchlorür und das namentlich von Altehöfer' empfohlene 
Wasserstoffsuperoxyd, welche 24 Stunden einwirken müssen; noch andere 
machten durch die grossen benöthigten Mengen das Wasser zum Gennss 
unbrauchbar, wie z. B. der Kalk, der nach Liborius' in einer Menge 
von 246 ™^ pro Liter und nach Pfuhl* in einer Concentration von 
lOprocentigem Ealkhydrat dem Wasser zugesetzt werden muss. — 

Nun muss man aber von einem für die Trinkwasserdesinfection 
praktisch brauchbaren Mittel verlangen, dass es nicht nur sicher keim- 
vernichtend, sondern auch möglichst schnell wirkt, leicht zu handhaben, 
nicht zu kostspielig ist, auch in grösseren Mengen mit dem Wasser ge- 
nossen, nicht die Gesundheit schädigt, sowie das Wasser in Bezug auf 
Aussehen, Geruch und Geschmack nicht allzu sehr verändert. 

Je mehr diesen Gesichtspunkten Rechnung getragen wurde — und 
das ist eigentlich bei allen neueren Untersuchungen der Fall gewesen — 
desto mehr verengte sich der Kreis der überhaupt für praktische Zwecke 
in Betracht kommenden Mittel für die chemische Desinfection des Trink- 
wassers und man kann behaupten, dass neuerdings eigentlich nur noch 
das Chlor und das Brom in Betracht kamen und in den Bereich d^ 
Untersuchungen gezogen sind. 

Was zunächst das Chlor anlangt, so hat schon R. Koch in seiner 
grossen, in den Mittheilungen aus dem Reichsgesundheitsamt enthaltenen 
Desinfectionsarbeit* auf die grosse baktericide Kraft der Chlorverbindungen 
hingewiesen und in einer Reihe von Arbeiten von Behring^, Sternberg^ 
Jäger®, Liborius®, Kitasato^^ v.Esmarch", Pfuhl", Nissen^' sind 
diese Angaben bestätigt und erweitert. Im Jahre 1893 lenkte M. Traube^* 



' Journal fwr Gatbeleuehiang und Wcuierversorgung. 10. Septbr. 1898. 
' CentralblcUt für Bakteriologie, Bd. VIII. S. 129. 
> I>ie9e Zeitschrift Bd. 11. S. 15 ff. 
« Menda. Bd. Xn. S. 509. 

* Mtttheihtngen aus dem Kaiserl. Oesundheitsamte, Bd. I. 8.199ff!. 

* üeber Desinfection, Desinfectionsmittel n. Desinfectionsmethöden. Behring'^ 
Gesammelte Abhandlungen, 1898. S. 811. 

' Preliminary Report mate by the Gommittee of Desinfeotants of the American 
Public Health Association. — Ref. üffelmann's Deutsche Vierieljahressehrift fir 
öffentl, Gesundheitspflege. 1886. Bd. XVIII. Suppl. S. 155. 

' Arbeiten aus dem KaiserL Gesundheitsamte, Bd. V. S. 247 ff. 

* Diese Zeitschrift, Bd. ü. S. 15ff. 
*• Ebenda, Bd. Öl. S. 404 ff. 

" Ebenda. Bd. V. S.67ff. 
" Ebenda, Bd. VI. S. 97 ff. 
^"^ Ebenda. Bd. VIU. S. 62ff. 
^^ Ebenda, Bd. XVI. S. 149 ff. 



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Hünermann'sohe Wassebdesinfection. 881 

zuerst die Aufmerksamkeit auf die Verwendung des Chlorkalks als Trink- 
wasserreinigungsmittel. Traube nahm sehr geringe Mengen (4*26 '"^ 
Chlorkalk, enthaltend 1.065™^ wirksames Chlor auf den Liter 
und innerhalb von 2 Stunden, oder auch schon in kürzerer Zeit, 
sollten alle Mikroorganismen abgetödtet sein. Zur Entfernung 
des überschüssigen Chlorkalks genügte ein Zusatz von 2*09°"« Natriumsulfit. 
Traube arbeitete allerdings nicht mit pathogenen Keimen, sondern mit 
Bakterien aus faulender Fleischfiüssigkeit. 1894 bestätigte Earlinski^, 
dass 1 "fif freies Chlor pro Liter Wasser zur Abtödtung aller 
Wasserbakterien, Cholera- und Typhusbacillen genügt, und dass 
bei der Combination des Chlors mit einem chemischen Pilterverfahren grobe 
Verunreinigungen enthaltende und inficirte Wässer so gereinigt werden 
könnten, dass sie die strengsten Anforderungen an Gefahrlosigkeit und 
Appetitlichkeit erfüllten. Des Weiteren bestätigte Kratschmer' 1894 
durch seine Versuche, dass 3 °>« Chlor auf 1 Liter Wasser sogar 
Milzbrandsporen abtödtete. 

Lode^ und auch Bassenge^ haben 1895 das Traube'sche Ver- 
fahren geprüft und weiter auszubilden versucht. Lode zog auch Bacterium 
coli, Typhus, Cholera, Milzbrand, sowie künstlich und natürlich verun- 
reinigtes Wasser in den Bereich seiner Versuche und fand, dass die von 
Traube angewandte Menge von 1™» freien Chlors auf 1 Liter Wasser 
in kürzerer Zeit unzulänglich wirkt und ebenso auch noch nach 24 Stunden. 
Er erhöhte die Traube'sche Chlormenge um das SOfache, also auf 30 ™^ 
pro Liter und kürzte dafür die Einwirkungsdauer bis auf 10 Minuten ab, 
was einen grossen praktischen Gewinn bedeutete. Zur Bindung des unver- 
brauchten Chlors diente Calcium- oder Natriumsulfit. Lode wies gleich- 
zeitig auf die mit der Zeit auftretende Werthverminderung des Chlorkalks 
und seine schwere Benetzbarkeit hin. Letzteren XJebelstand suchte er durch 
feines Verreiben in Wasser auf mechanischem Wege, wie auch durch Zer- 
setzung des Chlorkalks mittels 0-25^™ Citronensäure pro Liter auf 
chemischem Wege abzuhelfen. Lode erhielt allerdings kein klares Wasser, 
sondern ein durch Flocken von kohlensaurem Kalk getrübtes und glaubt 
aus diesem Grunde eine nachträgliche Filtration in Aussicht zu nehmen, 
bezw. einen Zusatz von Salzsäure machen zu müssen. Bassenge ge- 
langte ebenfalls zu einer günstigen Beurtheilung des Traube'schen Princips. 



^ Yersammlang deutscher Naturforscher und Aerzte in Wien am 26. September 
1894. Wiener kUn. Wochenschriß, 1894. S. 915. Congressbericht. 

* Nach Schnmbnrg: VeröffenÜichungen au* dem Gebiete des Militär- SanitäU- 
Wesens. Hft. 18. S. 79. 

* Archiv für Hygiene. Bd. XXIY. S. 236 if. 

* Diese Zeitschrift. Bd. XX. S. 227 ff. 



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38ä Sohüder: 

Nach seinen Versuchen genügte ein Zusatz von 0-0978 p™ activen 
Chlors, entsprechend 0-15«^ käuflichen Chlorkalks auf 1 Liter 
Wasser, um binnen 10 Min. sehr stark mit pathogenen Keimen 
verunreinigtes Wasser sicher keimfrei zu machen. Bei längerer 
Einwirkungsdauer, z. B. 2 Stunden, vermindert sich die nöthige Chlonnenge 
auf 0-0108 P™. Das nicht verbrauchte Chlor macht Bassenge durch 
Calciumbisulfit (3<^" einer gesättigten Lösung = 0*02»™ freien Chlors) 
unschädlich, wodurch eine geringe Menge schwefelsauren Kalks als Nieder- 
schlag ausgefallt wird. Bassenge erachtet sein Verfahren als voll- 
kommen sicher, um auf chemischem Wege sicher keimfreies 
Wasser herzustellen. Schumburg^ hat 1897 auf Grund seiner Ver- 
suche das von Traube ersonnene und besonders von Bassenge ausgebildete 
Verfahren in seiner Wirkung als richtig und zuverlässig aner- 
kannt und auch Löffler^ sagt in dem WeyTschen Handbuch für Hygiene, 
dass sich das Traube'sche Princip als überaus werthvoll für die Praxis er- 
wiesen habe. Ballner^ bestätigt in einer Arbeit aus diesem Jahre, dass 
das Chlorkalkverfahren als genügend zuverlässig anzusehen sei. 
Für das Brom hat 1894 Kratschmer* eine dem Chlor ähnliche 
keimvernichtende Wirkung nachgewiesen, dann ist es 1896 gleichzeitig 
von Jaworowski^ und Schumburg* zur Wasserdesinfection angewandt 
Jaworowski setzte dem zu reinigenden Wasser soviel gesättigtes Brom- 
wasser zu, dass es nach V2 Stunde noch Bromgeruch aufweist. Das Brom 
wird dann noit basischem Wismuthsulfit und Wismuthoxydul beseitigt 
Das Verfahren ist nach Schumburg^ gänzlich unbrauchbar, weil sich 
bei der Nachprüfung die entstandene braune, schlammige Trübung nach 
24 Stunden noch nicht abgesetzt hatte. Schumburg war auf das Brom 
verfallen, einmal der dem Verfahren mit Chlorkalk selbst, sowie des Weiteren 
der Entfernung des überschüssigen Chlors anhaftenden Schwierigkeiten halber, 
andererseits weil Brom bei gewöhnlichem Druck bereits eine Flüssigkeit ist 
Schumburg bildete sein Verfahren dahin aus, dass nach seinen Angaben^ 
mit 0-06 8Tm freien Broms auf 1 Liter Wasser in 5 Minuten fast 
sämmtliche Wasserbakterien und sämmtliche bisher im Wasser 
nachgewiesenen pathogenen Keime sicher abgetödtet werden 

* Veröffentlichungen aus dem Gebiete des Miliiär-Sanitätswesens. Hft 15. S.88. 

* Jena 1896. S. 709. 

* Wiener med. Wochenschrift. 1901. Nr. 81, 33. 

* Wiener Min. Wochenschrift 1894. S. 915. 

* Ref. Fharmacentische Centralhalle. Bd. XXXVII. Nr. 51. 

* Veröffentlichungen aus dem Gebiete des Militär-Sanitäiswesens, Hft. 15. S. 86. 
^ Ebenda. S. 85. 

* Deutsche med. Wochenschrift. 1897. Nr. 10 u. 25. — Deutsche müitärärztL 
i^eitschriß 1897. S. 289 ff. 



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Hükebmann'sohe Wassebdbsinfeotion. 383 

können. Das Brom wird von ihm in Form einer Brom-Bromkalilösung 
angewandt, von der 0*2 <^ 0*06«™ freies Brom enthalten. Das über- 
schüssige Brom wird mit Natrium sulfurosum und Natrium carbonicum 
siccum (0-096 + 0-94) unschädlich gemacht Ueber den Werth des 
Schumburg'schen Verfahrens äusserte sich zunächst 1900 A. PfuhP 
auf Qrund seiner umfangreichen Nachprüfungen in sehr lobender Weise 
und stellt dasselbe unter den analogen Verfahren an die erste 
Stelle. Desgleichen äussert sich Ballner' 1901 dahin, dass das Brom- 
verfahren in seiner sterilisirenden Wirkung als genügend zu- 
verlässig anzusehen sei. 

Schon ehe die Nachtheile in der Anwendung des Chlorkalks zur 
Wasserdesinfection Schumburg auf die Anwendung des Broms gebracht 
hatten, waren es 1894 Sickenberger und Kaufmann^ gewesen, welche 
an Stelle des Chlorkalks das unterchlorigsaure Natrium setzten und mit 
demselben Nilwasser sterilisirten. Sie wollen bei Zusatz von 6"«^ reinen 
Chlors auf 1 Liter Wasser Vernichtung sämmtlit5her Keime er- 
zielt haben. Im Sommer d. J. haben nun Hünermann und Deiter^ ein 
Verfahren der Trinkwasserdesinfection mit Natriumhypochlorit erprobt und 
für durchaus brauchbar befunden, zugleich auch eine Lösung von Natrium- 
hypochlorit mit einfachen Mitteln hergestellt, welche einen constanteu Chlor- 
gehalt ziemlich lange behält, wodurch das Verfahren an Billigkeit und Be- 
quemlichkeit der Handhabung sehr gewinnt. Hünermann setzt von seiner 
NaOOl-Lösung soviel zum Wasser, dass auf den Liter 0-04«™ wirksames 
Chlor kommen, d.h. also 0'4<'«°» einer lOprocent. Lösung. Eine Ein- 
wirkungsdauer von 10 Minuten soll genügen, um alle im 
Wasser enthaltenen Typhus- und Colibacillen sowie Cholera- 
vibrionen mit Sicherheit abzutödten. Der Härtegrad und der Gehalt 
an organischer Substanz sollen die Desinfecüon nicht erheblich beeinträch- 
tige. Die Bindung des Chlors erfolgt nach vollendeter Desinfection mittels 
einer Lösung von Natriumsulfat (NajSOj), von welchem 0*14^^ für 
0«04fi^ Chlor genügen. Eine Gesundheitsschädigung durch die ange- 
wandten Chemiealien soll nicht zu befürchten sein. 

Nach dem Vorstehenden könnte es scheinen, als ob wir in 
dem Chlor in der Form des Chlorkalks oder unterchlorigsauren 
Natriums^ bezw. im Brom in der Schumburg'schen Brom-Brom- 
kalilösung geeignete Mittel zur Desinfection des Trinkwassers 



< Diese ZeiUehrift. 1900. Bd. XXXIII. S. 58 ff. 
« Wiener med. Wochenschriß. 1901. Nr. 31—38. 

' Le Frogrhs, Journal Quotidien paraissant au Caire. 13. December 1894. 
(Citirt nach Bassenge.) 

^ DeuUehe med. Wochenschrift. 1901. Nr. 24. S. 891 u. 892. 



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384 Schüdeb: 

besässen, welche allen an dieselben zu stellenden Anforde- 
rungen genügten. So segensreich dies auch sein würde in Wirklichkeit 
scheint es nicht der Fall zu sein. 

Schon bei meiner Prüfong des Schumburg'schen Verfahrens^ bin 
ich mit den Resultaten dieses Autors, sowie mit denen A. Pfuhl 's in 
völligen Gegensatz gekommen, und, um es vorweg zu bemerken, bei der 
Prüfung des Hünermann'schen Verfahrens ist es mir nicht viel anders 
gegangen. Nach Abschluss meiner Versuche ersah ich aus einer im 
November d. J. erschienenen Arbeit von Babs^ über Tnnkwasserdesinfection 
mittels Chlor, dass derselbe zunächst die von Lode mit Chlorkalk und 
Hünermann mit Natriumhypochloroit gemachten günstigen Erfahrungen 
vollständig bestätigt^, dass aber die Resultate mit dem Hünermann'- 
schen Verfahren gegenüber Choleravibrionen sofort ganz andere wurden, 
sobald er statt der bisher üblichen Prüfungsmethoden auf die von mir 
s. Z. angegebene Weise ^ untersuchte. 

Ich glaube* nicht zu weit zu gehen, wenn ich auf Grund 
der im Nachstehenden niedergelegten Beobachtungen die Be- 
fürchtung ausspreche, dass ausser dem Hünermann'schen auch 
die übrigen Verfahren der Trinkwasserdesinfection mittels 
Chlor zunächst noch als unzuverlässig in der sicheren Eeim- 
vernichtung anzusehen sind und eine wirklich praktische Be- 
deutung erst erlangen können, wenn sie eine Nachprüfung 
nach den am Schlüsse von mir angegebenen Methoden bestehen 
würden. Die so günstigen bisherigen Resultate anderer üntersucher sind, 
wie ich vermuthe, durch die Unzulänglichkeit der angewendeten XJnter- 
suchungsmethoden vorgetäuscht. Zwei Fehler sind gemacht; einer 
von allen Untersuchern, dass sie viel zu kleine Mengen des in- 
ficirten und dann desinficirten Wassers auf entwickelungsfähig 
gebliebene Keime untersuchten, der zweite, dass eine Anzahl 
Unte-rsucher zum Nachweis der lebensfähig gebliebenen Keime 
ausschliesslich mit festen Nährböden arbeitete. 



Die Prüfung des Hünermann'schen Verfahrens gestaltete sich nun 
folgendermaassen. 

Es wurde die vom Autor übersandte Chlorlösung (10 Procent NaOCl) 
zu den Versuchen verwandt, nachdem jedes Mal vor ihrer Benützung der 
Chlorgehalt im chemischen Laboratorium festgestellt war. Zur Entfernung 

> Diese Zeitschrift Bd. XXXVU. S. 807 ff. 

'* Hygienische Bundschau. 1901. Nr. 22. S. 1085. 

» Ebenda, S. 1086. 

♦ JHese Zeitschrift Bd. XXXVII. S. 312 u. 313. 



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HüNBBMANN*SOHB WaSSEBDESINFECTION. 385 

des Chlors, nachdem dasselbe seine Wirkung gethan, wurde eine im 
chemischen Laboratorium hergestellte schwefligsaure Natriumlösung (Na^SO,) 
benutzt Bei jedem einzelnen Versuch wurde mittels Jodzinkstarkelösung 
festgestellt, ob etwa noch freies Chlor, welches auf die Platten mit über- 
tragen eine Beeinträchtigung des Wachsthums herbeiführen könnte, vor- 
handen war. Zutreffendenfalls wurde dasselbe durch Hinzufugen weiterer 
schwefligsaurer Natriumlösung beseitigt. 

Sämmtliche Versuche wurden in gut verschliessbaren Glasgefassen 
angestellt, um einmal durch fieissiges Umschütteln während des Versuches 
eine gründliche Mischung des Chlors mit allen Theilen des zum Versuch 
dienenden Wassers zu erreichen, andererseits um ein Entweichen des Chlors 
noch während des Versuches zu verhindern. Allerdings wurden so für den 
Versuch etwas günstigere Bedingungen geschaffen, als dies bei der An- 
wendung des Verfahrens in der Praxis in den meisten Fällen wohl der 
Fall sein wird. 

Zu den Versuchen wurde Wasser verschiedener Herkunft benutzt. Es 
wurde auf verschieden grosse Härte und wechselnden Gehalt an organischen 
Substanzen Werth gelegt, und so diente 

1. destillirtes Wasser, 

2. Brunnenwasser, 

3. Wasser der hiesigen Wasserleitung. 

4. Wasser aus dem Spandauer Schifffahrtscanal, 
den Versuchszwecken. 

Die keimvemichtende Kraft des Chlors wurde wie s. Z. die des Broms ^ 
in mehreren Versuchsreihen von mir festzustellen versucht, und zwar 

1. in Wasser verschiedener Art ohne Zusatz pathogener Keime, 

2. nach Zusatz von Choleravibrionen, 

3. nach Zusatz von Typhusbacillen, 

4. nach Zusatz von Ruhrbacillen. 

Von den drei letzteren wurden stets 24 Stunden alte auf Agar bei 37^ 
gewachsene Culturen benutzt. Die Culturen wurden sehr sorgfältig auf- 
geschwemmt und dann in dem zu inficirenden Wasser durch längeres, 
kräftiges Umschütteln so fein vertheilt, dass höchst selten nur noch feinste 
Partikelchen mit blossem Auge in dem Wasser wahrnehmbar waren. Im 
Allgemeinen wurde mit Zusatz geringerer Mengen pathogener Keime, als 
s. Z. bei der Prüfung des Schumburg'schen Verfahrens gearbeitet. Von 
einer Filtration der Aufschwemmungen wurde mit Ausnahme einiger Ver- 



* Das Schumburg'sche Verfahren der Wasserreinigung mittels Brom. Diese 
ZeiUchHft, Bd. XXXVII. S. 307 ff. 

ZttiMhr. f. H^gfen«. XXXÜC. 25 



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386 Sohüder: 

suche zu besonderem Zwecke ans den früher bei Prüfung des Schum- 
burg 'sehen Bromverfahrens aus einander gesetzten Gründen^ abgesehen. 

Die nach Einwirkung des unterchlorigsauren Natrium zuzusetzende 
Lösung von schwefligsaurem Natrium wurde vor dem Gebrauch nicht 
sterilisirt, da wiederholt vorgenommene Plattenversuche ergaben, dass die 
Lösung sich keimfrei erhielt. Bei Anwendung steriler Pipetten war also 
nicht zu befürchten, dass dem zu den Versuchen dienenden Wasser noch 
nachträglich entwickelungsfahige Keime zugesetzt würden. 

Die Mehrzahl der Versuche wurde wiederholt, der Controle halber. 
In den die Zusammenstellung der Versuche enthaltenden Tabellen sind 
die Wiederholungen der Versuche durch den der laufenden Nummer bei- 
gefügten Buchstaben a kenntlich gemacht. 



* Diese ZeiUchrift, Bd. XXXVII. S. 817 u. 818: „Mit solchen Verhältnissen wie 
bei den durch doppelte Filter filtrirten Aufschwemmungen, wo gewissermaassen die 
einzelnen Keime im Wasser schwebend dem Angriff des Broms ausgesetzt sind, wird 
in der Praxis selten zu rechnen sein. Es mag dies vielleicht vorkommen, wenn 
Wasser durch typhusbacillenhaltigen Harn verunreinigt ist, oder in einem Wasser 
eine grosse Vermehrung pathogener Keime an einzelnen Stellen stattgefunden hat 
Bei den hauptsächlich im Wasser in Betracht kommenden pathogenen Keimen der 
Cholera, des Typhus, der Dysenterie geschieht die Infection des Wassers hauptsach- 
lich durch Darmausleerungen, und in diesen befinden sich, wenn dieselben auch in 
Flüssen oder Gewässern stark verdünnt werden, die einzelnen Keime nicht immer 
80 isolirt wie in einer filtrirten Culturaufischwemmung. 

Aus diesen Gründen würde selbst der Nachweis, dass das Brom- 
verfahren die pathogenen Keime in filtrirten Culturaufschwemmungen 
sicher vernichtet, noch nicht dafür beweiskräftig sein, dass dasselbe 
in auf natürliche Weise verunreinigtem Wasser der Fall ist*' 

„Ausserdem habe ich bei meinen Untersuchungen gefunden, dass bei sorgfaltiger 
Aufschwemmung von 24 Stunden alten Choleraculturen und nach längerem, kräftigem 
Uraschütteln dieser Aufschwemmung in dem zu inficirenden Kolben mit Wasser 
höchst selten mit blossem Auge noch erkennbare Partikelohen sich finden, und bei 
den Versuchen mit Typhus war dies überhaupt niemals der Fall." Und femer: 

„Ehe ich diese Versuche sammt den Ergebnissen auch in einer kleinen Tabelle 
zusammenstelle, möchte ich noch auf die weitere Schlussfolgerung Schumburg's 
ans seinem zuletzt erwähnten Versuch zurückkommen, dass man nämlich, wie schon 
andere Untersucher angegeben haben, zu Desinfectionszwecken zu benutzende 
Bakterienaufschwemmung filtriren soll. Ich meine, das Gegentheil 
ist richtig, denn wenn man den Werth eines Desinfectionsmittels erfEihren will, 
soll man demselben die zu vernichtenden Bakterien nicht unter Umständen, wie die- 
selben am leichtesten zu vernichten sind, gegenüberstellen, sondern mindestens so, 
wie sie in der Praxis zu vernichten sind, nämlich in den verschiedenen Absonde- 
rungen der Erkrankten, oder eher noch unter erschwerten Umständen. Erst dann 
wird man sich über den Werth eines Desinfectionsmittels für die Praxis nicht 
täuschen." 



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Hünermank'sche Wassbrdesinfection. 



38? 



1. 

Die erste Versuchsreihe erstreckte sich auf die Versuche, Wasser von 
verschieden grossem Keimgehalt von diesen Keimen mittels des Verfahrens 
zu befreien. Zur Ermittelung des Keimgehaltes diente vor und nach An- 
wendung des Chlorverfahrens das gewöhnliche Gelatineplattenverfahren. 
Während bei der Feststellung des Keimgehaltes vor dem Versuch je 1 ^^ 
Wasser oder ein Theil davon benutzt wurde, dienten nach dem Versuch 
je 10 ^'^ in grossen Platten dazu, um weniger von Zufälligkeiten abhängig 
zu sein. Bei einem Vergleich der Zahlen in den beiden letzten Spalten 
der Tabelle I sind daher, um das richtige Reductionsverhältniss der Keim- 
gehaltszahlen zu erhalten, die Zahlen in der vorletzten Spalte zehnmal 
grösser zu nehmen. Bei dem Versuch 5 sowie 5a wurde ein destillirtes 
Wasser genommen, welches schon länger im Laboratorium (in geschlossener 
Flasche) gestanden hatte, um recht viel Keime in demselben zu haben. 









Tabell 


e I. 








Art 
des Wassers 


Versuchs- 
menge 

I.Iter 


Menge der 1 

zugesetzten ; 

lOprocentigen 

Htiner- 
mann'schen 
Lösung in com 


Ein- 
wirkungs- 
dauer 

Minuten 


Keimzahl 

des Wassers 

in 1 •>«» 

vor dem 

Versuche 


Keimzahl 
des Wassers 
in 10««" 
nach dem 
Versuche 


1 


destillirtes 




0-4 


lü 


224 


1 


laj 


>f 




0-4 1 


10 


224 


12 


2 1 


Leitung 


1 


0*4 


10 


45 





2a, 


„ 




0-4 


10 


45 


1 


3 ' 


Brunnen 




0-4 


10 


885 


4 


3a { 


»» 




0-4 


10 


885 





4 


Ganal 




0-4 


10 


487 000 


21 


4a > 


,, 




0-4 


10 


487 000 


18 


^ 1 


destillirtes 


1 


0-4 


10 


23 400 





5a 1 


,, 




0-4 


10 


23 400 





6 ! 


licitung 


1 


0-4 


10 


48 





6a 1 


,, 




0«4 


10 


48 





7 [ 


Brunnen 




0-4 


10 


870 





7a 1 


,, 


1 


0*4 


10 


870 





8 i 


(^anal 


j 


0-4 


10 


393 8 


2 


8a 1 


t» 


1 


0-4 


10 


393 800 


1 



Aus dieser Tabelle ergiebt sich, dass der Hünermann'schen 
Lösung eine ganz bedeutende keimvernichtende Wirkung inne 
wohnt. Unter 16 Fällen gelang es acht Mal in je 10*^™ des 
behandelten Wassers keine auf Gelatine entwickelungsfähigen 

25* 



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388 SCHÜDEEt 

Keime mehr nachzuweisen, während das Wasser vorher bis 284000 
Keime in 10 ^'^^^^ enthalten hatte. Ob das Wasser wirklich völlig keimfrei 
war, hätte sich nur entscheiden lassen, wenn die ganze zum Versuch be- 
nutzte Menge durchsucht wäre, was mittels Plattenverfahrens ziemhch 
umständlich gewesen, aber nach Analogie der Versuche mit Cholera, Typhus 
und Ruhr mittels Anreicherungsverfahrens nach Zusatz concentrirter, 
steriler Peptonlösung und Aufenthalt bei 22^ durchzufuhren gewesen 
wäre. — In den übrigen acht Versuchen, in denen die Platten nicht 
völlig steril blieben, ist jedenfalls auch eine so erhebliche Reduction der 
Keimzahl eingetreten (z. B. von 4870000 auf 21 bezw. 18 und 8938000 
auf 2 bezw. 1), dass sie einer völligen Sterilisirung fast gleich zu achten 
ist, denn eine Abtödtung der im Wasser zuweilen vorhandenen sporen- 
bildenden Bakterien ist billiger Weise nicht zu verlangen. 

2. 

In der nun folgenden Versuchsreihe wurde die keimvernichtende Kraft 
der Hünermann'schen Lösung auf Choleravibrionen in den gleichen 
Wasserarten erprobt. Von den frisch auf Agar 24 Stunden bei 37^ ge- 
wachsenen Culturen wurden verschieden grosse Mengen : ^/j, ^/^ Cultur und 
je 3 und 1 Oese von Aufschwemmungen (1. Agarcultur in 10*^*^ Wasser) 
dem zu untersuchenden Wasser zugesetzt. Das weitere Verfahren gestaltete 
sich genau so wie s. Z. bei den gleichen Untersuchungen mit der Schum- 
burg'schen Brömlosung.^ 

Die Resultate dieser Versuchsreihe enthält die folgende Tabelle IL 



> Diese Zeitschrift. Bd. XXXVII. S. 312: „Zum Nachweis der im bromirten 
V^asser etwa noch lebend gebliebenen Vibrionen wurde das Pepton-Anreicherungs- 
verfahren und die Choleraro threactiou benutzt. Anfangs wurden nebenher auch uoch 
Gelatineplatten angelegt (Versuch l bis 12 der Tabelle II). Die angewandte 
Untersuchungsmethode erlaubte das ganze bromirte Wasser nach lebend 
gebliebenen Choleravibrionen abzusuchen, und hieraufist das grösste 
Gewicht zu legen, wie die Versuche klar erkennen lassen. Im Einzelnen 
gestaltete sich das Verfahren so, dass, nachdem das Brom im Wasser durch den 
Zusatz der aufgelösten Tabletten unwirksem gemacht war, dem inficirten Wasser 
etwas gesättigte Sodalösung zugesetzt wurde, um für das Anreicherungsverfahren 
eine gute alkalische B«action herzustellen. Dann wurde die ganze Wassermeuge in 
kleine, 100 bis 200*^*™ haltende Kölbchen vertheilt, und einem jeden soviel einer 
concentrirten Pepton-Kochsalzlösung zugesetzt, dass eine 1 procentige Pepton- Kochsalz- 
lösung entstand. Die Kölbchen wurden 24 Stunden bei 87 ° gehalten und dann von 
der Oberfläche eines jeden 3 Oesen in Köhrchen mit 1 Procent Pepton-Kochsalzlösung 
übertragen, welche wiederum 24 Stunden bei 37** gehalten wurden. Nachdem die 
zweite üebertragung stattgefunden, wurde mit den einzelnen Kölbchen die Cholert* 
rothreaction angestellt, und wo eine solche nicht eintrat, wurde dieselbe mit dem 
entsprechenden Röhrchen am nächsten Tage noch einmal versucht. Diese Vorsiebt 



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Hünebmann'sche Wassbedesinfection. 



389 



Tabelle U. 



d 

a 



Art 
desWassers 



Ver- 
suchs- 
menge 

Li 



I Zugesetzte 
I Menge einer 
Agarcnltur 



ifr I 



1 destillirtes 
la „ I 

2 Leitung 



2a 

3 

Sa 

4 

4a 

5 

6 

7 



Brunnen 



Canal i 



destillirtes ! 
Leitung I 
Brunnen 

8 i Canal - 

9 destillirtes ' 



9a 
10 
10a 
11 
IIa 
12 
12a 
13 

Ida 

14 

14a 

15 

15a 

16 

16a 



Leitung 



Brunnen 



Canal 



destillirtes 



Leitung 



Brunnen 



Canal 



Menge der 

zugesetzten 

lOprocent 

fltiner- 

mann'- 

schen Lösg. 

in ccm 



Ein- 
wirkungs- 
dauer 

MtnaUn 



Zahl 
der an- 
gesetzten 
Köl hohen 



1 


/, 




0*4 


v. 




0-4 


'/. 




0-4 


V, 




0.4 


v. 




0.4 


v. 




0.4 


'/. 




0.4 


V, 




0.4 


V« 




0-4 


'U 




0.4 


'U 




0.4 


'U 




0.4 


8 Oesen 


einer 


0.4 


Aufschwem- 




inangin 


10-» 




»» 




0.4 




t» 




0.4 




,, 




0.4 




> 
> 




0.4 
0-4 
0.4 




» 




0*4 


1 Oese 


einer 


0-4 


Aufschwem- 




mungin 


IQccm 




»* 




0.4 






0.4 


» 




0-4 


»» 




0-4 


»» 




0.4 
0.4 




n 




0.4 



10 
10 
10 
10 
10 
10 
10 
10 
10 
10 
10 
10 
10 

10 
10 
10 
10 
10 
10 
10 
10 

10 
10 
10 
10 
10 
10 
10 



Zahl der 
die Both- 
reaction 
gehenden 
Kölhchen 



6 


2 


8 


7 


9 


9 


9 


8 


7 





10 


10 


6 





8 


8 


8 


8 


7 


7 


7 


1 


7 


1 


8 





10 





7 





7 


2 


7 





8 


2 


8 


4 


7 


6 


8 





10 





8 





8 


1 


9 


2 


9 


2 


9 


7 


8 


4 



erwies sich als durchaus erforderlich, denn es gelang mir verschiedene 
Male erst nach der zweiten Anreicherung, eine Rothreaction zu er- 
zielen. Auch stellte es sich bald heraus, dass es zweckmässiger war, das zum An* 
reichem und zu Rothreaction bestimmte Wasser in eine Anzahl kleiner Kolben zu 
yertheilen, als eben mit der ganzen Wassermenge in einem grösseren Gefäss diesen 
Versuch zu machen. 

Selbstrerstandlich wurde von jedem zum Versuch benutzten Wasser durch 
Controlkölbchen festgestellt, dass in demselben keine Rothbildner yorhanden waren.'* 



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390 Schüdeb: 

DieResultatedieserVersucbsreihe sind rechtwenig günstige. 
Unter 28 Versuchen gelang es nur neun Mal, die Cholera- 
vibrionen in der angegebenen Zeit von 10 Minuten im Wasser 
völlig abzutödten; und der Werth dieses JErfolges reducirt sich bei 
näherer Betrachtung nicht unerheblich. Nur zwei Mal nämlich ergab, 
nachdem im ersten Versuch die Choleravibrionen vernichtet waren, die 
Wiederholung des Versuches das gleiche Resultat (Nr. 9 und 9 a, 13 und 
13a); in den übrigen Fällen (3, 3a, 4, 4a, 10, 10a, 11, IIa, 14, 14a) 
ergaben die unter völlig gleichen Bedingungen angestellten Versuche ein 
Mal ein positives und dann ein negatives Resultat; ausserdem handelte 
es sich bei den beiden mit ihren Wiederholungen übereinstimmenden 
Versuchen um solche, die mit destillirtem Wasser angestellt waren, also 
die günstigsten Chancen für das Gelingen boten, aber am wenigsten mit 
den Anforderungen für die praktische Anwendung des Verfahrens in Ein- 
klang zu bringen sind. 

In den letzten acht Versuchen waren nur sehr geringe Mengen 
Choleravibrionen (1 Oese einer Culturaufschwemmung in 10**^ Wasser, 
d. h. wenn man 1 Oese gleich 2™^ und den Cubikcentimeter zu 1^ 
rechnet = Vsooo Cultur) dem Wasser zugesetzt, trotzdem versagte das Ver- 
fahren unter acht Malen fünf Mal. 

Es ist auch nicht ausser Acht zu lassen, dass alle Versuche mit 
Choleraculturen, die sehr lange auf künstlichen Nährböden fortgezüchtet 
sind, angestellt wurden, welche vielleicht weniger widerstandsfähig sind, 
als solche, die bei praktischer Anwendung des Verfahrens in Frage kommen. 

Im Uebrigen beweisen diese Versuche wiederum, worauf ich schon 
früher hingewiesen, dass in einem Theile des Wassers die Cholera- 
vibrionen (und natürlich auch andere zu Versuchen benutzte 
Bakterien) vernichtet sein können, in einem anderen aber 
nicht, und dass es daher zur Gewinnung einwandsfreier Re- 
sultate dringend nöthig ist, die gesammte inficirte und zum 
Versuch benutzte Wassermenge auf entwickelungsfähige Vi- 
brionen bezw. Keime zu untersuchen. 

Bei einem Vergleich der Resultate der ersten beiden Versuchsreiben 
muss es auffallen, dass das Verfahren den an und für sich verhältniss- 
mässig leicht zu vernichtenden Choleravibrionen sich nicht so bewährte 
wie bei den gewöhnlichen Wasserbakterien. Dies kann ein Mal darin 
seinen Grund haben, wie Schumburg schon bei seinen Versuchen ver- 
muthete^ dass die Bakterien in den Agarculturaufschwemmungen nicht 

* Veröffentlichungen aus dem Gebiete des Militär • Sanitäistcesens. Heft lö. 
S. 106—107. 



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Hünermann'sche Wasseedesinfection. 



391 



so fein vertheilt und der Einwirkung des Desinfectionsmittels nicht so 
sehr ausgesetzt seien wie z. 6. die Wasserbakterien unter natürlichen 
Verhältnissen, andererseits kann aber der Grund darin liegen, dass die 
zum Nachweis der lebend, bezw. entwickelungsfahig gebliebenen Bakterien 
angewandten Methoden, im ersten Falle das gewöhnliche Plattenverfahren 
(allerdings mit je 10*^ Wasser), im anderen die Anreicherung der ganzen 
zum Versuche benutzten Wassermenge nicht gleichwerthige Resultate 
ergaben. 

Um diese Frage zur Entscheidung zu bringen, wurde nach beiden 
Sichtungen hin ein Versuch angestellt 

Zunächst wurden Versuche mit durch Filtrirpapier filtriertai Auf- 
schwemmungen Ton Choleraculturen gemacht Ich bemerke hier aber 
nochmals ausdrücklich, dass dies nur zu eben erwähntem 
Zwecke geschah, dass aber aus diesen Versuchen, soweit sie 
günstig ausfielen, aus früher eingehend erörterten Gründen^ 
gar nichts für die Brauchbarkeit des Hünermann'schen Ver- 
fahrens für die Praxis geschlossen werden darf. Die Versuche 
wurden im Uebngen analog den in Tabelle n enthaltenen ausgeführt, 
und sind in der nächsten Tabelle zusammengestellt. 

Tabelle HL 



S I 



t 

la 

2 

2a 

8 

3a 

4 

4a 



Art des | 
Wassers 

I destiUirtes 
I Leitung 
BrüDDen 
Canal 



Ver- ' 

such 8* I 
menge 

Liter 



Zu- 
gesetzte 
Cultur- 
menge 
(filtrirt) 

V, Culturl 

V. » I 

V, 

V, 

V. 

V, 

V, 

V, 



Menge der kjq | { Zahl der 

I zugesetzten ^^u^' Zahl der ; die Roth- 

Hüner- dauer »«?«8etzten reaction 

m an n 'sehen I Kölbchen gebenden 

! Lösung in ccm ^,«.^_ ' Kölbchen 



Minuten 



0-4 


i 10 • 


9 





0.4 


10 1 


9 


1 


0-4 


10 


7 





0*4 


10 


8 


1 


0-4 


10 


10 





0-4 


10 


9 


6 


0-4 


10 


7 


6 


0-4 


10 


10 


4 



Also auch die Choleravibrionen in filtrirten Aufschwem- 
mungen wurden unter acht Mal nur drei Mal Ternichtet (Nr. 1, 
2, 3) und bei der Wiederholung der drei Versuche nicht 
Töllig (la bis 3a). 

* Diese ZeiUchrift. Bd. XXXVIL S. 818. 



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392 



Sohüdeb: 



Hiernach ist es mir nicht wahrscheinlich, dass die Vertheilungs- 
art der Keime im Wasser die merklichen Unterschiede zwischen 
den in der Tabelle I und II enthaltenen Resultaten verschuldet 
habe. Es handelte sich nun weiter um einen Vergleich der Leistungs- 
fähigkeit des gewöhnlichen Plattenverfahrens mit grösseren Wassermengen, 
gegenüber dem Anreicherungsverfahren. Zu diesem Zweck wurden die 
Aidischwemmungen der Choleraculturen in sterilem Wasser gemacht und 
den sorgfaltig sterilisirten und auf Eeimfreiheit geprüften verschiedenen 
Wasserarten zugesetzt. Es geschah dies deshalb, um auf den Platten, 
soweit Colonieen wuchsen und zu zahlen waren, nur Cholera zu haben. 
Nachdem das Hünermann'sche Verfahren durchgeführt war, wurden 
zunächst von jedem Liter Wasser mittels steriler Pipetten je vier Mal 
^0«cm entnommen, in grossen Schalen zu Agarplatten verarbeitet, und 24 
Stunden bei 37 ® belassen. Der Rest des Wassers (960 *^) wurde mittels 
Anreicherungsverfahren und Cholerarothreaction wie bei den anderen Ver- 
suchen untersucht 

Am nächsten Tage wurden die auf den Platten zur Entwickelung 
gekonunenen Keime der Sicherheit halber noch in Röhrchen mit Pepton- 
lösung abgeimpft zur Anstellung der Rothreaction, obgleich, abgesehen 
von Luftkeimen, kaum etwas Anderes als Cholera auf den Platten zur 
Entwickelung kommen konnte. Das Resultat dieser in der nächsten 
Tabelle enthaltenen Versuchsreihe war ein recht überraschen- 
des und lehrreiches: 



- 








Tabelle IV 














1- 


^& 


« fl ® ö 


-5.9 


II 


.2 o 


Zahl der Colo- 
nieen auf je vier 




Art des 
Wassers 




1 a 

l'-S 


Menge dei 

gesetzt Hf 

mann'sc 

Lösung in 




Platten in lOocm 
darunter* 




1 


«3 


10 


=3| 

9 


M^ 


Cholera-| andere 
keime | Keime 


1 


destillirtes 


1 


0-4 


9 





2 


2 


Leitung 


1 


V. 


0-4 


10 


8 


2 








3 


Brunnen 


1 


3 Oesen 


0-4 


10 


8 


1 





4 


4 


Canal 


1 


3 „ 


0*4 


10 


10 


7 









Bei der näheren Prüfung der auf den Agarplatten gewachsenen 
Colonieen ergab sich, was schon mikroskopisch wahrscheinlich erschien, 
dass es sich nur um darauf gefallene Luftkeime und nicht auch nur bei 
einer einzigen Colonie um Cholera handeitel 



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HüNEBMANN'SCHE WASSEKDESINrECTION. 393 

Es stellte sich also heraus, dass in den vier Versuchen das 
Plattenverfahren bei 37^ mit je 40«"° Wasser keine Cholera- 
vibrionen mehr zur Entwickelung kommen Hess — selbst dort 
nicht, wo sämmtliche Kolben Rothreaction gaben (Nr. 1) — , 
während mittelst der Anreicherungsmethode in jedem Falle 
noch entwickelungsfähige Vibrionen in mehr oder minder 
grosser Menge nachgewiesen werden konnten. 

Hiermit ist die IJeberlegenheit des Anreicherungsverfahrens 
über das bisher so viel geübte Plattenverfahren und die even- 
tuelle Unzulänglichkeit des letzteren für derartige Unter- 
suchungen, wie die vorliegenden, besiegelt. 

Diese Besultate lassen mir nachträglich noch die Differenzen zwischen 
meinen Besultaten und denen Schumburg's und A. Pfuhl's bei den 
Untersuchungen über die Einwirkung des Bromverfahrens auf Cholera- 
vibrionen im Wasser, welche ich damals^ mit den verschieden grossen 
zum Nachweis derselben benutzten Mengen des bromirten Wassers zu er- 
klären suchte, in anderem Lichte erscheinen. Vielleicht sind es 
damals nicht einzig und allein die verschiedenen Versuchs- 
mengen (1««™ und die ganze zum Versuch benutzte Wassermenge) ge- 
wesen, sondern auch der Unterschied zwischen dem Platten- 
verfahren und der Anreicherungsmethode, welche solche 
grosse Differenzen in' den Besultaten zeitigten. 

Das Ergebniss der letzten Versuche veranlasste mich, nun doch noch- 
mals auf die erste Versuchsreihe zurückzugreifen und den dort schon an- 
gedeuteten Versuch anzustellen, in Wasser, welches nach dem Platten- 
verfahren keimfrei erschien, mittels des Anreicherungsverfahrens noch 
nach entwickelungsfahigen Keimen zu suchen. 

Es wurde genau wie in der ersten Versuchsreihe gearbeitet, und nur 
nach Entnahme der 10«<^°* für die Platten mittels steriler Pipette der 
ganzen übrigen Wassermenge eine sterile, concentrirte Kochsalz-Pepton- 
lösung zugesetzt und dieselbe bei 22® gehalten. Täglich wurden dann 
Gelatineplatten mit je 1*0 nnd 0-1 ^^^^ angelegt und bei 22 ® auf bewahrt 

Wie die Tabelle V zeigt, waren beim Versuch 3 und 4 schon mit dem 
Plattenverfahren entwickelungsfähige Keime nachgewiesen, und konnte 
daher nur noch für Versuch 1 und 2 das Anreicherungsverfahren zum 
Vergleich herangezogen werden. 

Das Resultat stand in völliger Uebereinstimmung mit dem 
der Versuche mit Cholera. 

» Dieie Zeitschrift, Bd. XXXVU. S. 317. 



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394 



Schüder: 



Tabelle V. 



Art des 
Wassers 



Versuchs- 
menge 

Ltter 



Menge der 
zugesetzten 

Htiner- 
m an n 'sehen 
Lösung in ccm 



l 


destillirtcs 

1 


l 


0-4 


2 
3 

4 


Leitung i 

Brunnen j 

Canal | 


l 
1 
1 


0-4 
0«4 
0-4 



Einwirkungs- 
dauer 

Minuten 

10 i 

10 
10 
10 



Zahl der zur 
Entwikelung 
gekommenen 
Colonieen auf 
Gelatineplatte 
jait 10^_ 





Platten nach 
dem An- 

reicherungs- 
verfahren 



fihersät mit 
Colonieen 



Schon die Platten, welche 24 Stunden nach der Anreicherung an- 
gelegt waren, waren nach weiteren 24 Stunden mit Colonieen übersät. 

Das nach dem Plattenverfahren keimfrei erscheinende 
Wasser beherbergte also doch noch entwickelungsfähige Keime. 

Dieses Resultat lässt das an und för sich so günstige der Tabelle I 
denn doch noch in anderem Lichte erscheinen, indem Zweifel, ob bei 
den Versuchen völlige Eeimfreiheit bezw. eine so hochgradige Reduction 
der Keimzahl, wie sie das Plattenverfahren ergeben, in Wirklichkeit er- 
reicht ist, wohl mehr als berechtigt sind. 



3. 

Für die dritte Versuchsreihe dienten Typhusbacillen als Versuchsobject 
Die Versuchsanordnung war die, dass die zu inficirenden Wasserarten 
vorher sorgfaltigst sterilisirt wurden, um später bei der Identificirung der 
gewachsenen Colonieen keine Schwierigkeiten in Folge anderer, aus dem 
Wasser stammender und noch zur Entwickelung gekommener Keime zu 
haben. Das Agglutinationsverfahren mit einem Serum 1 : 100 verdünnt, 
diente zur Erkennung der gewachsenen Typhusbacillen. Zunächst wurde zum 
Nachweis der lebend gebliebenen Typhuskeime nur das Agarplattenverfehren 
mit je 10<^ Wasser angewandt, als aber schon in den Versuchen Nr. 1, 
3 a, 4, 7 u. 8 nur wenige und bei Nr. 6 u. 6 gar keine Typhuscolonieen 
auf den gewöhnlichen Agarplatten zur Entwickelung kamen, wurde bei den 
Versuchen Nr. 9 bis 16 a das Anreicherungsverfahren mittels steriler 
Pepton-Kochsalzlösung bei 37 ® 24 Stunden angewandt und dann erst das 
Plattenverfahren. Zu letzterem wurde ausserdem nicht der gewöhnliche 
Agar benutzt, sondern ein besonderer Nährboden, welcher die Typhus- 
colonieen ganz charakteristisch wachsen lässt ^, so dass dieselben schon 

* üeber denselben wird in nächster Zeit von Stabsarzt Dr. v. Drigalski und 
Pr. Conradi, welchen die Herstellung gelangen, berichtet werden. — Anmerkung 



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Hünebmann'sche Wasserdesinfection. 395 

makroskopisch deutlich von anderen zu unterscheiden sind. Es wurden 
die Untersuchungen dadurch sehr erleichtert, aber trotzdem nicht verab- 
säumt, in jedem Falle auch noch die Agglutinationsprobe zu machen. 

Die Benutzung dieses Nährbodens bot noch den weiteren Vortheil, 
dass in jedem Fall zu sehen war, ob es gelungen war, die Versuche von 
Anfang bis zu Ende steril, d. h. unter Ausschluss aller anderen, als der 
Typhusbakterien durchzuführen. Wie ich gleich bemerken will, ist dies 
unter den 12 Versuchen 11 Mal vollkommen gelungen, und bei der einen 
Ausnahme, waren neben den bei Weitem überwiegenden Typhuscolonieen 
einige wenige andere Colonieen zur Entwickelung gekommen, welche 
wegen ihrer minimalen Anzahl nicht stören konnten. 

Vor dem Anreicherungsverfahren und der Anwendung des besonderen 
Nährbodens wurden zu Vergleichszwecken stets auch noch gewöhnliche 
Agarplatten mit 10<*«°* Wasser angelegt 

Eine üebersicht über die gewonnenen Resultate giebt die nächste 
Tabelle VI. Der Vollständigkeit der Versuche halber sind auch Versuche 
mit filtrirter Culturaufschwemmung hinzugefügt (Nr. 17 bis 20). 

Lässt man bei Betrachtung des Inhalts der Tabelle zunächst die 
letzte Spalte ausser Acht, so würde eine erhebliche Einwirkung 
des Verfahrens auf Typhusbacilllen nicht zu verkennen sein. 
Unter 28 Versuchen waren 9 Mal Typhusbacillen in 10*^ Wasser mittels 
des Platten Verfahrens überhaupt nicht mehr und 11 Mal nur in einzelnen 
Exemplaren nachzuweisen, während 7 Mal, darunter 2 Mal bei filtrirter 
Culturaufschwemmung (Nr. 18 u. 20), noch zahlreiche Typhusbacillen 
lebend geblieben waren. 

Sobald man aber die in der letzten Spalte der Tabelle enthaltenen 
Ergebnisse mit in Rechnung zieht, ändert sich das Bild vollkommen. 
Nach Anwendung des Anreicherungsverfahrens ist unter 16 Ver- 
suchen nicht ein einziges Mal die völlige Vernichtung der 
Typhuskeime gelungen — während es nach dem gewöhnlichen 
Plattenverfahren unter diesen 16 Versuchen 7 Mal der Fall gewesen sein 
sollte — auch dann nicht, wenn zur Einsaat nur eine geringe Menge 
Typhusbacillen (3 Oesen einer Aufschwemmung im Condenswasser der 
Cultur) benutzt worden war. — 

Die Versuche bestätigen, abgesehen von der ungenügenden Wirkung 
des Verfahrens Typhusbacillen gegenüber, ebenso wie die vorher- 
gehenden die Unzulänglichkeit des bisher geübten Platten- 
verfahrens für derartige Untersuchungen. 

bei der Correctnr: Die VeröffeDtlichnng ist inzwischen erfolgt in dieser Zeitschrift. 
Bd. XXXIX. S. 291— 297. 



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396 








Schüdek: 












T 


abelle VI. 










ie 
ge 


Menge der 

Hüner- 

mann'schen 

Lösung 

in ccm 


•Sc 

II 

1-9 


Typhus- 

Colomeenzahl 

auf Agar- 

platten 

mit je 10 *^" 

Wasser 


Typhuscolon. 
auf Platten. 
3. u. 4. Ver- 
dünnung von 
je 0*1 Wasser 
nach dem An- 
reicherungs- 
yerfahren 


1 


destilUrtes 




V4 Cultur 


0*4 


10 


3 


, 


la 


„ 




V4 » 


0*4 


10 


sehr zahlreich 


— 


2 


lieituDg 




Vi » 


0*4 


10 


»f »f 


- 


2a 


f> 


*■ 


v* » 


0-4 


10 


Platte ver- 
dorhen 


— 


3 


Bronnen 




V. » 


0.4 


10 


sehr zahlreich 


— 


Sa 


»» 




V. .. 


0-4 


10 


2 


- 


4 


Canal 




V4 .. 


0-4 


10 


7 


- 


4a 


„ 




% ». 


0*4 


10 


sehr zahlreich 


— 


5 


destillirtes 


1 j lOeseCultur 


0-4 


10 





— 


6 


I^eitung 


1 1 1 „ 


0-4 


10 





- 


7 


Brunnen 


1 1 „ 


0-4 


10 


2 


— 


8 


Canal 




1 .. 


0-4 


10 


1 


— 


9 


destillirtes 


1 ! V, Cultur 

1 


0-4 


10 


2 


üheiBät mit 
Colonieen 


10 


Leitung 


1 V. .. 


0-4 


10 


8 


n 


11 


Brunnen 


1 

* 


V* " 


0-4 


10 


5 


» 


12 


Canal i 1 j 7^ ,. 


0-4 


10 


2 


t» 


18 


destillirtes 


1 


8 Oesen Con- 
dens wasser- 
Aufschwem- 
mung 


0«4 


10 





t» 


13a 


M 


1 


»» 


0-4 


10 





n 


14 


Leitung 


1 




0-4 


10 





t> 


14a 


i> 


1 


t» 


0-4 


10 





»» 


15 


Brunnen 


1 


tt 


0-4 


10 


7 


»» 


15a 


.. ' 1 


»> 


0-4 


10 





9* 


16 


Canal 


1 


„ 


0-4 


10 


sehr zahlreich 


*t 


16a 


1 


»» 


0-4 


10 





M 


17 


destillirtes 1 


V* Cultur 
filtrirt 


0-4 


10 





»» 


18 


Leitung 1 


V« .. 


0-4 


10 


zahlreich 


„ 


19 


Brunnen 1 ^|^ 


0-4 


10 


3 


»» 


20 


Canal 


l 


'U -. 


0-4 


10 


sehr zahlreich 


" 



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HüNEEMANN*SOHE WaSSERDBSINFBCTION. 



397 



In der vierten und letzten Versuchsreihe dienten Ruhrbacillen ^ als 
Versuchsobject. Es wurde in gleicher Weise mit sterilen Materialien ge- 
arbeitet wie bei den Versuchen mit Typhus, und neben dem Platten- 
verfahren das Anreicherungsverfahren mit nachfolgender Benutzung von 
Platten aus einem besonderen Nährboden^ für Ruhrbacillen, sowie der 
Agglutinationsprobe angewendet 

Das Ergebniss war folgendes: 

Tabelle VlI. 



08 



5H 



Art des '^•' 
Wassers 



9 

2 ^ 

^ a 



Zu- 



Cultar- 
meuge 



1 

la 

2 

2a 

3 

da 

4 

4a 



destillirtes 


l 


V« 


Cultur 


t» 


^ 


■/, 


»> 


Leitung 




V« 


„ 


»» 




'/4 


,. 


Brunnen 




'U 


„ 


»» 




V. 


„ 


Canal 




'U 


„ 


" 




V. 


" 



0-4 
0-4 
0-4 
0-4 
0*4 
0-4 
0-4 



10 I 
10 I 
10 

10 ! 

10 I 
10 i 
10 I 



Ruhrcolonieen- 
zahl aufplätten, 

3. Verdünnung 
mit 0*1''"" nach 

dem Anreiche- 

rungsverfahren 

sehr zahlreich 
übersät 



keine 



Das Resultat ist also analog den vorhergehenden Versuchen. Die 
Ruhrbacillen werden nicht mit Sicherheit abgetödtet Trotzdem 
mittels des Plattenverfahrens in 10*^^"* keine mehr nachzuweisen 
waren, ergab das Anreicherungsverfahren unter 8 Malen 7 Mal 
ein positives Resultat. Auf einzelnen Platten waren einige Colonieen 
von Luftkeimen gewachsen. 

Bevor ich das Gesammtresultat meiner Untersuchungen zusammenfasse, 
möchte ich noch eine Erklärung für diese abweichenden Resultate des Platten- 
verfahrens zu geben versuchen. Wie einige Versuche zeigten, in denen auf 
Agarplatten, von einer Aufschwemmung einer Oese Cultur in 1 Liter sterili- 
sirtem Wasser angelegt, nach 24 Stunden bei 37^ ein sehr reichliches W^achs- 
thum der eingesäten Bakterien stattgefunden hatte, kann es sich bei der 
Anwendung des Plattenverfahrens ebenso wenig um eine Schädigung der 
Bakterien auf plasmolytischem Wege durch das Uebertragen aus dem zum 
Versuch dienenden Wasser in dem salzhaltigen Nähragar, wie um eine 
mangelhafte Beschaffenheit des benutzten Nähragars gehandelt haben. 

* VeröiFentlichung hierüber von anderer Seite steht noch bevor. 



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398 Sohüdbr: 

Auch die anerkannt rapide Vermehrung der Bakterien in ihnen zu- 
sagenden Nährböden reicht wohl für eine genügende Erklärung nicht aus. 
Denn wenn sich z. B. bei den Versuchen mit Typhus wirklich in 10 «^ 
nur 2 bis 3 bis 4 noch entwickelungsfahige Keime gefunden hatten, während 
sich nach der Anreicherung auf den Verdünnungen der mit 0-1 ^*" ange- 
legten Platten noch bis 900 Colouieen fanden, so würde das heissen, dass 
eine Vermehrung in 24 Stunden stattgehabt haben musste, die jede Ver- 
stellung eigentlich übersteigt. 

Die am meisten Wahrscheinlichkeit für sich habende Erklärung ist 
mir die, dass das dem Wasser zugesetzte Desinfectionsmittel 
(vielleicht auch im Verein mit dem später zugesetzten Binde- 
mittel) durch Eindringen und Haftenbleiben in den Bakterien- 
hüllen einen Theil derselben zunächst nur in ihrer Ent- 
wickelungsfähigkeit geschädigt hat. Während nun bei der 
Anreicherung im flüssigen, zum weitaus grössten Theil aus 
Wasser bestehenden Nährboden auf endosmotischem Wege 
die Bakterien die sie nur schädigenden Substanzen bald wieder 
abgeben, bleibt dieser Vorgang auf festen Nährböden aus, oder 
geht nur so langsam vor sich, dass eine bleibende Wachsthums- 
hemmung die Folge ist. 

Eine solche Erklärung würde nicht nur mit sämmtlichen Unter- 
suchuugsresultaten im Einklang stehen, sondern durch einzelne der- 
selben noch eine besondere Stütze erfahren, nämlich durch 
alle diejenigen, in denen die Platten steril blieben und das 
Anreicherungs verfahren die ent wickelungsfähig gebliebenen 
Keime nachwies. 

Ganz besonders möchte ich in dieser Beziehung den Versuch Nr. 1 
der Tabelle IV hervorheben. Hier waren nach dem Chlorverfahren 
soviel Choleravibrionen entwickelungsfähig geblieben, dass in 
jedem der 9 Kölbchen, in welche die zum Versuch benutzte 
Wassermenge gethan war, nach der Anreicherung eine ausge- 
sprochene Rothreaction auftrat, während das Plattenverfahren 
vor der Anreicherung, trotzdem 40^*^*" des Wassers, also der 
25. Theil der ganzen Versuchsmenge (in der eine gleichmässige 
Vertheiluug des eingesäten Volumens stattgefunden) und ungefähr die 
Hälfte der in einem der Kölbchen enthaltenen Wassermenge, 
hierzu benutzt waren, nicht einen einzigen noch entwickelungs- 
fähigeu Choleravibrio nachwies! — 

Die Thatsache der Unzuverlässigkeit des Plattenverfahrens 
für den Nachweis der nach Desinfectionsversuchen noch ent- 
wickelungsfähig gebliebeneu Keime überhaupt, wie auch ihrer 



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Hünermann'sche Wasseedesinfbction. 899 

Zahl nach, ist ganz besonders hervorzuheben, weil gerade neuere 
und neueste Arbeiten das Plattenverfahren bei der Prüfung von Des- 
infectionsmitteln wieder in den Vordergrund stellen. 

So sind 1897 Krönig und Paul bei allen ihren so zahlreichen, 
mit Desinfectionsmitteln aller Art angestellten Versuchen^ von den flüssigen 
Nährböden abgegangen und zu einem ganz gleichmässig dargestellten Agar 
übergegangen, weil die flüssigen Nährböden nicht erlaubten, festzustellen, 
wie viele Bakterien nach der Desinfection noch keimfähig geblieben wären. ^ 
Dies erlaubt nun aber, wie meine Versuche feststellen, auch das Agar- 
plattenverfahren nicht, denn ausser den auf den Platten zum Wachsthum 
gekommenen Keimen können sich zweifellos unter den eingeführten viele 
befunden haben, die auf anderen, günstigeren (flüssigen) Nährböden noch 
zur Entwickelung gekommen wären und daher nicht als „entwickelungs- 
unfahig" ohne Weiteres bezeichnet werden können und in den Versuchen 
von Krönig und Paul Platten ohne Wachsthum erhielten, ist damit 
durchaus nicht bewiesen, dass die eingesäten Bakterien überhaupt nicht 
mehr entwickelungsfahig waren. Nebenbei sei noch bemerkt, dass ge- 
nannte Autoren, wohl in Folge des Plattenverfahrens, viel zu kleine Aus- 
saatmengen zum Nachweis eben noch entwickelungsfähiger Keime benutzt 
haben. Auch in einer erst im April v. Js. erschienenen Arbeit: „Entwurf 
zur einheitlichen Werthbestimmung chemischer Desinfectionsmittel mit 
besonderer Berücksichtigung der neuen Theorien der Lösungen" sagt 
Paul*, nachdem er seine und Krönig's Forderung: „Die Zahl der noch 
entwickelungsfahig gebliebenen Bakterien muss nach Ablauf derselben Zeit 
festgestellt werden, aus diesem Grunde können nur feste Nährböden be- 
nutzt werden'*, citirt hat*, dass wir bei Desinfectionsversuchen für quan- 
titative Versuche an der Verwendung fester Nährböden festhalten müssen.*^ 
Er schlägt daher für die Ausführung der einheitlichen Werthbestimmung 
den Agamährboden von gleichmässiger Herstellung vor. 

Ich bin auf Grund meiner Versuche zu der Ueberzeugung 
gekommen, dass wir bisher keine üntersuchungsmethode be- 
sitzen, um die keimschä«iigende Wirkung eines Desinfections- 
mittels quantitativ mit Sicherheit zu bestimmen, — und damit 
wird auch die vergleichsweise Bestimmung unsicher — denn 
das allein für solchen Zweck anwendbare Plattenverfahren ist 



* üeber die Grundlagen der Lehre von Giftwirkung und Desinfection. Diese 
Zeitschrift Bd. XXV. 8.1-112. 

" Menda, S. 16. 

* Zeitschrift für angewandte Chemie. 1901. S. 333 u. 357. 
« Ebenda. S. 837. 

* Ebenda. S. 357. 



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400 Schüdeb: 

nicht zuverlässig genug. Dasselbe erlaubt höchstens von ,,anf 
Agar bezw. Gelatine nicht mehr entwickelungsfähigen Keimen" 
zu sprechen, was für die praktische Anwendbarkeit eines 
Desinfectionsmittels unter Umständen recht wenig bedeuten 
kann, wie meine Versuche zeigen, und ausserdem gestattet das Verfahren 
immer nur verhältnissmässig kleine Materialmengen ohne grössere Schwierig- 
keiten zu durchsuchen. 

Wir können nur mittels Anwendung flüssiger Nährböden, 
Anreicherung, Benutzung grösserer Mengen üntersuchungs- 
materials und dann erst folgendem Plattenverfahren fest- 
stellen, ob ein Desinfectionsmittel alle eingesäten Keime 
entwickelungsunfähig gemacht hat oder nicht, und das bleibt 
für die Beurtheilung des praktischen Werthes solcher Mittel 
stets die Hauptsache. 

Mein Schlussurtheil über das geprüfte Hün ermann' sehe Verfahren 
muss ich dahin zusammenfassen: 

1. Das Verfahren scheint den Keimgehalt eines anch 
stärker verunreinigten und sehr bakterienreichen Wassers 
erheblich herabzusetzen, in einzelnen Fällen dasselbe vielleicht 
auch völlig keimfrei zu machen. 

2. Das Verfahren vernichtet in einzelnen Fällen Cholera- 
keime mit Sicherheit, doch bilden diese Fälle nur die Aus- 
nahme. Häufig findet nur eine sehr erhebliche Verringerung 
der Zahl statt 

3. Typhusbacillen werden nicht sicher vernichtet, wenn 
auch eine gewisse Schädigung derselben in vielen Fällen un- 
verkennbar ist. 

4. Auch filtrirten Culturaufschwemmungen von Cholera- 
und Typhusbakterien gegenüber ist das Verfahren durchaus 
nicht zuverlässig. 

5. Ruhrbacillen werden nicht sicher vernichtet, trotzdem 
dieselben nach den bisherigen Erfahrungen zu den leicht zu 
vernichtenden pathogenen Keimen zu gehören scheinen. 

6. Das Hünermann'scho Verfahren scheint im Ganzen eine 
grössere keimschädigende Wirkung als das Schumburg'sche 
Verfahren mittels Brom auszuüben^ namentlich gegenüber 
den Typhuserregern, auf welche es bei uns in erster Linie 
ankommen würde.^ 

» Auch Bollner {Wiener med. Wochenschrift, 1901, Nr. 31— 83) spricht dem 
(3hlor eine intensivere Wirkung als dem Brom zu, indem er sagt: „in ihrer sterili- 



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Hünebmann'sohe Wassebdbsinteotiok. 401 

Wenn nun auch nach heutigen Anschannngen ein Wasser, welches 
nachweislich noch entwickelnngsfahige Eiankheitseireger enthält, vom Ge- 
nnss and überhaupt vom Gebrauch auszuschliessen ist, so dürfte es doch 
Tielleicht durchaus nicht gleichgültig sein, in welchen Mengen, bezw. in 
wieweit in ihrer Entwickelungsfahigkeit geschädigt pathogene Keime von 
Menschen aufgenommen werden. Das Hünermann'sche Verfahren dürfte 
daher immerhin einen wesentlichen Fortschritt bedeuten und bei einer 
etwa möglichen Vervollkommnung das erstrebenswerthe Ziel einer völligen 
Vernichtung von pathogenen Keimen im Wasser vielleicht ganz erreichen. 
Ob eine längere Einwirkung der Chlorlösung, oder grossen Mengen der- 
selben, oder Beides günstigere Ergebnisse zeitigen würden, müssten 
Versuche lehren. Die praktische Verwendbarkeit des Verfahrens würde 
aber jedenfalls durch die Forderung einer 20 Minuten oder noch länger 
dauernden Einwirkung der Ghlorlösung eine erhebliche Einschränkung 
erfahren, sind doch schon 10 Minuten für solche Zwecke praktisch eine 
recht lange Zeit! 

Die grossen Unterschiede zwischen Hünermann's und meinen 
üntersuchungsresultaten finden ihre Erklärung in der Verschiedenheit 
der angewandten TTntersuchungsmethoden z. Th. wohl auch nebenher 
darin, dass Hün ermann mit filtrirten Culturaufschwemmungen ge- 
arbeitet hat. Hünermann ist wohl bei seinen Untersuchungen ähnlich 
wie 8. Zt Schumburg und A. Pfuhl beim Bromverfahren in erster 
Linie durch die Benutzung viel zu kleiner Mengen des Untersuchungs- 
materials und auch durch die Unzuverlässigkeit des Plattenverfahrens 
irregeführt worden. 

Zum Schlüsse meiner Arbeit möchte ich nun noch kurz die An- 
forderungen präcisiren, welche meiner Ansicht nach bei Untersuchungen, 
wie die vorliegende und ähnlichen an die Untersuchungsmethode gestellt 
werden müssen, um zu einwandsfreien Besultaten zu gelangen. 

1. Das bisher geübte Plattenverfahren (Agar, Grelatine) mit 
festen Nährböden ist nur dann ausschlaggebend, wenn die 
l^latten nieht steril bleiben, bezw. wenn sich auf denselben die 
zu den Versuchen benutzten Keime wiederfinden. Zweck- 
mässig sind Platten mit mindestens 10®«™ des Untersuchungs- 
materials, oder auch mehrere solche. 



sirenden Wirknng erweisen sich also beide Verfahren (Loden, Schamburg) wenn 
auch vielleicht nicht alß gleich werthig , so doch genügend zuverlässig" und „das 
Chlorkalkrerfahren lasst uns als das in bakteriologischer Hinsicht überlegene er- 
scheinen". Allerdings hat Bollner bei seinen vergleichenden Untersuchungen mit 
beiden Verfahren nicht mit Cholera und Typhus gearbeitet 

Zeitaobr t Hyglena XXXiX. 26 



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402 Schübeb: 

2. Bleiben solche Platten nicht steril, so kann die auf 
ihnen zur Entwickelung gekommene Golonieenzahl nicht ohne 
Weiteres zn einem Schluss auf die Menge der vernichteten 
Keime dienen, denn es können solche Platten noch eine grosse 
Anzahl nur geschädigter Keime enthalten, welche unter gün- 
stigeren Bedingungen noch entwickelungsfähig sind; das wirk- 
liche Reductionsyerhältniss ist also nicht zu ermitteln. 

3. Bleiben die Platten mit festen Nährböden steril, so ist 
in jedem Falle a) eine der Eigenart des zum Versuch benutzten 
Bacteriums entsprechende Anreicherungsmethode vor dem 
Plattenverfahren einzuschalten, und b) hierzu, wenn irgend 
möglich, die ganze zum Versuch benutzte bezw. inficirte 
Menge — bei Untersuchungen im grösseren Styl mindestens 
aber ein Quantum von einem oder einigen Litern — zu ver- 
wenden. 

4. Für Untersuchungen mit Choleravibrionen ist ein An- 
reicherungsyerfahren sehr leicht durchzuführen, weil man an- 
statt des nachfolgenden Plattenverfahrens direct die Cholera- 
rothreaction benutzen kann, und daher nicht steril zu arbeiten 
braucht Ein Gontrolversuch hat nur nachzuweisen, dass das 
zu den Versuchen benutzte Wasser keine Bothbildner vonyorn- 
herein enthalten hat 

5. Auch für Typhus- und Ruhrbacillen ist wie bei meinen 
Versuchen ein Anreicherungsverfahren ohne allzu grosse Mühe 
durchzufahren, sobald man unter Ausschluss anderer Keime 
durch Sterilisation des zum Versuch dienenden Wassers u. s. w. 
arbeitet Eine Erleichterung bieten noch beim nachfolgenden 
Plattenverfahren die erwähnten besonderen Nährböden. Zweck- 
mässig dürfte bei der Anreicherung auch hier eine Vertheilung 
der zum Versuch benutzten Wassermenge in eine grössere An- 
zahl kleiner Kölbchen sein, um ein genaueres Urtheil über den 
Effect der Desinfection zu erlangen. 

6. Sollen andere Bakterienarten als Versuchsobjecte dienen, 
so ist sinngemäss zu verfahren. 

7. Jeder Versuch ist zu wiederholen. 

Zuletzt möchte ich noch die Vermuthung aussprechen, dass mög- 
licher Weise einzelne bisher als gute Desinfectionsmittel ange- 
sehene Substanzen, bezw. deren bisher übliche Concentration 
und Einwirkungsdauer sich bei näherer Prüfung nach den so- 
eben aufgestellten Grundsätzen weniger zuverlässig, als bisher 



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Hünebmann'sohe Wabsbbdesinfeotiok. 403 

geglaubt, erweisen könnten, was praktisch unter Umständen 
von weitragender Bedeutung sein würde. Es würden Versuche 
nach dieser Biohtung sich wohl lohnen, so z. B. mit dem im Grossen bei 
der Abwässerreinigung gebrauchten Chlorkalk^, welcher bisher als zuver- 
lässiges Desinfectionsmittel für Trinkwasser gegolten hat und ausserdem 
in neuerer Zeit für die Desinfection mit Typhusbacillen inficirter Bade- 
wässer als leicht erhältliches, billiges, ungefährliches und sicher wirkendes 
Desinfectionsmittel empfohlen ist' 



^ Dunbar-Zirn, Beitrag zur Frage über die Desinfection städtischer Abwässer. 
Bygiemsche BwuUehau. 1899. 8. 406. — Proskaner-Elsner, Ueber die hygie* 
nisohe Untersuchung des KohlebreiTerfahrens zur Beinigong Yon Abwässern auf der 
Kl&rstation in Potsdam. Menda. S. 461. 

* Babücke, CetUralhlaU für Bakteriologie. 1900. Bd. XXII u. XXUL S.800. 



26* 



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Zur „Erwiderung*' von H. Conradi. 

VOB 

Dr. M. Wilde. 

In dem mir soeben zugehenden Hefte dieser Zeitschrift (Bd. XXXVHI, 
Heft 3) unterzieht Conradi meine Arbeit: „TJeber das Verhalten der 
baktericiden Kraft des Eaninohenserums bei der MUzbrandinfection'' ^ 
einer Kritik, welche mich zu einigen Worten der Abwehr nöthigt Den 
Cardinalfehler meiner Versuche erblickt Conradi in den grösseren Ein- 
saatziffem, welche ich bei meinen baktericiden Versuchen anwendete, was 
er als ,,eine bei einer Nachprüfung unzulässige Abweichung von der 
Originalarbeit'' bezeichnet. Da Conradi's eigene Arbeit^ doch auch nur 
eine Nachprüfung der Resultate anderer Forscher in dieser Frage darstellt, 
und er selbst, wie er ausdrücklich hervorhebt, von der Versuchsanordnung 
seiner Vorgänger in vielen Punkten abgewichen ist, so berührt dieser 
Vorwurf in seinem Munde besonders merkwürdig, zumal ich meine 
grösseren Einsaatziffem doch ausführlich motivirt habe: was dem Einen 
recht ist, sollte doch auch dem Anderen billig sein. Sowohl in meiner, 
wie in dem betreffenden Abschnitt von Conradi's Arbeit handelte es 
sich um die Frage, ob das Kaninchenblut durch das massenhafte Ein- 
dringen der Milzbrandbacillen eine Abschwächung bezw. Aufhebung seines 
baktericiden Vermögens erfahrt oder nicht. Conradi kommt auf Grund 
seiner Versuche zu der TTeberzeugung, dass das nicht der Fall ist, wie 
er denn ausdrücklich sagt': Finden wir somit keine quantitativen Unter- 
schiede zwischen den baktericiden Stoffen des Blutes gesunder und kranker 
Thiere"..., und*: „Ohne nun den Resultaten späterer TJntersucher 
vorgreifen zu wollen, welche vielleicht durch neue Methoden eine geringe 
Zu- oder Abnahme der Baktericidie erweisen könnten, legen wir Werth 
darauf, nachdrücklich hervorzuheben, dass bisher bei der Milzbrandinfection 
des Kaninchens keinerlei Abweichung der baktericiden Kraft des Blutes 
von der Norm trotz gegentheiliger Behauptungen sichergestellt ist" Wie 
Conradi da in seiner Erwiderung '^ behaupten kann, durch Fortlassen der 

» DiMe Zeittehrift Bd. XXXVIL S. 476. 

* Baktericidie and Milzbrandinfection. Ebenda. Bd. XXXIV. S. 185. 

* Menda Bd. XXXIV. S. 200. 

* Ebenda. Bd. XXXIV. S. 203. 

» A. a. 0. Bd. XXXVm, S. 418. 



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M. Wilde: Zub „Ebwidbbung" von H. Conbadi. 406 

Worte y^bei kleiner Einsaat^' habe das Citat^ den entgegengesetzten Sinn 
erhalten y ist mir schlechterdings nnverstandlich. Zudem enthält dieser 
Zusatz^ den Conradi bei der Formulinmg seiner Besnltate macht, doch 
eigentlich eine Contradictio in adjecto: entweder ist die baktericide Kraft 
des nach der Infection entzogenen Blutes ungeschwächt, dann muss 
sich das sowohl bei kleiner wie bei grösserer Einsaat von Milzbrand- 
bakterien, wofern dieselbe von dem normalen Serum desselben 
Thieres prompt abgetödtet wird, wie das in meinen Versuchen der 
Fall ist, zeigen; oder das nach der Infection gewonnene Serum kann nur 
mehr eine geringe Menge von Bakterien vernichten, dann ist sein bakteri- 
eides Vermögen eben vermindert Um aber eine solche, vielleicht erst 
geringe, Verminderung der Schutzstoffe festzustellen, darf dann doch die 
Einsaat nicht zu klein sein, sonst wird wie im normalen Serum eine 
völlige Abtödtung eintreten können und so ein unveränderter Bestand an 
Schutzstoffen vorgetäuscht werden, wie das in manchen Versuchen Con- 
radi 's der Fall sein mag. Für mich lag somit gar kein Grund vor, an 
der meines Erachtens fehlerhaften Methodik Conradi's festzuhalten. 
Zum Ueberfluss aber habe ich in zwei Versuchen (IV und VI) kleine 
Einsaaten nach der Vorschrift Conradi's angewendet, doch auch hier 
trat in dem nach der Infection entzogenen Serum sofortige Ver- 
mehrung der eingebrachten Milzbrandbacillen ein, als Zeichen, dass in 
diesen Fällen das Serum sein baktericides Vermögen schon vollständig 
verloren hatte. Um nun grössere Einsaaten mit Sicherheit zu erhalten, 
war ich auf die Verwendung von Culturmatenal angewiesen, was für die 
(Genauigkeit des bakterici4en Versuches seine Vor- und Nachtheile hat, 
worauf ich ja ausdrücklich hingewiesen habe. 

Wenn Conradi dann femer meint, meine Einsaaten seien nicht mit 
der nöthigen Gleichmässigkeit vorgenommen worden, so scheint mir auch 
dieser Vorwurf ungerechtfertigt; Differenzen, wie sie sich in meinen 
Ziffern zeigen, können gelegenflich sogar bei den für baktericide Ver- 
suche geeigneten Bakterien, wie Cholera- oder TyP^^^^^^®^; vorkommen, 
bei den durch ihre Wachsthumseigenthümlichkeiten für derartige Unter- 
suchungen aber ganz ungeeigneten Milzbrandbakterien können sie nicht über- 
raschen; auch in Conradi's Tabellen würden solche Unregelmässigkeiten 
in den Einsaatziffem wohl kaum fehlen, wenn er sich bemüssigt gefühlt 
hätte, die Einsaatziffem in die Röhrchen mit dem normalen und demnach der 



^ Der betreffende Passus meiner Arbeit lautete: Um aber seine Behauptung: 
,,da8s, wenn die Milzbrandbaoillen sich des Kreislaufs bemächtigt haben, die bak- 
tericide Kraft. . . (hier fehlen die Worte: ,,bei kleiner Einsaat") ungeschwächt 
fortbesteht" zu beweisen, hätte Conradi in seiner zweiten Periode der Milzbrand- 
infection wiederholte Blutentnehungen vomehmen müssen. 



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406 M. Wilde: Zub ,,Eswidsbukg'^ von H. Conbabi. 

Infection entzogenen Blutsenun überhaupt anzugeben; so fehlt dem Leser jede 
Controle in den meisten seiner Yersnche, ob überhaupt milzbrandbaoillen- 
haltiges Material in die betreffenden Böhrchen hineingelangte. — Nur in 
einer Ausstellung hat Conradi Recht; in der Tabelle zu Versuch VI fehlt 
in der Columne „nach drei Stunden'^ hinter der Zahl 1792 eine Null; 
Versuch VI und Versuch Vlll fanden gleichzeitig statt und so benutzte 
ich zur Feststellung der relativen Einsaat dasselbe Böhrchen mit 24 Stunden 
inactivirtem Serum, weshalb die betreffenden Zahlen natürlich identisch 
sein müssen. 

Dass ich in einigen Versuchen (ü und IV) nur unvollständig inacti- 
virtes Serum als Controle verwendete, lag in äusseren Gründen; in Ver- 
such m erwies sich das ^/a Stunde, in Versuch V und IX das 3 Stunden 
auf 57 ^ erwärmte Serum schon als vollständig oder doch nahezu voll- 
ständig inactiv für Milzbrandbakterien, wie die fortschreitende Vermehrung 
in dem betreffenden Böhrchen doch deutlich zeigt; ich glaube somit nicht, 
dass dadurch die Zuverlässigkeit der Besultate dieser Versuche irgendwie 
beeinträchtigt wird. 

Da die weiteren Ausführungen Conradi's kein neues Material in 
unserer Frage bringen, sondern nur etwas modificirte Wiederholungen 
seiner früheren Behauptungen, so glaube ich, den Leser bezüglich derselben 
auf meine Arbeit verweisen zu dürfen. Nach meinen Erfeüirungen sind 
die vor der Agone in dem Blute der Thiere gelegentlich auftretenden 
Milzbrandbacillen viel zu gering an Zahl, um eine merkbare Verminderung 
der Schutzstoffe hervorrufen zu könneui so dass zu dieser Zeit entzogene 
Blutproben noch keine Abweichungen von der Norm zeigen; erst in der 
Agone erfolgt die Abnahme bezw. Aufhebung der baktericiden Kraft des 
Blutes in Folge des jetzt erst eintretenden massenhaften Eindringens der 
Bakterien in die Blutbahn. Was letzteren Punkt angeht, so bin ich über 
den jetzigen Widerspruch Conradi's um so mehr erstaunt, als unsere 
Beobachtungen darüber völlig übereinzustimmen schienen, wenigstens 
theilte uns Conradi, wie ich das schon in meiner Arbeit erwähnte, bei 
Gelegenheit der IJebersendung des von ihm benutzten Milzbrandstammes 
wörtlich Folgendes mit: „Hervorzuheben ist, dass die Einwanderung der 
Milzbrandbakterien in's Blut erst in der Agone (diese Worte sind im 
Original unterstrichen) erfolgt.'^ Damit vergleiche man nun die Behaup- 
tung seiner Erwiderung: „Das Eindringen der Bakterien in die Blut- 
bahn erfolgt somit nicht in der Agone, sondern schon vorher.** 
Ein Autor, der in seinen eigenen Angaben so widersprechend ist, sollte 
doch in der Kritik fremder Arbeiten etwas vorsichtiger sein. 

München, 10. December 1901. 



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[Aus dem hygienischen Institut der Universität Zürich.] 

Beitrag 
zur Züchtung nnd zur Biologie des Tuberkelbacillus. 

Von 
Hilarius Menzi, 

•hmiftUgMn Aififtentan des Initttatot. 



Die Veranlassung zu meiner Arbeit bildete eine Publication von 
Med.-Bath Dr. W. Hesse in dieser Zeitschrift, betitelt: „Ein neues Ver- 
fahren zur Züchtung des Tuberkelbacillus^'. 

In dieser Arbeit theilt der Verfasser Resultate mit, die er mit seinem 
neuen Nährboden gewonnen, und auf dem sich die Tuberkelbacillen mit 
einer bisher nicht gekannten Schnelligkeit entwickeln sollen. 

Als bereits feststehende Ergebnisse werden erwähnt: 

1. Jedes tuberkelbacillenhaltige Sputum enthalt lebende und ver- 
mehrungsfähige Tuberkelbacillen. 

2. In jedem tuberkelbacillenhaltigen Sputum können mittels des 
neuen Verfahrens in kurzer Zeit die Eoch'schen Bacillen nachweisbar 
zur Vermehrung gebracht werden. 

3. Nach der Ansicht des Verfassers soll das neue Verfahren in vielen 
Fällen dem Thierversuch überlegen sein und denselben vielfach ersetzen 
können. 

Endlich ist Hesse der Ansicht, dass sich noch manches Neue über 
den Tuberkelbacillus mittels seiner Züchtungsmethode werde finden lassen. 

Hier mag der Vollständigkeit halber noch die Zusammensetzung des 
neuen Nährbodens gegeben sein, im Uebrigen verweise ich auf die citirte 
Originalarbeit 



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J> 



408 HiLABiüS Menzi: 

Nährstoff Heyden • 6 < 

Kochsalz 5 

Glycerin 30 „ 

Agar 10 „ 

Normallösung von Eiystallsoda .... 5 ,, 

Destillirtes Wasser 1000 „ 

Man ersieht also, dass es sich um einen Agarnährboden handelt, 
dem aber noch Nährstoff Heyden zugesetzt ist. 

Wohl seit der Entdeckung des Koch' sehen Bacillus hat dessen 
langsames Wachsthum auf den üblichen Nährböden mit als ein charak- 
teristisches Merkmal für denselben gegolten. Noch in der neuesten Zeit 
ist dieses Merkmal sehr in den Vordergrund gestellt worden, seitdem wir 
aus den Arbeiten von Möller, Rabinowitsch, Tobler, Korn, Petri, 
Hermann und Morgenroth und Anderer wissen, dass die Säurefestig- 
keit, d. h. die Eigenschaft, einmal angenommene Anilinfarbstoffe selbst 
bei mehrminutigem Verweilen in 20 prozentiger Salpetersäure nicht wieder 
abzugeben, nicht ein allein dem Tuberkelbacillus zukommendes Verhalten 
ist, sondern dass er dasselbe mit noch einer ganzen Gruppe von Bacillen 
theilt. Ihre Resistenz gegen Säuren ist zwar ungleich und speciell der 
bei Untersuchungen von Urinsedimenten in Frage konunende Smegma- 
bacülus lässt sich vom Koch 'sehen bei tüchtiger Entfärbung sehr wohl 
differenziren, dagegen kommen in der Milch solche säurefeste Bacillen 
vor, die nicht nur tinctoriell sich ganz analog dem Tuberkelbacillus ver- 
halten, sondern die sogar im Thierexperiment durchaus ähnliche patho- 
logische Veränderungen zu Stande bringen. Das einzige charakteristische 
Unterscheidungszeichen blieb immer das, dass die „Pseudotuberkelbadllen^^ 
zur Entwickelung von ansehnlichen Culturen nur Tage brauchen, die 
echten Tuberkelbacillen hingegen ebenso viele Wochen. 

Andererseits empfindet dieses schlechte Wachsthum jeder, der sich 
mit Tuberculoseuntersuchungen zu befassen hat, sehr unangenehm, denn 
in allen Fällen, wo wir in directen Ausstrichpräparaten die Bacillen nicht 
nachweisen können, aber wahrscheinlich doch ein phthisischer Process vor- 
liegt, bleibt uns als Befugium nur noch der Thierversuch, wofür ja be- 
kanntlich das Meerschweinchen sich sehr gut eignet Immerhin ist der 
Nachtheil, dass wir von demselben erst nach mehreren Wochen ein Re- 
sultat erhalten können, gar nicht zu unterschätzen. 

Wenn wir uns nach der Ursache fragen, warum denn bis jetzt in 
der Diagnostik der Tuberculose das Culturverfahren noch gar keine Rolle 
spielt, so ist dieselbe die, dass wir bis jetzt noch keinen electiven Nähr- 
boden besitzen, d. h. keinen solchen, auf dem entweder der Tuberkel- 



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BEiTBAa zuB Züchtung u. zur Biologie d. Tubekkelbacillus. 409 

bacillns sich so rasch wie die Begleitmikroorganismen entwickelt, oder auf 
dem die letzteren in ihrem Wachstham so lange zurückgehalten wurden, 
his wir deutlich sichtbare Colonieen des ersteren erkennen können. 

Diese Lücke nun schien der neue Agar ersetzen zu sollen, und nach 
den vorausgeschickten Erörterungen konnte es nicht Wunder nehmen, 
dass sich bald mehrere und selbst bedeutende bakteriologische Forscher 
mit der Nachprüfung und dem weiteren Ausbau der Hesse'schen Ent- 
deckung befassten. 

Ich will die bis zur Veröffentlichung meiner Resultate erschienenen 
Arbeiten, so weit sie mir wenigstens bekannt sind, kurz erwähnen. 

So lieferte Jochman^ bald nach dem Erscheinen der Hesse'schen 
Publication eine Arbeit, die im Allgemeinen jene bestätigte. Er empfand 
es aber unangenehm, dass bei dem Verfahren mittels Platten immer 
nur wenig Sputum verwendet werden konnte, und femer wünschte er 
einen bedeutenderen Agarzusatz, um wenigstens ein festeres Nährsubstrat 
zu erzielen, als es die ursprüngliche Zusanunensetzung bildet. Er empfahl 
dann aber, den Agar lieber ganz bei Seite zu lassen und grössere Mengen 
des zu untersuchenden Mediums in die mit Nährstoff Heyden versetzte 
Bouillon, denn eine solche war es nach Weglassen des Agarzusatzes, zu 
verimpfen und in diesem Gremisch dann die Tuberkelbacillen sich 24 bis 
48 Stunden im Brütschrank vermehren lassen. Auf diese Weise glaubt 
Jochmann, dass es hierund da gelingen dürfte, die Tuberkelbacillen zu 
finden, wo die directe mikroskopische Untersuchung nicht genügt, zumal, 
wenn mit diesem neuen Verfahren noch das alte van Ketersche 
Sedimentiruugsverfahren combinirt wurde. Für ihn selbst ist die com- 
binirte Methode in einigen Fällen von Erfolg gekrönt gewesen. 

Auch Römer lieferte eine Arbeit, in der er die Vermehrung der 
Eoch'schen Bacillen in der von Hesse angegebenen Weise constatirt, 
nur hat er die Vermehrung nicht gleichmässig beobachten können; neben 
deutlicher Vermehrung fand er immer solche Formen, die einzeln ge- 
blieben sind, kurz, ja sogar verkümmert aussehen. Seiner Meinung nach 
handelt es sich da um abgestorbene Individuen und kann er darum 
Hesse nicht beipflichten, der die meisten Bacillen des Sputums für 
lebensfähig hält. Er kommt zum Schlüsse, dass nicht der von Hesse 
empfohlene Zusatz von Nährstoff Hejden, sondern der mit den Bacillen 
auf den Agar verimpfte Schleim das eigentlich wachsthumfördernde 
Agens ist. 

Dann veröffentlichte Ficke r die Resultate eingehender Untersuchungen, 
der die Vermehrung der Tuberkelbacillen immer dann beobachtete, wenn 
er sie mit Auswurf auf Hesse-Agarplatten verimpfte, dagegen war ihm 
das misslungen, wenn er es mit Reinculturen versuchte. Er konnte eine 



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410 HiLABius Mekzi: 

ähnliche, wenn auch etwas geringere Vermehrung der Tnberkelbacillen 
des Sputums beim Yerimpfen auf gewöhnlichen Glycerin-Agar constatiren. 
Das ist diesem Verfasser nun auch der Beweis, dass das verimpfte Sputum 
das wachsthumbefordemde Mittel ist. (Ich werde später Gelegenheit 
haben, auf diese Frage noch zurückzukommen.) Von dieser Ansicht aus- 
gehend construirte er dann Sputumnährböden, und da ihn auch diese 
noch nicht zu befriedigen schienen, noch eine ganze Reihe anderer; ich 
erwähne nur seine sauren Eartoffelnährböden, dann solche, denen 
Proskauer'sche Salze zugesetzt waren, und endlich die am meisten em- 
pfohlenen Gehimnährböden. Zur Anfertigung letzterer wird entweder 
das Oehim in Scheiben geschnitten und diese verwendet, oder aber es 
wird zerdrücktes und fein zerriebenes Gehirn Agar zugesetzt, wodurch 
man eine opake Masse erhält, die er Gehimagar nennt. Eine grosse 
Bedeutung schreibt er der sauren Beaction der Nährböden zu, während 
wir es beim Hesse 'sehen Agar mit einem alkalischen Nährsubstrat zq 
thun haben. 

Einer Arbeit von C. Fränkel muss ich endlich noch kurz gedenken. 
Ihm ist es, wie übrigens auch Vagedes und Anderen schon früher hier 
und da gelungen, ohne Thierpassage Beinculturen von TuberkelbaciUen 
zu gewinnen, aber immer nur dann, wenn es sich um äusserst bacillen- 
reiche Medien handelte, in denen zudem nur sehr spärliche Begleit- 
mikroorganismen vorhanden waren. Für die Züchtung von Beinculturen 
in der gewöhnlichen Weise stellt dieser Autor den neuen Nährboden etwa 
auf gleiche Stufe mit dem Glycerinagar, aber unter das Glycerinserum. 
Auch er bestätigt Hesse 's Angaben über die Anreicherung der Bacillen 
des Sputums und anerkennt auch den wachsthumhemmenden Einfluss 
des neuen Nährbodens auf Begleitmikroorganismen. Wie Ficker schreibt 
auch er dem Schleim eine erhebliche Bedeutung für das Wachsthum der 
Koch' sehen Bacillen zu, im Gegensatz zu diesem aber hält er die saure 
Beaction der Nährböden nicht ohne Weiteres für günstig. 

Wenn wir aus all diesen Arbeiten das Facit ziehen, so müssen wir 
sagen, dass alle den ersten und zweiten Schlusssatz der Hesse'schen 
Arbeit mehr oder weniger bestätigen, gerade aber über den dritten Punkt, 
über die Frage der Ueberlegenheit des Thierversuches, welche doch gewiss 
die bedeutsamste wäre, haben sich die genannten Verfasser ganz still- 
schweigend verhalten. Keiner, ausser vielleicht Ficker, ist wesentlich 
weiter gekommen als Hesse selbst Darin liegt gewiss etwas Ent- 
muthigeudes, aber ich habe es mir doch nicht nehmen lassen, meine 
eigenen Untersuchungen bis zum Schlüsse durchzuführen, und wenn diese 
auch selten den gewünschten Erfolg hatten, dürfte sich aus ihnen doch 
einiges Brauchbare ergeben. Auch einige nur indirect zum Hauptthema 



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BEITBAa ZÜB ZüCHTUNa U. ZÜB BlOLOOIE D. TUBEBKELBAOILLUS. 411 

gehöienden Fragen betreffs das morphologische Verhalten des Tuberkel- 
baoillaSy zu prüfen, bot sich mir Gelegenheit. 

Wie die anderen Verfasser habe ich einerseits das Wachsthom der 
Bacillen im Spatmn, Urinsediment n.s.w.y andererseits dasjenige von Bein- 
cnltoren yerfolgt, dann aber habe ich noch unter den verschiedensten 
Bedingungen Virulenzprüfungen an Meerschweinchen gemacht. 

Hesse empfahl in seiner Arbeit, sich das phthisische Sputum selber 
direct in eine sterile Schale (am besten eine Petri'sche Doppelschale) 
spucken zu lassen und unmittelbar nachher die Venmpfung auf Platten 
Torzunehmen. Ich habe diesen Bath absichtlich nicht immer befolgt, 
um mir ein IJrtheil zu bilden, wie sich Sputa, die schon einige Zeit ge- 
standen hatten, gegenüber dem neuen Nährsubstrat verhielten. In bakterio- 
logischen Instituten erhält man ja auch die zur Untersuchung eingelieferten 
Sputa in den seltensten Fällen ganz frisch. 

Was die Technik des Verimpfens von Schleim auf die Platten an- 
langt, so habe ich im Wesentiichen die von Hesse empfohlene Methode 
befolgt, nämlich die Platten vor dem Gebrauch gut abkühlen und er- 
starren lassen, da der Agar seines grossen Wassergehaltes wegen sehr 
weich ist. Ob das Bestreichen der Platte in radiärer, kreisförmiger oder 
spiraliger Form geschieht, ist natürlich völlig gleichgültig. Wenn das 
Bestreichen der Nährbodenoberfläche etwas vorsichtig, z. B. mit einem 
sterilen Wattebäuschchen vorgenommen wird, so wird dabei der Agar 
nicht zerrissen, und die von Jochmann empfohlene grössere Zugabe von 
Agar erweist sich als überflüssig. Ich halte dieselbe sogar für schädlich, 
da mir die Bacillen auf dem von Hesse empfohlenen Substrat stets besser 
gediehen, wohl weil diese Platten nicht so leicht eintrocknen. In Folge 
dessen sind auch bei diesem die Klatschpräparate immer viel schöner aus- 
gefallen. Unnöthig habe ich das von Hesse empfohlene Aufdrücken der 
Deckgläschen mit einem sterilisirten Böhrchen gefunden, es genügt völlig, 
das steriUsirte Deckgläschen mit der vorher erhitzten Zange zu fassen 
und es zuerst nur mit einer Kante den Nährboden berühren zu lassen. 
Es haftet dann sofort und braucht nur noch auf die Fläche umgedrückt 
zu werden. Man kann in dieser Weise jeden beliebigen Punkt einstellen 
und hat den Vortheil, nicht zwei Instrumente verwenden zu müssen. 
Gleich nachdem man die Lamelle auf die Platte aufgedrückt hat, braucht 
man sie nur sorgfaltig wieder abzuhebein, sie trocknen zu lassen, und 
das Klatschpräparat ist zur Färbung und nachherigen Untersuchung fertig. 
Die Platten habe ich die ersten 3 bis 4 Tage in gewöhnlicher Weise 
in den Brütschrank gestellt und erst dann mit Gummibändern vor weiterer 
Austrocknung geschützt. Wenn man sie nämlich schon zu Anfang dichtet, 
so bildet sich immer eine grosse Menge Condenswasser, wodurch die 



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412 Htlabiüs Menzi: 

Platten allznleicht mit Schimmeln inficirt werden, die auf Heese-Agar 
vorzüglich gedeihen. 

In dieser Weise nun habe ich die Platten immer mehrere Tage ver- 
folgt and auch stets die Vermehrung der Tnberkelbacillen beobachtet 
Nach 24 Stunden waren immer viel mehr gedoppelte Bacillen als im 
directen Ausstrichpraparat, das natürlich stets angefertigt wurde. Erst 
die folgenden Tage jedoch kam es zu einem bedeutenderen Auswachsen 
der Bacillen. Erst allmählich bildeten sich kleine Bakterienzöpfe, die 
ihrerseits wiederum gewundene, ährenformige Ausläufer entsendeten , so 
dass man nach 4 bis 6 Tagen die zierlichsten mikroskopischen Bilder 
bekam. Aber mehr, als es bisher geschehen, muss betont werden, dass 
es sich nur um mikroskopisch kleine Colonieen handelte; mit blossem 
Auge ist es mir nie gelungen, Colonieen Koch' scher Bacillen von den 
nach einigen Tagen sich dort deutlich bemerkbar machenden Begleitmikro- 
organismen zu differenziren. Auch in den Elatschpräparaten waren im 
Verlauf einiger Tage die Kokken, meist Staphylokokken oder Bakterien, 
wie Coli, Proteus u. s. w. so vermehrt, dass sie gewissermaassen das Meer 
bildeten, aus dem die Koch 'sehen Bacillen doch nur wie kleine Eilande 
hervorragten. Je bacillenreicher die verwendeten Untersuchungsmaterialien 
(Sputum oder Urin) waren und je frischer sie zur Verarbeitung gelangten, 
desto schöner wurden die Tuberkelbacillencolonieen. Sputa, die schon 
etwas älter waren, erwiesen sich für die Verimpfung auf Platten völlig 
ungeeignet. Dies bedeutete aber, selbst wenn das Verfahren sonst sich 
für die Tuberculosediagnostik bewährt hatte, einen grossen Nachtheil, 
denn der praktische Arzt ist selten in der Lage, solche Untersuchungen 
selbst machen zu können, bis aber Sputum an eine bakteriologische Central- 
stelle eingesandt ist, vergehen immer im besten Falle viele Stunden. VP^ohl 
könnte man zur Verpackung ein steriles Geföss verwenden, wie man es 
für die Diphtherieuntersuchungen ja auch benüzt, aber die Vermehrung 
der im Sputum schon vorhandenen Bacillen liesse sich nur durch compli- 
cirtere Methoden (Eisverpackung u. s. w.) hindern. 

Bei der Verwendung frischen Auswurfes nun war die geringe Wuche- 
rung der Begleitmikroorganismen in den ersten 2 bis 3 Tagen auf Hesse- 
Agar eclatant und hierin nimmt er eine ganz besondere Stellung ein vor 
den sonst in Frage kommenden Nährsubstraten. 

Auf gewöhnlichem Glycerin-Agar werden in 2 bis 3 Tagen Colonieen 
von Staphylokokken, Proteus, Bacterium coli u. s. w. bedeutend üppiger, 
Rinderblutserum wird gänzlich überwuchert und ebenso die von Ficker 
empfohlene Mischung von Himcolatur und Agar. 

Hierin liegt überhaupt das wesentlich Neue und Interessante der 
Entdeckung Hesse' s, dass wir nun einen Nährboden besitzen, auf dem 



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Bettbag zub Züchtung ü. zub Biologie d. TitbebeblbaciiiLus. 418 

wir einige Tage das Wachsthom der aus den menschlichen Organen 
(Lnnge, Niere, Blase u. s. w.) stammenden Tuberkelbacillen genau Ter- 
folgen können. Der Nährboden besitzt eben einen ausgesprochen hem- 
menden Einfluss auf die Begleitmikroorganismen des frischen Sputums 
und Urins. Darum braucht auch die Vermehrung der Koch 'sehen 
Bacillen nicht einmal eine eminent rasche zu sein. 

Was die Bolle des Schleims anlangt, so ist er jedenfalls das Mittel, 
mit dem wir gute und zuverlässige Elatschpräparate erhalten können, 
mit ihm bringen wir die Bacillen auf die Platte und gewinnen sie wieder 
in gleicher Weise zurück auf das Deckglas. Wenn wir von ßeinculturen 
Elatschpräparate anfertigen, so fallen dieselben stets so aus, dass sie 
kein getreues Abbild der Vorgänge auf der Platte sind, denn es entzieht 
sich in diesem Falle jeder Schätzung, wie viel am Deckgläschen haften 
blieb, wie viel man auf der Platte zurückliess. Ich habe diese meine An- 
sicht über die Bolle des Schleims noch dadurch zu stützen vermocht, dass 
ich Bacillen mit gut gekoch